Skip to main content

Full text of "Das Königreich Serbien und das Serbenvolk"

See other formats


HANDBOUND 
AT THE 



LINIVERSITY OF 
TORONTO PRESS 



7 /j 



SERBIEN UND DAS SERBENVOLK 




yi 



io;()5 



•1 



M'lo\<A'it\ly 



MARX r/--OLY 
KÖZG/ r :GYETB4 

1 



FELIX KANITZ^^E^^^^^^"^ 



(/ 




%-m 



Das Königreich Serbien 



und 



das Serbenvoli< 



von der Römerzeit bis zur Gegenwart 



Zweiter Band: Land und Bevölkerung 



UurcligeselicM und ergänzt 



BOGOLJUB JOVANOViC 

Oirektor des Künigl. Serbischen Statistischen Landcsamtes a. L). 








LEIPZIG 
VERLAG VON BERNHARD MEYER 

1909. 



II6T}^ 



'■niFi 



3 / 7 




■ 


1 


K 




^^^r ^ 


ft 




'^^1 




h' 


M 


'^^^^^^H 




/ 






^^M'äk 




Ij^^H 




Hl 


i 


1 





Kronprinz AIcxümcIlt vhii Suiincri 



Alle Rechte vorbehalten. 



Vorwort. 



Fünf lahrc nuL-li Erscheinen des von der wissenschaftlichen Kritik wie \on 
dem j^rossen Publikum so beifällig aufgenommenen ersten Bandes \on 
Kanitz' „Serbien" erscheint nunmehr der zweite in der gleichen Ausstattung 
und annähernd demselben Umfange. 

Die Ursache der Verspätung, die der Ergänzung des reichhaltigen Ma- 
terials nur zugute kam, lag in erster Linie in dem unerwarteten Hinscheiden 
des verehrten Herrn Verfassers. 

Infolgedessen betraute der Verlag den Unterzeichneten mit der Heraus- 
gabe dieses und des binnen kurzem folgenden Schluss-Bandes. 

Meine Aufgabe hierbei war vor allem die, eine tunlichste Gleichmässigkeit 
und Korrektheit in der Wiedergabe der serbischen Gebirgs-, Fluss- und Orts- 
namen herzustellen, um so die Zuverlässigkeit des Werkes für die wissen- 
schaftliche Forschung zu erhiihen; die Fassung der geographischen Bezeich- 
nungen darf letzt als authentisch gelten. Ferner ergänzte ich hier — und noch 
mehr im Manuskripte des dritten Bandes — die statistischen Angaben des ver- 
ewigten Verfassers nach Möglichkeit durch neuere Daten. An dem übrigen 
Texte wesentliche Aenderungen vorzunehmen fühlte ich mich trotz manchen 
\ erlockenden Anlasses aus Gründen der Pietät nicht bewogen, obwohl ich 
überzeugt war, dass der Autor selbst wohl hie und da einige Aenderungen 
vorgenommen haben würde, wenn es ihm vergimnt gewesen wäre, die Druck- 
legung dieses Bandes zu erleben. 

Das ungemein reiche, vielfach hier erstmalig an die Oeffentliehkeit ge- 
langende geographische, \ölkerkundliche, kulturhistorische, \ nlkswirtschaftlich- 
statistische sow ie alt- und neugeschichtliche, antiquarische und kunsthistorische 
Material ist wiederum auf 18 Kapitel verteilt. 

Vornehmlich wertvoll für den Geographen dürften die Kapitel Vi bis XI 
sein. Sie behandeln ausführlich die vier „neuen Kreise" Nis, Pirot, Vranja 
und Toplica, die nach den Beschlüssen des Berliner Kongresses 1878 an 



VIII 



X'nrwnrt. 



Serbien kamen und lange Zeit — für die auswärtige Forschung zum Teil 
noch bis auf unsere Tage — eine terra incognita fast in jeder Beziehung 

bildeten. 

Mit nicht minderem Interesse wird der l.eser im XII. Kapitel den Ver- 
fasser durch das Timok gebiet begleiten, das im serbisch-türkischen Kriege 
1876—77 \on den Türken erst nach schweren Verlusten besetzt werden konnte, 
und im Xlll. bis XVI. Kapitel sich an den wertvollen Resultaten der Forschungs- 
reisen durch die Crna Reka und die Krajina erfreuen, jene Bezirke, die 
den Türken im serbischen Befreiungskriege durch den in Volksliedern hoch- 
gefeierten, später in dem Unglücksjahre 1813 bei Negotins Verteidigung 
gefallenen Hajduk Veljko entrissen wurden. 

Lieberall hat der Verfasser neben dem geographisch-historischen Moment 
mit liebevollem Verständnis die Volksseele studiert und mit volkswirtschaft- 
lichem Scharfblick die reichen Schätze aufgewiesen, die in Volk und Land 
noch einer grossen Entwicklung und umsichtigen Verwertung entgegenharren. 

Zahllos sind seine Verbesserungen altvererbter Irrtümer auf allen 
Gebieten, nicht zuletzt hinsichtlich der Ueberreste aus römischer Vorzeit. 
Mit einem wahren Falkenauge hat er hier Römerstrassen und Römerkastelle 
aufgespürt, bei deren Festlegung andere Forscher \on Ruf ratlos im Dunkeln 
tappten oder verzweifelnd die Arbeit aufgaben. 

Ganz besonders wohltuend wird jeden Leser neben der lichtvollen, 
plastischen Darstellungsgabe unseres Autors seine — bei einem Gelehrten 
von der Gediegenheit eines Felix Kanitz allerdings nahezu selbstverständliche 
— Objekti\ität in der Vorführung und Beurteilung aller Verhältnisse und 
Ereignisse berühren. 

Wenn aber ein solcher unparteiischer Grosser im Reiche der Forschung 
es offen bekennt (vergl. das Vorwort zum ersten Bande), dass diese Ergebnisse 
seiner mühevollen Arbeiten dem Serbenvolke zur Ehre gereichen werden, 
so darf die heute in ihrer Volkskraft noch immer nicht voll gewürdigte serbische 
Nation auf das gediegene Werk ebenso stolz sein wie die Wissenschaft, deren 
verschiedenartigste Gebiete es in willkommenster Weise und vollkommenstem 
Masse zu bereichern geeignet und berufen ist! 

Belgrad, am 19. Jänner 1909. 

Bogoljub Jovanovic 

Direktor des Kgl. Serbischen Statistischen Landesamts a. D. 



Die serbo- kroatischen Schriftzeichen lauten im Text, in den Bilder -Erklärungen, 
Plänen und Karten: 

c = . . deutsches z 

e = tj 

e = tsch 

h = „ ch 

V = . „ w 

ä = „ seh 

s = .... scharfes „ s 

z = weiches , s 

i = französisches i 



II. 



Land und Bevölkerung. 





^. 






Serbische Kircliweili. 



Von Cacak über Kraljevo, Zica 

nach Studenica. 



AUF nieineni Prüjfranim stand das Bereisen des stark {^ebir^igen und 
^^ deshalb weni^ bevölkerten Cacaker Kreises. Sein Priifekt zeigte grosses 
Verständnis für meine Aufgabe und dankenswerten Eifer, sie müglichst zu 
erleichtern. Fir gestattete seinem Ingenieur Klinar, mich zu begleiten, und den 
Bezirkskapetanen band er schriftlich die Sorge für mein sicheres Fortkommen auf 
die Seele. Unsere Gesellschaft vergrösserte der tüchtige Belgrader Oberingenieur 
Zermann, den eine kommissarische Verhandlung gleichfalls nach Raska, an die 
türkische Grenze, führte. 

Zunächst ging es nach dem 6 St. fernen Karanovac, das im Jahre 1882 
seinen alten Namen mit dem stolzeren „Kraljevo" (Königsstadt) vertauschte. 
Der Weg zieht SO. durch wohlhabende Dörfer, prächtige Fichenwaldungen und 
über diluviales Hochland, das reizende Blicke auf das westlich vom Kablar, Ovcar 
und der Jelica, gegen 0. vom Kotlenik und den Rudniker Bergen umsäumte 
Moravatal gestattet. 

F KAMTZ, Serbien. U. 1 



2 \on Cacak über Kraljevo, Zica nach Studenica. 

Rechts vom Wege bleibt das Kirchlein „Maria Verkündigung" des Dorfes 
Trnava, bei dem alte Waffen. Morgensterne, Pfeilspitzen usw. gefunden wurden. 
Zur Zeit des serbischen Freiheitskampfes war es ein Kloster und Mittelpunkt 
des Hadzi Prodanscheii Aufstandes (1. Bd., S. 586) gegen den Aluselim Latif Aga. 
Ein anderer alter Bau im südwestlicheren Jezevica wird dem Ban Milutin, 
einem Zeitgenossen des Zaren Dusan, zugeschrieben; er mahnt im Grundriss 
an die geschilderte Kablarkirche Sv. Blagovestenje (1. Bd., S. 525). Auch 
Zablace, das eine neue Kirche hart an der Strasse ziert, ist interessant durch 
den in Serbien einzigen Bernstein und durchlöcherte Kügelchen, die, aneinander 
gereiht, den Hals oder Arm einer prähistorischen Schonen schmückten; jetzt im 
Belgrader Museum. 

Vor Samaila (250 m) erscheinen in weitgedehnter Linie SW. der scharf- 
gezackte dreigipfeligeTroglav (1221 m) und die gerundeten 1649 m hohen Kuppen 
der Cemerno mit prächtigen Weiden, welche der Staat verpachtet. Gegen S. 
dominieren die Graphit bergenden Stolovi (1443 m), über die südlichere 1415 m 
hohe Studena ragt fern derKopaonik auf, und sanft abdachende, bis zur Strasse 
mit frischgrünem Laubwald bedeckte Höhen bilden den anmutigen Vorgrund. Wir 
kreuzten die Vrdilska Reka (Fluss), an deren Oberlauf Sava Sretenovic, der treffliche 
Kenner des Kirchenslavischen, 1828 in Dedojevci geboren wurde (1. Bd., S. 120), 
und erreichten vom höchsten Strassenpunkt (273 m) über Jarcujak im breiten, 
fruchtbaren Tale auf nahezu geradliniger Trace das vom rauschenden grünen 
Ibar durchströmte Kraljevo. 

Im J. 1884 aufgefundene Kupfer-Pfeilspitzen, Bleigewichte usw. deuten darauf 
hin, dass sich schon in prähistorischer Epoche und zur Römerzeit eine bedeutende 
Niederlassung bei Kraljevo befand. 7 km SW. sieht man auf dem linken Ibar- 
ufer am Janok starke Mauern, die bei Hochwasser überflutet werden. Dieses 
stetige bedrohliche Vorrücken des Flusses mochte zur Wahl der heutigen Stadt- 
stelle geführt haben. Auch die neue Ansiedelung blieb bis zuletzt stark befestigt. 
Beim Bezirksamt sah ich Überbleibsel einer Schanze, deren türkische Besatzung 
sich 1737 ohne Gegenwehr dem kaiserlichen Oberst Lentulus ergab. Zwei Jahre 
später geräumt, nahmen sie am 20. Nov. 1789 nach kurzem Gefechte das vom 
Oberst Mihailjevic geführte Freikorps und im Befreiungskrieg 1804 Karadjordje. 
Dauernd wurde aber das Bollwerk erst im Juli 1815 serbisch; die Besatzung zog 
unter Milos' Geleite nach Novi Pazar ab, damit war die Nahija von dem berüch- 
tigten Muselim Latif Aga erlöst, und schon 1824 weihte das rasch wachsende 
Städtchen seine neue hl. Geistkirche. Seither sah Kraljevo gute, aber auch 
böse Tage. Vor 1858 war es der Verwaltungssitz des Kreises; dessen Verlegung 
nach Cacak hemmte die Fortentwickelung, und das weitläufige Kreisgebäude 
stach lange Zeit von den es einschliessenden niedrigen, dorfähnlichen Häusern 
ab. Seit zwanzig Jahren, seit Kraljevo mit dem linksuferigen Moravatal und 
dem Ibargebiet durch treffliche Strassen mit guten Pontonbrücken verbunden 
ist, hebt sich sein Produktenhandel, und die 1905 über 6 Mill. d umsetzende 
Sparkasse fördert die Baulust. In der nun 3800 Einwohner zählenden Stadt 
entstanden viele nette Wohnhäuser, ein neues Bezirksamt, eine grosse Schule; 



Von Cacak über Kraljevo. Zita nach Studcnica. 'i 

das verödete Nacelstvo wurde für das Feldartillerie-Regiment der Morava-Division 
eingerichtet und der ehemalige Bischofskonak in ein Staatsgehäude für den 
Sumadijski puk umgewandelt; die 1882 begründete Ackerbauschnle zahlte 
7 Lehrkräfte, welche jährlich etwa 80 Schüler, darunter 50 Stipendiaten, in 
3 Klassen theoretisch, und praktisch in der 86 Hektar umfassenden Muster- 
wirtschaft ausbilden. Bis Ende 1905 verliessen 540 Eleven das Institut, für 
welches der Staat 1905 80 400 d verausgabte. 

Von Industrieversuchen hat sich die Verarbeitung des unfern gebrochenen 
Marmors für Grabmonumente gut bewährt; dagegen wurde die mit einer Staats- 
subvention von 24 000 d begründete landwirtschaftliche Maschinenfabrik 1886 
wieder aufgelassen. 

Das aufstrebende Städtchen bemühte sich, dem es im September 1901 auf 
der Durchreise nach den berühmten Klüsfern Zica und Studenica besuchenden 
Königspaar einen möglichst guten Empfang zu bereiten. Nunmehr findet aber 
auch der Fremde dort mehrere einstöckige Hotels, welche ganz anderen Komfort 
bieten als die elende Mehana, die mich 1860 beherbergte. Als wir sie am Spät- 
abend des 18. Juni betraten, waren ihr Wirt und sein Gesinde vollauf beschäftigt, 
die einige Stunden vor uns eingetroffene Raskaer Kommission mit grossem 
Pandurentross unterzubringen, und man schien durch unseren Zuwachs nicht erfreut, 
weil wir ihre Sorge wegen des Abendessens noch steigerten. Der lustige Pisar 
von Kraljevo vergrösserte durch schallendes Gelächter erregende Witze die 
Verlegenheit des Mehandzija. Aufgestachelt in seinem Ehrgefühl, begab er sich 
in die Carsija, um die Leere seiner Speisekammer zu mindern. Dies gelang ihm 
aber so wenig wie dem Jäger, der am Mittag auf Auerhühner ausgehen wollte. 
Verzweifelt kehrte er zurück, griff nach dem in jeder Mehana aus dem Dacli- 
gcsperre an einer Schnur herabhängenden „pecenje" und setzte es unter tausend 
Entschuldigungen, statt der erwarteten Hühner und Fische, auf den Tisch. 

„Pecenje" bedeutet serbisch „Braten"; man könnte demnach den Hohn 
ungerechtfertigt finden, welcher das Beginnen des unglücklichen Wirtes begleitete, 
wenn ich nicht hinzufüge, dass „pecenje" ein Stück kaltes, halb gar gebratenes 
Hammelfleisch ist, dessen geringe Fleischteile in einer dicken Fettumhüllung so 
gründlich verschwanden, dass jeder mit einem Dochte durchzogene Teil trefflich 
als Kerze dienen konnte. Die arg enttäuschte Gesellschaft sah nach den Quer- 
säcken, welche, dank der fürsorgenden serbischen Hausfrauen, stets Notbehelfe 
für ein improvisiertes Mahl bergen, zu dessen Schluss ich mit Aufopferung des 
halben Inhalts meiner Rumflasche einen deutsche wie serbische Kehlen gleich 
belebenden und zu Wechselgesängen begeisternden „caj" braute. Mitternacht 
war längst vorüber, als wir heiter gestimmt die grosse Stube aufsuchten, auf deren 
Boden wir uns mit Hilfe der an den Wänden laufenden Strohkissen betteten. Ich 
hätte hier die schönste Gelegenheit, mich für eine schlaflos zugebrachte Nacht zu 
rächen und gleich dem Oldenburger Professor Greverus, der in Griechenland 
reiste, ein Fragment mit der drastischen Leidensschilderung einer Nacht in 
serbischer Mehana alten Stils zu füllen. Ich unterlasse es und will gern ihren 

seither erfolgten Fortschritt anerkennen. 

1* 



4 Von Cacak über Krnljcvo. 2ica nacli Studenica. 

Der nächste Vormittag fand unsere Gesellschaft in einer Art Sprechzimmer 
des in Kraljevo residierenden Uzicer Bischofs „Janja" (Joanii<ije) versammelt. 
Der kleine: bewegliche geistliche Würdenträger erwiderte die ihm dargebrachten 
Huldigungen mit eingehenden Kommentaren zu den auf einem Tische ausgebreiteten 
Restaurationsplanen des nahen Zica. Er erzählte, wie er allein mit seinen 
Cincaren das nun vollendete Werk ausgeführt, warf einige Seitenhiebe auf die 
grosse Kosten verursachende Gründlichkeit „schwäbischer" Ingenieure und forderte 
mich schliesslich auf, die wiederhergestellte Kirche in seiner Begleitung zu 
besichtigen. 

Die Residenz des Bischofs, augenscheinlich gleichfalls ein Bauwerk der 
primitiven Meister aus Makedonien oder Alt-Serbien, Hess meine Erwartungen 
keinen allzu hohen Plug nehmen. Dem Bewohner der serbischen Waldgebirge 
mochte sie vielleicht imponieren; ärmlich, regel- und planlos erschien aber der 
kleine, im türkischen Stile gehaltene Konak dem an die reichen, kunstgeschmückten 
Sitze occidentaler Kirchenfürsten gewöhnten Auge. 

Mit berechtigterem Stolze durfte der Bischof auf die prächtige Szenerie 
seines gesegneten Sprengeis, auf das Panorama aus seinen Fenstern blicken. 

Nachdem wir den Ibar gequert, führte uns ein südwestlicher, etwa eine 
halbe Stunde langer und zwanzig Schritte breiter Durchhau zwischen herrlichem 
Waldesgrün nach Zica. Schon in der Mitte der natürlichen Allee angelangt, 
glitzerten vor uns die mit weissem Zinkblech 'gedeckten Türme der einstigen 
Krönungskirche von sechs serbischen Zaren auf. in saftig grünem Plane, dessen 
landschaftlicher Reiz bei sonniger Beleuchtung mich lebhaft an die prächtige Brianza 
zwischen Como und Mailand erinnerte, liegt inmitten hübscher Dörfer, fruchtbarer 
Felder und junger Laubgehölze, im Gegensatze zu den meist in tiefem Waldesdunkel 
verborgenen serbischen Klöstern, auf sanfter Anhöhe Zica. Nahe fliesst der Ibar 
vorbei, welcher, seiner beengenden Fesseln ledig, hier in ansehnlicher Breite die 
fruchtbare Ebene durchzieht, um bei Kraljevo in die Morava zu münden. Der 
an die Kirche grenzende Friedhof mit phantastisch geformten Kreuzen und Grab- 
steinen erhöht die malerische Lage der 1889 vielgenannten Heilstätte. Man erzählt, 
dass hier früher der Brauch herrschte, dem Toten einige Geldstücke ins Grab 
mitzugeben, „da bi se otkupio!" (damit er sich loskaufen könne). 

Gestiftet wurde die grosse erzbischöfliche Kirche zu Zica') um 1210 zu 
Ehren des hl. Erlösers von König Stefan dem Erstgekrönten und seinem Sohne 
Radoslav für dessen Bruder Sava, der als erster serbischer Erzbischof dort 
residierte. Aber schon im Ausgang des 13. Jahrh., nach anderen erst, als Zar 
Dusan das serbische Patriarchat gründete (1346), wurde der Sitz des obersten 
nationalen Kirchenhauptes nach Pec (Ipek) verlegt. Nahe dem Kloster — vielleicht 
auf dem erwähnten westlichen „Janok" — stand eine „Stadt Zica", bei der Zar 
Dusan 1353 das Heer sammelte, welches den eingefallenen Ungarkönig Ludwig 
siegreich über die Save zurückdrängte und Belgrad samt dem Macvagebiete den 
Ungarn entriss. 



Daniele, Rjeciiik I, 340. 



Von Cacak über Kraljevo, Ziia nach Stiidenica. 5 

Die 2icacr Kirche bildet einen von mächtiger Kuppel überragten Zentralbau, 
dessen breites Mittelschiff eine halbkreisförmige Chorapsis schliesst und aus 
dessen aulfällig grossem Narthex niedere Eingänge in zwei Kapellen mit halb- 
kreisförmigen Altarapsiden und eigenem Narthex führen. An die quadratisch 
vorspringenden, tonncngewölbten Querflügel wurden bei der Restauration des 
während der türkischen Invasion stark verwüsteten Monuments vom Hauptschiff 
zugängliche oblonge Räume (Diakonikon und Prothesis) angebaut. In den 




/ILA. 1)R' KroiiuiiHskirchc der Ncmanjidcn im )iini ISTil). 



Langmauern eines 16 m langen und breiten, die Westfassade einschliessenden 
Hallenbaues mit quadratischem Zugangsturm sieht man noch die Konsolenreste 
der Gurten seines noch immer pietätvoller Erneuerung harrenden Gewölbes; an 
den Innenwänden des rundbogigen Turmeingangs neben den Stiftungsinschriften 
solche von Ariljer Bischöfen vom Jahre 1633 und späterer Zeit. Zu jener des 
Bischofs Josif (1729) schrieb ein Türke: „Es gibt nur einen Gott, und Muhammed 
ist sein Prophet!" Einer Inschrift, welche den Iguman SImeon nennt, ist beigefügt: 
„Unter ihm verfiel 2ica, 1824."') 



') Starinar II, 58. 



6 Von CaCak über Kraljevo, Zica nach Studenica. 

Bis zur ersten Restauration (1856) konnte man die unveränderte, hüciist 
originelle Anlage des einstigen Prachtbaues und die malerische Wirkung des 
Mauerwerks aus wechselnden farbigen Ziegel- und Bruchsteiniagen bewundern. 
Zahlreiche erhaltene Skulpturen sprechen auch für dessen einstige reiche Deko- 
rierung und zugemauerte Türöffnungen — man nennt Zicas Kirche im Volksniund 
„sedmovratna" (die siebentürige) — für die Begründung der Tradition, dass für 
jeden neu zu krönenden König ein besonderer Eingang eröffnet und nach voll- 
zogener Zeremonie gleich wieder geschlossen wurde, was an die französische 
Grenzstadt St. Jean de Luz mahnt, deren A\agistrat das Kirchenportal, durch 
welches Ludwig XIV. und die Infantin Maria zur Verlobung ein- und ausgetreten 
waren, zu ewigem Gedächtnis zumauern liess. 

Der baulustige Bischof „Janja" begnügte sich nicht, durch seine Restaurierung 
die Kirche dem Gottesdienste zurückzugeben, sondern liess ihr eine zweite folgen, 
welche die auf meiner im Juni 1860 gefertigten Zeichnung erscheinenden Zelt- 
dächer von weissem Zinkblech durch ganz unpassende occidentale Bedachungen 
ersetzte und den ursprünglichen Bau (s. Plan 111, XVlll. Kap.) durch einige Zutaten 
noch mehr entstellte. Der unverständige Restaurationseifer versündigte sich aber 
nicht allein an dem Bau, sondern auch an dem weissmarmornen Sarkophag, 
in dem König Radoslav die früher zu Studenica bewahrten Gebeine seines Vaters 
Stefan Nemanja, des Gründers der ersten serbischen Dynastie, beigesetzt. Die 
reich skulptierte obere Platte wurde einiger Risse wegen zerstört und eine neue 
inschriftlose trat an ihre Stelle. Unter Schutt und Gerumpel fand ich ihre Bruch- 
stücke, bunt gemengt mit jenen eines alten Taufbeckens. Ich empfahl diese 
Reste dem Schutze des Mannes, dem die Ehre von Zicas besser gemeinter als 
gelungener Restauration gebührt, dem seit 1854 vom Sabacer auf den Stuhl des 
hl. Sava gelangten Joanikije, Bischof von Uzice. 

Zu Joanikijes Entlastung sei hier bemerkt, dass die damaligen Belgrader 
Bureaukraten ebensowenig das richtige Verständnis für stilgemässe Renovierung 
alter Monumente besassen, ja an Opferfreudigkeit ihm sehr nachstanden. Die 
Kostenvoranschläge der Architekten für den Aufbau der Zicaer Kirche erschreckten 
derartig, dass sie glücklich waren, als Bischof Joanikije sich erbot, die in Ruinen 
liegende Kirche, in welcher nur einmal im Jahre Gottesdienst gehalten wurde und 
deren Chor ein Bretterdach notdürftig schützte, auf eigene Kosten „wie immer" 
vor gänzlichem Untergang zu retten. Dieses „wie immer" war wohl ein Fehler, 
an dem aber die damalige Regierung mindestens gleiche Schuld trug wie der 
opferwillige Geistliche. 

Von der inneren Ausstattung der Zicaer Kirche sind erwähnenswert der ihr 
von Joanikije gewidmete marmorne .Altartisch und das aus Russland gespendete 
reiche Tabernakel in Tempelforni, zur Aufbewahrung des konsekrierten Brotes. 
Die älteren, glücklicherweise nicht erneuerten Fresken boten mir erwünschte 
Gelegenheit, meine Studien über altserbische Malerei zu ergänzen. 

Bekanntlich entstand auf dem Athos unter Panselinos im XI. Jahrhundert 
eine Hochschule für orthodoxe Malerei, in der Jünger gebildet wurden, welche 
die Kirchen von Kares bis zur adriatischen Küste, von Salonik bis zur Newa 



Von CaCak über Kraljevo, Zica nach Sdiiknica. 7 

mit Biltiern hcdeckten. Scluiler des durch seine Fresken im Protaton zu Kares 
berühmten Malers Pansclinos schmückten auch die serbisciien Monumente mit 
1-resken. Sie rühren aus verschiedenen Jahrluinderten her, sind sich aber trotzdem 
untereinander ähnlich und können bei Vergleichen mit den Bildern in Griechenland 
oder Russland ihre gemeinsame Mutter, die Schule von Kares, nicht verleugnen. 
So erscheint die Himmeilalirl Maria zu Zica von einer solchen in Stuclenica 







ZI CA. Marniorreste eines allen raudieckcns und Grabes. 



beinahe abgeschrieben, und beide zeigen wieder grosse Ähnlichkeit mit derselben 
Darstellung auf der Rückseite des Bildes „unserer lieben Frau vom Don" in der 
Kathedrale zu Moskau, abgebildet in den „Drevnosti rusiceskago gosudarstva'. 
Entgegen aber der Mitteilung Didrons über die stets gleiche, sklavisch befolgte 
räumHche Anordnung der einzelnen Bilder in den griechischen, makedonischen 
und thessalischen Kirchen, fand ich in jenen Serbiens eine viel freiere Bewegung. 
So befindet sich das oben erwähnte Bild „Maria Himmelfahrt" zu i\t3. auf der 
grossen Westwand über dem Haupteingang, in Studenica aber auf der nördlichen 
über dem Seitenportal usw. 



8 



Von CaCak über Kraljevo, Zica nach Studcnica. 



Wälirend bei der äusseren Dekorierung der serbisciien Bauten abendländische 
Einflüsse, unbeengt durch Kanone und sonstige Vorschriften, sich geltend machten, 
begegnete ich bei den älteren Fresken nur selten occidentalen Anklängen. Zu 
diesen Ausnahmen zählt eine sehr edel gehaltene hl. Maria zu Zica, welche gegen 
byzantinische Tradition das Jesuskind auf dem Arme trägt. Die Zeichnung der 
serbischen Maler ist, wie ich schon in meinem, verschiedene Illustrationen aus 
Zica enthaltenden Werke „Serbiens byzantinische Monumente" bemerkte, gewöhn- 
lich eine streng stilisierte. Die Köpfe sind schön geformt, ihr Ausdruck ernst, 
die Profile edel und bei den Königen manchmal von glücklicher Individualisierung; 
bei ihnen verliert sich auch zuweilen die schematische Behandlung der Gewandung. 





ZlCA. Fresken. 



Die Heiligen halten meist Schriftrollen und Bücher in den Händen, mit Sentenzen 
oder Auszügen aus ihrem Leben; in den Niniben sind ihre Namen eingeritzt 
oder geschrieben. Oft begegnet man im einzelnen, namentlich in den Köpfen, 
einer wahrhaft innerlichen Belebung, mit der Figur und Situation ganz 
angemessenem Ausdruck. Der segnende Christus und die hl. Jungfrau an den 
Pfeilern des Scheidbogens zu Zica zeigen Köpfe von tadelloser Zeichnung, sehr 
glücklich ist auch die Haltung der klagenden Frauen auf dem Bilde der Kreuzigung 
im rechten Querschiff; eine Kreuzabnahme im linken wurde leider stark zerstört. 
Auch im Langschiff befinden sich Spuren figurenreicher Darstellungen, ebenso in 
den Pendentifs der Kapelleneingänge. Sehr gelungen ist das erwähnte figurenreiche 
Bild der „Himmelfahrt Maria" auf der Westwand. Es zeigt Maria im Sarge, von 
vielen Heiligen umgeben, deren Blicke sich aufwärts richten, nach einer kleinen 
geflügelten Maria, emporgetragen von Christus, mit zwei Engeln zur Seite. Die 



Von Cacak über Kraljevo, ^icn nach Stiidcnica. 9 

Vervvunderimir ausdrückenden Köpfe der Umstehenden sind von vorzii^'licher 
Cliarakteristik. 

Verraten schon einige dieser Fresken abendländische Einflüsse, so möchte ich 
aber das Bild im Torbogen Tympanon des grossen Westturmes ganz bestimmt 
einem Maler der italienischen Schule zuschreiben. Dafür spricht die Komposition, 
die Ausführung, das Kolorit und einzelne Gewandmotive der zahlreichen Figuren. 
Auf dieses Votiviiild und sein, eine thronende Maria mit dem Jesuskind in einem 
von Engeln, den anbetenden Hirten und hl. drei Könige umgebenen Rundfuedaillon, 
zu dessen beiden Seiten reich gekleidete weltliche Personen und Heilige sich 
gruppieren, werde ich im 111. Bande (XVIll. Kapitel) eingehend zurückkommen. 

Die gemalten Ornamente an Gesimsen und Sockeln im Innern bestehen 
aus stilisiertem Blattwerk, Guilloche, Mäandern, wellenförmigen und bei den oft 
restaurierten Umrahmungen der Bilder aus barocken Verzierungen. Auf den 
Mauern im Torwege des grossen Tuinies befinden sich, neben den Votivgemälden 
der königlichen Stifter, zwei mit schwarzer Farbe aufgemalte Chrysobullen, welche 
sich auf deren Schenkungen beziehen. Sie erschienen zuerst in P. J. äaffariks 
„Denkmälern der südslavischen Literatur" im Originaltext abgedruckt; ihre von 
Prof. Sandle für mich angefertigte, von Prof. Daniele durchgesehene deutsche 
Uebersetzung erscheint zur Charakterisierung der sozialen Verhältnisse und 
Stellung des Klerus im altserbischen Reiche gleichfalls im lli. Bande. 

Ich hatte zu lica. fleissig gearbeitet. Am Abend sandte mir der Vladika, 
wahrscheinlich als Zeichen seiner Anerkennung, wohlschmeckende Kirschen und 
einen prächtigen Leibgürtel mit vielen ürüssen in den Han. Erstere verteilte 
ich, den letzteren bewahre ich aber als Erinnerung an den beweglichen alten 
Herrn, dessen Ansichten ich wohl nicht auf dem Gebiete der Kunst teilte, dessen 
hochherzigen Sinn ich aber zur Nacheiferung für seine Amtsbrüder hier gern 
rühme. Der 1804 zu Milandza im Uzicer Kreise geborene (1. Bd., S. 574), 
1849 zum Bischof geweihte Janicije Neäkovic stiftete, nachdem er für l\ca so 
grosse Opfer gebracht, 1500 Dukaten zur Herausgabe kirchlicher Bücher, in 
seinem Heimatdorf eine Schule und Kirche, eine andere im benachbarten 
Preradovac. Er starb 1873 und fand seine Ruhestätte im warm geliebten i\ca. 
Wie hätte es seinen Lebensrest verschönt, wäre er Zeuge gewesen des Aktes, 
der sich bald nach seinem Tode in der von ihm hergestellten Krönungskirche 
abspielte. 

Nachdem 1886 der Sitz des Bistums 2ica nach Cacak verlegt worden, 
sahen nach vielen Jahrhunderten gänzlicher Vergessenheit die altehrwürdigen 
Kirchenräume 1889 ein für Serbiens Geschichte denkwürdiges Ereignis, die 
Salbung seines jugendlichen Königs Alexander. Selbstverständlich geschah das 
Möglichste zu ihrer würdigen Ausstattung für diese Feier. Der König war am 
1. Juli von Krusevac in Begleitung der Regenten Belimarkovic und Protic, 
der Minister, seiner Adjutanten und eines stattlichen Banderiums im festlich 
geschmückten Kraljevo eingetroffen. Tausende Landleute, darunter viele Frauen 
und Kinder, die zum Teil Tagereisen gemacht hatten, um den „Mladi Kralj" 
zu sehen, empfingen ihn mit höchster Begeisterung, in der hl. Geistkirche 



10 Von Ca£ak über Kraljevo, Zicn nach Stiidcnica. 

hielt Pfarrer Stanic, vor der Ackerbauscliule der Büri^ermeister patriotisclie 
Begrüssungsreden. Das Volk strömte bis zum Abend vor die Wohnung des Königs, 
der stundenlang am Fenster die ihm dargebrachten Huldigungen entgegennahm. 

Am 2. Juli wurde die Salbung in der Zicaer Kirche durch den kurz zuvor 
aus dem russischen Exil zurückgekehrten Metropoliten Mihail, welcher mit dem 
hohen Klerus den König am Eingang empfing, mit allem Pomp vollzogen. Als 
das Credo rezitiert werden sollte, hielt ein Vladika an den König eine kurze 
Ansprache und fragte ihn, welchem Glauben er treu zu bleiben gedenke. Nach 
der Antwort richtete der Metropolit, dem alten Brauche gemäss, an den König 
die Bitte, das Credo zu rezitieren. Zwei Vladiken nahmen den König darauf an 
den Händen und führten ihn vor die Ikonostasis. Dort kniete er nieder und 
wurde, als er sich erhoben, nach orientalischem Ritus an der Stirn, den Schläfen 
und der Oberseite der Hände gesalbt. 

Während der feierlichen Handlung wurden 101 Kanonenschüsse abgefeuert. 
Rechts vom König standen der Gesandte Persiani, den einzige zur Feier 
erschienene auswärtige diplomatische Vertreter, die Regenten, die Minister unter 
der Führung des Ministerpräsidenten Gruic und die Staatsräte; links die Jour- 
nalisten mit dem „Times"-Korrespondenten an der Spitze. Die Armee war durch 
je einen Abgeordneten jeder Charge vertreten, die Kreise des Landes durch je 
zwei Vertreter. Ausserdem nahmen Gäste aus dem Ausland und Gesangvereine 
an der Feier teil; vor dem Kloster harrte eine zahlreiche Menge des 2 '2 Stunden 
langen Wagenzugs. Alles verlief in bester Ordnung ohne jede Störung. Es 
folgte eine Festtafel zu Ehren des russischen Gesandten Persiani, bei welcher 
der König auf den Zaren, seinen geliebten Paten, ein Hoch ausbrachte. 

Die Kaiser Alexander 111., Franz Josef 1. und Wilhelm II., die Königin 
Viktoria von England, König Humbert und Präsident Carnot sandten dem jungen 
König Alexander telegraphisch ihre Glückwünsche. Andererseits sandte Minister- 
präsident Gruic Telegramme an König Milan und die Königin Natalie, welche ihnen 
die erfolgte Salbung anzeigten, was sofort durch Glückwünsche erwidert wurde. 

Mit den reichen Donationen aus altserbischer Zeit verglichen, ist Zicas 
heutiger Besitz geringfügig, denn er betrug 1893 an Feldern, Wiesen, Obstgärten, 
Wald usw. nur 109 Hektar und wurde auf kaum 40000 d geschätzt. Da aber 
ausser einer Pfarre mit fünf Orten noch drei andere Orte auf Zicas Kirche 
angewiesen sind, decken die etwa 5000 d betragenden Einnahmen die Steuern 
und bescheidenen Bedürfnisse des Archimandriten und seiner zwei Mönche. 

Meine Aufgabe zu Zica war beendet und weiter ging es zum gleich 
berühmten Studenica. Der Kraljevoer Kapetan hatte die Führung übernommen; 
also fehlte es auch nicht an einem Trosse karakolierender Panduren und an 
Überraschungen aller Art, welche das damals übliche, einen Tag früher auf der 
ganzen Route angekündigte Erscheinen eines höheren Besuchs die gastfreund- 
lichen Bauern vorbereiten liess. Strömender Regen entzog leider bald den 
Kotlenik und die Krusevacer Berge unseren Blicken; selbst das niedrig hängende 
Gewölke konnte aber der Kraljevoer Landschaft nicht die Wirkung ihrer 
örtlichen Reize gänzlich rauben. 



Von Lacak über Kraljcvo, Zica nach Stiidenica 11 

Über die fetterdi^a- Höhe von Cilnikovac ritten wir SW. in ein grosses 
fruchtbares Tai hinab. Seine Orte Konarevo, Bo^uitovac, durch welche wir 
i<amen, sowie mehrere andere bergen salzige Quellen. Etwas östlicher sieht 
man versteinerte Buchenstänmic im ibarbette. Vor dem engen Felsentor bei 
Progorelica, durch welches der Ihar seine Gewässer aus Alt-Serbien der west- 
lichen Morava zuliihrt, tritt die Schönheit und Üppigkeit des Pflanzenwuclises dieses 
Landstrichs auffallend hervor. Neben in voller Reife prangenden Kornfeldern 
sah ich Wiesen mit mannshohem, weithin duftendem Gras, dem leider die 
würzigsten Teile, weil es oft monatelang des Schnitters harrt, entzogen werden. 
Der Boden ist hier so reichtragend, dass man bei rationellerer Wirtschaft zuver- 
lässig auf zwei, ja drei Ernten zählen dürfte. Ich gedachte der vielen Deutschen, 
welche weit weg der amerikanischen Urwildnis eine neue Heimat abzuringen 
suchen: was könnten diese fleissigen Arme aus der von paradiesischer Urkraft 
strotzenden Ebene machen! 

Im lustigen Galopp ging es vorwärts; es war die letzte freie Bewegung, 
welche das vor Bogutovac beginnende bergige Terrain dieser subalpinen Region 
für längere Zeit gestattete. 

Wenige Stunden S. vom Kraljevoer Tertiär-Plateau schliessen sich an die 
auf S. 2 genannten Gebirge der Djakovo, 2eljin, die Ploca, um mit dem 
Kopaonik den höchsten Punkt zwischen Savc und Balkan zu erreichen. Die 
ganze Erhebungskette konstituiert sich neben Granit, Syenitporphvr und Trachyt 
vorherrschend aus Serpentin. Dem entspricht auch der Charakter der Flora, die 
ernste Physiognomie der Landschaft. Öfter als bisher zeigten sich vegetationslose 
Kuppen und Spitzen. Von der Lopatnica, Bresnica, Pivnica, Dubocica, Studenica, 
den Radu§ und anderen reissenden Bächen durchfurchte Gehänge erschwerten 
hier früher den Verkehr, und ihre sterilen Täler gewähren der spärlichen 
Bevölkerung auch heute noch eine nur kümmerliche Existenz. Die Terrain- und 
Vegetationsverhältnisse üben leider auf ihre Physis und Psyche traurigen Einfluss. 
Vor uns lag Zamcanje, dessen Bewohner meist vom Kretinismus schwer 
heimgesucht sind, wie denn Kropf und Gehirn -Atrophie in der ganzen 
Ibarspalte endemisch auftreten. Auch am jenseitigen Ufer, im Kruäevacer Kreise, 
kommen viele Kröpfe (guäa) vor, besonders bei Josanica und in den Tälern des 
Kopaonik. 

Nach vierstündigem Ritte standen wir dem von Regenwolken teilweise 
eingehüllten Stolovi und der Ruine des Schlosses Maglic gegenüber. Entsprechend 
seinem Namen lag nebelhaftes Grau auf seinen sieben Türmen und den sie 
verbindenden Mauern; solches liegt auch auf seiner Entstehung und Geschichte. 
Weder Sagen noch Volkslieder wissen etwas von Maglic zu erzählen; es hatte 
wahrscheinlich die früher unten am Ibar ziehende Strasse zu sperren. Ruinen, 
wenn sie nicht besonders pittoresk, bedürfen aber notwendig einer interessanten 
Vergangenheit. Um ihr zerbröckelndes Gemäuer müssen die Tradition und 
anziehende Sagen weben, sollen sie uns festhalten. Ich zog an dem wahr- 
scheinlich auf römischen Rudimenten entstandenen mittelalterlichen Feudalbau 
unbewegt vorüber, begnügte mich, ihn zu skizzieren, es Nachfolgern überlassend, 



12 



\'oii Cacak über Kraljevo. Zicn nach Stiidcnica. 



diese und eine andere Befestigung NW. bei StanCa, an der oberen Lnpatnica, 
ausführlich zu beschreiben. 

Im Lichte des ersten Sonnenstrahls, der sich durch das zerrissene Gewöike 
Bahn brach, ringeHen sich die blauen Rauchsäulen des nahen Dorfes Maglic 
als „gut Wetter" verkündende Zeichen lustig empor. Einen Augenblick, dann 
gedeckt durch „Segler der Lüfte", wieder erscheinend, etwas länger andauernd, 
endlich siegreich vorbrechend und die ganze südliche Landschaft mit Licht 
überströmend, erquickte das Himmelsgestirn zur rechten Zeit das beengte Gemüt. 
Bald fand ich auch, dass gute, gastfreundliche Menschen den breiten Talsporn 




Schloss Maglic am Ibar. 



bewohnen, welcher die Maglicer Berge trennt. Unter einer schattigen Eiche 
fanden wir den nassen Rasen mit Teppichen überdeckt und Erfrischungen vor- 
bereitet. Guter Rakija, dem wir abwechselnd mit Wein zusprachen, vertrat die 
Stelle wärmender Suppe, die nahe fischreiche Dubocica lieferte köstliche Forellen 
zum Mahle; Eier und Käse waren die begleitenden Vor- und Nachgerichte. 

Ich konnte es mir nicht versagen, einen Blick in das Haus des Kmeten, 
des reichsten Mannes von Maglic, zu werfen und lade den Leser ein, mir zu 
folgen in den grossen Raum, Stube kann man ihn wohl nicht nennen, denn er 
ist zugleich Küche und Vorratskammer. Besser als jede Schilderung spricht 
seine treue Abbildung für die Genügsamkeit dieser armen Gebirgsbewohner, 
welche von Fischfang und Schnitzen hölzerner Gefässe, insbesondere bauchiger 
Branntweinflaschen (cuture), leben; auch zeigt sie die Stufe, welche die guten 



Von CnCak ülxi Kraljevo, Zii^a nach Studenica. 15 

Leute auf der Leiter sozialen Erdenvvaliens einnehmen. Und doch sind diese 
Menschen glücklich und lieben die sterile Scholle, auf der sie das Schicksal 
lieberen werden Hess. Bei Guslespiel singen sie von der einstigen Grösse ihres 
Vaterlandes und seinem künftigen Glänze! 

Maglic bildet den südlichsten Punkt des . Kraljevoer Bezirks auf dem 
linken Ibarufer; der Kapelan verabschiedete sich, liess aber einige Pandurcn zu 
unserer Begleitung zurück. Hier bog unser Weg nach Studenica westlich vom 
Ibar ab. Ein schmaler, über nacktes Gestein aufwärts strebender Pfad führt in 
einer Stunde auf den Pass, welcher das Maglicer Tal mit dem Dubocicaer 
verbindet. Ich blickte zurück auf die geschlängelte tiefe Furche, welche der durch 
viele Zuflüsse verstärkte Ibar in das mächtige Serpentinmassiv sich grub. Die 
IJferhänge fallen grossenteils steil ab und ihre Verrückbarkeit erschwerte den 
Bau der lange geplanten Strasse, welche den Verkehr zwischen dem Distrikte 
Novi Pazar und dem mittleren Moravabecken erleichtern sollte. Erst im Jahre 1875 
schritt mein Begleiter Klinar an ihre Tracierung und 1881 mit den Ingenieuren 
Vujic, Kiko und Cvetkovic an ihre fünf Jahre dauernde Ausführung, welche 
1 177 580 d — den Kuluk ungerechnet — kostete. Die 8fi km lange Strasse 
schmiegt sich, bis auf eine kleine Strecke, dem linken Ibarufer an und musste 
grossenteils durch mühsame Sprengungen gewonnen werden; so durch den 
schwierigen Einschnitt im Glimmerschiefer bei Lakat, durch die Jagnjilohöhe 
hinter Polumir und die 60 m hohen Granitfelsen bei Brvenik, wo sich auch 
die grösste der 22 Brücken befindet. Sie ist 97 m lang mit drei Öffnungen. 
Zur Versicherung der Ufer bedurfte es an zwei Punkten 600 m langer Stützmauern. 
Die technische Durchführung gereicht den beteiligten Ingenieuren zu hoher Ehre; 
es ist ein wahrer Kunstbau, der bequem ini Phaetoii befahren werden kann. Die 
Trace ist äusserst sanft, die Kurven sind gut entwickelt, und die grösste Steigung 
an der Raduäka bei Vodice beträgt 6: 100 m. 

Beim Rückblick durch das im tiefen Schatten liegende Pilone des Sto- 
uiui Tniak-Felsentores leuchtete fern ein in Sonnengold getauchter Streif, die 
Kraljevoer Ebene, auf, die ich in ihrer ganzen Pracht zuerst vom hohen Kablar 
erblickt hatte, nach langem Intervall bei Krusevac wieder sehen sollte. Ein 
Scheidcgruss dem gastlichen Maglic, ein Blick noch auf sein stummes Schloss- 
gemäuer und hinab ging es auf abschüssigem Kletterweg zum tief unten liegenden 
Dubocica. Wir machten die Partie zu Fusse, um unsere ermatteten Tiere zu 
schonen, denn noch wartete ihrer harte Arbeit. Nach kurzer Rast ging es bei 
Bresnik über den Sattel „Piljakov Sanac" (1280 m) des 1528 m hohen Djakovo, 
dessen Osthang ein Buchenwald von seltener Pracht bedeckt. Obgleich die 
nördlicheren Gebirge des Kreises, namentlich die Stolovi und Kobasica, prächtige 
Stände von Eichen, Weissbuchen, Eschen, Birken, Ahornen usw. zeigen, trat ich 
nun erst in den waldreichsten, auch Koniferen bergenden Teil des Landes. Nur 
in Montenegro, wo seine Bergmauern bei Stanjevic steil zum Kattarogolf 
abfallen, und in Tharandts berühmten „heiligen Hallen" erinnere ich mich, ähnliche 
majestätische Buchen gesehen zu haben. Ihr prächtig ineinandergreifendes Ast-, 
Zweig- und Laubwerk mahnte lebhaft an die Pfeiler, Rippen und Blätterhündel 



1(5 Von Cacak iihcr Krnljevo, Zica nach Studenica. 

gotischer Dome; im Sciiattcn der hochwipfiigen Kronen entfaltete sicii aber eine 
reiclie Flora als bunter Mosaik-Estrich des grünen Natiirdonies. Unsere Ausrufe 
der Bewunderung gingen in weithallende Melodien über; wohl zum erstenmal 
ertönten deutsche Lieder in diesem serbischen Waldmünster. Langsamen Schrittes 
durchzogen wir dasselbe und erquickten uns an seinen „Weihbrunnen", den 
köstlich mundenden Silberquellen in geheimnisvollen Verstecken. 

Docli Serbien ist nicht ganz und gar das Land süsser Träumereien, auch 
kennt man in seinen „heiligen Hallen" die Rache wohl! Noch ist es nicht lange 
her, da glich die Menschenbrust dort seinem Boden voll ungebändigter Urkraft. 
Die Gegensätze menschlichen Begehrens, der Kampf der Leidenschaften war unter 
der Türkenherrschaft mehr durch Gewalt als durch weise, sänftigende Gesetze 
niedergehalten worden. Mit der Entfernung des jahrhundertelang lastenden Druckes 
schössen sie empor; während der Befreiungskriege und nach denselben hatte der 
unparteiische Chronist neben Zügen patriotischer Hingebung auch Fälle rohester 
Willkür zu verzeichnen. 

Es war zur Zeit des ersten Milos-Regiments, da zogen zwei Männer den- 
selben Weg. Sie hatten aber kein Auge für des Waldes Pracht; das Gefühl 
tiefer Trauer beherrschte ihre Seele, denn sie mussten ins Exil. Dicht hinter 
ihnen ritten finster blickende Männer, ihre Eskorte, Milos' Momken. An der 
künstlich aufgeworfenen, rasenbedeckten Stelle, an welcher wir auf den Wink des 
vorausziehenden Panduren unsere Pferde anhielten, fiel damals ein Schuss, und 
einer der beiden Exilierten war des grössten Schmerzes ledig — er durfte sein 
Vaterland nicht mehr verlassen! Des Weges ziehende Bauern fanden den Leich- 
nam und betteten ihn im prächtigen Buchendom, in heimatlicher Erde. Welch 
Schicksal seinen Leidensgefährten ereilte? Unser Erzähler schwieg. Doch wer 
weiss es nicht, im Krieg und Bürgerzwist wiegen Menschenleben leicht! Vorbei! 

Noch ^war der wechselvolle Tag nicht an Ueberraschungen erschöpft; neue 
Eindrücke harrten unser auf der Südseite des Berges. Wir hatten den Djakovo 
kaum überstiegen, da tat sich ein weites, von buntesten Abendtinten übergossenes 
Panorama vor uns auf, das, mit dem höchsten serbischen Berge Kopaonik 
beginnend, in weit hintereinander sich aufbauenden Ketten die türkischen Gebirge bis 
zum klassischen Hämus vor uns aufrollte. Dem sonnig angestrahlten Linienspiel 
in der Ferne lieh die sterile, in Abendschatten gehüllte Landschaft im Vorgrunde 
Kontrast und Folie. Der Aug' und Herz erfreuende blumengeschmückte Rasen 
verschwand hier, losgewaschenes, in mächtige Blöcke geborstenes Gestein trat 
an seine Stelle, und struppiges, düsteres Nadelholz, das erste, welches ich in 
Serbien erblickte, drückte dem Südhange des Djakovo und der sich anschliessenden, 
viel zerklüfteten Hochebene, mit gleichnamiger ärmlicher Ansiedelung, ein unsere 
früher empfangenen Eindrücke gänzlich umstimmendes melancholisches Gepräge 
auf. Wenn im Wechsel der Gegensätze der höchste Reiz für die jeder Monotonie 
feindliche occidentale Menschenseele liegt, so empfand ich ihn wahrlich an jenem 
Tage in überschwenglichem Masse. 

Gerne hätte ich die rauhe Einöde, eine der wildromantischsten Landschaften 
auf meinen Kreuz- und Querzügen durch Serbien, skizziert, doch unser Führer 



Von Ca^ak über Kraljevo, iiia nach Studenica. 1 7 

mahnte wegen des vorgerückten Abends zur Eile; so zogen wir an den schönen 
Motiven eines i<ieinen Wasserfalles, einer pittoresken Mühle iintl am hnchliegcnden 
Brunnen von Djakovo (692 m), den rauhes, fremdartiges Hirtenvolk umlagerte, 
beschleunigten Schrittes vorüber. Bei Mondschein ging es durch die rauschende 
Studenica. Auf ihrem rechten Ufer erheilte der Feuerschein eines Zigeunerlagers 
unseren Pfad. Über den Wipfeln hoher Baumgruppen hoben sich bald darauf die 
dunklen Umrisse einer Kuppel vom Horizont ab. Nach einstündigem Ritte durcii 
das langgedehnte Klostergut kamen wir endlich um 9 Uhr abends an das ersehnte 
Ziel, zum 160 m tiefer liegenden Studenica. 

Von sechzehn Stunden hatten wir zwölf, Höhen auf- und abklimmend, 
grösstenteils im Sattel zugebracht. Ermüdet und deshalb wenig gelaunt, mit dem 
Archimandriten in so später Stunde noch Komplimente zu tauschen, zogen wir 
es vor, in der leidlich guten Mehana uns nach Möglichkeit einzurichten. Die 
aus dem Kloster gesandte Einladung zur Übersiedelung änderte nichts an dem 
gefassten Beschluss. Der Mehandzija setzte uns am Spiesse gebratene „Lipen" 
vor. „Fische zum Frühstück, zu Mittag und zum Abendbrot!" lamentierten wir 
im Chore. Diese kleinen „Lipen" schmeckten jedoch besser wie Forellen; ein 
trefflicher Säuerling von einer nahe dem Kloster entspringenden Quelle würzte 
den prächtigen, aus seinen Rebengärten gewonnenen Wein, und erquickt schritt 
ich zur Ordnung meiner Notizen. 

Das einst stark befestigte, wahrscheinlich auf einem Römerkastell erbaute 
Studenica ist von Stefan Nemanja, dem glorreichen Ahnherrn der gleichnamigen 
Dynastie, in einem romantischen Gebirgskessel (405 m), zur Verherrlichung der 
„allerseligsten Gottesgebärerin" gestiftet. Nachdem Stefan dem Throne 1195 
entsagt hatte, lebte er hier zwei Jahre und starb 1200 als Mönch auf dem Athos. 
Sein Sohn, der hl. Sava, auf einer Freske „hochwürdiger Erzbischof vom ganzen 
serbischen Lande und von den Meeresküsten" genannt, Hess 1203 die Gebeine 
seines Vaters nach Studenica übertragen und versöhnte während dieser, mit 
grossem Pompe vollzogenen Feier seine Brüder Vukan, Herzog der Zeta, mit 
Stefan 1. „Prvovencani", welchen der erstere, unterstützt durch König Slcfah V. 
von Ungarn, entthront hatte. 

Die „Carska Lavra" ist heute noch das grösste, prächtigste und reichste 
Kloster des Landes. Seine 1172 aus Marmorquadern erbaute „Maria Himmel- 
fahrt"-Hauptkirche zeigt schon in der organischen Anlage und reizvollen Durch- 
bildung des Grundrisses eine höchst interessante Verbindung der römischen 
Basilika mit dem byzantinischen Zentralbau und bietet auch sonst ein lehrreiches 
Beispiel occidentalen Einflusses auf die altserbische Architektur. Der westliche 
schlechte Anbau, welcher die in die Kirche einbezogene alte Stirnfassade am 
Giebel stark beschädigte, rührt aus neuerer Zeit von cincarischen Meistern her. Von 
den drei östlichen, rund abgeschlossenen Altarräumen ist der mittlere bedeutend 
breiter und das durch die Ikonostasis von diesen getrennte Hauptschiff durch einen 
reich gegliederten Eingang mit dem Narthex verbunden; N. und S. von der 
Vierung öffnen sich Querschiffe von geringer Tiefe und Höhe. Die Fassaden sind 
in romanischer Weise mit Lisenen und Bogenfriesen dekoriert und die oktogonale, 

F. KANITZ, Serbien II. - 



18 



Von Catnk über Kraljevo, Ziöa nach Stiidcnica. 



Stark restaurierte Kuppel mit baroci<en Ornamenten bemalt. Das lini<sseitige Portal 
erscheint ganz einfacii gegliedert und ohne alle Verzierung, ebenso das Fenster 
der linken Seitenapside im Gegensatze zum reichen rechtsseitigen Portal und 
dem Fenster der rechten Seitenapside. Weit mehr zeigt noch das Haupttor der 
Stirnfassade spätere Eingriffe in den Plan des ersten Architekten; denn es steht 
nicht nur ausser allem Verhältnis zu ihrer Breite, sondern erscheint geradezu 
an ihre mittleren Lisenen geklebt. Der ursprünglich beabsichtigten spärlicheren 
Dekoration entspricht der kleine Eingang mehr als der grosse Portalüberbau, denn 




STUDENICA. Orimdriss der alten Kirche. 



er harmoniert besser mit den einfach profilierten Rundbogen der durch Säulen 
geteilten beiden Fenster, welche der reich geschmückte Portalbogen beinahe berührt. 
Die Stirnfassade besitzt gewissermassen zwei Portale. Das Tympanon des 
kleinen eigentlichen Eingangs enthält nur ein Doppelkreuz und einfache Ornamente 
von vertiefter Arbeit; die glatten Pfeiler und seinen Bogen umschliesst aber eine 
zweite, reichverzierte Umrahmung, welche an jene der um das Jahr 1000 gegründeten 
griechischen Abtei „Grotta ferrata" im Sabinergebirge bei Rom mahnt. Wie dort, 
sehen wir in den Füllungen des Rahmens zarteste Arabesken und Blumengewinde 
und im Querbalken Tiere zwischen Rankenverzierungen en relief; die dem kleinen 
Eingang zugewendeten beiden Langseiten der Pfeiler zeigen die zwölf Apostel 




/, 



=/ 



mm^ 







STUDENICA Hauptportal. 



Von Caiak über Kraljevo, iiia nach Sliidcnica. '21 

gleichfalls in erhabener Arbeit. Diesen quadratischen Rahmen schliessen sich 
wohlgegliedcrte Pfeiler, Halbsäiilcn inid von Löwen getra<;enc Vollsiiulen an, 
deren korinthisciic, weni^^ stilisierte Kapitale eine mit Akanthusblatt gezierte 
Gesimsleiste tragen; auf ihrer Platte ruhen die ein wenig hufeisenfürmig geformten 
Bogen, von welchen die zwei innersten mit Akanthusblatt verziert und gleich dem 
Tympanon, welches sie umrahmen, bemalt sind. Letzteres zeigt einen thronenden 
Christus mit zwei anbetenden Engeln in streng byzantinischer Auffassung, die 
Nimben sind mit im Kreise laufenden Akanthusblättern gefüllt. Dieses Relief, 
eines der wenigen figurengezierten in Serbien, scheint von einem alleren Baue 
herzurühren und ward von den Türken stark beschädigt. Der unverhaltnismässig 
grosse äussere Bogen wird von zwei phantastisch geflügelten Tieren getragen, 
deren Plinthen auf zwei freistehenden Säulen ruhen. Den Mittelpunkt seiner 
Dekoration bildet ein Tierkopf, aus dessen Rachen Ornamentranken hervorgehen, 
in welchen zentaurenartige Bogenschützen Löwen und andere Tiere jagen. Das 
Ganze atmet Leben und Bewegung und wetteifert, obschon stilistisch behandelt, 
gleich allen übrigen Skulpturen, Oi der technischen Durchführung mit den schönen 
Marmorarbeiten zu St. Ambrogio in Mailand. Das Gleiche gilt von dem durch 
zwei Säulen geteilten Fenster der grossen Apsis, welches, dem der Panagia 
Nicodimo zu Athen ähnlich, in seiner Umrahmung einen lebendigen Wechsel von 
Ornamenten, Blumen und Tieren, darunter einzelne Zeichen des Zodiakus, zeigt. 
Neben dem reichverzierten unteren Querbalken sind zwei verstümmelte Konsolen 
eingelassen, die wahrscheinlich eine Mönchs- und Tiergestalt darstellten. Weniger 
rein, ja oft roh, ist das Detail des mit spiralförmig gewundenen, kannelierten 
und sonst reich verzierten Säulen und Bogen ausgestatteten Südportals. 

Die alten Fresken im Innern der Kirche sind grösstenteils zerstört und 
wurden bei der vor etwa fünfzig Jahren erfolgten Restaurierung der Kirche teil- 
weise durch neue ersetzt, welche in Anordnung und im Detail den ursprünglichen 
Resten nachgebildet erscheinen; auch von ihnen gilt, was ich schon bei 2ica 
über die serbischen Fresken äusserte. In „Serbiens byzantinische Monumente" 
beschrieb ich die malerische Ausstattung der Kirche, als Beispiel der in Serbien 
durchschnittlich eingehaltenen Anordnung der Bilder, die auch eine Vergleichung 
mit der im ..Handbuch der Malerei vom Berge Athos" vorgeschriebenen gestattet. 
Besondere Erwähnung verdienen, ihrer trefflichen Ausführung wegen, im Narthe.x- 
Tympanon eine Maria mit dem Kinde, darüber auf der Waiulfläche die leider 
sehr beschädigte Darstellung des Weltgerichts, in der nur noch oben eine von 
Aposteln oder Heiligen umgebene Weltkugel in Wolken, unten vier herabfliegende 
Engel mit Posaunen und andere mit dem Kreuze und heiligen Marterwerkzeugen zu 
erkennen sind. Auf der Scitenwand rechts kniet der hl. Sava vor der thronenden 
Jungfrau mit dem Kinde; neben ihr erscheinen in besonderen Feldern die Heiligen 
Markus und Onofrius, letzterer mit bis auf die Erde reichendem weissen Barte in 
härenem Gewände, ferner Peter von Atona, nackt mit Schürze und Aleksi. Auf 
der Rückwand im Narthex sieht man (sehr verwischt) rechts: das hl. Abendmahl, 
darüber Christus vor Pilatus, in noch höherem Felde eine Gruppe von Heiligen, 
über diesen mehrere E!ngel. Auf der Wand, gegenüber der Ikonostas, befindet 



22 



Von Caiak über Kinljevo, Zita nach Studenica. 



sich ein jj;rosses Bild: Christus am Kreuze mit Maria, den klagenden Frauen und 
dem hl. Johannes; in den Wolken schweben kleine Engel. Über dem Sarkophag 
des hl. Simeon zeigt ein Votivbild denselben (?) mit einer Kirche auf dem Arme, 
von der hl. Jungfrau geführt, vor Christus tretend. Von grossen Bildern sind 
noch zu nennen auf der rechten Wand: Christi Geburt mit den hl. drei Königen, 
auf der linken: Maria Verklärung; am Bogen, gegenüber der Ikonostas: Christi 
Verklärung mit Elias und Moses auf einem Gebirge. In den Sendentifs erscheinen 
die vier Evangelisten; im Kuppcltambour, zwischen den Fenstern, die zwölf Apostel, 





"4\ 




STUDENICA. Apostelfiguren und Clmr.-ipsidenfenster. 



Über diesen die Heiligen des alten Bundes und in der Wölbung der von Engeln 
umgebene thronende Pantokrator, die Weltkugel haltend; den grossen Schneid- 
bogen zieren die Bilder der Heiligen: Simeon, Sava, Lazar und Stefan. Die Apsis 
zeigt von grösseren Darstellungen die hl. Jungfrau mit dem Jesuskind und zwei 
Engeln, darüber Christus an einem Tische sitzend mit den zwölf Aposteln. 

Die das Sanktuarium von den übrigen Kirchenräumen abschliessende 
Ikonostasis wurde in Studenica in alter Pracht erneuert; von ihren drei Eingängen 
ist, wie in allen orientalischen Kirchen, der mittlere, die „carske dveri" (Kaisertor), 
ausschliesslich dem zelebrierenden Priester vorbehalten; für die Diakone und Djaci 
(geistliche Schüler) sind die Seitenpforten bestimmt. Das Kaisertor ist mit durch- 
brochenen, vergoldeten Arabesken verziert; hinter demselben hängt ein purpurner, 



Von CaCak über Kraljcvo, 2ica nach Stiidenica 'JM 

reich gestickter Vorhang. In frühbyzantinischer Zeit waren diese Eingänge monu- 
mental gehalten. In der Panagia Nikodimo zu Athen bestanden die Türpfeiler aus 
Marmorsäulen mit Architraven aus gleichem Material. In der Demetriuskirche zu 
Smyrna sind die sechs Säulen der Eingänge aus schönem Marmor, ihre Kapitale 
und Basen aus massivem Silber. Zu Hilandar auf dem Athos wird noch heute 
ein in Gold und Silber reich gestickter seidener Vorhang bewahrt, der dem Kloster 
von der serbischen Nonne Euphcmia, Tochter des Cesaren Voichna und Witwe 
des Despoten Ugljesa, 1399 geschenkt wurde. Die Hauptfelder neben dem 
Königstor der Ikonostasis zu Studenica werden von den grossen Bildern des 
Erlösers und der hl. Jungfrau eingenommen. Die übrigen Räume der zwei Dritt- 
teile der Schiffshöhe erreichenden Scheidewand sind mit Bildern der Heiligen 
in vergoldeten Umrahmungen bedeckt. 

Die Ambo, das Vorlese- oder Singpult, schon in den ersten Jahrhunderten 
bei den griechischen Christen eingeführt, befindet sich zu Studenica vor der 
Ikonostasis, in der Mitte des Schiffes, genau unter der Kuppel; sie ist rund und 
hat zwei Stufen. Der Diakon betritt die Ambo, wenn er dem Volke vorbetet 
oder das Evangelium vorliest; der Zelebrant, wenn er ihm den Segen erteilt. 
Solche reiche Ambonen, wie die aus der Sophienkirche nach St. Markus zu 
Venedig übertragene, oder wie jene in den neueren griechischen Kirchen zu 
Konstantinopel, Smyrna u. a. 0., deren Pulte oft aus einem reichvergoldeten Adler 
oder aus den Symbolen der vier Evangelisten bestehen, fehlen in den serbischen 
Kirchen, und ebenso die reichverzierten Tische mit von vier Säulen getragenem 
Dache, auf welchen die Heiligenbilder ausgestellt werden. 

Auch die Einrichtung des Sanktuariums ist zu Studenica sehr einfach. Der 
Apsis entlang läuft eine Steinbank, deren Lehne die Mauer bildet, unter dem 
Mittelfenster erhebt sich ein nur etwas höherer, sonst gleichfalls schmuckloser 
Sitz für den Archimandriten. Die Sitze im Sanktuarium der Aya Sophia sollen 
von gleicher Anordnung, aber aus vergoldetem Silber gewesen sein. Bei der 
Schilderung ihres Altars ruft ein altbyzantinischer Chronist aus: „Wer könnte den 
Glanz der Farben, den Refle.x der Saphire und der Metalle lange ertragen!" 
Seine ursprüngliche Form war nach einem Manuskript der Pariser Bibliothek 
und nach den Fresken in der Markuskirche zu Venedig jene eines Tisches mit 
vier, eine kreuzgezierte Kuppel tragenden Säulen. Von dieser so reichen Aus- 
stattung orientalischer Altäre ist in den serbischen Kirchen und auch zu Studenica 
nichts als der einfache Unterbau geblieben, nur das bewegliche Inventar ist kostbar. 
Auf dem Altar steht eine Art Tabernakel mit konsekriertem Brot, ein mit Rubinen 
und Smaragden besetztes Kreuz mit eingelegten reizenden Holzschnitzereien aus 
dem Leben der Heiligen, ein Evangelienbuch und drei Leuchter. Alle diese 
Gegenstände sind aus Gold und Silber, reich verziert und grösstenteils russische 
Geschenke. 

Die Studenicaer Kirche bewahrt auch die heiligste Reliquie des Landes; die 
Gebeine des unter seinem Mönchsnamen „Simeon" heilig gesprochenen Stefan 
„Prvovencani"; durch seinen Sohn Radoslav aus dem im Hauptschiff rechts vom 
Eingang befindlichen ursprünglichen marmornen Sarkophag nach 2ica übertragen. 



24 Von Cacak über Kraljcvo. Zica nach Studenica. 

wurden sie später zurückgebracht. Nach erneuten Wanderungen zu Beginn des 
vorigen Jaiirhunderts (I. Bd., S. 35]) ruhen sie nun in einem vor der li<onostasis 
stehenden, mit Ebenholz und Perhnutter ausgelegten alten Sarge. Am Tage des 
Heiligen (13. Febr.) wird er geöffnet und das Volk zum Kusse der entblössten 
Stirne zugelassen. Der Körper ist gegen jede Profanierung durch eine Umhüllung 
geschützt, welche das Siegel des hl. Sava schliesst, und überdies mit prachtvollen 
liturgischen Gewändern bekleidet. Das auf der Brust des Heiligen liegende Kreuz 
steht beim Volke in höchster Verehrung, denn es soll einen Splitter vom Kreuze 
des Erlösers enthalten. Die Gnade, Kopf und Kreuz des Heiligen küssen zu 
dürfen, erwidert man mit einer Spende für das Kloster. Zwei reichgestickte Decken, 
von Jelena, Gemahlin des Karadjordje Petrovic, zieren den Sarg; Fürst Alexander 
Karadjordjevic hielt ihn zu wenig würdig für den kostbaren, dem Serbenvolk so 
teueren Inhalt und liess zu Wien für 1500 Dukaten eine prachtvolle Umhüllung 
anfertigen, geziert mit den Hauptmomenten aus dem Leben des Heiligen und dem 
altserbischen Wappen in silbergetriebenen Reliefs. Das sehr reich ornamentierte 
Kissen wurde von den Frauen der fürstlichen Familie kunstvoll gestickt. 

Studenica erfreute sich stets der grössten Freigebigkeit seitens der serbischen 
Fürsten, des Episkopats und des Volkes bis herab auf die letzte Zeit. Zahlreiche 
Schenkungen bereicherten es, und sein in der nördlichen Kapelle des Anbaues 
bewahrter Kirchenschatz zeigt, dass es in schlimmsten Tagen selbst von den 
jenseits der Save wohnenden Serben in hohen Ehren gehalten wurde. Ausser 
einigen altbyzantinischen Evangeliendecken sah ich Kirchengewänder, welche vom 
hl. Sava herrühren sollen, ihren Ornamenten nach aber aus viel späterer Zeit, dann 
zwei silberne Ripiden vom J. 1637, ein Weihrauchfass vom J. 1701, ein golddurch- 
webtes, für den Sarg des hl. Sinieon bestimmtes Leintuch von der Sultanin Mileva 
(Olivera), Tochter des Fürsten Lazar, mit einer zwischen goldenem Rankenwerk 
gleich in den Stoff eingewebten tü-'kischen Inschrift, und ein zweites, gestiftet 
1747 zu Karlovic in Syrmien, durch Arsen, den vierten rechtgläubigen Erzbischof 
von Pec (Ipek) und „Patriarchen von ganz illyrisch Serbien", wegen seiner reichen, 
in Gold, Silber und grünem Samt gewebten und gestickten Ausführung besonders 
hervorzuheben, im Kirchenschatz wird ein interessantes kleines Dyptichon 
aufbewahrt, das auf einem Flügel die hl. Dreieinigkeit mit drei Gesichtern auf 
einem Körper, umgeben von geflügelten Seraphinen, zeigt. Es ist dies die zuerst 
im Occident aufgetauchte Darstellung mit vier Augen, drei Nasen und gleich vielen 
Mundüffnungen, welche 1628 von Papst Urban VIII. und 1745 von Benedikt XIV. 
anathematisiert, trotzdem stark verbreitet und im Orient nachgeahmt wurde. Die 
hl. Dreieinigkeit wird von Malern der orthodoxen Kirche auch durch Gott 
Vater, Sohn und hl. Geist in Gestalt einer Taube dargestellt. Von Bildern des 
oben charakterisierten verpönten Typus sind bisher nur bekannt eine von Didron ') 
auf dem Berge Athos im hl. Gregoriuskloster gesehene Freske aus dem 
Jahre 1736, ein von Panta Sreckovic'-) in der Muttergotteskirche bei Matejic in 



») Manuel d'lconograpliie etc. 
«) Brastvo 11, 131 



Vnn Cacak über Krnljevo, Zica nach Stiidenica. 25 

Altserbien auf einer Säule gefundenes mit der Aufschrift „Tristaja", wahrscheinlich 
aus dein XIV. Jahrh., und ein aus der Backa nach Cerevic in Syrniien 
übertragenes 38 cm langes und 30 cm breites, aus dem 18. Jahrh. Der Vll. Band 
des „Starinar" bringt eine ausführliche Beschreibung der Altertümer Studenicas 
vom Bischof Nikanor. ' 

Durch den späteren Zubau gelangte ein früher vor der Kirche freistehender 
Taufbrunnen von weissem Marmor und sehr schöner Arbeit in die Kirciie. Leider 
sind von demselben nur die Säulenbasen der Baldachinlräger erhalten, welche 
seinen oktogonalen Grundriss bezeugen: das kleine marmorne Taufbecken rührt 
aus späterer Zeit her und wird gegenwärtig zur Aufbewahrung des am hl. Ürei- 
königstag geweihten Wassers benutzt, das als Heilmittel an Landleute verteilt 
wird, „wenn ihnen die Augen oder andere Gebrechen weh tun". Früher, solange 
die Gebeine des hl. Königs im steinernen Sarge ruhten, entquoll ihnen „heiliges 
Oel", das in drei Tiegeln aufgefangen wurde, um das Volk mit demselben 
an grossen Feiertagen zu salben. Besondere Verehrung geniesst ein kunstvoll 
gearbeitetes, reich verziertes Bild, das der hl. Nemanja auf der Brust getragen 
haben soll, wenn er auf dem hl. Atlios predigte. 

Westlich von der grossen Kirche steht im Hofraum die nach einer Inschrift 
(1314) von Milutin Stefan Uros dem hl. Joakini und der hl. Anna erbaiite 
„Kraljevska crkva". Aussen und innen vielfach restauriert, sind demungeachtet ihre 
schönen architektonischen Verhältnisse erkennbar. Es ist ein strenger Zentralbau 
mit oktogoner, etwas schwerer Kuppel und drei Apsiden an der Ostseite, von 
welchen die mittlere grösste durch ein gekuppeltes Fenster erleuchtet wird. Die 
Tanibourseiten werden durch Bogen tragende Säulchen getrennt und von sehr 
schmalen, hohen Fenstern durchschnitten. Das Innere ist durchweg mit Bildern 
al fresco geschmückt. Ein noch kleinerer, schmuckloser, oblonger, dem hl. Nikolaus 
geweihter Bau mit runder Altarapside nahe der Hauptkirche gilt als ältester 
Teil des Klosters, in dem bis zur Vollendung seiner grossen Kirche der Gottes- 
dienst abgehalten wurde. 

Selbstverständlich fehlt es auch zu Stiidenica nicht an einer Höhle, in 
welcher der hl. Sava fastete. In ihrem, 1 St. westlich vom Kloster liegenden Sv. . 
„Isposnica"-Kirchlein befanden sich nach der Sage kostbare Manuskripte, welche, 
als die Türken 1813 das Kloster teilweise verbrannten, der letzte flüchtende 
Mönch Sofronije vernichtete, um sie vor moslimischer Profanation zu bewahren. 
Noch höher liegt die dem hl. Georg geweihte „Einsiedlerkapelle" des hl. Sava. 
Viele mittelalterliche Kirchen in Studenicas Umgebung, zu Godovic, Zeleznica, 
Dolac, Trnava, Rzana, Brezova u. a. 0. — es sollen in allem 31 sein • besitzen 
grosse Ähnlichkeit mit den geschilderten kleinen Bauten zwischen dem Kablar 
und Ovcar (I. Bd., S. 536), doch wie beispielsweise die Klosterkirche Voljavca, 
welche 1050 begründet worden sein soll (?), besitzen sie meist nur geringes 
kunsthistorisches Interesse. 

Studenicas Archimandrit bewohnt ein im türkischen Stile eingerichtetes 
Häuschen neben dem schmucklosen Glockenturm, und gleich bescheiden sind die 
Zellen der Mönche in den benachbarten älteren Baulichkeilen. Ein 1839 beendigter 



26 Von Cacak über Krnljevo, Zica nach Stiidcnica. 

einstöckiger Bau mit Galerien, für die übernachtenden Pilger, gereicht, abgesehen 
von dem mit der alten Kirche im Widerspruch stehenden Stile, seinen cincarischen 
Meistern zur Ehre. Das Kloster ist heute noch das wohlhabendste des König- 
reichs. Im Jahre 1896 besass es: 240 Hektar Felder und Wiesen, 119 Hektar 
Obstgärten, 2 Hektar Weinberge, 238 Hektar Wald, 2 Mühlen, 2 Mehanen, 1 Ducan, 
prächtige weisse Marmorbrüche bei dem nur 1 St. fernen Brezova usw., 
zusammen geschätzt auf rund 50000 d. Seine Einnahmen decken reichlich die 
Ausgaben mit jährlich 12700 d, die ihm grossenteils aus der meist unentgeltlichen 
Bewirtung der herbeiströmenden Gläubigen der umliegenden 3 Pfarren Usce, 
Bresnik und Djakovo, mit 13 auf seine Kirchen angewiesenen Orten erwachsen. 

Schon in früher Stunde herrscht am Sonntag reges Leben im weiten Hofraum 
der Carska Lavra. Durch die zahlreichen Gruppen, welche bei Glockenmusik 
von allen Seiten zwischen Waldesgrün und über die hellen Kalkklippen der 
nahen Berge herabgestiegen waren, bahnten wir uns den Weg zum Häuschen 
seines Archimandriten Tanasije. Nahe demselben begegnete uns ein hoher Mann 
von etwa 35 Jahren, gehüllt in weitfaltiges, dunkles Mönchsgewand, mit breitem 
roten Seidengürtel unter dem zurückgeschlagenen Oberkleid; das Sonnenlicht 
haftete auf einem grossen Goldkreuz, das seinen Reflex nimbusartig gegen den 
schön modellierten Kopf mit prächtig schwarzem Barte und noch dunkleren 
Augen warf; es war ein Typ vollendetster Mannesschönheit, wie sie sonst 
nur auf dem Hagion Gros heimisch. Auch ohne die Attribute seiner hohen 
Würde, und hätte das Volk sich auch nicht so sehr an die freundlich auf uns 
zuschreitende Persönlichkeit gedrängt, um unter ehrerbietigen Kniebeugungen den 
weitfaltigen Rock oder die sorgfältig gepflegten Hände mit den Lippen zu 
berühren, würden wir in ihr den geistlichen Herrscher Studenicas erkannt haben. 
Doch wie wenig entsprechend den ebenmässig ruhigen, wie aus Marmor 
gemeisselten Gesichtszügen war Ton und Inhalt der von dem Archimandriten 
geführten Unterhaltung! Das ihn zunächst berührende Gebiet, die Vergangenheit 
seines Klosters, interessierte ihn nur wenig. Studenica ist ebensowenig ein 
„Leuchtturm" serbisch-byzantinischen Wissensdranges, geschichtlicher Forschung 
oder philosophischer Spekulationen, wie die Anachoretenklöster am Kablar, oder 
das cönobitische „von üppigen Kräutern und Farngebüsch, düster durchwachsenem 
Hochwald, mit Walnuss- und Kastanienbäumen, Steineichen und Zypressen" 
umgebene Karyas auf dem Athos. „Studierte Leute bringen alles in Unordnung" 
ist Glaube und Richtschnur hier wie dort, und, sagen wir es nur gleich, beinahe 
ausnahmslos in allen Konventen der türkischen orthodoxen Christenheit. 

Unter Studenicas gesamter Mönchsbevölkerung war beispielsweise nur der 
Duhovnik Dositije Popovic imstande, die altslavischen Umschriften der Fresken 
zu lesen und zu ergänzen. Man erinnert sich vielleicht einer früheren Bemerkung 
über die bedauernswerten Lücken, welche das sündhafte mönchische Gebaren 
mit wertvollen Dokumenten in der altserbischen Geschichte verursachte. „Vor 
etwa 30 Jahren," erzählte mir Vuk, „fand ich Studenica in Ruinen und nur einen 
Mönch daselbst, der wertvolle Pergamente zur Ersetzung des fehlenden Fenster- 
glases seines elenden Häuschens verwendete." Mir schien es, dass auch seine 




7. 

U 
Q 
D 
H 



Von CaiJak über Kraljevo. 2ifa nacli Stucleiiica. 29 

Nachfol<^er nicht viel besser mit „alten Büciiern" umgehen würden, wenn harbarischer 
Unverstand sie nicht insj^esamt schon früher verschachert oder sonst zerstört 
hätte. Konnte dies aber anders sein? Gehörten ja doch auch die Mönche jener 
si<lavisch unterjochten Rajah an, deren Unterdrücker auf wenn möglich noch 
tieferer Bildungsstufe standen! Dank dem serbischen Kultusdepartement werden 
jedoch die natürlichen Folgen zweiluindertjähriger Versäumnisse nach Möglichkeil 
beseitigt. Schon ein Ministerialreskript von 1862 an die Bischöfe Serbiens 
verordnete, ungeschulte Mönche auf Kosten ihrer Klöster zur notwendigen 
Ausbildung in das Priesterseminar nach Belgrad zu senden. 

So wenig wie bei anderen Monumenten aus Serbiens Vorzeit fand ich auch 
für Studenica, ausser vagen touristischen Notizen, fördernde wissenschaftliche 
Vorarbeiten zur kunsthistorischen Schilderung seiner Kirche. Die Aufnahme von 
Grundrissen und Fassaden, bei welcher Ingenieur Klinar mithalf, die Zeichnung 
architektonischer Details usw. beanspruchten mehrere Tage; also hatte ich 
Gelegenheit, das Mönchsleben in der Carska Lavra ein wenig zu studieren. Soviel 
wurde mir bald klar, dass die Physis auf ein Minimum zu reduzieren, und 
dieses Minimum, mit dem Karst in der Hand, selbst dem Boden abzugewinnen, wie 
dies auf dem Hagion Gros oder in der Moravaschlucht üblich, nicht „leitender 
Grundsatz" in Studenica sei. Selbst die „weibliche Kreatur" war hier weniger 
gefürchtet als von den „guten Vätern" auf dem Athos, welche eine kühne Tochter 
Albions in nicht geringen Schreck versetzte. Die „versteinerte Verfassung" des 
heiligen Berges nicht achtend, war sie kühn genug, bei Iviron ihn zu betreten. 
Da erhob sich aber in allen Klöstern weit und breit das Geklapper der 
Symantrons; die älteren Mönche jagten die jüngeren eiligst in ihre Zellen und 
riefen: „Weiche hinweg, Satanas!" Zu Studenica wäre die englische Dame 
gewiss freundlicher empfangen worden. 

Ich hatte nun Serbiens berühmteste Klöster kennen gelernt, und begreiflich 
drängten sich mir sehr oft Gedanken über ihr Verhältnis zum Volke auf; vor allem 
die Frage: Was ist es, was die Klöster in Serbien, Bulgarien und Russland, auf 
dem Athos, in Griechenland, Rumänien und in der Türkei fort und fort bev()lkert? 
Ist es wirklicher Hang zu Einsamkeit und beschaulichem Leben? Ist es religiöse 
Schwärmerei oder der anziehende Nimbus, welcher jede einzelne dieser Gott 
und den Heiligen geweihten Stätten umstrahlt? 

Wohl liebt der Serbe Wald und Flur. Ihr Dickicht und die zarte blumen- 
gestickte Wiese, die rieselnde Quelle und den rauschenden Bach wusste früh 
schon seine rege Phantasie mit Gestalten zu beleben, welche sie in engste 
Beziehung zum Kampfe der Naturkräfte, zum Wechsel der Jahreszeiten und ihrem 
Einfluss auf Menschen und Tiere brachte. Selbst nach Einführung der Christus- 
lehre existierten sie fort. Feenhafte Vilen beleben den dichten Hain, Vampyre 
bedrohen des Nachts den armen Menschen usw. Das Christentum mit seinen 
in enge Satzungen eingeschlossenen Glaubensformeln konnte den Trieb zum 
Mystischen nicht gänzlich bannen, ihm nur eine veränderte Richtung geben; an 
die Stelle der heidnischen Götter traten Heilige oder Märtyrer der neuen Lehre 
und verschafften ihr so beim Volke leichteren Eingang. In den Wundersagen, 



30 Von CaSak über Krnljevo, ZiCa nach Stiidcnica. 

welche sich an bevorzugte Heilige knüpfen, in der Gewalt, die einzelnen von 
ihnen zugeteilt wurde, spiegelt und verewigt sich der Übergang vom alten 
zum neuen Glauben. Der hl. Elias wurde zum Donnergott, die hl. Maria zur 
„flammenden" Göttin der Blitze, der mit den Attributen des griechischen Äolus 
ausgestattete hl. Pantcleimon zum Beherrscher der Stürme, und zu jenem über alle 
Gewässer der hl. Nikolaus an Neptuns Stelle erkoren. „Boze pomozi i sveti 
Nikola!" (helfe Gott und der heilige Nikolaus) ruft der Serbe, wenn er in einen 
Kahn steigt oder wenn Wassergefahr ihn bedroht. 

Der tiefe Zug des Serbenvolkes zum Mystischen, früher jedenfalls in noch 
grösserem Masse vorhanden, begünstigte also die Stiftung der heute noch zahl- 
reichen Klöster. Das ganze religiöse Leben des serbischen Landvolkes gravitiert 
nach denselben; in Schmerz und Lust, in allen ungewöhnlichen Fällen des Lebens 
werden sie stets als sichere Stätten des Rates und der Hilfe aufgesucht. Doch nicht 
allein diese charakteristische Neigung zur Naturwelt mit ihrem mystischen Inhalte 
lieh dem Klosterleben Reiz und Anziehungskraft, sondern gleich sehr die der 
Mönchswelt vom Volke eingeräumte bevorzugte Stellung. Als einziger Schirmer 
der über alles geliebten Religion während der osmanischen Herrschaft, dann durch 
den grossen Anteil an ihrer Niederwerfung, erwarb sich der serbische Mönchs- 
klerus ein Anrecht auf Dankbarkeit. 

Die eingetretene Finsternis nach dem unheilvollen Entscheidungstag von 
Kosovo im ehemals grossserbischen Reiche Hess nur geringe Lichtstrahlen in die 
Zellen seiner stillverborgenen Klöster fallen. Gleich dem kulturfreundlichen Städte- 
leben, wie Gewerbe und Künste, ging während der folgenden traurigen Periode 
auch die Liebe und Pflege der Wissenschaften verloren. Als mit Arsen, dem 
Ipeker Patriarchen, später nahezu der gesamte höhere Klerus über die Save 
floh, blieb nur jener der Klöster zurück und teilte Leid und Wehe mit dem 
Volke. Durch äussere Ereignisse, einreissende Unkenntnis und Missachtung 
verschwanden die Bibliotheken und mit ihnen die Grundlage und notwendigen 
Lehrmittel zur Selbstbildung der Mönche und Belehrung des Volkes. Chronistische 
Aufzeichnungen aus jener Zeit sind deshalb, weil meist Phrase und Aufzählung 
unwichtiger Dinge, für den Geschichtsforscher beinahe wertlos. Die Bewahrung 
des Evangeliums, des Andenkens der von der Kirche heilig gesprochenen nationalen 
Könige, die Beförderung der Liebe zur Nationalität und Freiheit muss jedoch dem 
serbischen Klosterklerus uneingeschränkt zuerkannt werden, und wahrlich, dies ist 
ein so grosses Verdienst, dass es nur zur Erklärung mancher psychologischen 
Erscheinung beim Serbenvolk erwähnt werden muss, dass seine intellektuelle 
Bildung durch die Klöster nicht gefördert wurde. 

Serbiens neue Ära fand sein Volk und den Klerus auf nahezu gleich niedriger 
Bildungsstufe. Abgeschlossen von aller Welt, ohne höheren gemeinsamen Mittel- 
punkt, lebte die Geistlichkeit, wie eine ministerielle Beleuchtung der klösterlichen 
Verhältnisse vom Jahre 1843 an den Fürsten lehrt, in grösster Unwissenheit. 
Wenig unterschieden von den noch ignoranteren Popen (Weltgeistlichen), welche 
kaum mehr notdürftig lesen konnten, vermochten auch die Mönche keinen bildenden 
Einfluss auf das Volk zu üben; denn wie dieses standen sie selbst unter der 



Von Cafak über Kraljevo, 2ica nach Studenica. 31 

Macht überkommener Vorurteile. Sie hatten demnach nur geringen Anteil an 
dem unleugbaren Fortschritt Serbiens auf dem Gebiete der Volkserziehung. Die 
bekannte Anekdote, in der ein altes Mütterchen sich wegen des Verkehrthaitens 
des Gebetbuchs damit entschuldigte, dass die Kinder ihr es daheim so in die 
Hand gegeben, ist in Serbien mit der Variante im Laufe, dass ein Pope in gleichem 
Falle die Schuld den Djaci (Schülern) beimisst. Von Liturgie war unter dem 
Türkenregiment kaum die Rede, die Popen lernten die. nötigen Gebete hersagen, 
und das Lesen aus dem Buche war nur eine Fiktion, um die religiöse Feier in 
den Augen des Volkes zu erhöhen. 

Wie überall, wo die höhere Bildung im Laienstand überwiegt, begann sich 
auch in Serbien der Gegensatz zwischen dem weltlichen und geistlichen Stande 
auszubilden. Der Lehrer der Volksschule, der Kreisarzt, der Ingenieur und Beamte 
entzogen langsam, aber stetig den Klöstern ihre Klienten. Der Einfluss dieser 
aufklärenden Elemente wird von den Mönchen sehr gefürchtet, denn bei der 
Mehrzahl der serbischen Klöster handelt es sich nicht allein um ihre moralische 
Stellung; den grössten Teil ihrer einst bedeutenden Donationen von königlichen 
Stiftern büssten sie schon während der türkischen Okkupation ein, mit dem 
Aufhören der Volksgunst wäre also ihre Existenz ernstlich gefährdet. 

Fürst Miloä fand es im Interesse des jungen Staates, die wieder hergestellte 
serbische Hierarchie möglichst unabhängig von Konstantinopel zu machen. Er 
ernannte nationale Erzbischöfe und Bischöfe, dotierte sie aus Staatsmitteln, 
restaurierte viele Kirchen und verbesserte die Lage einzelner Klöster; doch gab er 
den letzteren ihre alten Besitzungen nicht zurück. Er, der keine beschränkende 
weltliche Gewalt neben sich duldete, wollte nicht einen über mächtige Mittel 
gebietenden Klerus, einen Staat im Staate schaffen. Übrigens hätte er auch 
nur schwer die Klöster reicher dotieren können, da nach beendetem Freiheitskrieg 
deren ehemaliger Besitz grossenteils in andere Hände übergegangen war. Im 
Jahre 1848 rettete eine darüber verhandelnde Kommission mit grosser Anstrengung 
einzelne Waldparzellen für den Viehstand der Mönche, und die Opposition der 
Gemeinden gegen diese Massregel ist, wie ich wiederholt ausführte, noch heute 
nicht ganz geschwunden. 

Aus den stillen Klosterzellen Studenicas gingen zahlreiche Männer hervor, 
welche im Gebete stark, sich auch als glaubenseifrige, waffentüchtige Kämpfer 
für des Vaterlandes Befreiung erwiesen. Unter ihnen fesselt durch sein bewegtes 
Leben und tragisches Ende Hadzi Melentije Nik§ic. Geboren zu Brezova bei 
Studenica, wurde er dort im Jahre 1800 zum Mönch geweiht und 1804 dessen 
Hegumenos. Als 1813 die Gebeine des hl. Simeon von Vracevsnica nach 
Fenek in Ungarn geflüchtet wurden, ging er dahin; doch 1815 stand er mit 
Milos an der Drina den Türken gegenüber. Nach hcendetem Kampfe sandte ihn 
Milo§ nach Konstantinopel, wo er zum Bischof von Sabac geweiht wurde; doch 
entzweite er sich bald mit seinem Gönner, als dieser 1816 die Einkünfte des 
Klerus beschränkte. Miloä' Erbitterung gegen den Bischof wuchs, als man diesen 
des Einverständnisses mit den Türken beschuldigte. Er sollte Maraäli Pa§a zu 
Belgrad die Auslieferung des nach der Fürstenwürde strebenden Nationalhelden 



32 Von Cacak über Kraljevo, Zica nach Studenica. 

und die Entwaffnung der Rajah versprochen haben, ge^en die Zusicherung einer 
geistlich-weltlichen Überhauptstellung, ähnlich jener des Vladika von Montenegro. 
Milos handelte rasch. Er entsandte den während seines autokratischen Regiments 
mit Vorliebe die Rolle eines Privathenkers übernehmenden Marko Stitarac (I. Bd., 
S. 361) in Begleitung von Petar Cukic und Vule Giigorijevic, um den Bischof zu 
töten. Nach einem Fehlversuch, ihn auf der Strasse zu überfallen, eilten sie nach 
Sabac, wo Stitarac in deji Konak drang und, nachdem er zwei im Vorzimmer 
schlafende Djaci (Schüler), welche erwacht waren, ermordet, den vergebens 
um Gnade bittenden Bischof in dessen Schlafgemach niederstach. Die blutige 
Tat, welche Milos' Neidern um die höchste Macht zeigte, was sie im Wettbewerb 
mit ihm erwarte, erfolgte am 28. Juni 1816. Melentije ward in der Sabacer 
Kirche begraben. Die ihm von dem pietätvollen Bischof Joanikije gesetzte 
Grabschrift besagt: „Melentije, Bischof von Uzice, Rudnik, Valjevo und Pozega, 
Metropolit von Sabac, 36 Jahre alt, von Mörderhand getötet." Darunter: „Hier 
ruhen auch die mit ihm gefallenen Schüler Nikolic Mileta und Zabunov Mita!" 



II. 
Durch das Raskatal zum Novi Pazar-Defilee. 



DER wildromantische Anstrich des südhchen Djakovo charai<terisiert auch 
die Landschaft von Studenica bis zur türkischen Grenze iiei RaSka. Über 
fünfzig Jahre sind es, seit dieses Gebiet faktisch Serbien gehört. Als die Pforte 
nach dem griechischen Freiheitskrieg sich ihrer Ohnmacht bewusst geworden, 
erst nachdem ihre europäisierte Heeresniacht 1829 besiegt, der schutzverheissende 
Balkan von den Russen überstiegen und selbst die Sultansstadt bedroht erschien, 
versprach der Grossherr im Adrianopeler Frieden, seine schon im Bukarester 
Vertrag gegen Serbien eingegangenen Verpflichtungen, samt den nachträgiiciien 
Stipulationen von Akerman, endlich erfüllen zu wollen. 

Der 30. September 1829 brachte den Serbiens Grenzen regelnden Kirnian, 
und das Frühjahr 1830 fand eine russisch -türkische Kommission mit ihrer 
Feststellung beschäftigt. Nicht ohne Widerstand wollten die jeder Verringerung 
ihrer Gebiete feindlichen Paschas von Nis, Vidin und Novi Pazar die eingegangenen 
Verpflichtungen anerkennen, ja der Zworniker Pascha liess sogar eine serbische 
Deputation ins Gefängnis werfen, welche die Räumung des vertragsmässig abzu- 
tretenden Gebietes verlangte. Subaäen (Lehnsherren) und Ciflik-Sahibien (Grund- 
herren) machten ihre vermeintlichen Rechte auf die Rajah geltend und quälten, 
vereint mit albanesischen Söldnern, die bereits durch den Befreiungskampf hart 
mitgenommene christliche Bevölkerung der Grenzdistrikte. Aufstände der Timoker 
und Krajinaer Serben waren die Folge des türkischen Wortbruchs. Erst als die 
Vorschläge der Grenzregulierungs-Kommission in einer Konferenz zu Konstantinopcl 
festgestellt und am 25. Mai 1833 vom Sultan genehmigt waren, sollte endlich die 
Auslieferung jener Gebiete verwirklicht werden, welche heute den grösstcn Teil 
der Kreise von Uzice, Cacak, Krusevac, Aleksinac und Negotin bilden. 

Für alle Zeit waren nun die im Befreiungskrieg blutig erkämpften, 1813 aber 
verlorenen Gebiete den Türken entrissen, ein Ereignis, dessen Bedeutung Glocken- 
geläute und Freudenschüsse von Ort zu Ort, bis zur Drina und Save verkündeten. 
Damals stand Fürst Milo§ im Zenith seines Glanzes. Seine Klugheit hatte nicht 
geringeren Anteil an der zweiten unblutigen Besitznahme dieser Gebiete, wie 
Karadjordjes Tapferkeit an ihrer ersten kurzdauernden Erringung. 

F. KANITZ, Serbien. U. ■' 



34 Durch das Raäkatal zum Novi Pazar-Defilee. 

Der Djakovo mit seinem unvergleichlichen Buchendom, die „Carska Lavra" 
mit iiiren historischen Erinnerungen, die Marniorlager, weiche die schönen 
Quadern zu ilirer „weissen Kirche" geheferf, die Ruinen des Kirchleins Sretenje 
am Einfluss der Studenica in den Ibar, erbaut, weil man hier dem Leichnam des 
hl. Stefan Nemanja begegnete (sresti begegnen), als er in feierlicher Prozession 
vom Athüsklüster Hilandar nach Studenica übertragen wurde, auch die reichtragenden 
Weinberge gegenüber von Usce und die hart mitgenommenen Kiefernwaldungen, 
durch welche wir abwechselnd über ernst stimmende Glimmerschiefer und 
durch farbenreiche Serpentinflora des Radusatals zogen, standen vor etwa sechzig 
jähren unter türkischem Regiment; seine Spuren sind aber der Landschaft noch 
heute aufgedrückt. Zerstörte Kirchen und verheerte Wälder, verlassene Bergbaue 
und entvölkerte Täler erinnern allerorts an das Feudalsystem, welches, sultanlichen 
Firmanen trotzend, noch im letzten Jahrhundert das ausschliessliche Nutzungsrecht 
von Land und aller darauf lebenden Kreatur hartnäckig beanspruchte. Keine 
Neuerung! Kein Vergleich! 

Mit dem letzten Ayan von Studenica verliessen endlich die Spahije den nicht 
mehr zu haltenden verwüsteten Distrikt; sie zogen nach Bosnien, dort gab es ja 
noch eine Rajah, an der man nach Koransrecht ungestraft sein Mütchen kühlen 
konnte. Welche Kurzsichtigkeit bewiesen diese fanatischen, jeder Schaffungskraft 
baren Abkömmlinge der Janifscharen verglichen mit den religionsverwandten 
Mauren, deren kulturfreundliche Bestrebungen in Spanien noch heute unser Staunen 
erregen! Einzig gross in der Negation selbst gerechtester Forderungen, geschickt 
nur in diplomatischen Kleinkünsten, im paralysierenden Auslegen der zugunsten 
der „Rajah" feierlich proklamierten Hate, in Schlichen und Krümmungen dem 
wilden Radusa ähnlich, dessen ungeregelter Lauf uns zwang, sein Bett acht- 
zehnmal zu kreuzen, beschworen Türken und Arnauten jene Wetter herauf, 
welche die über Serbiens Qrenzberge aufsteigenden Gipfel der herzegowinischen 
Alpenwelt bis 1878 mit dem Widerschein brennender Dörfer, mit den Greueln 
barbarischer Rassenkämpfe eifüllten und diese Gebiete so entvölkerten, dass 
heute noch im Studcnicaer Bezirk nur 20 — 30 Seelen auf den Quadratkilometer 
kommen. 

Als wir über den Südhang des Radusa hinaufzogen, lag düsteres Gewölk 
auf den bosnischen Bergen. Unruhig wälzten sich die dunklen Ibarfluten vorwärts, 
als ob sie Trauerkunde brächten vom traurigen Rajahlose im kurz zuvor ver- 
lassenen „Arnautluk". Unten auf einer etwas grösseren Talausweitung lag aber 
dicht vor uns in prächtiger Abendbeleuchtung das Dorf Baljevac, an dessen 
Stelle der „Städtegründer" Milos noch im letzten Jahre seiner ersten Herrschaft 
diesem wohlverdienten Epitheton gerecht werden wollte. Friedlich sassen die 
Männer, Angelegenheiten der Gemeinde beratend, vor der Mehana; vielleicht der 
Zeit gedenkend, wo die Moslims ihre alte, kleine Kirche zerstört hatten. Manche 
hatten den Türken noch Handdienste geleistet. Nun waren sie alle gleich vor 
dem Gesetz, ihnen gehört das Erträgnis ihrer Arbeit, Weiber und Töchter wissen 
sie nun im Hause sicher vor jener Schandsteuer, welche Frauen und Jungfrauen 
oft mit ihrer Ehre einzulösen gezwungen wurden. 



Durch das F^askal;il /um Novi Pazar-Defilce. 



m 



Etwa eine halbe Stuntie von Baljevac wurde in neuerer Zeit ein reiciies 
Braunkohlenla^er angeschürft, für dessen Ausbeutung der Engländer Clifton Child 
vor einigen Jahren die Konzession erwarb, aber bisher nicht verwertete, obschon 
auch die dort anstehenden Kupfererzgänge, wie alte Halden zeigen, vor langer 
Zeit betrieben wurden und nun vielleicht lohnender zum Abbau gelangen könnten. 
Die hart vorüberziehende neue Strasse überwindet den 300 ni betragenden Niveau- 
Unterschied vom nördlichen Progorelica bis Baljevac durch eine ausgedehnte 
Serpentin-Anlage und konnte auch südlich nur durch Sprengung der zum Ibar 




BRVENIK. Neue Brücke. 



steil abfallenden Felsmauern und eine kostspielige Überbrückung der sie durch- 
brechenden Brvenica hergestellt werden. An der Mündung dieses stellenweise 
tosenden, 15 Mühlen treibenden Baches krönt den linksufcrigen Pylon ein 
zerbröckelnder Feudalbau, der, wahrscheinlich auf antiken Rudimenten entstanden 
und noch in der Türkenzeit mit Palisaden umgeben, der Landschaft ringsum 
den Namen gab. Als Erbauerin des Schlosses gilt im Volke die im schlimmen 
Andenken stehende Despotin Jerina (1. Bd., S. 132); auch der Fall des Bollwerks in 
feindliche Hände wird ihr zugeschrieben. „Der Feind liess - erzählt die Sage 
- eine Karawane mit grossen Kisten bepackter Saumpferde dicht an der Feste 
vorbeiziehen. Ein ebenso hübscher als schlauer Bursche unter den Treibern 
wusste sich der vom Söller herabblickenden Schlossherrin bemerkbar zu machen. 



36 Durch das Raskntal ziiin Novi Pazar-Üefilee. 

Sie bescliied ihn zu sich und bot ihm ein Nachtlager an. Der Bursche wiHigte unter 
der Bedingung ein, dass er auch die mit kostbarem Gut beladenen Pferde in 
den Hof bringen dürfe, was ihm gewährt wurde. Kaum hatte jedoch das letzte 
der Tragtiere das Tor durchschritten, sprangen aus den Kisten eine Menge Krieger 
heraus, welche sich der Feste bemächtigten." 

Etwas westlicher, in der pittoresken Brvenikschlucht, befindet sich die kunst- 
historisch höchst interessante, leider stark beschädigte Klosterkirche Gradac, welche 
des Königs Uros I. Gemahlin Jelena, eine Verwandte des „lateinischen" Kaisers 
Balduin IL, im Ausgang des 13. Jahrh. aus Tufstein erbauen liess. Im Grundriss 
geradezu eine verkleinerte Kopie der geschilderten Kirche zu Studenica, doch 
mit gotischer Ausgestaltung vieler konstruktiver und dekorativer Teile, soll sie 
noch im kunsthistorischen Abschnitt des 111. Bandes kritisch gewürdigt werden. 
Über dem weissen Marmorsarg der Stifterin zeigt eine Freske sie neben ihrem 
Gemahl und dem hl. Nemanja, dem thronenden Erlöser das Modell des der 
hl. Gottesmutter geweihten Baues darbringend. Das Volk pilgert namentlich am 
hl. Jelenatag in Menge zur Kirchenruine, welche durch einen zu Raska gebildeten 
Verein restauriert werden soll; ein lobenswertes Beginnen, das besten Erfolg 
verdient. Auch im folgenden Brvenik erzählt ein verwüsteter kleiner Kuppelbau 
auf dem Ortsfriedhof von den schlimmen Türkentagen. 

Ungemein fesselnd gestaltete sich die Szenerie am Steilfelsen „Kostur", 
nahe einer Gruppe inschriftloser malerischer Gräber. Die hier herrschende Stille 
wird nur durch munteres Rauschen des gleichnamigen forellenreichen Bächieins 
unterbrochen. An der Strasse, bald hinter Beocis altem Kirchlein, muss sich 
das Auge wieder an den Gegensatz, an eintönige Maisfelder und kahle Bergrücken 
gewöhnen. Nicht immer sah es hier so trostlos aus. Erst im Jahre 1737, als der 
österreichische Hauptmann Saka zur Züchtigung der von Novi Pazar bis Cacak alles 
niederbrennenden türkischen Horden auszog, doch, bei dem „Schloss Brvenik" 
mit Verlust zurückgeschlagen, den unglücklichen Landstrich räumen musste, wurde 
derselbe von den rachedürstenden Spahis ganz verwüstet und der Wald vernichtet. 

Es war nicht mehr das linke Ibarufer, sondern jenes der Raska, an dessen 
Rand wir nun hinzogen, und wenn nicht die Versicherung meines Begleiters, 
hätte das schallende Lachen des lustigen Pisars von Cacak, sowie das freund- 
liche „dobro dosli" (glückliche Ankunft) unserer Kraljevoer Mehanagefährten 
mich belehrt, dass wir mit dem Vereinigungspunkte der beiden Flüsse auch unser 
Reiseziel Raska erreicht hatten, das zum Glück für unsere abgeweideten Pferde, 
allerdings nur auf Kieperts Karte, drei Stunden aufwärts der Raskamündung lag. 



Was hatte mich nach dem Quarantänestädtchen geführt? Welche Ausbeute 
durfte ich dort erwarten? Was sollte mich für den mühevollen Ritt, was für 
jene erste schlaflose Nacht entschädigen, die ich, gepeinigt von allerlei schwarzem 
Getier, in der niederen, heissen Mehanastube verbracht hatte? Was für die an 
„Athosübcrwindung" grenzende Selbstverleugnung, die ich im Hinabwürgen der 



Durch das Raskatal zum Novi Pazar-Dcfilee. 37 

Stets wiederkelirenden, mit Paprika versetzten Hanimelfleiscli^crichte bewies? 
Nun, zunächst fiiiirte niicii derWunscii nach Raska, den ureigenen Sitz der Serben, 
den Fiuss Raska und die Landschaft kennen zu lernen, weiche der Wiege des 
Zarenreichs ihre älteste Bezeichnung „Rascije" und den Serben den Namen 
„Rascijani", im mittelalterlichen Latein Rassiani, ungarisch „Raczuk", deutsch 
Ratzen oder Raitzen ') geben; ferner die Absicht, mehrere Täler und Orte im 
Raäkadefilee genauer zu bestimmen, welche mein alter Freund Ami Boue seit etwa 
zwanzig Jahren vergebens aufzufinden bemüht war; endlich wollte ich jenes 
schmalen Landstrichs ansichtig werden, der, nur sechs Stunden breit, Montenegros 
hohe Felsenmauern keilartig vom südwestlichen Serbien trennt. Wahrlich Ursachen 
genug für ein in Forschungstrieb entbranntes Gemüt, wenn nötig, noch grösseres 
Ungemach zu ertragen. War es ja zudem durch Genüsse gemildert, die allerdings 
wieder nur eine, für fremdgeartete, in lautloser Ruhe und Mondenschein phan- 
tastisch anmutende Szenerie, empfängliche Seele tiefinnerlichst zu empfinden vermag. 
Auch des stets dienstwilligen, überall Rat schaffenden Ingenieurs, des anfangs 
misstrauischen, nach Einsichtnahme des offiziellen Empfehlungsschreibens freund- 
licheren Raskaer Kapetans, des zu Spässen stets gelaunten Pisars und der übrigen 
Beamten sei hier gedacht, welche in jeder Weise dem Fremden sich angenehm 
und nützlich zu machen suchten. Und da wäre es eine Unterlassungssünde, wenn 
ich hier der edlen Frau vergässe, welche, über die stark türkische Sitte der Raskaer 
Bevölkerung sich wegsetzend, den beiden um eine Nacht schändlich betrogenen 
Fremdlingen den luftigen Cardak ihres Hauses zur Schlafstelle für die folgenden 
Nächte überliess. Allerdings geschah es erst nach einigem Parlamentieren und 
unter der Zusicherung, strenge Zucht unverbrüchlich halten zu wollen. West- 
europäer gelten nämlich in den Ländern byzantinischer Christenheit insgesamt für 
Leute von la.xem Glauben und losen Sitten. Auch unsere in diesem Wahne 
befangene verwitwete Schutzgottin begnügte sich nicht damit, ihre Türe zu ver- 
riegeln, sondern rückte allnächtlich noch eine schwere Kiste vor dieselbe. Sie 
mochte wohl denken: vielleicht wird es den „Schwaben" doch einmal in Gottes 
freier Luft unter ihren Mänteln zu kalt und fühlten sich vielleicht dann versucht, 
in das einladende Heiligtum des Hauses zu dringen. Es wurde ihr darob nicht 
gegrollt. Kannte ich ja die strengen Gebote serbisch-türkischer Zucht, die es 
sogar dort, wo occidentale Sitte noch nicht hindrang, den Frauen verbietet, des 
Mannes Weg zu kreuzen. Wie verschieden sind doch die Völker in vorgefassten 
Meinungen! Dem Frauen ehrenden Deutschen gilt die Begegnung eines jungen 
weiblichen Wesens als gute Vorbedeutung für einen glücklichen Tag, im Orient 
aber wird sie gegensätzlich aufgefasst, und dies gilt nicht etwa nur von alten 
Weibern; wenig galant, macht man zwischen siebzehn und siebzig Jahren — in 
dieser Beziehung — keinen Unterschied. 

Schwer errungener Besitz wird immer sorgfältig gehütet. Als das kleine Serbien 
nach blutigen Kämpfen, klugen Unterhandlungen, in welchen Milo§ alle Umstände 



') Der von Serben bewohnte Belgrader Stadtteil wurde deshalb auch offiziell während 
der kaiserlichen Okkupation 1718—1739 und selbst noch 1791 „Raizenstadt" genannt. 



38 Diircli tins Raskatal zum Novi Pazar-Defilec. 

zugunsten seines Landes auszunützen verstand, durch russische Unterstützung 
endlich im Jahre 1833 zum lanfj;ersehnten Besitze der streitigen Gebiete gelangte, 
eilte Fürst Milos, türkische Wankelmütigkeit und Pascha-Willkür kennend, dieselben 
durch einen hohen, fortlaufenden „Plot" (Palisadenzaun) vom türkischen Terri- 
torium abzuschliessen. Eine Kordonmiliz und Quarantänen nach österreichischem 
Zuschnitt wurden eingerichtet, um so die moslimischen Nachbarn an die Existenz 
des zu respektierenden „serbischen Bodens" zu mahnen. Brachte die hermetische 
Abschliessung und Erschwerung des Verkehrs unleugbare nationalökonomische 
Nachteile, so dokumentierte doch der kleine Serbenstaat erst durch diese Mass- 
regel seine faktische Unabhängigkeit. Auch gewcihnte man die „Rajah" Bosniens 
und Bulgariens, in dem Grenzzaun einen Hort zu erblicken, hinter welchem ihre 
glücklicheren Christenbrüder die Waffen zu ihrer einstigen Befreiung schmiedeten. 

Das 1846 erstandene Raska, bis 1878 eine der dreizehn Quarantänen Serbiens, 
liegt auf einem felsigen, den Bodenbau wenig begünstigenden Plateau, das zur 
Raska sanft abfällt; doch gegen NW. liegt, geschützt durch bewaldete Höhen gegen 
die rauhen Schneestürme, seit altersher das „Zimovnik" der griechischen Wander- 
hirten vom nahen Kopaonik, die mit ihren Schafherden im Winter hier lagern 
und ihre Bedürfnisse im Städtchen einkaufen, was viel zur Hebung seines Wohl- 
standes beiträgt. Wie dem Leser ein Bild des serbischen Grenzstädtchens geben? 
Am besten, er folgt mit mir der Einladung des Djumrukdzija (Zollbeamten) zum 
Besuche seines türkischen Kollegen auf das rechte Ufer der Raska. „Herr, in 
meiner Begleitung habt Ihr drüben nichts zu besorgen!" 

Wir durchschritten die verödeten, nur an Markttagen mit malerischer 
Staffage belebten weiten Hofräume der Quarantäne. Ein mächtiger Schlüssel 
knarrte im Schlosse des mit Schiessscharten versehenen letzten Pfahltores. Noch 
einige hundert Schritte jenseits der soliden Grenzbrücke und Satjir Effendi, der 
grossherrliche Djumrukdzija, hiess uns auf diesem fernen Punkte sultanlichen Bodens 
willkommen. Auf der nebenstehenden Illustration erblickt man im Vordergrunde 
ein niederes Häuschen, eine Art Heuschober, dessen schiefe Linien selbst das 
dem „Kasernenstil" feindlichste Auge befriedigen werden, es ist das leibhaftige 
Konterfei des türkischen Zollamtsgebäudes. Sticht es grell von den gegenüber- 
liegenden serbischen Baulichkeiten ab, zu welchen jüngst auch ein Bezirksgericht 
und eine neue Kirche kamen, gibt es eine schlimme Idee von türkischen Regierungs- 
gebäuden ausserhalb der Siebenhügelstadt, so ist dies, wie ich versichern kann, 
weder meine, noch Satjir Effcndis Schuld, sondern wahrscheinlich jene des Paschas 
im nahen Novi Pazar, der, wenig besorgt um die Wahrung grossherrlichen Ansehens, 
analogen Fällen nach zu schliessen, höchst wahrscheinlich einige tausend Piaster 
am Bau, natürlich zu seinem Vorteil, sparte. 

Wir brauchten wenigstens im engen Korridor nicht lange zu antichambrieren, 
ein albanesischer Kawase schob das Veluni zur Seite, und wir betraten die 
einzige Stube des Zollamtes. Durch zwei schiffslukenartige Fenster drang eben 
genug Licht ein, um zu unterscheiden, dass sie nicht an überflüssigem Komfort 
leide. Wir teilten mit Satjir Effendi den einzigen seiner Teppiche, auf dem er 
des Tages über, in einem Winkel hingekauert, Besuche empfängt, des Nachts 




''*^'!fii:i.«iiiiiiiiiiii'!iiiii*iimiiiiiiiiiiii 



Durch das RaSkatal zum Novi Pazar-Defilee. 41 

aber von schönen Hurien in ferner Heimat träumen mochte. Cihuks und Kaffee 
wurden mit dem gewölinlichen zerenioniösen Wesen gereicht, das iielien den 
zerrissenen Kleidern des i<redenzenden Kawasen und dem ärmhchen Räume für 
ein occidentales Menschenkind lächerlich erschien. Trotz alledem sass es sich 
ganz geniiitlich in der- kühlen Stube, während draussen heisse Sonnenglut auf 
Raskas nackten Bergen und weissgetünchten Häusern lagerte. Mit Satjir Effendis 
Erlaubnis machten wir es uns bequem, und des Sängers Reim passte bald 
vollkommen auf unsere Situation: 

„Traut dem Aut;' kaum, da er sieht heim Becher 
Serb' und Türk' in hriiderhcher Eintracht!" ') 

„Schreibt, soviel Ihr wollt," meinte Satjir, als ich ihn bat, eine Skizze von 
Raska nehmen zu dürfen, das, durch die Fensterluke gesehen, wie ein umrahmtes 
Bild vor mir lag. „Schreibt auch mich ab, wenn Ihr Lust habt," setzte er freund- 
lich hinzu. Gesagt, getan! Der Leser weiss nun, wem er das Bildchen dankt, 
das ihn mit der Quarantäne Raska und dem türkischen Zollamt Supanj bekannt 
macht. Eine ausführliche Schilderung der serbischen Quarantäne -Einrichtungen 
gebe ich bei Aleksinac (V. Kap.). 

Während die Kommission ihren Erhebungen für den Quarantänebau in Raäka 
eifrig oblag, fand ich erwünschte Müsse, das zuletzt gesammelte Material dort 
zu sichten und meine ins Stocken geratene Korrespondenz aufzunehmen. Die 
kühleren Nachniittagsstunden wurden zu Ausflügen auf die nahen Hüben benützt, 
während der Abend die ganze Gesellschaft zu Spaziergängen entlang den Steil- 
hängen am Ibar-Ufer oder nach den Auen der Raäka vereinigte. Gewöhnlich 
ward es Mitternacht, und erst die sinkende Mondscheibe mahnte uns, das luftige 
Cardaklager aufzusuchen, welches wir, durch Schlaf in milder Nachtluft zu neuer 
Arbeit gekräftigt, schon mit Sonnenaufgang verliessen. 

Oft lenkte ich meine Schritte nach dem hochliegenden Friedhof, wo eine 
verwüstete Kirche mit spitzwinkliger Chorapside auf eine ältere Niederlassung 
hindeutet. 1876 erbaute das nun über 700 Seelen in 120 Häusern zählende Bezirks- 
städtchen eine dem Erzengel Gabriel geweihte Kirche, zu deren Pfarre sechs 
Nachbarorte gehören. Auch die Einnahme seiner Douane stieg in den letzten 
Jahren und betrug 1906 über 8000 d, was wohl die besseren Strassen bewirkten. 

Am liebsten weilte ich aber in Raskas freundlichem Schulhause, das, an 
Serbiens Grenze gelegen, bis zum griechischen Artagolf auf vier geographischen 
Breitengraden die letzte Pflanzstätte occidentaler Zivilisation zu jener Zeit bildete. 
So oft ich den zur Schule führenden Steilpfad hinanstieg, drängte sich mir dieser 
Gedanke auf. Wenn ich dann, am kleinen Glockenstuhl neben dem Schulhaus 
ausruhend, auf das junge, aufblühende Grenzstädtchen blickte, das diesem sterilen 
Boden entstiegen war, gedachte ich unwillkürlich des günstigen Einflusses 
christlich-zivilisierenden Regiments, der sich hier, gegenüber fanatisch dumpfer, 
jedem Fortschritt feindlicher Koranswirtschaft, glänzend dokumentierte. Man liebte 
es, der türkischen „Rajah" gern vorzuwerfen, dass sie ohne jeglichen Wissensdrang, 



') Kappers Gesänge der Serben, I. Bd. Leipzig 1852. 



42 



Diircli das Raskatal zimi Nnvi Pazar-Dofilee. 



nach Errichtiiiifi; von Biltliinj^sanstaltcn kein Verlangen trage. Unleugbar gah es 
Fälle, welche diese Meinung begünstigten; betrachtete ich sie jedoch näher, so 
ergab sich meist, dass mit der Pforte verbündete fanariotiscii-griechische Bischöfe 
sie verschuldet hatten. 

In meinem „Donau-Bulgarien und der Balkan" nannte ich diese hohen 
kirchlichen Würdenträger, welche mit ihren Funktionen auch weltliche Ämter 
verbanden, „geistliche Paschas" im schlimmsten Begriffe dieses Wortes; denn sie 
teilten sieh mit ihren türkischen Amtsbrüdern in die Ausbeutinig der von dem 




SUPANJ. Türkischer und serbischer Zollbeamter. 



Ökumenischen Patriarchen von ihnen auf Spekulation gepachteten Rajah, und da 
unwissende Schäflein am leichtesten zu scheren, hintertrieben sie die Errichtung von 
Schulen in jeder Weise. Auf die Schulbänke des kleinen serbischen Ra§ka sendete 
jedoch die jenseitige Christenheit ihre Kinder, als unwiderlegbaren Protest gegen die 
erwähnte, ihr angedichtete Beschuldigung. Die kleinen Rajahabkömmlinge werden 
im Schulgebäude für den Sommer untergebracht und kehren im Winter zu ihren 
Angehörigen zurück, welche für sie zu bestimmten Terminen Kleider, Wäsche, 
Lebensmittel usw. im Kastell niederlegen. Zwei Stuben im Erdgeschoss des 
Schulhauses dienen zur Aufbewahrung dieser Vorräte; jeder Knabe besitzt ein 
eigenes, in grossen Wandschränken befindliches Kästchen; die Kosten für Unter- 
richt und Obdach trägt der serbische Staat. 



Durch das Raskatal zum Novi Pazar-Defilee. 43 

Icii freute iiiieh des sichtbaren Eifers, mit dem die bosniscli-scrhisciien 
Sprösslinge den Vorträgen ihres jungen Lehrers folgten. Vermögendere senden aber 
ihre Söhne, je nach der Nationalität, auf die höheren Schulen Griechenlands, 
Serbiens oder nach Oesterreich, Deutschland, Belgien und F- rankreich, da sich 
der Unterricht in ihren, unter fanariotischer Aufsicht stehenden Städteschulen auf 
die elementarsten Kenntnisse beschränkte. Also nicht die Rajah, sondern die ihr 
vorgesetzten, ihrer Nationalität fremden weltlichen und geistlichen Paschas waren 
anzuklagen, wenn man von der unglaublich niedrigen Bildungsstufe der türkischen 
Christenheit spricht, und deshalb erhob ich wiederholt meine Stimme für ihre 
endliche Befreiung von der fanariotisch-geistlichen Vormundschaft. 

„Ja sam iz Pribakove" (ich bin aus Pribakovas Gebiet), äusserte ein Pandur, 
der uns auf dem Ausflug nach Novi Pazar begleiten sollte. Er war mir 
durch seine Schönheit aufgefallen, und dies will viel in einem Lande sagen, 
dessen Männer sich meist durch körperliche Vorzüge auszeichnen. Die Land- 
schaft „Pribakova" traf ich nie zuvor auf alten oder neuen Karten; ich durchlief 
auch vergebens die Namenreihe der einst in diesen Gegenden angesiedelten 
altsiavischen Stämme. Die Raskaer Beamten erklärten mir endlich lachend, dass 
es eine Nahija „Pribacka" allerdings weder geschichtlich noch topographisch 
gäbe; jenseits des Ibars bezeichne man aber den Jo.sanicaer Bezirk so, weil ihm, 
seit er serbisch, ein Kapetan Pribak vorstehe, der beim Volke ungemein populär 
und als „Gospodar" (Herr) jenes Landstrichs betrachtet werde. 

Der Zufall wollte es, dass der genannte Souverän nach Raska kam, 
um mit dessen Kapetan eine gemeinsam zu kombinierende Jagd auf die Grenze 
unsicher machende bosnische Heiducken ins Werk zu setzen. Da sah ich nun 
leibhaftig einen jener Kiiezen vor mir, die nach der Türkenherrschaft in Serbiens 
Verwaltung sich teilten. Schon seine äussere Erscheinung war imponierend. Das 
reiche Nationalkostüm, gehoben durch den glänzenden VVaffenschmuck, der 
obligate Krummsäbel an mit Goldquasten gezierter Achselschnur, die silber- 
ausgelegten Pistolen, die vielen zum Anzug eines rechtschaffenen Altserben 
gehörenden blinkenden Patronentäschchen, Feuerstein, Ladestock, Oelfläschchen, 
Tabaksbeutel, rückwärts und an der rechten Gürtelseite mit Schnüren befestigt, 
wirkten blendend. 

Wahrlich, wenn Kapetan Eilip Pribakovic mit seinem Cibuk majestätisch 
eintrat, bildete er stets den stattlichen Mittelpunkt unseres Kreises, und es wurde 
seinem modernen Raskaer Amtshruder in der nüchternen blauen Beamtentracht 
schwer, sich neben ihm zu behaupten. Mit wahrer Verachtung sah „Gospodar 
Pribak" auf alles Fremdländische, besonders auf alles Gedruckte herab. Viel- 
leicht hatte er gehört, dass die Buchdruckerkunst eine „schwäbische" Erfindung 
sei; vielleicht, und aber wahrscheinlicher — weil er nicht lesen konnte. Was 
kümmerte sich „Kapetan Pribak" auch um geschriebene oder gedruckte Gesetze, 
mochten ja auch seine erst kurz zu Serbien gehörenden Pribaker kaum wissen, 
dass solche existieren. Die Regierungsbefehle kamen ihm ohnedies durch den 
die Schreibgeschäfte besorgenden Pisar zur Kenntnis, und im übrigen schaltete 
er, die Existenz eines „römischen Rechts" gewiss nicht, jene des von Tkalac 



44 



Durch das Raskatal zum Novi Pazar-Defilee. 



trefflicli beleucliteteii „serbischen" schwerlich aiinend, einzig nach dem von Gott 
in jede Mcnsciienbrust gesenkten Gesetzbucii. Traf er auch nicht immer das 
Richtige, denn es stak noch ein gut Stück Türkentum in dem Manne, so war 
„Gospodar Pribak" trotzdem der populärste Mann in seiner Nahija. Kein Bauer 




Rlip Pribakovie, 30 Jahre 
Kapetan von Josanica. 



Michailo Petrovic 
Kapetan von Raska. 



Alter und neuer Kapetan. 



zog an Pribaks Hof vorüber, ohne dort „für den Segen" (guten Verkauf) einen 
zurückbehaltenen Sack Erdäpfel oder Mehl, eine Gabel Heu, einen Laib Käse usw. 
abzuliefern oder eine Cutura Wein in dessen Fass zu schütten. Der Kapetan 
war in dem Masse geachtet, dass ein „Pribaker" nur selten vor den höheren 
Behörden erschien. Pribak vertrat alle Instanzen und schlichtete die Streite seiner 
Untergebenen endgültig, selbst ihre kirchlichen. 



Durch das Raskatal zum Novi Pazar-Defilee. 45 

Für die über solches Re{j;ieren ohne alles Paragraphentuni erstaunten Leser 
sei hier gleich zur Beruhigung liemerkt, ciass die der ersten Karadjordjeschen und 
Miiosschen Epociie angehörenden Nacalniks und Kapetane, selbst bis zu Fürst 
Mihails Regierungsantritt, nur noch ausnahmsweise in einigen Grenzbezirken 
fungierten und später durch Beamte der „neuserbischen" Schule, ich weiss nicht, 
ob immer zum Vorteile der Regierten, ersetzt wurden. Fürst Mihail klagte mir 
wiederholt, dass der junge Beamtennachwuchs nur selten seinen uuhhncinenden 
Absichten entspräche. Die Ursache lag in dem verfehlten System zur Heranbildung 
tüchtiger Staatsdiener, von dem ich noch sprechen werde. 

Der Kapetan von Raäka und ein stattlicher Reitertrupp begleiteten mich 
auf dem Ausflug in das Defilee von Novi Pazar. Auch die Mitglieder der 
Baukommission wollten einen Blick in das ehemalige „Stara Srbija" (Altserbien) 
werfen und schlössen sich mit ihrem Pandurentross uns an. Wir zogen durch 
die langgestreckte Raska-Talrinne, welche gewiss einen Flügel der Moravabahn 
nach Novi Pazar aufnehmen dürfte, und kreuzten mehrere ihrer Queradern, 
unter diesen die ziemlich starke Trnava. Der abwechselnd auf serbischer 
und türkischer Seite sich ausweitende Uferrand wird von massigen, dünn 
bewaldeten Hohen (250-450 m) begrenzt und erscheint oft fleissig kultiviert. 
Gegenüber der serbischen Karaula Draganice sahen wir besonders schöne 
Gemüsegärten. 

Nur wenn man an den Druck denkt, unter welchem die Rajah seit Jahr- 
hunderten lebte, durfte man die Periode der türkischen Herrschaft auf der 
Balkanhalbinsel die „eiserne" nennen; dieses Epitheton gilt jedoch nicht im 
engeren Sinne des Wortes. Gäbe es in der Türkei statistische Daten über den 
Verbrauch des Eisens, welches in der Entwickelung unseres Weltteils eine so 
wichtige Rolle spielt, so würde man sehen, dass sie bisher an dessen Gewinnung, 
Bearbeitung und Verbrauch sich am wenigsten beteiligte. Von dem antedilu- 
vianischen Pflugniesser, der Sichel und Sense abgesehen, sind an den übrigen 
landwirtschaftlichen Geräten nur selten Eisenteile zu entdecken. Als wir bei 
Nosoljin vorüber kamen, sah ich eine Egge, deren Spiesse bürstenartig ein- 
gezogene Dorncnbüschel ersetzten, und linch befanden wir uns auf einem Boden, 
der, wie verlassene Schachte und Eisenschlacken bei dem Rudno, Riljin Do, Binici, 
Zeleznica bewiesen, unter den serbischen Zaren eine reiche metallurgische 
Ausbeute gab. Auch im nördlicheren Teile des Kreises läuft die traditionelle 
Sage, dass am Fusse des Troglav im Mittelalter grosse Schmiedewerkstätten sich 
befanden. Unter der Türkenherrschaft diente das Eisen nur als Waffe. Die uns 
umschwärmenden Panduren trugen kleine Arsenale in ihren Leibgürteln und 
würden diese so wenig, wie die auf dem jenseitigen Ufer mähenden Bosniaken 
gegen irgendeine noch so nützliche Ackerbaumaschine vertauscht haben. Wozu 
würde eine solche im Kampfe nützen? Und dass es bald wieder einmal zu 
diesem kommen müsse, war dem herrschenden, wie dem unterjochten Teile voll- 
kommen klar. Zu was also an eine bessere Bewirtschaftung des Landes denken? 
Würden ja die vermehrten Erträgnisse doch nur in die Tasche der requirierenden 
Türken fallen! So räsonnierte die Ackerbau treibende Rajah. 



46 Durch ilas F^askatal /.um Novi I'azar-Dt'filcc. 

Ein in unregelniässigen Serpentinen aufwärts strebender Steiiweg hrachfe 
uns dureli jungen Wald vom letzten Blockhaus an der Raska zum 390 m hohen 
Kamm, auf dessen gewellter Kuppe ein durch lebende Hecken verstärkter 
Palisadenzaun die serbische Grenze am linken Ibarufer markiert. „Herr" — 
meinte der Kapetan — „nehmt nun das Fernrohr, und Ihr werdet Novi Pazar so 
gut sehen, als wären wir hingegangen." Er hatte recht. Ohne mich Unannehm- 
lichkeiten seitens des fanatischen Stadtpöbels auszusetzen, welcher 1843 den 
englischen Konsul Paton zur schleunigsten Flucht nach Ra.ska zwang'), sah ich 
SW. das Defiiee von Novi Pazar reliefartig vor mir. 

Von N. und S. ziehen kahle und bewaldete hohe Sporne der serbischen 
Golija-Planina des türkischen Pester (Gebiet) und Rogozna-Planina zur Raska 
hinab, deren pittoreskes und archäologisch bemerkenswertes Tal voll interessanter 
Erinnerungen für das Serbenvolk sind. W. vom nahen sanften Querschnitt bei 
Panojevici befindet sich die gewiss schon den Römern bekannte Therme 
„ilidza" (Banja), etwas weiter, im linksuferigen der Dezeva stand die gleich- 
namige Stadt, in der König Dragutin dem Throne entsagte (III. Bd., Kap. 111), 
und unfern sieht man das Kirchlein Sv. Petar (Petrova crkva), das nach 
einem Chronisten den Mittelpunkt eines bedeutenden Gemeinwesens bildete, 
vielleicht der Residenz Ras des altserbischen Zupanen -Geschlechts Nemanja. 
Eine westliche Höhe krönen die Reste des traditionell von Zar Dusan gestifteten, 
heute als Pulvermagazin dienenden, berühmten Klosters „Djurdjevi Stubovi" 
(Georgssäulen). Gegen SW. erweitert sich das Tal zu einem von nackten 
Höhen umschlossenen Becken, auf dessen 388 m hoher Sohle ich Novi Pazars 
Schloss und die Minaretts seiner 17 Dzamien trefflich unterscheiden konnte. 
Westlicher liegt die Ruine des von Stefan Uros 1. gestifteten Klosters Sopocani, 
und südlich von diesem jene des Schlosses Jelec. Den Hintergrund des stark 
kultivierten Planes füllten die schneebedeckten 1600 — 2500 m hohen Ketten der 
Herzegowina und seit undenklichen. Zeiten ihre Unabhängigkeit behauptenden, 
nur nominell dem Sultan Untertanen Stämme Kuci (besonders Drekalovici und 
Vasojevici), welche seit 1878 zu Montenegro gehören. 

1868 schrieb ich über das später vielgenannte Novi Pazar in meinem Serbien: 
„Novi Pazar ist eine der wichtigsten militärischen Positionen der europäischen 
Türkei. Es ist sozusagen der Schlüssel, der ihr die Verbindung mit Bosnien 
offen hält. Denselben zu gewinnen, erscheint für jedes gegen Albanien oder 
Makedonien operierende Heer unerlässlich. .Schon zur Römerzeit soll hier das 
feste Asinae gestanden haben. Auf seinen Mauern entstand das altserbische 



') Obschoii kii .sulbst in Zvoniik, Pirol und Nis von den türkischen Autoritäten 
verhaftet wurde und während meiner 18 Balkanpassagen oft genug mit dem Misstrauen der 
Türken zu kämpfen hatte, halte ich es für ungerechtfertigt, sich über derartige unangenehme 
Reiseerlebnisse zu beklagen, seit neuestens Deutsche und Franzosen, Russen und Oester- 
reicher Leute sofort verhaften, welche beim „Aufschreiben" von befestigten Orten bemerkt 
werden. Misslich ist nur, dass die Türken zwischen militärisch ganz bedeutungslosen alten 
Mauern und wirklich wichtigen Festungswerken keinen Unterschied machen; lobenswert 
aber, dass die Prozedur rasch erledigt wird 



Durch das RaSkatal zum Novi Pazar-Üufilce. 47 

„Trgoviste", der von 1346—1459 oft erwähnte wichtige „Marktplatz" mit ragusa- 
nischer Kolonie, der von den Türken „Jeni Pazar" (Neumarkt) umgetauft wurde. 
Zweimal gelangte Novi Pazar in österreichischen Besitz. 1689 eroberte es mit ganz 
Alt-Serbien Graf Piccolomini in raschem Siegeslauf, doch schon im nächsten Jahre 
nahm der Grossvezier Köprülü (Cuprilic) es wieder. Fiyifzig Jahre später sollte der 
tüchtige k. Oberst Lentulus, den wir schon zu Beginn des Feldzugs 1737 kennen 
gelernt (1. Bd., S. 500), einem durch den serbischen Klerus vorbereiteten Rajah-Auf- 
stand Luft machen. Auf Seckendorfs Befehl brach Lentulus mit einem Regiment 
Husaren und 200 Dragonern auf, nahm Krusevac, Kraljevo, Pozega und sandte 
ein Detachement gegen Novi Pazar ab, um durch dessen Besetzung die Verbindung 
zwischen den in Bulgarien und Bosnien operierenden Kaiserlichen herzustellen." 

Die gleichzeitige Schilderung des dreijährigen Krieges (1737 — 1739) vom 
gelehrten Novier Kadi Omer Effendi ') erzählt: „Wie bald aber die Insassen 
besagten Schlosses zu vernehmen bekamen, dass der Haufe der Ungläubigen 
gegen erwähntes Jeni Pazar sich nahe, fingen ihre sonst standhaften Füsse zu 
zittern an." Über die Beteiligung der Rajah an dieser und anderen Waffen- 
taten schreibt er: „Die kaiserliche Aufforderung zum Aufstand erging an die in 
dem daselbstigen Gebirge wohnhaften, von der albanesischen Nation lierrührenden 
Klementiner (Katholiken) und mehr anderes mit den Albanesern durch Verwandt- 
schaft verbundenes Raubgesindel, welches sich auf die Spitzen und Gegenden 
der Berge ihren Aufenthalt genommen und verschanzt hatte, welche sich dann 
auch insgesamt, zufolge der ihnen schon angeborenen Ruchlosigkeit, zu dem 
Glaubens- und Religionsfeind schlugen, mit ihm gemeinschaftliche Sache machten, 
unter den wahren Gläubigen Tod und Verwüstung stifteten, und auf solche Art 
alle Zugänge und Wege, wodurch man sowohl nach Bosnien als von Bulgarien 
kommen kann, besetzten und sperrten." 

Eingelullt durch anfänglich leichte Siege, liess Seckendorf den Türken Zeit, 
ihre Energie wiederzufinden. Der Verlust von Nis und Novi Pazar entschied aber 
den unglücklichen Ausgang des Feldzugs für Österreich. Es fehlte allerorts an 
Munition, am unentbehrlichsten. Lentulus hatte in Novi Pazar nur 7 unbrauchbare 
Kanonen gefunden. Zweimal schlug er den Sturm der Türken auf seine Schanzen 
zurück. Ein zur Verstärkung heranziehendes Detachement verliess unglücklicher- 
weise die ihm durch den Bischof von Prokuplje bezeichnete Route. Es wurde 
von 2000 Türken überfallen, büsste seinen Führer und viele Mannschaften ein; 
nur 250 von dem tapferen Rittmeister Nischlmeissel gesammelten Dragonern gelang 
es, beinahe gleichzeitig mit unter Graf Thürheim über Razanj heranziehenden 
300 Mann Infanterie glücklich Novi Pazar zu erreichen. 

Endlich begann man im Hauptquartier die grosse Wichtigkeit des Defilees 
von Novi Pazar zu würdigen; wie überall, vereitelte aber auch hier die schlechte 
Organisation der Verpflegsanstalten die rasche Durchführung der gegebenen 
Befehle. Am 6. August verliess General Schmettau das Lager vor Nis, um über 
Prokuplje die Verbindung mit Novi Pazar herzustellen; doch schon aus Kur§umlje 

') Übersetzt von joh. N. Üulxsky, k. k. üolmetseh. Wien 1789. 



48 Durcli das Raskntal zum Novi Pazar-Defilee. 

meldete er, dass auf dem stanzen Wei^e die Dörfer verlassen und weder Brot 
noch Fourage aufzutreiben seien. Am 9. traf er in Badajova ein, wo sich ihm 
4000 serbische Milizen anschlössen. Wie er berichtete, fehlte es an jeder Nach- 
richt über die feindlichen Bewegungen. Anstatt mutig über Podujevo und Vucitrn 
vorzugehen, zögerte er utid verlangte eine Verstärkung von 6 Kanonen und 
3000 Mann. Brotmangcl zwang ihn endlich, das ganze Unternehmen aufzugeben; 
über Kursumlje ging er nach Prokuplje zurück. Nur ein Detachement unter Graf 
Festetics, bestehend aus 600 Mann Kavallerie und Infanterie mit den von Lentulus 
dringend verlangten Bäckern, Chirurgen und Arzneien, gelangte glücklich nach 
Novi Pazar, dessen Lage sich immer bedrohlicher gestaltete, in Mitrovica und bei 
Pec sammelten sich die Türken bereits in ansehnlicher Stärke. Die aufständischen 
Klementiner und Serben hielten wohl noch immer treu zur kaiserlichen Sache, 
unterstützten den Major Grafen Dann bei der Einnahme der von 500 Türken 
besetzten Schanze von Sjenica und griffen wiederholt die Arnauten mit Glück an. 
Das siegreiche Vordringen der Türken erfüllte jedoch bald, die arme Rajah mit 
Schrecken. Weder Lentulus noch Novi Pazar schienen ihr genügenden Schutz vor 
der Rache ihrer mit Macht heranziehenden Zwingherren zu bieten, und durch eilige 
Flucht in unzugängliche Wälder oder auf hohe Berge suchte sie sich zu retten. 

Über den Fortgang des Feldzugs erzählt der türkische Chronist Omer: 
„Zu gleicher Zeit setzte auch das im Temesvarer Banat gestandene ungläubige 
Kriegsheer über die bei dem Dorfe Rani auf der Donau geschlagenen Brücken. 
Hierdurch wurden also beide diese verfluchte Haufen mitsammen vereinigt und 
der Schwiegersohn des bösen Kaisers, Herzog von Lothringen, übernahm über 
diese gesamte konjungierte Armee das unselige Ober-Kommando." Lentulus erhielt 
den Befehl, Novi Pazar zu schleifen und nach Cossumblia (Kursumlija oder 
Kursunilje) zur Herstellung der Verbindung zwischen dessen Redoute und Procopia 
(Prokuplje) zurückzugehen; seine Ausführung war aber höchst wahrscheinlich 
unmöglich geworden, denn Lentulus stand im September vor Uzice. 

Die hohe strategische Wichtigkeit der Novi Pazarer Position hätte jede andere 
europäische Macht veranlasst, dort ein schwer einnehmbares Fortifikationswerk 
zu schaffen; türkischem Fatalismus genügte aber das viertürmige mittelalterliche 
Schloss mit verschüttetem Graben inmitten der Stadt, das in gefährlichen Zeiten 
allerdings durch einige Schanzen gegen die serbische Seite hin verstärkt wurde. 
Nichts war unter solchen Verhältnissen erklärlicher, als die stete Sehnsucht der 
Serben, sich dieser schlecht gehüteten, wichtigen Stadt zu bemächtigen, um endlich 
über die eingeschobenen moslimischen Elemente hinweg mit ihren montenegrinischen 
Stammesbrüdern dem Türkenregiment in „Altserbien" ein Ende zu machen. 

Die Rajah konnte es nicht vergessen, dass Karadjordje von den nahen 
östlichen Höhen 1809 seine Scharen gegen Novi Pazar geführt, und wenn sie es 
konnte, würden doch immer die Hochebenen von Sjenica, auf welchen die 
Nemanjidenherrscher in einem Schlosse residierten und die Lateiner starken Handel 
mit ihnen trieben, sie daran erinnern, dass diese Zupa 1809, wenn auch kurz, 
in ihren Händen war. Der Rajah galt es als Evangelium, Serbien werde 
bald wieder das 1809 durch die unglücklichen Ereignisse vor Nis (VI. Kap.) 



Durch das RaJkatal zum Nnvi Pazar-Defilee 



49 



unterbrochene Befrciun^svverk aufnehmen. Von den Hiihen der Nahija Moraca 
durcli die Täler des Plasnica und der Tara waren 18t)9 die leichtfiissigen Bewohner 
der schwarzen Berge, vereint mit den Insurgenten von Drobnjak und Kolasin, nach 
Sjenica geeilt, um Karadjordjes siegreiche Trikolore mit Freudenschüssen aus 
ihren langen Flinten zu begrüssen. Viele, oft verheissungsvolle Monde verflossen 
auch seit dem Tagei an dem meine serbischen Begleiter angesichts des von 
unserem hohen Standpunkte sichtbaren Novi Pazar die Frage an mich richteten: 
„Wann werden wir endlicii in die Stammsitze unserer Vorfahren wieder einziehen?" 




SOPOCANI. Kirche und türkischer Urcrijpostcn in Allscrhicn 



Da kam das Jahr 1S76 voll trügerischer 
Hoffnungen. Seine ersten Julitage sahen den linken 
Flügel des die „Javor-Armee" kommandierenden 
Generals Zach, geführt von dem populären Obersten 
Colak-Antic, im Raskatal gegen Novi Pazar sich 

ausbreiten, doch wurden die montenegrinischen Falken diesmal vergebens 
erwartet; Fürst Nikola kämpfte im eigenen Interesse in der Richtung auf Mostar, 
um sich der langersehnten Herzegowina zu bemächtigen. Die serbischen Geschütze 
beschossen wohl die türkischen Werke westlich der „Djurdjevi Stubovi" und 
am Brückenkopf, doch ohne sie wesentlich zu schädigen; kleine Gefechte mit 
den öfters ausfallenden Besatzungstruppen und Basibozuks brachten den Serben 
andererseits nur geringe Verluste. 

Immerhin behaupteten sie das gewonnene Terrain im Raäkatal länger als 
im Drina-, Timok- und Moravagebiet. Ein Streifkorps wurde sogar gegen 
Mitrovica entsendet, war jedoch viel zu schwach, um es zu nehmen oder die 

F. KAN'ITZ, Serbien. M. 4 



50 Durch das Raskatal zum Novi Pazar-Defilee. 

Aiisladuiifj der türkischen Nachschübe in der stark besetzten Bahnstation zu 
verhindern. Nacii Coiak-Antics Berufung an die Stelle des durch Mehenied Ali 
zurückgedrängten verwundeten Generals Zach zum Kommando auf dem Javor 
(I. Bd., S. 579) unterblieb hier vollends jede grössere Aktion. Erst im Oktober 
kam es zu kleinen Gefechten mit dem aus seiner trefflichen Stellung hervor- 
brechenden Gegner, und nach wie vor blieb der Schlüssel zum Golf von Salonik 
in türkischer oder richtiger in arnautischer Hand. Denn die Albanesen sind es, 
welche die Macht im Novi Pazar-Becken an sich gerissen haben. Erst im September 
1894 zeigten sie dies, indem mehrere Tausende Sjenica blockierten und dagegen 
' protestierten, dass statt des zehnten der achte Teil der Ernte als Steuer erhoben 
werde. Der Mutessarif entfloh, die Kaufleute sperrten ihre Läden, die Einwohner 
schlössen sich in ihre Häuser ein. Der Platzkommandant, Major Ejub Bey, traf 
energische Massregeln, um die Amanten im Zaume zu halten und suchte um 
Verstärkungen nach. Truppen unter dem Kommando Jussuf Pa§as gingen aus 
Novi Pazar zum Schutze der bedrohten Stadt ab; doch erst, nachdem die 
Forderungen der Aufständischen erfüllt waren, herrschte wieder Frieden in diesem 
Teile des „Arnautluks". 



I 




Auf der Spitze des Kopaonik. 



III. 



Vom Ibar über Josanica auf den Kopaonik. 



DIE Ersteigung des Kopaonik, des höchsten Berges zwischen der Save SO. 
bis zum Ballon, bildete den nächsten Programmpunkt meiner Reise. Ami 
Boue hatte vor mir diese Partie von Kruäevac über Brus gemacht, der 
Afrikaner Barth von der aitserbischen Seite; ich wollte aber die an seinem 
Nordfuss liegende berühmte Therme Josanica gleichzeitig kennen lernen und 
wählte deshalb dieses zum Aufstiegspunkt. 

Unsere kleine Karawane bestand aus dem Kapetan Mihail Petrovic von 
Raska, — jenen der „Pribacka Nahija" hielten dringende Geschäfte zurück — aus 
dem Ingenieur Klinar, der trotz langer Trennung von Frau und Kind mir dieses 
weitere Opfer brachte, und einigen Panduren. Nördlich von Raäka überschritten 
wir den durch starke Zuflüsse stark geschwellten Ibar. Fühlbarer Mangel an 
Brücken ist eins der schlimmsten Übel für den Verkehr über diesen 234 km 
langen, davon 103 durch Serbien laufenden Fluss. Die serbische Regierung fühlt 
deren Notwendigkeit und arbeitet emsig an ihrer Vermehrung. 



52 



Vom Ibar über JoSanica auf den Kopaonik. 



Wir hatten vollauf zu tun, unsere mit der starken Strömung kämpfenden 
Pferde durch die tiefe Ibarfurt zu bringen. Unsere Panduren flehten den Wasser- 
gebieter Sv. Nikola um Hilfe an. Ein Kilometer südlich steht das ihm geweihte 
Kloster am türkischen ibar, über welches Ruvarac interessante Daten veröffentlichte. ') 
Ohne durch das feuchte Element besonders gelitten zu haben, fanden wir uns 
auf dem rechten Ufer zusammen. Zuerst ging es über schönes Wiesenland, dann 
auf gutem Reitweg durch prachtvollen Laubwald über massig hohe Berge wie in 
einem englischen Park. Hinter Rvati näherten wir uns in langgestrecktem Bogen 
den zum Teil entwaldeten Höhen von Pavlica. Beide Orte und auch das 



'y'rf'^i 






— -V ^ -"^^ 




PAVLICA. Ansicht der Kirche. 



nördliche Piskanja sollen ihre Namen dem Marko Kraljevic danken, welcher auf 
dieser Route, nach Kosovo ziehend (?), guten Wein suchte und ihn zu Rvati 
fand. An dem nach Pavlica sich hinabsenkenden Wege stiessen wir auf die 
vereinsamte Ruine einer alten Kapelle mit drei vorspringenden Apsiden an der 
Ostseite und ziemlich gut erhaltenen Fresken, doch ohne jedes kunsthistorische 
Interesse. Vor der Mehana begegneten wir dem Popen; freundlich lud er uns zu 
kurzer Rast ein, und wir nahmen ein Glas Wein und stiegen unter seiner Führung 
zur Kirche von Pavlica hinauf. Jenseits über dem tiefgrünen Ibar lag die auf 
dem Ritte nach Raäka geschilderte pittoreske Landschaft von Brvenik, südlich 
abgeschlossen durch eine in duftig graublauen Tönen verlaufende Bergkette. Das 
schöne Naturbild hielt mich fest, doch mein Forschertrieb siegte, ich schied von 
der des Pinsels eines Calame werten Szenerie und trat in den Narthe.x der Kirche. 



•) Zeitschrift „Karadzic", Aleksinac 1899, S. 14. 



Vom Ibar iiher Josanicn auf den Kopaonik. 



53 



Bis zum 30. Juni 1860, wo ich vom linken Ibarufer das jenseitige Kirchlein 
von Pavlica erblickte, halte ich nie von seiner Existenz gehört. Um so mehr war 
ich überrascht, vor einem wahrscheinlich dem 13. Jahrh. gehörenden Denkmai zu 
stehen, das längst schon wegen seiner Stilreinheit, seines harmonischen Verhältnisses 
und seiner tüchtigen Technik besondere Würdigung verdient hätte. In einem kunst- 
historischen Essay glaubte ich denn auch keinen gelungeneren Typus für die 
altserbische Bauepoche wählen zu können als die Paviicaer Kirche. ') Leider 
stört ihren sUmnuingsvollen Eindruck im Innern der kalkweisse Überzug des 




r.W'LlC.A. Injiercs iki I, 



Freskenschnuicks und der die Kuppel tragenden Marmorsäulen, welcher auch 
eine auf die Stiftung des Baues bezügliche Inschrift decken soll (?). Dass er 
jedenfalls vor der Kosovoschlacht (1389) entstanden, zeigt auch das alte prächtige 
Volkslied: „Zidanje Ravanice" -) (Der Bau der Ravanica), das keine der vielen 
Kirchen der späteren Lazariden nennt, aber unter den gepriesensten Stiftungen 
der Nemanjiden „i Pavlicu ispod Jadovnika" (und Pavlica unter dem Jadovnik- 
berg) rühmt. Traditionell wird andererseits erzählt: Die „Preprata" (Narthe,\) habe 
Filip Latin, ein Mann katholischen Glaubens, gelobt und erbaut, um in seinen 
Unternehmungen glücklich zu sein; der angefügte Glockenturm stamme aber aus 
noch jüngerer Zeit, was gleichfalls meine Untersuchungen bestätigen. (III. Bd., 
Kap. XVIH.) 



') Über alt- und neuserbische Kirchenbaukunst, Sitzungsber. d. k. Akad. d. Wiss. 
Phü. bist. Cl., Bd. 45. Mit 2 Tafeln. Wien 1864. 

-) Vuk, Srpske narodne pjesme, I, 205. Belgrad 1887. 



54 



Vom Ibar über Joäanica auf den Kopaoiiik. 



Interessant sind einige im Estrich der Kirche eingelassene alte Grabsteine durch 
die originelle Darstellung der Verstorbenen, deren Andenken sie bewahren sollen. 
Der grösste Stein gehörte wohl einem Priester, darauf deutet das liturgische 
Kleidungsstück des Dargestellten hin; ob es das gewöhnliche Epitrachilion oder 
das Omophorion der Bischöfe, ist schwierig zu entscheiden. Letzteres möchte 
ich eher annehmen, da die Binde in einen einzelnen Bandstreif verläuft; die 
Kopfbedeckung ist aber zweifellos das mönchische Kamilauchion, dessen sich auch 
die Bischöfe bedienen. Schwer zu erraten ist der Stand jener Person, welche 
ein Kreuz auf der Stirne und ein zweites am Halse zeigt. Gehört der bartlose 
Kopf einem Diakon oder vielleicht einer Nonne an? Der dritte Grabstein 
verewigt wahrscheinlich einen Krieger; der Schnurrbart gibt dem Kopfe ein 
martialisches Aussehen, und unter 
diesem erscheint sein Ross mit auf- 
gelegtem Schwert. Das Figuralische 
aller drei Steine besteht aus von 
beiden Seiten mühsam freigeschnittenen 
Konturen; die Schlingblattranken der 
Randstreifen liegen aber reliefartig auf 
dem wenig vertieften Grunde. Das 
Technische der Skulpturen erinnert 
im ganzen mehr an assyrische und 
ägyptische Arbeiten als an das antike 
Relief; obschon ohne höheren bild- 
nerischen Wert, halte ich diese Steine 
— die einzigen bis 1860 gekannten 
Serbiens — von hohem Interesse für 

dessen ältere Kunst. Nach von mir 1888 in der nördlichen Gruza aufgefundenen 
ähnlichen mit Inschriften (I. Bd., S. 174) stammen sie vielleicht aus dem 
17. Jahrhundert. Die Steine sind unbeschrieben; vielleicht geben die Rückseiten 
über ihr Alter bestimmteren Aufschluss. Schon aus diesem Grunde wäre ihre 
Aushebung wünschenswert, wodurch man sie auch an eine Stelle übertragen 
könnte, wo sie weniger dem Verderben ausgesetzt wären. Leider begnügten 
sich die Herren Valtrovic und Milutinovic, welche 16 Jahre nach mir Pavlica 
besuchten, die Kirche flüchtig zu betrachten. Das „schlechte Wetter", welches 
sie hinderte, meine Aufnahmen zu vervollständigen'), hätte sie aber nicht abhalten 
sollen, etwas für die Rettung der interessanten Grabplatten zu veranlassen! 

Von Paviicas Höhen bog der Weg östlich ab, und vier weitere Stunden 
brachten uns nach dem berühmten Bade Josanicka Banja, dessen amphybolitischer 
Granit weither gerühmt wird. Dort begrüsste uns der Studenicaer iguman, der 
sich, während wir in Raska weilten, für einige Wochen zur Heilung alter gichtischer 
Leiden dahin begab. Josanicas von Herder mit 78" C. bestimmte Therme 
ist die heisseste in Europa, nur in Kleinasien gibt es eine gleich warme. Die 




Altstrbische Grabstelin:. 



') Glasnik. 47. Bd., 239. 



Vom Ibar über Josanica auf den Kopaonik. 55 

Hauptqiicllc entstrünit neben sieben kleineren in bedeutender Mächtigkeit dem 
quarzig- hnrnbiendigen Schiefer der Brezovica, hart am Westufer des Fkisses 
|o§anica, von welchem sie durch eine aufgeführte Mauer getrennt ist. Von ihrem 
Fassungspunkt läuft sie gänzlich mineralfrei, also Gastein ähnlich, durch ein Rohr 
in das einzige Steinbassin, dessen kleiner Wasserspiegel von einem höchstwahr- 
scheinlich türkischen niederen Kuppelbau überwölbt ist. Nur wenige Lichtstrahlen 
dringen in den selbst des bescheidensten Komforts entbehrenden Raum. Es ist 
kaum anzunehmen, dass unter den durch vollendete Einrichtung ihrer Badeanstalten 
berühmten Türken sich Josanicas Therme in gleich vernachlässigtem Zustande 
befand; wahrscheinlich wurden" ihre aus Holz errichteten Nebenbauten während 
der Freiheitskämpfe zerstört. Die gewiss schon den Römern bekannt gewesene 
Therme hat jedenfalls eine grosse Zukunft und ist auch dadurch interessant, dass 
hier die perennierende Monokotyledonpflanze „Ciperus vadius" und „C. niger" 
häufig vorkommt, die sonst nur bei Aachen im Rheinland gefunden wird. 
Nachdem ich ein erquickendes Bad genommen, beschloss ich, sofort nach dem 
Kopaonik aufzubrechen. Ich fürchtete den baldigen Umschlag der Witterung, den 
ein leichter Mondhof in der Vornacht ankündigte, und mochte nicht durch Zaudern 
die weite Fernsicht vom höchsten Punkte Serbiens verlieren. Der Pisar, dem 
mein Wohlergehen in der „Nahija Pribacka" von ihrem Kapetan auf die Seele 
gebunden war, teilte nicht meine ."Xnsicht. Gern hätte er mich in seinem netten, 
durch eine reizende Tochter verschönten Hause nach Serbenart bewirtet. Vielleicht 
scheute der nicht mehr junge Mann auch die wenig verführerische Aussicht, 
sein bequemes Bett mit einem Lager unter freiem Himmelszelt zu vertauschen. 
Ich bestand jedoch auf meinem Entschluss. Mit der Annahme von Cibuk, Slatko 
und Kaffee genügte ich serbischer Gastsitte, und gegen 6 Uhr ging es fort mit 
einem stattlichen Reitertrupp, dessen Tete der Pisar auf schmuckem Rösslein 
bildete. Den Raskaer Kapetan hielten die einladenden Fleischtöpfe im Pisarhaus 
zurück, nur der immer gefällige Ingenieur Klinar blieb weiter mein lieber Gefährte. 

„Boga mi, Gospodine!" (Bei Gott, Herr!) eröffnete der Pisar das Gespräch, 
als wir den gleich hinter Josanica beginnenden Steilpfad aufwärts klimmten, „ich 
höre, dass Ihr schon monatelang Serbien bereiset, um es kennen zu lernen; ich 
fürchte jedoch, unsere Nahija wird Euch nicht viel Merkwürdiges bieten. Sie ist 
arm an Menschen, reich nur an hohen Bergen und dichten Wäldern. Vielleicht 
macht Ihr aber zufällig gerade hier ungesucht die Bekanntschaft der viel besungenen 
Heiducken. Erst vor wenigen Tagen hörten wir, dass einige schlimme Bursche 
unsere Grenze nicht respektieren." — „Sind es Christen oder Türken?" frug ich. 
— „Herr, Christen sind es, doch glaubt nicht, dies ändere etwas in der Sache; 
der Heiducke macht keine Unterschiede zwischen Türk und Christ, er plündert 
beide." 

Ein mit Totschlag beendeter Streit im Dorfe, die Furcht vor der Rache 
eines durch Selbsthilfe beleidigten Begs, manchmal auch nur der Drang nach 
ungezügeltem Leben, vereinigen oft in den serbischen Grenzbergen, namentlich 
an der Drina, verwegene Menschen zu gemeinsamen, allen Gesetzen hohn- 
sprechenden Banden. 



56 Vom Ibar über Josanica auf den Knpaonik. 

Prächtig schildert ein Volkslied die Bildung eines solchen Heiducken- 
schwarms '): 

In die grünen Wälder flüchtet Mihat j Und daran als Reiher vierzig Federn, 

Ob des Begen Ljubovic Bedrückung, ] Roman, den bewährten Kampfgenossen, 



Flüchtet ins Gebirge, wird lleiducke. 
Schwarze Erde isst er da vor Hunger, 
Trinkt vor Durst den kühlen Tau der Blätter, 
Bis Gefährten er um sich versammelt; 
Bojac Vuk, den Sohn der eignen Schwester, 
Segavac, den angebornen Vetter, 
Ivo, Metropoljanin geheissen. 
Nisena. berühmt als kühner Führer, 
Vidoje, genannt das wilde Feuer, 
Pauk, als Heiducke grau geworden, 
Luka Strmogledja, der als Mütze 
Trägt die Felle zweier wilden Wölfe, 



Stega und den rabenschwarzen Gavran 
(Stega wacht, der schwarze Gavran bindet, 
Wen er bindet, dem wird eng das Herze!), 
Jerko, jenen Hirten auch des Waldes, 
Der die Keule trägt von Kornelholze, 
Dran allein das Holz wiegt sieben Oka, 
Neun jedoch die drei gewalt'gen Ringe. 
Da nun Mihat um sich sieht die Freunde, 
Spricht er zu den Freunden diese Worte: 
„Höret mich, o Brüder und Gefährten, 
Höret, was vor allem wir beginnen — 
Ziehen hin und plündern aus den Begen!" 



Der Heiduck wird zum Schrecken der Nachbarschaft. Er lebt im Kriege 
mit den Behörden und bleibt ihrem Arme oft unerreichbar, da er gleich dem 
ungarischen „szegeny legeny" (arme Bursche) auf entlegenen Gehöften durch mit- 
leidige Verwandte mit Lebensmitteln versehen wird und, wenn dort aufgespürt, im 
dichten Walde sichere Verstecke findet. Diese offene und geheime Unterstützung 
des noch aus der Türkenzeit mit einer Art romantischer Heldenglorie umhüllten 
Räubertums führte früher die serbische Justiz zu einer dem europäischen Rechts- 
gefühl fremdartigen Übung. Der Familie des flüchtigen Räubers ward nämlich 
ein beliebiges Glied entnommen, das bis zu seiner Einlieferung in Haft bleiben 
musste, und noch gegenwärtig wird manchmal die ganze Familie des Räubers in 
einen fernen Bezirk versetzt, damit ihm deren Schutz entzogen werde. Die 
Sympathie für abgeurteilte Verbrecher bestimmte oft nicht nur seine nächsten 
Angehörigen, sondern auch sein Dorf, die Behörden und, wenn dies nichts half, 
selbst den Fürsten in rührend abgefassten Bittschriften um den Straferlass zu 
bestürmen. Dies geschah so häufig, dass die Regierung auf der Preobrazenska 
Skupstina 1861 ein Gesetz einbrachte, welches der Verwendung von Gemeinde- 
siegeln für derartige Petitionen steuern sollte. 

Die uns in Aussicht gerückte Begegnung mit dem romantischen Heiducken- 
völkchen rief die Erzählung ernster und heiterer Abenteuer hervor, welche die 
„Helden der Waldgebirge" zum Gegenstand hatten. Ein Pandur rühmte den 
neben der Kirche zu Kriva Reka (NO. von Josanica) ruhenden Heiducken Radosav 
Jerac, zu dessen Bewältigung die Türken elf starke Leute dingten. Seine an allen 
Raubzügen bewaffnet teilnehmende Frau kaufte in Studenica eine 1 1 Mannssohlen 
lange marmorne Grabplatte, denn so riesig war seine Körperlänge (!). Unter derartig 
romantisch ausgeschmückten Räuberlegenden verfloss die Zeit rasch, und nach zwei- 
stündigem Aufsteigen erreichten wir auf einer üppig grünen Waldwiese die Scheide 
zwischen den mit rotfrüchtigem Wachholder, tatarischem Ahorn und anderen 
Laubbäumen bestandenen Vorbergen des Krtpaonik und seiner Nadelholzregion. 

') Kapper, Gesänge der Serben, I, 137. 



Vom Ibar über Joäanica auf den Kopaonik. 57 

„Hier lasst uns Hütten hauen", rief der Pisar den uns begleitenden, mit 
Lebensmitteln, Aexten, Brettern heladenen Bauern zu, und nun bot sich mir 
Gelegenheit, das angeborene Talent, die Beweglichkeit und den praktischen Sinn 
dieser einfachen Natursöhne neuerdings zu bewundern. Rasch verwandelten sie 
sich in wohlgeschulte Pioniere; wenige prüfende Blicke genügten zur Auswahl 
der zu fällenden Stämme, im nahen Walddickicht wurde der Klang arbeitender 
Aexte vernehmbar und bald erschienen die kräftigen Männer mit den vom 
Geäste befreiten Stämmen und vollendeten in kaum einer halben Stunde einen 
Bau, der uns Schutz gegen den Nachtfrost gewähren sollte, aber für eine Ewigkeit 
gezimmert schien; auch die kleinsten Lücken waren sorgfältig mit Laub geschlossen. 
50 Schritte entfernt erhob sich gleich rasch eine Hütte für unsere Pferde. Mit 
dem Einbruch der Nacht ward die Szene phantastisch-romantisch. Vor unserem 
Biwak brannte ein „lebendes" Feuer, das alle Schatten in riesiger Verlängerung 
weithin auf den Plan warf; nicht etwa Gezweige oder Äste nährten es, solch ein 
Feuer würde Serben nur wenig Freude gewähren, nein, ganze Stämme loderten 
in hellen Flammen bis zum frühen Morgen eiupor. 

Selten sah ich solchen Waldreichtum, aber auch solche Waldverderbung, 
wie in Serbien. Wohl 30 kräftige Stämme wurden unserem Biwak geopfert. 
Ähnliche schonungslose Missachtung des Waldes hat die einst baumreiche 
Provence, das früher gesegnete Aragonien, ja den grössten Teil Spaniens und den 
uns viel näheren österreichischen Karst in Wüsteneien verwandelt. Soll der 
Schützer aller menschlicher Wohlfahrt, der schon gegenwärtig in Serbien stark 
gelichtete Wald, nicht auch dort für künftige Generationen unrettbar verloren 
gehen, so müssen seine Staatsökonomen dieser wichtigen Frage die ernsteste 
Aufmerksamkeit widmen. Wohl wurde 1861 ein paragraphenreiches Gesetz 
„zum Schutze des Waldes" publiziert, damit war aber in einem Lande nichts 
getan, wo es an rationell wirtschaftenden Grossgrundbesitzern, an land- und 
forstwirtschaftlichen Vereinen, ja geradezu an jedem Organe mangelte, das diese 
Verordnung zu würdigen und ihr durch praktisches Eingreifen bei den Massen 
Eingang zu verschaffen verstand; sie blieb daher ein toter Buchstabe, denn wie 
der Pisar richtig meinte, scheitern die besten Massregeln an der zähen Vorliebe 
rfer Bauern für das Hergebrachte. 

Starres Festhalten am Alten ist jedoch überall heinusch, wo der erschwerte 
Verkehr mit weiter vorgeschrittenen Völkern diese Charakterzüge gewissermassen 
verknöchert. Ich erinnere an die 1856 in Tirol eingeführte Forstorganisation, 
welche trotz ihrer augenscheinlichen Nützlichkeit schon 1859, auf Andringen der 
sonst ihre Teilnahme am Feldzuge gegen Italien verweigernden Tiroler, wieder 
beseitigt werden musste. In ausserhalb des grossen Weltverkehrs liegenden 
Ländern ist es aber um so mehr die Pflicht einer vorsorglichen Regierung, mit 
Verzicht auf wohlfeile Popularität, durch Strenge unabweisbaren Forderungen des 
Staatswohls zum Siege zu verhelfen. Norwegen, dessen Bauernstand nicht weniger 
einflussreich und nicht minder vorurteilsvoll als der serbische ist, gibt nach dem 
Ausspruch des sächsischen Forstmannes Baron v. Berg ein lehrreiches Beispiel, 
in welcher Weise forstliche Verbesserungen eingeführt werden können. 



58 Vom lliar über Josanica auf den Knpaonik. 

Mit der neiiestens erfolj^tcn Anstellung eines Suniar für die aiisü;cdeiinten 
Waldungen am Kopaonik ist nichts getan. Zudem sitzt er meist in Brus und 
weniger auf dem Jelak. Von seiner dortigen Hütte macht er wohl Streifzüge, doch 
vermag er mit einigen ungeschulten Aufsehern das gewohnte Treiben der Bauern 
nicht zu hindern. Sowohl die nördlich vorherrschenden Tannenforste, wie die 
südlichen Lärchenwälder werden nach wie vor stark verwüstet; denn findet der 
Bauer sein Feld schlecht, brennt er, um nicht düngen zu müssen, den nahen 
Waldteil ab und bearbeitet diesen. 

Während unseres Gesprächs über den serbischen Wald waren des Pisars 
Söhne eifrig mit der Bereitung des Nachtessens beschäftigt. Neben dem mit- 
gebrachten Vorrat an Brot, Rahm, Käse, Eiern Hessen wir uns besonders die an 
Holzspiessen trefflich gebratenen Hühner munden. Das Klirren der Gläser, für 
deren Füllung mit Wein der Pisar aus einer riesigen Cutura eifrig sorgte, begleiteten 
serbische und deutsche Trinksprüche. Über den waldigen Hintergrund trat der 
Mond hervor, doch leider nicht mit dem strahlenden Glänze, der uns die Raskaer 
Nächte verschönte. Verdüstert durch leichte Wolkenschichten, verkündete sein 
breiter Hof nicht viel Gutes; trotzdem hofft man in solchem Falle auf einen plötz- 
lichen Wechsel, auf irgendeine günstige Luftströmung. Auch wir verloren unsere 
gute Stimmung nicht. Der Aufbruch wurde für die vierte Frühstunde beschlossen. 
Unsere Panduren und Bauern wollten, am hell lodernden Feuer die Pferde 
bewachend, den Anbruch des Tages erwarten. Ein vielstimmiges „laku noc" 
(leichte Nacht!) begleitete uns in das geräumige Laubzelt. 

Durchdringender Kälteschauer weckte mich lange vor der bestimmten 
Stunde; ich hüllte mich tiefer in meinen erprobten steierischen Lodenmantel; es 
half nichts; so suchte ich das Lagerfeuer auf, das seinen einladenden Schein in 
unser Zelt warf. „Imacemo magle!" Wir bekommen Nebel, lautete der untröst- 
liche Empfangsgruss der Wache haltenden Bauern. Die zunehmende Kälte hatte 
auch den Ingenieur und Pisar auf die Beine gebracht, und wir berieten, was 
unter den schlechten Wetteraussichten zu tun. Ich entschied mich für das 
Wagnis, denn schlimmstenfalls gedachte ich den Umschlag der Witterung in einer 
Karaula nahe dem Kopaonikgipfel abzuwarten. 

Es wurde gesattelt, und nachdem ein verlaufenes Pferd mit vieler Mühe 
aus dem Walddickicht geholt worden war, setzte sich unsere Karawane in Marsch. 
Schwarzer Kaffee, mit Rum gewürzt, wirkte erwärmend, und eine Galoppade über 
den tauigen Wiesenplan gab unseren vom Nachtfrost steifen Gliedern ihre 
Elastizität wieder. Bald unterbrach jedoch der Eintritt in das erste Nadelgehölz 
die willkommene Bewegung. Unser Weg blieb SSO. Die Passage wurde mit 
jedem Schritte schwieriger. Wir vertieften uns in einen Urwald, dessen Boden 
eine verwesende Baumgeneration bedeckte. Bald erschien es unmöglich, zu 
Pferde über die sich mehrenden Hindernisse wegzukommen; wir folgten dem 
Beispiel unserer Eskorte, sassen ab, führten die Tiere am Zügel und kletterten 
über die mächtigen, ihre morschen Riesenarme uns entgegen streckenden Mumien. 
Viele Bäume fand ich, ihrer schützenden Hülle beraubt, vorzeitigem Verderben 
preisgegeben. In diesem ärmlichsten Teile Serbiens werden nämlich die Häuser 



Vom Ibar über Joäanica auf den Kopaonik. 59 

grösstenteils mit Rinde gedeckt. Ausserdem kündete nicht die geringste Andeutung, 
dass die Majestiit dieses Urwaldes durch menschliches Treiben gestört werde; 
kein Laut war zu hören, selbst die befiederten Sänger schienen die das Gemüt 
beengende Waldhekatombe den heiseren Klagerufen der Raben und Dohlen 
überlassen zu haben. 

in drei Stunden erklommen wir die drei mächtigen Kämme, in welchen der 
Kopaonik von Norden her ansteigt. Den üppigen Hochwiesenboden überlässt 
die Regierung den nahen Gemeinden gegen geringen Pacht als Weide. Seine 
perennierenden Kräuter, gemengt mit phäorogamen, sind besonders als Schaffutter 
hochgeschätzt, doch wachsen sie jetzt nicht mehr so reichlich, weil sie von den 
Tieren bis auf die Wurzel abgefressen und so zerstört werden. Im Frühjahr 
1888 pachteten Crnovunci hier ausgedehnte Triften auf den rundkuppigen, wald- 
losen Bergen Zedja und Mramor, von welchen sie im August nach der südlicheren 
Toplicka ravnica bei Zemanica zogen. Es waren zwei Trupps mit 5000 schwarzen, 
sprödwolligen Schafen, von welchen der eine die gewonnene Milch mit 23 Centimes 
per kg an den Spagnuolen Hajim verkaufte. Dieser nur drei Stunden schlafende, 
rastlos tätige junge Mann fabrizierte unter der Karaula Becirovac Kaäkavalj Käse 
und verkaufte ihn zu Cacak in Laiben ä 1,5 kg zu 2.50 d. Die zweite Truppe 
bezahlte — wie mir Sima Trojanovic erzählte — ihren Spagnuolen und half ihm 
bei der für eigene Rechnung betriebenen Käsebereitung. Diese aus dem Dorfe 
Sirak bei Janjina stammenden thessalischen Wanderhirten, welche die Griechen 
„Vlachos" nennen, verliessen ihre Heimat vor nahezu vierzig Jahren anlässlich 
der von Ali Pasa geübten Grausamkeiten. Ihre Sprache enthält viele griechische 
und andere fremde Anklänge; so heissen: Mensch = anfropos, Schaf = provadina, 
Wasser = nero. Gras = horten, Haus=spit, Gürtel = silav, Lied = tragut, Brot 
= psomi usw. Mein im VIII. Kap. erzählter Besuch bei den Crnovunci auf der 
Suva Pianina bringt eine detailliertere Schilderung dieser interessanten Nomaden 
aus den olympischen Gefilden. 

Mit dem Beginne des vierten, letzten Kammes endete die Baumregion und 
begann dichtes Wachholdergesträuch. Gegen Mittag standen wir auf der 2140 m 
hohen Spitze des Kopaonik. Die am Fusse des Berges angesiedelten Hirten 
meinten: „Oben, Herr, erblickt Ihr die ganze Welt!" Eine ungekannte Welt, wäre 
treffender gewesen, hätten die naiven Gebirgssöhne geahnt, wie wenig richtige 
Kenntnisse wir damals von diesem wichtigen Gebiete besassen. 

Nur kurz blieb die Aussicht frei und offen. Wir blickten hinab in die Täler 
der Raska und Rasina, deren Quellen dem östlichen Kopaonik entfliessen. Dann 
zogen sich aber gegen Norden graue Wolkenschleier rasch, wie richtig ineinander- 
greifende Dekorationsstücke, zusammen, über welche nur die höchsten Spitzen 
des Djakovo (1528 m), Troglav (1221 m), Stolovi (1443 m), Zeljin (1836 m) und 
der Cemerno (1649 m) emporragten. Im Süden zeigten sich, durch eine weite 
Lücke des riesigen Vorhangs, bald von eilenden Wolkenschatten verdüstert, bald 
wieder minutenlang vom prächtigsten Sonnenlicht übergössen, die Gebiete der 
Sitnica, des Ibars und albanesischen Drins bis zum 2510 m hohen §ar. Süd- 
westlich begrenzten der 2ljeb (2213 m) und die Mokra Planina die Aussicht; 



60 Vom Ibar über Josanica auf den Kopnonik. 

während westlicli, über dem Raskabassiii und Novi Pazars Minaretts, die schneeigen 
Doloniitpyramiden des Durmitor (2528 ni) als höchste Spitzen der Bosnien von 
der Herzegowina trennenden Gebirgskette aufleuchteten. Gegen Südosten waren 
über der charakteristischen Suva Planina die Profile der weitgestreckten Balkan- 
kette wohl zu unterscheiden. Am längsten blieb die Fernsicht in der Richtung 
des Labs offen, der im südöstlichen Kopaonikzweig entspringt und bei seinem 
60 km fernen südlichen Ausläufer Marinacka Greda in die Sitnica fällt. 

Eine melancholisch stimmende Farbe lag auf diesem altserbischen Land- 
strich, auf seiner einst stolzen Zarenstadt Pristina, in welcher Kantakuzenos und 
der Serbenzar Dusan, die Herrscher über Ostroms Länder, zum Abschluss ihres 
kurzen Freundschaftsbundes 1342 sich begegneten. Düsteres Grau färbte auch 
den fernen Sar so traurig, wie die historischen Erinnerungen, die an seiner 
Umgebung haften. Südwestlich, auf der äussersten Sehlinie, lag jenes Schloss 
Kacanik, wo 1690 der türkische Feldherr Mustafa, verstärkt durch die von dem 
unklugen kaiserlichen Oberst Strasser zum Abfall gereizten clementinischen 
Hilfsvülker, diesen besiegte. Die Leichen Strassers, des heldenmütigen Prinzen 
von Hannover, der Grafen Styrum, Gronsfeld und Auersperg blieben auf dem 
mit deutschem Heldenblute reichgetränkten Schlachtfelde. Bezeichnet dieser 
traurige Tag den Beginn der grossen Unglücksfälle, welche den Verlust der 
rasch eroberten türkischen Nordprovinzen für den Kaiserstaat herbeiführten, 
so erinnert die Hochebene, hart an der Sitnica, an grosse, verhängnisvoll 
gewordene Momente, welche für Jahrhunderte den europäischen Südosten 
asiatischem Barbarismus überantworteten. Welcher Geschichtskundige könnte bei 
dem Anblick des einst seebedeckten Kosovo (Amselfeld) gleichgültig bleiben, auf 
dem Ungarn, Polen, Walachen, Bosnier und Serben zweimal die blutigen Schlacht- 
würfel über ihre Zukunft entscheiden Hessen, auf dem Sultan Murat I. und der 
heilig gesprochene Serbenfürst Lazar 1389 an einem Tage ihre Seelen aushauchten, 
auf dem 1449 Ladislaw Hunyady von Sultan Murat 11. bis zur Vernichtung geschlagen 
wurde. Man möchte dieses Unglücksfeld die Wiege der orientalischen Frage 
nennen; wollte die Vorsehung, dass sie dort auch zum Heile unseres Weltteils 
ihr Grab fände! 

Schon die hier berührten, nur der neueren Geschichte entnommenen Momente 
zeigen, dass man von der Kopaonikspitze auf ein für den Historiker und Politiker 
gleich interessantes Stück Welt blickt. Aber auch für den Ethnologen birgt dieser 
Teil des illyrischen Dreiecks zahlreiche ungelöste Probleme, denn er wird von 
Völkern bewohnt, deren Ursprung vielfach noch aufzuhellen ist. Den Etymologen 
gelang es wohl, einiges Licht in das Sprachengewirr des europäischen Ostens zu 
bringen; Niebuhr, Diez, Fallmerayer, Safarik, Bopp, Hahn, Miklosich u. a. werden 
stets ehrend genannt werden, und doch ist noch die Herkunft der Albanesen, 
jene der Macedovlachen u. a. unaufgeklärt. Hängt die Lösung solcher Auf- 
gaben mit der Hebung des Dunkels zusammen, das teilweise noch auf der 
ältesten Geschichte dieser Länder ruht, und harrt dort auch des Archäologen 
manche dankenswerte Arbeit, so bleibt gleichviel bezüglich der physikalisch- 
geographischen und topographischen Erforschung dieser Gebiete noch zu 



Vom Ibnr über Josnnica niif den Knpnonik. 61 

fi;eschelicn, obgleiiii in den letzten Dezennien einiges in dieser Riclitunij; 
gescliaii. Nocii 1853 zeigte Kieperts relativ beste Karte um den Kopaonik 
zwischen der Sitnica und Juzna (Binacka) Morava ein Terrain von etwa 30 Quadrat- 
meilen, flach, unbevvässcrt, unbevölkert, das in Wirklichkeit mit Gebirgen, Flüssen 
und zahlreichen Orten überzogen ist. 1863 gab Konsul von Hahn der erstaunten 
Welt Kenntnis von einer makedonischen Stadt, die auf unseren Karten fehlte; 
1862 fand ich in Bulgarien eine solche, die bei Kiepert als vereinzelter Turm 
figurierte, in ihrer Nähe eine Festung, die dort als offene Stadt angedeutet 
erschien, 1864 suchte ich am Sveti Nikola-Balkan drei Städte derselben Karte 
vergebens; und welche riesige Arbeit meiner im Zentral- und West-Balkan 
wartete, wird im Vlll. Kapitel angedeutet. 

Wenig begünstigte mich mein Reiseglück auf dem Kopaonik. Ausser seiner 
richtigeren Eintragung war es mir leider nicht vergönnt, von dem mühsam 
errungenen Aussichtspunkte Beiträge zur kartographischen Darstellung seiner 
Umgebung zu sammeln. Nur ahnen konnte ich die Schönheit und Pracht der 
weiten Landschaft, die gleich einem unberührten Schatze zu innigerer Versenkung 
in ihr wech^elreiches Detail einlud; die Erfüllung der Wünsche Aini Bouös und 
Patons, welche 1836 und 1843 den Kopaonik bestiegen hatten, musste ich leider 
glücklicheren Nachfolgern überlassen. Während ich die ersten Striche zur 
Krokierung des grossartigen Rundbildes entwarf und die wichtigsten Punkte 
festlegte, schlössen sich die grauen Schleier nach allen Seiten zusammen. Ein 
weithin wogendes lichtes Wolkenmeer isolierte uns auf der 2140 m hohen Kuppe 
von aller Welt; nur einige beutelustige Adler kreisten in weiten Ringen hoch 
über unseren Köpfen. 

Auf dein Kopaonikgipfel angelangt, wurden sofort einige Schüsse abgefeuert, 
um der Besatzung der nahen Karaula Suvo Rudistc unsere Ankunft anzuzeigen. 
Wir hörten unsere Gewehrschüsse erwidern, und kurz darauf erschien der 
Buljukbasa und ein Pandur, beide kämpf- und wetfergebräunte Gestalten, die wir 
zunächst mit Fragen über unsere Wetteraussichten bestürmten. „Oft hatten wir 
schon acht Tage lang Nebel, manchmal werden sie aber durch gute Winde 
zerrissen, und wir können bis ins Arnautluk hinabsehen!" lautete die Antwort. 
In jenem Augenblick hörte ich, geleitet von meinen Wünschen, nur den zweiten, 
günstig lautenden Teil unseres meteorologischen Orakels und wollte im Blockhaus 
seine Erfüllung erwarten. 

Ich liess es ruhig geschehen, dass der mit meinem Entschluss wenig ein- 
verstandene Pisar, eine unaufschiebbare Amtshandlung vorschützend, mich verliess, 
ebenso Herr Klinar, dem seine Pflicht kein längeres Verweilen gestaltete. Herzlich 
dankte ich ihm für alle mir erwiesenen guten Dienste. In der Nähe einer Feuer- 
stelle, wo nach des Buljukbasas Meinung in letzter Nacht „arme Strolche" gelagert 
hatten, teilten wir den Rest unseres Rotweins und schieden. Nach wenigen 
jMinuten waren die Gefährten meines Delavackaer Biwaks in dem sich immer 
stärker verdichtenden Nebel verschwunden; nur ein Pandur blieb als mein Begleiter 
bis zur Kreisgrenzc zurück. Allein stand ich nun auf der isolierten Bergkuppe, 
allein mit den wild aussehenden Grenzwächtern, ein Fremder unter Fremden. Ich 



62 Vom Ibnr über Josnnica auf den Kopaonik. 

erinnerte mich plötzlich der schiiinnien Din^e, die ich über Pandurenverlässliciikeit 
gehört, der abstossenden Figur Ivo Rakovs von Po2ega, und daneben zeigte 
sich der Grabhügel im Waldmünster des Djakovo; war es nicht ratsamer, mit dem 
Pisar nach Josanica zu ziehen — nur eine Minute schwankte ich, dann folgte ich 
dem Buljukbasa; auch wir stiegen abwärts, doch in entgegengesetzter Richtung, 
nach Serbiens höchster Karaula. 

Eine reiche, farbenprächtige Flora bedeckt den Granat und Vesuvian, welche 
die beiden höchsten Kuppen des Kopaoniks konstituieren. Über einen wahren 
Blumenteppich schritten wir hinab und manch seltene Pflanze bereicherte das 
Herbarium, welches ich für Prof. Pancic, den verdienstvollen Autor der „Flora 
der Serpentinberge in Mittel-Serbien", angelegt. In einer halben Stunde standen 
wir vor dem Palisadenzaun der Karaula, deren kaum sichtbares Dach wenig über 
ihn hervorlugte. Die Gesetze des Harmonisch-Schönen auf das Blockhaus Suvo 
Rudiste angewendet, hätte dieses mit dem an jenem Tage auf seiner Architektur 
lagernden bleifarbigen Luftton den Preis im Wettkanipfe des Hässlichen gewonnen. 
Um den in der baumlosen Höhe heftig wütenden Stürmen widerstehen zu können, 
lag es zur Hälfte in die Erde eingegraben und sein über derselben sichtbarer 
Teil glich weit mehr einem vergrösserten Maulwurfshügel, als einem Aufenthaltsort 
für Menschen. Als ich das heitere, anziehende Leben in den Karaulen an der 
Drina beschrieb, kannte ich noch nicht seine wenig beneidenswerte Kehrseite auf 
und nahe dem Kopaonik, zu dessen Illustrierung Bogumil Golz gewiss ein Dutzend 
neuer Kraftausdrücke erfunden hätte. In solchem Falle ersetzt jedoch der Stift 
ein ganzes Lexikon von Epitheten, und da ich ihn leidlich zu führen verstehe, 
mag meine Skizze das Blockhaus vergegenwärtigen, in dem sich mir die tröstliche 
Aussicht eröffnete, einige Tage zu verleben. 

Als ich mit dem Buljukbasa Jakov Gursovic in den verpalisadierten Raum 
trat, sah ich nichts von der Karaula; denn vier, ihre langen Gewehre militärisch 
präsentierende Panduren deckten sie vollkommen mit ihren robusten Gestalten. Es 
erfolgte eine Art Vorstellung, und die rauhen Männer schienen erfreut über die 
Ankunft ihres Gastes. Zwei machten sich an die Unterbringung der Pferde, andere 
brachten Rakija und suchten durch häufiges Zusprechen meine gesunkenen Lebens- 
geister zu erfrischen; doch der Abend brach an, und ich warf mich auf eine der mit 
Heu und Wolldecken gepolsterten Pritschen, welche den Panduren als Sitz und 
Bett dienen. Im Nachsinnen über das Untriistliche meiner Lage eingeschlummert, 
weckte mich bald die Augen stark belästigender Rauch; im ersten Moment 
glaubte ich, die Hütte brenne, und da gleichzeitig einige Schüsse fielen, dass 
vielleicht Heiducken das Blockhaus überfallen und in Brand gesteckt. Meine Wirte 
hatten jedoch nur Feuer im Zentrum des niederen Raumes angezündet, um eine 
wärmende Milchsuppe für mich zu kochen, und die Schüsse waren Willkommen- 
grüsse einiger von der nahen Karaula Becirovac heraufgestiegener Panduren, die, 
von der Ankunft des Fremden gehört, etwas Brot, Käse und Eier brachten, um 
ihre Kameraden in dessen Bewirtung zu unterstützen. Bei meiner durch Monate 
geübten Abgewöhnung jeglichen Komforts wäre es mir also in dem selbst gegen 
unsere Sennhütten zurückstehenden Blockhaus ohne den abscheulichen, mit 



Vom Ibar über Josanica auf tieii Kopannik. 



m 



Tabak- und Rakijagerucli ,neschwän,ü;ertLMi, ver},'eliens Abzuj,' suclieiuieii Qualm t;anz 
ertraj^lich ergangen; dieser zwang mich aber, trotz der schneidend kalten Lult, das 
Freie aufzusuchen. In meinen Mantel gehüllt, lehnte ich an einem Palisadenpfahl, 
blickte hinüber auf die durch den Plot (Zaun) markierte nahe Grenze und 
gedachte der grossen Veränderungen, welche das türkische Regiment in diesen 
Bergen bewirkt hatte. 

Nicht immer waren sie gleich verödet, so arm an Menschen mui an Kultur. 
Den Rümern schon bekannt, blieben sie bis zum 15. lahrh. das Arbeitsfeld einer 




Serbiens höchste Karaula. 



durch Ragusaner und Sachsen in grossem Massstabe betriebenen lirzindustrie. 
Schon der Name Kopaonik, von „kopati" (graben) abgeleitet, deutet auf diese. 
Man hegte selbst die trügerische Hoffnung, am Kopaonik alte Salzgruben wieder 
aufzufinden. 

Die Vorsehung, welche Serbien so überschwenglich bedachte, die ihm neben 
ergiebigstem Ackerboden waldbedeckte, reichste Metallschätze bergende Berge 
gab, enthielt ihm nur ein für den häuslichen Bedarf, wie für nationalökonomische 
Zwecke gleich wichtiges Mineral vor, das Salz. Es fehlte nicht an Versuchen, 
den versagten Schatz aufzufinden, da salzige Wasser an verschiedenen Orten des 
Landes auf Salzlager in tieferen Lagen hindeuteten. Seit Herders bergmännischer 
Reise (1835) im Auftrage der serbischen Regierung, bis-auf den serbischen Geologen 



64 Vom Ibar über Jnsanica auf den Kopaonik. 

2ujovic haften viele In- und Ausländer eifrigst Salzlagern nachgespürt. Selbst 
auf unbestimmte Angaben von Laien hin wurden kostspielige Forschungen angestellt, 
stets jedoch erfolglos. Beispielsweise machte 185(5 ein in Belgrad zum Tode 
verurteilter Räuber, der wahrscheinlich die traditionelle Sage kannte, dass der ein 
dem Steinsalze ähnliches Mineral bergende „Psolog" früher „Solak" (Salzberg) hiess, 
welche das knollenartige Vorkommen von Braunspat im Syenit wahrscheinlich 
veranlasste, sich gegen Begnadigung anheischig, einen Ort im Kopaonikgebirge 
zu bezeichnen, an dem er während seines Heiduckenlebens Salz gefunden hätte. 
Von Panduren und einem höheren Bergbeamten begleitet, wurde die Reise angetreten, 
doch schon bei Josanicka Banja, am Fusse des Kopaoniks, wurde er ängstlich, 
seine Überwachung aber um so strenger; dessenungeachtet täuschte er seine 
Eskorte und entfloh. Im Jahre 1891 glaubte man wieder Salzadern im Uzicer 
Kreise auf der Spur zu sein, doch bewahrheitete sich die Nachricht nicht. 

Der Kopaonik, diese grösste Eruptivzone des Königreichs, gilt auch als 
dessen reichstes Erzgebiet. Verraste Schlackenhalden und Pingenzüge beiGrasevci 
und Brzece gehörten einem alten Silberhüttenbetrieb an, ebenso jene an der 
Dobrodolska- und Crvena Reka, an welcher die Mauern einer zerstörten 
Bergstadt und Reste ehemaligen Bergbaues erhalten blieben. Dass die Ragusaner 
noch um 1426 in dieser Gegend sich aufhielten, wird durch ein das heute noch 
bestehende „Livada" an der Grasevacka Reka erwähnendes Schreiben bezeugt. 
Aber auch am Nordhange des Kopaoniks erscheint ihre eifrige montane Tätigkeit 
noch im 15. Jahrh. erwiesen. Auf dem Becirovac sind ein wahrscheinlich der 
Silbererzformation angehörender Haupthaldenzug mit mehreren parallel streichenden 
Pingenzügen sichtbar und Gangmassen von Eisenstein, der wohl, gleich dem 
nördlicheren Srebrnac (Silberberg), die Erze für die Hüttenwerke an der Grase- 
vacka lieferte. Verraste Schachte und Stollen sieht man auf dem Kovacevac 
und Lasnojevac, bei welchen ein mächtiger Bleiglanz, gelbe Blende, Schwefelkies, 
Kupferkies und Braunspat führender silber- und goldhaltiger Hauptzug zur Auf- 
nahme des lange ruhenden Betriebs einladet. Dasselbe gilt von der benachbarten 
Mine bei Rudnjak, deren Eisenstein Silberspuren enthält, und dem silberhaltigen 
alten Bleiglanzbau bei der noch im 15. Jahrh. grossen Stadt Plana, mit ragusanischer 
Kolonie, einem Konsul und katholischer Kirche; ferner von vielen grossen Erz- 
bauen im türkischen Kopaonikgebiet. Ich nenne von diesen hier nur das von 
Herder besuchte Eisenwerk an der Samokovska Reka, welches zuletzt dem 
Pascha von Novi Pazar gehörte und erst im Freiheitskrieg zerstört wurde, die 
östlich von Mitrovica gelegene grosse Stadt Trepca mit ragusanischer Kolonie 
und das Städtchen Brvenik am Labfluss mit katholischer Kirche, über welche 
Jirecek interessante Daten gab. 

Der Raum gestattet es leider nicht, hier sämtliche durch die tüchtigen Berg- 
männer Milojkovic und Gikic im Kopaonikgebiet untersuchten Minen zu nennen. 
Sie halten jene am Suvo Rudiste als wichtigste für Eisen und Kupfer und jene 
des südlicheren Belo Brdo als solche für silberhaltiges Blei. Das von Lozanic 
„Aleksandrolit" getaufte, dem „Avalit" und „Miloäin" ähnliche Mineral vom 
Kopaonik wird vom Belgrader Hochschulprofessor Urosevic auf Grundlage 



Vom Ibar über Josanica auf den Kopnonik. 



G5 



seiner physikalischen Eigenschaften dem Kaolin gleichenden, chromhaltigen 
Glimniervorkommen zugezählt. 

Die Stätte, auf der ich übernachtete und auf der jetzt nur das Waffengeklirr 
verwilderter Heiducken und Panduren erklingt, widerhallte jedenfalls einst vom 
Hämmern fieissiger Bergleute, von welchen zwei vielleicht unter den Steinen mit 
altslavischcn Inschriften bei dem nahen südöstlichen Zaplanina ruhen. Nach der 




Buljukbasa von Suvu Rudiite. 



Tradition soll zu Suvo Rudiste sogar auf Gold gebaut worden sein. Herder 
hielt es für möglich und empfahl schon 1835 dort die Errichtung staatlicher 
Hüttenwerke. Die günstigen Urteile auch anderer Fachmänner über die reichen 
Erz- und Forstschätze am Kopaonik veranlassten viele Projekte zu ihrer Verwertung. 
Auch der im I. Bande wiederholt erwähnte Clifton Child erwarb 1888, wie man 
mir sagte, für das Londoner Haus Rothschild eine Vorkonzession für das gesamte 
erzreiche Gebiet; es sollte eine Bahnlinie nach Mitrovica gebaut werden usw. 
Doch verlautete bisher nichts von der Verwirklichung dieser Pläne. Vielleicht 

I-. KANITZ, Serbien. U. ■'' 



66 Vom Ibnr iihcr Josanicn auf den Kopaonik. 

sali man davon ab, weil am Kopaonik- Ibarhange 25000 Hektar Koniferen durcii 
Borkenkäfer verwüstet und, was geblieben, wegen der schlechten Kommunikation 
schwer verwertbar war. 

Guslaspiel und Gesang endeten meine wirtschaftlichen Vor- und Rückblicke. 
Der Abend brach an, die fremden Besucher kehrten heim. Das Hinauswerfen 
der grösslen Feuerbrände gestaltete den Aufenthalt in der Karaula etwas erträg- 
licher, und eine Tasse „Caj" wirkte belebend. Bei einer Wiener Apollokerze 
vervollständigte ich mein Routier, bis ich, eingeschläfert durch die monotonen 
Heldengesänge, müde auf mein Lager sank. Ob das Heulen des Sturmes, das 
mit dem Rollen des Donners wetteifernde Schnarchen der Panduren, der schrille 
Anschlag des riesigen Karaulahundes, das schneidende Eindringen der frostigen 
Nachtluft durch die Schiessluken dicht über meinem Lager und kleiner Giessbäche 
durch die schadhafte Bedachung, nur überreizte Einbildung oder Wirklichkeit 
gewesen, wusste ich am nächsten Morgen bei der fieberhaften Eingenommenheit 
meines Kopfes nicht genau. Mein durchnässter Mantel und übel mitgenommenes 
Herbarium sprachen allerdings für das letztere. Strömender Regen fiel auch am 
nächsten Tage. Einstimmig meinten die Panduren, dass durch mehrere Tage kein 
Wetterumschlag zu hoffen sei. Zum erstenmal auf dieser Reise war mein guter 
Stern mir untreu geworden. So ritt ich denn schweren Herzens gegen Mittag 
nordöstlich hinab zur Karaula Becirovac. Dort begegneten wir einem Boten 
aus Brzece, der mir die Einladung des Kapetans von Vitkovo zur Saborfeier am 
Fusse des Kopaoniks brachte. Ich durfte hoffen, Leute, Trachten und Sitten aus 
verschiedenen Gegenden des serbischen Südens dort studieren zu können, nahm 
nur eine Tasse Kaffee in dem bequemer eingerichteten Blockhaus und folgte 
dem abgesandten Führer. 

Über den Vucji Krs stiegen wir durch Buchenwälder auf abschüssigen 
Wegen rasch abwärts in eine romantische Schlucht, deren angeschwellte Wasser- 
ader brausend hintobte. Kurz vor dem Einschnitte der Grasevacka Reka gelangten 
wir an mächtige Schlackenhalden und bald darauf im erweiterten Talsporn an 
das höher gelegene Brzece. Dort stiessen wir auf die ersten Pilgergruppen, die 
beritten und zu'Fuss zum Methodfest zogen. Als sich der Weg etwas verbreiterte, 
duldete es meine, durch Panduren von den Karaulen Becirovac und Bozoljin 
verstärkte Eskorte nicht länger, ruhigen Schrittes hinzuziehen; auch ich gab meinem 
Pferde die Sporen. Nach Arnautenart, die lange Albaneserin in der rechten Hand, 
mit dem Schafte gegen den Schenkel gestemmt, sausten die rauhen Bergsöhne 
wild dahin; die aufgeschreckten Wanderer wichen ängstlich rechts und links aus. 
Schon nach einer halben Stunde begrüssten wir mit einer Gewehrsalve das grosse 
Zeltlager auf der Sveti Method-Höhe, das mit einem wahren Peletonfeuer antwortete, 
und gleich darauf beglückwünschte mich llija Antonijevic, der Kapetan der Koznicka 
Nahia, und sein Pisar Djak Mihail Sovanic zur „guten Ankunft". 

„Mein Namenspatron llija (der serbische Donnergott) und der hl. Panthelejmon 
haben uns heute nacht schlecht zum Sabor aufgespielt, aber auch auf Suvo 
Rudi§te muss er nicht zu warm gewesen sein! Was führte aber Euch eigentlich 
auf jene Wetterhöhe hinauf?" ich beantwortete die in inquirierendemTone gestellte 



Vom Ibar über Joäanica auf den Kopaonik. (i? 

Frage durch die Vorzeigung meines offiziellen Empfehlungsschreibens. Es übte 
seine Wirkung, und man eilte, meinem etwas kasteiten Leibe zu Hilfe zu kommen. 
Frisch gebratene Forellen und Rotwein, vielleicht von den Reben, welche Zarin 
Milica auf den nahen Bruser Hohen gepflanzt, erquickten mich. Nachdem die 
üblichen Trinksprüchq ausgebracht, schlug ich dem Kapetan vor, mich auf dem 
Gange durch das Lager zu begleiten. Ein glücklicher Zufall hatte mich nämlich 
zum Sveti Method-Sabor geführt, welches dort alljährlich am 2. Juli zu Ehren „einer 
der Zierden der Menschheit", wie Gförer den Slavenapostel nennt, begangen 
wird, und „pomozi Bog" scholl es uns zum ürusse entgegen, als wir das bunte 
Getriebe besichtigten. 

Die Vereinigung von Männern zu militärischem Zwecke heisst serbisch 
„vojska", zu politischen Beratungen „skupstina", die Feier des Hausheiligen 
„slava", jene des Kirchenpatrons „hram"; der freudig erwartete alljährliche 
Vereinigungstag der ganzen Pfarrgemeinde zur kirchlichen Feier ihres Schutz- 
heiligen aber „sabor". Steht dieser Pfarrpatron beim Volke in besonderem 
Ansehen, wie beispielsweise die Heiligen Sava, Georg, Elias u. a., oder bewahrt 
die Pfarrkirche wie Studenica hochverehrte Reliquien, dann wird der „sabor" ein 
allgemeines Wallfahrtsziel, und mit der teilnehmenden Bevölkerung der Pfarrorte 
stellen sich Pilger aus fernen Gauen, ja oft aus fremden Landen ein. Je schwieriger 
eine solche Stätte zu erreichen ist, desto höher wird der fromme Wallfahrer 
geachtet, hat er aber auch Jerusalem besucht, erhält er den Ehrennamen „Hadzi", 
der ihm dann für das ganze Leben bleibt. 

An Sabortagen verschwindet selbst die stille Beschaulichkeit serbischer 
Klöster; ihre poetische Ruhe weicht frohem Lärm und fortwährend pulsierender 
Bewegung. Um das rechtzeitige Eintreffen zur Frühmesse besorgte Pilger langen 
schon am Vorabend des Festtags an; die Nacht wird im Kloster verbracht, und 
was nicht in den Fremdenzimmern, unter Vorhallen oder in den Gebäuden des 
liofraums Platz fand, biwakiert im Freien, unter Laubzelten bei riesigen Feuern. 
Reicht die schmale Talsohle nicht aus, so werden kleine Lichtungen auf nahen 
bewaldeten Höhen aufgesucht, und abends geben die zahlreichen Biwakfeuer der 
Szene ein phantastisches Gepräge. 

Als wir unsere Wanderung durch das Gewirre von Laubzeltcn auf beiden 
Ufern der vom Regen stark geschwellten Gracanica fortsetzten, begann der 
hl. Panthelejmon sein eifriges Walten etwas zu sänftigen, und einzelne blaue 
Stellen lugten schon neugierig durch das graue Gewölke. Bei unserem Erscheinen 
verliessen viele Pilger die schützenden Laubdächer, hier und da schlössen sich 
schäkernde Burschen und Mädchen, angefeuert vom Pisar oder einem der uns 
nachfolgenden Dorfkmeten, zum Kolotanz. Dudelsack („Gajde") und Svirala ertönten 
bald um die Wette. Auf von losen Felsstücken gefügten Herden brannten überall 
lodernde Feuer, umlagert von kochenden Frauen und zechenden Gruppen. Alles 
scherzte, die Cutura kreiste, die Köpfe begannen sich zu erhitzen. Hier wechselte 
ein Sohn des Toplicatals Trinksprüche mit einem Kum (Paten) aus den Kozniker 
Bergen, dort besiegelten feilschende Alte bei einem Glas Rotwein den Heiratspakt 
zwischen zwei die Wichtigkeit des Augenblicks für ihre ganze Zukunft kaum 



68 Vom Ib;ir iilxT Josnnic;i ;uif den Kopaonik. 

ahnenden jungen Leuten. Hier eine freudige Erkennungsszene mit dem reizenden 
Detail, wie es ältere „Düsseldorfer" so gern darstellten; dort Anrufe der Rache 
Gottes über die an der Grenze hausenden Amanten (Albancsen) und Wünsche, 
dass der Fürst sie bald verjage. Hier, so jiahe den alten Zarensitzen, Hess 
man sich nicht, wie in Senje, mit seiner Erhebung zum „Kralj" (König) genügen, 
sondern teilte ihm in patriotischen Toasten die Krone der serbischen Kaiser, 
„die glänzendste der Christenheit", zu. 

Bei der wahrhaft überschwenglichen Gastlichkeit der serbischen Landleute 
wurden uns überall Kaffee, Rakija, weisser und roter Wein, Milch, Käse, Braten, 
Butter, Honig, Fische oder Obst angeboten. Auch nur in geringen Quantitäten, 
dem üblichen Brauche gemäss, hier und dort versucht, blieb es doch für einen 
westeuropäischen, nach der fortgeschrittenen „Chemie der Küche" sich nährenden 
Magen keine leichte Aufgabe, das bunte Chaos zu verdauen. Zu diesen Speisen 
zählt auch das „Belniuz", eine dem türkischen Namen nach orientalische Speise. 
Man bereitet dieselbe aus süsser Milch gewonnenem Käse, der, nachdem die 
Molke gut abgetropft, in einem dafür bestimmten Kessel über das Feuer gesetzt, 
wenn er geschmolzen und aufgekocht, mit Mais- oder Weizenmehl versetzt und 
solange gerührt wird, bis sich ein vom Fett abgesonderter Klumpen bildet, den 
viele mit Zwiebelschnitten würzen. 

Die Frauenwelt erschien durch auffallend schöne Typen vertreten, ebenbürtig 
den Männern, welche meist hier ein weisses Tuch um das Fes winden und 
dadurch den benachbarten Amanten ähnlich sehen. Ich bereicherte meine Mappe 
mit einigen Köpfen von edlem Schnitt; ein Gewinn, den ich der einflussreichen 
Vermittelung des beredten Pisars verdankte. Fand ich auch hier den Verkehr 
zwischen beiden Geschlechtern ungezwungener als im Flachland, so war trotzdem 
die Scheu der koketten Gebirgstöchter vor dem ihre Reize „abschreibenden" Stift 
schwer zu besiegen. Der auffallend hübsche Wuchs der Frauen tritt durch die. 
reizende Tracht noch mehr hervor. Den verheirateten Frauen steht besonders gut 
eine nach italienischer Weise rückwärts über den Kopf geworfene, buntgestreifte 
kurze Decke; mit Münzen und natürlichen Blumen geschmückt, umrahmt sie 
malerisch das reiche dunkle Haar. 

Eine Gruppe von Rotmäntlern, die ersten, welche ich seit meiner Reise im 
kroatischen Grenzland (1851) zu Gesicht bekam, begrüsste unser Erscheinen mit 
einem wohlunterhaltenen Peletonfeuer. Es waren kräftige, mit ihren langen 
Damaszenerinnen wohl vertraute Gestalten. Als sich die von der feuchten Luft 
niedergehaltene Rauchwolke verzogen, erblickte ich auf einer sanften Anhöhe ein 
neu gezimmertes riesiges Kreuz, an dessen Fuss zwei Priester unter Gottes weitem 
Himmelszelt eben die Aufnahme neuer Bürger in die Kirche Christi mit dem 
einfachsten, an die ersten Taufen erinnernden Zeremoniell vollzogen. 

Die gottesdienstlichen Handlungen, die das Volk nach der eigentlichen Messe 
von den am Kreuze fungierenden Priestern heischte, häuften sich so sehr, dass 
sie das weitläufige orientalische Taufritual (III. Bd., Kap. III) auf das für die 
Nottaufe vorgeschriebene kürzeste Zeremoniell beschränken mussten. Als wir 
auf der Höhe anlangten, wurde eben ein mehrere Wochen alter Sprössling mit 



Vom Ibnr über JoSanica auf den Kopaonik. 



69 



einem Schaffe eisigkalten Gracanicawassers begossen, weiclien Ai<t der Heiligung 
der durch ihn „Pravoslavni" (Rechtgläubiger) gewordene Täufling mit lautem 
Schreien begrüsste. Kuma (Patin) und Mutter hatten lange zu tun, den armen, 
durch die heilige Dusche erschreckten Kleinen zu beruhigen, welcher die weite 
Reise aus dem fernen Grenztal Bozoljin in einem Troge auf dem Rücken der 




BRZEÖE. Fraiicrilyptn. 



Mutter zurückgelegt hatte. Tausend Jahre lagen zwischen den Tagen, an welchen 
Cyrill und Methodius in diesen Gegenden das Christentum predigten, dass sie 
vielleicht auf dieser Sveti Mcthod-Hiihe das erste Kreuz an der Stelle eines G/Uzen- 
bildes aufgerichtet halten. Der primitive Taufakt, die ihn umstehenden fremdartigen 
Gestalten, der schöne Klostermönch mit aufgelöstem schwarzen Haar und langem 
Barte, der assistierende Pope von Brus in halbbäuerlicher Tracht, das auf der 
rauhen Berglandschaft lagernde Grau, alle diese Momente zauberten mir eines 



70 Vom Ibar über Joäanica auf den Kopaonik. 

jener Bekelirungsbilder aus alten Zeiten lebendig vor die Augen, wie sie Dürers 
Holzschnitte, Rembrandts Radierungen und die Zeichnungen von Führich, Schnorr, 
Overbeck rührend darstellen. 

So viele Jahre auch verflossen sind, seit der hl. Methodius in diesen 
Gegenden sein apostolisches Mahnwort erschallen Hess, blieb hier die Macht 
seiner Nachfolger ungeschmälert. Der Glaube und leider mehr noch der Aber- 
glaube schliesst zwischen Volk und Mönchen jenes enge, vielleicht allzufeste Band, 
welches ich in verschiedenen Zügen zu Gornjak, in der Klosterschlucht zwischen 
dem Kablar und Ovcar und in Studenica zu charakterisieren versuchte. Auch 
auf Sveti Method fand ich Kranke, die geheilt; unfruchtbare Weiber, die gesegnet; 
Epileptische, welchen der Teufel ausgetrieben werden sollte; hundert andere 
Wünsche mochten aber weniger offenkundig an die Geistlichen gestellt worden 
sein. Hart vor dem Kreuze stand ein gleich kunstloser Altartisch, auf dem der 
Mönch, von dem Bruser Popen kollegial unterstützt, einen lebhaften Handel mit 
geweihten Bildern, Kerzen und Amuletten trieb. 

Es war spät am Nachmittag. Alles schien ermüdet. Der Kolo verlor 
seine Anziehungskraft, die Töne des Dudelsacks, der Svirala ermatteten. Die 
Geistlichen legten ihre liturgischen Gewänder ab, schütteten einen Haufen alter 
österreichischer Kupfermünzen und türkischer Paras, mit denen sich einige 
durchlöcherte Zwanziger und Piaster mengten, in ein grosses Tuch und ver- 
abschiedeten sich von der Menge. Sie schienen, ihren fröhlichen Mienen nach 
zu schliessen, mit der Ausbeute zufrieden zu sein. Zahllose Abschiedsschüsse 
widerhallten in den Einschnitten, durch welche die Pilger heimzogen, um den 
Zurückgebliebenen wahrscheinlich noch lange Zeit von den Gnaden und Freuden 
des „Sabor Svetog Methoda" zu erzählen. Auch wir hatten des Treibens genug, 
verabschiedeten uns von den Kmeten, Buljukbasas, Panduren und ritten nach 
Brzece, wo uns der Abend in des Kmeten llija Miljkovics einfacher Behausung 
in bester Stimmung am häuslichen Herde traf. 

Der Gehöftebau ist in den oft von prächtigen Ahorn- und Eschenständen 
umgebenen Dörfern am Kopaonik ein ganz eigentümlicher. Die Häuser bestehen 
grösstenteils nur aus einem hoch aufsteigenden, riesigen Dache, das an beiden 
Giebelseiten durch senkrechte Bretterwände geschlossen wird. Ein Rüstwerk von 
starken Pfählen und Querbalken verleiht dieser einfachen Konstruktion grosse 
Festigkeit. Die Umzäunung bildet ein zierliches Flechtwerk aus dünn gespaltenen, 
breiten Latten; auch die auf Pfählen ruhenden kleinen Kolibas (Fruchtkammern) 
werden in dieser Weise geflochten. Die innere Einrichtung des Staresinahauses 
ist aber auch hier ähnlich den bereits geschilderten; bei grösserer Wohlhabenheit 
ist ein reicherer Besitz von Teppichen, Sitzkissen, Heiligenbildern, Prunkgläsern 
und kostbaren Waffen bemerkbar. Als Lager dient eine Schicht frisches Heu 
auf dem festgestampften Estrich. Im vollen Anzug wirft sich der Bauer auf 
dasselbe, der Fremde folgt seinem Beispiel, hüllt sich überdies in seinen Mantel 
und schläft auf dem primitiven Bette meist ebensogut, wie auf den raffinierten 
Drahtmatratzen des Occidents. Während der Nacht unterhält stets ein jüngeres 
Glied der Familie das hell lodernde Feuer; sind Gäste von Ansehen im Hause, 



Vom Ibar über Josanica auf den Kopannik. 71 

leisten mehrere, ja manchmal selbst der Staresina, die Ehrenwache. Diese sorgt 
für grösste Stille im weiten Räume; nur die Schlagschatten des aus dem Dach- 
gesperre an der Eisenkette herabhängenden Riesenkessels und der um das Feuer 
sitzenden Männer bewegen sich manchmal an den Wänden. Erwacht zufällig 
der Fremde, glaubt er beim Anblick der fremdartigen Szene zu träumen; doch 
bevor er oft noch der Wirklichkeit sich bewusst, bringt die Ermüdung den 
verscheuchten Schlaf zurück. 

Wenn der erste durch die Ritzen des Daches dringende Sonnenstrahl den 
Gast weckt, naht sich ihm die jüngste, dieses Augenblicks harrende Haustochter. 
Sie hat sich besonders nett herausgeputzt; Münzenschmuck und Blumen mit noch 
perlendem Nachttau zieren Hals und Haar. Ohne erheuchelte Zimperlichkeit 
tritt sie näher und kredenzt mit freundlichem „dobro jutro!" (guter Morgen), 
nachdem sie des Fremden Hand geküsst, aus antik geformtem Krug ein Glas 
köstlich schmeckenden Kristallquells. Bald darauf erscheinen der Staresina und 
die übrigen Familienmitglieder und fragen der Reihe nach, wie man geruht habe, 
eine Frage, die hüflicherweise mit jedem einzelnen wieder getauscht wird. Zum 
Frühstück werden Siatko, Rakija, Käse, Milch und schwarzer Kaffee aufgetragen, 
welch letzteren man je nach seiner Nationalität zu einem Milchkaffee, Melange, 
Verkehrt-Schwarz oder Cafe au lait zusammenmengt. Der Serbe trinkt nach 
türkischer Weise den Kaffee gewöhnlich nur schwarz, ohne oder mit wenig 
Zucker. 

Vor dem Hause harrt bereits der Tross, die Pferde sind gezäumt, die 
Männer des Dorfes versammelt; denn die Aufbruchsstunde ist gekommen. Wie 
für die herzlich gebotene Gastfreundschaft nun danken? Selbst der ärmste Serbe 
lässt sich dieselbe nicht gern bezahlen. Da kommt dem Fremden eine alte Sitte 
zustatten. Man verlässt selten ein gastliches Haus, ohne dessen nächstzuver- 
heiratende Tochter zu beschenken. Sie hält sich bescheiden im Hintergrund, 
erst auf den Ruf; „O, devojko!" (0, Jungfrau!) kommt sie herbei und dankt, sich 
tief verbeugend, für die Vermehrung ihres Münzenschmucks, der ihr künftiges 
Heiratsgut bilden wird. Der Staresina bittet beim Abschied um des Fremden 
Nachsicht, dass sein Haus so wenig Würdiges zu bieten vermochte: „Mi smo 
prosti Ijudi!" (Wir sind arme Leute!). Man beruhigt ihn, steigt zu Pferde, feuert 
seine Pistolen in die Luft und sprengt unter vielen nachgerufenen: „Srecan put" 
(Glückliche Reise) zum Dorfe hinaus. 

Mit geringen Änderungen sind dies die gewöhnlichen Erlebnisse des im 
serbischen Hochgebirge reisenden Fremden, und auch meine im Kmetenhaus zu 
Brzece. Nur die Abschiedsszene am Morgen erhielt etwas individuellere Färbung. 
Als ich den guten Leuten für die genossene Gastfreundschaft danken wollte, 
unterbrach mich Kapetan Ilija: „Ihr seid zu nachsichtig, Herr!" und machte nun 
dem Knieten und den versammelten Dorfältesten bittere Vorwürfe, dass man uns 
schlecht bewirtet habe. Er stiess arge Drohungen aus und wies alle Einwände 
der eingeschüchterten Bergsöhne zurück. 



IV. 

über Brus, Koznik und Krusevac nach Stalac. 



DER mir vom ersten Augenblick unsympathische llija benahm sich aucii auf 
der Weiterreise wie ein mittelalterlicher Zwingvogt. Wer war er, welche 
Verdienste hatten ihn zum Kapetansamt empfohlen? Dass er des Lesens kaum 
kundig war, ein Bildungsmangel, der zufällig auch die drei anderen Kapctane 
des Krusevacer Kreises auszeichnete, darüber hatte ich schon am Tage zuvor 
vollste Gewissheit erlangt. Auf dem Wege durch das schöne Tal der Graäevacka 
Reka erzählte er mir wohl eine Art Autobiographie, die aber offenbar viel Fabeln 
enthielt; erst später erfuhr ich mehr über diesen serbischen Gessler. 

llija Antonijevic, bekannter unter dem Namen „Curcija" (der Kürschner), 
gehörte zur Phalanx, welche, vor Fürst Milos sich sklavisch beugend, während 
seiner zweiten Herrschaft ihren Einzug in Serbien hielt. Ohne Sinn und Gefühl 
für das Wohl des Volkes machte sie sich allerorts, wie der ehemalige, bankerott 
gewordene Pelzhändler in seinem Bezirk, durch Übermut, Ungerechtigkeit und 
Willkür verhasst. Gleich türkischen Agas betrachtete er die Bauern als seine 
Lehnsleute und behandelte sie danach. Hier ein sprechendes Beispiel: Wir 
hatten den wildschäumenden Gracanicabach gekreuzt, um auf sein linkes Ufer zu 
gelangen, als dicht bei der Furt der zu weit vorgerückte Pfahlzaiin eines Gehcifts 
llijas Zorn erneut herausforderte. Vor dem strengen Kapelan stand der durch 
einen Panduren herbeigeholte Bauer demütig mit abgezogener Mütze; kaum wagte 
er einige entschuldigende Worte zu stammeln. „Dass Gott Dich vor meinem 
Stocke schütze, wenn Du nicht gleich den Zaun um eine Manneslänge liinein- 
rückst." Auf dem nur von Hirten benutzten Stege gab es weder Handel noch 
Verkehr; es war eben eine jener Launen des überall und am unrechten Flecke 
herumregierenden Kapetans, wie er deren viele und oft noch schlimmere hatte. 

Nachdem llija sein Mütchen gekühlt, zogen wir, 2arevo mit seinem Säuerling 
und Kastellberg östlich, jenen bei Paljevätica westlich lassend, weiter. Schroffe 
Kalkfelsen auf dem rechten Flussufer bergen die „Albini-Höhlen", in welchen 
Karadjordje mit den Seinen, nach dem unglücklichen Zuge gegen Novi Pazar, Schutz 
gesucht. Nahe dem alten, von Brzece herabziehenden „Kaldrmisan put" 
(gepflasterter Weg) sieht man bei Vlajkovci an der GraSevacka Reka durch 
Mörtel festverbundene versteinerte Pfähle. Hinter dem gleichnamigen Dorfe liegen 
im Tale bedeutende Schlackenhaldcn und Hüttengräben eines früheren Betriebs 



74 Über Brus, Koznik und Kniscvnc nach SlalatS 

auf Silber. Die Erze für diesen soll der Kopaonik geliefert haben; Herder 
vermutete aber die Gangformation auf der Scheide des nahen Serpentinzugs. Bis 
Brus, das wir über Ziljci gegen Mittag erreichten, bildet Tonschiefer die anstehende 
Gesteinsart, und nun verschwand der sterile Charakter der Landschaft. 

Brus') ist ein Städtchen, das sich um seine 1830 von Milos erbaute weisse 
Kirche und neue Schule niedlich gruppiert. Nicht weniger als vier Pfarren mit 
42 Orten sind auf seine Christi Verklärungs-Kirche und kleine Carsija angewiesen. 
Das Städtchen bildet einen wohltuenden Gegensatz zu den armseligen Hirten- 
niederlassungen am Kopaonik und dürfte, wenn einmal der Bergbau an seinen 
Hängen wieder aufgenommen wird, sich bedeutend vergrössern. In dem 1905 
erst 70 Häuser und 360 Seelen zählenden Orte harrten bereits viele Parteien der 
Ankunft des Kapelans, unter ihnen zwei Bauern, die schon lange über das Eigen- 
tumsrecht auf eine Weide miteinander stritten. Unser Ilija war jedoch nicht 
gesonnen, seine Mittagsruhe stören zu lassen; barsch verwies er die Streitenden 
an seinen Pisar. Ich variierte damals ein sirmisches Volkslied: 

„Kühlen Wein schlürft Ilija Antonijevic, 
Trinkt zu Brus ihn, in der weissen Schenke! 
Als des Weines er genug getrunken. 
Hebt er trunken also an zu reden : 
O, dass Gott Euch gnädig, Bundesbrüder! 
Stört mich nicht in wichtigen Geschäften, 
Geht zu Djak Mihailo, meinem Schreiber!" 

Dieser hatte rasch entschieden. Durch scharfes Ausfragen erwies sich bald, 
dass der angesprochene Grund keinem der Klageführenden gehöre, sondern einen 
Teil des den Türken abgerungenen grossen Territoriums bilde, das als Staatseigentum 
noch seiner Veräusserung harrte; bis diese erfolgt, sollten beide Parteien den 
streitigen Weidegrund benützen. Ich zweifle jedoch, dass sie sich mit diesem 
billigen Ausgleich ihres Streites zufrieden gaben, sie dürften nicht allein an den 
Krusevacer Nacalnik, sondern wahrscheinlich noch weiter appelliert haben. 

Unsere Mittagsruhe zu Brus benutzte ich, um kleine Einkäufe zu machen. 
Die Läden enthielten im bunten Durcheinander lange ausser Mode gekommene 
Ableger der Wiener Industrie: bunte Tücher, Bronzeschmuck, künstliche Blumen, 
Heiligenbilder, Spiegel, Arm- und Halsketten, Nadeln und tausend andere Kleinig- 
keiten für den Putz der serbischen Landschönen. Im kühlen Prachtstübchen des 
Popen, dessen Bekanntschaft wir am Sveti Method-Sabor gemacht, hielt ich hierauf 
gern bei Slatko, Kaffee und Cibuk eine kurze Siesta; zum Abschied beschenkte 
mich die freundliche Popadija mit einem Paar selbstgestrickter Strümpfe, welche 
Aufmerksamkeit ich mit einer hübschen Brosche erwiderte. 

Die Glut der Julisonne wurde intensiver, je mehr sich der Weg von den 
subalpinen Serpentinbergen über das abwechselnd aus schiefrigem Kalk, Ton und 
Konglomerat sich konstituierende, rebenbepflanzte Hügelland zum Morava-Niveau 
abwärts senkte. Überall wuchert hier der dem 2upa-Weingebirge eigentümliche 



') Seit 1899 Sitz des neuerrichteten Bezirks Kopaonik. 



über Rriis, Knznik und Kriiäevac nach Stalad. 



75 



Strauch colutea arborescens in grosser Menge. Wir zogen zunächst entlang der 
Rasina, parallel mit der früheren serbischen Südostgrenze, welche der langgestreckte 
Jastrebac scharf markierte. Jenseits der Wasserscheide wohnten damals Albanesen, 
gemengt mit serbischen Stammesresten. 

Bei Ribari bo^' ich aber von der über Botunja direkt nach Kru.^evac 
führenden Strasse NW. ab, um das am Rasinaursprung liegende Schloss Koznik 
zu sehen. Trotz meines unzweideutigen Ablehnens begleitete mich der mir stetig 
widerwärtiger gewordene Ilija unter fortgesetztem Herauskehren seines vermeint- 
lichen Heldentums dahin. Bald forderte er mich zum Wettgalopp auf, vergessend. 





BRUS im Jahre 1860. 



dass ein solcher nach den Anstrengungen der letzten Tage wenig Anziehendes 
für mich haben konnte; bald schoss er, wie von Dämonen gejagt, über die Felder 
hin, zum Ärger der Bauern nach rechts und links das Getreide mit blankem 
Säbel unter lauten Schimpfrufen gegen die Türken köpfend. Dann kehrte er 
zurück und bat mich, in Belgrad zu erzählen, wie er die Türken zu empfangen 
gedächte, falls sie in seine Nahija einbrechen sollten. 

Von diesem Manne irgendwelche Aufklärungen zu hoffen über die im Volke 
verbreitete Sage, dass in der Umgegend Zar Lazar geboren sei, dass er die alten 
Weinstöcke in Botunja, deren Most stets süss bleibt, selbst gepflanzt habe, oder 
über die Reste eines zerstörten Kirchleins in Baäici bei Budilovina, an dem wir 
vorüberzogen, wäre töricht gewesen. Kannte er doch nicht einmal die jüngste 
Vergangenheit des Schlosses Koznik, dessen fünftürmige Ruine in dunkler 
Silhouette am Horizont auftauchte. Im Befreiungskrieg diente es wegen seiner 



76 



Über Brus, Koznik und Kriiäcvac n;ich Sfalac. 



die Gegend weithin beiierrsclienden Lage auf 963 ni hohem isolierten Berge als 
Observatorium der aufständischen Serben. Die Anwohner erzählen, dass die Steine 
zum Bau des im Innern sehr geräumigen Schlosses wegen der Steilheit des 
Felshügels durch Ziegen hinaufgeschleppt wurden. An seinem Ostfuss stösst 
man bei Budilovina beim Ackern auf die Spuren einer alten Ansiedelung; Eisen- 
geräte, Waffen, Münzen werden oft gefunden, und Miiicevic vermutet, dass hier 
jenes altserbische Budimlje gestanden habe, das in den „Monumenta serbica" 
(S. 95) erwähnt wird. Zahlreiche kleine Vertiefungen dort dürften von geöffneten 




Schlossruine Koznik. 



alten Gräbern herrühren. Weiter ging es zwischen zwei Bergen nach Vratari. 
Gleich nachdem wir das Defilee Vrata (Tor) verliessen, öffnete sich ein pracht- 
voller Ausblick auf die Krusevacer Gefilde bis zum Rtanj. 

NW. von Popovci folgten auf einer Höhe an der Pepeljusa die Mauern 
einer Burg, deren Erbauung Milos Obilic zugeschrieben wird; es sind wahrschein- 
lich die Reste eines Römerkastells, das gleich dem Kozniker die antike Strasse 
hütete, welche von Trstenik und Krusevac über Brus, Aleksandrovac und Vratari 
zu den Hüttenwerken an der Grasevacka Reka und auf den Kopaonik führte. 

Nördlich von Aleksandrovac steht bei Drenca ein verfallendes Kloster, 
dessen Kirche in Grundriss und Grösse jener des benachbarten Veluce gleicht. Wie 
aus einer 1382 zu Zica ausgestellten Urkunde hervorgeht, begabten sie ihre Erbauer, 
Dorotej und sein Sohn Danilo, mit vielen Dörfern und anderen Gütern. Das 



über Brus, Ko/.nik iiiul Kriiscvac ii.icli Stalac. 79 

Volk nennt dieses Kloster „Dusmanica", weil es die ülaubensfeinde (duämani) so 
sehr ärgerte, dass sie es zerstörten. 

Über weinbepflanzte Hügel und eine grosse Hutweide ging es nach Vitkovo, 
wo ich mit der Familie des Kapetans einige angenehme Stunden verlebte. Als 
ich den Hof des Amtshauses besichtigte, zeigte llija aber grosse Lust, die damals 
in keinem Kapetanshause fehlenden Prügelmaschinen praktisch an Sträflingen vor mir 
funktionieren zu lassen. Auf meine Abwehr begnügte er sich, mit grossem Behagen 
den sinnreich konstruierten Apparat für Frauen, seinen beweglichen Fallblock, 
in den Kopf und Arme der Delinquentin gespannt werden, und ein ähnliches 
horizontales Instrument für Männer, nur theoretisch zu demonstrieren. Nicht so 
sehr, um Kapetan llija persönlich zu verewigen, als die stets seltener werdenden 
serbischen Gerichtsszenen unter freiem Himmel den späteren Generationen zu 
bewahren, gebe ich hier die treu von mir nach der Natur gezeichnete Skizze des 
unter meinen Augen sich abspielenden Aktes Milosscher Justiz zu Vitkovo. 

Der Abschied von dem würdigen llija wurde mir nicht schwer. Er hatte 
mich in vielem, namentlich in unwürdiger Behandlung der Bauern und Hetzen 
seiner Panduren auf dieselben, an die Täblabiröwirtschaft im vormärzlichen Ungarn 
gemahnt, wie sie Baron Eötvös im „Dorfnotar" in Dickensscher Weise lebensvoll 
schilderte. Unter keinem anderen Herrscher hätte das freiheitsliebende serbische 
Volk solche Vögte ertragen. Doch Milos' gefürchtete Strenge erstickte das Murren 
gegen seine Günstlinge. Auch wusste man, dass der alte Herr dem Tode nahe 
und wollte keinen gewaltsamen Umsturz herbeiführen. Mit Fürst Mihails Regierungs- 
antritt im nächsten Jahre erfolgte dieser in friedlicher Weise; er bereitete auch 
dem Regiment llija Antonijevics und anderer gleich würdigen Amtsgenossen, gegen 
die nun eine Flut von Anklagen wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder imd 
Willkürakte aller Art hervortrat, ein rasches Ende. Einen besseren Eindruck 
als die hier geschilderte Type Milosschen Regiments machte Djak Mihailo, der 
poetisch angelegte Pisar, welcher llijas ungerechte Sprüche in der Ausführung 
stets zu mildern suchte. Zum Abschied verehrte er mir ein altes Familienerbstück, 
eine primitiv gearbeitete Gusle, mit deren monotonen Klängen er oft die Lieder 
vom Falle der nahen Zarenstadt Krusevac begleitet hatte. 

König Milan verlegte den Zupsker Bezirkssitz nach dem westlichen Kozetin, 
das, nun „ Aleksandrov ac " genannt, rasch zum schon über tausend Bewohner 
zählenden Städtchen erblühte. Seine 1804 erbaute Kirche für zwei Pfarren mit 
19 Dörfern ist die älteste weltliche der Zupa. ') Bei 88b km- Flächeninhalt, 
97 Orten in 15 Gemeinden mit 32531 Seelen (1905), besitzt dieses grosse Gebiet 
nur 7 Gotteshäuser, von welchen überdies 5 erst nach 1862 entstanden sind. 
Noch schlimmer stand es mit dem Unterricht. Es gab nicht eine Schule, als die 
Türken den Bezirk endlich 1835 räumten, und doch streiten occidentale Federn 
für die Aufrechterhaltuiig des Ignoranz freundlichen Sultanregiments in Makedonien, 
dessen intellektuelle Verhältnisse noch heute wenig bessere sind, als es Serbiens 
vor seiner Befreiung durch Karadjordje und Milog waren. 



') Dieser Bezirk wurde 1899 in 2 Bezirke geteilt: Zupa (399 km') und Kopaonik (487 km-). 



so über Brus, Koznik iiiul Kruscvac nach Stniac. 

Die Strasse von Vitkovo zum 5 Stunden fernen nordöstlichen aitserbischen 
Herrscliersilz führt durch das in seiner Nähe trefflichen Lignit bergende anmutige 
Tertiärbassin über Bobote und Dasnica meist durch jungen Eichenwald bis 
zum Punkte, wo man NW. nach Lacisied abbiegt. NW. von diesem liegt am 
Ursprung der Srebrnica auf einer Anhöhe die gleichnamige Burg, welche, 
nach alter Tradition, die „Latini" vor Gott weiss wieviel Jahren zum Schutze 
ihrer benachbarten Silberschmelze erbauten, von den Serben aber erobert und 
durch Feuer zerstört wurde. Diese Tradition deutet auf einen römischen, durch 
ein Kastell beschirmten und von den Ragusanern fortgesetzten Hüttenbau, den 
auch der nahe Berg „Metalica" u. a. bezeugen. Vor etwa 25 Jahren soll ein 
Bauer dort einen Apfel von purem Golde gefunden und einem Goldschmied im 
nahen Krusevac verkauft haben. Häufig findet man Gegenstände von Bronze und 
Eisen; auch geht die Sage, dass in den Burgkellern grosse Schätze verborgen 
seien; niemand fände aber den Zugang, um sie zu heben. 

Unfern dem Burghügel liegt das vom Despoten Jovan, der 1485—1503 auf 
dem Schlosse Kupinik residierte, gestiftete Kloster „Srebrnica", jetzt nach dem 
nahen Dorfe Vcluce genannt. Als Eigentum besitzt es 17 Hektar Felder und 
Wiesen, 5 Hektar Obst- und Weingärten, 150 Hektar Wald, 2 Mühlen usw., 
deren Ertrag die bescheidenen Bedürfnisse des Igumans und der Mönche decken. 
Das „Maria Reinigung" geweihte Kirchlein ist ein kunstloser Kuppelbau von 
Bruchstein und Ziegeln. Dass es so einfach, verschuldete nach der Tradition sein 
Baumeister, welcher das beste gestohlene Material für eine zweite Kirche bei dem 
südlichen Rudenica verbrauchte. Der erzürnte Despot verfluchte sie aber, und 
bald darauf wurde sie von den Türken arg verwüstet. Richtig ist, dass die 
Quadern des von Stefan Lazarevic (1405—1427) gestifteten, in couches alternantes 
aufgeführten Rudenicaer Baues aus dem Velucer Steinbruch stammen. Er zeigt 
die byzantinische Zentralanlage mit pentagonalen Apsiden, einem Kuppelgeschoss 
über der Vierung und kleinerem über dem Narthex, rundbogige Portale und den 
Kalenicern ähnliche Lisenen, Fensterrahmen, Rosen, Kapitale usw. Die Kirche wird 
wie die westlichere Ribnica-Ruine von Heilung ersehnenden Gläubigen viel auf- 
gesucht. Überhaupt ist die ärztliche Konkurrenz mit den kurpfuschenden Popen und 
Babas im Süden des Landes eine noch schwierigere als in seinen nördlichen Kreisen. 

Von Lacisied geht es mit scharfer Kurve durch gutbestellte Maisfelder und 
schönen Laubwald nach AArmos. Von hier stammt ein nach Belgrad gelangtes 
10 cm langes, 6,5 cm breites, 6,5 cm hohes Steinbeil aus Amphibol-Andesit 
mit abgeplatteten Rändern, dessen Stielloch sich nach oben von 3 auf 2,5 cm 
verjüngt. Die Flächen erscheinen rauh, was jedoch daher kommen mag, dass sich 
die Feldspatkristalle unter der Einwirkung des Wassers an der Oberfläche lösten. 
Wir hielten kurz vor der Mehana und dem netten Schulhaus von Velika (grosse) 
Vrbnica, wo nach einer Stelle in Kostadin Filosof, „Leben des Despoten 
Stefan Lazarevic", dieser von dem türkischen „Zar Mojsia" 1413 besiegt wurde.') 



') Daniele, Rjecnik I, 496. Es ist Prinz Musa gemeint, welcher seinen Brüdern Sulejman 
und Mohammed den Thron streitig machte. 



über Brus, Koznik und Kriisevac nach Stalac. 81 

Von der für eine Feldschlacht sehr geeigneten Hochebene gestalten prächtige 
Eichenstände, auf den rechtsseitigen Höhen schöne Maisfelder, freundliche Ohst- 
kulturen und saftige Wiesen die Landschaft parkähnlich im breiten Pepeljusatal. 
Zwischen Trebotin und dem grossen Dorfe Pepeljevac fand Herder einen 
alkalisch kalten, Glajjbersalz und Eisen enthaltenden wirksamen Mineralqueil. 
Um den beide Orte einhüllenden herrlichen Obstwald zu durchreiten, benötigt 
man eine halbe Stunde; heraustretend, überrascht eine weitgespannte Fernsicht 
von W. gegen 0. auf die Gebirge von Kraljevo bis Aleksinac, bald darauf 
taucht nördlich über dem mit eintönigem Waldgcstrüpp bedeckten Hügelland ein 
heller Punkt auf, die alte „Zarenkirche von Krusevac". 

Als ich das die Stadt beherrschende Westplateau am 4. Juli 1860 zum 
erstenmal hinanstieg, fesselte mich zunächst ein in der Mitte geborstener Hochturm 
mit 12 m langen Fronten, 3 m starkem Mauerwerk und erhaltener Innentreppe, 
der nach verschiedenen Anzeichen einer bedeutenden, auf römischen Fundamenten 
entstandenen Befestigung angehörte. Beim Pflastern des Platzes stiess man auf 




MRMOS. Steinbeil. 

Mauern, deren Ausdehnung eine vom Bautenminister entsendete Kommission 1887 
feststellen sollte, was aber keine besonderen Resultate brachte. Durch meine 
„Römischen Studien" ist nur erwiesen, dass ausser der bereits erwähnten antiken 
Strasse von Krusevac nach den Minen am Kopaonik (S. 63) auch die römische 
Adria-Donaustrasse von Cacak (1. Bd., S. 535) über Krusevac und ihre östlichen 
Stationen Praesidium Pompei, Timacum minus und Conbustica zur niedermösischen 
Hauptstadt Ratiaria und auf der gleichfalls geschilderten Strasse über Horreum 
Margi nach Viminacium und Margum am römischen Donaulinies lief. 

Der zerbröckelte Turm und kaum mehr erkennbare Wall blieben die einzigen 
Reste der Residenz des bei Kosovo gefallenen Zaren Lazar. Doch auch die aus 
Steinen des Schlosses erbaute Moschee, in welcher nach der Tradition Lazars 
Tochter sich Bajazit, dem Sohne seines Besiegers Murat, vermählen musste, 
liegt in Ruinen. Eingestürzt sind ihre und der anderen Dzamijen stolze Minaretts, 
und über alle diese Trümmer einer fünfhundertjährigen Geschichtsperiode erhebt 
sich auf dem weiten Plane der Verwüstung, wie durch ein Wunder allein 
verschont, Lazars weithin sichtbare Kirche. 

Sinnend stand ich auf den Mauern der vielbesungenen „Höfe" Lazars, an 
des frommen Fürsten „weisser Kirche", an deren Stufen nach den Volksliedern 

F. KANITZ, Serbien. II. ß 



82 



Über Briis, Koznik und Kruscvac nach Stalac. 



ein Frauenstreit entbrannte, wie jener 
Lande gleich verderblich. In der „Laz 

„Morgens früh am lichten Djurdjevtage 
Schreitet Frau Milica aus den Höfen, 
Aus den weissen Höfen von Krusevac. 
Ihr zur Rechten geht ein stolzes Rehlein, 
Mara, ihrer Heldentöchter ält're, 
Brankovic, des Tapfern. Neuvermählte; 
Ihr zur Linken geht ein sanftes Täubchen, 
Vukosava, ihre jüng're Tochter, 
Milos' von Pocerje holde Eh'frau. 
Folgen will dem Qlockenruf die Fürstin, 
Der zur Kirche ruft, zur Liturgia. 
Da sie also schreitet aus den Höfen, 
Sieht sie fernwärts auf der weiten Eb'ne 



im „Nibeknigenlied", ihrem Hause und 
arica" erzählt der Sänger; 

Dichte Wolken Staubes sich erheben, 
Waffen draus im Sonnenscheine funkeln. 
Wälzt heran sich nach den weissen Höfen; 
Draus hervor an seines Heeres Spitze 
Taucht, derSonne gleich aus Morgenwolken, 
Lazar, hoch zu Ross und waffenglänzend. 
Ausgezogen war er mit drei Heeren, 
Hatt' mit einem Milos ausgesendet, 
Hatt' entsandt es nach Bulgariens Eb'nen, 
Sisman dort, zu Kralj, erbet'nem Beistand; 
Mit dem andern Brankovic, den Recken, 
An den Ufern des Moravastromes 
Sieghaft die Veziere zu bekämpfen." 



Den als Sieger heimkehrenden Lazar drängt es mächtig, nachdem er Murats 
„stolze Heerschar" bis ins ferne „Karamanien" getrieben, für des Sieges Gnade 
den Dank dem Herrn der Schlachten darzubringen; doch eintretend in der Kirche 
stille Räume, fesselt ihn neue Siegesbotschaft auf deren Stufen. Zuerst jene von 
Strahina, dem Ban: 

„ ___ hingezogen Mit den Fürsten weitentleg'ner Reiche 

War er nach entfernter Länder Gauen, Serbiens Bund in Freundschaft zu erneuen." 

Mit freudigem Tone verkündet der Bote, wie des Zaren Ruhm bis „ins 
Gebirg' und steinigem Waldgeklüfte" der Herzegowina und Albaniens, „nach 
Dubrovnik an des Meeres felsigem Gestade" und zum „greisen Duzd des 
prächtigen Mletci" (Doge von Venedig) gedrungen. Sie alle wollen sich beeilen, 
dem grossen Zaren Hilfe gegen die Ungläubigen zu senden. 

„Darum Heil dir, Serbiens lichter Krone! Heil dir, dem an Ruhme gleicht kein Zweiter!" 
Heil dir, unsrer Feinde finstrem Schrecken! — — — — . - 

Noch sind der Menge Freudenrufe nicht verklungen, da erscheint jung 
Toplica Milan als zweiter Bote; er kommt Milos Obilics Sieg zu melden: 



„Zu den Siegen" - spricht er — „die Du 

kämpfest. 
Ward, o Herr, ein neuer noch erfochten. 
Ward erfochten, wie vorher kein andrer! 
Was von Türken lag an Bosniens Grenzen, 
Ist entschwunden von den weiten Ebnen, 
Was nicht floh, das liegt als blut'ge Ernte, 
Liegt gesichelt auf der grünen Walstatt. 
Lang' vergebens war des Kampfes Mühen, 
Lalasahin liess die Fahne schwingen, 
Rote Fahne, weit im Felde sichtbar. 
Schon den Sieg den Seinen zu verkünden; 
Sieh', da stürzt, ein Falke hoch aus Wipfeln, 
Milos in die Eb'ne mit den Seinen! 
Wie das Wetter llijas, des Donn'rers, 
Also rauscht es. da er fährt hernieder, 



Und Entsetzen fasst die Türkenschar; 
Wie der Blitz Marias, der entflammten, 
So durchzuckt sein Schwert die hellen 

Haufen. 
Und zu schau'n sind Türkenhäupter, fliegen 
Gleich wie Disteln auf der Held' im Sturme! 
Mit den Schwingen schlägt der wilde Falke; 
Und wie lichte Kornspreu von der Tenne, 
Wenn darein des Windes Flügel schlagen. 
Stäubt die scheue Heerschar auseinander! 
Lalasahins Fahne sieht man wanken, 
Wanken erst, und dann hernieder sinken; 
Milos' Banner in des Abends Glänze 
Sieg verkündend auf der Eb'ne blinken! 
Nach der Feldschlacht in des Planes Mitte 
Lag des Türkenhäuptlings blut'ger Leichnam, 



über Briis, Koznik und KruSevac nach Stalac. 



S3 



Lag im Kreis von tausend Tiirkenleichen, 
Lag gefällt von Milos' breitem Handscliwert. 
Den Du siehst zu Füssen Dir, den Turban, 
Diesen Gurt, den Säbel, goldbeschlagen, 
Lalaäahin trug dies einst, der Vezier! 
Vukosava, Milos' junge ph'frau. 



Vukosava glänzt ein Stern des Morgens, 
Da sie hört des Gatten edlen Namen, 
Hort, wie rings ihn tausend Zungen preisen; 
Doch, o sieh! Noch hat der fromme Sieger 
Noch des Kirchenaufgangs dritte Stufe 
Nicht betreten mit dorn Heldenfusse." 



Ein dritter Bote erscheint. Mit baniier Hoffnui 



mochte Vukosavas 



Schwester Mara der neuen Kunde horchen. Doch kein Krieger ist's, den Sieg 




KRUSE VAC. Die Laz^irkirdie 



ihres Gatten Brankovic zu meiden. Ein Minicii ist's, abgesandt von Theophanes, 
dem griechischen Patriarchen, um den Bann zu lösen, der seit Dusan Serbien 
drückte, weil er kühn es vom ökumenischen Stuhle losgelöst. 



„Denn nur Fluch war's, in des Heilands 

Bunde 
Länger solche Heldenschar zu missen; 
Segen ist es, Brüder sie zu nennen! 
Mehr noch, Lazar! Sieh', von dieser Stunde 
Sei uns Jevrem, sei der greise Priester, 
Sei erkannt als Theophanes' Bruder, 
Sei gegrüsst als Serbenpatriarch!" 



Lazar aber spricht: „Zuviel des Glückes 
Sendet uns der Herr in seiner Liebe; 
Eh' des Segens Kleinstes wir verdienten, 
Lasst uns, Brüder, in die Kirche treten, 
Dass vergebens länger nicht zur Demut 
Uns der Glocken lauter Ruf ermahne, 
Kraft uns werde, an des Bospors Wällen 
Aufzupflanzen siegreich DuSans Fahne!" 

0* 



84 Über Brus, Koznik und Kriisevac nach Stalac. 

Wie die giftige Sciiiange „Neid" in Maras von Eifersucht erfüllter Brust 
auch Brankovic den Gatten unwiderstehlich fasste, wie ihr wachsender Hass sie 
nur mehr auf das Verderben des gefeierten siegreichen Bundesbruders Milos 
Obilic und der sanften Schwester Vukosava sinnen lässt, wie dieser Verrat an 
Freundschaft und Geschwisterliebe zu dem an Vater und Vaterland sich steigernd, 
deren Untergang auf Kosovo (1389) durch Brankovics Uebergang zum türkischen 
Erbfeind herbeiführte, wie Milos Obilic auf dem Schlachtfelde Sultan Murat tötete 
und, sein Leben opfernd, zugleich seine von Brankovic verdächtigte Treue 
besiegelte, welche Rolle endlich Marko Kraljevic, der „Vilensohn", gespielt — 
diese und andere Episoden der szenenreichen Tragödie hat das serbische 
Volkslied, umdüstert von dunkler Sage, auf uns gebracht. Kapper in seinem 
farbenreichen Epos „Lazar der Serbenzar" und Karl Grober in seiner den 
Volksgesängen treuer sich anschmiegenden epischen Dichtung „Die Schlacht am 
Amselfeld" verewigt. Wir kennen nicht die Namen der ersten Sänger dieses 
herrlichen Heldenliedes. Das Volk bewahrte es und vergass über ihren, seine 
tiefsten Regungen berührenden Inhalt die poesiereichen Chronisten. Wie dem 
Dichter der „Nibelungen" wird man den Sängern der „Lazarica" nachforschen 
und sich in Vermutungen über sie ergehen, obschon die neuere historische 
Forschung Vuk Brankovics Andenken gereinigt hat (I. Bd., S. 131). 

Ein Zeitraum von über 500 Jahren liegt zwischen der Erbauung der „weissen 
Kirche" und der Gegenwart. Legen wir den Massstab der grossartigen Bauten 
occidentaler Fürsten jenes Zeitalters an den Dom des letzten unabhängigen 
Serbenherrschers, so erscheint derselbe wenig imposant; trotzdem muss einst 
sein polychromes, durch phantastischen Ornamentschmuck gehobenes Äussere 
einen wirkungsvollen Eindruck erzielt haben. Heute bedecken leider Mörtel und 
Tünche das wechselweise in je drei Reihen roter Backsteine und einem Streifen 
gelben Bruchsteins musterhaft im Rohbau ausgeführte Mauerwerk. Die reizvollen 
Ornamente an Tür- und Fensterrahmen, Kapitalen, Pilastern, Rosetten, Rundbogen 
und Pendentifs, in welchen sich byzantinischer Stil mit reizvoll spielender 
orientalischer Bizarrerie verbindet, wurden oft übertüncht, der „Turm" und die 
Kuppel durch unpassende Zubauten und Bedachungen entstellt. Diesen in 
meinem kunsthistorischen Werke „Serbiens byzantinische Monumente" 1862 aus- 
geführten Details und der dort gemachten Bemerkung: „Des Turmes schönes 
Glockengeschoss erinnerte mich an jenes der Athener Theotokoskirche" gegenüber 
sprach der Belgrader Professor Valtrovic den Zweifel aus, dass letzteres dem 
alten Bau angehöre. Die schon erwähnte, den Bauzustand der Kirche prüfende 
Kommission fand aber — wie es von objektiven Sachverständigen nicht anders 
zu erwarten war — das angefochtene Glockengeschoss bis zu der von mir 
angegebenen Höhe aus Lazars Zeit stammend. Wie hätte sonst auch Brown schon 
1669 die „zwey hübschen Thürme" rühmen können! 

Die misslungene Erneuerung des schönen Denkmals hätte mich weniger 
entrüstet, würde ich die Umstände gekannt haben, unter welcher sie erfolgte. 
Der Wiener diplomatische Agent Cukic, dessen Vater den Krusevacer Kreis, 
gleich nachdem er serbisch geworden, verwaltete, erzählte mir, dass die erste 



über Brus, Koznik und Kruäevac nach Stalat'. 85 

Restauration des Baues (1836 — 37) ein Tausendkünstler namens Vujica besorgte, 
der in der Stadt alles verrichtete, was andere nicht verstanden. Er lieferte die 
Fensterstöcke, schnitt Glastafeln ein, kopierte nach dem Muster der ruinierten 
alten Verzierungen fehlende Teile in Stein für die Kirche, bestrich ihre Eisenteile 
mit Teer, weisste die Mauern und vergoldete die Kreuze. Die Aufsetzung des 
plumpen Turmuhrgeschosses erfolgte aber erst 1858 durch einen abendländischen 
Ingenieur, der auch den südlichen Narthexeingang, über dem noch heute das 
Landeswappen, der doppelkopfige altserbische Adler, prangt, vermauern Hess. 
Dieselben Stufen, auf welchen der „fromme Lazar", umhraust von des Volkes 
Jubel, die letzten Siegesbotschaften erhielt, führen in die Vorhalle mit einst in 
den Turm führender Treppe. Dieser Narthex ist gleich unansehnlich wie das 
Hauptschiff. Der vielgerühmte Bau, dessen konstruktive Anlage sich gleich sehr, 
wie seine gegenwärtige dekorative Ausstattung, von byzantinischen Prinzipien 
entfernt, mochte als Schlosskapelle gedient haben. Des Zaren „weisse Kirche" 
wurde wegen ihrer Festigkeit von den Türken als Pulvermagazin benutzt, und 
da gingen die alten Fresken zugrunde. Fürst Alexander Karadjordjevic liess 
1843 den Wandschmuck erneuern, aber durch Künstler, deren Leistungen eine 
strenge Kritik nicht ertragen. 

Nördlich vom heutigen Krusevac lag der beste Teil der Türkenstadt. Ausser 
den Resten einer Wasserleitung sieht man dort eine zweifellos türkische Bade- 
anlage, welche das Volk aber für die Moschee hält, in der Zar Lazars Tochter 
sich dem Sultan Bajazit vermählte; eine dritte Version lässt aber die serbische 
Sultanin Olivera (Mileva) die Moschee zu Ehren ihres Gemahls stiften, weil er 
auch ihr in seiner Residenz eine Kirche erbauen liess. Unfern zeigt man die Stelle, 
wo Vuk Brankovics Gebeine ruhten. Bis zu ihrer Verjagung zündeten die Türken 
jeden Freitag Lichter am Grabe Vuks an, um seine guten Dienste in der Schlacht 
auf Kosovo (Amselfeld) zu ehren. Karadjordje liess aber Vuks Gebeine ausgraben 
und in alle Winde verstreuen. So wäre durch die dem angeblichen Verräter 
von Bajazit zuteil gewordene verächtliche Behandlung, durch den Fluch, welchen 
das Serbenvolk an seinen Namen heftete, und die schimpfliche Vernichtung seiner 
irdischen Reste der irdischen Gerechtigkeit an dem Hauptschuldigen der Tragödie- 
auf Kosovo (Amselfeld) im Leben und Tode genügt worden. Soviel sich auch 
neuere serbische Historiker bemühten, aus gleichzeitigen Schriftstücken im 
Ragusaner Archiv Brankovics Charakter von dem ihm traditionell aufgehefteten 
Brandmal des Vaterlandsverrates zu reinigen '), dürfte dies schwerlich den im 



>) Selbst ernste serbische Historiker, wie Novakovic und Miäkovid, gingen in der 
Verurteilung Brankovids mit dem Volke, während Ruvarac, KovaCevic, Mijatovit! u. a. Ihm 
nicht mehr Schuld an der Katastrophe als allen anderen Grossen des Reiches beimassen. 
Ceda Mijatovic, der treffliche Biograph Djuradj Brankovics, sucht ihre Ursachen in der 
Unterschätzung der Türken, im Zwiespalt Europas, in der orthodoxen Kirche, in der 
Unzufriedenheit des Volkes mit dem es bedrückenden Feudalismus und in der besseren 
administrativen und strategischen türkischen Führung. Dem pflichtet auch neuestens 
St. Stanojevic bei in einem hochinteressanten Essay, der mit grosser Quellenkritik der 
Aburteilung Vuk Brankovics in Milan S. Ubavkids „Geschichte der Serben" objektiv entgegen- 
tritt. Letopis, 1898. S. 144ff. 



86 Über Brus, Koznik und Krusevac nach Stalad. 

Volke festgewurzelten Glauben verringern. Es wiederholt sich auch hier, wie 
bei allen von grossem Unglück betroffenen Nationen, dass man die Schuld gern 
von sich auf Herrscher, Staatsmänner oder Feldherren überwälzt. 

Das tragische Ende von Murat und Lazar erzählt Nedzri, der berühmte 
Dichter Sultans Selim I., im blumenreichen Stile des Orients'): „Märtyrertod des 
Khodawendkiar Ghäzi Muräd Khan — Gott der Erhabene erbarme sich seiner! 
Als das Heer der Ungläubigen geschlagen und eine unzählige Menge derselben 
über die Klinge gesprungen war, diejenigen, welche sich retten konnten, sich 
geflüchtet hatten und die Religionskämpfer den Ungläubigen auf der Flucht 
nachgesetzt waren, um sie zu erschlagen, strebte Muräd Khan Ghäzi danach, 
auf der Walstatt den Märtyrertod zu erleiden. Als die Ungläubigen nun besiegt 
waren, erkannte er für sich kein Anzeichen noch irgendeine Spur des Märtyrer- 
todes; er verwunderte sich darüber, und indem er mit einigen seiner vertrauten 
Diener diese Eselshügel Getöteter besichtigte, befand sich unter ihnen ein 
Ungläubiger»namens Milos Kobilovic, ein beherzter und mutiger'Verfluchter. Dieser 
hatte in der Gesellschaft Lazars die Behauptung ausgesprochen: „ich will gehen 
und den Fürsten der Türken töten!" Er hatte bei sich einen Dolch verborgen. 
Mit dieser Absicht war er auffälligerweise auf die Religionskämpfer gestossen, 
und man hatte ihn verwundet; mit Blut bedeckt, versteckte er sich unter die 
Getöteten. Als Muräd Khan Ghäzi zu diesem Ungläubigen kam, stand dieser 
auf, halb fallend, halb sich erhebend, und ging auf den Khonkiär los. Die Causi 
wollten ihn abwehren; aber Muräd Ghäzi Hess ihn seinem Wunsche gemäss heran, 
indem er sprach: „Er scheint eine Absicht zu haben, lasst ihn herankommen!" 
[euer Verfluchte hielt in seinem Ärmel seinen Dolch verborgen; er kam heran, 
und indem er sich stellte, als wollte er den Steigbügel des Khonkiär küssen, 
stach er auf den Khonkiär los. „Wenn herankommt das Geschick, erblindet der 
Blick." Sein Ende war vorher bestimmt und jetzt eingetreten; sogleich flog der 
Huma seiner Seele in das Reich der Vorstellungen und in das höchste Paradies; 
er war ein vollendeter Religionsheld gewesen, jetzt wurde er ein wahrer Märtyrer. 
Jenen Ungläubigen zerhieb man an dieser Stelle; schnell holte man ein Zelt herbei, 
um den Sultan darunter zu bringen, seinen Sohn Bäjazit brachte man zur Fahne 
des Glaubens, den Prinzen Jakub Celebi führte man unter dem Vorwande: „Komm, 
Dein Vater verlangt Dich!" in das Zelt und erwürgte ihn da. Zufälligerweise 
war der Fürst Lazar mit seinem Sohne gefangen genommen worden; man schleppte 
sie herbei und tötete beide, in jener Nacht gab es unter dem islamischen 
Heere grosse Verwirrung und Aufregung, am anderen Morgen setzten sie den 
Sultan Bäjazit auf den Thron. — Das Datum aller dieser Ereignisse ist das Jahr 
791 der Hidschra (1389)." 

Auf dem Schlachtfelde von Kosovo errichteten die Türken dem Andenken 
„Muräd Khan Ghäzis" ein einfaches Mausoleum, das ein Schech hütet; sein 
Leichnam wurde jedoch in der von ihm erbauten Moschee zu Brussa beigesetzt. 
Zar Lazars Gebeine ruhen in Vrdnik, einem in Syrmiens berühmten Weinbergen 



') Walter F. A. Behrnauer, Quellen z. serb. Gesch. aus tiirk. Urkunden. 



über Brus, Koznik und KriiSevnc nach Stalac. 87 

liegenden Kloster, wo ich sie im schmucklosen Sarge, als vom Serbenvoik 
hochverehrte Reliquie, im Herbste 1863 sah. 

Nach der Ungliickssclilacht auf dem Kosovofelde blieb Kruäevac nur kurz 
mehr die Residenz der serbischen Fürsten. Die Parteinahme seines Sohnes und 
Nachfolgers Stefan im Thronstreite von Bäjazits Söhnen Mohammed und AAusa für 
den ersteren, veranlasste Musa, sein Land mit Krieg zu überziehen. Der erwähnte 
Chronist (S. 80) berichtet kurz: „Im Jahre 1413 schlug Zar Mojsia den Despoten 
Stefan bei Vrbnica und zerstörte Krusevac, Petrus, Stalad, Koprijan und andere 
Festen." ') Nach dem Tode seiner Mutter Milica, deren Höfe bei dem nördlich 
von Krusevac liegenden Bacina sich befanden, schlug Stefan seine Residenz in 
dem noch nördlicheren Borac auf (1. Bd., S. 593), doch wird noch 1224 die dort 
von den Ragusanern begründete kleine Handelsfaktorei erwähnt. Dauernd wurde 
das von Vuk Bobalic gegen den rumelischen Beglerbeg Sinan Pasa verteidigte 
Kruäevac erst unter Sultan Murad 11. türkisch (1427). „Seine Bewohner flohen 
— wie Kostadin berichtet — nach allen Seiten." Auf dem Marsche nach Sofia 
nahm Hunyady während seines siegreichen Feldzugs gegen den Sultan 1443 
Krusevac, das nach abgeschlossenem Frieden dem mit Ungarn verbündeten 
serbischen Despoten Djnrdje Brankovic mit dem grössten Teile des heutigen 
südlichen Serbien überlassen wurde. Aber noch im selben Jahre entschied der 
nochmals aufgenommene Krieg durch die Schlacht bei Varna gegen die Christenheit. 

Zehn Jahre später war Serbien eine türkische Provinz, und zu Krusevac 
errichtete Sultan Mohammed eine neue Stückgiesserei für die von Italienern, 
Deutschen u. a. bedienten Riesenrohre, aus welchen er im Juni 1456 das ein- 
geschlossene Belgrad beschiessen liess. Weiter wurde die einstige Serbenresidenz 
dadurch gefördert, dass die Hauptroute nach Sofia im 15. Jahrhundert sie berührte. 
1433 fand der wiederholt erwähnte Broquiere die Krusevacer Zitadelle gänzlich 
zerstört und den doppelten Mauergürtel der Stadt stark verfallen. 1437 ver- 
wüsteten die von der Donau vordringenden Ungarn die ganze Umgebung, 1443 
verweilte kurz dort Johann (Janos) Hunyady (Sibinjanin Janko), 1456 sein grosser 
Gegner Mohammed, 1529 Sultan Sulejmann und 1669 Edward Brown, der es einen 
„anmercklichen Platz" nennt, „allwo eine schöne Kirche ist mit zwey hübschen 
Thürmen". Nach ihm hiess es türkisch „Haladza" — nach Chalfa wohl richtiger 
„Aladzahisar". Obschon die moslimische Bevölkerung mit Hilfe serbischer 
Freischaren allmählich die christliche verdrängte, ward Krusevac 1686 und 1737 
durch Oesterreich den Türken kurz entrissen und die ihnen als Pferdestall dienende 
Zarenkirche dem Gottesdienste wiedergegeben. Vom Sistover Frieden 1791 bis 
zum Ausbruch des Freiheitskampfes litten die Kruäevacer Christen viel von den 
dort hausenden Dahien. Viel schlimmer ging es der Stadt aber im September 1810, 
wo in seiner Nähe die Waffen das fernere Schicksal Serbiens entscheiden sollten. 

Ich benutze hier jüngst publizierte russische Dokumente-) über diese 
Vorgänge, welche die bisher bekannt gewordenen wesentlich ergänzen. Ende August 



') Daniele, RjeCnik, III, 159 

'-') Documenta privitore la Istnria romanilor 1709—1812 S 308. Bukiiresci 1887. 



88 Über Briis, Koznik und Kruäevac nach Stalac 

erhielt der Prahovo belagernde Graf Zukato, der mit einem Teile der russischen 
Truppen von der Walachei aus eine Diversion nach dem Norden Vidins 
unternahm und in der Krajina gemeinsam mit den Serben gegen die Türken 
operierte, von Karadjordje verzweifelnde Berichte, welche dringend Hilfe forderten. 
Mit starker Macht war von Nis her Mehemed Rusid Pasa herangezogen, und ein nicht 
minder zahlreiches Korps bedrohte die geringen serbischen Streitkräfte an der Drina. 
Zukato, obschon nur über unbedeutende Streitkräfte gebietend, übertrug diesen 
schwierigen Auftrag dem Grafen Orurk. Dieser energische General vollführte 
innerhalb weniger Tage mit seinem Detachement von 2 Bataill. Ladoga, 5 Eskadr. 
Ulanen, 1 Reg. Kosaken und einigen Hundert berittenen Serben wahre Wunder von 
Gewaltmärschen und glücklichen Taten. Am 29. Aug. von Prahovo abrückend, 
erreichte er, ohne sich um das in seiner Flanke stehende Korps von Vidin zu 
kümmern und trotz der elenden Wege über Bregovo und Vrska Cuka in drei 
Tagen 40 km zurücklegend, GurgusovaC) Er beschoss ohne Zaudern dieses Schloss, 
um Ismail Bej zum Rückzug zu zwingen. Hier empfing Orurk von Karadjordje 
eine Depesche, welche das Vordringen der Türken über Krusevac nach Belgrad 
meldete und die Erklärung enthielt, dass er, ohne Hilfe gelassen, bis zur Save 
zurückweichen musste. Orurk begriff die Gefahr und rückte am 3. Sept. auf Banja, 
dessen Schloss er mit Sturm nahm, worauf er, ohne seine Truppe ausruhen zu 
lassen, den Marsch auf Deligrad fortsetzte. Dort begrüsste ihn Karadjordje als 
Serbiens Retter; denn von der Schanze zu Varvarin an der Morava eingelaufene 
Nachrichten versicherten, dass man dieses Bollwerk nicht länger halten könnte! 
Russen und Serben zogen am 5. gemeinsam über Krusevac dahin, wo sie 
15000 Türken unter Mehemed Ruäid Pasa und Ismail Bej in befestigter Stellung 
trafen. Orurk bestimmte Karadjordje, unverweilt mit seinen Serben und 5 Kanonen 
anzugreifen. Nach mehrstündigem Kampfe wichen die Türken bei Jasika zurück. 
Die dortige Schanze gewährte den zusammen 4000 Mann zählenden Serben und 
Russen einen trefflichen Stützpunkt, musste jedoch wegen der vielen dort faulenden 
Kadaver verlassen werden. Am 18. Sept. ging Rusid Pasa mit 12000 Mann von 
Krusevac gegen Varvarin vor, um eine von Orurk rasch hergestellte, durch acht 
Geschütze verteidigte Schanze zu nehmen, welche ihn am Vormarsch auf der 
Belgrader Strasse gegen Jagodina hinderte. Orurk liess die Serben und Russen 
je zwei Karrees formieren, stellte die Kavallerie in deren Mitte und erwartete so 
den Feind, welcher um 7 Uhr morgens zum Angriff schritt. Die Türken kämpften 
mit grosser Zähigkeit bis 6 Uhr abends. Die Karrees widerstanden aber glänzend, 
und das wohlgezielte Kanonenfeuer schoss solche Breschen in die türkischen Massen, 
dass diese mit einem Verlust von 1000 Mann sich zurückzogen. 500 Mann, welche 
der zur Sammlung neuer Streitkräfte von Jasika ausgezogene Karadjordje mit 
frischer Munition sandte, waren rechtzeitig vor dem am 22. Sept. erneuerten 
türkischen Angriff eingetroffen. Mit Tollkühnheit übersetzten die Türken die 
westliche Morava; doch trotz ihrer den Fluss durchschwimmenden Kavallerie 
vermochten sie nicht, die hier aufgeworfene kleinere zweite Schanze-) zu nehmen. 

') Nun Knja^evac. 

-) Jovan Miskoviii gibt eine Darstellung der festen Stellung im Giasnik, 48. Bd., 1880. 



über Brus. Koznik und KruSevac nach Stalac. SH 

Graf Orurk hatte die Serben während der ganzen Zeit an diszipliniertere Gefechts- 
weise in formierten Linien und Karrees geübt und sie leisteten gleich unerschütterten 
Widerstand, wie ihre russischen Lehrmeister. Am 27. Sept. gaben die Türken 
nach riesigen Verhisten ilir Unternehmen auf, räumten Krusevac und sein Gebiet 
bis zum Kopaonik und zogen sich auf Nis und Nnvi Pazar zurück. 

An dieser Befreiung des Landes hatten neben Karadjordje der bei Varvarin 
verwundete Veljko, Milan, MIaden und Stanoje teilgenommen; das grösste Ver- 
dienst gebührt aber dem Grafen Orurk, dessen tapfere Schar den festen Kern der 
glänzenden Verteidigung von Varvarin gebildet hatte. Im für Serbien verhängnisvoll 
gewordenen Jahre 1813 setzten sich die Türken auch in Krusevac wieder fest 
und blieben dort nach den siegreichen Kämpfen an der Morava, durch die 
Milos Obrenovic Serbien erneut befreite. Erst 1832 füiirte einer ihrer vielen 
Gewaltakte durch Milo.s' geschickte Benutzung desselben zur Durchführung der 
schon im Bukarester Frieden (1812) festgesetzten Grenzregulierung und Auslieferung 
von Krusevac an das junge Fürstentum. 

Dieser Zwischenfall, dem Serbien die Gebiete von Krusevac, Paracin, Razanj 
und Aleksinac dankt, wird so erzählt: Die 1832 im alten Kruäevacer Kreisamt 
hausenden Begs Selim, Smaka und Zeka Trencevic raubten aus dem nahen Dorfe 
Maskare zwei junge serbische Mädchen, zwangen sie, den Islam anzunehmen 
und führten sie als Frauen in ihren Harem. Ihre Angehörigen riefen das Volk 
zu Hilfe, und dieses, der vielen Kränkungen satt, erhob sich ringsum. Fürst 
Miloä entsandte zwei Kommissare, um die Aufständischen scheinbar zu beruhigen, 
im geheimen sie aber aufzufordern, nicht nachzugeben, bis die Türken gänzlich 
verjagt und serbische Behörden eingesetzt wären. Gleichzeitig unterhandelte Milos 
geschickt mit dem Pascha von Belgrad, schickte den Cehaja Avram Petronijevic zum 
Valija von Rumelien, berichtete nach Konstantinopel und bat in Petersburg um 
diplomatische Unterstützung. Indessen wurden die Moslims aus allen Orten 
hinausgedrängt. Die definitive Regelung der Grenze wäre aber trotzdem noch 
lange fraglich geblieben, hätten die mit den Brüdern Trencevic vor den Belgrader 
Pascha beschiedenen beiden Serbinnen, welche sich an das Wohlleben im Harem 
bereits gewöhnt, ausgesagt, dass sie freiwillig den Begs folgten. Da dies tat-, 
sächlich zu befürchten war, Hess Milos sie wissen, dass sie als Verräterinnen am 
Volke an keinem Orte ihres Lebens sicher bleiben würden. Diese F^rohung 
wirkte, und die Frauen forderten von dem türkischen Kommissar, dass man sie 
ihren Eltern übergebe. Das Urteil lautete in diesem Sinne, und es durften die 
Entführten auch alle von den Trencevic empfangenen Geschenke behalten. So 
wendete Milos' diplomatische Schlauheit den ihm erwünschten Vorfall zum Wohle 
seines Landes und insbesondere von Krusevac. 

Das altserbische Kruzevac soll drei Stunden im Umfang besessen haben (?); 
das türkische erscheint noch auf der österreichischen Okkupationskartc als stark 
befestigte „Palanka Kruschowaz". Sie breitete sich nördlich vom Schlossplateau 
in der vom Ciganski Potok durchschnittenen Ebene nahe der Wasserleitung aus. 
Die 1905 in 1250 Häusern 7200 Seelen (23 Deutsche, 8 Böhmen, 7 Italiener, 
6 Ungarn, 224 Zigeuner, darunter 35 Katholiken, 7 Protestanten usw.) zählende 



90 



Über Rrus, Koznik iiiul Kriisevnc nach Stalac. 



Neustadt wurde 1836 von dem Wojwoden Cukic, Vater des Ministers Kosta Cukic, 
an gesünderer Stelle angelegt. 1860 traf ich das ganz an türkische Seraiis 
erinnernde Kreisanit untern der Lazarkirche neben der kleinen Schule, die längst 
durch ein entsprechenderes Gebäude ersetzt worden wäre, hätte nicht die 
leidige serbische Prozesssucht einen Kompetenzstreit zwischen dem Prota und der 
Kommune hervorgerufen, der endlos fortwucherte. Um so angenehmer wurde ich 
überrascht, als ich 1888 das grosse einstöckige Gymnasium mit 15 Fenstern 
Frontbreite vollendet fand, in dem 20 Professoren 360 Schüler unterrichten. Es 
steht südwestlich von der jetzt umfriedeten Kirche und gibt dem historisch 
interessanten Platze, auf dem sich ausser einem Lazarschen Schlossturm nur das 
Häuschen für den Klisar (Küster) befindet, das Aussehen eines Forums. 













KRUSEVAC. Lazarturm, Kirche und CJvmnasiuin. 



Die 3 Volksschulen mit 22 Lehrern wurden 
gleich dem Kreisamte hinab in die Stadt verlegt 
und damit ein allseits gehegter Wunsch erfüllt. 
Nahe dem letzteren befinden sich grosse Montur- 
und Waffenmagazine, denn Krusevac bildet das 
Stabsquartier der gleichnamigen Brigade, mit Gebirgsartillerie und einer Eskadron, 
zusammen 20 Offiziere, 26 Unteroffiziere und 145 Soldaten, für welche im 
östlichen Stadtteil eine neue einstöckige Kaserne erbaut wurde. In der 
langgedehnten Carsija und auf ihren drei Plätzen sieht man mehrere hübsche 
Wohnhäuser und Magazine; an ihrem Nordende fiel mir neben dem türkischen 
Kuppelbad eine Danipfmühle auf, in ihrer Mitte liegt der freundliche Gasthof 
„Zur serbischen Residenz", etwas weiter ein Cafe ä la franka, in einer Querstrasse 
das „Hotel l'Europe". Das Post- und Telegraphenamt steht in einem vom städtischen 
Zentrum fernen Gässchen, was um so unangenehmer empfunden wird, als Handel 
und Gewerbe sich, begünstigt durch den gegenseitigen Hilfs- und Sparverein, 
der 1905 über 21 Millionen d zu nur (für Serbien) 10 Prozent in Umlauf setzte, 
bedeutend heben. 

Der Kaufmannsstand zählt 230 Vertreter, darunter 2 Bankiersund 14 Spediteure; 
mit Feld- und Gartenbau beschäftigen sich nur mehr 56; mit Schneiderei 132, 



über Brus, Koznik und Kriisevac nach Stalat'. 



91 



Schuhwerk 120 Personen usw. Ärzte gibt es 5, Apotheker 4, Advokaten 6, 
Buchdrucker 4, und jüngst etablierte sich dort ein Photot;rapii, der gleich Gutes 
leistet wie Franz Winter, ein böhmischer Tischler, dessen Möbel als die besten 
im Innern des Landes erzeugten gelten. Er zimmerte auch den vielbesprochenen, 
weil mit den Wappen aller von Serben bewohnten Nachbarländer verzierten 
Triumphbogen, bei dem der junge König die Huldigung der Stadtbehörden 
anlässlich des 500. „Vidov-dan "-Jahrestages entgegennahm und den Grundstein 
zum Denkmal für die am 15. Juni 1389 gefallenen Helden legte. Das bereits 
im Zentrum der 1200 m langen Carsija sich erhebende Postament wird mit der 
schönen Bronzegruppe, welche der Bildner Jovanovic (I. Bd., S. 166) zu Paris 




PipaiHIVJipiHMH^ppp 
KRUSeVAC, (jiockengeschoss der Laz.irkirchc. 



ausführt, ihren künstlerischen Schmuck bilden, und die von Zivanovic entworfene 
fünfkuppelige Votivkirche soll das Südende der Strasse würdig abschliessen. 

„Einfach und schmucklos — erzählt ein deutscher Berichterstatter — ohne 
den im Westen Europas hergebrachten Glanz und die allgemein herrschenden 
höfischen Formen, erschien die Feier, eine Fortsetzung der patriarchalischen 
Ordnung der Dinge, eine Anknüpfung an die Tage der Erhebung gegen die 
Türken im serbischen Waldland. Man fühlte sich unwillkürlich an kleine slavische 
Höfe des Mittelalters versetzt. Die überwiegende Masse der Bauern in der 
nationalen Tracht, die zahlreiche Geistlichkeit, lauter Charakterköpfe mit lang 
herabwallendem Haar und Bart, manche wirklich imponierende Erscheinungen; 
hier haben Bauern und Geistliche auch in der Vergangenheit gewiss nicht viel 
anders ausgesehen, und wir wissen aus der Geschichte, dass beide damals 
dieselbe Rolle gespielt haben wie heute. Nur wo einst der hohe und niedere 



92 Ober Brus, Koznik und Kruäevac nach Stalac. 

Adel, den Grossbesitz vertretend, um den Thron stand, erschienen hier Offiziere, 
Minister und andere Beamte in Uniform und Fracl<, mit zahlreichen Orden 
geschmückt. Unter der Geistlichkeit fielen der Metropolit und der Bischof von 
Nis auf. Sie prangten bei den verschiedenen Feierlichkeiten im reichen Ornat 
im Glänze der byzantinischen Kaiserkrone, die auf sämtliche Bischöfe der östlichen 
Kirche übergegangen ist. An der Spitze der Beamten und Offiziere gewahrte 
man die beiden Regenten, die Generäle Belimarkovic und Protic; Ristic war 
daheim geblieben. In der Mitte dieses bunten Rahmens von Männern, die 
vom politischen Wechsel zu sagen wussten und selbst den Umschwung der 
Dinge nach oben und unten erfahren hatten, erschien der junge König Alexander." 

Die Strasse nach Kraljevo und Zica führt über die westliche fruchtbare, 
doch wenig bebaute Diluvialhöhe von Lazarica, auf welcher ich das in Viquesnels 
„Voyage dans la Turquie de l'Europe" veröffentlichte Gebirgspanorama zeichnete. 
Die südwestlichen hohen Berge waren mir liebe Bekannte, an deren Fuss ich 
gestanden, deren Täler ich durchzogen, deren Spitzen ich erklommen hatte. Sie 
bildeten eine weitgestreckte Linie, beginnend mit dem 2140 m hohen Kopaonik; 
ihm schlössen sich an: die 2080 m hohe Gobelja, der Ceker (1589 m), der 
Zeljin (1836 m), der Goc (1147 m), weiter westlich die Kobasica, Stolovi und der 
Troglav, die das Ibar-Defilee S. bei Kraljevo markieren. Auf dem linken 
Moravaufer entwickelten sich die zahllosen gewellten Bergkuppen, welche das 
nordwestliche Serbien erfüllen; nur den Kotlenik, Crni Vrh, Kremenica und Juhor 
vermochte ich zu unterscheiden. Mein Begleiter deutete über das nahe Trstenik auf 
einen lichten Streif und meinte, dort läge Kraljevo. An sehr reinen Tagen will man 
sogar seine Kirche mit dem Fernglas erkennen, was ich bezweifle, weil die 
Entfernung in der Luftlinie 52 km beträgt. Es dürfte gleich wahr sein, wie jene 
Sage von dem eisernen Riesentor im Goc-Engpasse, welches die durch diesen 
nach Novi Pazar führende Strasse in der Türkenzeit sperrte und dessen Öffnen 
und Schliessen solches Geräusch verursachte, dass die Kaufleute selbst im 35 km 
fernen Krusevac Beginn und Ende ihrer Geschäftszeit danach regelten. 

Die weitere streng West einhaltende treffliche Strasse erreicht, unmerkbar 
ansteigend, hinter G. Ribnik mit von Fürst Milan Obrenovic 11. gestifteter 
Kirche ihren höchsten Punkt (193 m) und auf diesem Niveau fortlaufend das 
von Krusevac 27 km ferne Trstenik. Diese 1905 1500 Seelen zählende, zweit- 
grösste Stadt des Kreises erscheint schon in einer Stiftungsurkunde des Knezen 
Lazar unter den Orten, welche er dem Kloster Ravanica zuwies. Die etwas 
westlichere ältere Ansiedelung in der Talenge zwischen dem Goc und der Tatarna, 
aus deren Umgebung eine 1874 in das Belgrader Museum gelangte römische 
Bronze-Gesichtsmaske stammt, wurde auf Milos' Befehl 1832 verlassen. Das an 
der heutigen Stelle entstandene Städtchen besitzt ein Bezirkshaus, eine gute Schule, 
ein Post- und Telegraphenamt, einen nahezu 7 Millionen d jährlich in Umlauf 
bringenden Hilfs- und Sparverein, eine wohlassortierte Carsija. Die hier gearbeiteten 
Teppiche sind durch ihr dichtes und weiches Gewebe sehr geschätzt. Der 
lebhafte Handelsverkehr litt lange durch die 1887 erfolgte Zerstörung seiner es 
mit dem linken Moravaufer verbindenden Brücke (1. Bd., S. 172), die seither durch 



über Briis, Knznik und Kriisevac nach Stniac. 93 

die Jasikaer Pontonbrücke ersetzt wurde. Auch an die Steile des abgetragenen 
alten Kirchleins soll ein von 2ivanovic entworfener Kuppelbau treten. 

im Sommer ziehen viele Fremde durch Trstenik nach dem im westlichen 
Mala Reka-Tale liegenden Bade Vrnjci, das die wiederholten Besuche der 
Königin Natalie in Flor brachte und die Regierung durch die Anwesenheit des 
Kreisarztes während der Saison, sowie 1897 durch die Anlage von Promenaden 
und zierlicher Eisenbrücken über den regulierten, viele Mühlen treibenden Wildbach 
erheblich förderte. Die Wirkung der am südlichen Goc, in kristallinischen, von 
Quarzit und Schotter überlagerten Schichten entspringenden, alkalisch-säuerlichen 
Quellen wird jener von Ems gleichgestellt. Die warme mit 27 " C. neben dem 
hübschen Kursalon wird zum Baden, die kalte auf dem linken Ufer zum Trinken 
benutzt. Einer der vielen Ausflüge in Vrnjcis romantische Umgebung führt zu 
seinem Marmorlager, das nicht minder gerühmt wird wie die trefflichen 
Mühlsteinbrüche beim östlichen Popina, Dublje und jenseitigen Orlovacberg, 
welche von dem Neusatzer Unternehmer Spitzer ausgebeutet werden. 

Nordöstlich von Kruäevac erhebt sich ein in der 491 m hohen Despina 
Poljana kulminierendes diluviales Hochplateau, von dessen nördlichstem Sporne, 
21 m über dem Vereinigungspunkt der West- und Süd-Morava, Stalacs viel- 
besungener „Todorturm" hcrabblickt. Geographische Erhebungen und der 
Wunsch, dieses Denkmal altserbischen Heroismus' zu sehen, führte mich schon 
1860 zum erstenmal dahin. 

Am prächtigen 7. Julimorgen durchritt ich mit dem Kreisingenieur Matijasic 
an der Belgrader Strasse die nun überbrückte tiefe Rasinafurt, sodann ging es 
die sanften Höhen hinan, durch Makresanis Obst- und Weinkulturen, hinter 
welchen sich kleine Eichenstände bald in den höheren Lagen zu prächtigem Wald 
verdichten. Ernst stimmende Feiertagsruhe lagerte auf ihren mächtigen Kronen 
und allerorts auf der SO. sich streckenden Mojsinje planina, die Mojsilo, ein 
Wojwode, der sich gegen den Zaren Dusan schwer vergangen, zum Loskauf des 
ihm geschenkten Lebens in einen Heiligenhain verwandeln musste. 70 Kirchen 
baute er in den wasserreichen Gebirgsschluchten auf beiden Moravaufern, und 
die Ruinen vieler „crkviste", um deren Erforschung sich der Lehrer Mihail 
St. Riznic verdient gemacht, kräftigen bei den Gläubigen diese im Volke 
fortlebende Sage. 

Bei dem uralten Dorfe Mojsinje, bei Braljina zwischen hohen Ulmen, 
bei Kaonik u. a. 0. sieht man zerstörte Kapellen, über deren einstige Patrone 
sich jede Tradition verloren hat; es gibt aber auch besser erhaltene, welchen 
noch heute eine grosse Heilkraft nachgerühmt wird. Im Grundriss interessant ist 
das noch vor 40 Jahren mit achtseitiger Kuppel aufrecht gestandene Kirchlein bei 
Stevanac, dessen marmorne Tür- und Fensterstöcke schon früher dem Volkswahn 
zum Opfer fielen, dass in Wasser gelöster pulverisierter Marmor gegen innere 
Krankheiten sicher helfe. Am Sabortage des hl. Jovan Javorek zieht das Volk 
von allen Seiten dahin, und gleiche Verehrung geniesst das im östlichen nahen 
jakovac Potok liegende gleichnamige Kirchlein, das als technisch vollendetste 
des Mojsinjegebirges gilt. Seine Kuppel stürzte vor etwa 15 Jahren ein; steinerne 



94 



!ber Briis, Ko/nil< inid Knisevac nach Stalac. 



Weihwasserbehälter und Bikierständer sprechen für seine reichere Ausstattung. 
Schatzgräber fanden hier ausser Gefässen einige Goldstücke von Dusan und 
Lazar; den Sabor feiert man am „Tomin-dan". im 1 km östlicheren Paraliel- 
graben liegt das gleichfalls zerstörte Sv. Damnjan, unfern Sv. Marija und 
nördlicher, gegenüber dem Tunnelende, die Kapelle Sv. Nedelja, dessen kaum 
3 m langer Hauptraum nur durch das schmale Fenster der ihn abschliessenden 
Altarapside wenig Licht erhält und vom Narthex an Grösse übertroffen wird. 

Vom Kamme des Mojsinje-Gebirges ging es sanft abwärts, und als wir den 
Wald von Pozarac (442 m) verliessen, lag das nördliche Moravagebiet bis zur 
Sava vor unseren überraschten Blicken. Den Mittelgrund der prächtigen Landschaft 
füllte der fruchtbare altserbische Gau „Lugomir", durchströmt von dem ihn reich- 
bewässernden gleichnamigen Flüsschen (I. Bd., S. 291), dicht vor uns ragte der einzig 




STEVANAC. Grundriss der Kirche. 



erhaltene Stalacer Schlossturm in den blauen Äther; tief unten lagen aber die Dörfer 
Klein- und Gross-Stalac '), getrennt durch die Süd-Morava, welche in wunderlichsten 
Krümmungen ihrer von Westen kommenden Schwester zueilt, um bald mit ihr 
vereinigt als mächtigster Fluss das Königreich bis zur Donau zu durchfliessen. 
Nur selten hatte ich auf meinen wiederholten Kreuz- und Querzügen im 
Gebiete der breiten unteren Morava auf dieser mehr als ab und zu eine Fähre 
oder einen bescheidenen Kahn erblickt. Und doch war sie nach Eward Browns 
Zeugnis noch 1669 die Trägerin eines lebhaften Handelsverkehrs mit „salt and 
other commodities" von und nach Ungarn. Damals war der Flusslauf zweifellos 
viel regelmässiger als heute, wo er durch die beklagenswerte Waldverwüstung 
in seinen Quellgebieten im Frühjahr einen alles Anland verheerenden Strom, in 
regenarmen Monaten unzählige Widerströme und seichte, gefährliche Kurven 
bildet. Wer den mühsamen, ebenso langsamen wie kostspieligen Transport von 
Salz und Kolonialwaren von den Donaustapelplätzen nach dem Innern vor der 



') jetzt Grad Stalac und Stalac. 



über Brus, Koznik iiriil Kriiscvac nach Stalac. 95 

Eröffnung des Belgrad-Niser Schienenstrangs kannte, sowie die nicht minder 
grossen Hemmnisse, mit welchen seine Ausfuhr von Getreide, Häuten, Talg und 
Schweinen verknüpft war, bedauerte, dass nicht ernsthchere Schritte gemacht 
wurden, um die natürliche und wohlfeile Morava -Wasserstrasse von den Schiff- 
fahrtshindernissen zu befreien und dem Verkehr zurückzugeben. Die österreichische 
Donau-Danipfschiffahrts-Gesellschaft Hess Sondierungen des Strombettes vor- 
nehmen, welche seine Befahrung mit kleinen Dampfern als möglich darstellten, doch 
sollte die serbische Regierung durch allmähliche Regulierung und Kultivierung der 
nahen Waldgebiete gleichmässigere Niveauverhältnisse für die Schiffahrt schaffen, 
was in der Skupstina befürwortet und zugesagt, nach Fürst Mihails Tod aber 
niemals ernstlich angegriffen wurde, obschon die Morava von Stalac abwärts bis 
zur Donau ein 216 Kilometer langes, fruchtbares breites Tal durchfliesst, das 
nicht allein, wie die zahlreichen antiken Ansiedelungen zeigen, unter den Römern, 
sondern bis ins Mittelalter hohe militärische und wirtschaftliche Bedeutung besass. 

Den südlichsten Hafen für die Morava Schiffahrt bildete bis in die Türkenzeit 
das durch seine natürliche Lage dazu bestimmte Stalac, dort nahmen und 
landeten alle Schiffe ihre Waren aus und nach den benachbarten Landschaften; 
daher auch sein Name von ustavijati und stojati (sich aufhalten, stehen bleiben). 
Noch unter Knez Lazar war Stalac eine handelstätige Stadt mit bestimmten 
Märkten, denn die Einkünfte des „panadjur Petrov" (hl. Peter) schenkte er dem 
Kloster Ravanica '). Auf den römischen Kastellresten entstand das den Hafen 
schirmende altserbische Schloss. Sein westlicher grösserer, ganz verwüsteter 
Teil umfasste nahezu 4 Hektare; vom östlichen kleineren steht ein Teil des 
entzwei geborstenen „Todorturmes" noch aufrecht da. Seine 1 m starken Mauern 
waren 6,5 m lang, 6,5 m breit und umschlossen 5 Geschosse, von welchen nur 
das dritte ein Fenster besass, das letzte als Auslugswarte diente. Im Innern sah 
ich 1860 noch Reste von Fresken. 

Die oft ihr Bett ändernde Morava bespülte wohl die unteren Werke, aber 
gewiss niemals diesen Turm, deshalb konnte er auch unmöglich den Schauplatz 
der heroischen Tat bilden, welche die Tradition an ihn knüpft und das serbische 
Nationallied „Smrt vojvode Prijesde" verherrlicht. Es lautet nach Siegfried Kappers 
gelungener Übersetzung 2): 

Briefe folgen häufig sich auf Briefe. I Und geschrieben nach dem Schloss von Stalac 

Von wem sind sie und an wen geschrieben? ' An Prijesda, an den Wojwoden: 
Von Mehnied, dem Türkensultan^j, sind sie, | „O Prijesda, Stalacer Wojwoda, 



') Daniele, Rjecnik, III, 158. 

-' Tod des Wojwoden Prijesda. Aus Vuks „Serbische Nationaliieder", II. Bd., in 
„Gesänge der Serben", II, 10. Mit vielen Varianten wird dieses prächtige Volkslied, in dem 
sich der tiefe Hass zwischen Christ und Moslim mit dem hehren ülanze südslavischen 
Heldentums spiegelt, in allen serbischen Ländern und auch in Bulgarien gesungen. Eine 
derartige Variante aus dem Bezirke Trn, welche den Todor befehdenden Sultan „Sulejman" 
nennt, wurde von der Bulg. liter. Gesellschaft mitgeteilt, andere schon früher von den 
Brüdern Miladinov. 

') Mit diesem Mehmed kann, wenn es nicht allerorts Musa heissen soll, gewiss nur 
Sultan Mohammed III. gemeint sein; denn es ist historisch erwiesen, dass der die Herrschaft 



9fi 



Über Briis, Koznik luul Krusevac nach Stalac. 



Sende du mir deine besten Güter. 
Erstes Gut, den starken Stiinnersäbel, 
Der da Baum und harten Felsstein spaltet, 
Baum und Stein, sowie auch hartes Eisen; 
Zweites Gut, dein gutes Kranich-Kampfrnss, 
Gutes Kanipt'ross, das wohl übersetzen 
Eine nach der andern kann zwei Mauern; 
Drittes Gut, dein treu geliebtes Eh'wcib!" 
Da den Brief Prijesda durchgesehen, 
Geht er hin und sclireibt gleich einen zweiten: 
„Sultan Mehnied, grosser Zar der Türken! 
Samml' ein Heer, so gross es dir beliebig, 
Komm vor Stalac, wann es dir beliebig. 
Stürme Stalac, wie es dir beliebig; 
Von den Gütern send' ich dir kein einz'ges, 
Hab' für mich mein gutes Schwert gewetzt nur, 
Hab' für mich mein Falkenross genährt nur, 
Hab' für mich mein treues Weib gefreit nur, 
Keins von meinen Gütern kann ich missen!" 
Da erbebt der Türkensultan Mehmed, 
Hebt ein mächtig Heer und zieht vor Stalac. 
Wohl drei Jahre stürmt er und beschiesst es, 
Stürmt ihm keinen Stein ab, keinen Splitter. 
Nicht vermag das Schloss er zu bezwingen. 
Noch viel wen'ger will er es verlassen. 
Da, des Morgens früh vor einem Sonntag, 
Wallt hinaus Prijesdas treue Eh'frau, 
Wallt hinein die hohen Festungsmauern, 
Schaut hernieder ins Moravawasser. 
Trüb' vorüber strömt der Strom am Schlosse 
Und die Eh'frau spricht zum Wojwoden: 
„O Prijesda, Herr mir und Gebieter! 
Sehr befürcht', o Herr, ich, dass die Türken 
Uns mit Minen in die Lüfte sprengen!" 
Drauf jedoch zurück ihr der Wojwoda: 
„Schweig', oLieb'! Gefahr lassdich schweigen. 
Wer grub Minen unter solche Ströme?" 
Als hierauf es Sonntag war geworden. 
Schreitet nach der Kirche der Wojwoda, 
Dient darin den Dienst mit den Gefährten, 
Tritt heraus dann aus der weissen Kirche, 
Spricht zu den Gefährten diese Worte: 
„O Gefährten, ihr mein rechter Flügel, 
Bald mit euch wohl werd' ich mich erheben! 
Lasst darum erst speisen uns und trinken, 
Oeffnen dann des Schlosses weite Tore, 
Und hinaus uns stürzen auf die Türken - 



Komm' was Gott will, und der Helden Glück!" 
Also aber spricht er zu der Eh'frau: 
„Geh', o Seele, nieder zu den Kellern, 
Hol' uns Rakija, hol' uns roten Kühlwein!" 
Und Frau Jela nimmt zwei goldne Kannen, 
Geht hernieder in die dunklen Keller. 
Da sie anlangt in den dunklen Kellern, 
Trifft den Raum sie voll von Janitscharen. 
Aus Pantoffeln kühlen Rotwein schlürfend, 
Trinken sie Frau Jela zu, der Herrin. 
Trinken auf das Seelenheil Prijesdas. 
Da dies sieht Frau Jela, die Gebiet'rin, 
Lässt die Kannen aus der Hand sie fallen, 
Eilt hinan schnell zu den Herrenhallen: 
„Schlimmer Wein," so ruft sie, „mein Gebieter! 
Schlimmer Wein und noch schlimm'rcr Rakija! 
Voll von Janitscharen sind die Keller! 
Aus Pantoffeln deinen Kühlwein schlürfend. 
Tranken auf mein Wohl sie, o Gebieter! 
Tranken dir, dem Lebenden, den Grabtrunk, 
Tranken, weh, auf deiner Seele Frieden!" 
Da dies hört Prijesda, der Wojwoda, 
Tut er auf des Schlosses weite Tore, 
Stürzt sich kämpfend auf die Türkenheerschar, 
Schlägt um sich und schlägt viel Türken nieder. 
Sechzig oben, ungezählt die andern. 
In das Schloss dann rückkehrt der Wojwoda, 
Schliesst die Tore hinter sich des Schlosses, 
Zückt vom Gurt den blanken Stürmersäbel, 
Schlägt das Haupt ab seinem Kranichrosse: 
„Weh, o Kranich, du mein Gut, mein teures! 
Weh! Doch wird der Sultan dich nicht reiten!" 
Bricht entzwei den blanken Stürmersäbel: 
„Weh, o Stürmer, meine rechte Hand du! 
Weh! Doch wird der Sultan dich nicht 

zücken!" 
Dann zur Frauen geht er in die Halle, 
Fasst an ihrer Hand die treue Eh'frau: 
„Wähle, Jela, du verständ'ge Hausfrau! 
Wähle! Willst du lieber mit mir sterben 
Oder einem Türken sein zur Buhle?" 
Heisse Tränen weint die edle Frauen: 
„Heil'gen Tod mit dir, den wähl' ich lieber 
Als des Türken schandevolle Liebe! 
Nimmerdar entsag' ich meinem Glauben 
Und des Kreuzes Heil verleugn' ich nimmer!" 
An den Händen fassen sich dann beide, 



im europäischen Reiche seines Vaters ansprechende Musa 1413 Stalac eroberte, worauf es 
der ihn mit serbischer Hilfe besiegende Sultan Mohammed I. dem Despoten Stefan Lazarevic 
gleich Kruäevac, Svrljig u. a. O. zurückgab. Somit hätte die Wegnahme des Stalacer 
Schlosses und Prijesdas Heldentat anlässlich des Zuges Mohammeds II. nach Belgrad 
im J. 1456 stattgefunden. 



über ßrus, Koznik und Kriisevac nach Slalac'. 



97 



Geh'n hinan zu Stalacs hohen Mauern. 
Also spricht hier Jela zum Wojwoden : 
„O Prijesda, Herr und mein Gebieter! 
Aufgeniihret hat uns die Morava — 
Nun wohlan, sie mög' uns auch begraben!" 
in den Strom drauf stürzen beide jählings. 



Leicht bezwingt derSultan nun das Felsschloss, 
Von den üütern aber wird ihm keines. 
Grimmig schilt er drob, indem er fortzieht: 
„Schloss von Stalac, dass dich Gott zerstöre! 
Herwärts führt' ich dreimal tausend Krieger, 
Heimwärts ihrer führ' ich kaum fünfhundert." 



Wie dem Untergange des Zaren Lazar auf Kosovo, schreibt das Volk auch 
den Verlust von Stalac und den Tod seines tapferen Schlossherrn Prijesda dem 
Verrat eines seiner Wojwoden zu, der die Türken durch geheime Minengiinge 
einliess und als Lohn zum „Vezir" der Landschaft ernannt wurde. Als solcher 
eilte er, aus dem Material der ringsum zerstörten Kirchen den nach ihm benannten 
„Todorturm" zu erbauen und das Schloss wieder in vollen Verteidigungszustand 

zu setzen. Der deshalb erzürnte Sultan Mehemed 
belagerte es vergeblich drei Jahre lang. Da erbot 
sich ein im benachbarten Kirchlein Sv. Arandjel 




Ruine der Siala^er Feste. 



weilender Erzpriester, den ihm verhassten Todor durch List zu überwinden. Auf 
dessen Rat liess der Sultan seine Truppen auf das rechte Ufer abziehen; der vom 
Prota überredete Todor kam mit seinen Wojwoden herab, um Gott den Dank für die 
unverhoffte Erlösung von den Türken darzubringen. Der benachrichtigte Sultan 
überwältigte aber rasch die sorglose, ihrer Führer beraubte Besatzung, liess seinen 
treulosen „Vezir Todor" mit allen Wojwoden töten und auch die Kirche 
zerstören, in deren Turm sich der seinen Verrat bereuende Prota erhängte. — In 
so wahrhaft dramatischer Weise erzählt das Volk den Untergang von Stalac. Der 
Fluch des in seiner Eigenliebe schwer verletzten Sultans Mehemed im Volkslied: 
„Schloss Stalac, dass dich Gott zerstöre!" kann nur seinem obersten Teile gegolten 
haben. Denn die Verwüstung der unteren Burg durch „Zar Mojsia" war schon 
1413 eine so vollständige, dass Broquicre zwanzig Jahre später auf der Ruinen- 
stätte nur mehr eine Karaula traf, welche die türkisch-serbische Grenze markierte. 
Ganz nahe ankerte eine sultanliche Flottille von 80 100 Saiken (Kriegsbarken), 
jeden Augenblick bereit, die dort lagernden Truppen auf der unteren Morava in 
Feindesland zu führen. 

F. KANITZ, Serbien. U. 7 



98 Über Brus, Koznik und KruSevac nach Stalac. 

Meine Skizze zeigt die Ruine der Stalacer Feste mit dem Zusammenflusse 
der West- und Süd-Morava, an dem sich die Grenzen der Beziri<e Krusevac, 
Razanj und Varvarin berühren. Südlich vom Städtchen Varvarin liegt am linken 
West-Moravaufer Maskare, dessen Namen das Volk so deutet: Türkische Soldaten 
fingen den durch die Fluten abwärts getriebenen Leichnam der schönen Frau 
Prijesdas dort auf und wollten ihn schänden; ein hinzukommender Barjaktar 
(Fahnenträger) hinderte es aber, rufend: „To je maskara!" (das ist Schande!) — 
Auf dem „Bedanin" sieht man beim Dorfe 1,25 m starke, in gewissen Abständen 
vor- und zurücktretende Mauerreste, mit teilweise 32x29 cm grossen Ziegeln, 
eines römischen quadratischen, 156 m langen, 132 m breiten Römerkastells, bei 
dem Kaisermünzen, Gefässe und Inschriftsteine gefunden wurden. Lehrer Riznic 
irrt jedoch, wenn er das nach den Itinerarien am Belgrad-Konstantinopler Heerwege 
gelegene römische „Praesidium Pompei" bei Maskare und „Praes. Dasmin" bei 
Stalac ansetzt. Denn wäre dies richtig, dann hätten die Römer eine Brücke bei 
Paracin über die vereinigte Morava, eine zweite bei Maskare über ihren westlichen 
und eine dritte über ihren südlichen Arm erbauen müssen, um Naissus (Nis) zu 
erreichen. Die antike Heerstrasse mied aber gleich dem modernen Schienenstrang 
das abseits liegende Krusevac und blieb, wie ich dies unwiderlegbar in den 
erwähnten Studien nachgewiesen habe, auf dem linken Ufer der Süd-Morava.') 
Die periodischen Verschiebungen des Strombettes am Zusammenfluss der beiden 
Morava-Arme fügte Mali Stalac oft bedeutende Verluste zu. Vor 40 Jahren 
wurde der beste Teil seiner Felder vom Dorfe abgetrennt und den Veliki-Stalacern 
im Prozesswege zugesprochen. Seither blieb ein bitterer Stachel zurück bei den 
früher freundlich miteinander verkehrenden Nachbarorten, unter deren 427 Häusern 
man heute schon moderne, doch mehr solche sieht, wie ich eins 1860 zeichnete 
(S. 99) und welche als Typen der unbeeinflussten älteren Bauweise dieser Gegend 
gelten können. 

Der Tag, an dem wir nach Mali Stalac hinabstiegen, brachte ihm und 
der ganzen orientalischen Christenheit vollsten Frieden. Aller Zwist verstummte, 
alle Arbeit ruhte. Es war am „Ivanj-dan", am Tage der Geburt des hl. Johannes 
(24. Juli a. St.) und Sonnenwende, ein Festtag so gross, dass nach Serbenglauben 
die Sonne dreimal aus Ehrfurcht vor dem Heiligen still steht. Vor kurzer Zeit beging 
man in Serbien, wie früher allgemein in Deutschland und nahezu in ganz Europa, 
dieses Fest am Vorabend durch Anzünden hochlodernder Feuer auf den Bergen. 
Wie das Nürnberger Ratsedikt vom 20. Juni 1653, eiferte aber auch die serbische 
Geistlichkeit gegen diesen und manchen anderen, unausrottbaren heidnischen Brauch. 
Nur die Berghirten umschreiten gegenwärtig noch die Hürden ihrer Schafe und 
Rinder mit brennenden Birken- und Kirschbaumzweigen und steigen dann auf die 
nächste Höhe, um die Reste gemeinsam in einem grossen Brande zu vereinigen. 



') Riznics mir erst nach dem Drucke meiner 1892 erschienenen „Römischen Studien" 
bekannt gewordene verdienstvolle Abhandlung (Starinar, Novemberheft 1891) bestätigt nicht 
allein meine Angabe über eine römische Ansiedelung bei Maskare, sondern vermehrt meine 
südlich von Stalac in Karte gebrachten antiken Kastelle, deren Zahl einigen archäologischen 
Fachgelehrten unglaublich gross erschien, noch erheblich. 



über Brus, Koznik und Kruäevac nach Stalac. 



99 



Mali Stalac feierte an jenem Tage auch eine „Slava", den Schutzpatron 
seines Kmetenhauses. Ich besuchte es und fand in der grossen Stube des 
Stare§ina einen langen Tisch von frisch gespalteten Brettern auf niederen Füssen 
errichtet. Das Speiseservice bestand in buntbemalten keramischen oder hölzernen 
Tellern, Zinn- und Holzlöffeln, Gabeln, Salz- und Paprikafässchen; Messer fehlten, 
denn jeder Serbe führt ein solches stets bei sich. Das Zentrum der Tafel nahm 
ein grosses rundes Brot „krsni kolac" ') ein, das im religiösen Teile der Feier 
die Hauptrolle spielt. Nach der liturgischen Vorschrift wird es aus reinem 
Weizenmehl bereitet, seine Oberseite erhält durch das Aufdrücken des Poskurnjak- 
Modells ein Kreuz und die Initialen der Worte: „Isus Christos nika" en relief, 
in seine Kehrseite macht man aber, sobald es gebacken, einen Kreuzschnitt. Auf 
der Mitte, wo sich die Kreuzlinien berühren, war eine hohe, dünne Wachskerze 







"^^-' ,v'' '.■'^■»^'^T- ,v '". 



STALAC. Hiluserbau. 



aufgesteckt, an dieser wurden in halber Höhe zwei kleinere angeklebt, so dass sie 
angezündet einen Trikir, das Sinnbild der hl. Dreieinigkeit, darstellten. Neben dem 
Brote stand der zur religiösen Zeremonie mit Wein gefüllte unentbehrliche Krug. 
Als der Pope die Stube betrat, war die Versammlung bereits vollzählig. 
Man hatte sich beim Eintritt gegenseitig begrüsst und nach serbischer Sitte auf 
beide Wangen geküsst. Bekleidet mit dem Epitrachilion, einem Gewände, das 
der Priester um den Nacken trägt und ohne welches er keine gottesdienstliche 
Handlung verrichten darf, stellte sich der Pope an die östliche Schmalseite des 
Tisches. Ihm schloss sich zur Linken der Stareäina, diesem der älteste Sohn 
des Hauses mit den männlichen Faniiliengliedern in einer Reihe an. Rechts vom 
Popen standen die Kume, die näheren Verwandten und geladenen Gäste. Die 
Frauen füllten den Hintergrund der Stube. 



') Vuk, Rjeänik, S. 284, gibt interessante Aufschlüsse über den „Kolai" und viele an 
diesen sich knüpfende Sprichwörter, z. B.: Bolji je i cm kolai, nego prazna torba —Besser 
schwarzer Kolai als leere Tasche (mit der man zu den Freunden kommt) — usw. 



ItdU l 



100 über Bnis, Koznik und Krusevac nach Stalac. 

Der Geistliche eröffnete die Feier mit dem Ablesen eines langen Gebetes 
in der monotonen, aber feierlichen Weise der orthodoxen Liturgie. Hierauf weihte 
er das hl. Brot mit dem Rauchgefäss und rief dabei Gottes und des Hauspatrons 
Segen auf das Kmetenhaus herab; „die Ähren mögen so hoch wachsen wie die 
Decke dieses Zimmers" und ähnliche fromme Wünsche wurden zum Höchsten 
gesendet. Dem Rauchfass entströmende Wolken von Thymianduft erfüllten die 
Stube und zogen, angestrahlt vom hellen Kerzenschimmer, oft flüchtige Aureolen 
um die durch tiefe Andacht verschönten Köpfe der einfachen Naturmenschen. 
Der Staresina griff nun nach dem geweihten Kolac, nahm die Kerzen ab und 
brach das Brot mit dem Popen, nachdem sie es unter Absingen vorgeschriebener 
Gebete dreimal in den Händen gedreht, in zwei Hälften, der Geistliche begoss 
diese mit Wein, der Staresina und Kum sogen ihn mit den Lippen auf, brachen 
die beiden Hälften nochmals, worauf nach dem Herkommen der Pope, der 
Staresina, der Kum und die Hausfrau die vier geweihten Kolacteile erhielten, 
während die Gäste nach den übrigen Broten des Tisches griffen. In Sirmien 
wird, wie Vuk mir erzählte, in einem Teile des „krsni kolac" ein Fisch eingebacken, 
wobei die Hausfrau allerlei Kniffe anwendet, die Stelle möglichst unkenntlich zu 
machen, um ihn dem Popen, dem die erste Wahl unter den vier Stücken zusteht, 
zu entziehen, was zu allgemeiner Heiterkeit oft gelingt. 

Die liturgische Feier war zu Ende. Der Geistliche entledigte sich des 
Epitrachilions und nahm den Ehrensitz bei dem nun folgenden Mahle ein. Es 
begann ^it einer warmen „kisela corba", der beliebten serbischen saueren 
Ragoutsuppe, Fische, Bohnen, Käse, Obst usw. folgten. Als Trunk wurde Rakija 
und Wein gereicht. Während der Mahlzeit brachte der Pope den ersten Trink- 
spruch zu Ehren Gottes und auf das „lange Leben" des „Gospodars", des Fürsten 
Milos, aus. Der Hausherr folgte mit einem Toast auf das Wohl seiner Gäste 
und insbesondere des Fremden, der — was von guter Vorbedeutung für dasselbe 
— es gerade am Tage des Heiligen betreten habe. Im Chor erscholl nun der 
immer schöne serbische Rundgesang „mnogaja Ijeta" (Viele Jahre!), abwechselnd 
mit Trinksprüchen auf das Wohl des Hausherrn, der Kume usw.; der Frauen 
wurde jedoch — es ist dies, wie der von ihnen eingenommene rückwärtige Platz 
am Tische, charakteristisch für ihre soziale Stellung in Serbien — mit keinem 
Worte gedacht! 

Unser Rückweg nach Krusevac erfolgte auf dem rechten Ufer der West- 
Morava; im Sommer vermag man dies, im Früiijahr setzen aber des Stromes 
Fluten den Plateau-Steilrand und die Strasse unter Wasser. Nahe am Mündungs- 
punkte der Rasina durchfurteten wir sie, erreichten bald die Poststrasse und 
gelangten bei Mondschimmer in später Stunde in die Stadt, deren „weisse Kirche" 
mit magischem Effekt sich von ihrer dunklen Umgebung abhob. 

Seitdem geschah viel zur besseren Verbindung von Krusevac mit seiner 
Umgebung. Die französische Bahnunternehmung baute auf eigene Kosten eine, 
bedeutende Sprengungen erfordernde, 16 km lange Kunststrasse mit trefflichen 
Brücken über die Rasina und Morava nach ihrer Station Veliki Stalac und schenkte 
sie dem Lande. Eine zweite Poststrasse führt nach Trstenik, eine dritte mit 




< 



< 

!- 



i 



Clber Briis, Koznik und Krusevac nach Stalac. 1011 

20 m langer Jochbrücke über die Djuniska reka bei Kaonik und 120 m langer, 1896 
vollendeter Morava-Eisenbrücke bei Djunis nach Alcksinac, eine vierte entlang der 
Rasina durch die „Jankova Klisura" in das neugewonnene Gebiet von Prokuplje 
und Kursumlija. Die 1897 erbaute, 180 m lange stabile Brücke bei dem 1893 
auch durch eine nette hl. Geistkirche verschönten Jasika fördert namentlich dieses 
und elf andere wohlhabende Orte am linken West-Moravaufer, welche dem 
Krusevacer Kreise jüngst zugeteilt wurden. (I. Bd., S. 558.) 

An dem zur Jankova Klisura führenden Heerwege sind an der Rasina bei 
Savrani die Reste eines Werkes sichtbar, das 200 Mann aufnehmen konnte. 
Gegenüber, bei dem östlichen Naupara, befindet sich das gleichnamige, 1848 
wieder hergestellte alte Kloster, dessen 1835 erneuerte Maria Geburt-Kuppelkirche 
und die 1851 gegründete Kirche lange Zeit die einzige Heil- und Bildungsstätte 
für die 16 Rasinadörfer mit über 5000 Seelen waren. Der Klosterbesitz wurde 1893 
noch mit 20 Hektar Feld und Wiesen, 6 Hektar Obst- und Weingärten, 610 Hektar 
Wald, einigem Viehstand, einer Mühle usw. verzeichnet. Die früher über 8000 d 
betragenden Ein- und Ausgaben sanken allmählich auf rund 6000 d und sollen 
sein Igunian und der ihn unterstützende Mönch, wie mir der Kaludjer Josif 
Gavrilovic versicherte, trotz der ihrer Kirche zugewiesenen Pfarre mit 5 Orten 
wenig ersparen. Bei dem rechtsuferigen Lomnica fand man einen guten Säuerling, 
bei dem südlicheren Majdevo eine salzhaltige Mineralquelle. Bei dem folgenden 
alten Kirchlein Sv. Petka beschreibt die dem Rasinalaufe sich anschmiegende 
Strasse eine grosse Kurve und übergeht sodann vor Zlatari auf ihr rechtes 
Ufer. Die Anwohner fabeln viel von dort und im jenseitigen Kovioci (Zlato 
^ Gold, kovati schmieden) durch die Lateiner betriebenen Gold- und Silber- 
bauen, sowie von dem auf der Carina bestandenen Schlosse; und wirklich 
erscheint die Anwesenheit der Ragusaner in „uilla Chonazi" (Kovaci) um 1426 
urkundlich erwiesen. 6 km weiter erreicht die allmählich von Krusevac 170 m 
durch paläozoische Formationen ansteigende Strasse die seit dem Heereszuge 
Hunyadys auf das Kosovo polje (1448) nach ihm genannte „Jankova Klisura", 
deren Schilderung ich im X. Kapitel gebe. 

Der 2710 km- umschliessende Krusevacer Kreis zählte 1905 mit dem nordwest^ 
liehen Gebietszuwachs in seinen 82 Gemeinden und 280 Orten 150287 Bewohner. 
Die Dichtigkeits-Verhältnisse steigen von 25—30 Seelen per km- im Kopaoniker 
Bezirk, auf 45 — 50 in der Zupa und Razanjer Landschaft, und auf 60 — 70 in 
den Bezirken Trstenik und Rasina. Namentlich in beiden letzteren ist der 
Boden ungemein fruchtbar; wenn die Landleute sich auf den in voller Sommer- 
pracht stehenden Feldern umhertummeln, gewähren die goldgelben Getreide- und 
hohen Maiskulturen einen herzerfreuenden Anblick. Mit Weizen waren 1906') 
9323 Hektar, mit Mais 29567 Hektar und nahezu 17 000 Hektar mit anderem 
Getreide bepflanzt. Wiesen gab es 14293 Hektar, Weideland 4140 Hektar, 
Obstgärten bedeckten 8895 Hektar. Zwetschken allein erntete man 229210 q, 
Birnen und Nüsse 35400 q, Äpfel, Aprikosen, Kirschen, Mispeln, Haselnüsse usw. 



') Dieses Jahr gab überhaupt eine mitteltnässige Ernte. 



11)1 Ober Brus, Koziiik uiui Kriiscvac nach Stalac. 

gibt es gewöhnlich im Überfluss. Der auf 2725 Hektar gezogene Wein brachte 
über 34077 q. Dieser reift besonders trefflich in der schon unter Zar Lazar durch 
ihre vorzüglichen Reben berühmten Zupa, in deren zwischen den Weingärten 
zerstreuten, mit Rundziegeln gedeckten, oft stockhohen pivnica ihre Eigentümer 
die Kelterung überwachen; der feurige zupsko vino ist überall gesucht und 
willkommen. Auch der Gemüsebau steigt und hebt sich fortwährend; am 
meisten pflanzt man Kraut, Zwiebeln, Lauch, Paprika, Hülsenfrüchte und Kartoffeln. 
Die Bienenzucht wird wieder etwas schwungvoller wie früher betrieben, man 
zählte 1905: 8406 Stücke, also 3,1 per 100 Hektar. Das Produkt wird meist roh 
verkauft. In der Rasina kommen 107 Stück Vieh, in den Bezirken Trstenik 
und Razanj 115 — 125, im Kopaonik und in der Zupa nur 94 — 97 auf 1 km'-. 
1905 wurden 4789 Pferde, 60191 Rinder, 171810 Schafe, 18293 Ziegen und 
59747 Schweine verzeichnet, was auf 100 Seelen des Bezirks Trstenik 180, 
in der Rasina 185, in der Zupa und im Razanjer Bezirke 210 — 270, und im 
Kopaoniker Bezirk sogar 350 Stück ergäbe. Alles in allejii kann man den 
Krusevacer Kreis zu den gesegnetsten Serbiens zählen. 



über Deligrad, Soko-Banja auf den Rtanj 

und nach Aleksinac. 



NACH mehrmonaflichen anstrengenden Ritten im Iiochgebirgi^en serbischen 
Westen vertauschte ich gern auf einigen Touren im Südosten Serbiens das 
Reitpferd mit dem Wagen. Ingenieur Matijasic bemühte sich uiul fand einen 
solchen, doch ein halber Tag verstrich, bis er instand gesetzt war. Das federnlosc 
Fahrzeug drohte schon an den ungeschlachten Prügelbäumen der Rasinabrücke 
zu zerschellen, überdauerte jedoch wunderbar diese Kardinalprobe und recht- 
fertigte den selbstbewussten Ausspruch seines Besitzers, es gäbe auf der ganzen 
Erde kein besseres Gefährt! 

Wir Messen Bivolje links und zogen im üaglovackatale zum gleichnamigen 
Dorfe, bei dem die Regierung 1891 auf einem vom Gesandten Simic erworbenen 
Landgute den Bau einer grossen Pulverfabrik vollendete. Auf dem bald darauf 
erreichten 307 m hohen „Cokotin grob" gewann ich den ersten Blick in das 
Tal der Süd-Morava. Durch hübschen Eichenwald ging es hierauf die Terrasse 
hinab, welche uns von ihr trennte. Unten überspannt der erwähnte Eisenbau 
(S. 103) die von Mala Reka und Ribarska hanja am Jastrebac herabkommende' 
zweiarmige Djuniska reka. Das auch Boljevacki potok genannte Bad Ribare 
besitzt drei schwefelhaltige Quellen nach Lozanics Analyse von 16, 30 und 38,8 "C) 
Das alte türkische Kuppelbad mit 37,5" C. wurde wegen der wachsenden Frequenz 
seines gerühmten Heilquells durch einen grösseren Neubau ersetzt. Die Therme 
war, wie nahe Kastellruinen an den nach Prokuplje und Nis führenden Wegen 
zeigen, gewiss schon zur Römerzeit bekannt (Kap. X). Die Quellen sollen sich 
namentlich bei rheumatisch-gichtischen Leiden und solchen der Verdauungsorgane 
erfolgreich bewähren. Ihren Abfluss benutzen die Anwohner zur Hanfröste. 
Jenseits der östlichen Wasserscheide gibt es eine ähnliche Therme unter dem 
Ruinenberge von Kuli na, ferner kohlensaure Gase und Salzsäure enthaltende zu 
Buci am Jastrebac, zu Sezemca u. a. 0. 



') Giasnik, Bd. 54. 1883. 



106 über Deligrad, Soko-Banja auf den Rtanj und nach Aleksinac. 

Wir kreuzten die vorüber am gleichnamigen Dorfe NO. zur Morava fliessende 
Djuniska reka. Dort fiel 1876 jene blutige Entscheidung zwischen Serben und 
Türken, welche erstere zum fluchtartigen Rückzug und zur Anrufung der Intervention 
Russlands zwang. Die Türken dankten den grossartigen Erfolg ihrer mit bewunderns- 
werter Ausdauer über die Vorhöhen des Jastrebac gebrachten Artillerie, unter 
deren Schutz sie, durch energische Vorstösse Krusevac bedrohend, die serbische 
Deligrader Position umgehen konnten. Interessant ist es, dass schon die Römer 
von ihrem grossen Krusevacer Kastrum dieselbe Trace zur Morava gewählt und 
den Fluss gleichfalls bei Trubarevo übersetzten, wo auch 1876 die serbischen 
Kriegsbrücken sich befanden. Dies bezeugen antike Reste befestigter Positionen 
ober- und unterhalb des Übergangs gegenüber Maletina, der eine weite Sicht 
gewährende quadratische Römerturm auf dem 426 m hohen „Djuniski krs"-Gipfel 
mit 7 m breiten Fronten; ferner unter ihm die von dreifachen starken Mauern 
umgebenen, 3 — 4 Hektar bedeckenden Stadtmauern, auf welchen Nemanjas Bruder 
Sracimir jenes feste „Gradac" erbaute, von dem er sein Teilgebiet zwischen 
der West-Morava und dem Jastrebac beherrschte. Aus dem von diesem Zupan 
unterhalb seiner Residenz an der Djuniskamündung gestifteten Kloster Sv. 
Bogorodica soll die zu Cacak ausgegrabene Glocke mit der Umschrift „Gradac" 
stammen, die man dahin rettete, als die Türken seine Kirche und die Stadt 
zerstörten. In dem hart am Bahndamm liegenden, nun verfallenen Bau mit 
oktogonaler Kuppel findet sich keine Spur von Fresken. Gleichzeitig wurden 
nach der Tradition auch das erwähnte Kloster S v. Arandjel (S. 97) und das 
berühmtere S v. Nestor vernichtet, dessen renoviertes, 1876 von den Türken 
abermals verwüstetes Kirchlein die Gemeinde Donji Ljubes als Pfarre erneuerte. 
Am Nordhange des „Gradacko brdo" sieht man auch bei der Moravabrücke im 
ebenen Plane alte Mauern einer grösseren Ansiedelung „Zarna", deren Namen 
noch im 18. Jahrhundert genannt worden sein soll. 4 km NW. stand bei Cerova 
auf einem von der Morava umflossenen hohen Sporne das antike Sperrfort des 
Übergangs mit zwei noch heute gut erhaltenen Türmen, während das rechtsuferige, 
in altserbischer Zeit gleichfalls überbaute bei Maletina schwer bestimmbar ist. 
Zwischen beiden Kastellen erhob sich bei Sv. Roman ein dem Gradacer 
ähnlicher „Luginsland". 

Im Jahre 1896 überbrückte die Regierung bei der „Djuniska Meana" die 
Morava durch eine 210 000 d kostende solide Eisenkonstruktion mit zwei Öffnungen 
von je 60 m. Auf dem rechten Stromufer erscheint das in malerischer Waldschlucht 
liegende Kloster Sv. Roman. Ein Knez Lazars Herden beaufsichtigender Beamter 
stiftete es, weil Gott im Traume ihm befahl, an der Stätte, auf welcher der 
fromme Roman gelebt, eine Kirche zu erbauen. Dieser Heilige war einer der 
sieben aus Asien nach Serbien geflüchteten „Sinajedenbrüder", von welchen 
Nestor das erwähnte gleichnamige Kloster am linken Ufer stiftete, Romilo in 
Ravanica, Gligorije zu Gornjak, die drei anderen Asketen zu Sv. Petka, in Tuman 
(1. Bd., S. 192) und im ungarischen Bazias lebten. Sv. Romans alte Kirche mit 
Kuppel, halbrunden Chor- und Seitenapsiden war, als Hunyady von Kosovo 1448 
flüchtete, bereits zerstört, wurde aber 1791 durch einen Narthex und südliche 



über Deligrad, Soko-Banja auf iIlmi Rtaiij und nach Aleksinac. 107 

Anbauten vergrössert und 1X52 durch den unter dem Fürsten Alexander Kara- 
djordjevic entstandenen isolierten Glockenturm vervollständigt. Ausser einem 
1372 geschriebenen schönen „Molitvenik" besitzt das Kloster auch alte Drucke. 
Am 27. August feiert man die Kirchenweihe „Maria Verkündigung", am folgenden 
Tage den hl. Roman. Sein ausgedehnter Grundbesitz bestand 1893 aus 82 Hektar 
Feldern und Wiesen, 3 Hektar Obst- und Weingarten, 1 15 Hektar Wald, 1 Mühle usw. 
Der Archimandrit und zwei Kaludjer verfügen über ein Jahreseinkommen von 
etwa 6000 d. Zu ihren Pflichten zählt, dass sie in dem stark verwüsteten Kirchlein 
Sv. Petka nahe dem südlichen Tunneltor, in Sv. Nikola gegenüber Braljina 
mit eingestürzter oktogonaler Kuppel, ferner in der vollkommen zerstörten, vom 
Volke aber deshalb noch höher verehrten Kapellenruine bei Madjare an bestimmten 
Tagen fromme Gebete lesen. 

Nordwestlich von Sv. Roman liegt das vom Niser Schienenstrang durch- 
zogene Steildefilee der Süd-Morava (S. 98) und NW. kommt die es von Praesidium 
Pompei umgehende, bis in die Neuzeit benützte römische Konstantinopeler Heer- 
strasse herab, welche die SW. von Sv. Roman auf dem rechten Flussufer sich 
ausdehnende fruchtbare Ebene durchschneidet. Als ich dieselbe am 7. Juli 1860 
zum erstenmal betrat, herrschte am Wege ein wahres Ameisentreiben. Hunderte 
mit Ochsen bespannter Wagen knarrten unter dem lärmenden Antreiben ihrer 
Besitzer, Tausende von Landleuten beider Geschlechter, mit primitivsten Grab- 
werkzeugen, Körben und Karren arbeiteten rastlos bei Tag und nachts bei 
weitleuchtenden Feuern, um mit allem Eifer das ihnen aufgetragene Strassenstück zu 
vollenden. Fürst Milos gedachte nämlich von Bad Soko-Banja aus, wo er zur Kur 
verweilte, Krusevac zu besuchen, auch war es allgemein bekannt, dass er schlechte 
Wege nicht liebte. Die weite Strecke glich einem Heerlager. Hier und da 
begegneten wir Beamten der nahen Bezirke, welche mit ihren Panduren das 
den Nutzen öffentlicher Strassen nicht immer würdigende unbezahlte Landvolk 
aneiferten. Dies wäre ganz gut gewesen, doch die Kapelane, und nicht allein die 
„alten", gebrauchten ihre Autorität auch oft am unrechten Orte. Sie gefielen sich 
namentlich darin, durch unverständige Abänderungen die von den „schwäbischen" 
Kreisingenieuren mit grosser Mühe entworfenen Tracen willkürlich zu verschlechtern; 
fachmännische Einwendungen wurden zurückgewiesen und das Verhältnis zwischen 
Kapelan und Ingenieur gestaltete sich selten so freundlich, wie es das allgemeine 
Staatswohl erforderte. Bei späteren Besuchen fand ich aber vieles in dieser 
Richtung gebessert. 

in einer Stunde erreichten wir den im serbischen Befreiungskampf und 
neuestens vielgenannten Schanzengürtel „Deligrad". in den österreichisch-türkischen 
Kriegen wird dieses Bollwerk nicht erwähnt. Erst 1806, als die Serben unter 
Petar Dobrnjac gegen Nis zogen, wurde es von dem aus Makedonien, nach 
anderen aus Dalmatien stammenden Kapetan Zika zum Schutze des Morava- 
Defilees angelegt und gegen die eindringende türkische Uebermacht glänzend 
verteidigt. Zika fiel im Moment, als er seinen Leuten ermutigend zurief: „Fürchtet 
nichts, die Türken fliehen!" Im nahen Kloster Sv. Roman wurde der Tapfere 
bestattet. In der 1809 durch Nebenwerke zur Aufnahme von 6000 Mann erweiterten 



lOi^ über Dcligrad, Soko-Baiija auf tton l^tanj iiiul naili Alcksinac. 

Schanze suchte der Wojwode Miloje Schutz, als die Serben bei Nis geschlagen 
wurden. 1810 verteidigte sie Vujica Vulicevic mit dem Aufgebote der Sumadija 
gegen den von Nis anrüci<endcn Kursid Pasa, und nach der Einnahme von Soko- 
Banja vereinigten sich hier die Russen unter Oruri< mit Karadjordjes Scharen im 
Oktober (1810), um vereint gegen Varvarin zu ziehen. 1813 ging Deligrad aber 
nach blutigem Kampfe, in dem am 28. August unter vielen Braven auch der 
Wojwode Jovan Kursula getötet wurde (i. Bd., S. 591), verloren und blieb bis 
1833 den türkischen Siegern. 

Nach dem von Jovan Miskovic angefertigten Plane ') bestand Deligrads 
ältere Befestigung aus fünf unregelmässigen verpalisadierten, mit Geschützständen 
versehenen Schanzen am linken Uferrande des Drenovacki potok. Die westlichste 
grösste und östliche kleinere nahmen die knapp zwischen ihnen durchlaufende 
Konstantinopeler Strasse unter Feuer, weiter östlich folgten die beiden von Vujica 
Vulicevic und Pavle Matejic verteidigten, südöstlicher die „Gruzanski sanac", 
gegenüber den zwei Schanzen, welche die angreifenden Türken auf dem Bell 
Kamen errichtet hatten. 

Ich sah der Zerstörung des historisch berühmten Bollwerks einige Zeit zu. 
Der Fund türkischer Kanonenkugeln, grösstenteils Sechspfünder, und sonstiger 
Waffenstücke beim Abgraben der hohen, rasenbedeckten Wälle erregte stets grosse 
Freude; ältere Bauern erzählten dann ein selbsterlebtes oder traditionelles Histörchen 
aus jener „schweren Zeit" dem aufhorchenden jungen Volke, das nicht ahnte, 
wie bald es selbst den historischen Boden mit seinem Blute düngen werde. 
Beim Beginn des Krieges zwischen Serbien und der Türkei im Jahre 1876 befeuerte 
hier Fürst Milan am 30. Juni unter vielem Enthusiasmus die dann am 1. Juli 
von dem Erzbischof Mihail unter grossem kirchlichen Pompe eingesegneten 
Truppen des Cernjajeff gegen Nis bestimmten Korps mit zündenden Worten und 
inspizierte hierauf die von dem General Zach schon im Frühjahr am „Krvavi vis" 
(Bluthügel) und auf den umliegenden Höhen im modernen Stile angelegten Forts, 
die am 29. Oktober das Vordringen der Türken in das Stalacer Defilee aufhielten. 
Auf dem historisch gewordenen Schlachtfelde steht Deligrads weisses Schulhaus, 
in dem die Nachkommen der Streiter für Serbiens Unabhängigkeit den Schilderungen 
ihrer Taten in jener drangvollen Zeit lauschten. 

Drei Kilometer SO. vom Schulhaus, da, wo der Konstantinopeler Heerweg 
beim Nericev Han, oberhalb Ruievci, die Mozgovacka reka kreuzt, sind die 
Spuren einer römischen Niederlassung sichtbar, welche Dragasevic mit Praesidium 
Pompei identifizierte. Boue setzte diese in der Tab. Peut. 32, im hin. Ant. 33, 
im Itin. Hieros. 32 Millien von Horreum Margi entfernte Station bei Razanj; 
Jirecek, gleich mir, bei Bovan an. =) Nicht allein die Masse, sondern auch die 
gesamten örtlichen Verhältnisse, welche sich nun auf der neuen serbischen Karte 
besser würdigen lassen, rechtfertigen aber Dragasevics Bestimmung. Denn nichts 
zwang den Heerweg, die kürzere bequeme Trace auf der Moravalehne zu ver- 
lassen, um seine nächste Station Granirianis zu erreichen. Obgleich einst aber 

') Glasnik, Bd. 48. 

2) Ebenso Sisinanov: Star! putuvanija prez Blgarija. Sbornik, IV, S. 346. Sofia 1891. 



über Deligrad, Soko-Banja auf den Rtanj und nach Aleksinac. 109 

Praesidium Pompei, wie der Nericev Han 1876, strategisch wichtig war, bei 
dem eine durch das Moravica-Defilee nach Ratiaria (Arcer) an der Donau 
führende Strasse abbog, fand man dort nur Reste der antii<en städtischen Anlage, 
aber keine Befestigung.') Vielleicht bringen künftige Ausgrabungen ihre Grund- 
festen zutage. 

In einer Stunde erreicht man von Deligrad das mit seinem Bezirke 1890 
dem KruSevacer Kreise zugeteilte Städtchen Razanj. Obschon es aber verschiedene 
Ämter, eine 1840 erbaute Kirche und gute Schule besitzt, zeigt es noch stark 
orientalisches Aussehen und tritt zwischen den hölzernen Buden und Werkstätten 
selten ein modernes Gebäude auf. Ob dort, wie Jirecek meint, das römische 
Arsena stand, das Justinian durch ein Kastell schützte, bleibt zu erweisen und 
ebenso die im Itin. Hieros. an der Heerstrasse genannte Mutatio Cametae zu 
bestimmen. Noch 1553 sah der die kaiserliche Botschaft an Sulejman 1. 
begleitende Erzbischof Verantius bei Razanj deutliche Spuren der „Trajansstrasse". 
Gerlach traf 1575 die Razanjer von allen „Timarioten (Lehnsherren) und Lcut- 
schindern befreit", weil sie eine mit kaiserlichen Geschenken für den Sultan 
durchziehende Karawane aus einem räuberischen Ueberfall gerettet. Razanj blieb in 
der Türkenzeit eine blühende Palanka mit grossen Karawansereien, Moscheen usw. 
ihre einstige weite Ausdehnung beweist auch der Name „Varos" (Stadt) des an 
Razanj hart anschliessenden Dorfes. Nach dem Passarovitzer Frieden bezeichneten 
drei mächtige Felsblöcke bei Razanj die österreichisch-türkische Grenze auf dem 
rechten Ufer der Morava, bis der verhängnisvolle Belgrader Frieden (1739) sie 
wieder auf das linke Saveufer zurückverlegte. Razanjs Bedeutung schwand erst, 
je mehr das 1833 Grenz- und Quarantänestadt gewordene Aleksinac emporkam. 

Von Razanj durchschnitt die Römerstrasse den bewaldeten Westhang des 
Meckaplateaus und erreichte mit 3 Millien das heutige Jovanovac, einen aus 
wenigen Häusern bestehenden Ort, der 1860 auf Fürst Milos' Befehl zur Erinnerung 
an dessen Bruder seinen früheren Namen „Supeljak" aufgeben musste. Hier lag 
das nach der Tab. Peut. 17, nach dem Itin. Ant. nur 16 Millien von Horreum 
Margi entfernte Praesidium Dasmini, dessen Kastell auf dem westlichen, 
335 m hohen Gradacberg stand. 5 Millien NW. folgte nach dem itin. Hieros., 
die Mutatio Sarmatae, eine sarmathische Kolonie aus der Zeit Konstantins, 
weiche Justinian gleichfalls befestigte; sie befand sich wahrscheinlich bei der 
Mehana Sekirica am Tatocinabach. 

Das vom grossen Belgrad-Niser Heerweg durchzogene Hügelland ist gegen 
NW. gut kultiviert. Das Auge wird erquickt durch prächtige Maisfelder und üppig 
grünende Wiesen, zwischen welchen hier und dort junger Eichenwald die Höhen 
hinanzieht, im Jahre 1813 erlitten die Türken am nahen Lipovacbach eine 
Niederlage. 300 Köpfe wurden abgeschnitten und der vornehme Krusevacer Beg 
Trencevic getötet. Um in den Besitz seines verlorenen Säbels zu gelangen, 
ermordete dessen Bruder zwei Serben im Dorfe Lipovac, ohne ihn zu erlangen. 
Vielleicht hängt mit diesem Racheakt auch die Entführung zweier Mädchen 



') Glasnik, XLV, S. 35. 



110 über Deligrad, Soko-Banja auf den Rtanj und nach AIcksinac. 

Marija und A^ilkana aus dem benachbarten Mozgovo durch die Begs Trencevic' 
eng zusammen, welche 1832 zur Verjagung aller Moslims aus diesem Landesteil 
durch die revoltierende Rajah führte. Bei Mozgovo wurde schon 1813 heftig 
gestritten; aus fünfzehn Wunden blutend, fiel dort der berühmte tapfere Wojwode 
Jovan Kursula, dessen Heldentod ein schönes Volkslied und der Maler Ranos 
1897 durch ein warm empfundenes Bild verherrlichten. 

Von Deligrad zieht die Strasse weiter durch verfallende Schanzen SO. auf 
dem allmählich sich verflachenden rechten Moravaufer. Südlich tritt über dem 
1000 m hohen Mali Jastrebac der Gipfel der Suva Planina bei Nis auf, nordöstlich 
gelangt über niedrigere Höhen das scharfgeschnittene Rtanjprofil zum Vorschein. 
Zuletzt geht es südöstlich über hügeliges Terrain hinab in das von zahllosen 
Weiden erfüllte Moravicatal, zum vor wenigen Dezennien als Grenzquarantäne 
begründeten, 1876 viel umstrittenen Städtchen Aleksinac, in dessen bester 
Mehana ich abstieg. 

Zeitig morgens schlug ich die Route nach „Soko-Banja" ein, um das 
günstige Wetter zu einer Besteigung des von Boue vielgerühmten Aussichtspunktes 
Rtanj zu benutzen. Ich wollte nicht wieder, wie auf dem Kopaonik, durch das 
„Zu spät" von wenigen Stunden die Aufnahme eines der interessantesten 
Panoramen verlieren und verschob die Besichtigung der Stadt und interessanteren 
Moravicapunkte bis zur Rückkehr. Befeuert durch eine Quantität Rakija, liess 
mein Kutscher seine drei braunen Pferdchen, solange es die Strasse gestattete, 
rasend hinjagen, kaum blieb mir Müsse, die Reize der Moravicaschlucht zu 
bewundern. Sie ist an pittoresken Schönheiten reich wie wenige Serbiens. Dies 
gilt namentlich von der wildromantischen Klisura (Engpass), deren burgenbekrönte 
Glimmerschieferwände sich oft zu beiden Seiten hoch und steil auftürmen. Als 
wir das sich erweiternde Tal verliessen, erschien das spitze Haupt des Rtanj, das 
mit jeder zurückgelegten Krümmung riesigere Dimensionen annahm, bis endlich 
die kühngeschnittene Bergpyraniide, weithin die Hochebene von Soko-Banja 
beherrschend und die sie einschliessenden Berge zu Hügeln herabdrückend, hart 
vor uns lag. 

In 5 Stunden hatten wir unser Reiseziel, das „Falkenbad", erreicht, dessen 
Arzt Klinkovski mich in seinem gastlichen Hause aufnahm und mein gefälliger 
Cicerone blieb. Sein ganzes Streben war auf das Aufblühen der Therme 
gerichtet, die traditionell ihre Heilkraft zuerst bewährte, als ein altserbischer 
Wojwode, vielleicht der Schlossherr des nahen „Sokograd", zufällig in ihrer Nähe 
vom Pferde stürzte. Man wusch seinen beschädigten Arm mit dem heissen Wasser, 
er badete, genas und liess über der Quelle ein Haus errichten. Soko-Banja wuchs 
und gewann besonders unter den badelustigen Türken grössere Ausdehnung. 
Als sie aber dort einen Vladika (Bischof) hängten, verfiel der blühende Ort. 
So erzählt das Volk. Geschichtlich wird Soko-Banja zuerst 1690 erwähnt, als 
es die Kaiserlichen den Türken entrissen und mit 500 Pferden und 3000 Dukaten 
brandschatzten. Die Schilderung des Bades von 1737 stammt vom Grafen 
Schmettau, nachdem Festetics Husaren es genommen: „Le Bourg de Bagna est 
un lieu charmant, il y a un chäteau de Mafonnerie qui paratt fort ancien, il y a 



über Deligrad, Soko-Banja auf den Rtanj und nach Aleksinac. 111 

des Bains, qu'on dit merveilleux. Ils sont faits de marbre et entretenus avec 
beaucoup de proprete. Les Turcs y viennent de tont cöte et meme de l'Asie." 
Dieser hochgebildete deutsche Offizier, der den Feldzug 1737 im i<. Heere mit- 
gemacht und mit grosser Wahrheitsliebe in seinen „mömoires secröts" erzählte, 
hielt sich merkwürdigerweise für einen Abkömmling des Zaren Lazar Grbljanovic 
und schlug, in reifem Alter stehend — wie aus einem von Bogiäic zu Paris 
aufgefundenen Memorandum hervorgeht — im Jahre 1744 König Ludwig XV. vor, 
neben der Moldau und Walachei ein drittes Fürstentum „Serbien" zu konstituieren 
und dessen Regentschaft ihm anzuvertrauen. 

Im serbischen Befreiungskriege wurde Soko-Banja zum erstenmal durch Veljko 
1808 den Türken entrissen, doch von ihnen, nachdem sie die Serben am Cegr ') 
geschlagen, wiederbesetzt. Als das 1810 über die Donau gegangene russische 
Hilfskorps unter Graf Orurk am Tiniok gegen Deligrad marschierte, verjagte 
die von Veljko geführte Vorhut, russische Ulanen und Kosaken, die türkische 
Kavallerie bei Soko-Banja und nahm am 3. Oktober dessen Schanze nach hartem 
Kampfe. Von ihren 400 Verteidigern blieben nur 90 am Leben-). 1813 wurde 
Soko-Banja wieder türkisch und blieb es bis 1833, bis zur Erlangung der 
erweiterten Südgrenze des Fürstentums. Anfänglich bestand hier das Gericht für 
den neuen Aleksinacer Kreis; 1835 übersiedelte es aber nach dem von Milos sehr 
begünstigten Aleksinac, wofür er das aus dem Schutte emporwachsende Städtchen 
durch eine Kirche entschädigte und durch die Benutzung seiner Therme förderte, 
die auch stetig wuchs, obschon es an jedem Komfort noch fehlte. 

Bei meinem ersten Besuche (1860) stellte ich fest, dass Banja 2,7 geogr. 
Meilen östlicher und 0,5 Meilen südlicher als auf Kieperts Karte liege, was 1872 
durch die österreichischen astronomischen Ortsbestimmungen bestätigt wurde. Dass 
seine Therme schon den Römern bekannt gewesen, wurde längst angenommen, 
war aber nicht erwiesen. Bei der Erneuerung des grossen Bassins mochte man 
auf alte Substruktionen gestossen sein, und aus jener Zeit erhielt sich die 
Tradition, dass diese von den „latini" herrühren. Leicht gelang es mir, einige 
antike Ziegelfragmente dort aufzufinden; 1864 aber, als ich das serbisch-türkische 
Timokgebiet eingehender durchforschte, ergab sich, dass eine bedeutende Partie, 
der das grosse Badebassin umschliessenden Mauern römisch sei, und ich fand einen 
aus langen, starken Backsteinen rundbogig gewölbten, wahrscheinlich zur Ventilation 
angelegten Kanal. Das Detail über diese Untersuchung findet der für Archäologie 
spezieller sich interessierende Leser in meiner „Reise in Süd-Serbien und 
Nord-Bulgarien"-'). Die kleineren, an das grosse Bassin stossenden Baderäume 
sind zweifellos türkisch und ihre vor etwa dreissig Jahren erneute kuppelartige 
Bedachung serbisch. Das Ganze, ein bauliches Denkmal aus verschiedenen 
Zeiten, böte ein noch höheres Interesse, wären nicht die raffinierten Bade- 
einrichtungen der Römer von den ihnen nachgefolgten weniger verweichlichten 
Völkern zerstört worden. 

') M. Dj. Milidevid, Kraljevina Srbija, S. 77 

-) Documente privitore la storia Romanilor. Bukuresci 1887, S. 308. 

') A. a. O. 






112 



Über Deligrad, Soko-Banja auf den Rtanj und nacli Aleksinac. 



Die Heilquelle, welche Baron von Herder mit Pfäffers und Gastein verglich 
und andere Steiermarks Römerbad gleichstellen, weil sie nur geringe Mengen 
von Salzsäure und Eisen besitzt, entfliesst einem Kalkfelsen, unter fortwährendem 
Gasausströmen, 3 m tief unter der Erde, dürfte jedoch in dem benachbarten 
trachitischen Gebirge entspringen. Sie gibt in der Stunde 25 Kubikmeter klares, 
färb- und geruchloses Wasser mit Kalkgeschmack von 46,5" C. '), welche ein 
Kaltwasserzulauf im Bassin auf 35" herabmildert; aus diesem läuft sie in ein 
anstossendes kleineres, das in gewissen Stunden ausschliesslich für Frauen 
bestimmt ist. 1 km SO. von der Hauptquelle entfliesst Soko-Banjas kalkigem 
Boden die zweite Quelle „Banjica" mit 37" C, etwa 5 Kubikmeter stark in der 




SOKO-BANJA. Plan der antiken Reste. 



Minute. Das Volk schreibt dieser ganz besondere Heilkraft zu und hält sie für heilig. 
Man pilgert viel zu ihr, wirft Kupfermünzen in das Wasser und ist von bestimmt 
folgender Genesung überzeugt; wer es aber wagte, ein geopfertes Geldstück 
herauszunehmen, dürfte ebenso gewiss erkranken. Ich sah viele Münzen im 
Wasser. Der dritte, von den Türken im Hochsommer einst viel besuchte Quell 
„Djerdjelez" liegt auf einer Hochebene des nahen Ozrengebirges, und näher der 
Stadt ein kalter Quell, in dem Fieberkranke baden. 

Soko-Banjas Physiognomie war während meines ersten Besuchs eine sehr 
belebte. Fürst Milos war wenige Tage zuvor angekommen, um dort Heilung zu 
suchen; er wollte durchaus noch 10 Jahre leben, folgte aber, wie ich aus bester 
Quelle erfuhr, auch in ärztlichen Dingen nur dem eigenen Sinne. Er Hess oft 
berühmte Kapazitäten der Wiener Schule kommen, konsultierte sie, bezahlte generös, 



') Lozanid, Analyse serb. Mineralwässer, Gl., Bd. 43. 



über Deligrad, Soko-Banja auf dun Rtanj iiiui iiacli AIcksinac. 11'^ 

beachtete aber schliesslich ihre Ratschläge gleichwenig wie die seines tiJclUigen 
Leibarztes Belloni. Mit seltenem Gleichmut ertrug letzterer die Launen seines 
(lebieters. Die ganze Umgebung des Fürsten gab zu jener Zeit Proben grösster 
llrgebenheit für Milos, der, durch grosse kOrperiiche Leiden gequält und geärgert 
durch die von allen Acrzten dringend empfohlene Diät und gleichmässigc 
Lebensweise, sehr reizbar und launenhaft war. Schon auf der Reise machte sich 
seine aufgeregte Stimmung sehr oft Luft. Kurz vor Soko-Banja traf der Fürst 
beispielsweise einige unbestellte Felder; kaum dort angekommen, liess er ihren 
Figentümer vor sich rufen und drohte ihm, er lasse ihn selbst vor den Pflug spannen, 
würde er nicht am nächsten Morgen arbeitend auf dem Felde gefunden. Vom 
Thronerben bis zum letzten Manne fürchtete alles im Lande den gewalttätigen Sinn 
des alten Herrn. Niemand wagte zu widersprechen, wo der „veliki Gospodar" 
(der grosse Herr) befohlen hatte. Von Soko-Banja erliess der kranke Fürst ganz 
detaillierte Weisungen für seine nach Konstantinopel gesandte Mission, welche 
mit allen Mitteln — er wies grosse Summen zu diesem Zwecke an — seinem 
Hause die Erblichkeit des Thrones und dem Lande eine grössere Autonomie 
sichern sollte. Die ungünstigen Berichte von dort verschlimmerten seinen Zustand. 

So wenig wie in dem von Fürst Alexander bewohnten Belgrader Palaste 
mochte Milos zu Soko-Banja im Hause der Karadjordjevice residieren. Er stieg 
im kleinen Bezirksamtsgebäude ab, vor dem seine reichkostümierte berittene 
Leibgarde unter Zelten kampierte. Des Fürsten Anwesenheit hatte viele angesehene 
Persönlichkeiten nach Soko-Banja geführt. Vor dem Badehause promenierte die 
„schöne Welt". Man hörte da Frauen in der reichen, kleidsamen Nationaltracht, 
umschwärmt von jungen Offizieren und Dandys, sich in Ermangelung occidentalen 
Konversationsstüffs mit der heimischen Chronique scandaleuse unterhalten. Die 
Staffage zweiter Klasse, Bauern, Soldaten und Gesinde, sammelte sich um 
den Abfluss des Bades und wusch dort ganz ungeniert ihre Füsse, Kinder mid 
— schmutzige Wäsche. 

Mit Ausnahme des für die fürstliche Familie bestimmten „Konace", aus dem 
eine Treppe direkt in das Herrenbad führt, eines stockhohen kasernenartigen 
Gästehauses und der Anstellung eines Badearztes tat die Regierung als Eigentümerin 
der Therme wenig für dieselbe. Noch bei meinem zweiten Besuche (1864) fehlte 
es an Einzelbädern, schattigen Promenaden, Restaurationen und Cafes, mit einem 
Worte: an den bescheidensten Annehmlichkeiten. In den wenigen, schlecht 
assortierten Läden fielen mir damals neben den von bulgarischen Mutavdzi aus 
Pferdehaar gewebten Decken, Säcken usw. trefflich gewebte, meist karierte Tuch- 
stoffe auf, die hier erzeugt und zu verhältnismässig billigem Preise verkauft wurden; 
der 30 — 40 cm breite Arsin kostete nur 1.50 d, der Stoff für einen ganzen 
Anzug 48 d. Die Kriegsjahre 1876— 78 wurden zu Soko-Banja schwer empfunden. 
Die Türken drangen bis in die benachbarte Klisura ein und verwüsteten ihre ganze 
südliche Umgebung. 

Im letzten Dezennium schritt man endlich, wie ich 1897 fand, mit grösserer 
Energie zur Hebung von Soko-Banja. 1888 begann seine Regulierung nach dem 
vom Zivilingenieur Roman Balajnski entworfenen Plane. Dreissig villenartige 

K. KANITZ, Strbien. U. ^ 



114 Über Deligrad, Soko-Banja auf den Rtanj und nach Alcksinac. 

Häuser umgeben die vom 1898 verblichenen Metropoliten Miliail seinem Geburts- 
orte mit russischer Hilfe erbaute byzantinische Kuppeikirche, welche er 1892 
persönlich „Christi Verklärung" weihte. 40 000 d widmete er ausserdem für das 
stattliche Schulhaus. Unfern des guten Baderestaurants wurde ein hübscher Park 
mit kleinem Weiher auf 4000 m= geschaffen. Die Strassen erhielten Namen, die 
Häuser Nummern, die Hauptquelle wurde neu gefasst, Porzellanwannen eingeführt; 
auch ein 1300 m langer Pronienadenweg über das „Tetomirov grad" und den 
Wasserfall „Ripaljka" angelegt und zu Ehren des Schöpfers all dieser Neuerungen 
„Romanski put" genannt. Andere landschaftlich reizende Spazierwege führen zum 
„Momin Kamen", in die nahe südliche Schlucht zur „Lepterijaquelle", zu den 
zwei alten Ulmen am Hause des Djordje Milutinovic, bei welchen Heiduck Veljko 
um Sieg betete, zu seiner nahen Schanze u. a. 0. Der 1895 gegründete „Ver- 
schönerungsverein" erwarb sich anerkennenswerte Verdienste, und nicht minder 
bemühen sich die tüchtigen Ärzte Lojic und Popovic durch die Verwertung der 
zahlreichen kalten Quellen und kleinen Seen für hydropathische Kuren und die 
Anwendung der Elektrotherapie um die Hebung des jungen Badeortes. 1897 fand 
ich das bereits 2340 Seelen") in 470 Häusern zählende „Soko-Banja" von der 
Elite Belgrads besucht. Eine mir gewidmete Photographie zeigt die russische 
Diplomatenfamilie Laube, den Gelehrten Novakovic u. a., gelagert auf grünem 
Plane am Wege nach dem kaum 2 km fernen, hochromantischen „Soko grad", 
das dem „Aleksinacka banja" den heutigen Namen gab. Man vergleiche nur die 
beiden Illustrationen von 1897 und 1860, um zu finden, wie auffällig sich die 
gesellschaftliche Physiognomie des Badeortes während der letzten Dezennien 
verändert hat. 

Auf steilem Pfade geht es aufwärts zu den drei festen Schlossabschnitten, 
deren höchster an einem gänzlich isolierten Felsen klebt. In den sorgfältig aus- 
geführten Wölbungen seiner ungewöhnlich starken Fundamente traf ich, ausser 
antiken Ziegeln, noch andere technische Merkmale, welche für ein Römerkastell 
zum Schutze der Therme und der östlich weiter ziehenden Strasse an diesem 
Punkte sprachen. Die von den Serben „Soko" (Falke) genannte Feste dürfte mit 
dem in der erwähnten Lebensschilderung des Despoten Stevan Lazarevic bei 
Svrljig genannten Sokolnica identisch sein. Wie meine Skizze zeigt, ist ein grosser 
Teil der eines der schönsten Beispiele mittelalterlich-serbischer Feudalbauten 
bildenden Burg wohl erhalten. Die Aussicht vom Fusse des höchsten Turmes über 
die im tiefen Grunde sich durchwindende Banjica und die gegenüber zerklüftet 
aufragenden Felsmauern weg auf die Soko-Banjaer Hochebene ist prächtig. 

Während ich diese archäologisch interessante und landschaftlich lohnende 
Partie machte, traf der Bezirkskapetan die nötigen Vorkehrungen zum Ausflug 
auf den Rtanj. Meine offizielle Begleitung wartete bereits marschfertig um 4 Uhr 
morgens. Die liebenswürdige Doktorsgattin hatte die Bissage mit Proviant und 
einigen Flaschen Wein gefüllt. Kompass, Barometer, Fernglas und Mappen waren 
versorgt, die Gewehre geladen und rasch ging es nach dem am Fusse des Rtanj 



1) 1905 zählte es 2393 Einwohner. 




33 



Ober Deligrad, Soko-Banja auf den Rianj und nach Aleksinac. 



ir 



liegenden Sarbanovac, das in einer Stunde erreiciit war. Einigen Aufenthalt 
verursachte es, bis der Kniet (Ortsrichter) von seinem Felde herbeigeholt wurde, 
welcher auf des Kapetans Befehl inicii perscuilich auf die Rtanjspitze führen 
sollte. Ich betrat in Sarbanovac zum erstenmal ein bulgarisches Haus und 
benützte die unfreiwillige Müsse zu seiner genauen Besichtigung. Bewohner und 
Einrichtung erregten schon deshalb mein Interesse, weil dieses Dorf den vor- 
geschobensten nördlichen Posten jenes Bulgarcnvolks bildet, das ich bald auf 
dessen eigenem Boden aufsuchen wollte. 

Am 12. Oktober 1877 war Sarbanovac der Schauplatz des ersten in Serbien 
wissenschaftlich dargestellten Meteoritenfalles. Gegen 2 Uhr nachmittags hörte 
man drei starke Detonationen, welchen mehrere flintenschussartige folgten, und 




Schloss Soko. 



gleichzeitig fielen aus den grauen Wolken, auf welchen, wie die Bauern dem 
Professor Pancic versicherten, lichte Gestalten auf weissen Rossen umherritten, 
feurige Steine, die man des Zaubers wegen nicht zu berühren wagte. Man wähnte 
den Weltuntergang gekommen; die aufgeregten Menschen und erschreckten Tiere 
flüchteten nach allen Seiten. Der schwerste der Steine mit 38 kg wurde 6 km 
nördlich von Soko-Banja, ein zweiter mit 16,3 kg westlich und ein dritter mit 9,8 kg 
über 3 km östlich von Sarbanovac ausgegraben; viele an anderen Stellen angeblich 
gefallene waren nicht auffindbar. ') 

Der freundliche alte Kmet machte sich rasch reisefertig, und im Galopp ging 
es über das sanftgewellte terrassenförmige Piedestal der Pyramide im Tale der 
Moravica. Die Landschaft erschien hier traurig verödet. Bei einer ärmlichen 
Hirtenniederlassung heftete sich ein Rudel wolfartiger Hunde heulend an unsere 
Fersen. Ein abgefeuerter Pistolenschuss steigerte ihre Wildheit zur Raserei, und 



') Glasnlk, Bd. 48. 



llf^ über Deligrad, Soko-Banja auf den Rtanj und nach Aleksinac. 

wir hatten viel zu tun, sie uns vom Leibe zu halten. Nach einstündigem 
beschleunigten Ritte durch niederes Laubhoiz gelangten wir an den Ostfuss des 
Berges. Das Aufsteigen von dieser Seite wird durch verfilztes niedriges Gebüsch 
und Kalkblöcke erschwert, führt aber am raschesten zur Spitze. Es gibt hier 
keinen eigentlichen Pfad. Ich folgte dem Kmeten Schritt für Schritt, das Pferd 
am Zügel nachziehend, manchmal erschöpft auf einer Grasoase ausruhend. Das 
Auge hing dann an der üppigen Flora im Vorgrunde und an der sich erweiternden 
Fernsicht, worauf wir wieder aufwärts kletterten. 

Endlich war die gegen 1566 m hohe Siljakspitze erreicht. Ein Ausruf des 
Entzückens entfuhr meinen Lippen über das vor meinen Blicken sich entrollende 
Panorama. Mit Zuhilfenahme der geographischen Nomenklatur könnte ich hier 
dessen Peripherie andeuten, unmöglich aber seine reizvollen Details, deren 
Harmonie die Seele mit überschwenglichem Genuss erfüllte. 

Am meisten fühlte sich mein Blick von dem mächtigen Gebirgsstock im 
Südosten angezogen, sein hoch sich türmendes vulkanisches Massiv kennzeichnete 
ihn als den „Balkan". Südlich breitete sich das wenig erforschte Gebirgsnetz des 
klassischen thrazisch-makedonischen Bodens aus; glänzende Gestalten, Philipp und 
Alexander, belebten es einst mit beinahe übermenschlichen Taten. Östlich tauchte 
als dünner Silberstreif der „Ister" auf und die bis zu den Karpathen streichende 
riesige linke Ufer-Ebene, jetzt Rumänien getauft; noch heute von Abkömmlingen 
der Legionen bewohnt, die einst Trajan zur Bewältigung des dakischen Decebalus 
über seine vielbogige Donaubrücke bei Severin führte. Ich übersah das ganze 
östliche Serbien bis zu der im Sonnenlicht erglänzenden Feste, wo „Prinz Eugenius" 
den Lorbeer sich geholt, unterschied manche historisch berühmte Donauburg, welche 
Griechen, Römern, Byzantinern, Slaven, Magyaren, Türken und Österreichern so 
begehrenswert erschien, dass die ihretwegen geflossenen Blutströme selbst ein 
weites Flussbett füllen könnten. Den Mittelgrund des weiten Bildes füllte 
Serbiens grosser Eichenforst, die düstere Sumadija, in deren Tälern Karadjordje 
und Milos die hochfliegenden Freiheitsbanner entrollten. 

Aber auch nähere interessante Punkte fesselten den Blick. Gleich am Rtanj- 
fusse liegt auf hohem Kalkfelsen das verfallene Schloss Vrmdza, dessen Erbauung 
das Volk gleich jener des erwähnten nahen Tetomirovgrad den Lateinern 
zuschreibt. In Wahrheit entstand es auf einem Römerkastell, das die antike Strasse 
schützte, welche das W^gnetz von Naissus mit dem am Timok zur Donau laufenden 
verband. Am Wege nach dem özren steht unfern des Wasserfalles der Gradasnica, 
1 Stunde südwestlich von Soko-Banja, das sehr in Ehren gehaltene, 1864 restaurierte 
Kirchlein Jermencic. Weiter erscheint südlich an der Josanica ein alter, schlechtweg 
„Gradac" genannter Bau, und am Westhange des Rtanj die traditionell von einem 
verschwundenen Zarenkloster gebliebene Kirchenruine „Kaludjer". Bei dem 
südlichen Muzinac haben wenige Hundert tapfere Serben unter Dobrnjac und 
Paulj die von ösman Pazvandzija, Jusuf Aga, Porec Ali und Rusen Aga geführten, 
weit stärkeren Türken im Freiheitskriege so zerspreng, dass sie mit grossen 
Verlusten nach Vidin flüchten mussten. •) 

') Srbijanka, I, S. 114. 




< 

z 
< 



über Deligrad, Soko-Banja auf den Rtanj und nach AIcksinac. 121 

Südwestlich zeigten sicli über dem Kopaonii< die iiohen Berge Altserbiens bis 
zur iiöciisten Spitze der Balkan-Halbinsel, dem l.jubotin (3050 m'), deren Schluchten 
fortwährender Streit zwischen Arnaulen und Serben erfüllt. Verdient die nach 
Unabhängigkeit von ihren moslimischen Drängern ringende Bevölkerung wirklich 
unsere Sympathien? Wer ihr unsägliches Elend selbst sah, das sie zur Auswanderung 
nach Serbien treibt (Kap. X), zweifelt nicht daran. An einen mächtigen Felsblock 
gelehnt, an dem rote Nelken zu weissen verblasstcn, isländisch Moos aber lieblich 
blühte und grünte, sah ich lange Zeit sinnend hinaus in die mit dem Äther sich 
vermählende Ferne und hätte, meine Aufgabe vergessend, noch lange über die 
Vülkergeschicke nachgedacht, welche das vor mir ausgebreitete herrliche Stück Welt 
von der klassischen Vorzeit bis auf unsere Tage an sich vorüberziehen sah, hätte 
nicht mein Begleiter bemerkt, dass es kühl würde. Vorsorglich schnallte er meinen 
Mantel vom Sattel ab und reichte mir die mit wärmendem Rakija gefüllte Cutura. 

Nun schritt ich zur Arbeit, peilte die höchsten Bergspitzen und krokierte 
das Profil, das Viquesnel in seiner „Voyage dans la Turquie de l'Europe" ver- 
öffentlichte. Hier gebe ich einige orographische Details des serbischen Boden 
einschliessenden Rundbildes. Es beginnt im Osten mit den über 2000 m hohen 
Bergen des Piroter Kreises, vom Sveti Nikola-Balkan überragt. Gegen SO. treten 
die Kuppen der Suva Planina auf und im südlichen Vorgrunde das Ozren- und 
Mali Jastrebac-Gebirge, zwischen welchen die Süd-Morava fliesst. Westlich 
öffnet sich zwischen den Sumadijabergen, dem Veliki Jastrebac und anschliessenden 
Kopaonik das breite Tal der West-Morava. Nördlich erscheinen sämtliche 
Gebirgszüge bis zur Save und Donau; dicht unter uns zwischen dem Rtanj und 
Golubinje-Gebirge das viel verästelte Quellengebiet des Mali Timok; man kann 
seinen Lauf genau verfolgen und Zajecar erkennen, bei dem er sich mit dem 
Veliki Timok vereinigt, um dann mäanderartig der Donau zuzufliessen. 

Der nach des Ingenieurs Jiracek neuester Messung 1621 m hohe Rtanj 
erhielt seinen Namen von dessen einem ruhenden Windhund ähnlicher Gestalt. 
Er ist ein Längenberg, dessen südwestlicher Fuss aus Grauwacke und je h(')her 
zur Spitze aus immer mehr sich aufrichtendem Grauwackenschiefer besteht. An 
der Nordostseite besitzt er schroffe Abfälle und Wände von plötzlich empor-: 
steigenden gewundenen Schichten, deren gewaltsamer Aufbruch wahrscheinlich 
von SO. her, wo der Syenit-Porphyr liegt, erfolgte. Prächtiger Fichtenwald, der 
einzige in ganz Serbien, zieht hier zwischen Tannen und Föhren bis zum Gipfel 
hinauf. Aus der reichen Rtanjflora sind von selteneren Pflanzen zu nennen: 
Ramondia serbica Pancic, Viola rupestris L., Dianthus pelviformis Heuff., Genista 
subcapitata Panc., Caruni graecum Boiss., Asperula ciliata Koch, Campanula 
pinifolia Uechtr. in litt., Gentiana ciliata L., Daphne Cneorum L. u. a. -) 

Ich hatte meine Aufnahmen vollendet und musste, um noch vor dem Einbrüche 
der Nacht in Soko-Banja einzutreffen, dem fesselnden Rtanjbilde Lebewohl sagen. 
Von Klippe zu Klippe springend, nahmen wir den Weg abwärts zur^ berühmten 



') Ritters Geographisch-statistisches Lexikon. 6. AufLige. 1907. 
°) Pancid, Der Kirschlorbeer usw., 1887. 



122 Ober Deligrad, Soko-Banja auf den Rtanj und nach Aleksinac. 

Eishöhle (Ledenica), die am Han^e der Pyramide in dichtem Laubwalde Hegt. 
Ihr mit Schlingpflanzen überkleideter Schacht geht etwa 3 m breit und 22 m 
tief im Kalkstein nieder. Auf einer aus rohen Baumstämmen gezimmerten, beinahe 
senkrechten Leiter klettert man nicht ohne Schwierigkeit hinab zur NO. laufenden 
Spalte, in der sich im Frühjahre leichtes Eis bildet, das im Sonimer wächst, im 
Herbst aber schmilzt. Als wir anlangten, wurde eben Eis auf Wagen für den 
fürstlichen Haushalt in Soko-Banja verladen. Nahe kommen noch viele kessei- 
förmige Vertiefungen im Kalke vor, die, häufig überdacht, den Hirten und ihren 
Herden erwünschten Schutz während der hier häufigen Gewitter gewähren. 

Wir durchritten einige Gehölze und befanden uns wieder auf der am Morgen 
berührten Hirtenniederlassung. Nach glücklich überstandenem Kampfe mit den 
Wolfshunden, die meine Begleiter diesmal mit Knütteln tüchtig zurechtwiesen, 
kehrte ich über Sarbanovac nach Soko-Banja zurück und beschloss dort im Kreise 
der mir rasch befreundeten Doktorfamilie einen der genussreichsten Tage meiner 
serbischen Reisen. Nun soll durch die von Nis nach Soko-Banja zu öffentlichen 
Arbeiten während des Sommers entsendeten 50 Sträflinge ein Reitweg auf den 
Rtanj ausgeführt werden, was dessen Besteigung erleichtern und den aufstrebenden 
Badeort zu einem beliebten Ausflugsziele für Touristen gestalten wird. Glück auf! 

Als ich am nächsten Morgen über Soko-Banjas Hochebene hinfuhr, wurde 
es mir vollends klar, dass sie, wie seine ganze Umgebung, das Produkt einer 
gewaltsamen Erhebung sei. An einem von Fürst Milos erbauten hübschen 
Brunnen vorüber gelangten wir nach Uebersetzung der Topolnica in einer Stunde 
zu den auf der Fahrt nach Soko-Banja erwähnten, an Burgresten reichen „Klisura". 
Gleich am Defileetore liegt über der einen kühlen Trunk spendenden Mehana auf 
einem Hügel das „Gradiste", in dem Deli Radivoj, ein Bruder des berühmten 
„Starina Novak", gehaust haben soll. Nahe steht ein verfallenes Kirchlein „Sopot"; 
1872 setzte ein geisteskrankes Weib die Umgebung durch die Angabe in Auf- 
regung, es habe ihr geträumt, dass in dieser Kirche Dusans Krone und andere 
Schätze vergraben seien. Seitdem haben die wiederholt Nachsuchungen anstellenden 
Bauern den Platz gereinigt und umzäunt. Weiter erscheint auf dem linken 
Ufer der eilend dahinbrausenden Moravica, 2 km südlich von Bovan, eine 
mittelalterliche Burg, welche gleich so vielen anderen von der „verfluchten" Fürstin 
Jerina erbaut worden sein soll. Mit dem Turme gegenüber sperrte sie das sich 
südlicher ausweitende Defilee vollkommen ab und hütete die ursprünglich römische, 
noch im 16. Jahrh. stark benutzte Strasse, die, bei Deligrad abzweigend, nördlich 
durch das Gebiet des Timok und südlich durch jenes der Nisava zum Donau- 
limes führend, zweifellos auch hohe militärische Bedeutung besass. Abzweigend 
von Praesidium Pompei zog diese antike Strasse vom Nericev Han (S. 108) 
über die sanften, heute mit Reben bepflanzten Höhen des linken Mozgovackaufers, 
NO. vom Engdefilee der Moravica, so dass die von Osten kommenden römischen 
Legionäre, ohne den zeitraubenden Umweg über Praesidium Pompei, direkt nach 
Naissus marschieren konnten. 3 km südlich von der Bovaner Kula steht nahe 
bei dem von unserer Strasse durchzogenen Subotinac die beste Schwarzkohle 
des grössten tertiären Kohlenbeckens Serbiens, genannt „Kraljevac", an. Prof. 



über Deligrad, Soko-Banja auf den Rtanj iitnl nach Aleksinac. 123 

Lozanic bestimmte sie mit C 54,83, H — 4,48, Asche — 5,78, Kalorien ^- 4029. 
Diese mit 95 Grubenfeidcrn i<onzessioniertc Mine besteht aus zwei 3,5 und 3 m 
stariien, zwischen Sandstein und Paraffinschiefer iaj;ernden Flözen, weiche, von 
J. Apei und Dr. Djoka Dimitrijevic durch drei Schächte und Galerien von 3000 m 
Länj^e betrieben, 1895 mit 16 Arbeitern 12450 q lieferte, die in Aleksinac zu 
1.05 d per q verkauft wurden. 

Bei dem folgenden Kraljevo stiess ich auf Ruinen zerstörter Moscheen und 
anderer türkischer Bauten. Nach der Mitteilung des Aleksinacer Ingenieurs wurden 
beim Strassenbau aber auch römische gestempelte Ziegelsteine gefunden. Nach 
neueren Forschungen stand hier die altserbische Handelsstadt Bovan, welcher die 
Zarin Milica und ihr Sohn im Jahre 1395 die alljährliche Leistung von 500 Stöcken 
Salz an das Athoskloster Sv. Pantelija auferlegten. Prinz Musa, der Bruder Murats II., 
eroberte Bovan 1413 und zerstörte wahrscheinlich seine Burg. Als Verantius Bovan 
im Jahre 1553 besuchte, besass die Stadt noch einen berühmten Markt. 

Vor Kraljevo kam ich nahe der Telegraphenleitung an einem weiten Gräber- 
felde mit Denksteinen aus Glimmerschiefer vorüber, das den Anwohnern zu den 
fabelhaftesten Schilderungen Anlass gibt. Nach ihren Angaben enthielten die 
„Latinsko- und Zidovsko grohlje" (Römer- und Judengräber) die Gebeine einer 
Generation von riesiger Körperlänge und besonders starkem Knochenbau. Nur 
eine persönliche Untersuchung konnte zur Aufhellung dieser und anderer Sagen 
führen. Auf meiner ersten Reise gebrach es mir leider an der nötigen Zeit und 
amtlichen Erlaubnis zur Eröffnung eines dieser Riesengräber; im Herbste 1864 
opferte ich aber meinem Forschungsdrang im Bolvaner Han eine schlaflose Nacht, 
um früh am Morgen mit der Arbeit zu begitnien. Bei den primitiven ländlichen 
Werkzeugen dauerte es trotz meiner Aneiferung mehrere Stunden, bis wir auf 
das erste Gerippe kamen. Die Umfassung der Grabstätte bestand aus unbehauenen 
Felsblöcken, von welchen je zwei der Länge, einer am Fussende und ein hoch- 
aufgerichteter am Kopfe das Grab in länglichem Viereck einschlössen. Obwohl, 
ich ein Grab gewählt, das sich durch besondere Grösse seiner Umfassungssteine 
auszeichnete und das auf eine hier beerdigte ausgezeichnete Persönlichkeit 
schliessen liess, fand ich trotz aufmerksamster Untersuchung der ausgeworfenen 
Erde keinen Gegenstand, der nähere Aufschlüsse über das fabelhafte Grabfeld hätte 
geben können. Ausser frischen Tonscherben, weiche bald nach dem Abräumen 
der Grasdecke zum Vorschein kamen, zeigte die 1,58 m tiefe, ein männliches 
Skelett bergende Erdschicht so wenig wie dieses selbst etwas Bemerkenswertes. 
Weder war es besonders gross, da es vom Kopfe in ausgestreckter Lage nur 
1,70 m mass, noch fanden sich Ringe mit geschnittenen Steinen vor, wie sie meine 
grabenden Bauern in anderen eröffneten Gräbern gefunden haben wollten. Ich 
hatte zu viel schlimme Erfahrungen bezüglich der Treue ähnlicher Behauptungen 
gemacht, als dass ich nach dem ganz erfolglosen ersten Versuche weiter Zeit, 
Geld und Mühe an das „Zidovsko groblje" verschwendet hätte. Ich begnügte 
mich, das Grabfeld zu zeichnen und sandte den ausgegrabenen Schädel dem um 
die Erforschung des Totenkultus aller Völker verdienten Wiener Professor Romeo 
Seeligmann. Einige benachbarte Gräber bezeichnet das Volk als „Vampirsko 



124 Über Deligrad, Soko-Banja nuf den Rtnnj iincl iincii Alcksinac 

^roblje"; wie ich schon früher sagte, ist der Vampyr^'laube in Serbien stark 
verbreitet. Leider i<onnte ich nichts weiter zur Aufhellung von Kraljevos Ver- 
gangenheit unternehmen. Alles deutet darauf hin, dass hier ein altes Gemeinwesen 
stand. DragaSevic identifiziert Kraljevo mit einer Stadt, die im 12. Jahrh. unter 
Nemanja an der Mila reka (Mala reka Moravica) gestanden haben soll. ') 

An den Resten eines antiken Wachtturms auf dem 248 m hohen „Logoriste" 
vorbei ging es nach dem in Sicht getretenen Aleksinac. Die Stadt wird von 
der etwas westlicher in die Morava mündenden Moravica durchflössen, und deshalb 
ist schwer anzunehmen, dass die Römer an solch wichtigem Strassenpunkte kein 
ihn schützendes Kastell angelegt. Auf einem Plane von Aleksinac aus den 
österreichischen Türkenkriegen fand ich auf dem rechten Bachufer, nahe der 
gegenwärtigen Kirche, eine rechteckige Palanke mit sechs Rundtürmen und 185 m 
langen Hauptfronten, welche die Türken nach römischem Zuschnitte wahrscheinlich 
aus dem Material des antiken Werkes erbauten, dessen Spuren ich aber unter dem 
hohen Alluvium vergeblich suchte. Hingegen stiess ich auf Reste eines massigen, 
vielleicht von einer Karawanserei oder einem Bade herrührenden türkischen 
Baues. Die Aleksinacer Palanke leistete im Jahre 1737 gegen den österreichischen 
Angriff gleich wenig Widerstand, wie jene von Razanj, als derselbe General 
Miglio mit seinen 12 Grenadierkompanien, 1000 Pferden und 6 Geschützen vor 
ihr erschien. Graf Schmettau schildert diese oft erwähnten Befestigungen, das 
Vorbild der von Omer Pasa bei Plewna wirkungsvoll angewendeten alttürkischen: 
„Die Palanken erheben sich gewöhnlich an den Grenzen oder Hauptstrassen nahe 
den Städten oder Dörfern. Sie bestehen aus einem Quadrat, umgeben von einem 
Graben oder dicken Palisaden, sehr hoch bis an die Spitzen mit Erde verkleidet. 
In der Mitte befindet sich gewöhnlich ein gemauerter oder hölzerner Turm, zum 
äussersten Zufluchts- und Auslugspunkte bestimmt. Es gibt auch Palanken, wie 
jene von Temesvar, bestehend aus dicken Bäumen oder Balken, durch Eisen- 
klammern miteinander verbunden, hinter welchen ein Wall sich erhebt und davor 
ein breiter Wassergraben. Diese Befestigungen bewähren sich besser als die 
gemauerten Wälle." 

Aus der Ferne gesehen, gewährt das 1833 serbisch gewordene, damals kaum 
30 Häuser zählende Aleksinac (148 m) ein freundliches Bild. Beim Eintritt löst 
sich aber das grünumrahmte Städtchen in einander zum Verwechseln ähnliche, 
einförmige Strassen auf. Es besass durchaus unbedeutende Gebäude, nur die 
Realschule, die 1834 erbaute Kirche, mit dem Nacelnikat und Hause des eng- 
lischen Kuriers bildeten einen Platz, der ein wenig an occidentale Städtchen 
erinnerte. Auf der Carsija war ich nicht wenig überrascht, auch Amanten zu 
begegnen. Das albanesische Element stieg seit Jahren aus seinen Steilbergen 
stetig tiefer herab und nistete sich im nahen Toplicatal ein. Einen Keil zwischen 
Serben und Bulgaren bildend, verkehrt es hier friedlich mit seinen christlichen 
Nachbarn, während es ihnen sonst überall feindlich gegenüberstand. 1833 ward 
der Alp des türkisch-arnautischen Regiments von Aleksinac genommen. Greise 



1 
I 



') Glasnik, Bd. 45, S. 35. 



über Deligrad, Soko-Banjn auf den Rtaiij iiiul nach Aleksinac. 1'25 

erinnerten sich noch der schlimmen Tage, wo i<ein Serbe in Aiei<sinac ein Fes 
oder Kleidungsstück von roter oder grüner Farbe tragen durfte; nur weisses 
Sukno (grobes Tuch) war gestattet; die Frauen niussten in der Stadt die „Samija", 
das gewundene Kopftuch, ablegen und den „Tulben", eine Art runder Mütze, als 
Zeichen ihrer Verheiratung aufsetzen. Kein Christ durfte durch die Carsija reiten; 
der erstbeste Arnaute hätte ihn getötet, und mancher Rajah büsste wegen nicht 
viel grösseren Frevels an einem Aste des alten Baumes, der noch zurzeit meines 
ersten Besuchs als trauriges Wahrzeichen neben der Quarantäne stand. Damals 
gab es hier auch kein gesellschaftliches Leben; die vollständige Absonderung 
der Frauen war das sprechende Erbe aus der Türkenzeit. 

Das an der türkischen Grenze liegende Aleksinac bildete von 1836—1878 
einen wichtigen Punkt an der von Mitteleuropa nach Konstantinnpel führenden 
Post- und Warenstrasse. Eine lange Holzbrücke führte über die Moravica durch 
eine schattige Allee zu ihrer von Rasenplätzen und hohen Baumgruppen umgebenen 
Quarantäne, welche aus mehreren weitläufigen Gebäuden bestand. In keiner 
anderen Rastelle Serbiens war die Personenfrequenz gleich stark. Durch dasselbe 
zogen alljährlich die meisten jener 15 — 18 000 Bulgaren und Cincaren, welche als 
Häuser-, Feld- und Gemüsebauer den Sommer über in Serbien guten Verdienst 
suchten, um im Spätherbst auf demselben Wege mit ihren Ersparnissen in die 
Heimat zurückzukehren, und ebenso exportierte man mittels Lasttier-Karawanen 
durch dasselbe bedeutende Quantitäten bulgarisch-thrazischen Korduanleders, Häute, 
Wolle, Hanf usw. über Belgrad in die österreichischen Fabriken, die verarbeitet 
als teuere Industrie-Artikel oft wieder ihren Rückweg in die Basare von Nis, Pirot, 
Sofia, Philippopel oder auf die berühmte Alesse von Uzundzova in Bulgarien 
nahmen, welche gegen 100000 Menschen aus der europäischen inid asiatischen 
Türkei besuchten. 

Aleksinac, das eine wichtige Zwischenstation des internationalen Telegraplien- 
verkehrs geworden, sollte auch eine solche für die serbisch -türkischen Bahnen 
werden. Dies versprach ihm zu ersetzen, was es 1876 durch den Krieg 
an Wohlstand und 1878 durch den Wegfall seiner Quarantäne, anlässlich der 
serbischen Gebietserweiterung gegen Süden, an konimerzieiler Bedeutung verloren. 
hatte. Das nördliche Rutschterrain zwang aber die Ingenieure, den Schienenstrang 
schon unterhalb Stalac vom rechten Moravaufer auf das linke zu leiten, wodurch 
Aleksinac, 4 km von seiner Station entfernt, trotzdem eine stabile Moravabrücke 
zum leichteren Verkehr mit derselben erbaut wurde, die erhofften Vorteile grossen- 
teils verlor. Eines gewann die Stadt aber zweifellos durch die Vorschiebung der 
serbischen Südgrenze, dass sie im Kriegsfalle fortan weniger als früher zu leiden 
haben dürfte. Da Aleksinac stets die Pforte war, durch welche die Türken während 
der ersten Freiheitskämpfe in das Land eindrangen, wurde es 1862, als das 
Belgrader Bombardement schwere Konflikte mit der Pforte befürchten Hess, durch 
einen starken Schanzengürtel befestigt und dieser im Frühjahr 1876, als der Krieg 
wirklich in Sicht trat, durch General Zach systematischer ausgebaut. Man kann 
sagen, Beginn und Ausgang der für die serbischen Waffen unheilvollen Kämpfe 
jenes Jahres hatten Aleksinac zum Mittelpunkt. 



126 Über IX'ligrail, Soko-Banja auf den Rtanj uiul nach Alcksinac. 

Die Aufstellung der vom Generalissimus Cernjajeff und dessen Generalstabs- 
ciief Oberst Becker persönlich befehligten Morava-Armee war am 3. Juli folgende: 
Äusserster rechter Flügel an der Jankova Klisura (S. 103); rechter Flügel in 
Vukanja mit der Reserve in Kaonik, unter Oberst Bucovic 6 Bataillone Krusevac, 
4 Bat. Jagodina, 1 '/2 Eskadron Kavallerie, 8 schwere Vierpfünder. Rechtes Zentrum 
zwischen der Djuniska reka und Süd-Morava unter Oberst Milutin Jovanovic: 
3 Bat. Aleksinac, 4 Bat. Smederevo, 8 Bat. Cuprija, 7 Eskadronen, 16 schwere, 

8 leichte Vierpfünder, 6 Zwölfpfünder; linkes Zentrum mit der Vorhut bei 
Tesica unter Hauptmann Djurdjevic: 3 Bat. Aleksinac, 4 leichte Vierpfünder. Gros 
im verschanzten Lager zu Aleksinac unter Oberst llija Markovic: 15 Bat. der 
Suniadija-Division, 4 Bat. Smederevo, 6 schwere Vierpfünder. Linker Flügel zwischen 
Soko-Banja und Aleksinac unter Oberst Uzun-Mirkovic: 5 Bat. Pozarevac, 5 Bat. 
Belgrad, 6 Bat. Kragujevac, 4 Bat. Jagodina, 5 Eskadronen, 24 schwere, 12 leichte 
Vierpfünder, 6 Zwölfpfünder; äusserster linker Flügel auf der Tresibaba unter 
Oberstleutnant Horvatovic: 8 Bat. Knjazevac, 1 Eskadron, 8 schwere Vierpfünder. 
Die Ereignisse auf dem linken Flügel werde ich im Vlll. und XII. Kapitel 
schildern; hier sei die Zusammenfassung der den Krieg entscheidenden Vorgänge 
in der Zentrumsstellung zwischen Aleksinac und Krusevac versucht. 

Von Aleksinac Hess General Cernjajeff unmittelbar nach erklärtem Kriege 
den Oberst Milutin Jovanovic gegen Nis demonstrieren, während er selbst mit 
dem Gros der Hauptarmee über Knjazevac zur Eroberung von Bela Palanka und 
Pirot schritt. Diese gelang wohl, doch war er nicht stark genug, gegen Sofia 
vorzugehen. Da sein Appell zu einem Massenaufstande der Bulgaren ohne 
nennenswerte Wirkung geblieben, kehrte Cernjajeff auf demselben Wege zurück, 
und die serbische Offensive verwandelte sich bald in eine, durch den Anzug 
bedeutender türkischer Streitkräfte bedingte Defensive, deren Hauptstützpunkte 
Deligrad und Aleksinac bildeten. Jubelnd begrüssten seine Bürger die von 
Norden einziehenden Verstärkungen, welche den immer näher rückenden Feind 
abzuhalten versprachen. Die Türken entschlossen sich, ihre Operationen am 
Timok einzustellen und alle Kräfte zum Vormarsch auf der grossen Moravastrasse 
nach Belgrad zu vereinigen. Als der vor Aleksinac operierende Ali Sahib Pasa 
sich zu schwach erwies, um dessen starke Werke zu bezwingen, verliess Ahmed 
Ejub Pasa das zerstörte Knjazevac und stieg mit seinem Korps am 17. August 
durch die Täler der Topolnica und Katunska reka zur Morava herab. Vom 21. 
bis 24. August suchten nun Abdul Kerims Generale, Ejub auf dem rechten, Ali 
Sahib auf dem linken Ufer, die serbische Position zu nehmen. Die von den 
türkischen Truppen bewiesene Kaltblütigkeit bei den wiederholten Angriffen erwies 
sich vergebens, und am 25. August gab Ejub, dessen Truppen durch das schwere 
Geschützfeuer der geschlossenen Schanzen ungemein litten und überdies durch 
den von Knjazevac über Sv. Stevan herabsteigenden Horvatovic in der rechten 
Flanke bedroht wurden, den Frontangriff auf die Aleksinacer Verschanzungen auf. 
Die sechstägige „Schlacht von Aleksinac" kostete den Serben und Russen 

9 Offiziere, 371 Mann an Toten, verwundet wurden 38 Offiziere und 1195 Mann. 
Die Türken erlitten noch grössere Verluste. 



über Deligrad, Soko-Banjn niif den Rtanj und nncli Alcksinac. 129 

Der Oberkommandant Abdul Kerim beschloss nun, seine disponiblen 
Truppen ^grösstenteils auf das linke Ufer vorzuschieben und die Serben durch 
eine über Kruäevac gegen Stalac eingeleitete Umgehung zur Schwächung ihrer 
Positionen bei Alcksinac und Deligrad zu zwingen, zu welchem Zweck auch 
Ahmed Ejubs bei Katun railliertes Korps auf der am 23. August bei Teäica 
hergestellten Brücke die Morava überschritt. Auf dem rechten Ufer blieben 
nur einige Arnauten- und Tscherkessenbanden zurück. Am 1. September, einem 
moslimischen Sonntag, an dem es Cernjajeff am wenigsten erwartete, drangen die 
Türken über die Weinberge oberhalb Tesica rasch vor, bemächtigten sich 
kleiner Vorwerke bei Zitkovac, wurden hier wohl zum Stehen gebracht, 
gewannen jedoch durch ihre Artillerie auf dem linken Flügel derartig Terrain, 
dass die Serben, über die Brücken bei Deligrad und Boboviste in grosser 
Unordnung auf das rechte Ufer gedrängt, das linke von Mrsolj bis zum stark 
besetzt gehaltenen Kaonik an der Kruscvacer Strasse den Siegern überlassen 
mussten. Wider Erwarten blieb Ahmed Ejub bis zum 6. September untätig, 
wodurch Cernjajeff Zeit gewann, seine Hauptmacht um Deligrad zu sammeln, 
Alcksinac blieb durch 22 Bataillone unter dem Obersten Konstantin Protic 
besetzt, 8 Bataillone verteidigten seine entfernteren Vorwerke. Die türkischen 
Versuche vom 7. bis 11. September, unterhalb Mrsolj bei Boboviste das rechte 
Ufer zu gewinnen, wurden durch die Wachsamkeit der Serben vereitelt, doch 
ebenso missglückte jener Horvatovics am 13. September, bei Tesica auf das 
linke Ufer überzugehen und die Türken im Rücken anzugreifen. 

Am 16. September folgte ein durch Englands Einfluss in Konstantinopel 
herbeigeführter Waffenstillstand, der leider die Fortsetzung des blutigen Ringens 
nur kurz unterbrach. Dieses traf die Türken mit 5 Divisionen, die etwa 
50000 Mann Infanterie, 6000 Arnauten, Tscherkessen, 2000 reguläre Reiter und 
90 Geschütze zählten, grösstenteils hinter Schützengräben am Krvavac potok, 
von KruSje bis Donji Adrovac, auf dem linken Ufer; ihnen gegenüber befand 
sich der serbische rechte Flügel unter Horvatovic, der, gedeckt durch das tiefe 
Djuniskabett und leichte Verschanzungen, die Linie Veliki Siljcgovac, 
Susice, Kaonik bis Djunis besetzt hielt. SO. schloss sich bei Korman das. 
stark verschanzte serbische Zentrum an, während der linke Flügel unter Protic 
in den Positionen ober und unter Alcksinac verblieb. Mit der in Deligrad 
postierten Reserve zählten die Serben noch etwa 60 000 Streiter. 

Am 29. September ging Horvatovics rechter Flügel und das Zentrum mit 
grosser Bravour gegen die türkische Stellung vor. Der durch die Artillerie 
ungenügend vorbereitete Angriff wurde aber zurückgewiesen, und am nächsten 
Morgen gewannen die Türken durch ihr überlegenes Geschützfeuer die Pescanica. 
Unter kleineren Gefechten zogen sie dort bis 17. Oktober fortwährend frische 
Truppen von Nis an sich, mit welchen sie am 19. Oktober einen kräftigen 
Offensivstoss gegen den rechten serbischen Flügel führten. Am 20. Oktober, 
während Fazil Pa§as Artillerie ein heftiges Feuer auf den linken serbischen 
Flügel bei Alcksinac und das Zentrum bei Boboviste unterhielt, überschritten die 
Divisionen Sulejman und Aziz Pasa am Frühmorgen zwischen Krusje und 

F. KANITZ, Serbien. U. '1 



130 Über Deligrad, Sokn-Banjn auf den Rtanj und nach Aleksinac. 

Radevci die OstroSeliohen und trieben Horvatovics Vorhut auf Veieki 
Siljegovac zurück, wo es mit seinem Gros zu ernstem Gefechte kam, 
das, weil die von Cernjajeff abgesandten Verstärkungen zu spät eintrafen, am 
Nachmittag mit dem Rückzuge der Serben auf Crkviiia, Mali Siljegovac und 
Kaonik endete. Die obere Djuniska reka mit den verlassenen Schützengräben 
fielen in türkischen Besitz, wodurch eine breitere Angriffsfront gegen die serbische 
Stellung zwischen Gaglovo und Korman gewonnen wurde. Es folgten nun 
bis 28. Oktober grossenteils Artilleriekämpfe, während welcher sich die Türken 
am 23. Oktober auf den die untere Djuniska reka beherrschenden Höhen bei 
Crkvina verschanzten. 

Immer drängender forderten Konstantinopeler Telegramme Abdul Kerim auf, 
den letzten Schlag zu führen und Aleksinac zu nehmen, weil es der Pforte 
nicht länger möglich sei, Ignjatieffs durch die Grossmächte unterstützte Forderung 
nach einem Waffenstillstand ausweichend zu beantworten. So entschloss sich 
der türkische Marschall, trotz der am 27. und 28. Oktober gefallenen starken 
Regen, am 29. Oktober zum Entscheidungskampf. Abermals erhielt Fazil 
Pasa die Aufgabe, durch heftige Beschiessung der Werke von Aleksinac und 
Demonstrationen, als wolle er bei Prcilovica und Bujmir auf das rechte Ufer 
übergehen, die Serben auf diesem festzuhalten. Der Hauptangriff galt jedoch 
wieder ihrem rechten Flügel und dem Zentrum. Am Frühmorgen wurde die 
Hauptstellung Panjkovac-Sv. Nestor durch unausgesetzten türkischen Kugel- 
regen ganz unerwartet überschüttet. Es währte lange, bis die Positionsgeschütze 
wirksam antworteten und die Feldbatferien auffuhren; am Mittag ging die 
türkische Infanterie in grösseren Massen vor, die Brigade Mahmud warf die 
Serben aus Gornji Ljubes, folgte ihnen bis Vitkovac, wurde dort aber durch 
das Feuer aus den Befestigungen auf beiden Ufern zurückgetrieben. Cernjajeff 
zog seine Reserven von Trubarevo heran. Doch schon hatte Aziz Pasas 
linker Flügel die Infanterie Horvatovics von Mali Siljegovac über die Gaglovica 
gedrängt und die zu Mahmuds Unterstützung vorgerückten Divisionen Sulejman 
und Hafiz hatten stürmend alle Schützengräben zwischen Donji Ljubeä und Djunis 
genommen. Als um 4 Uhr nachmittags Hafiz' Infanterie die Höhen im Rücken 
der serbischen Zentrumsstellung Panj kovac — Sv. Nestor erstieg, wurden ihre 
Schanzen überstürzt verlassen und serbischerseits der Rückzug über die Brücken 
bei Trubarevo angetreten. 

Man zeigte mir das Haus, von dem Cernjajeff mit seinem Stabschef Doktoroff 
am Nachmittag auf das Schlachtfeld geeilt, um persönlich eine günstige Wendung 
herbeizuführen. Beide hatten jedoch, gleich den meisten russischen Offizieren, 
längst schon das Vertrauen der serbischen Kämpfer vollkommen eingebüsst, die 
keine Lust zu weiterem Widerstände gegen die trefflich geführten Türken zeigten. 
Horvatovics rechter Flügel hatte vollauf zu tun, den östlichen Rasina-Uferhöhenkranz 
zu halten, welchen die nach dem bedrohten Krusevac führende Haupfstrasse 
durchschneidet. 12 Feldgeschütze gingen hier verloren. 

Die aus Russen, Polen, Bulgaren und ungarischen Serben bestehende 
Freiwilligen-Division des Obersten Medzininoff deckte den Rückzug, welcher 



über Deligrad, Soko-Banja auf den Rianj und nach Aleksinac. 131 

unter dem grosse Verluste verursachenden Feuer der auf der Sv. Nestorliühe 
aufgefahrenen türkisclieii Artillerie und zur Verfolgung vorgegangenen Kavallerie 
vollzogen werden niusste. Hier zeichnete sich namentlich Major Graf Tiesenhausen 
aus, welcher, durch drei Kugeln an den Armen und Schenkeln verwundet, nach 
Belgrad transportiert wurde. Kaum genesen, ward er als Kommandant einer 
bulgarischen Druzina 1877 bei Eski Zagra abermals verwundet. Gleich mutig 
wie er stritten viele andere russische Führer, so der tapfere Tscherkessenoffizier 
Kominski, der wegen Streites mit seinem Vorgesetzten den russischen Dienst 
quittieren musste, und als ihm der Zar 1877 die erbetene Wiederaufnahme in 
denselben zu Plojesti schroff verweigerte, sich vor dessen Augen erstach. 

Erst der anbrechende Abend und die auf eine Anhöhe bei Praskovce 
beorderten, unausgesetzt feuernden serbischen Batterien verschafften etwas aus- 
giebigeren Schutz den Flüchtenden, in deren Knäuel auch Cernjajeff fortgerissen 
wurde. Von Razanj kehrte er nach Deligrad zurück, um es mit den dort stehen 
gebliebenen und von Aleksinac anlangenden Truppen, nachdem er den Abbruch 
der Trubarevoer Brücken angeordnet hatte, zu halten. Am 30. Oktober abends 
verliessen die letzten, Fazil Pa§as Kanonade nur schwach erwidernden Geschütze 
die Aleksinacer Werke. Die auf Fürst Milans Alarmtelegramm vom Zaren 
Alexander aus Livadia kategorisch geforderte Waffenruhe beendete den unglück- 
lichen Krieg. 

Der 31. Oktober 1876 wurde aber noch für das von den Bewohnern 
eilends verlassene Aleksinac verhängnisvoll. Die in dasselbe rekognoszierend 
vorgesandten Tscherkessen brannten 120 Häuser und auch die 1872 errichtete 
Brauerei nieder; seine Kirche diente den nachrückenden Nizams als Moschee, 
was sie vor gleichem Schicksale bewahrte. 

Übei die schwere Heimsuchung des Moravagebietes während dieses für 
Serbien so unheilvoll gewordenen Krieges brachte Milovan Spasic, der für den 
Aleksinacer und Krusevacer Kreis abgeordnete Spezialkommissar, in seinen „Bei- 
trägen zur Geschichte des Krieges 1876" interessante Daten. Zu Boboviste 
blieben von 100 Häusern 12 erhalten, zu Lipovac von 50 nur 1, zu Glogovica 
von 60 nur 6, von Prugovos 38 Häusern 9, zu Radcnkovac von 47 nur 2, 
zu Prekonozi von 43 nur 24, zu Djunis von 191 Häusern 133, zu Kaonik 
von 131 nur 40, zu Trubarevo von 44 nur 1, zu Bovan von 55 nur 1, zu 
Belasica von 31 nur 3. In allem hatten die Türken in den Dörfern beider 
Kreise von 4294 Häusern 3256 zerstört; aber auch bei den 1038 gebliebenen 
wurden Fenster, Türen und Öfen vernichtet, das Brauchbare sowie alle Kirchen- 
glocken weggeschleppt. 177 Familien verloren ihre Hausväter, viele Männer, 
Knaben und Frauen wurden von den plündernden Tscherkessen verstümmelt 
und geschändet. Gegenüber solch grossem Unglück erwies sich die durch 
Wohltätigkeitskomitees im In- und Auslande gespendete Hilfe klein. Im ganzen 
gelangten 32000 Dukaten, 31000 Gulden, 11400 Rubel und 1000 Franken an 
die ärmsten Beschädigten zur Verteilung. 

Aleksinac, früher das Verwaltungszentrum des gleichnamigen Kreises mit 
vier Bezirken, bildet seit 1896 nur einen solchen des grossen Ni§er Kreises. Die 



132 Über Deligrad, Soko-Banja auf den Rtanj iiiul nach Aleksinac. 

Regierung suchte es seither durch einen prächtigen Bau für sein 1865 errichtetes 
Unter-Gymnasium bei der wiederhergestellten Kirche, das, von 140 Schülern 
besucht, dem Staate jährlich 20000 d kostet, und durch eine Artilleriegarnison 
zu entschädigen, welche ich am 12. August 1897 bei ihrer netten Kaserne am 
ehemaligen Marstallplatz mit 3 Batterien exerzieren sah. Auch die 1887 gegründete 
Sparkasse, die zu Q'/o G^'d verleiht und 1905 nahezu 12 Mill. d in Umlauf 
brachte, trug viel zur rascheren Erholung der Stadt von den schweren Kriegs- 
drangsalen bei. Die Brandruinen sind verschwunden, und nun zählt sie wieder 
in 1073 Häusern nahezu 5500 Bewohner, darunter 41 Deutsche, 26 Cincaren, 
197 Zigeuner, von welchen 30 katholisch und 166 mohammedanisch sind. Die 
1899 vom Professor des Lehrerseminars, Tih. R. Djordjevic, zu Aleksinac heraus- 
gegebene ethnologische Zeitschrift „Karadzic" verspricht interessante Aufschlüsse 
über das Volksleben im südöstlichen Serbien; ich wünsche diesem jüngsten 
Reis unserer Wissenschaft bestes Gedeihen.') 

Das handeis- und gewerbsfleissige Aleksinac übte bei meinem letzten 
Besuche wieder guten Eindruck aus. Nur der von den Russen auf der südlichen 
Vorhöhe der Rujevica, über der jetzt Militärzwecken dienenden ehemaligen 
Quarantäne, errichtete schöne Obelisk erzählt von den 1876 durchlebten schlimmen 
Tagen. Seine Inschrift zitiert den Bibelspruch: „Grössere Liebe erweiset kein 
Mann, als wenn er das Leben opfert für seine Freunde!" — In denkbar 
schlechtestem Andenken lebt Cernjajeffs Namen bei den Aleksinacern fort. Er 
starb am 16. August 1898 auf seiner Besitzung in Russland. Es war dem einst 
hochgefeierten Turkmenenbesieger nicht vergönnt, die Scharte von 1876 
wettzumachen. 



') Diese Zeitschrift erscheint nicht mehr. 



VI. 

Stadt und Festung Nis. 



DIL' Stürme des Jahres 1848 berührten kaum den morschen Staatsbau 
der europäischen Türkei; das Jahr 1860 brachte aber unerwartet den 
lange schlummernden Zündstoff ihrer östlichen Provinzen in Bewegung. Fürst 
Gortschakoffs Mai-Zirkular an die Mächte, zugunsten der Rajah, erschien auch 
nicht geeignet, die Gemüter zu beschwichtigen, und im Juli kursierten zu 
Aleksinac die übertriebensten Gerüchte über eine im angrenzenden Paschalik 
ausgebrochene Revolution. 

Längst hatte ich einen Rekognoszierungsausflug auf bulgarisches Gebiet 
geplant, um die Gegensätze zwischen jungserbischem und alttürkischem Regiment 
kennen zu lernen und so den richtigen Massstab für ihre Beurteilung zu gewinnen. 
Nach allem, was ich horte, bot sich nicht leicht ein günstigerer Moment hierzu. 
Rasch entschlossen, schlug ich von Aleksinac die alte Heerstrasse nach Nis ein. 

So viele Völker sich auf dem Boden der illyrischen Halbinsel in zwei 
Jahrtausenden folgten, blieben dort die von der Natur vorgezeichneten römischen 
Strassenzüge bis heute die Hauptwege alles Verkehrs. Weder höherer Industrie- 
aufschwung, noch veränderte Handelsrichtungen führten, wie im übrigen Europa, 
zum Bau neuer Strassen, und so zieht der am 13. Februar 1884 von der Niser 
Bevölkerung jubelnd begrüsste Belgrader Schienenstrang grösstenteils auf antiker 
Trace durch das Moravatal, welches meine verewigten Freunde Boue, Hahn und 
Zach auf Grundlage der namentlich von letzteren 1859 gemachten Studien für 
seine Anlage empfohlen hatten. 

Die zweistündige Fahrt von Aleksinac über die südwestlichen Ausläufer der 
1276 m erreichenden Jeskovik Planina bot unausgesetzt prächtige landschaftliche 
Blicke. Bei Katun kreuzte ich den gleichnamigen Bach. Wo er in der nord- 
östlichen romantischen Engschlucht entspringt, liegt das 1399 „Christi Verklärung" 
geweihte Kloster Sv. Stevan mit architektonisch wertlosem, aber hochverehrtem 
Kuppelkirchlein. 12 Hektar Felder und Wiesen, 2 Hektar Wein- und Obstgärten, 
55 Hektar Wald, 3 Mühlen usw. bringen dem Iguman und Duhovnik über 3000 d. 
Ein an diesem „Lipovacki manastir" vorbeiziehender Hochpfad und ein westlicherer, 
durch zwei Kastelle geschützter an der Crnobarska reka führen N. hinüber zum 



l;)4 Stadt uiul l"ostuii,n Nis. 

Kloster Sv. AraiHijul uiul weiter iiacli Soko-Banja. Der erstere wurde am 
18. August 1876 von Ejub Pa§a benutzt, als er inlt seiner rechten Fiügeli<ulonne 
von Knjazevac zur Entscheidung nach Aleksinac eilte. 

Auf dem linken Moravaufer entfliesst dem Fusse des kleinen Jastrebac die 
Quelle des „Kulinska banja". Nach einer Tradition hauste in der gleichnamigen, 
auf römischen Kastellmauern erstandenen Burg der reiche, gewalttätige Türke 
Aradin, den der vielbesungene serbische Volksheld Ljutica Bogdan tötete. Unfern 
iiegt das „Oriziste", wo einst Reis (O'riz) gebaut worden sein soll, was glaubhaft, 
da es bei Nis noch im 16. Jahrh. Reiskulturen gab. In gleicher Richtung sieht 
man zahlreiche Erdhügel (gomile). Die Anwohner glauben, die Türken hätten 
sie in alter Zeit zu Verteidigungszwecken aufgeworfen; wahrscheinlicher sind 
es aber Tumuli, die, weil unrationell geöffnet, keine Leichenfunde ergaben und 
deshalb auch nicht als prähistorische Grabstätten erkannt wurden.') 

Die Katunska reka bildete bis 1878 die serbisch-türkische Grenze. Das 
grosse Tor des serbischen Palisadenzauns öffnete sich, und das wenige Schritte 
ferne türkische knarrte nach kurzem Parlamentieren in seinen verrosteten Angeln. 
Zapties forderten und trugen unsere Papiere in das türkische Beklemeh (Wacht- 
haus). Manchmal fand sich in den türkischen, durch das ganze Land zerstreuten 
Blockhäusern ein schreibkundiger „Effendi"; gewöhnlich malten die Beamten aber 
das Visum mechanisch hin. Mein Reisegepäck blieb von jeder Durchsuchung 
verschont. Peki! (Gut!) So rief der Mautner einem zu diensteifrigen Zollwächter zu, 
während er beruhigt mein Bakschisch in die weite Tasche seiner mit verblichenen 
Goldschnüren besetzten Jacke gleiten Hess. Rasch ging es nun vorwärts auf der 
antiken Viminacium-Thessaloniker Heerstrasse. Diese führte von Praesidium 
Ponipei (S. 108) nach dem in der Tab. Peut. 11 Millien von ihm entfernten 
„Granirianis" -), eine Station, welche im Itin. Hieros. mit 12 Millien „Rappiana" und 
vom G. Rav. (W 7) „Crambianis" genannt, wahrscheinlich bei der bald erreichten 
türkischen Grenzkaraula Drazevac stand, keinesfalls aber, wie Jirecek annahm, 
bei dem weit entfernten, 1413 genannten altserbischen Schlosse Lipovac, das 
an dem vorerwähnten unfahrbaren Gebirgswege lag. Auch an der Toponica, die 
wir bald darauf querten, führte ein Weg in das jenseitige Svrijiski -Timoktal. 
Bei Kravlje sperrte ihn ein Kastell, bei Miljkovac noch im Mittelalter ein 
Werk, dessen erhaltener Turm „Zeleznik" (Eisenpforte) heisst. Bei dem nahen 
alten Sv. Nikolakirchlein fand man altserbische Münzen und 1835 wurde 
während eines Rajahaufstandes hier gekämpft. 

Jenseits der Morava bedeckt die höheren Glimmerschieferpartien des Veliki 
Jastrebac dichter Eichen- und Buchenwald; den angeschwemmten fetten Ton an 
seinem Fusse aber durch Ziegenherden niedergeführtes verwildertes Eichengestrüpp. 



') Bezügliche Nachweise in meinem „Donau-Bulgarien und der Balkan", Sachregister, 
II Auflage, III, S. 376; auch in Verh. d. Berl. Anthrop. Ges., 1883. S 299. 

'-■) W. Tomaschek glaubt, der richtige Name war „Grampiana" (Österr. Gymnas.- 
Zeitschr. 1867, S. 711); Kiepert hält jenen der Tab. Peut. für den richtigen. Auf der meine 
„Rom. Studien in Serbien" begleitenden Karte erscheint er durch ein Versehen bei Aleksinac 
angesetzt, was gleich seiner dortigen Schreibart hier berichtigt wird. 



Stadt iiMil Kcstiing Nis. 



];5ö 



Bei dein fol^'eiideii Am am Ciftlik betrat ich die grosse Niser Ebene, weiciie 
ihre westliche Fortsetzung in der lini<suferigen Moravaterrasse findet. Die 
weitgedehnte Fläche bildet nahezu ein Dreieck, dessen Spitzen gegen 0. das 
Nisava-Defilee, NW. die Toponicamündung und der Moravapass bei Kurvingrad 
markieren. Ihre Entstehung wird auf einen sie bedeckenden See zurückgefülirt, 
der durch das heutige Stalacer Morava-Defilee seinen Abfluss fand. Von der 
Römerzeit bis zur Gegenwart führt die Hauptverkehrsader des europaischen 
Westens mit dem Orient durch dieses Becken, und nur bis zur Vollendung des 
Konstantinopeler Schienenstranges lief die mit Dampfern befahrene Donau dem 
alten Belgrader Landwege durch einige Jahrzehnte den Rang ab. 










Bei dem türkischen Urenzanite Katiin im Jalire ISfiO. 



Auf dem mächtigen Strome geschah alles, um den modernen Verkehrs- 
forderungen zu genügen. Namentlich bewährten die nach amerikanischer Art 
gebauten Eilschiffe der k. k. Dainpfschiffahrts-Gesellschaft als schwimmende 
Hotels ersten Ranges grosse Anziehungskraft, während es auf dem teueren 
Landvs'eg am einfachsten Komfort fehlte. Reisende, welche, getrieben durch 
Forschungsdrang oder wichtige winterliche Geschäfte, ihn doch benutzten, mussten 
selbst Wagen und Pferde kaufen, Kutscher und sprachenkundige Diener mieten 
oder reiten, sich aber jedenfalls eines bewaffneten Geleites versichern. Dabei 
wurde der Fremde stets das Opfer der Kiradzis (Pferdeverleiher), Sürüdzis 
(Postillone), Mehandzijas (Wirte), die insgesamt und letztere ganz besonders seine 
Tasche unter verschiedensten Titeln zu leeren suchten. 

Für den inneren Verkehr der türkischen Provinzen blieb trotz alledem der alte 
römische Heerweg eine wichtige Verkehrsader. Einheimische Kaufleute zu Pferd 



VM) Stadt und Festung Nis. 

und zu Wagen, Lasttierkarawanen und Büft'clkarren, beladen mit Export- und Import- 
waren, bulgarische „dundjer", welche in Serbien Arbeit suchten, dann die originelle 
Staffage der reitenden Brief- und Feldpost belebten dieselbe. Hinter Toponica 
begegneten wir dem Postzug. Er bestand aus einem Tataren in türkischer Tracht, 
zwei Pferden mit dem Brieffelleisen und einigen Zapties zur Bedeckung, die in 
unsicheren Defileen noch Karaulsoldaten verstärkten. Die Kavalkade bewegte 
sich bergauf und ab in gleich raschem Trabe, allen voraus ein Siirüdzi, der 
durch laute Warnungsrufe in den Hohlwegen die langsamen Lastkarawanen zum 
Ausweichen aufforderte, um Zusammenstösse zu verhindern. Auch Reisende 
konnten diese Post benutzen, wenn sie gleichen Schritt halten und auf den einzelnen 
Stationen, wie es noch heute in Persien geschieht, die Pferde wechseln wollten. 

Bei Vrtiste, mit altem St. Peterkirchlein, näherten wir uns der Nisava, 
welche bei dem südlicheren Trupale in sandig seichtem, jederzeit durchfurtbarem 
Bette, 30 m breit, in die Morava mündet. Das von ihr träge durchflossene frucht- 
bare „Nisko polje" erschien zur Türkenzeit auffallend spärlich unter Kultur gesetzt. 
Auf der westlichen Terrasse waren sogar weite Strecken mit dichten Paliurushecken 
bedeckt, weil die Rajah sich möglichst weit von den türkischen Städten hielt, um 
nicht zu noch schlimmeren Fronen gezwungen zu werden und durch ihren Besitz 
nicht die Habsucht der moslimischen Machthaber zu reizen. Nis' Umgebung glich 
bald nach der türkischen Eroberung einem öden, riesigen Friedhofe. Der zweimalige 
Durchzug des Vladislavschen Heeres vernichtete, was später zu ihrer Kultivierung 
geschehen war, beispielsweise bevölkerte Hamsa Beg 1578 zwei verlassene Dörfer 
mit Ungarn aus der Gegend bei Raab. Ich selbst traf 1860 an der 21 km langen 
Wegstrecke von der alten türkischen Qrenze bis Nis nur mehr ein Dorf und 
einen Man. Es war eine recht traurige Fahrt. Der von einem Gewitterregen 
stark aufgeweichte schwarze Humus legte sich in die Radspeichen und erschwerte 
das Vorwärtskommen durch die sumpfige Niederung, welche für Nis und sein 
Weichbild einen stehenden Fieberherd bildet. 

Zwischen zwei vorgeschobenen Werken passierten wir glücklich den Schmutz 

der Beogradska mahala, gleich darauf rollte unser Wagen über die Nisavabrücke, und 

unsere Rippen erprobten sich auf dem elenden Pflaster der „pokrivena carsija", der 

langen, mit Brettern gedeckten finsteren Basarstrasse. Endlose schieflinige Gassen 

verlängerten die Qual bis zum anschliessenden christlichen Stadtteil. Dort nannte 

mich mein Banjaer Reisegefährte Diniitrije Adam im Hause seines reichen, aber 

geizigen Onkels Cohadzi willkommen. Nach Abgabe einiger Empfehlungen eilte ich 

mit meinem jungen Gastfreunde auf die südlichen Höhen, um einen orientierenden 

Blick auf die Stadt zu gewinnen, die mich seit Jahren lebhaft interessiert hatte. 

Im folgenden versuche ich ein möglichst geschlossenes Bild ihrer Vergangenheit zu 

geben, dem sich das bei späteren Besuchen gewonnene seiner Entwickelung bis zur 

Gegenwart anschliesst. ^ ^ 

* 

Über die Entstehung von Nis läuft die Sage, eine Prinzessin Nisa habe sie 
aus Steinen der nahen Hunihöhe erbaut, während ihre Schwester Vida das feste 
Vidin gründete. Die Grenze zwischen beiden Gebieten lag auf der Nisava-Timok. 



Stadt und Festung Nis. 



137 



Es ist ein bemerkenswerter Zug der südslavischen Tradition, dass sie die 
meisten alten Burgen von Fiirstentöclitern gründen lässt. Erwiesen ist die 
Besiedelung Nis' und seiner Unigelnnig sciion in prähistorisdier Zeit. Ein 
Pioniersoldat fand im Jahre 1878 oberhalb der Pestungsbrücke ein 153 mm langes 
Hammerbeil mit rundem Stielloche von 133 mm Durchmesser aus Basalt, der 
beim nahen Ostrovica im Nisava-Steildefilee auftritt. Die mit Kalksinter stark 
inkrustierten Flächen zeigen keine Spur von Polierung, obschon das Material sich 
vorzüglich für diese eignet. Ein anderes, gleichfalls im k. serbischen Bergbureau 
aufbewahrtes, 155 mm langes, weniger vollendetes Steinbeil ward bei alten 
Gräbern nahe bei Nis und eine Feuersteinsäge bei Vrezina gefunden. 




Christliche Corbadzi und Bauern aus der Uninebung von Nis im Jalirc 18(30. 



Das römische Naissus, byzantinische Nysos, slavische Nis, deutsche Nissa 
erhielt diese Namen von der es durchfliessenden Nisava, welche die keltischen 
Urbewohner „Navissos" nannten. Während seiner glänzendsten Epoche war 
Naissus einer der wichtigsten Knotenpunkte des mösisch-thrazisch-dardanischen 
Strassennetzes, weil dort die von Lissus (Alessio a. d. Adria), Thcssalonica 
(Salonik), Constantinopolis, Ratiaria (Arcer a. d. Donau) und Singidunum (Belgrad) 
ausgehenden Wege mündeten. Die vortreffliche geographische Lage gestaltete 
Naissus auch zu einem strategisch bedeutungsvollen Platze. Wie das heutige 
Paris war es mit einem Fortgürtel ummauert, von dessen dicht aneinander 
gereihten Kastellen ich 18 feststellte. Dementsprechend wird Niä vom 2. Jahrb. 
in allen Heerzügen am Balkan hervorragend genannt. Dort besiegte Claudius II. 
die Goten und rettete Rom vor grosser Gefahr. Konstantin der Grosse schmückte 



1-58 Stadt und Festung Nis. 

Naissus, in dem er 274 n. Chr. geboren wurde, mit praciitvollen Bauten. In 
Naissus empfing Julius Apostata (361) die Nachricht vom Tode seines Gegners 
Constantius. Obschon es aber für uneinnehmbar galt, eroberten es die Hunnen 
mit riesigen Sturmmaschinen, während sie durch unausgesetzten Pfeilhagel die 
tapferen Verteidiger von den Wällen scheuchten. Die folgende Zerstörung war 
eine so gründliche, dass der 448 mit einer Gesandtschaft an Attilas Hof ziehende 
Historiker Priscus dort nur Ruinen sah. Um 480 wurde die notdürftig erstandene 
Stadt neuerdings eine Beute der Völkerstürme; Kaiser Justinian stellte sie wohl 
wieder her, bald folgten aber die Avarenzüge und 540 der grosses Unheil über 
diese Gebiete bringende Ansturm der gegen Byzanz vordringenden Slaven, von 
welchen viele sich an der Nisava festsetzten. 

Unausgesetzt wogte fortan der Streit der Byzantiner um die Herrschaft auf 
der illyrischen Halbinsel. Um 987 gelangte der Bulgarenzar Simeon, nachdem 
er die Griechen bei Mesembria geschlagen, in den Besitz von Nis. Im ll.Jahrh. 
kolonisierte aber das hartnäckig gegen Norden vorstrebende Byzanz zur Verstärkung 
seiner dortigen Macht viele Petschenegen bei Nis, Sofia u. a. 0. 1072 drangen 
die Ungarn bis Nis vor. Manuel 11. Hess die Stadt durch seinen Feldherrn Konst. 
Aug. Philadelphus stark befestigen; trotzdem eroberte sie unter seinem Nachfolger 
Andronikos der Ungarkönig Bela III. Kurz darauf wieder griechisch, fiel sie 
1185 in serbische Hände. Doch 1196 besiegte dort Kaiser Isaak Angelus seinen 
Rivalen Stevan Nemanja. Ein Jahr später, nach der Schlacht von Arkadiapolis, 
ward Nis bulgarisch, und von da ab bildete es den fortwährenden Zankapfel 
zwischen Bulgaren und Serben, welche es von 1241 für längere Zeit behielten. 

Wiederholt sah Nis die lateinischen Heere in seinen Mauern. 1096 zogen 
die ersten Kreuzfahrer unter Ritter Walter durch seine Tore. Der nachfolgende 
Peter von Amiens verlor dort einen Teil seines mit den Stadtbürgern in Streit 
geratenen Heeres. Auch der von dem grossen Serbenfürsten Stevan Nemanja 
in Nis feierlich begrüsste Kaiser Friedrich 1. (1189), ferner Robert de Courtenay 
(1220) und Kaiser Balduin II. (1240) verweilten länger zu Nis. So freundlich 
aber auch die katholischen Streiter von dem orientalischen Klerus empfangen 
wurden, blieb dieser doch ohne Schwanken der Orthodo.xie treu. Nis war von 
attersher der Sitz einer ausgedehnten Eparchie, die zu Beginn des 13. Jahrh. 
die Landschaften Nisava, Mokro, Komplos, Toplica und Svrljig einschloss. 
Unter dem Ipeker Patriarchate dehnte sich die Grenze des Sprengeis noch weiter 
in das Moravagebiet bis Leskovac und Paracin aus. Wilhelm von Tyrus schilderte 
am Ausgange des 12. Jahrh. das mittelalterliche Nis mit Türmen und Mauern 
auf dem rechten Ufer der Nisava; ebenso de la Broquiere (1433), der auch eine 
steinerne Brücke vor dem Kastell erwähnt. Zur Zeit der ersten Überflutung des 
südöstlichen Europa durch die Türken entschied Nis' 1385, nach anderen 1386 
erfolgte Eroberung durch Sultan Murad das Los des Serbenstaates. Nach 
25tägiger Belagerung fiel es durch den heftigen Angriff Jaksi Begs, Sohn des 
Timurtas. Knez Lazar erhielt den Frieden gegen den Tribut jährlicher 1000 Pfund 
Silber und eine zu stellende Hilfstruppe von 1000 Reitern. Sisman, der 
Bulgarenkönig, musste überdies dem Sieger seine Tochter zum Opfer bringen. Die 



Stadt iiiul l'cstiiiiL' Nis. 



i;;!t 



Katastrophe auf i.ieiii Kosovo polje (1389) besiegelte den Untergang des unglück- 
lichen Serhcnfiirstun und seines Reiches. Bei Nis stiess sein Sohn Stevan mit 
einem Kontingent zum Heere Murads, das dessen den Thron erstrebenden Bruder 
Musa bekämpfte (1413). Ni§' grosser Strassenzug verödete bald darauf nahezu 
gänzlich für längere Zeit, weil der Verkehr von Sofia nach Belgrad bis in das 
14. Jahrh. mit Vorliebe die Route am linken Moravaufer über Mramor und Krusevac 
benutzte. Nis' Besetzung durch Hunyady nach am 3. November 1443 gewonnener 
Schlacht, in der 21)00 Türken fielen und 4000 gefangen wurden, war nur eine 
vorübergehende, es wurde damals den Serben belassen und von Brankovic dem 
Wojwoden Djordje Mrnjavcevic, Spross eines alten Geschleciits, als Lehen 
überlassen.') Nach Hunyadys Niederlagen bei Varna (1444) und auf dem Kosovo 
polje (1448) sah die Feste durch 245 Jahre keinen christlichen Feind. 

Nis' Wälle wurden, da lange Zeit keine Gefahr von aussen drohte, von 
den Türken stark vernachlässigt. Der aufmerksam beobachtende Hans Deruschwam 





Prähistorische Werkzeuge aus Nis. 



fand 1553 keine vor. In seinem Tagebuche bemerkt er am 7. August: „Nissa 
scheint vor Zeiten eine schöne grosse statt gewesen, hat keine niaur mehr, hat 
nahende hoche kale schneeige berge, darunder einer der höchst Kunawit genannt 
(Suva Planina im Kunovica-Defilee). Am end der statt fleusst das wasser Nestus 
so die Inwohner Nischt nennen — ungcferlich als gross wie die gran (die 
ungarische Gran), scheint tief sein, hat ein hulzene prucken darüber zimblich breit 
und gut. — Es sind zu Nissa drei türkisch kirchen oder Metzith (Moschee) mit 
zwei thurnen. Aida hat man an einer Karvasalia (Karawanserei) gebaut von 
steinen, so man überall von alten gebeuen herzu gefurt — darin etliche Romische 
Antiquitates, die zerbrochen, dass wir sie nit lesen haben kunten, sind verniaurt 
wordn; haben wir hernach geschrieben stein an der erden liegend gefunden, die 
man zu demselbigcn haus hat brauchen wollen." Auch Verantius und andere 
Reisende des 16. Jahrh. fanden Nis' Kastell verfallen, die Brücke aus Holz, seine 
1500 elenden Häuser grossenteils von Türken bewohnt, welche nur 5 Moscheen 
besassen, während die wenigen Serben, Bulgaren und ragusäischen Kauflcute eine 
hölzerne Kirche hatten. Erst im 17. Jahrh. erhielt es seine Zitadelle und Steinbrückc- 



') Mijatovic, Djuradj Brankovic, I. Bd., S. 386. 



140 Stadt und FestunR Nis. 

Unter Nis' Mauern sammelte im Jahre 16cS9 der türkische Grossvezier, nach- 
dem er Belgrad verloren und bei dem serbischen Batocina am 30. Aug. geschlagen 
worden, sein zersprengtes Heer. Durch Verstärkungen hatte er es auf 40000 Mann 
gebracht und mit einem neuen trefflichen Artilleriepark versehen. Das siegreiche 
kaiserliche Hauptquartier folgte ihm auf der geschilderten Römerstrasse über 
Jagodina, Ciiprija, Paracin und Aleksinac langsam auf dem Fusse nach. Am 
23. September erschien der Markgraf von Baden mit 17 000 Mann vor Nis. Er 
fand die feindliche Armee in günstiger Position am Vinik aufgestellt. Ohne Säumnis 
liess der kaiserliche Feldherr sie umgehen und im ungedeckten Rücken angreifen. 
Sein linker Flügel wich wohl einen Augenblick vor dem heftigen Angriffe der 
Spahis zurück, die rasch heraneilenden Kürassiere stellten jedoch das Treffen 
her, und die deutsche Infanterie stürmte todesmutig die Anhöhe, während Guido 
Starhemberg mit seinem Fussvolke die türkischen Reiter blutig zurückwies. Durch 
diese glücklich kombinierten Angriffe in Verwirrung gebracht, von dem Seraskier 
aber immer von neuem mit Kartätschenfeuer vorwärts getrieben, durchbrachen 
die erbitterten Spahis die eigenen nachrückenden Linien. Das christliche Heer 
benutzte dies, unter dem Schutze seiner Artillerie drang es mit geschlossenen 
Reihen in die entstandene Lücke ein und warf den Feind in die hochangeschwollene 
Nisava, die alles, was sich vor dem Gemetzel der siegreichen Verfolger retten 
wollte, verschlang. 10000 Türken bedeckten die Walstatt. Das ganze türkische 
Lager mit vielen Vorräten, 30 schwere Geschütze und 3000 Pferde \yurden 
erbeutet. Nis selbst war der Preis des vollständigen Sieges, mit dem zugleich 
das ganze Donaugebiet bis Nikopoli in die Hand des Kaisers fiel.') 

Zu Ende des rühm- und erfolgreichen Kriegsjahres trafen jedoch das 
kaiserliche Heer schwere Unfälle, die im folgenden den Verlust sämtlicher 
Eroberungen herbeiführten. Im Feldzuge 1690, welchen die Türken mit einem 
starken, wohlausgerüstcten Heere eröffneten, wurde Nis' Verteidigung vom Ober- 
feldherrn Veterani dem an Graf Pälffys Stelle getretenen tapferen Starhemberg 
anvertraut. Seine Aufgabe war schwierig; er sollte mit kaum 3000 Mann den 
Platz gegen 60000 Türken halten. Auf die feindliche Aufforderung zur Übergabe 
am 16. August antwortete Starhemberg, „dass er nicht türkisch verstehe, sich also 
in keine Verhandlung einlassen könne". In der mit ungewohnter Sachkenntnis 
eröffneten Belagerungsarbeit machte sich bald die Hilfe des allerchristlichsten 
Königs von Frankreich fühlbar, der aus Eifersucht gegen Osterreich der Pforte 
sich zuneigte. Am 18. August unternahmen die Belagerten einen Ausfall. Ein 
Schreiben des Markgrafen vom 27. August aus dem Hauptquartiere zu Jagodina 
brachte die wenig tröstliche Nachricht, dass er seine Streitkräfte zum Schutze 
Ungarns und Siebenbürgens konzentrieren müsse, deshalb keinen Ersatz verspreche 
und es Starhemberg anheimstelle, Nis ohne äusserste Gefährdung der Garnison 
solange als möglich zu verteidigen. Die gefährliche Lage der kaiserlichen 
Heere an der Donau und in Siebenbürgen war den Belagerten schon früher kein 



') In „Guido v. Starhemberg" behandelt dessen verdienstvoller Biograph v Arneth 
im 2. bis 8. Kapitel ausführlich diesen Feldzug nach zeitgeschichtlichen Quellen. 



Stadt und Festung Niä. 141 

Geheimnis, denn am 27. August hatten die Türken durch drei Salven und die 
Aufpfianzung von 24 bei Tohanj eroberten österreichischen Fahnen vor den 
Festungswällen ihren Sieg über Heiszier und dessen Gefangennahme gefeiert. 
Demungeachtet hielt Starhemberg die Zitadelle. Erst am 7. September übergab 
er sie, nachdem ein-Hauptboilwerk unterminiert worden und es unmöglich war, 
die Besatzung länger über ihre schlimme Lage zu täuschen. 

Der abgeschlossenen Kapitulation zufolge sollte die Garnison mit klingendem 
Spiele, fliegenden Fahnen, Waffen und Gepäck ausziehen und nach dem nächsten 
von Kaiserlichen besetzten Orte gebracht werden. Der diese Stipulationen und 
die Kriegerehre des unglücklichen Gegners missachtende Feind beraubte jedoch 
die Abziehenden ihrer Waffen und vergriff sich sogar an Starhemberg, dem 
seine Pistolen aus dem Gürtel gerissen wurden. Mit Knitteln suchten sich die 
unglücklichen Soldaten gegen das tatarisch-türkische Raubgesindel auf dem 
Marsche zu wehren. Am 22. September erreichte Starhemberg endlich mit dem 
Bedauern erregenden Reste der heldenmütigen Verteidiger von Niä Belgrads 
schützende Mauern. In einem gleichzeitigen Schreiben des Markgrafen an den 
Kaiser vom 28. Oktober') wird Nis eine „geringe, von Erden aufgeworfene, schlecht 
verwahrte und übel angelegte unproportionierte Feldschanz" genannt und seine 
Übergabe mit dessen geringer Verteidigungsfähigkeit entschuldigt. 

Belgrads glorreiche Eroberung durch Prinz Eugen hätte beim Abschlüsse 
des Karlowitzer Friedens (1699) NiS abermals leicht an Osterreich bringen können. 
Eugen widerriet aber, Nis und Vidin von dem gedemütigten Sultan zu fordern, 
da ihre Erhaltung „wegen der allzu grossen Entfernung" unverhältnismässig 
viel kosten würde. In Österreichs erneutem Feldzuge gegen die Türkei im Jahre 
1737 bildete der rasche Fall von Nis die erste grosse Waffentat. =) Mit besonderer 
Schonung zog die kaiserliche Armee entlang der Morava durch Serbien. Sie 
hielt nach der dienstlichen Relation „zur Gewinnung des Landmannes solche 
gute Ordnung, dass die Einwohner auf alle Weis' bei ihrem Hab, Gut, Vermögen, 
Früchten konserviert worden"'). 

Mit 6 Kavallerie -Regimentern, 500 Husaren und 2000 Grenadieren bezog 
Graf Philippi vor Nis ein Lager, in dem am 24. Juli Marschall Seckendorff 
eintraf. Die Aufforderung, die Zitadelle zu räumen, beantwortete der türkische 
Kommandant mit einem Bittgesuch um eine Frist von zwanzig Tagen, um über 
seine Lage dem Grossherrn berichten zu können. Philippi gewährte nur 
24 Stunden Bedenkzeit und drohte mit unbarmherziger Behandlung, falls die 
Übergabe verzögert würde. Der Termin verstrich, und die Kaiserlichen begannen 
ihrer Drohung durch eine Kanonade gegen die Wälle Nachdruck zu geben. Es 
war mehr eine Demonstration als regelrechte Beschiessung; denn durch den 
Metropoliten, Djordje Popovic, welcher die österreichfreundliche Bewegung der 
Rajah seines Sprengeis leitete (III. Bd., Kap. Ili), hatte man Kenntnis erhalten, 
dass etwa 2 — 3000 Mann der Besatzung, gleich der Einwohnerschaft, geneigt 

') Rödcr 11, Urkunden, S. 323. 

') Schmettau, Memoires secrets. 

') Versuch einer Lebensbeschreibung des FM. Grafen v. Seckendorff. 



142 Stadt und Festung Niä. 

wären, die Zitadelle zu übergeben und nur 600 der gefürchteten Jenisseri dies 
verweigerten. Am 27. Juli war das ganze kaiserliche Heer auf der Route über 
Cuprija, Supeljak'), Razanj, Aleksinac vor Nis angelangt. Die Verhandlungen 
wegen der Übergabe nahmen nun sofort eine bessere Wendung. Schon am 
folgenden Tage überbrachten sieben türkische Offiziere die Schlüssel zur 
Festung und den Magazinen an Seckendorff und den Herzog von Lothringen. 
600 Grenadiere unter General Thüngen besetzten die Tore, und am 3. August 
wurde auch die Stadt geräumt. 2000 Wagen und 200 Trainpferde brachten die 
20000 Seelen starke moslimische Einwohnerschaft mit ihrer Habe unter starker 
Eskorte nach Sofia; 135 Kanonen und 50 Mörser wurden erbeutet. Im Lager 
wurde ein feierliches Tedeum gesungen; der Herzog von Lothringen gab der 
Generalität und dem Stabe ein Festdiner, die Truppen paradierten und gaben 
zum Schlüsse drei Salven ab. In Wien wurde die unblutige Einnahme von Nis 
mit grossem Pomp gefeiert und Kaiser Karl befahl, eine der Moscheen zum 
Preise Gottes in eine Kirche umzuwandeln. 

Entsprechend der von dem k. Grossbotschafter Grafen Virmond in einem 
konfidentiellen Berichte an den Kaiser „über seine auf der Reise nach 
Konstantinopel im Jahre 1719 gemachten militärischen Observaciones", welche 
dahin lautete: „Die Eroberung der Stadt könnte nach der itzt daran befindlichen 
Defension und nach Eröffnung der Trancheen mit völliger Form innerhalb 14 Tagen 
vollzogen werden", fand man die Festungswerke in elendem Zustande. Graf 
Schmettau beschrieb den damaligen Zustand der Zitadelle auf S. 31 seiner 
geheimen Memoiren: „Les ouvrages et fortifications de Nissa sont faites de 
magonnerie et a foss6 sec et minö. La riviere de Nissa qui passe sous les 
murs de la ville est assez profonde pour n'etre point pass^e ä pied." 

Seckendorff beschloss, Nis, das nun für längere Zeit zum Mittelpunkte 
der österreichischen Operationen gegen Thrazien und Mazedonien wurde, in 
besseren Verteidigungszustand zu setzen. Das Kommando der 5 Bataillone starken 
Besatzung führte anfänglich General Leutrum und nach dessen Erkrankung General 
Dochat. Am 9. August wurde das Lager wegen unter den Pferden ausgebrochener 
grosser Sterblichkeit nach Mitrofsky(?) verlegt und am 8. September zog auch 
Schmettau mit der Infanterie von Nis ab. Er nahm den Weg entlang der Morava, 
übersetzte sie bei Djuniska reka und traf am 10. September in Krusevac ein, von 
wo er wegen Wassermangeis nach Trstenik abrückte, wobei seine Vorhut bereits 
auf von der bosnischen Grenze vordringende feindliche Schwärme stiess. 

Die Türken hatten die Untätigkeit der kaiserlichen Heere zur Vollendung 
ihrer Rüstungen benutzt und schritten im halben September zur Offensive. Pirot 
ergab sich ihnen, wie die Schanze von Badajova bei Sofia, ohne Verteidigung, 
ihre Besatzungen suchten sich nach Nis durchzuschlagen. Auch dort herrschte 
grosse Entmutigung. Vergebens klagte Dochat dem zu Pozega ratlos den Sturm 
heranziehen sehenden Oberfeldherrn über Mangel an Proviant, Munition usw. 
So wenig wie die Kommandanten am Ibar, an der Save und Drina, vermochte 



') Seit 1860 heisst dieser Ort Jovanovac. 



Stadt und Festung Ni§. 14;! 

Dochat die Rajah zu schützen, welche von den vordringenden Mosiinis, zur 
Strafe für ihren Anschluss an die kaiserliche Fahne, mit schreci<lichen Greueln 
heimgesucht wurde. Auch Alustapha-Pasa-Palanka iin Süden, Gurgusovac '), 
das wichtige Tiniok-Defilee „Passo-Augusto" und Soko-Banja im Norden fielen in 
die Hände der Türken. 

Am 11. Oktober erschien Ali Pasa mit 20000 Mann vor Nis, dem letzten 
kaiserlichen Stützpunkte, und forderte dessen Übergabe. Dochat verlangte eine 
Frist von 15 Tagen, um Befehle von Seckendorff einzuholen. Als dies verweigert 
wurde, gab der pflichtvergessene General den Türken Hoffnung, falls sie der 
Formalität genügten und die Festung einschliessen würden. Am 15. Okt. erklärte 
der Pascha, dass Dochats Verlangen erfüllt sei; es befänden sich 80000 Mann 
vor den Wällen. Dochat versammelte nun der Form wegen einen Kriegsrat, 
erklärte, dass wohl Proviant für 6 Wochen vorhanden, die Brunnen aber 
schlecht und nahe dem Versiegen wären, dass die militärische Ehre wohl die 
Verteidigung des Platzes erheische, die Erhaltung einer tapferen Garnison jedoch 
nicht minder erspriesslich für des Kaisers Dienst sei. Er versicherte, dass man 
auf Entsatz durch Khevenhüller oder den noch entfernteren Seckendorff nicht 
rechnen könne, die Feste kaum einen ersten Sturm aushalte und, falls ihre 
Verteidigung versucht würde, nichts übrig bleiben werde, als sich dem 
schonungslosen Gegner auf Gnade und Ungnade zu ergeben. In solcher Weise 
von ihrem Vorgesetzten beeinflusst, stimmten die Offiziere für Kapitulation. 
Diese erfolgte am 18. Oktober in aller Form. Nach Art. I. wurde Ni§ den Türken 
unter den gleichen Bedingungen übergeben, unter welchen sie es am 25. Juli 
geräumt hatten. Der Vertrag bestimmte ausserdem, dass die Garnison bis 
Belgrad eskortiert und den „Raizen" (Serben), sowie dem nach Nis geflüchteten 
Erzbischcfe von „Petschka" (Pec) volle Sicherheit des Lebens und Eigentums 
garantiert werde. Die Kapitulation wurde von den Türken in allen Punkten 
gehalten; Nis fiel ohne einen gegen dasselbe abgefeuerten Kanonenschuss in 
ihre Hände. 

Die österreichische Kriegsgeschichte, so reich an ruhmvollen Blättern, 
verzeichnet wenige Beispiele gleicher Pflichfvergessenheit wie diese. Sie wurde 
furchtbar gestraft. Auf des Kaisers Befehl trat gleich nach Dochats Ankunft 
zu Belgrad ein Kriegsgericht zusammen, dessen Spruch im Februar von Wien 
sanktioniert zurückkehrte. Er lautete für Dochat: auf Vermögensverlust und 
Enthauptung durch den Scharfrichter. Von öcn Mitgliedern seines Kriegsrates 
wurde Oberst Humbrocht „infam", Oberstleutnant Riiiau und Major Buttler 
aber „einfach" kassiert. Alle übrigen Offiziere wurden zu Festungsstrafen in 
Eisen, einfachen Kerker, Verlust eines Dritteiis ihres Einkommens und Ersatz der 
Gerichtskosten verurteilt. 

Nach diesem Falle von Ni§ lastete das Türkenregiment doppelt schwer auf 
der Rajah des Moravagebiets. Niemand trat für dieselbe ein. Sein Bischof 
Djordje, der sich wie dessen Vorgänger janicije „vladika niski i belocrkvanski" 



') Seit 1859 heisst diese Stadt Knjafevac. 



144 Stadt und Festung Nis. 

unterzeichnete, war schon 1737 nach Sirmien geflüchtet. Zum Drucke der 
heimischen Spahis und Amanten kamen Krdzalien (Banden), welche plündernd 
und mordend dem gegen den Sultan sich auflehnenden wahren Glaubensstreiter 
Pazvan Oglu Pasa in Vidin aus allen Provinzen zu Hilfe zogen (1795 — 1804). 
Da sie, weil ohne Kanonen, dem festen Nis nichts anhaben konnten, stürzten 
sie mit um so grösserer Beutegier auf die nahen wehrlosen Christendörfer. Die 
Rajah entfloh mit Rücklassung ihrer Habe in unzugängliche Bergschluchten; wo 
dies nicht gelang, erging es ihr schlimm genug. So in Malca, dessen Einwohner 
sich in ihre Kirche einschlössen. Die nach Gramada durchziehenden Krdzalien 
durchsciilugen aber vom Dache aus die Wölbung, warfen Bienenkörbe und 
brennende Heubündel hinab auf die dichtgedrängte Menge; die Flüchtenden 
wurden getötet, und die Kirche fiel der Zerstörungswut zum Opfer. 

Da entbrannte 1804 der serbische Freiheitskampf. Lange zog er sich hin, 
ohne dass Karadjordje ihn in die benachbarten Paschaliks tragen konnte. Erst im 
Jahre 1809 durften die allerorts siegreichen Aufständischen daran ernstlich 
denken, auch Nis zu nehmen. Den Oberbefehl erhielt Miloje Petrovic, unter 
ihm standen: Petar Dobrnjac, Haiduk Veijko, llija Barjaktarovic, Wojwoda Paulj, 
Miloje Becar und der Resavaer Knez Stevan Sindjelic. Die von Svrljig 
heranziehenden Serben errichteten NO. von der Festung zwischen Kamenica und 
Matijevac 6 Schanzen. Leider herrschte in Zwietracht ausartende Eifersucht 
unter den Anführern. Petar und Veijko verliessen ihre Stellungen und zogen 
gegen Gurgusovac (Knjazevac). So konnten sich die mittlerweile verstärkten 
Türken mit aller Macht auf Sindjelics schwache Abteilung in der Schanze auf 
dem mit Wein bepflanzten Hügel Cegr werfen. Ohne die erbetene Unterstützung 
gelassen, vermochte er nicht allein den ihn am 31. Mai mit grosser Übermacht 
angreifenden Türken zu widerstehen. Die Gräben des Bollwerks füllten sich 
mit den Leichen seiner Tapferen, und über diese weg drangen die Feinde in die 
Schanze. Sindjelic sah, dass er sie nicht halten könne, wollte aber eines 
serbischen Helden würdig enden und sprengte sich mit Freund und Feind in 
die Luft. Allgemeine Verwirrung ergriff nun die Serben in den anderen 
Belagerungswerken. Alles floh gegen Deligrad, verfolgt von den Siegern, die 
gegen 4000 Mann töteten. Diese unerwartete Niederlage zwang Karadjordje, 
sich von dem zernierten Novi Pazar zurückzuziehen. So brachte das Jahr 1809 
nicht jene Erfolge, die sein glücklicher Beginn versprach! 

Um der Rajah das Törichte ihrer auf Serbien gesetzten Hoffnungen 
dauernd zu vergegenwärtigen, schrieb der Pascha für seine Niser Ortschaften eine 
eigene Steuer aus, mit deren Ertrag aus den Schädeln von Sindjelics den Tod 
der Knechtschaft vorziehenden Serben die berüchtigte schauerliche Siegestrophäe 
„Cele Kula" (Schädelturm) südöstlich von Nis an der Konstantinopeler Strasse 
erbaut wurde (S. 181). 

Nicht ohne geheime Schadenfreude sahen die Griechen das Scheitern der 
grossserbischen Pläne; hatte ja schon viel früher (1798) der Fanariote Grivas 
den kühnen Gedanken der Befreiung der thrazisch-mazedonischen Länder und der 
Gründung eines griechischen Staates bis zur Adria propagiert. Zu Belgrad büsste 



Stadt und Festung Ni§. 145 

er die gewagten Schritte zur Verwirkliciiung seiner Idee mit dem Tode. Diese 
lebte jedocii fort, und als die Bukarester griecliisch-fanariotische Hetärie 1821 die 
Parole zur allgemeinen Erhebung ausgab, regte es sich auch in der trägen, dem 
griechischen Klerus ausgelieferten Bulgarenmasse, und namentlich in der durch 
Karadjordjes Kämpfe, aufgestachelten Niger Nahija. Der sie befehligende Hussein 
PaSa griff jedoch energisch ein, liess den Bischof Melentijc mit fünf Notabein 
wegen Hochverrats bei der Niser Brücke an den Galgen knüpfen und löschte 
damit den versuchten Aufstand im Entstehen aus. 

Nach der 1833 erfolgten Aufrichtung der serbischen Grenze am Jastrebac 
richteten die christlichen Bewohner des benachbarten Niser Kreises wiederholt 
an Fürst Milos die Bitte um ihre Einverleibung in sein Land. Tief erschütternd 
lauteten ihre Klagebriefe über die Unbilden, welche sie unter dem schwachsinnigen, 
energielosen Mulasim Salih Pasa von ihren Grundherren zu erdulden hatten. 
16 Ortschaften erhoben sich im Januar 1835. Der rasch erstickte Aufstand 
erneuerte sich im März. Bei Miljkovac (S. 134) kam es zu hartem Kampfe. 
Milo§ zeigte sich in seinen dem Abgesandten Avram Petronijevic mitgegebenen 
Briefen als treuer Vasall des Sultans, der dessen eingesetzten Autoritäten durchaus 
nicht nahetreten, sondern die Beschwichtigung der aufgeregten Rajah erleichtern 
wolle. Er bekundete wie immer in derartigen Schriftstücken') grosse Schlauheit, 
die es mit keinem der beiden Teile verderben wollte. Bevor Petronijevic noch Ni.g 
erreichte, waren die insurgierten Bezirke pazifiziert, das heisst gegen 100 Rajahs, 
darunter Knaben von 8 Jahren, waren getötet oder verwundet worden. In einem 
höchst charakteristischen Schlussbriefe vom 30. Dezember 1835 weist Milo§ die 
Pirodaner an ihren ebenso guten, wie gerechten Vali. Er macht sich erbötig, 
ihnen mit Rat zu dienen, aber nur in Angelegenheiten, die nicht des Sultans 
Macht widerstreben; am liebsten würde es ihm sein, sie mit dem neuen Ajan 
zufrieden zu sehen! 

Die Bitten um Befreiung mehrten sich wieder um 1840 unter Fürst Mihails 
erster Regierung. Es waren dieselben Klagen: unerträglicher Steuerdruck, Miss- 
handlung der Frauen und Mädchen, inigerechte Justiz usw. 1841 brach der 
Aufstand aber nicht allein im Niser, sondern gleichzeitig auch im Leskovacer, 
Piroter und Vranjaer Kreise aus. In den benachbarten serbischen Grenzkreisen 
steigerte sich die Sympathie für denselben zu werktätiger Hilfe, und Fürst Mihail 
sah sich zu einer abmahnenden Proklamation im Sinne der Politik seines Vaters 
genötigt. Etwa 3000 Aufständische warfen sich in das Dorf Curlina. Mustafa PaSa 
sammelte 9—10000 Mann, grossenteils beutelustige Albanesen, und schlug die 
schlechtbewaffneten Insurgenten. Auf dem Logorberge bei Eminova Kutina stritten 
lüüO Bewohner der nahen Täler gegen die Türken; die ihnen von der Selicevica 
in den Rücken fallenden Amanten zwangen sie jedoch zur Aufgabe ihrer festen 
Stellung. Als auch bei Leskovac das von Miloje und Gavra geführte Hauptkorps 
der Insurgenten besiegt war, erschoss sich der letztere'-), und wer nicht fiel oder 



') Mili(Jevid, Kraijevina Srbija, S. 37ff. 

Neugebauer, Beschreibung der Moldaumer Walachei, 1854. 

F. KANITZ. Serbien. II. 10 



146 Stadt iiiul Festung Ni§. 

Heiduck wurde, floh nach Serbien; darunter auch der Hauptführer Nil<ola Srndak 
aus Gornji Dusnik. Das wohlhabende Toponica und viele andere Dörfer wurden 
verbrannt. Der abgesandte Pfortenkornniissar Tefik Bey suchte dem Elend durch 
den Aufbau der zerstörten Orte auf Staatskosten abzuhelfen; auch einen Teil 
des geraubten Viehes mussten die Amanten zurückstellen. Doch nur wenige 
Flüchtige suchten die alten Wohnsitze wieder auf; die grössere Zahl siedelte 
sich im serbischen Timokgebiet an. 

Der unerwartet glückliche Ausgang des Krimkriegs für die Pforte hatte die 
Rajah des mächtigen Einflusses ihres nordischen Schützers beraubt. Die zu ihren 
Gunsten in den Pariser Vertrag aufgenommenen Punkte blieben meist ein toter 
Buchstabe. Die Bedrückungen blieben aber dieselben und schmerzten um so 
empfindlicher, als sich nicht allein die türkischen Beamten, die Corbadzi und 
Steuerpächter, sondern auch der meist aus Konstantinopel gesandte fanariotische 
hohe Klerus an diesen beteiligte. Dem erwähnten ideal angelegten, im Jahre 1821 
hingerichteten „mucenik" (Märtyrer) Melentije folgte auf dem Bischofsstuhle 
Danilo, dessen Charakter die Tatsache genügend kennzeichnet, dass er persönlich 
von Dorf zu Dorf zog, um die „dimnica" (Rauchfangsteuer) mit 100 Para von jedem 
Hause durch seine türkischen Panduren unnachsichtlich einzutreiben, und, als er 
des Geldes genug zusammengerafft, nach Oesterreich entfloh. — Ihm folgte der 
zu Koznica im Trner Kaza geborene Grigorije, unter dem das Niser Bistum mit 
den nördlichen Kreisen von Krusevac, Paracin, Banja und Aleksinac vergrössert 
wurde. Als diese Gebiete 1833 an Serbien fielen, lud Fürst Milos den Bischof 
ein, seinen Sitz dorthin zu verlegen; doch das angebotene fixe Jahresgehalt von 
1000 Dukaten erschien Grigorije zu gering — er blieb in Nis, wo er seinen 
materiellen Hang unkontrolliert und verbündet mit den türkischen Machthabern 
besser befriedigen konnte. In seinen Aufzeichnungen') berichtete er: dass die 
durch den Mönch Deda Viktor aus Konstantinopel eingeschleppte Pest auch Nis 
1838 furchtbar verheerte, dass der Vladika gemeinsam mit dem Pascha den 
Popen das Tragen geistlicher Kappen und den Mönchen die Anlegung des 
„Tendzerlije" nach Art des hl. Spiridions befahl, dass alle das Anathema traf, 
welche am Sonntag Waren feilboten, dass die Wochenmärkte auf die Montage 
verlegt wurden, und dass 1841, anlässlich des Bauernaufstandes, um Nis alle 
christlichen Orte verwüstet wurden. Grigorije starb 1842 und ward in der alten 
Hauptkirche, westlich vom Altare, begraben. — Populärer war sein Nachfolger 
Cir Benedikt 11. Er erwirkte, dass die Gebetstunden durch das Symantron 
verkündet werden durften. Die Türken imd Arnauten sträubten sich aber gegen 
diese ihr Machtgefühl verletzende Neuerung. Omer Pasa bestrebte sich, den 
Streit beizulegen; ein Jahr darauf (1844) ward Benedikt vom Patriarchen abberufen 
— weil er das Bulgarenvolk aufgewiegelt habe. Der auf seine Stelle entsandte 
Nikifor starb 1848 plötzlich zu Philippopel auf der Reise nach Konstantinopel. 
Ihm folgte Janikije, welcher, von dem der Rajah im Pariser Vertrage verliehenen 
Rechte Gebrauch machend, 1856 den Grundstein zur neuen Kathedrale legte. 



Milideviö, Kraljevina Srbija, S. 34 ff 



Stadt und Festung Ni§. 147 

Die über diese küiine Tat erbitterten Spahi vertrieben den Bischof, •■veil er die 
Christen zu „Herren" maclien wolle! Und doch war es derselbe Janii<ije, welcher 
den Bulgaren sagte: „Was sollen Euch bessere Schulen, sollen Euere Kinder 
ungläubige Ketzer werden? Grosse Kirchen zur Ehre Gottes sind die besten 
Schulen!" — Den Charakter und das Treiben desjanikije nachfolgenden Fanarioten 
Kalinikos, dessen gründliche Verachtung alles Bulgarentums ich 1860 persönlich 
kennen lernte, schilderte ich an anderem Orte. ') Der Zufall, dieser grosse Faktor 
im Leben und auf Reisen, Hess mich wenige Tage vor Kalinikos' Einzug in Ni.s 
dort eintreffen. Ich war, als ich es damals zum erstenmal besuchte, wohl nicht 
in eine Revolution mit Barrikaden und Pulverdampf hineingeraten, doch in eine, 
trotz ihres äusserlich weniger stürmischen Charakters, folgenschwere Bewegung. 
Ich trat in den Beginn des merkwürdigen Kampfes der Bulgaren gegen das 
Griechentum, welcher die geistige und politische Wiedergeburt eines Volkes 
bedeutete, dessen Totenschein von dilettantisierenden Touristen und selbst von 
zünftigen Politikern seit langer Zeit ausgestellt war. Auf Grundlage des Selbst- 
gesehenen und verlässlicher Mitteilungen suchte ich die wichtigen Vorgänge 
darzustellen, deren Zeuge zu sein mich eine glückliche Fügung bestimmt hatte. 
Trotz mancher mir bewusster Lücken und Mängel glaube ich, dass nur wenige 
es vermocht hätten, Ursachen, Gang und Verlauf dieser für die Entwickelung der 
orientalischen Frage hochbedeutsamen Episode unbefangener zu schildern, ich 
verweise auf die bezüglichen Kapitel des genannten Werkes. Der verhasste 
Bischof Kalinikos wurde schliesslich von seinen erbitterten Diözesanen verjagt, 
und an seine Stelle trat der zu Kalofer geborene Deda Viktor, ein länge zu Ni5 
lebender, der national-kirchlichen Bewegung sympathisch gesinnter bulgarischer 
Mönch vom Athosklosler Hilandar, als Verweser des Bistums. 

Im Hinblick auf die auch von aussen genährte, stetig wachsende Missstimmung 
der Bevölkerung des Niser Ejalets und die offenkundigen Vergrösserungsgelüste 
des angrenzenden Serbien wuchs die strategische Bedeutung der Niser Feste in 
den Augen der Pforte. Die starke Niser Position wehrte nicht allein den Serben 
das Vordringen gegen Lcskovac und Vranja, sondern hielt zugleich mit den 
kriegstüchtigen Albanesen dieser Gebiete die aufstandslustige Rajah im Schach. 
Andererseits bildete Nis mit seinen starken Vorwerken ein befestigtes Lager, aus 
dem die Türken, wie es oft im serbischen Unabhängigkeitskampf und in den 
Kriegen mit Österreich geschah, zu jeder Zeit leicht hervorbrechen konnten. 
Nichts vermochte sie auf ihrem Marsche längs der J^orava ernstlich aufzuhalten, 
denn die Kreise Aleksinac und Knjazevac boten wenig günstige Defensivpunkte. 
Diese Erwägungen mochten wahrscheinlich den russischen General Cernjajeff 
geleitet haben, als er 1876 mit dem Gros des Serbenheeres Nis den Türken 
entreissen wollte. Dazu war dieses aber viel zu schwach. Fürst Milans Feldherr 
hatte den gegenüberstehenden Feind unterschätzt, seine Macht nach zu vielen 
Seiten hin zersplittert und, wie wir sahen (S. 126), gelang es den Serben in jenem 
Feldzuge nicht, über Mramor südlicher vorzudringen. 



') Donau-Bulgarien und der Balkan. I. Auflage. 1. Bd. 1875. 

10* 



148 



Stadt und Festiinn; Nis. 



Besser standen die Aussichten im Winterfeldzuge 1877, als Fürst Milati, dem 
von Russland gegebenen Anstosse folgend, am 14. Dezember der Türkei erneut 
den Krieg erklärte. Nur wenige türkische Truppen hatten an der Drina und bei 
Novi Pazar eine Defensivstellung bezogen. Das von Beli-Markovic geführte 
ansehnliche Moravakorps wendete sich mit voller Wucht gegen das von 
5000 Streitern und über 100 Geschützen, darunter 26 Kruppkanonen, verteidigte 
Nis. Am 14. Dezember überschritt Oberst Lesjanin die Grenze bei Supovac 
und nahm die NW. von Nis liegenden Orte Secanica und Toponica ohne 
Widerstand; denn die Türken beschränkten sich von Beginn auf die Verteidigung 
des äusseren Festungsgürtels, namentlich der südlichen Gorica und des 200 m 
über der Fläche ansteigenden nördlichen Vinik. Am 15. Dezember bemächtigten 




Verschanziini; hei Nis. 



sich die Serben des vor dem letzteren liegenden Dorfes Kamenica und der 
wichtigen Position Camurl ija; der türkische Versuch, sie am 17. Dezember 
wieder zu erobern, blieb erfolglos. 

Am 18. Dezember kam Fürst Milan zu Pferde von Aleksinac nach Mramor, 
dessen Moravabrücke einige Erdwerke verteidigten. Am 21. Dezember fiel sie, und 
nachdem der Fürst am 20. und 23. Dezeinber die Stellungen bei Camurlija unter 
heftigem feindlichen Feuer eingehend besichtigt hatte, entsandte er noch am 
23. Dezember den Oberst Lesjanin an Halil Pasa mit der Aufforderung zur Übergabe 
der Festung. Nach erfolgter abschlägiger Antwort begann am 24. Dezember bei 
12" R. ein erstes wirkungsloses Bombardement der türkischen vorgeschobenen 
Positionen. Am 26. Dezember erschien Fürst Milan am Bubna und ordnete einige 
Bewegungen an, durch welche die Serben an Terrain gewannen. Am 25. und 
31. Dezember erfolgten missglückte türkische Ausfälle gegen die Positionen der 
Belagerer bei Komren und Brzi Brod, am 1. Januar auch gegen Capljinac. 



Stadt iiiul Festung Nis. 



!4!l 



Am 3. Januar wurde in den Weingärten 
bei Cur! i na, am 6. Januar um die Brüci<e 
bei Popovac, vom 4. bis 7. Januar um 
den Vucji Del, die Ostra Cuka und 
Siroi<a Päd Ina serbischerseits siegreich 
gekämpft. Die auf den letzteren Höhen 
rasch erbauten F^atterien griffen ungemein 
wirksam in die Aktion ein. Auch auf 
der südlich von Nis, etwa 150 m hoch 
ansteigenden, die Stadt dominierenden 
Gorica gewannen die Serben immer 
mehr Boden, und am 7. Januar fiel ihr 
Kronwerk, das Marko vo Kaie, derselbe 
Pimkt, auf dem die Österreicher ihre 
noch erkennbaren Angriffswerke gegen 
Nis errichtet hatten. 32 Geschütze wurden 
von den Serben in der ersten Januarwoche 
hier und an versciiiedencn F^unkten bis 
Curlina erbeutet. Nachdem auch die 
türkischen Werke auf der Mala und 
Vfilika Kamara von den tapferen Rud- 
nikern und Pozarevacern erstürmt worden 
und iiire Batterien von dort aus, vereint 
mit den anderen Positionen, am 9. Januar 
ein verheerendes Feuer auf die Zita- 
delle richteten, war der Mut ihrer stark 
geschmolzenen, nur Schritt für Schritt 
zurückgewichenen Verteidiger um so mehr 
gebrochen, als während derEinschliessung 
ringsum alle türkischen Städte bis auf 
Pristina und Philippopel, gleich dem 
starken Sofia, gefallen waren imd daher 
keine Aussicht auf Hilfe von aussen 
sich bot. 

Am folgenden Tage erschienen im 
Hauptquartier zu Bajir, zwischen Nis 
und Novo Selo, Mujurdar Mustafa Effendi 
und überbrachte dem Oberst Lesjanin 
die von dem Kommandanten Halil und 
dem Mulasim Rasid Pasa unterschriebene 
Kapitulation. Am 11. Januar besetzten 
die Serben die Zitadelle, und die tapfere 
Garnison zog nach Abgabe ihrer Waffen 
über Pirot nach Radomir und über 







m 



MW14 




150 Sudt und Festung Nis. 

Vranja oder Kursumlija nach Pristina. 384 venvundete und kranke Soldaten 
blieben in den Spitälern zurück. Erbeutet wurden an alten und neuen Waffen: 
267 Geschütze, 13050 Gewehre, 780 Revolver und grosse Mengen von Munition. 
Nis' Eroberung kostete den Serben an Toten: 6 Offiziere, 114 Soldaten; an 
Verwundeten: 26 Offiziere und 765 Soldaten. 

Am 15. Januar hielt Fürst Milan, jubelnd begrüsst von dem Klerus und dem 
Volke, seinen feierlichen Einzug in die von den Serben solange erstrebte Feste. Der 
Oberkommandant Beli-Markovic und die befehligenden Stabsoffiziere Lesjanin, 
Bucovic, Ivanovic, Topalovic, Oreskovic, Vasiljevic und viele Tapfere erhielten 
hohe Auszeichnungen; die Vinikschanzen : Komandir-, Zuav-, Anadol nizani- und 
Mithad Pasa-Tabia die Namen: Knez Mihailo, Knez Milan, Knez naslednik 
Aleksandar und Vojvoda Sindjelic. Den Manen des letzteren und der 1809 
gefallenen Serben weihte Fürst Milan eine weitere Huldigung, indem er sofort 
von Nis hinaus zur berüchtigten -Cele Kala' ritt und vor derselben betete. 



Den Türken erschien Nis' Umgebung so herrlich wie „serma cumis' (reines 
Silber). In Wahrheit ist die Lage der Stadt in 175 m Seehöhe, zwischen der 
Gorica und Vinik, im östlichen Winkel der bereits auf Seite 135 geschilderten 
grossen Dreiecksebene überraschend schön. Ostvvinde vom Balkan reinigen ihr 
W'eichbild und die weite Nisavaebene von mephitischen Dünsten; von NW. über 
den Jastrebac streichende Stürme gestalten aber den früh eintretenden Winter 
rauh, Kälte und Schnee dauern lang und die Temperatur sinkt oft auf 20—26* C^ 
während sie im Juli 28 — 35'-' C. erreicht 

Nis' administrative Bedeutung wechselte häufig und war selbst während 
der letzten Dezennien, bis es nach kurzer Selbständigkeit 1895 das Zentrum des 
grossen „Xiski okrug" wurde, eine sehr verschiedene. 1860 traf ich Nis als 
Paschasitz des gleichnamigen, aus den Bezirken und Kreisen Nis, Prokuplje, 
Kursumlija, Leskovac, Pirot und Berkovac gebildeten Ejalets. 1867 wurde dieses 
dem grossen Tuna-Vilajet einverleibt und von Ruscuk regiert 1868 fiel das 
Paschalik an das Ejalet Prizren, denn nicht das Bedürfnis, sondern der mehr 
oder minder grosse Einfluss der Gouverneure entschied die Zahl der ihnen 
zur Regierung oder richtiger zur Ausbeute unterordneten Distrikte. Für Nis war 
jedoch die zeitweise Einverleibung in die letzteren, durch Mithad Pasa regierten 
V'ilajets von wohltätigsten Folgen begleitet Vor 1867 war Nis eine alttürkische 
Stadt gleich ihrer grösseren 2^hl, solange das Wetter trocken und orientalischer 
Soimenschein das bunte Linien- und Farbengewirr ihrer tausend Bizarrerien mit 
transparenten Lichtem überzieht, den Europäer ebenso bestrickend, wie bei 
dauerndem Regen und im Winter zur Verzweiflung bringend. Auch Nis besass 
zahllose, prächtige, grüne Scheidewände von Haus zu Haus bildende Gärten, 
13 sein buntes Dachgewirr malerisch überragende Moscheen mit zierlichen 
weissen Minarettsäulen und lustig plätschernden Brunnen, sowie auch den .Ärmsten 
zugängliche Bäder. Zu den aber dem Fremden sofort sich fühlbar machenden 
Obelständen zählten: der absolute A\angel anständiger Herbergen, von Mietwagen 



Stndt iiiul Festung Nis. 



151 



und Strassenbeleuch- 

tung, das entsetzlich 
schlechte Pflaster, der 
unsagbare Schmutz 
ausserhalb derHäuser^ 
ihre schiefwinkeligen 
Fronten, die vielen 
unerwartet zur Um- 
kehr zwingenden Sack- 
gässchen usw. Etwas 
mehr Ordnung und 
leidlich gute Häuser 
zeigte nur das christ- 
liche Stadtviertel, in 
dem sich im Jahre 
1864 auch ein besserer Han etablierte. 

Mit besserem Willen als Erfolg 
griff Mithad Pa§a, der intelligenteste 
der letzten Niser Gouverneure, in dieses 
Chaos ererbter Übelstände ein. Einzelne 
aus seiner Initiative von 1862—1865 
hervorgegangene Bauten, wie die grosse 
Kaserne beim heutigen Bahnhofe, die 
Isla haue (Handwerkerschule), das Post- 
amt, die Stadtschule, das Haps hane 

(Gefängnis), die Hauptwache, dann der nette Stadtteil für die 1862 emigrierten 
Belgrader Moslims, vermochten aber den ungünstigen Totaleindruck wenig abzu- 
schwächen. Dankenswert erschien aber, schon der fortwährenden Feuersgefahr 
wegen, die auf des Paschas Befehl etwas gewalttätig durchgeführte Verbreiterung 
der Basarstrasse und die Beseitigung ihres an vielen Stellen dem Einstürze 
drohenden Bretterdaches, das längst nicht mehr Schutz gegen Sonne und Wetter 
gewährte. Auch einige festere Karaule bei den Durchlässen des die Stadt 
umschliessenden Erdwalles entstanden gleichfalls unter Mithad. Von den vielen 
Stadtvierteln waren die Stambol-, Sozina- und Leskovacka kapija, Arnaut pazar, 
Carkadzin Ciftlik und Palilula die besten. 

Die zur Türkenzeit in Nis wohnenden 8000 Moslims trieben nur wenig 
Handel; sie lebten grösstenteils von dem Ertrage ihrer Landgüter und von 
Gewerben, namentlich als Büchsenmacher, Messer- und Hufschmiede, Sattler, 
Bäcker usw. Der regste Verkehr herrschte in der „Pokrivena carsija" vor den 
nur durch einzelne Cafes, Garküchen, Barbierstuben und Brunnen unterbrochenen 
Läden mit denkbar buntestem Wareninhalt. Diese endlos sich dehnende enge 
Strasse führte zur vom nahen hässlichen Häusergerümpel vorteilhaft abstechenden 
Nisavabrücke, die der Ofener Kommandant Mehemed Pasa mit 65 m langer 
Holzbahn auf 3 freistehenden und 2 Landpfcilern im Jahre 1619 erbaute. Hart am 




Einzug des Fürsten Milan in Nis im J;ilirc' 1878. 



152 Stadt und Festung Nis. 

rcclitsuferiffen Brückenköpfe bewachten breitschulterige Asiaten in der malerischen 
Turkütracht das mit dieser übereinstimmende, maurisch anklingende und reich 
verzierte „Stambol kapija". Seine türkische Inschrift verkündete: „Der Kaiser, 
so mächtig wie Alexander, so berühmt wie Dareios, der erhabene Sultan Ahmed 
Khan (III.) usw. erbaute dieses Tor im Jahre 1132 (1783)". Auch das westliche 
Belgrader Tor erhält durch phantasiereich en relief skulptierte Tierbilder und 
Ornamente malerischen Reiz, das nördliche Vinik- und östliche Vidiner Tor zeigen 
schöne konstruktive Verhältnisse bei einfacher Dekorierung, ein fünftes, namenloses, 
neben dem Stambol kapu zur Nisava führendes, blieb ganz ohne Zier. 

Die Zitadelle war das einzige, dem Occidentalen imponierende Niser Bauwerk. 
Aber auch dieses erhielt seine planbewusste Ausgestaltung erst während der 
kurzen österreichischen Okkupation im Jahre 1737. Die etwas höher als die 
jenseitige Stadt liegende Feste bildet ein Polygon, von dessen 7 Hauptfronten 
1 Kronwerk und 5 Bastionen mit ungleichen Kurtinen vorspringen. Hohe, an 
manchen Stellen aber nur geringen Bewegungsraum bietende Wälle, starke, durch 
Schanzkörbe und Palisaden gesicherte Brustwehren, mit Quadersteinen verkleidete 
Eskarpe- und Kontereskarpemauern, tiefe, leicht unter Wasser zu setzende Gräben 
ohne Ravelins und ein bedeckter minierter Weg bildeten ihre Hauptwehr. Zu den 
von General Dochat im Jahre 1737 angelegten Verstärkungen zählen das westliche 
grosse Werk vor der Beogradska mahala, einige in gleicher Richtung erbaute 
Reduits für je 3 Geschütze, ein kaum in den Linien erhaltenes Hornwerk (tetc 
de pont) am rechtsuferigen Brückenkopfe und einige gemauerte Bastionen an der 
stark vernachlässigt gefundenen schwach profilierten Stadtumwallung. ') 

Der ausgedehnte Innenraum der Zitadelle war vollkommen überbaut. Um 
seinen Mittelpunkt, den rotgetünchten, weitläufigen, mit dem Haremlik des 
Gouverneurs verbundenen Verwaltungskonak für die Stadt und Provinz, gruppierten 
sich etwas chaotisch, dafür aber um so malerischer und allerorts von Grün 
durchwachsen, vier Moscheen mit Minaretts, einige Tulbas, der Uhrturm, eine 
Schule, das Telegraphenamt, mehrere Kasernen, das Arsenal, ein Spital, die 
Gefängnisse, Proviantbäckereien und eine in die Hunkiar- und Edirneh Mahala 
geteilte, ausschliesslich moslimische Niederlassung mit meist unansehnlichen Häusern 
für Offiziere, Beamte und Handwerker. Es waren zum grösseren Teile Holzbauten, 
und nur wenige militärische Gebäude machten den Eindruck grösserer Wider- 
standsfähigkeit. 

Bei meinem zweiten Besuche Nis' (1864) bestieg ich in Begleitung eines 
vom Muavin mir beigegebenen Causes den mit allerlei Tiergestalten geschmückten 
Uhrturm. Sein Obergeschoss bildete ein das grosse Niser Becken vollkommen 
übersehendes Observatorium. Als ich nach kurzer Orientierung mit der Peilung 
der es umrahmenden Gebirge beginnen wollte, pfiff es wie eine Kugel an mir 
vorbei; gleich darauf schlug ein Stein an die Rückwand, während von unten 
lautes Schreien ertönte. Da das Bombardement und der Lärm stärker wurde, 
ein Parlamentieren von der Höhe aber unmöglich, nnisste ich den Rückzug 



') Relation im k. und k. Kriegsarchiv in Wien. 



Stadt und Festung Niä. 



158 



antreten. Nach ihren Begriffen waren tue Leute im Rechte. Man i<ünnte näiiiHcii 
vom Turme in die Höfe der türl\ischen«Hausciieii blicken, in weichen sich Frauen 
und Kinder frei bewegten. Dieses Eindringen eines fremden Auges in ilir Heiligstes 
wollten aber die eifersüchtigen Muslims nicht dulden. 




MIthad Pasa und sein Sekretär Ciiician Effendi. 



Der Muavin entschuldigte den Vorfall und bewies mir seinen guten Willen 
durch die Einladung, in Gesellschaft eines Offiziers alle grösseren Bauten der 
Feste zu besichtigen. Es brachte wenig Gewinn. Selbst das kurz zuvor vollendete 
bescheidene Arsenal, dessen pomphafte Inschrift den regierenden Sultan Abdul 
Medzid als seinen Erbauer pries, gewährte kein besonderes architektonisches 



154 Stadt und Festung Nis. 

Interesse. Bei dem naticn, von Hajdar Celiaja errichteten Brunnen sali ich eine 
Tulba, welche die Gebeine einer durch Mire wunderbare Meki<afahrt berühmten 
Niser Jungfrau umschioss, und eine zweite, in der „Deruni baba" ruhte, deren 
Gebete von Allah stets erhört wurden. Als einst trotz aller Bitten der moslimischen, 
christlichen und jüdischen Priester eine furchtbare Trockenheit zu Nis nicht enden 
wollte, erwirkte Deruni den ersehnten Regen. Auch Kranke heilte sie mit ein- 
fachsten Mitteln. Drei Tage vor ihrem Tode kündigte sie diesen dem Gouverneur 
Mahmud Pasa Prizrenac an und befahl ihm, ihr eine Tckija und Tulba zu errichten. 
Es geschah, und fortan zündete man in beiden an Freitagen und am Bairam viele 
Kerzen an. Man sieht, dass auch die Moslims ganz merkwürdige Heilige besitzen. 

Weder der freundliche Muavin, noch der misstrauische Abdur Rahman Pasa, 
welchen ich im Jahre 1870 als Gouverneur in Nis traf, oder der 1876 dort 
kommandierende Sevket Pasa, der die Verteidigungsfähigkeit der Zitadelle durch 
vorgeschobene Redouten auf der Gorica und dem Vinik erhöhte und an die Stelle 
der von den Kaiserlichen zurückgelassenen Rohre, darunter meisterhafte Kunstgüsse 
mit Figuren, Wappen, Emblemen usw., und glatten türkischen Kanonen weittragende 
gezogene und schwere Kruppgeschütze treten Hess, ahnten wie ich selbst, welch 
gründliche Umwälzung aller Verhältnisse sich in kurzer Zeitspanne zu Nis voll- 
ziehen sollte. Denn wohl kaum in einer anderen Stadt des jungen Königreichs 
trat der Kampf zwischen Altem und Neuem in den ihm 1878 zuerkannten 
Gebietsteilen so sprechend hervor, wie in Nis. Erst seit 15 Jahren herrschte dort 
das christliche Regiment, und kaum mehr als ein Lustrum brauste die Lokomotive 
von Wien über Belgrad dahin, und schon hatte sich die Physiognomie der 
Stadt derartig geändert, dass ihr geschilderter orientalischer Zuschnitt vollständig 
verschwunden war. 

Es fiel mir schwer, das alte Nis zu erkennen, als ich nach 17 Jahren, am 
20. Oktober 1887, zwischen zwei Aussenforts und einer Reihe neuer Bauten über 
die eiserne Brücke in den Bahnhof fuhr. Staunte ich schon über dessen Stattlichkeit, 
so war ich noch angenehiner überrascht, dass vor seinem Portale viele Fiaker 
warteten, deren einer mich auf 22 m breiter, geradliniger Strasse, vorbei an dem 
brunnengeschmückten Arnaut Pazar-square, durch beleuchtete Strassen nach dem 
„Hotel Europe" brachte, in dem gleichfalls Gas brannte. Und noch gründlichere 
Veränderungen fand ich am nächsten Tage. Das war eine Stadtregulierung nach 
zarischem Muster im kategorischen imperativ. Ansehnliche Plätze und Strassen waren 
allerorts auf der Stelle der weggeräumten Moscheen, Minaretts und schieflinigen 
Gässchen entstanden. Überall sah ich europäische Wohnhäuser; doch keine 
Zinsburgen, sondern meist durch Terrakotten verzierte freundliche Hochparterres, 
mit Küchenanlagcn im Souterrain und kleinem Garten für den Eigentümer und 
manchmal für noch eine Partei. Die von der Bahneröffnung riesige materielle 
Erfolge erhoffende Unternehmungslust schuf auf den billig abgelösten türkischen 
Gründen nur allzuviel Häuser, Hotels, Cafes, Magazine usw., die nun allmählich zu 
Privatwohnungen, Amtern, Schulen usw. umgewandelt werden. Zur vielgepriesenen 
Zeit des Bahnbaues, welche viele fremde Unternehmer, Gewerbsleute und 
Spekulanten jeder Art nach Nis führte, verteuerten sich Mieten, Lebensmittel 



Stadt imtl Festung Ni§. 155 

und Löhne ganz unglaublich. Man zahlt jetzt für 3 Zimmer und Zubehör 
durchschnittlich 500 d Jahresmiete. Läden, die man vor 1878 für 50 bis 80 d, 
Häuschen von 40 bis 70 d mietete, kosteten 250 bis 800 d. Der Lohn für Diener 
stieg auf das vierfache, der Tagelohn von 60 bis 80 c auf 1.50 bis 2 d. Der 
Schweinepreis von 18 bis 22 d auf 45 bis liü d, ein Wagen Heu von 2 bis 3 d 
auf 8 bis 10 d usw. 

Gleich sehr überraschte mich die Metamorphose in der Ausstattung der 
Wohnungen und Läden. Nur Nis' berühmte Silberfiligranschniiede, seine Schuster 
und Schneider für den Bauernbedarf, einige Klempner, Glaser u. a. halten an der 
Vereinigung von Werkstätte mit Verkaufsraum fest. Sonst sind Magazine mit 
hübschen Portalen vorherrschend, in deren oft geschmackvoll arrangierten 
Schaufenstern meist occidentale Erzeugnisse ausgelegt sind. In vielen herrscht 
noch das Allerlei vor. Einzelne Kaufleute, wie die Brüder Popic oder Manojiovic, 
sind aber Yiur Grossisten in Manufakturwaren, Teppichen und Galanterieartikcln; 
andere führen ausschliesslich: Eisen, Porzellan, Glas, Papier, Leder, fertige Kleider, 
Schuhe, Reise-, Jagd-, optische Artikel. Man darf annehmen, dass drei Fünfteile 
dieser importierten Waren aus Oesterreich-Ungarn stammen und ein Drittel teuerer 
als dort verkauft werden. Wien liefert auch die hübschen eisernen Betten, von 
welchen mit Malereien ausgestattete 40 d kosten, Lampen aller Sorten, Apollokerzen 
zu 1.20 d per kg, die trotz der um 20 c wohlfeileren, in der Etikettierung 
nachgeahmten, schlechteren belgischen Fabrikate und den gleich billigen Pester 
Florakerzen sehr gesucht sind, ferner Kaffeesurrogate, Teigwaren usw. Aus Triest 
bezieht man Kaffee und Zucker, der hier 10 Kreuzer per kg teuerer als in Wien 
ist, aus Fiume viel Reisstärke, aus Pest grünliches Fensterglas, billige Möbel, 
Öfen und andere Waren in Eisenguss, neuestens auch Nägel, welche jenen aus 
Deutschland erhebliche Konkurrenz machen, das aber denn doch für eiserne 
Ketten, grosse Scheren, in Trops, kleinen Zuckerwaren, Tee usw. den Markt 
gleich sehr beherrscht, wie England in feineren Garnen, Russland und Rumänien 
für Petroleum, das unraffiniert mit 40 c per kg, raffiniert aber um 54 c, also 
um 10 Kreuzer teuerer als in Wien verkauft wird. Von den einheimischen 
Industrieartikeln sind die silbernen pittoresken Kopfbehänge zu 6 bis 8 d, reicherer 
Halsschmuck zu 30 d, Broschen zu 4 bis 6 d, Filandzeri von 4 bis 8 d, 
dann Bauernschürzen von 1 bis 4 d, Strümpfe von 1 bis 2 d, noch immer 
stark begehrt. 

Auf dem Wege durch die Carsija (Basarstrasse) tritt uns in ihrer Staffage 
der seit 1878 vollzogene Szenenwechsel am auffallendsten entgegen. Obschon 
viele Niser bis heute ihr dem moslimischen nachgebildetes abgeschlossenes 
Familienleben bewahrten, haben die mit der serbischen Besitznahme eingezogenen 
Militärs, Beamten, Ingenieure, Ärzte, Bauunternehmer und auch die Vizekonsuln, 
welche Oesterreich-Ungarn, Deutschland, England, Frankreich und Italien hier 
unterhalten, dem Strassenleben einen mehr occidentalen Charakter aufgedrückt. 
Noch iiTiiner ist dasselbe bunt; doch lange nicht so anziehend wie in türkischer 
Zeit. Vor den Cafes fehlen die behaglich aus Cibuk und Nargileh schmauchenden 
Türken, vor den Läden die glutäugigen verschleierten Frauen, die wie stets 



156 Stadt und Festung Nis. 

Geheimnisvolles unsere Neugierde beschäftigen. Wir vermissen die gravitätischen 
Effendis mit ihrem Dienertross, die schreienden Telials, ambulanten weissbebartcten 
Krämer, die befesten ') Nizams, stolzen Tscherkessen und Arnauten, die Almosen 
heischenden Bettler, Derwische und andere mosliniische Typen. Es fehlen die 
meist mit den Paschas auf Teilung des Raubes arbeitenden, die Rajah im Medzlis 
vertretenden Corbadzi in ihrer nun ausgestorbenen orientalischen Tracht; nur jene 
der Bauern änderte sich wenig, namentlich fiel mir die kleidsame nach Nis 
Übersiedeiter Montenegriner auf, unter diesen der halb europäisch gekleidete 
Wojwode Piletic mit scharf geschnittenem Kopfe und martialischer Haltung. Der 
Staat gab ihm eine bescheidene Pension und seinen Söhnen kleine Anstellungen. 
Sporadisch tauchen in den Cafes einzelne türkische Dandys mit dem modernen 
spitzen Fes auf, meist Söhne oder Verwandte der emigrierten türkischen Ciftlik- 
bcsitzer, welche die Ablösung ihrer Immobilien bei Behörden und Privaten 
betreiben oder Pachtzinse von solchen einkassieren. Vom grossen ßade in der 
Pirotska ulica bezieht beispielsweise die reiche, in Konstantinopel lebende Witwe 
Sükrije des Orossgrundbesitzers Salim Begovic als jährlichen Pacht 200 Dukaten. 
Im Jahre 1888 liess sie den zwei Kuppelräume für Frauen und Männer und ein 
Jevrejski-Bassin umfassenden Bau durch eine geräumige Vorhalle vergrössern. 
Die schönen Tage, in welchen dieses Bad den beliebte'Sten Sammelpunkt für die 
mosliniische Niser Damenwelt bildete, kehren aber nicht mehr wieder. 

Die billigen Wiener Modewaren haben die orientalische Tracht beinahe 
gänzlich verdrängt. Nur äusserst selten sieht man ältere christliche Frauen in 
bis zu den Fussknöcheln geschlossenen bauschigen salvare; solche tragen nur 
die immer noch zahlreichen Zigeunerinnen. Konservativer blieben die Bauern. 
Ihre bunten Kostüme bringen Farbe in das Strassentreiben. Namentlich ist die 
Tracht der Mädchen und Frauen aus dem nahen Jelasnicn ebenso reich wie 
geschmackvoll. Den Mäiuiern leiht das über die Kappe geschlungene weisse 
Kopftuch einen eigentümlichen Reiz. Sehr bequem kann man den nach Bezirken 
verschiedenen Tracht- und Schmuckzusclinitt an samstäglichen Wochenmärkten 
studieren, wenn die ländlichen Verkäufer auf den Plätzen, in der Carsija, auf 
Wagen und mit Lastpferden die Strassen durchziehend, ihre Waren feilbieten. 
Zur Türkenzeit besorgten die Männer alle Einkäufe für die Küche; sah man eine 
feilschende Frau, so war es sicher eine Ausländerin. Nun geht aber auch die 
serbische Frau mit ihrem Dienstmädchen auf den Markt, denn seit 1878 wich 
die orientalische Anschauung der occidentalen auch in diesem Punkte. 

Als ich im Sommer 1860 den reichsten Niser Kaufmann Nikola Cohadzi 
besuchte, küssten mir die im bunten cincarischen Staate den Kaffee kredenzenden 
Frauen der Reihe nach mit tiefen Bücklingen die Hand. Heute ist dies anders. 
Die Befreiung der Frau von der angenommenen türkischen Absperrung und Sitte 
verrät nicht allein deren Erscheinen in möglichst reichen und modernen Toiletten 
auf der Strasse, sondern mehr noch ihre Teilnahme an Militärkonzerten, Sing- 
produktionen, Bällen, in den Cafes und öffentlichen Gärten, zu welchen nun bald 



') Fes ist die Kopfbedeckung der türkischen Soldaten (Nizams). 



Stadt und Festung Nis. 157 

regelmässige Vorstellungen in einem 1901 geplanten, vom Staate subventionierten 
Theater hinzutreten sollen. 

Der meist in entlegenen Gassen wohnenden, ziemlich stark vertretenen 
Halbwelt ist, und dies verdiente auch bei uns Nachahmung, der Besuch derartiger 
Lokalitäten streng untersagt. Die grösstenteils aus dem Auslande sich rekrutierende 
Prostitution, zu welcher auch alle in den Gasthöfen dienenden Mädchen gerechnet 
werden, besitzt in Serbien geringe Freiheit und steht unter der strengen Aufsicht 
der Kreisärzte, deren Einkommen sie bedeutend vergrössert. Nis gewann in 
dem von mir empfohlenen, zu Wien gebildeten Dr. Mladen Grujic einen 
ausgezeichneten Kommunalarzt. Auch andere tüchtige Doktoren finden dort in 
der Privatpraxis lohnende Beschäftigung. So hat sich dort die Hygiene nach der 
serbischen Besitznahme zum Besseren gewendet; denn 1860 traf ich zu Ni§ nur 
den griechischen Arzt Mileriadis, der ein gleich zweifelhaftes Diplom besass, wie 
sein ebenfalls in der Stadt praktizierender militärischer Kollege Zachariae, welcher 
die ihm mit Entlassung drohenden Vorwürfe seines Obersten über das seltene 
Genesen seiner erkrankten Soldaten durch Geschenke von Pferden usw. stets 
zu beschwichtigen verstand und dabei zu zwei stattlichen Häusern kam. Diese 
Herren lieferten den Privatpatienten ihre problematischen Heilmittel, weil es nur 
eine Feldapotheke in der Feste gab, zu ungeheueren Preisen, während Nis 
gegenwärtig drei wohlausgestattete Offizinen besitzt. 

Noch merkwürdiger erschien mir der politisch-geistige Umschwung. Unter 
dem türkischen Regimente war das Niser öffentliche Leben gleich Null. Nun ist 
dieses in unglaublicher Weise entwickelt und in Parteien mit eigenen Journalen 
organisiert, die sich leider nur allzu sehr befehden. Nis' Deputierte spielen eine 
hervorragende Rolle in der früher (S. 160) abwechselnd dort und in Belgrad 
tagenden Skupstina. Auch Kongresse aller Art wählen die freundliche Stadt 
zum Versammlungsort. So 1888 der durch König Milan eröffnete erste Weinbau- 
Kongress, 1889 eine vom Metropoliten Mihail präsidierte, von 200 Klerikern 
besuchte Synode für geistliche Reformen, der andere folgten. Namentlich strebte 
Niä auch, was die Jugendbildung betrifft, den Titel „Serbiens zweite Hauptstadt" 
zu verdienen. Zu dem schon 1879 eröffneten Gymnasium, jetzt mit 24 Professoren, 
447 Schülern und nahezu 95000 d Kostenaufwand, kamen 1882 ein Lehrerseminar'), 
1894 eine höhere Mädchenschule. Für den niederen Unterricht sorgen (1895) 
3 Volksschulen für Knaben mit 23 Lehrern und 1678 Schülern, eine Mädchen- 
schule mit 12 Lehrerinnen und 891 Schülerinnen, ferner eine jüdische und 
türkische Schule. 

Auch in wirtschaftlicher Beziehung machte Nis bedeutende Fortschritte. Es 
entstanden vier, meist auf dem Gegenseitigkeitsprinzip beruhende, Handels-, Spar- 
und Kreditvereine, beim Bahnhofe eine technische Werkstätte für die Erhaltung des 
rollenden Materials und neben den nahen staatlichen Salzdepots eine militärische 
Dampfmühle; ferner eine Spiritus-Raffinerie mit grosser Kellerei der Brüder 



') Es siedelte 1897 nach Aleksinac über. 1905 hatte es 14 Professoren, 116 Hörer 
und kostete dem Staate 44555 d. 



158 Stadt und Festung Ni§. 

Tutunovic, welche in letzter Zeit auch die trefflichen Niger Weine auf dem 
deutschen Marl<te einzubürgern versuchten. Am Fusse der Gorica gründete der 
Alei<sinacer Brauer Appei hart am Schienenstrange eine sehr günstig liegende 
Bierbrauerei mit Halle, in welcher die Niser sich immer meiir mit dem Gambrinus- 
kult befreunden. Von den vielen Ziegeleien in Nis' Umgebung kann die grösste 
Simicsche Ringofenanlage jährlich 5 Mill. Ziegel erzeugen und lieferte 1886 
nahezu 3 Millionen. Beim nördlichen Medosevac entstand durch ausländisches 
Kapital eine Kunstmühle mit Turbine und eisernem Wehr, geliefert von Ganz & Co. 
in Budapest, und 1896 kam endlich die grosse Schweineschlächterei zustande, 
welcher der Staat grosse Erleichterungen gewährte (111. Bd., Kap. X). 

Im allgemeinen steigerte sich aber Nis' Verkehr nicht in dem dort und im 
Auslande von der Bahneröffnung erhofften Masse, und auch der Zuwachs beruht 
leider nicht immer auf solider Basis. Grosses Aufsehen erregte das im Mai 1896 
erfolgte Fallissement der angesehenen Firma Djordje Nesic mit 250000 d; lange 
zuvor stellten zahlreiche kapitalsarme Kaufleute ihre Zahlungen ein, welche durch 
provisionslüsterne „Reisende" unverdienten Kredit erhielten und bald Ausgleiche 
zu 40",'o und darunter ansuchten. Allein 1889 zählte man in Nis 120 derartige 
den Ruf des Platzes schwer schädigende Konkurse. 

Die Regierung tut viel, um Nis' Verbindung mit dem Umlande zu fördern. 
Sie verbesserte die nach Aleksinac, Supovac, Gramada und in das JeJasnicatal 
führenden Strassen und beschäftigt sich seit 1890 ernsthaft mit Studien für eine 
Nis-Timok-Donaubahn nach Rumänien. Auch eine Herabsetzung der Frachttarife 
nach Belgrad und Salonik muss erfolgen, wenn Nis' Handel sich heben soll. 
Für den nach meiner eigenen Erfahrung trefflich geregelten Post- und Telegraphen- 
verkehr soll demnächst ein neues Gebäude errichtet werden, weil das freundlich 
aussehende, aber ganz unsolid gebaute türkische Postamt dem Einstürze nahe ist. 
So verfallen sämtliche durch Mithads Energie geschaffenen Bauten, bis auf seine 
trefflichen Strassen, allmählich dem demolierenden Spaten. 

Den grössten Teil seines raschen occidentalischen Zuschnittes dankt Ni§ 
zweifellos dem 1897 leider früh verstorbenen energischen Beamten Petar Bozovic, 
unter dessen zweimaliger Kmetenschaft das meiste für die Umgestaltung des 
türkischen Chaos geschah. Selbstverständlich konnte sich die durchgreifende 
Stadtregulierung nicht ohne vielfache Störung privater Interessen, ohne Streit und 
Anfeindung der beteiligten Exekutivorgane vollziehen. Kreisingenieur Franja Bartos, 
der wesentlich in das Werk eingriff, erzählte mir viele ernste und komische 
Episoden, wie sie auch anderwärts derartige Umwälzungen begleiten. Die oft 
3 m hohen Anschüttungen zur Herstellung des Strassenniveaus entwerteten viele 
dadurch in die Tiefe versetzte Häuschen und zwang deren Besitzer, welchen das 
Gesetz überdies die Pflasterung des Trottoirs und halben Fahrwegs auferlegt, 
zu deren unfreiwilligem Verkauf oder Neubau. 

Der vom Ingenieur Ivan Kozlic geschickt entworfene Regulierungsplan macht 
die Festungsbrücke zum Zentrum, von dem HauptverkehrsHnien zur 24 m breiten 
Ring- und noch breiteren Gürtelstrasse laufen. Andere Brücken sollen diese 
Boulevards mit den an die Feste schliessenden Vierteln verbinden. Bei den 



Stadt und Festung Niä. 



159 



notwendigen Expropriationen durch eine vom Nacelnik ernannte fünfgliederige 
Kommission stiegen die Ansprüche oft ins Unglaubliche. Beispielsweise sah ich 
1889 am linksuferigen Brückenköpfe eine alte Mühle als Oase inmitten der 
ringsum vollendeten Regulierung, die längst verschwunden, hätte man nicht als 
Ablösungspreis 6000 Dukaten gefordert. Hässlicher als die berühmte Potsdamer 
Mühle, stört das malerische Gerumpel den Kindruck der durch einen hohen 
Schutzdamm gesicherten neuen Parkanlage und des nahen seit 1894 wieder 
belebten Konigskonaks. Sein für den Hofstaat bestimmter moderner Zubau ist 
nett, interessierte mich aber weniger als der ältere Teil mit echt türkischem Bade, 
der so recht den grossen Umschwung zu Niä seit 1878 illustriert. 

Der „Kraljev dvor" ist die Type eines komfortablen moslimischen Edelsitzes. 
Niemand Geringerer als der 1805 gegen Karadjordje entsandte, später mit Miloä 




Kraljev dvor zu NiÄ. 



in Bruderbund getretene Hafis Pasa erbaute ihn; rote Inschriften auf grünem 
Grunde erinnern daran. Sein imponierendster Teil ist das von zehn Doppelsäuleri 
aus Eichenholz getragene grosse Parterregeschoss. Auf diesem ruht ein die 
Wohnräume enthaltendes Stockwerk mit zwei kurzen Flügeln. Der zur Nisava 
vorspringende „Doksat" gewährt einen herrlichen Blick auf die von prächtiger 
Landschaft umrahmte Zitadelle, und auf dem luftigen „Teferidz" atmet man die 
köstlichen Wohlgerüche der Pflanzenbeete und exotischen Bäume des in türkischem 
Stile angelegten Gartens. Im Zentrum seiner lauschigen Gänge steht die von 
einer Riesenweide und breitblätterigen Katalpa beschattete Kopie des berühmten 
„Sadrvan" im Perlenkiosk des Sultanserails zu Konstantinopel. Es ist ein 
kunstreicher weissmarmorner Springbrunnen mit maurischen Tcmpelchen und 
skulptiertem Getier von ausserordentlichem Reiz, dessen aus vielen Rührchen 
springende Wasser des Paschas Odalisken ergötzten. Der Konak ging von Hafis 
auf Mohamed Paäa über, und als das serbische Hauptquartier sich 1878 in 
demselben etablierte, war Becir Beg sein Besitzer. Der herabgekommene Enkel 



160 Stadt und Festung Nis. 

des Erbauers liess das Gebäude so verfallen, dass es kaum einen bewohnbaren 
Raum enthielt; der Sturm heulte durch zerbrochene Scheiben, und Schneeflocken 
wirbelten auf ungedielle Estriche nieder, nur die Eichensäulen hielten tapfer Stand. 
Trotzdem weigerte sich der verarmte, aber stolze Beg, den Hof an Milan abzutreten; 
er tötete sich später in Konstantinopel wegen zerrütteter Vermögensverhältnisse. 
Sein Sohn Musta Beg akzeptierte endlich den ihm angebotenen Kaufpreis, der 
ihn befähigte, sich im rechtgläubigen Asien anzusiedeln. Das ganz wohnlich 
hergerichtete Haus wurde bald König Milans Lieblingsresidenz; vom Doksat 
sprach er bei wiederholten Anlässen zum Volke. Auch Königin Natalie, welche Nis 
mit dem Thronfolger am 23. November 1878 zum erstenmal besuchte, weilte dort 
gern. Namentlich zeigen ihre Gemächer erlesenen Geschmack. Orientalische, 
reich geschnitzte Plafonds und Dolabs (Wandschränke), Smyrnaer Teppiche und 
stilgerechte Pariser Möbel vereinigen sich zu harmonischer Wirkung. — Im Januar 
1901 bezog ihre Nachfolgerin Draga dieselben Räume anlässlich der vom König 
Alexander feierlich eröffneten Skupstina, deren Sympathien sie als liebenswürdige 
Hausfrau, gleich jenen des sich ihr am 13. Januar dort vorstellenden Bulgaren- 
fürsten Ferdinand rasch gewann. Die offene Gegnerschaft des Königs zur 
liberalen Partei sollte bald darauf (Juli 1901) Nis empfinden, das ihren Führer 
Avakumovic gegen des Königs Willen für die Skupstina kandidiert hatte. Der 
Bürgermeister Besevic wurde abgesetzt und auch mit der Zurückziehung der 
Garnison gedroht, falls man ihn wähle, wogegen jedoch mit Berufung auf die 
verfassungsmässig gewährleistete Wahlfreiheit protestiert wurde. 

Von des Konaks orientalischer Zeltarchitektur sticht scharf ab der jenseits 
aufragende 1889 vollendete Kreisamtspalast durch seine abendländische Bauweise. 
Wir gelangen zu ihm über die auf Milans Befehl verbreiterte Brücke. Diese 
Renovation verkündet ein Pfeilerstein, welcher in der oberen Hälfte die frühere 
türkische Inschrift treu kopiert und serbisch weiter sagt: dass sie nach Ni§' 
Eroberung am 28. Dezember 1877 erfolgte. Nahe trugen Sträflinge den bedeutungs- 
losen Vorwall der Feste zur Hebung des Ufers und Verbreiterung der Strasse ab, 
die, vorbei am Österreich-ungarischen Konsulate, zum Nacelstvo führt. Dieser 
durch säulengezierte Mittel- und turmartige Eckrisalite monumental gestaltete, 
250000 d kostende Prachtbau vereinigt sämtliche Abteilungen jeder serbischen 
Präfektur: das Finanz-, Polizei-, Bau- und Sanitätsamt, die staatliche Sparkasse 
und die Gefängnisse. Die Innenräume, namentlich der grosse Sitzungs- und 
Gerichtssaal, sind luxuriös ausgestattet; die reichdekorierten eisernen Öfen und 
bunten Estrichplatten kamen aus Deutschland. Selbst die Gefängniszellen sind 
licht und human eingerichtet. Die Kosten für das Nacelstvo und den entlang 
seiner Hauptfront angelegten Kai wurden durch die Umlage von 32,5 d auf 
jeden der 32000 Steuerzahler des Kreises gedeckt. Kurz vor 1878 zerfiel der 
Niser Kreis in drei, seit 1879 in die vier Bezirke: Niski, Zaplanjski, Vlasotinacki 
und Leskovacki srez; ein Skupstinabeschluss von 1890 teilte diese aber den 
Kreisen Pirot und Toplica (Prokuplje) zu und erhob Nis zur zweiten autonomen 
Hauptstadt des Landes.') 



■) Seit 1896 ist Nis wieder die Zentralstelle der Niäer Kreisbehörden. 



Stadt und Festung Nis. 



\CA 



Obschon eine Pontonbrücke das nordwestliche Viertel mit der neuen 
Präfektur verbindet, klagen seine Bewohner, dass sie zu weit weg vom Geschäfts- 
verkehr in der ärmlichen „Beogradska mahala" erbaut wurde, in Walirheit sieht 
man dort zwischen den primitiven Einkehrhöfen „Zur Stadt Ofen" u. a. nur die 
weissgetünchten Häuschen der zurückgebliebenen ärmsten Türkenfamilien. Bald 
dürften aber auch diese zum Wanderstab greifen, und dann wird der Hodza die 
letzte bescheidene Moschee sperren, in welcher man zu Nis Allahs Macht und 
Gerechtigkeit pries. Im Jahre 1887 sagte mir der Niser Nacelnik Kosta Pavlovic, 
dem nach Nis' Eroberung die schwierige Aufgabe zufiel, den Exodus der Moslims 
über die Grenze zu fördern: Herr, Sie könnten leicht ein besonderes Buch 




Niscr KrL'isaitit. 



schreiben über die tragischen Szenen beim Abschiede der Türken und Amanten 
von dem langbesessenen Boden! Denn nur wenigen gelang es, ihren Besitz 
gleich zu veräussern, und wo ich mit den mir zu Gebote stehenden bescheidenen 
Mitteln das Elend ein wenig lindern konnte, waren die Armen so dankbar! Eine 
Türkin brachte mir ein Stück wohlriechende Seife. „Gib es Deiner Frau; es ist 
das einzige, was mein gefallener Mann mir Schenkenswertes zurückliess!" — 
Wieviel Menschenelend erzählt schon diese eine Episode! 

Die Stimmen der türkischen Gebetrufer sind verstummt, aus der nordöstlich 
der Zitadelle wiedererstandenen Kirche „Sv. Panteiejmon" tönt aber leiser Glocken- 
klang herüber. Vorbei an zwei neuen Kasernen wanderte ich durch das kleine 
Viertel „Jagodin -mahala" zu ihr hinaus. Die das Kirchlein umrahmende grüne 
Oase mit lauschigen Plätzchen ist schon ihres im Niser Umkreise seltenen, einem 
Brunnen mit drei Rohren entsprudelnden kristallklaren Quells wegen ein Lieblings- 
ausflug der Städter. Wahrscheinlich stiftete deshalb dort Stevan, der Ahnherr 

F. KANITZ, Serbien. U. H 



162 Stadt und Festung Nis. 

der Nemanjiden, nachdem er Nis um 1185 den Byzantinern entrissen, ein Kloster. 
Nun stellt dort die auf Kosten zweier Bürger mit einem Säulenumgang am 
8. August 1878 vollendete Kirche, für welche der Raum gleich am ersten Mari<ustage 
nach Nis' Eroberung geweiht wurde. Bei dieser bedeutungsvollen Feier erscholl zum 
erstenmal die vom Uhrturme der Zitadelle hierher übertragene Glocke. Als mich 
14 Jahre zuvor die türkischen Steinwürfe aus seinem obersten Geschosse vertrieben, 
hätte ich da denken können, dass seine eherne Stimme sobald die von den 
Moslims so verachtete Rajah zum Gebete rufen werde? — Viel erlebt, wer lang lebt. 

Zu Nis' beachtenswerten Denkmalen in den linksuferigen, weit ausgedehnten 
Mahalas zählt seine 1819 den hl. Erzengeln Mihail und Gavriio geweihte „Stara 
crkva" (alte Kirche). Sie steht vielleicht auf der Stelle jener Kirche, aus welcher 
die Ungarn, nachdem sie 1072 Nis erobert, von dem in ihr bestatteten hl. Prokopios 
eine Hand abtrennten und nach dem sirmischen Mitrovica brachten. Man erzählt, 
dass der siegreiche Griechenkaiser Manuel die zurückgeholte Reliquie dem 
hl. Leibe wieder anfügen Hess, und dass dieser vor Nis' erster Türkenbelagerung 
nach der heute noch fraglichen Nachbarstadt Koprian geflüchtet wurde (X. Kap.). 
Der hl. Prokopios gilt namentlich als Schützer der Jugend, dessen Namenstag 
nach Vuk auch die Türken feiern, weil einem den Heiligen schmähenden Moslim 
die Kinder plotzlicii wegstarben.') Der überreiche Aufwand von vergoldetem 
Schnitzwerk und Malereien, mit dem Bischof Grigorije 1837 diese Kirche restaurierte, 
ist nicht imstande, ihre architektonische Wertlosigkeit zu decken. Immerhin erinnert 
sie die Niser an lange Jahrhunderte, während welcher ihre Vorfahren ähnlich wie 
die ersten Christen ihr Gebet in Krypten unauffällig verrichteten; selbst den 
Gebrauch der „Klepala" (Symantra) erhielt Bischof Benedikt für diese Kirche 
erst 1843 zugestanden. 

Der Pariser Vertrag von 1856 riss aber eine gewaltige Bresche in die 
Vorrechte der sie beherrschenden Moslims zugunsten der türkischen Christenheit. 
Diese benutzte die ihr gewährleisteten neuen Rechte in erster Linie zum Bau 
prächtiger Gotteshäuser. Die Niser begannen 1856 eine Kathedrale, welche das 
gesamte Gemeindevermögen verschlang. Die höchst interessanten religiös-politischen 
Verhältnisse, unter welchen sie entstand, insbesondere die widerstreitenden 
Einflüsse, welche sich damals türkischerseits und vom fanariotischen Klerus im 
beginnenden Geistesleben der Rajah geltend machten, schilderte ich an anderer 
Stelle.-) Die Kirche ist ein Werk jenes begabten cincarischen Meisters Andrija 
Damjanov aus Veles, der auch die neue Smederevoer schuf. Sie blieb lange 
unvollendet und wurde erst am 25. Februar 1878 mit grossem Pompe geweiht. Über 
den architektonischen Wert beider Monumente werde ich meine ausgesprochene 
Ansicht ■) im letzten Kapitel des 111. Bandes weiter ausführen. 

Im ganzen würde der durch 6 Säulen dreischiffig geteilte, tonnengewölbte 
Innenraum mit der Zentralkuppel und vier kleineren auf den Flügelenden günstig 



') Rjecnik, S. 607. 

-) Donau-Bulgarien und der Balkan. I. Auflage. I. Bd., S. 126 ff. 
') Über alt- und neuserbische Kirchenbaukunst. Sitzungsber. d. k. Akad. d. Wiss. 
Wien 1864. 



Stadt und Festung Niä. Ifi.S 

wirken, ohne die naiie dem Eingange wohl küiiii angelegten, aber störenden 
Freistiegen zum vergitterten Frauenchor. Die Ausstattung ist grösstenteils eine 
provisorische. So die von hohem Holzkreuze überragte Ikonostasis, deren 
mittelmässige Bilder bald neue ersetzen sollen. Der für den König bestimmte 
frühere hohe Bischofsthron, zwei kleinere für die Königin und den Thronfolger, 
ein anderer für den Vladika, die um die linke Mittelsäule in zwei Spiralen auf- 
steigende Kanzel mit von einem Adler getragenem Buchpulte gereichen der 
heimischen Holzschnitzkunst zur vollen Ehre. Die aus ganz schlechtem Material 
hergestellten Säulenkapitäle sind aber unverstandene Nachahmungen des römischen 
Kapitals von Gradiste, das ich 1860 im Bauhofe der Kirche sah, und von den 
gleichfalls unsoliden überkalkten gezimmerten Gewölben hängen ein grosser 
böhmischer Kristallüster und kleinere herab. Zwei geschnitzte Buden für den 
Kerzenverkauf und ein eiserner Kassenschrank von Fleischer in Wien vervoll- 
ständigen das spärliche Inventar. Auf der rechtsseitigen Galerie erbaute König Milan 
im Jahre 1878 eine dem hl. Simeon (Nemanja) geweihte, von ihm gern besuchte 
Kapelle; Königin Natalie stiftete für dieselbe eine zierliche Ikonostasis, auf welcher 
links der hl. Sava erscheint. Die Hauptkuppel ist mit einem Christusbilde, die 
Pendentifs mit den vier Evangelisten geschmückt. 

Rechts vom Haupteingange befindet sich das kleine Marmordenkmal mit 
photographischem Bildnis und vorhängender Silberlampe, welches Radojko 
J. Popovic seinem am 19. März 1884 verblichenen Bruder Nestor widmete. Er, 
aus Sume im Kragujevacer Kreise stammend, früher Direktor des Belgrader 
Priesterseminars, ersetzte 1883 den erwähnten Bulgaren Deda Viktor auf dem 
NiSer Stuhle, weil er die Serbisierung seines bulgarischen Klerus nicht energisch 
genug betrieb, nach anderer Meinung, weil er das antikanonische Vorgehen des 
Ministeriums gegen den Metropoliten Mihail (1883) nicht billigte. Er lebte zuletzt 
still zurückgezogen in Belgrad, wo er 1888 starb. 

Während des 1883 eingetretenen Provisoriums im Niser Bistum, welches 
damals das gesamte 1878 gewonnene Gebiet umfasste, während früher auch Pirot 
Sitz eines hischiHlichen Sprengeis war, fungierte dort als Bischof-Stellvertreter der 
Konsistorialrat Sava, ehemals Iguman des berühmten altserbischen Klosters Decani, 
welcher mit allen Kräften dessen baldigste Einverleibung in seine neue Heimat 
anstrebte und sich an den Ovationen für den in gleicher Richtung tätigen russischen 
Generalkonsul Jastreboff 1889 hervorragend zu Nis beteiligte. Sava zeigte mir 
alles Sehenswerte der „Saborna crkva". Definitiv folgte auf dem Niser Stuhle 
der als treuer Anhänger des Metropoliten Mihail mit diesem zugleich aus 
dem Exil zurückgekehrte und von ihm 1889 geweihte Bischof Jeronim, der 
an den Folgen einer Operation im Salzburger St. Johannspital 1894 verschied. 
Vielleicht als letzten begleitete das aus einer grossen Glocke und vier kleineren 
bestehende Geläute den am 13. August 1894 in die Kathedrale einziehenden 
Bischof inokentije; denn obschon notdürftig renoviert, zeigt sie wie 1887 
durch die primitive Bauweise verursachte bedenkliche Schäden, welche schon 
damals den Ingenieur Bartos ihre Sperrung beantragen liessen. Und gleiches 
Schicksal droht der nebenan stehenden, auf Mithad Pasas Anregung gleichfalls 

11* 



Iß4 Sindt und Festung Nis. 

um 1860 erbauten einstöckigen Schule, die für einige Skupstina-Sessionen 
benutzt wurde. 

Es ist geplant, die alte Kirche samt allen Häuschen rings um die Kathedrale 
abzutragen und in dem neu anzulegenden Parke die Bischofsresidenz mit einem 
Gebäude für das Konsistorium zu erbauen. Von geistlicher Seite wird aber die 
Errichtung dieser Bauten auf der die Stadt übersehenden Höhe, nahe der ausserhalb 
des südöstlichen Stadtwailes stehenden Kirche Sv. Nikola „Palilulska" gewünscht. 
Diese illustriert so recht den von Nis durchgemachten häufigen Herrschaftswechsei. 
Nicht weniger als sechsmal soll sie in den letzten Jahrhunderten bald dem 
Christuskult und wieder dem Islamglauben gedient haben. Während der kurzen 
kaiserlichen Okkupation (1737) als Kirche benutzt, sodann in eine Moschee 
umgestaltet, nach dem Verlassen des allzu exponierten kleinen Stadtteils aber dem 
Verfalle preisgegeben, fand ich sie 1860 als Ruine, unter deren von mir abgelöster 
Kalktünche sehr alte Fresken zum Vorschein kamen; auch der Imamsitz zeigte 
deutlich, dass er in die ehemalige Chorapside später eingeschnitten worden war. 
1864 Hess Mithad die Moschee für die nahe angesiedelten Belgrader Türken her- 
stellen. Beim Umbau stiess man auf ein Votivbild und einen hölzernen Kelch, die der 
Pascha dem Erzbischof übergeben Hess. Vielleicht veranlasste dieser Toleranzbeweis 
die Serben (1878), durch eine Deputation den Kadi, Hodza und die türkischen 
Notabein um die Überlassung der Moschee zu bitten. Diese antworteten mit 
fatalistisch-sarkastischem Anfluge: „Wir wissen durch Erfahrung: wem Gott die 
Macht über Nis verleiht, gibt er auch dieses Haus für seinen Glauben; also nehmt 
es!" Nun erscheint über dem Fenster links vom Haupteingang in einer Nische 
der siegreich seine Stelle wieder einnehmende hl. Nikolaus; das verschwundene 
Minarett ersetzt aber ein einfach gezimmerter Stuhl mit zwei kleinen Glocken, und 
von der Dachspitze erglänzt ein Metallkreuz statt des wohl niemals wiederkehrenden 
Halbmonds. 

Auch von dem geschilderten maurischen Haupttore der Zitadelle ist des 
Sultans Namenszug einem serbischen Adlerschilde gewichen, ebenso suchte ich 
das rote Serai vergeblich, in dem Abdur Rahman Pasa mich so streng inquiriert 
hatte. Es war rasiert, wie die Türkenquartiere, deren Gärten es mit freundlichem 
Grün verschönten, wie die Tulbas der weiblichen Heiligen, deren Gebeine man 
1883 dem Hodza der nächsten Moschee zur Bestattung übergab, und wie manches 
andere, was Licht, Luft und Bewegungsraum um die wenigen, der Erhaltung wert 
befundenen Bauten schaffen konnte. Zu diesen zählt das anheimelnde kleine 
Kommandanturgebäude, in dem der Divisionschef Binicki mich mit gewinnendster 
Herzlichkeit empfing. 

Begleitet von dem in Berlin gebildeten Festungsinspektor Artillerie-Oberst- 
leutnant Jakobojev, erstieg ich zunächst den schmalen Wall über dem Stambol-Kapu, 
wo man neben dem Flaggenbaume die Stadt und Feste im prächtigsten Vogel- 
schaubilde, umrahmt von ihrem grösstenteils kahlen, aber malerischen Berggürtel, 
erblickt. Mauern und Wälle fand ich ganz unbeschädigt; nur etwa 2—3 serbische 
Projektile drangen in das Innere und versetzten die dort zusammengepferchte 
Zivilbevölkerung in Angst und Schrecken. Unfern der aus Quadern erbauten, als 



Stadt und Festung Ni§. 



165 



Pulvermagazin benutzten Moschee sah ich viele den Türken abgenommene 
Positionsgeschütze aller Zeiten und Kaliber, Bronzemörser und Krupps auf 
eisernen hohen Lafetten, daneben hohe Pyramiden verschiedenartigster Kugeln 
und Spitzgeschosse. 

Die Ausführung- einiger Bauten wurde wegen Geldmangels und auch deshalb 
verschoben, weil man sich bewusst ist, dass Ni5' Stärke auf den Gorica- und 
Vinik-Forts beruht. Es entstanden nur mehrere solide Magazine, Stallungen, eine 
Pavillonkaserne, deren Korridor man mit schön skulptierten türkischen Marmor- 
Grabplatten pflasterte, dann etwa 15 Minuten vom nordwestlichen Festungsrayon 
ein unter der Ägide des Roten Kreuzes nach dem Vorbilde des Budapester 




Grundriss und Inneres eines allclin^lliclicii Grabes bei .Nis 



Pavillonbaues „Kaiserin Elisabeth" erbautes Hospital, das Ingenieur Bartos 1888 
vollendete. Alle Ni.ser Demolierungen und Planierungen führten 400 zu Festungs- 
kerker verurteilte Robijasi aus, unter welchen ich einige von unheimlichstem 
Heiduckentypus sah. Die aus Rohrwerk hergestellten Bastionsverkleidungen siiul 
Übungsarbeiten der Pioniertruppe, welche bei heissem Wetter unter Zelten vor 
dem Viniktore biwakiert. Dort begruben die Türken ihre während der Belagerung 
Gefallenen so seicht, dass die Serben sie nach vorausgegangener Karbol-Desinfektion 
tiefer betten mussten. Dabei stiess man, 1 m tief, auf ältere Gräber und Tonrohre 
von Wasserleitungen, welchen auch einige in der Ebene aufragende türkische 
Steinpfeiler angehörten. 

Eine sehr interessante altchristliche Grabstätte trat wäiirend der Eröffnung von 
Übungs-Laufgräben zutage, ich besuchte sie 1887, kurz nach ihrer sorgfältigen 
Freilegung. Zu dem W. gerichteten, gewölbten, 2,30 m langen, 3 m breiten, 1,70 m 
hohen Räume führt über zwei Stufen eine nur 1,12 m hohe, 0,65 m breite Öffnung, 



Hiß Stadt und Festung Nis. 

die eine leicht aushebbare Steinplatte schloss. An seiner Schmalseite, gleichwie 
im Innern am Gewölbebogen, sieht man rot aufgemalte Linien, an der Westmauer 
ein mit gleicher Farbe roh aufgemaltes Kreuz. Die Soldaten fanden das Grab 
leer. Der aus doppelter Steinlage bestehende Estrich zeigt links Spuren gewalt- 
samen Aufrisses aus alter Zeit, in welcher die Gruft ihres Inhalts beraubt wurde. 
Ich gebe hier meine bezüglichen Aufnahmen zur Korrektur der unrichtigen 
Zeichnungen und flüchtigen Schilderung im „Starinar". ') Die Anlage dieser Niser 
Grabstätte, in deren Nähe wohl noch andere in der Erde stecken, erinnert an 
einige Grüfte der anlässlich des Sobranjebaues zu Sofia aufgedeckten Katakombe-) 
und dürfte wie diese aus den Jahren 1018-1186 stammen. 

Bei Übungsarbeiten durchgrub die Genietruppe 1889 an derselben Stelle, 
wo die Kaiserlichen schon 1689 beim Schanzenbau auf römische Mauern stiessen, 
etwa 200 m W. vom Viniktore einen antiken Kanal, dessen Konstruktion nach 
meiner Untersuchung aus je zwei grossen horizontalen Deckplatten und zwei 
senkrecht in ihre Falze gestellten starken Ziegeln, auf breitem Betonfundamente, 
bestand. Vor demselben Tore fand man 1883 den oberen Teil eines 69 cm hohen, 
63 cm breiten Grabsteins von Kalkstein mit der Büste eines die Toga tragenden 
Mannes zwischen zwei Kindern in reich umrahmtem Bogenfelde, der südlich vom 
Kommandanturgebäude in der Parapetmauer eingelassen wurde. Am Aufgange zu 
diesem sah ich einen 1887 ausgehobenen sechszeiligen Votivstein und eine Säule, 
am benachbarten Mannschaftshause ein Inschriftfragment. Dieses von mir schon 
1860 empfohlene, allerorts nachahmenswerte Beispiel gab der zu Schweidnitz in 
Schlesien geborene k. s. Artillerie-Oberst Horstig. Als Festungskommandant schuf 
er auf der Stelle der abgetragenen Hunkiar-Moschee einen freien Platz, um 
dessen Granitsäule von 1,25 m Höhe und 0,60 m Durchmesser im Zentrum sich 
zehn gleichfalls römische Werkstücke im Kreise gruppieren; in die Terrasse- 
Stützmauer vor dem Uhrturme liess er zwei durch Kqvacevic publizierte Inschriften, 
einen Votivstein mit den Büsten eines Mannes, Kindes und einer Frau, einen mit 
zwei Kindern, den Kopf einer Statue und das 59 cm hohe, 34 cm breite weisse 
Marmorfragment einer figurenreichen Darstellung einfügen. Das ursprünglich zweimal 
so grosse Relief fanden und zertrümmerten ein Türkenhaus demolierende Sträflinge. 
Der redselige Festungsbaupolier erzählte weiter, dass etwa 60 beim Abrisse des 
Türkenquartiers zutage gelangte römische Skulpturen und Inschriften, weil niemand 
es hinderte, als Werkstücke für Neubauten verkauft wurden; zwei in die Zivilstadt 
gelangte publizierte Milicevic. 3) Die vielen antiken Münzenfunde wanderten zu 
Silberschmieden oder zu Spottpreisen in verschiedene Privatsammlungen. 

Während meiner Anwesenheit im Oktober 1889 stiess man im Ostteile der 
Zitadelle, während der Aushebung einer Kalkgrube, auf römische Rudimente 
von ungewöhnlicher Stärke. Im Mauerwerke staken drei Inschriftsteine, darunter 
ein sechszeiliges, 1,10 m langes, 0,55 m breites Fragment, mit aus einer Vase sich 
aufwärts rankenden Weinreben. Oberstleutnant Jakobojev versprach, die seitdem 



') V, S. 119 und Tab. X. Belgrad 1888 
=) Skorpil, Sbornik, II, S. 56ff. Sofia 1890. 
") Kraljevina Srbija, S. 39 f 



Stadt und Festung Niä. 



167 



veröffentlichten Funde') in der Horsti^sciien Parapetniaiier einfügen zu lassen; 
vielleicht entgehen sie der Vernichtung, welcher leider die meisten bekannt 
gewordenen Reste von Naissus anheimfielen. So die von Dernschwamm 
1553 kopierten 11 Inschriften*), der von Schweigger 1577 erwähnte Inschriftstein, 
der eifzeilige Meilenstein, dessen Kopie ein österreichischer Offizier 1738 dem 
Nuntius Passionei nach Wien sandte^), ein prächtiges Gesimsstück, das ich 
1860 vor der Hunkiar- Moschee sah, eine skulptierte Grabplatte und ein Kapital, 
welche ich 1864 im Bauhofe der neuen Kathedrale traf und 1868 publizierte. 
Von Niäer Inschriften bringt das 1891 erschienene Supplement zu Mommsens 
„Corpus" auch zwei, dem Jupiter und der Juno gewidmete, welche Evans kopierte. 
— Zuletzt wurden im Februar 1892 während einer im nordöstlichen Teile der 





Votivsteine aus Niä. 



Zitadelle bewerkstelligten Planierung des Bodens das Hypocaustum eines Bades 
freigelegt, bei dem Münzen, antike Gefässe usw. gefunden wurden. ^) 

Der grössere Teil aller zuvor erwähnten Funde stammt aus dem Bereiche der 
Zitadelle. Auf ihrer Stelle stand, wie die Aufdeckung antiker Fundamente, Kanäle usw. 
beweist, das starke Castrum von Naissus. Unmöglich konnte aber seine beschränkte 
Area neben den Kasernen, Proviantmagazinen und Arsenalen für die Truppen von 
Dacia mediterranea, auch die an Palästen, Tempeln, Bädern, Plätzen usw. reiche, 
vielgerühmte Stadt Konstantins umschlossen haben. Ich durfte daher, trotz des 
topographisch unverlässlichen Fragments des Priscus, das Naissus an die Donau 
verlegt, mit grösster Wahrscheinlichkeit annehmen, dass, ähnlich wie bei Viminacium 



') Starlnar, VI, S. 119. 

2) C. I. L., Ili, No. 1673—1683. Addit. Moes. sup., S. 1024. 

^) Arch.-epigr. Mitt., XII. S. 175. — C. 1. L., III, Suppl. Fase. II, No. 8269. 

*) Starlnar, IX, S. 34. 



168 Stadt und Festung Niä. 

und Marguin, unter dem Schutze des Kastells sich auf dem linken Ufer der Nisava 
die Civitas von Naissus ausdehnte, und dass ihre oft überbauten Rudimente bei 
tieferen Grabungen gefunden werden konnten. Nahe dem Bahnhofe kamen 1860 auch 
wirklich, anlässlich des Mithadschen Kasernenbaues, zwei Säulen und andere 
Architekturstücke zum Vorscheine, welche diese Ansicht rechtfertigten. Ich selbst 
machte später — wie das folgende Kapitel zeigt, nicht erfolglos — den Versuch, auf 
radialen Ausflügen über Nis' Peripherie hinaus, Reste der Lustschlösser, Bäder 
und des Kastellgürtels der in den Völkerstürmen gründlich zerstörten Geburtsstadt 
des grossen Imperators aufzufinden, welcher mit der Wahl Konstantinopels 
zur Residenz die Aufrichtung des oströmischen Reiches begann. Anfangs 
September 1900 wurde bei dem neuen Brückenbau am rechten Ufer der Nisava, 
nahe der Zitadelle, ausser kleineren Metallobjekten in 7,5 m Tiefe ein jetzt im 
Belgrader Nationalmuseum befindlicher prächtiger Bronzekopf Konstantins d. Gr. 
ausgegraben. Nach Professor Vasics Untersuchungen war er einst vergoldet und 
gehörte einer Büste an. Die abwechselnd mit Lorbeer- und Olivenfrüchten 
geschmückten quadratischen Felder des vorn ein Medaillon zeigenden, am Hinter- 
haupte zusammengebundenen Diadems sind trefflich erhalten; der nur am Scheitel 
und an der linken Wange verletzte Kopf ist im Gesichtsprofil den bekannten 
Münzen sehr ähnlich. 

Nis' Garnison zählte 1887: 5 Komp. Pioniere, 3 Bat. Infanterie, 2 Komp. 
Festungsartillerie, 1 Reg. Feldartillerie und eine Telegraphenabteilung; im Jahre 
1896: 130 Ober- und 198 Unteroffiziere, 2035 Soldaten und 20 Gendarmen, 
welche viel Leben und Geld in die Stadt brachten. Kaum 180 ihrer Bewohner 
trieben 1896 dort noch Feld- und Gartenbau, dafür aber verzeichnete man 
522 Kaufleute verschiedenster Zweige und grossenteils in offenen Läden ihr 
Gewerbe treibend; 351 Schneider, 38 Kürschner und 276 Schuhmacher für Stadt 
und Land, 230 Gast- und Kaffeeschenker, 156 Bäcker, 338 Metallarbeiter, 
Schmiede, Schlosser, Klempner usw., 11 Waffen- und Silberschmiede, 64 Sattler 
und Wagner u. a. Gewerbe und Handel fördern die 1885 begründete Sparkasse, 
welche 1905 nahezu 30 Mill. d zu lO"/«, und ein 1888 entstandener gegenseitiger 
Spar- und Hilfsverein, der im nächsten Jahre 3,4 und 1905 über 23,4 Mill. d zu 
12 o/o in Umlauf setzte. Advokaten gibt es 11, Ärzte 16, Lehrer 71, Geistliche 
21 usw. Unter den 2986 Häuser bewohnenden 21056 Niser ') bezeichneten sich 
als fremde Slaven 141, Deutsche 242, Italiener 31, Arnauten 45, Rumänen 183, 
Griechen 135, Ungarn 48, Zigeuner 1018; als Katholiken 419, Protestanten 26, 
Israeliten 812, Mohammedaner (meist Zigeuner) 1114 Personen. 

Bei meinem letzten Besuche der freundlichen Stadt im August 1897 fand 
ich ihr Aussehen nahezu unverändert. Neben der S. 159 erwähnten störenden 
Mühle sah ich ein hübsches Offiziersbad im Strome, am Zitadellentore eine 
Fremden den Eintritt wehrende Tafel. In der belebten Hauptstrasse begann man 
mit der Legung eines zeitgemässen Trottoirs, welches das Flanieren zu einer 
geringeren Qual als das bisherige zu machen verspricht. Dagegen war die 



•) 1905 zählte Nis 21954 Einwohner in 3681 Häusern. 



Stadt und Festung Nis. 



1G9 



Strassentaiifc mit grösstenteils altserbisclicn Städte- und Heroennamen, wie die 
Numerierung der Häuser, unter welclien mir nur wenige Neubauten auffielen, 
vollendet. Am 11. Januar 1898 kamen die grossen Sympathien der Niäer für den 
sie eifrig fördernden König Alexander und den „Befreier" Milan als 20. Jahrestag 
seines Einzugs in die eroberte Stadt zum Ausdruck. Gleich begeistert wurde der 
junge König am 15. Juni 19Ü0 dort empfangen. Der Bürgermeister Milovanovic 
äusserte in seiner Anrede, das neuerstandene Serbien habe vieles der Dynastie 
Obrenovic zu danken. Dem König Alexander sei die Aufgabe zuteil geworden, 
sein treues Volk auf die Bahn des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fort- 
schrittes und des Wohlstandes zu leiten. — König Alexander erwiderte, die Liebe 
und das Vertrauen des Volkes, von dem er sich während dieser Reise abermals 
überzeugt habe, verleihe ihm Kraft, seine ihm von Gott und seinem Volke anvertraute 




Dlt .Vlonumentplatz in der Nüer Zitadelle. 



Aufgabe zu erfüllen. Diese bestehe darin, Serbien wirtschaftlich, kulturell und 
militärisch zu regenerieren, es zu einem Unterpfande des Friedens, der Ordnung 
und der Arbeit auf der Balkan-Halbinsel zu gestalten. Eben deshalb hätten ihn' 
auch die neuen Freundschaftsbeweise der Herrscher heider Nachbarstaaten, die 
sich während seiner Reise durch besondere Missionen vertreten Hessen, überaus 
freudig berührt. Er sei überzeugt, dass das serbische Volk, welches auf freund- 
nachbarliche Beziehungen den grössten Wert lege, diese neuen Freundschaftsbeweise 
des Königs von Rumänien und des Fürsten Ferdinand von Bulgarien gleichfalls 
mit inniger Freude begrUssen werde. 

Zu Nis tagte häufig (zuletzt 1901) die stets viel Leben in die Stadt bringende 
Skupgtina. Ihre dann allerdings durch 120 Schreiber unterstützten 15 Komnumal- 
beamten sind während der Session stark beschäftigt und weit mehr noch ein Teil 
der 150 Staatsbeamten aller Ressorts, welche die in Nis seit 1896 zentralisierte 
administrative Verwaltung des 2558 km ^ mit 246 Orten in 88 Gemeinden 
umfassenden, 1905 von 184045 Seelen bewohnten Kreises besorgen. Von seinen 
5 Bezirken sind der Niäer und Moravaer mit 70—82 Seelen per km^^ die 



170 Stadt und Festung Nis. 

dichtbevölkertsten; es folgen der Svrljiger und der Aleksinacer mit 55 — 70 und 
der Banjaer mit 47 Seelen. 

Am Wege zwischen dem Ozren- und Devica-Gebirge sah icii oft prächtige 
Forste, in welchen riesige Weissbuchen, Eichen, Ahorne und Eschen nicht selten 
waren, und überall zeigten sich Spuren von Hirschen, Rehen und Wildschweinen, 
die unsere Annäherung verscheucht hatte. Füchse, Dachse und Marder, aber auch 
den Herden grossen Schaden zufügende Wölfe und Bären reizen hier gleich 
Adlern und Geiern die Weidlust. Bei Skrobnica, östlich von Soko-Banja, schiesst 
man auch Auerhühner. In den tieferliegenden Tälern des Ozrengebirges gibt es 
viele Zwetschen-, Äpfel- und Birnenpflanzungen, und weil dort noch die Haus- 
kommunion wenig gelockert, ist auch der Viehstand ein guter. Entsprechend 
dem vorherrschend bergigen Charakter des Svrljiger und Banjaer Bezirks treiben 
beide starke Viehzucht und kommen dort mehr als 200 Stück auf den km-, im 
Aleksinacer 170—200, im Moravaer 140 — 170, im Niser aber nur 120 — 140. 
Im ganzen Kreise zählte man 1905 nahezu 11000 Pferde, 49100 Rinder, 370 Büffel, 
340 Esel, 49400 Schweine, 300000 Schafe, 65200 Ziegen und 8600 Bienenstöcke. 

Durch die Bodenverhältnisse bedingt, steht andererseits der Feld- und 
Gartenbau in den fruchtbaren Niederungen der Morava und Nisava am höchsten 
im Kreise. Namentlich gedeihen in der Umgebung von Nis und Aleksinac 
vortrefflicher Wein, der jenem der Krusevacer Zupa gleichgestellt wird; ferner 
Hanf und Tabak, der zu den besten Serbiens zählt; der Kartoffelbau ist aber 
auch hier noch wenig entwickelt. 



VII. 

Durch Nis' Umgebung zur Suva Planina. 



ICH erwähnte schon, dass ich Nis zur Zeit meines ersten Besuches (im Juni 
1860) fieberhaft aufgeregt fand. Massendeputationen aus der Umgebung, in 
malerisch-originellen Trachten die Strassen füllend, kamen, um dem Grossvezier 
über erlittene Bedrückungen zu klagen; andererseits waren griechische BischiUe, 
türkische Mudire, Defterdare (Steuereinnehmer), Gemeindevorsteher und Medzlis- 
glieder berufen worden, um sich wegen allzu grosser Bedrückung der Rajah zu 
verantworten. In jenem Momente war Vorsicht für jeden nicht mit wirkungs- 
vollen Empfehlungen ausgestatteten Fremden bei dem Mangel dort residierender 
europäischer Konsuln noch dringender als sonst geboten. Ich wagte es damals 
nicht, das leicht erregbare Misstrauen der Türken durch Forschungen herauf- 
zubeschwören, die jedenfalls mit der gründlichen Untersuchung der Festungswerke 
hätten beginnen müssen. Dies allein wäre aber genügend gewesen, um abermals, 
wie in Zvornik, für einen verkappten russischen Ingenieur gehalten zu werden 
und mich Unannehmlichkeiten, wenn nicht Gefahren auszusetzen. Denn wer sonst 
als ein „Inschenir" interessiert sich für Festungswerke und derlei Bauten? denkt 
der für Altertumskunde geringen Sinn bekundende Moslim. 

Begleitet von dem gefälligen Apotheker Romuli Lanzoni des IV. Nizam- 
Regiments betrachtete ich wohl möglichst unauffällig die Hauptgebäude der 
Zitadelle, die Steinverkleidung ihrer Tore, Moscheen usw. Doch, mit Ausnahme 
einiger römischer Werkstücke vor der Hunkiar-Moschee, erblickte ich nirgends 
bedeutendere antike Spuren. Im Jahre 1864 ermöglichte mir ein Stambuler 
Bujuruldu, etwas freier den Resten von Naissus und seines kaiserlichen Lust- 
schlosses Mediana nachzuforschen. Als ich jedoch diese Arbeiten im Oktober 
1870 fortsetzen wollte, wurde ich auf Befehl des Gouverneurs Abdur Rahman 
Pa§a verhaftet und zur Abreise nach Serbien gezwungen. Wie ganz anders in 
den Jahren 1887 und 1889, wo der serbische Ministerpräsident alle Behörden 
anwies, meine archäologischen Studien in jeder Weise zu fördern, und ich mich, 
dank der Erlaubnis des Divisionschefs, mit vollster Freiheit in der Niäer Zitadelle 
bewegen durfte. 



172 Durch Niä' Umgebung zur Suva Planina. 

Meine Ausflüge in Nis' Umgebung begannen 1864 mit einer Fahrt durch 
die östliche Vorstadt bei der Zitadelle, wo sich Reste eines antiken Tempels 
befinden sollten. Ich traf aber nur loses Mauerwerk von elenden Ziegeln, 
gemengt mit Feldsteinen, das von einem älteren Türkenbau herrühren mochte. 
Auch die von dem später schimpflich verjagten griechischen Bischof Kalinikos 
empfangenen Winke bestätigten sich nur teilweise. Im grossen Hofe der Jeni 
Küsla lagen wohl zwei 1,75 m lange römische Säulenstämme, doch alles Fragen 
nach „gleichzeitig ausgegrabenen Steinen mit reichen Verzierungen und Inschriften" 
blieb resultatlos. 

Bessere Erfolge lohnten meine Exkursion nach Brzi Brod und Banja. 
Verschiedene Mitteilungen, dass Niser Türken in dortigen Ruinen den vergrabenen 
Schatz des Kaisers Konstantin gesucht, bewogen mich zu ihrer näheren Durch- 
forschung. 4 km von Nis liess ich vom Konstantinopeler Heerwege nach dem 
Friedhofe von Brzi Brod abbiegen. Antike Ziegelfragmente und Deckplatten in 
nahen Feldern leiteten mich hinauf zur südlichen, die Grundfeste eines Römer- 
kastells tragenden Höhe, dessen Material Mithad Rasa zum Baue der Niser 
grossen Kaserne abbrechen liess. Auf halbem Wege zwischen dieser Befestigung 
und der Strasse stiess ich, das Terrain sorgfältig rekognoszierend, auf Reste eines 
monumentalen antiken Architekturwerks, des ersten und einzigen, das bis heute 
auf dem Territorium von Naissus gefunden wurde. Den antiken Ursprung des 
oktogonalen Hauptbaues bezeugten die vorzügliche technische Ausführung des 
1,7 ni starken Mauerwerks, die fein bearbeiteten weissen Marmorplatten, prächtig 
geschlemnite 40 cm lange, 20 cm breite Ziegel und die Güte des Mörtels. 
Nach Abräumung des Schuttes im kreisförmigen Innenraume von 8,65 m Durch- 
messer kam ein leider stark beschädigter Mosaikboden zum Vorschein, mit aus 
braunen und weissen Sfeinchen hergestellten Ornamenfstreifen von wirkungsreichem 
Rhythmus. Auch von der äusseren Dekoration fand ich Teile eines aus mehreren 
Leisten und 5 cm breiten Pflöckchen gebildeten Zahnschnittgesimses, ferner 
zertrümmerte Verkleidungsplatten. Ein weniger sorgfältig durchgeführter, im 
Mauerwerk schwächerer, kreisförmiger Anbau von 9,48 ni Durchmesser umfing 
drei gegen Norden gerichtete Fronten des Oktogons. Die Reste des kleinen 
Prachtbaues bieten nur ungenügende Anhaltspunkte, um seinen einstigen Zweck 
sicher zu bestimmen. Jude Hypothese erschien mir früher gewagt, obschon das 
von Carrara im daliuatistischen Salona aufgedeckte frühchristliche Baptisterium 
eine solche nahelegte. Nach der serbischen neuen Karte darf ich aber annehmen, 
dass diese Bauten, das Kastell und andere von mir bei Brzi Brod aufgefundene 
antike Substruktionen Mediana angehörten, das Ammian als einen zu Naissus 
gehörenden, 3 Millien von diesem entfernten Flecken und Lustort mit kaiserlicher 
Villa erwähnt, den Kaiser Justinian, gleich 32 anderen Kastellen in der Regio 
Naissatensis, wiederherstellte oder — wie sein Lobredner Procopius ihm nachrühmt 
— teilweise neu errichtete. Die landschaftlichen Reize und zwei nahe Heilquellen 
von 19 und 38" C. mochten den Punkt zur Anlage der kaiserlichen Sommerresidenz 
empfohlen haben. Man erreicht die am Fusse eines frischgrün bewaldeten Berges 
liegende Therme, über sanft ansteigendes Terrain, auf einem von der Hauptstrasse 



Durch Nis' Lfmgebuni; zur Suva Pl.uiinn, 



17:5 



SO. abbiegenden Vizinalwegc. Roinische Ziegel zwisclien türkisclien Mauerresten 
und häufige antike Münzenfunde sind Zeugnisse des liier in der röniisclien und 
niosiiniischen Glanzzeit gepflegten Badekultus. 

Das heutige runde Badebassin für Männer ist von einem schlechten türkischen 
Oberbau umschlossen, der das Eindringen des Lichtes nur durch kleine Öffnungen 
gestattet. Bei der Vorliebe der Muslims für heisse Quellen gehörte Banja zu den 




Grutidriss der antiken Bauten bei Brzi Brcid. 

Lieblingsausflügen der Niser Türken. Dass es in einer früheren Epoche bedeutender 
war, bezeugte 1864 noch die Ruine eines festen Baues mit spitzbogigen Fenstern 
und Türabschlüssen; ferner die Mauern und das Minarett einer verlassenen 
Moschee, welche traurig in die Luft ragten. Als ich Banja im September 1889 
wieder besuchte, waren die türkischen Ruinen verschwunden, und neben den 
alten Männer- und Frauen -Vollbädern, für deren Benutzung 20 c bezahlt werden. 




BRZl BROD. Mosail<t)udcn. 



entstand ein vom Belgrader Juwelier Popovic im Schweizerstil erbautes Haus, 
das ausser einer freundlichen Veranda und Restaurationslokalen 12 Marmorbäder 
und ebensoviel zu vermietende Zimmer im ersten Stockwerk enthält. Die 
Regierung will überdies, als Eigentümerin des Bades, die ungenügenden alten 
Bassins durch einen modernen Bau ersetzen, ferner ein zweistöckiges Gäste- und 
Restaurationsgebäude aufführen und die heutige primitive Badeumgebung durch 
eine schöne Parkanlage mit auf die nahen Berge führenden Promenadenwegen 
ersetzerK" So geht das alte Banja einer vielverheissenden Verschönerung entgegen. 
Falls auch diese sich verwirklicht, dürften die beiden heiltätigen Quellen seinen 



174 Durch Nis' Umgebung zur Suva Planina. 

Hauptanziehungspunkt bilden, welche als „Banjica" im schmalen Kalktuffeinschnitt 
malerisch hinab zur gleichnamigen Bahnstation fliesscn und, weil nie zufrierend, 
zwei Mühlen treiben, deren unausgesetzter Gang die ringsum herrschende Stille 
unterbricht. 

Wie heute der Saloniker Schienenweg, durchschnitt die römische Strasse 
Naissus — Thessalonica von Nis den südlichen Alluvialstreifen bis zum Kurvingrad- 
Defilee. Kurz vor diesem führt bei dem isolierten , Kurvin Han' ein Fusspfad 
über Wiesengrund und Steingeröll hinauf zur gleichnamigen Schlossruine. Nach 
den Studien und Funden, welche ich in den Jahren 1887 — 1889 im angrenzenden 
Gebiete gemacht, ist es für mich heute zweifellos, dass die Römer auf der 
Kurvingrader Höhe ein Kastell besassen, das ihre Naissus — Thessalonik-Strasse 
schützte. Der von der Kurvingrader Schlossruine gekrönte 338 m hohe westliche 
Ausläufer der Selicevica ist für eine derartige Aufgabe wie geschaffen. Mit 
der jenseitigen, etwas niedrigeren Komiga sperrt er vollkommen das schmale 
Morava-Defilee, in dem die heutige, der antiken Trace folgende Fahrstrasse und 
Nis— Vranjaer Bahn, auf nur 1 km voneinander entfernten Brücken, die Morava 
und Toplica kreuzen. 1413 forderte der Sultan Muhammeds Partei ergreifende 
serbische Despot Stevan das damals „Koprijan" genannte feste Schloss vergeblich 
zur Übergabe auf; die Zeit seiner Zerstörung ist unbestimmt. Noch vor fünfzig 
Jahren waren die quadratischen Burgmauern und auch der Eingang besser erhalten, 
über dem ein vierzeiiiger, mit zwei Büsten gezierter Römerstein eingefügt war; 
der Oberbau gehört jener Epoche an, in welcher jeder serbische Gau seinen 
Wojwoden besass und die lose verbundenen Landschaften sich nur durch den 
gemeinsamen Gross-Zupan nach aussen als Staat darstellten. Verführt durch 
den Namen, bezeichneten einige Historiker den König Mathias Corvinus als 
Erbauer der Burg, obschon unter seiner Regierung nachweisbar Ungarns Herrschaft 
sich nicht bis zur Toplicamündung erstreckte. Das Volk schreibt die Gründung 
der in den letzten Jahrhunderten nicht mehr genannten Burg derselben Prinzessin 
Nisa, Schwester jener bulgarischen Fürstinnen, zu, welche die Donauschlösser 
Vidin und Vidbol erbauten (S. 136). Den Namen Kurvingrad leitet es aber 
davon ab, weil diese Nisa als Dirne (Kurva) mit den Mönchen des jenseitigen 
Komigaklosters ') sträflichen Verkehr pflog. Um diesen zu erleichtern, spannte die 
lockere Dame einen Leinenpfad hinüber. Auf dem bezüglichen Phillithügel sind 
noch einige Mauern des Klosters sichtbar, dessen schlimmes Andenken im Volke 
seine Erneuerung bisher verhinderte. Trotzdem suchen es abergläubische Leute 
auf und kriechen dort unter einem ausgehöhlten wundertätigen Steine weg, um 
dadurch geheilt zu werden. Das Kurvingrader Schlossplateau bot einen trefflichen 
Orientierungspunkt gegen Leskovac. Meine topographische Ausbeute überbot 
hier die archäologische in unerwarteter Weise. 

Das römische Säulenkapitäl, welches ich 1860 im Bauhofe der Niser 
Kathedrale unter allerlei Gerumpel sah und schon 1864 dort vergebens suchte, 
stammte aus Gradiste auf dem linken Moravaufer, und so richtete ich zur 



') Milicevic, Kraljevlha Srbija, S. 16. 



Durch Nis' Umgebung zur Suva Planina. 



175 



Untersuchung der Fundstätte einen zweiten Ausflug dahin. Die Dörfer Medosevac 
und Novo Selo rechts lassend, durchschnitt ich auf der Nis-Prokupljer Strasse 
in gerader westlicher Linie die hier stark sumpfige Ebene bis zum jenseits der 
Morava liegenden Mramor, bei dem eben eine von Mithad Pasa angeordnete 
Brücke auf Steinpfeilern vollendet wurde. Die serbische Regierung liess die 
129 m lange, 7 m breite Brücke mit eisernem Oberbau vollkommen erneuern, 
forderte aber, um die aufgewendeten 100000 d ersetzt zu erhalten, eine Passagetaxe. 
Als die sparsamen Bauern infolgedessen die benachbarten Furten aufsuchten, 
wurde die Abgabe aufgehoben. Mramor liegt am Steilrande der 18 km langen, 
vom -Jastrebac sich abdachenden Terrasse „Dobric", welche von Supovac 
südlich bis zur Toplicanuindung sich erstreckt. Auf weite Strecken überwuchern 




BANJA. Die Ruine eines festen Baues. 



Paliurushecken ihren wenig bevölkerten fruchtbaren Boden, den Einwanderer vom 
Kaukasus kultivieren sollten. 

Bei dem die Brücke überwachenden Blockhause stiess ich auf die nur wenige 
Minuten vom christlichen Mramor liegende erste tscherkessische Ansiedelung mit 
50 Häusern. Gleich viele Gräber zählte der nahe Friedhof schon wenige Wochen 
nach ihrer Ankunft; viele andere der dem russischen Schwerte entgangenen 
Emigranten erlagen der Strenge des folgenden Winters. Dank seiner günstigen 
Lage bildete Mramor schon zur Römerzeit den Morava-Übergang für den Weg, 
der von Naissus unter dem Kastelle nördlich von Bresnica über den Mali 
Jastrebac, gedeckt durch die jenseitigen bei Vrccnovica und Kulina (S. 105) 
zur berühmten Therme Ribarska banja, weiter nach Krusevac lief. 

Ein gleich wichtiger Strassenpunkt war das mit Balajinac zusammenhängende 
Gradiste, das, gleichfalls von der Merosinska reka durchflössen, früher der Hauptort 
des „Dobric" war. In der Chorapside seines „crkviste" fand ich ein auf Feldsteinen 
ruhendes, dem zu Ni§ gesehenen ganz ähnliches Kapital als Altar benutzt; ein 
drittes wanderte nach dem nördlichen Secanica; alle drei sollen aber, wie man 
mir versicherte, im benachbarten „grad" gefunden worden sein. Diese Schlossruine 



176 



Durch Nis' Umgebung zur Suva Planina. 



steht auf der südlichen, mit Wein bepflanzten Hölie. Ihre vor sechzig [ahren 
noch liohen Mauern niussten, auf Befehl des damaligen Niser Paschas, wie einzelne 
der mich begleitenden Bauern sich erinnerten, abgebrochen und das Material, 
gleich jenem der meisten Schlösser des Toplicagebietes, nach Nis zu Militär- 
bauten geführt werden. Vergeblich forschte ich im „grad" im Jahre 1864 nach 
römischen Spuren. Milicevic berichtet aber von dortigen Substruktionen mit 
grossen quadratischen Römerziegeln. Dies und die erwähnten Kapitale sprächen 
dafür, dass auf der Stelle der mittelalterlichen Feste ein Kastell stand, unter 
dessen Sciiutz die Strasse die Toplicahohen, gegenüber dem linksuferigen 
Zitoradje, erreichte. Die Ruine wird von Milicevic'), gestützt auf die iS. 80 
erwähnte Quelle, mit dem altserbischen Koprijan'-), Jirecek mit Prokuplje 
identifiziert ■■*), die der gegen beide Ansätze polemisierende Hil. Ruvarac richtiger 
in Kurvingrad erkannte. <) In Gradiste hatte ich jedenfalls den ersten festen 
Punkt an der von Nis über Prokuplje zur Adria laufenden Römerstrasse gefunden, 




Kurvingrad-Defilec von der Thessaloniker Strasse. 



was mir 25 Jahre später die Feststellung ihres von Hahn u. a. falsch aufgefassten 
Laufes wesentlich erleichterte. (Siehe X. Kap.) 

Immer wieder gestattete der liebenswürdige Nacelnik Arsenovic dem Ingenieur 
Bartos, mich von dem für einen Monat zum Zentrum meiner Ausflüge gewählten 
Nis nach den verschiedensten Richtungen zu begleiten. Eine der genussreichsten 
Exkursionen war unsere Fahrt nach dem Landgute des Generals Horvatovic bei 
Medosevac. Einst gehörte es dem mächtigen Hafis Pasa. Der schon genannte 
Erbauer des Niser Königssitzes verlebte hier in der einstöckigen Kula mit 
prächtigem Belvedere und im lauschigen Konak mit weissem marmornen Kühl- 
brunnen, unter schattigen alten Laubbäumen, mit seinen Frauen die heissen 
Sommertage. Man nuisste über gleich grosse Einkünfte wie Hafis verfügen, um 
diesen, durch eine hohe Mauer von der Aussenwelt abgeschlossenen herrlichen 
Landsitz in seiner ursprünglichen Schönheit zu erhalten. Auf 60 Hektar treff- 
lichsten Bodens, die zu ihm gehören, liess Horvatovic bei den ausgedehnten 



') Kraljevina Srbija, S. 356. 

-') Koprijan, Daniele, Rjecnik, S. 475. 
") Heerstr. v. Belg. n. Sal., S. 77. 

■■) Qlasnik 49, S. 10. Auch Novakovic hält Koprijan mit Kurvingrad identisch (Serben 
und Türken, S 358). 



Durch Nis' Umgebung zur Suva Planina. 



177 



Obst- und Gemüsegärten auch Rüben und andere Futtersorten für den kleinen 
Viehstand bauen. Doch welch ungleich höheren Ertrag müsste das Gut unter 
der Leitung eines rationell wirtschaftenden deutschen Landwirts abwerfen! 

Vom nahen Komren zieht der Wein hinauf gegen Hum, dessen Befestigungen 
Fürst Milan am 25. Februar 1878 befehligte, und auf die in allen Kämpfen um Ni§ 
vielgenannte Vinikhöhe. Vorüber an ihren drei Schanzen und dem weissen, festen 
Dynamitmagazin ritt ich mit Herrn Bartos hinauf zum nordöstlicheren Cegr, berühmt 
durch Sindjelics auf S. 144 geschilderten Heldentod. Fürst Milan ehrte seine 




Sindjelic-Denkmul am Cegr hei Nis. 



Tat durch ein am 3. Juli 1878 geweihtes Denkmal. Es trägt auf einer Seite 
die Inschrift: „Dem Wojwoden Stevan Sindjelici und seinen unsterblichen 
Helden, die ruhmvoll hier fielen, am 19. Mai 1809 Nis belagernd", auf der 
anderen: „Fürst Milan Obrenovic IV. und seine tapfere Armee rächten sie am 
28. Dezember 1877, Nis befreiend." Als der junge König Alexander das Monument 
besuchte, erschien dessen breites, aus Ziegeln erbautes Piedestal, auf dem die 
senkrecht stehende weisse Marmorplatte ruht, so hinfällig, dass er dessen 
Renovierung auf seine Kosten anordnete. Ringsum reifen prächtige Pfirsiche und 
Trauben; die Aussicht nach der Suva Planina ist entzückend. Schon des reichen 
Naturgenusses wegen sollte kein Besucher Ni5' säumen, den Cegr zu besteigen. 

F. KANITZ, Serbien. 11. 12 



178 Durch Nis' Umgebung zur Suva Planina. 

Ein Höhenzug trennt das Nisavabecken vom Tinioktal, aus dem leicht 
passierbare Einsattelungen und breit geöffnete Einschnitte nach Naissus führten. 
Die Römer suchten diese Zugänge tunlichst zu sperren. Ihre vorgeschobenen 
Befestigungen des grossen Waffenplatzes scheinen mit dem Kastell an der 
nördlichen Toponica begonnen zu haben, wo bei Miljkovac Reste eines mittel- 
alterlichen, ursprünglich antiken Werkes erhalten sind (S. 134). Ein anderer 
wichtiger Punkt war das nordöstliche Kamenica, von dem eine Wasserleitung mit 
mächtigen Röhren nach Naissus lief. Die dortigen antiken Werk- und Votivsteine ') 
stammen, wie ich hörte, meist aus der befestigten Römersiedelung auf dem 
420 m hohen Weinberge bei Gornja Vrezina und von Camurlija, dessen Kastell 
2 m starke Mauern besass, auch 50 cm lange Ziegel, Deckplatten und Münzen 
treten dort häufig zutage. Bei Kamenica wurde im Jahre 1888 ein von Valerian 
Domitianus dem Jupiter gewidmeter dreizeiliger Stein gefunden. Den 60 cm hohen 
und 80 cm breiten oberen Teil eines mit Kränze haltenden Genien und anderen 
Figuren geschmückten Grabsteins sah ich 1889 in der Nordmauer der verfallenen 
Kirche, welche auf der Metohvorhöhe der nördlichen Slovica, neben einer vom 
Blitze gespaltenen Riesenulme, zwischen Kamenica und Gornji Matejevac, steht. 

Die aus Ziegeln und Hausteinen hergestellte, östlich durch eine halbkreis- 
förmige Apside geschlossene Kirche wurde in der Mitte von einem quadratischen 
Oberbau überragt, welcher den oktogonalen, nun stark zerstörten Kuppeltambour 
trug. Vor dem Eingange mit geradlinigem Sturze sind die Rudimente eines kleinen 
Narthex sichtbar. Von der äusseren Dekoration blieb am vierseitigen Kuppeluntersatz 
nur ein aus über Eck gestellten Ziegeln gebildeter Zahnschnitt erhalten. Trotzdem 
aber die Gewölbe einzustürzen drohen, wird hier der Sabortag Sv. Trojica 
(hl. Dreieinigkeit) unter lebhafter Beteiligung der nahen Orte festlich gefeiert. 

Gleiches Ansehen geniesst Sv. Jovan, ein altes Kloster, das man auf dem 
Steilpfade der Raseva padina in der vom 750 m hohen Temeni Vrh und dem 
niedrigeren östlichen Belo Brdo gebildeten Engschlucht erreicht. Gegenwärtig 
ohne Mönche, verwaltet seinen Grundbesitz von 31 Hektar Feld-, Wein- und 
Waldboden der Pfarrer von Gornji Matejevac. Das pittoreske Kirchlein gleicht 
technisch der 1838 restaurierten Christi Himmelfahrts-Kirche dieses wohlhabenden 
Ortes, zu dem wir an dem rauschenden Bache Kaludjere hinabstiegen. Seine hart 
aneinander gerückten 274 Häuser mit 2628 Seelen (1900) erinnern an italienische 
Kastelle. Der hohe, zyklopische, fortartige Unterbau birgt als Keller oft, wie ich 
staunend sah, 10 bis 12 Fässer ä 5000 kg Wein. Das leichte Holzgeschoss mit 
Lehmüberzug und rotem Ziegeldach enthält den Wohnraum. Man schätzt den 
Weinertrag in Nis' Umgebung auf 24000 Hektoliter. Der zur Türkenzeit mit 6 — 10 d 
per Hektoliter bezahlte Rotwein kostet gegenwärtig 15 — 20 d; der weisse ist etwas 
teuerer. Früher führte Matejevac gleich den Nachbarorten viel Wein und Getreide 
nach Bulgarien und brachte dafür Vieh zurück. Dieser Handel litt neuestens stark. 
Trotzdem erhält sich die Hauskommunion so ziemlich. Hier wohnen drei wohl- 
habende Popen, von welchen einer die Seelsorge im östlichen Knez-Selo besorgt, 



') C. I L . III, Suppl. Fase. II, No. 8246, 8254. 



Durch Niä' Umgebung zur Suva Planina. 



179 



und wie zu Sicevo gibt es einzelne Gehöfte mit 20 bis 35 Seelen, deren Vermögen 
20000 Dukaten und mehr betragen soll. 

Vorüber am „Copin grob", in dem ein im Kamjife um sein Recht gegen 
türkische Dränger gefallener Rajah ruht, fuhren wir nach Donja Vrezina. Es 
besitzt einen alten Fr^edhof. zwischen dessen interessanten Grabsteinen innerhalb 
einer leichten Umfriedung von Feldsteinen früher Gottesdienst gehalten wurde. Nahe 
beim Dorfe durchfurteten wir die Nisava, und die linksuferige treffliche Mithadstrasse 
brachte uns bald zur Cele Kula. Auf Seite 144 schilderte ich die Vorgänge, 
welchen das traurige Monument seine Entstehung dankt. Als ich es in einer 
stillen Mondnacht des Juni 1860 in Romulus Lanzonis Gesellschaft zum erstenmal 




Kirchenruilie bei Gornji Matejevac mit Roiiierstein. 



besuchte, zeigten seine durch 50jährigen Verfall erniedrigten Mauern immer noch 
16 Reihen mit je 16 Schädellücken, also die Plätze von 1024 Köpfen. Diese 
selbst waren bis auf einzelne Reste verschwunden. In dunklen Nächten hatte die 
serbische Landbevölkerung sie allmählich ausgebrochen und in geweihter Erde 
begraben. Auf den Schultern des Doktors kletterte ich empor bis zur höchsten 
Reihe, und es gelang mir, ihr vielleicht die letzten Reliquien zur Erinnerung an 
den Opfertod jener serbischen Helden zu entnehmen. 

Wieder sah ich 1864 und 1870 den Schädelturm. Seine Umrisse hatten 
sich wenig verändert. Einzelne humane Gouverneure wollten ihn rasieren; doch 
die Furcht vor dem Niser moslimischen Pöbel hielt sie zurück, der christlichen 
Bevölkerung diese Genugtuung zu geben. Mahmud Pasa errichtete im Jahre 1860, 
gleichsam zur Sühnung, dass ihm die Zerstörung des barbarischen Denkmals 
nicht gelang, neben demselben einen Brunnen, dessen klarer Quell Türken und 



180 Durch Nis' Umgebung zur Suva Planina. 

Christen f';leicli kiililciidc Labung spenden sollte. 1864 entstand neben dem Turme 
ein kleiner Konak zur Aufnahme hoher türkischer Funktionäre vor ihrem Einzüge. 

Mithad Paäa erbaute dort ein Militärspital mit 80 Betten, das seit der 
serbischen Eroberung durch drei Pavillons vergrössert wurde und weitere drei 
erhalten soll. Den Schädelturm fand ich durch ein Gitter umschlossen und durch 
einen kioskartigen Oberbau auch sonst gegen jede weitere Verwüstung geschützt. 
Es scheint demnach, dass man das barbarische Monument für kommende 
Gesciilechter zur Erinnerung an die einstigen türkischen „schwarzen Tage" 
erhalten will. 

Am Frühmorgen des 6. September 1889 bogen wir bei der „Cele Kula" in das 
Quertal des Gabrovacki potok ab, welcher von Süd nach Nord am Osthange der 
Gorica, in diluvialen Geröllmassen eingeschnitten, ihre Verteidigungsfähigkeit 
wesentlich erhöht. Nach kaum halbstündiger Fahrt zwischen den rebenbepflanzten 
Höhen bemerkten wir im Bachgraben einen kauernden Soldaten, der uns lautlos 
passieren liess, während es seine Pflicht gewesen wäre, uns die Passage zu unter- 
sagen. Gleich darauf hörten wir Hornsignale und ein unheimliches Pfeifen über 
unseren Köpfen. Jetzt erst bemerkten wir auf der rechtsseitigen Höhe einige weisse 
Zelte, vor welchen Infanterie sich im Schiessen nach einer auf der linksseitigen 
angebrachten Riesenscheibe übte. Unser Wagen befand sich schon unter der 
Schusslinie, als uns das Gefährliche unserer Situation klar wurde. Herr Bartoä 
sprang rasch ab und suchte im Graben Deckung; ich blieb, trieb den Kutscher 
zur Eile und kam glücklich durch. Der befehligende Offizier musste uns bemerkt 
haben, vertraute aber der Zielkunst seiner Soldaten, sonst hätte er das Schiessen 
wohl eingestellt. Bis sich mein Gefährte weidlich ausgeschimpft, waren wir durch 
Gabrovac zum gleichnamigen Kloster gelangt, und angesichts der freundlich 
anmutenden Heilstätte, deren Archimandrit Joanikije uns freundlich begrüsste, war 
unsere durch den unerwarteten Zwischenfall aus dem Gleichgewichte geratene 
Stimmung wieder hergestellt. 

Die Tradition tat alles, um die Anziehungskraft des der Sv. Trojica — 
nicht der Sv. Bogorodica, wie Milicevic schreibt — geweihten Klosters zu erhöhen. 
Sie lässt es durch einen Nemanjiden gründen und den Zar Dusan auf einem 
Kriegszuge mit seinem Heere hier die hl. Kommunion empfangen. Urkundliches 
existiert darüber gleich wenig, wie über des Klosters Schicksale bis zu seinem 
Verfalle. 1835 liess es Cir Kosta aus Nis restaurieren. Noch jünger sind die 
Fresken der aus nur einem Langschiffe bestehenden Kirche. In der offenen 
Vorhalle stellte der Maler die Männer und Weiblein erwartenden Höllenqualen 
in drastischer Weise dar. Den nahen hübschen Brunnen stifteten die vereinigten 
Snajderski-, Terzijski- und Abadzijski-Zünfte von Nis im Jahre 1837. Das neue 
Wohnhaus erbaute Joanikije 1874, welcher den unmittelbaren Grundbesitz von 
16 Hektar, darunter 7 Hektar Felder und Wiesen, 3 Hektar Wein- und Obstgarten, 
sowie den seiner Metohien: Sv. Ivan, Sv. Bogorodica, Curlina und Sicevo 
trefflich verwaltete. Dem Staate bezahlt das. Kloster von der 1800 d betragenden 
Einnahme an Steuern 250 d. Ein grosser Teil der vor Ni§ im Dezember 1877 
gefallenen Serben wurde hier bestattet. Die lauschigen Haine, in welchen sie ruhen, 



Durcli Nis' Umgebung zur Suva t'lniiinn. 



ISl 



bilden einen Lieblingsausflug der Ni§er. An Sonn- und Feiertagen fehlt es nie 
an Gästen, die hier Stärkunij für Seele und Leib suciien und finden, üewöiinlicii 
wird der Spaziergang durch den Kiosterwald bis zum südlichen Denska ausgedehnt, 
wo neben alten Mauerresten sich im dunkelfarbigem sandigen Letten ein primitiver, 
jüngst verlassener Braunkohlenbau befindet. Über ein hier ausgegrabenes Siegel 
von Silber, das nach dem altserbischen Kloster Decani gebracht worden sein 
soll, wusste der Archiniandrit nichts zu sagen. 

Von Denska kletterten wir hinauf zur von lier in 1004 m kulminierenden 
Seliccvica NW. gegen Nis sich vorschiebenden 457 m hohen Gorica. Das sie 



_ ^äS- 






hm 


1 i'm- iH i 


esk^ " "* 




■"■^ 



Der Schadclliirni zu Nis, 181)0 und 1K97. 

krönende „Markovo Kaie" gilt seit 
langer Zeit als dessen wichtigste 
strategische Position, die mit der nord- 
östlichen grossen Redoute bei Gornja 
Vrezina die Piroter Strasse und Bahn- 
linie unter Feuer nimmt. Zweifellos 
besassen auch die Römer auf der Gorica ein Verteidigungswerk; trotzdem ich 
aber die Erdwälle und Reste der 1878 rasierten türkischen Bauten emsig durch- 
forschte, gelang es mir nicht, die bescheidenste römische Spur aufzufinden. Das 
Volk behauptet, die wenigen älteren Mauern stammten von der Burg seines 
Lieblingsheros Marko Kraljevic und der anschliessenden Stadt, die sich bis zum 
westlichen Curlina ausdehnte. Wirklich stiess dort der Bauer Blagoje Milosevic 
aus dem südlichen Malosiste 1882 auf feste Mauern, die nach Abräumung des 
sie deckenden Schuttes sich als Grundfesten einer zerstörten Kirche erwiesen. 
Sie musste einem sehr bedeutenden Gemeinwesen angehört haben, denn der 
bedeutendste Bau der Nemanjiden, die Carska Lavra zu Studenica, besitzt nur 



182 Durch Nis' Umgebung zur Suva Planina. 

eine Länge von 25,5 ni, bei 9 m Breite. Die Curlinaer Kirche ist aber mit dem 
Prostylum 28,5 m lang und 16,1 m breit. 

Sclion wälirend der Aufnahme des Grundrisses, die den von Miiicevic 
publizierten w^esentlich ergänzt und berichtigt, fiel mir seine Ähnlichkeit mit den 
dreischiffigen Basiliken zu Mesembria am Pontus auf, sowie ein die ganze Anlage 
charakterisierender Gegensatz zu den altserbischen Kirchen des Königreichs. 
Keine unter diesen gleicht der Curlinaer Kirche; keine besitzt einen gleich aus- 
gesprochenen, dem Narthex vorgelegten, durch Pfeiler und Säulen gebildeten 
Prostylos. Auch fehlen alle Anklänge an den Zentralbau. Die 3,2 m breiten 
Seitenschiffe und der nahezu doppelt breite, durch 8 Pfeileröffnungen mit diesen 
verbundene Hauptraum führen zu ihren halbrunden, nach aussen dreiseitigen 
Apsiden, von welchen die 6 m lange Altartribuna durch die zwischen 2 Säulen 




CURLINA. Giiindriss der byzantinischen Kirclie. 

eingefügte Bilderwand abgeschlossen war und ähnlich wie die Mesembrianer 
Johanneskirche eine erhöhte Rundbank mit Katheder für den Klerus enthielt. 
Vor der Ikonostasis gelangte man durch die Seitenschiffe in zwei kapellenartige 
Anbaue mit selbständigen westlichen Eingängen und verschiedener östlicher 
Ausgestaltung; die nördliche endet geradlinig, die südliche aber in halbrunder, 
über das Seitenschiff vorspringender Apside. Die Gliederung des auch von Nord 
und Süd zugänglichen Narthex entspricht dem dreischiffigen Hallenbau der Kirche, 
aus jedem seiner drei Räume führte ein besonderer Eingang in dieselbe. Die 
stufenartige Erhöhung im nordwestlichen Teile diente vielleicht zur Absonderung 
der zu Kirchenstrafen verurteilten Büsser; auch an der nördlichen Schmalmauer 
des Prostylos befindet sich eine ähnliche Stufe; an seiner Südseite sind aber die 
Grundfesten von vier Pfeilern sichtbar, welche wahrscheinlich das gewölbte 
Glocken- oder Symantrongeschoss trugen. 

Die Bautechnik und die Beschaffenheit des Materials ist durchgehends 
vorzüglich. Die 90 cm starken Mauern aus wechselnden Kalkstein- und Ziegel- 
lagen mit gleich breiten Mörtelfugen sind durchschnittlich 1 m hoch über dem 



Durch Nis' Umgebung zur Suva Planina. 



183 



an vielen Stellen sichtbaren Bodenpflaster erhalten. Die 3—5 cm starken Ziegel 
messen durchschnittlich 33 cm im Vierecke, die zum Estrich der Altarapside 
verwendeten 42X25 cm. Von den granitnen Säulen der Ikonostasis und des 
Prostylos sah ich 4 Stämme von 2 m Länge und 0,40 m Durchmesser, zwei roh 
gemeisselte Basen au-s rotem, eine aus weissem Sandstein, ferner ein leider stark 
beschädigtes 0,75 m langes und 0,31 m hohes byzantinisch stilisiertes Kapital. 
Alles, auch die Fresken, von welchen ich Spuren fand, deutet auf das gleiche 
Alter dieser wahrscheinlich durch die Amanten zerstörten schönen Baute mit der 
dreischiffigcn St. Sophia zu Sofia hin. Die Erhaltung der vom Volke als geheiligt 
betrachteten Stätte dürfte das in ihrer Mitte errichtete hölzerne Kirchlein wirksam 
fördern, in dem ein Mönch des Gabrovacer Klosters an Sonn- und Festtagen 
die Liturgie liest. 

Die breitkronigen Pappeln und Weiden, welche Mithad Rasa entlang seiner 
Piroter Strasse pflanzte, verdichteten sich zu einer prächtigen Allee, in deren 




CURLINA. Saulcnkapitiil. 



wohltuendem Schatten wir die 11 km von Ni.s bis zum Jelasnica-Defilee trotz 
des heissen Septembertags angenehm zurücklegten. Im Defilee liess der häufig 
das Tal besuchende König Milan den schlechten Reitpfad durch kostspielige 
Sprengungen fahrbar machen. Während des fortwährenden Uferwechsels bewunderte 
ich die auf rötlich-lettigem Sandsteinpicdestal romantisch gelagerten dolomitischen 
Picks, Hörner, höhlenreichen Kuppen, sowie zahllose überhangende und aus dem 
FUissbette aufsteigende pittoreske Felsen. Zwischen hochstämmigen Rotbuchen 
und Nussbäumen erscheint oben, gegenüber dem Kirchlein Sv. Petar, manchmal 
ein Gehöft, unten rauscht in tausend Sprüngen und Windungen, mehr hüpfend 
als fliessend, die klare Jelainica. 

Beim gleichnamigen Dorfe, dessen Frauentracht als schönste um Nis gilt, 
kam uns Herr Kosta Markovic, der Eigentümer des nahen Bergwerks, entgegen. 
Die Vorrichtungen zur Förderung der bis Kurvingrad streichenden Kohle machten 
einen stark hinterwäldlerischen Eindruck. Nach 300 m Stollentreibung stiess man 
1889 auf ein vielversprechendes 3 m starkes Flöz, aus dem die hier täglich mit 
1—3 d bezahlten 80 Arbeiter wöchentlich nur eine Waggonladung für den Niser 
Ringofen förderten. Auch an die Verwertung des hier anstehenden trefflichen 
Zements wird gedacht. Eine in das Belgrader Museum gelangte 17 cm lange. 



184 



Durch Nis' Umgehung zur Suva Planina. 



252 Gramm schwere reinkupferne Spitzhaue von seltenem Typus stammt vom 
nahen, mit Mauern gekrönten Radosinberge. 

Interessant sind die Tuffbildungen beim südlichen Donja Studena, welche 
der vom 670 m hohen Rajac abströmende Bach fortwährend erhöht. Unmittelbar 
nachdem seine neun dem Dolomitschutt entspringenden Quellen sich vereinigt, 
treiben sie die 7 Mühlen des Dorfes. Viele der prächtigen Nussbäume, welche 
den „vreio" (Ursprung) umgeben, sind gefallen, trotzdem wird das immer noch 
kühle, lauschige Plätzchen von den Umwohnern gern aufgesucht, dessen kristall- 
klares Wasser von 10" C. für heiltätig gilt. Der Talabschluss führt hinauf zum 
Studenski Vrh, den Fürst Milan zum erstenmal am 4. April 1878 bestieg, um die 
gepriesene Aussicht von der Suva Planina zu geniessen; hierbei stiess der natur- 




CURLINA. Byzantinische Kirchenruine. 



liebende Herrscher auf verschiedene fremdartige Pflanzen, von welchen er viele 
in seinen Niser Garten übertragen liess. Auch König Alexander suchte gern die 
prächtigen Schluchten und Höhen des Suvastockes auf, so im Herbste 1895 in der 
anregenden Gesellschaft der Professoren Lozanic und Nikolajevic. Obschon seine 
Flora wegen der vielen unzugänglichen Schlünde und Abstürze nur unvollkommen 
bekannt ist, verzeichnete bereits Pancic 32 seltene Pflanzen, darunter die Novitäten: 
Orobus pubiscens, Ramondia Nathaliae und Ornithogalum Nyssanum als aus- 
schliesslich ihm angehörend. Seit 1889 stellte sich der zu Leskovac wirkende, 
von der Direktion des Wiener Botanischen Gartens unterstützte Lehrer Djura llic 
die eingehendere botanische Erforschung der Suva Planina zur Aufgabe. 

Sehr lebendig erhielten sich die Erinnerungen an die Römerzeit im 
Jelasnicatale. An den Felsen bei Cukljenik klebende Mauerreste werden einem 
„lateinischen Kaiser" zugeschrieben und ebenso die vom Kunovica-Defilee zum 
Jelasnicaer „greben" streichenden; beide Werke soll er zum Schutze seiner 
Hauptstadt (Naissus) und des Konstantinopeler Weges erbaut haben. Ein bei 



Durch Nis' Umgebung zur Suva Planina. ISf) 

Cukljenik aufgefundener, einem Soldaten der LEG VII CL gewidmeter Votivstein ') 
und ein anderer aus hartem Sandstein am Kozmovacko tocilo bestätigen 
die Anwesenheit der Römer an diesem Punkte, ihre Befestigungen am Eingange 
des Kunovica-Defilees und an der Jclasnica standen in Beziehung zu jenen im 
Kutinatale, in dem ich eine von vielen Kastellen gehütete Römerstrasse feststellte. 
Am 25. September 1889 trat ich von Nis den Ausflug in das grosse Tal 
der Kutina an, die nicht weniger als vier Orten ihren Namen lieh. 3 km von ihrer 
Mündung in die Ni§ava liegt Eminova-) Kutina. Die Strasse durchschneidet 
dort auf phyllitartigen, talgreichen Schiefern lagernde rotbraune Sandsteine und 
gleichfarbige Konglomerate, welche prächtigen Mais und ausgedehnte Obstkulturen 
zeitigen. Seine hübsche Mehana mit schattigem Garten bildet einen Lieblings- 
ausflug der Niser. Aus dem Besitze des wohlhabenden Muhti Effendi, der im 
abseits zwischen lauschigen Birnbäumen stehenden Konak mit seinen beiden 
Frauen und Kindern hier sonnige Tage verlebte, ging das Landgut für geringes 



Kupfer-Spitzh.Tuc vorn R.idosinlierK (Niser Kreis). 

Geld an den spekulativen Niser Kaisar Hadzi Mihail Pesic über, der nun 
an Pachtzins aus der Mehana allein 100 Dukaten jährlich zieht. Im 1 km 
weiter sich verengenden Tale schneidet die Strasse in den rechtsuferigen, stark 
verwitterten Glimmerschieferhang init steiler, stetig auf- und absteigender Trace. 
Ihre unverantwortlich schlechte Anlage fällt dem Bezirkshauptmann und seinem 
Schreiber zur Last, welche, wie es leider noch heute oft in Serbien geschieht; 
die Anordnungen des Kreisingenieurs willkürlich abänderten, bis dieser, des 
Haders müde, den Bau im Stiche Hess. 

Zwischen Lazarevo Selo und Draskova Kutina verbreitert sich das 
schluchtartige Tal. Wir setzten über eine schöne, durch Unterwaschung aber 
stark bedrohte Brücke von rotem Sandstein, der, mit Quarzkonglomeraten hier 
nahe anstehend, rechts und links, tief hinein in die vielen Einschnitte der Suva 
Planina und Selicevica alles rot färbt. In gleich steilen, wie kurzen, die Geschick- 
lichkeit des Rosselenkers erprobenden Kurven ging es nun immerfort hart am 
tief eingeschnittenen Bachrinnsal abwärts nach Prokopova Kutina oder richtiger 
zu seinem grossen, an die Strasse vorgeschobenen „Gadzin Han", bei dessen 
von einer hohen Weide und alten Ulme beschatteten Brunnen stets reges Leben 



•) C. I. L. III, Suppl. Fase. II, No. 8252. 
-) letzt lieisst der Ort Prva Kutina. 



18fi Durch Nis' Umgebung zur Suva Planina. 

herrscht. Mit einigen Schenken, dem Gemeindehaus und einer Mühle bildet der 
Han das Forum für die umhegenden Orte: Draskova Kutina, Koprivnica, Jaglicje, 
Cagrovac, Dugo Poije, Krastavce und Celije, deren 820 Steuerzahler fortwährend 
Geschäfte mit dem hier tagenden gemeinsamen Knieten abzuwickeln haben. Die 
Diskussionen setzen sich meist bei Wein und Rakija im grossen Mehanaraume 
fort, und da hier alles öffentlich verhandelt wird, hörten wir, dass einige Insassen 
des in einer östlichen Lehmschlucht liegenden Jaglicje gekommen waren, um die 
Baurechnung ihrer kurz zuvor eröffneten Schule zu regeln. Lange tönte die 
lärmende Beratung in unseren Schlafraum herüber, um sich am Morgen zu 
erneuern. 

Südlich vom Gadzin Han tritt die Strasse in das Cagrovacka-Defilee und 
steigt bald hinter Marina Kutina die südöstlichen Höhen von Duga Poljana 
hinan. Die neue Trace zweigt oft, weil allzu steile Stellen durch gut entwickelte, 
aber zeitraubende Kurven umgehend, von der antiken und türkischen ab. Da, wo 
der unterlagernde Sandstein zutage tritt, zeigte sich die Fahrbahn leidlich gut; 
im leicht beweglichen Konglomerat und Schieferterrain liess sie aber viel zu 
wünschen übrig; die starken Regen hatten streckenweise den Boden aufgeweicht 
und nahezu alle Brücken fortgerissen. Bei dem vom Hanwirte bezeichneten 
Punkte bogen wir nach einer südwestlichen Vorhöhe des durch malerische 
Spitzen und Steilabstürze ausgezeichneten, 1673 m hohen Sokolov Kamen ab. 
Der mühsame Aufstieg zu ihrem scharf geböschten Plateau, zwischen dessen 
zerklüfteten Kalkfelsen ein Wässerchen sich den Weg zur Kutina bahnt, blieb 
nicht resultatlos. Die westliche, 130 m lange, 50 bis 60 m breite Kuppe zeigte 
sich von römischen Mauern umwallt, die zu dem durch einen natürlichen Graben 
getrennten, 20 m höheren südöstlichen Cukakopfe weiterliefen. Das ungemein 
stark verwüstete Kastell ist derartig von Gestrüpp überwuchert, dass ich seinen 
Grundriss, obschon auch Ingenieur Bartos eifrig umherkletterte, nur unsicher 
bestimmen konnte. 

Durch den Strassenumbau wurde der nun tief unten liegende Miljkovacer 
Han ganz unbenutzbar, und so fuhren wir unter strömendem Regen nach Donji 
Dusnik. Der Kern dieses grossen Dorfes liegt auf dem linken, sein Forum, Han 
und Kramladen aber nahe der Strasse auf dem rechten Kutinaufer. Wiederholt 
wollte man den günstig gelegenen Ort zum Kapetanssitze des „Srez Zaplanjski" '), 
in dessen Bezeichnung der altslavische Landschaftsname „Zaplanje" fortlebt, 
erheben, doch 1887 entschied man, ihn in Nis zu lassen und blieb dabei. Der 
von Gästen überfüllte Han bildete den Mittelpunkt des neuesten politischen 
Ereignisses. Es wurde zum erstenmal nach dem von der radikalen Skupstina 
sanktionierten Wahlreglement gewählt, und nicht weniger als vier Fünftel aller 
Wahlberechtigten waren am 26. September zu dem mit allgemeiner Spannung 
erwarteten Akte erschienen; dieser spielte sich in der grossen Stube des kurz 
zuvor vollendeten, noch unbenutzten Hanbaues der Brüder Marjanov in würdiger 
Weise ab. 



') 1891 wurde dieser Bezirk dem Niser einverleibt. 



Durch Nis' Umgebung zur Suva Planina. 



187 




y^'*t: 



In jenen be- 
wegten Tagen fiel es 
schwer, irgendeinen 
Senator, Professor, 
Arzt, Ingenieur usw. - 
an seinem Berufs- 
orte zu treffen. Die 
ganze Intelligenz war 

auf der Wanderung. Das Gesetz forderte die Leitung 
der Wahlen in jedem einzelnen Bezirke durch ihm 
fremde Kommissare. Der Piroter Kreisarzt wurde 
beispielsweise mit dem Umweg über Nis, Leskovnc 
und Vlasotinci nach dem hoch im Gebirge liegenden 
Crna Trava entsendet; für unser Dusnik hatte der 

Belgrader Hochschulprofessor Stamenkovic das mühevolle Amt übernommen. Der 
serbische Bauer begreift leicht; das Wahlverfahren zeigte sich aber sehr kompliziert. 
Die Wähler traten in Gruppen zu fünf in den Saal; jedem einzelnen wurde das 
Ballottieren erklärt, bevor er an die Urnen für den liberalen oder radikalen 
Kandidaten trat, um beliebig die verschiedenfarbigen Kugeln in dieselben zu 
werfen. Nachdem der Akt beendigt war, wurden die Urnen im Beisein der 
Kommission versiegelt und des Nachts streng überwacht. Bekanntlich fielen die 
vollkommen unparteiisch geleiteten Wahlen mit grosser Majorität zugunsten der 
Radikalen aus. Die Kosten für ihre Vorbereitung, für Urnen, Kugeln, Wählerkarten, 
namentlich aber an Diäten für die assistierenden Kommissare, von welchen in sehr 
entfernte Bezirke entsendete 200 bis 300 d erhielten, sollen 300000 d betragen haben! 

Mit dem zur Wahl erschienenen jungen Popen von Sopotnica, der 
als bester Kenner des mächtigen Längengebirges gilt, vereinbarte ich alle 
Vorbereitungen zur Besteigung der Suva Planina. Er bestellte Proviant und 
Reitpferde, und der bewegte Tag wurde im anregenden Verkehr mit Professor 
Stamenkovic beschlossen. Der starke Frühnebel hielt uns nicht ab. Zwischen 
Maisfeldern, jungen Eichenständen und kleinen Weingärten mit vereinzelten 
Nuss- und Obstbäumen, gelangten wir nach Sopotnica. Bei seinem ärmlichen 
Pfarrgehöfte stiess der bereits reisefertige Pope zu uns. Der im Beginne klippige 
Reitpfad wurde an dem vom Suva Planina-Gipfel abfliessenden Prpor zahmer. Wir 
marschierten in der vom Gabar, der Sokolica und Suva Planina gebildeten Mulde 
über Cukar zum Weiler Krusje. Von diesem zieht der stetig aufstrebende Weg 
über die Sennhütten „Krst" mit nordwestlicher Kurve zum „Grob" (1372 m) und 
sodann auf dem östlichen breiten Kamme zur höchsten Kuppe „Trem" (1822 m), 
auf welcher man durch ein prächtiges Panorama bis nach Albanien und ins 
Balkangebiet belohnt wird. Der Abstieg kann vom „Grob" nach Studena 
auf dem „Königssteig" in 4 Stunden oder über den östlichen, 1761 m hohen 
Staro Plandiäte und Komin auf dem bei Krst mündenden vielgeschlängelten 
Fusspfade erfolgen. Die Anwohner benutzen diesen Weg, trotz seiner Steilheit, 
meist auch zum Aufstiege, denn er führt in nur 2 Stunden von Krusje zum Gipfel. 



If^f^ Durch Nis' Umgebung zur Suva Pinnina. 

Mit dem malerischen „Sokolov Kamen" (S. 187) beginnt der westliche, zugleich 
höchste Teil der 45 km langen, NW. bis SO. streichenden, von jungtertiären Kalken 
konstituierten Suva Planina. Er w'nd von den gegen Banja sanft verlaufenden, 
niederen dolomitartigen Mosorkuppen durch eine tiefe Einsattelung getrennt, ist 
vollkommen quellenlos und hat nur wenige übersommernde Schneefelder, daher 
auch der Name: „trockenes Gebirge". Die stark verkarstete Fortsetzung von 
der Tremkuppe über den Golemo Straziste (1736 m) zur 1687 m hohen Litica 
erfüllen zahlreiche Dolinen (Täler), welche zum nordöstlichen Rakos hinüberziehen. 
Zwischen diesem und der Kostadinca (1761 m) wird das N. zur Nisava streichende 
Massiv von den tief eingeschnittenen Bächen Crvena Reka und Mokra durchbrochen, 
wodurch der wald- und wasserreiche Nordast Golas (1485 m) isoliert erscheint. 
Seine in der Tiefe lagernden roten Sandsteine und dunklen Mergelschiefer treten 
bei Spaj, nahe der Bahnstation Crvena Reka, zutage; beim hochliegenden 
Kosmovac bergen sie ein gutes Kohlenlager, dessen Abbau vielleicht eine an 
der Crvena Reka anzulegende Seilbahn einst ermöglichen wird. Den nord- 
östlichen Ausläufer seiner petrefaktenreichen Kalkhöhen bildet der hart zur Nisava 
vorspringende, burgartige, 350 m hohe „Suplji Kamen". Dem quellreicheren, im 
Crni Vrh 1140 m erreichenden südöstlichen Suva Planina-Flügel entfliessen die 
Pusta Reka, Jablanica, Luznica und andere zur Vlasina eilende Wildbäche. Seine 
waldreichen mittleren Partien mit würzigen Wiesen nähren den grossen Viehstand 
der in den tiefen Einschnitten angesiedelten Dörfer und Weiler. Meinen Besuch bei 
den griechischen „Crnovunci" unter der Rakoskuppe, welche unsere Karten 
irrtümlich als höchsten Punkt der Suva Planina verzeichneten, schildert das 
folgende Kapitel. 

Es war mir nicht beschieden, die Tremkuppe zu erreichen. Der ungünstige 
Südwestwind verdichtete stetig die Nebelschleier. Schon deckten sie die höchsten 
Kalkzinnen; die Luft roch förmlich nach Regen, und bald fiel er in Strömen herab. 
Da auf der Höhe keine Unterkunft zu finden, wurde schweren Herzens die 
Umkehr beschlossen. Von unruhig über unseren Köpfen kreisenden Adlern 
begleitet, ritten wir von Krusa zum südlichen Kaletinac, bei dem mir ein „grad" 
signalisiert worden. Ich fand ein ansehnliches Kastell, über dessen antiken 
Ursprung mich Material und Bauweise nicht lange im Zweifel Hessen. Seine 
unregelmässigen Wallmauern schmiegten sich dem Rande des 706 m hohen, 
isolierten Plateaukopfes in fünf Abschnitten an. Auf dem das Umland vollkommen 
übersehenden höchsten Teile erkannte ich im Schutte die Rudimente zweier 
Rundtürme des 120 m langen und in grösster Breite 45 m messenden Werkes. 
Seinen natürlichen Graben bildete die von der höchsten Suva Planina-Partie 
abfliessende Malcevica. Mit dem in der Luftlinie nur 4 Millicn fernen Werke bei 
Celije (S. 186), den südöstlicheren bei Veliki Krcimir und Gornji Prisjan und 
jenen bei Gornje Vlase, Dragovlje und Stupnica am Osthange der Babicka gora 
nahm das Kaletinacer Kastell den über die Moravascheide zur Vlasina ziehenden 
Römerweg unter strenge Bewachung. 

Als wir im Dusniker Han ganz durchnässt eintrafen, hatte er seine alltägliche 
Physiognomie wieder angenommen. Während der Weiterfahrt teilte sich das düstere 



Durch Nis' Umgebung zur Suva Pinnina. IS^t 

Gewölk. Die Sonne war durchgedrungen und schmolz mit der paradiesischen 
Landschaft den Stachel gegen das unsere Partie vereitelnde Kismet. Im grellsten 
Gegensatze zu den unabsehbar gedehnten Kahlrücken der Suva F^lanina, erschien 
ihre mannigfach geformte, stark zerschnittene Vorterrasse voll frischesten Waldgrüns, 
wogender Maisfelder^ eingestreuter Nusswäldchen und herrlicher Fruchthäume, von 
welchen das wenig Weinberge besitzende Zaplanje ihren trefflichen Obstwein 
gewinnt. Dazwischen traten durch den letzten Regen erfrischte blumige Triften, 
welchen nur die Staffage fehlte, um das prächtige Bild noch heiterer zu gestalten. 
Beim „Savarni Dol" sass ich ab und vertiefte mich in die herrliche Szenerie. 
Dann ging es weiter nach unserem Nachtquartiere „Gadzin Han". 

Von diesem noch heute wichtigen Knotenpunkte zieht ein Weg O. über 
Prokopova Kutina und den Karlicki-Pass der Suva Planina nach Veta und 
weiter am Crvenabach durch das Kunovica-Defilee nach Remesiana (Bela Palanka). 
1886 wurde die gleichfalls antike Strasse von Nis über Donji Dusnik und Svodje 
zum bulgarischen Grenzzollamte Tri Kladenca wieder dem Verkehr geöffnet, und 
1889 erneuerte man auch die alte Route vom Gadzin Han durch das Barbeäkatal, 
die nun das südliche Selicevica- und nördliche Babickagebiet mit der Ni§er 
Bahnlinie verbindet. Diese vom Ingenieur Bartoä ausgeführte, von mir trefflich 
befundene Strasse zieht über Grkinja, mit grosser NW. Kurve bei Vilandrica 
im glimmerreichen Sandstein- und Schieferterrain östlich von der 1858 geweihten 
Kirche Peter und Paul zu Gornji Barbe§ im weiten Bogen an der Barbeska reka 
nach Donji Barbes, um über Toponica, hart am Rande der Morava, bei ihrer 
1889 umgebauten Cecinabrücke in die Ni§-Leskovacer Strasse einzumünden. Die 
von Mithad Pasa herrührende, 150 m lange, 8,50 m breite Brücke, mit 9 Pfeilern 
und 15 m breiten Öffnungen, verspricht durch ihre solide Erneuerung länger als 
das gebrechliche Türkenwerk der Morava-Hochflut zu trotzen. Am 20. Dezember 
1877 wurde die Brücke nach heissem Gefechte durch Major Jovan Petrovic 
genommen. Den Anstoss zum Bau der Strasse gab König Milans Wunsch, seinen 
Jagdforst in der Babicka gora leichter erreichen zu können, was nun auch die 
Verwertung der bedeutenden Frucht-, Obst- und Weinproduktion der dicht- 
bevölkerten Selicevica und die Ausbringung der grossen Holzschätze des 
Babicka-Gebirges begünstigt. Von seinen nordöstlichen, wenig bewohnten rauhen 
Steilhängen zieht dichter Laubwald hoch hinauf über die auf der Kriva Bukva 
1040 m erreichende Wasserscheide und in die oberen Einschnitte ihrer zahlreichen 
Quertäler. Gegen die Morava verwandeln sich diese in einen englischen Park 
mit 26 km langem und 6 km breitem Weinberggürtel, aus dem allerorts die 
roten Ziegeldächer wohlhabender Gehöfte hervorblicken. 

Eher lässt sich eine magyarische Pussta ohne Czärda als ein serbisches 
Waldgebirge ohne Kloster denken. Südwestlich von der höchsten Kriva Bukva- 
Kuppe liegen an den Jasunjaquellen gleich zwei. Das obere, der Sv. Bogorodica 
gewidmete Frauenkloster wurde nach einer Inschrift von der Vorsteherin Ksenija 
und drei Nonnen 1542 vollendet; das nur 30 Minuten südlichere Sv. Jovan 
scheint gleichalterig zu sein. Inschriften von 1517 — 1553 erwähnen die Sultane 
Soliman und Selim; ihre Jahreszahlen stimmen aber nicht zu deren Regierungszeit. 



190 Durch NiS' Umgebung zur Suva Planina. 

Selbstverständlich fehlt es nicht an Sagen, welche den Ruf dieser Heilstätten 
heben sollen. Es wird erzählt, dass ein räuberischer Arnaute nach dem Bilde 
des Drachentöters mit dem Ryfe schoss: „Seht, wie ich Eueren heiligen Georg 
töte!" — Die Kugel prallte jedoch von der Mauer ab und streckte den Moslim 
zu Boden (!). Noch sieht man beim Portale den Stein, auf dem der Attentäter 
beim Losdrücken des Gewehres stand. Der „Jasunjski manastir" besitzt 20 ha 
Feld und Wiesen neben 288 ha Waldboden, einen auf 2000 d bewerteten 
Viehstand und 2 Mühlen. Weltliche Geistliche besorgen die Seelsorge der ihm 
zugewiesenen 6 Orte mit etwa 1500 Bewohnern. 

Nördlich vom ehemaligen Frauenkloster liegt auf der die beiden kurzen Quell- 
arme der Jasunja trennenden Höhe zwischen der Manastirska und Bela Reka die 
Ruine eines Römerkastells, an ihrer Mündung bei Zlokucane jene eines zweiten, auf 
der 444 m hohen Cuka beim südlichen Gradasnica eines dritten; die Reste eines 
vierten sind nordöstlich von Stupnica, eines fünften zwischen Lokoänica und 
Crkovnica sichtbar, und jene zweier anderer krönen die linksuferigen Barbeska- 
höhen. Zusammen also sieben Schutzbauten auf verhältnismässig kleinem Räume. 
Und gleich stark waren die nordwestlichen Suva Planina-Hänge, die Babina Gorica 
bei Koprivnica, sowie der „Karlicki Kamen" der burgförmigen Mosorhöhe befestigt. 

Unter der Führung des sehr intelligenten Knieten und eines Panduren von 
Draskova Kutina ritten wir auf seine linksuferige Höhe, über deren Ruine aben- 
teuerlichste Sagen erzählt werden. Die verbreitetste behauptet, dass dem die 
Burg belagernden „lateinischen Kaiser" die Eroberung erst gelang, als ihm ein 
Verräter einen Weg auf den damals mit dichtem Walde bedeckten südlichen Preslop 
zeigte, von dem er sie mit Kanonen (!) bezwang. Nahezu alle von mir besuchten 
„Gradi§te", an welchen der serbische Süden so reich ist, erwiesen sich mindestens 
im Unterbau als Römerwerke. Auch bei dem Draskovacer sprachen die Struktur 
der stark verwüsteten Mauern, die 45 cm langen antiken Ziegel, viele Bruchstücke 
zweifellos römischer Deckplatten, der Mörtel usw. dafür, dass es zum Schutze 
der das Kutinatal durchziehenden Strasse in römischer Zeit erbaut worden. Die 
äussere Umfassungsmauer A verstärkten gegen N. und SW. zwei Rundtürme, den 
südlichsten niedrigeren Abschnitt eine innere Quermauer und nach aussen der 
vor der Ostfront angelegte tiefe Graben C. Zwischen dem Nordturme und 
Südwerke erhob sich, innerhalb der grossen Wallmauer, auf dem höchsten 
Plateaupunkte, das in drei Abschnitte geteilte, durch zwei nach 0. und S. gerichtete 
Rundtürme verteidigte Reduit B. Nördlich und südlich bilden die Bäche Zlodol 
und Dragusa, gegen Westen der steilgeböschte Plateaukopfhang die natürliche 
Wehr des Kastells, dessen Einzelmasse auf meiner Planaufnahme ersichtlich sind. 
Dieser „Draskovacki grad" scheint von den Byzantinern erneuert worden zu sein 
und noch im Mittelalter eine Rolle gespielt zu haben. Ausser 6 cm starken nicht 
römischen Ziegeln lassen dies byzantinische und altserbische Münzen, dann auch 
jüngere Eisenwaffen annehmen, welche hier neben zweifellos römischen von den 
nach Schätzen grabenden Anwohnern gefunden wurden. 

Die Form des dem eliptischen Plateaukopfe sich anschmiegenden Werkes 
erinnert merkwürdig an das „eiförmige" auf dem „Römerberge" in 400 m Seehöhe 



Durch Niä' Umgebung zur Suva Planina. 



191 



und 200 m hoch über Kreinbach in der Rheinpfalz, dessen früher stark angezweifelte 
römische Anlage durch mehrjährige, überzeugende Funde zutage fördernde 
Grabungen des Dr. C. Mehlis (1890-1893) erwiesen ist. Dem eifrigen Forscher 
gelang auch 1893 die Feststellung dreier antiker Kastelle an dem „womöglich 
direkt auf der Wasserscheide laufenden Römerwege" zwischen Rheinzabern — Mons 
Vosagus — Lauterthal, „die selbst den Herren Forstbeamten unbekannt waren".') — 
ich führe dies für „Stuben-Archäologen" an, welche die grosse Zahl von mir 




Kastell bei Draskova Kiitina. 



aufgefundener antiker Hochburgen überraschte. Sie vergassen, dass die römischen 
Baumeister, unbekümmert um Terrainhindernisse, den kürzesten Weg für den 
besten hielten. 

Der grössere Teil des in diesem Kapitel zum erstenmal geschilderten 
auffallend starken Kastellgürtels zum Schutze des römischen Naissus stammt 
wohl aus der Zeit der Kaiser Valentinian und Valens, als die Römer bereits alle 
Kraft aufbieten mussten, ihre rechtsuferige Donaugrenze gegen die anstürmenden 
Barbaren zu halten. Dies zeigt schon die Anlage der meisten Werke, im Gegensatze 
zur Trajanschen Übung, auf schwer zugänglichen hohen Punkten, was ganz dem 



') C. Mehlis, Ausland, 1890 u. 1891. Berl. phil. Wochenschr., No. 37, 1893. 



192 Durch Nis' Umgebung zur Suva Planina. 

von Vegetius dargestellten, allmählich zur Geltung gelangten Prinzip entspricht, 
zugleich aber die bis dahin bevorzugte regelmässige oblonge Quadratform aus- 
schloss. Die Seltenheit gestempelter Ziegel hängt wohl damit zusammen, dass 
diese spätrömischen Kastelle und Wachttürme des 4. Jahrhunderts schwerlich 
mehr von den gegen äussere Feinde vielbeschäftigten Legionen, sondern durch 
von römischen Oberen beaufsichtigte Lokalmilizen — man braucht nur an die 
von Mommsen nachgewiesenen Lokaltruppen der Helvetier, Rhäter usw. oder an 
die linksrheinischen Laeti zu denken — erbaut und verteidigt wurden. Die 
kleinen Besatzungen (castrenses, auch castellani) dieser durch Signale sich meist 
leicht verständigenden festen Werke hatten im Frieden gewiss auch die Aufgabe, 
die widerwilligen Elemente der weniger stark romanisierten Landbauern im Zaume 
zu halten und das reiche, lockende Naissus gegen ihre Gelüste zu sichern. Die 
inneren römischen Verhältnisse glichen im 4. Jahrhundert auf demselben Boden 
höchst wahrscheinlich den türkischen vor dem Ausbruche des russischen Krieges 
(1877). Die numerische Schwäche der herrschenden Frenidrasse führte zur 
Errichtung zahlreicher kleiner, fester Stützpunkte. Und ganz so wie die eingeborenen 
Slaven nach den ersten russischen Siegen eifrig zur Demolierung der Karaulen 
schritten, mochten die mit der Fremdherrschaft unversöhnten Mösier die Zwing- 
bauten der Römer zerstört haben, als deren Macht durch die Völkerstürme ins 
Wanken geriet. 

Meine Ansicht über diese teilweise „innere" Bestimmung vieler niösischer 
Kastelle reifte immer mehr angesichts der zahlreichen kleinen Werke, welche ich 
oft weitab von den Heerstrassen auf meinen serbischen Wanderungen traf; ihre 
Berechtigung erhält sie durch viele erst in letzter Zeit aufgefundene, ähnlich 
situierte kleine Römerburgen im Rheinlande, die unter analogen Verhältnissen 
wie die musischen errichtet, doch bald preisgegeben, bis auf die Grundfesten 
verwüstet und später zum Aufbau germanischer Feudalschlösser benutzt wurden. 

Bei Draskova Kutina schloss ich meine Ausflüge zur Feststellung der Reste 
aus der Zeit des römisch- byzantinischen Naissus und Nysos ab. Auf dem 
Rückwege vom Kastellberge fand ich die Erklärung, weshalb es mit dem Walde 
in der Selicevica so schlecht steht. Allerorts begegneten wir zahllosen Ziegen- 
herden. Jedes Gehöft der nahen Orte besitzt durchschnittlich mindestens 40 bis 60 
dieser forstschädlichen Vierfüssler. Die Rindviehzucht wird leider stark vernachlässigt; 
vielleicht deshalb, weil nur sehr niedrige Preise erzielt werden. Beispielsweise stehen 
vier- bis fünfjährige Ochsen im Preise von 80 — 100 d. Auf der Weiterfahrt trafen 
wir die steilen Böschungen der hohen Strassenbahn durch den heftigen Regen 
der letzten Tage an einigen Punkten in die Trace stark gefährdender Weise zerstört. 

Der Mittag traf mich wieder in Nis' französischem Restaurant, in dem ich 
von Sir Macdonald, dem englischen Konsul, und Mr. de Lagarde, dem französischen 
Vizekonsul, mit gewohnter Liebenswürdigkeit über die neuesten Vorkommnisse im 
Occident unterrichtet wurde, dafür aber von den oft interessanten, wenn auch 
nicht immer angenehmen Reiseabenteuern erzählen musste, die hier, weil rein 
persönlicher Natur, unberührt blieben. 



VIII. 



Von Nis über Bela Palanka, Pirot 

auf den Rakos, Sveti Nikola- und Ciporovica-Balkan. 



IN allen Kämpfen zwischen Oesterrelchern, Türken und Serben standen die 
Vorgänge an der Morava mit jenen am Timok und an der Donau in engster 
Beziehung. Deshalb machte sich auch in unserer Zeit, ganz so wie unter Rom 
und Byzanz, das Bedürfnis nach einer beide Gebiete verbindenden direkten guten 
Strasse stets dringend geltend. Als die Pforte im Jahre 1862 gegen das aufgeregte 
Serbien rüstete, hemmte der Umstand, dass der bequeme Timokweg zwischen 
Vidin und Ni5 teilweise durch serbisches Gebiet läuft, ihre Rüstungen und führte 
zur Anlage der 155 km langen Strasse Vidin — Belogradcik — Nis. Noch im selben 
Herbste vollendete der energische Mithad Pasa die 70 km lange Strecke 
Ni§— Sveti Nikola-Pass, während ihre jenseitige Fortsetzung im Vidiner Paschalik, 
wegen des schwierigen Terrains, erst 1868 dem Verkehr übergeben wurde. 

Die Trace des neuen Heerwegs führt von Nis über die Vorhühen der 
Suva Planina in das Tal der Nisava, übersetzt diese bei Bela Palanka, durchzieht 
sodann das Quellgebiet des Trgoviäki Timok und die Vorberge des Sv. Nikola- 
Balkans, übersteigt diesen, geht hinab in das Lom-Quellgebiet, um bei Falkovce 
mit ihrem östlichen Zweige am Flusse die handelstätige Donaustadt Lom und 
mit dem nordöstlichen über Belogradcik und die Stoloviberge das feste Vidin 
zu erreichen. Die Pforte erwarb sich durch die Einführung der Fahrpost auf 
dieser hochwichtigen Strasse ein grosses Verdienst. Der dadurch über den 
Balkan geleitete Personen- und Warenverkehr schädigte aber Serbien sehr 
empfindlich; einmal durch den F.ntgang des von ihm erhobenen Transitzolls, 
dann weil auch Belgrad und Aleksinac gleichviel an kommerzieller Bedeutung 
einbUssten, als Vidin, Lom und Nis gewonnen hatten. Die Grenzverschiebung 
im Jahre 1878 und der Schienenweg Belgrad — Konstantinopel milderten den 
fiskalischen Nachteil, andererseits verlor der dem Fürstentum zugefallene Strassenteil 
Nis — Sveti Nikola-Pass seine wirtschaftliche Bedeutung für den Donauverkehr. 

Als ich 1864 zum erstenmal über den Sv. Nikoia-Balkan zog, fand ich die 
kartographische Darstellung dieses wichtigen Gebietes selbst unmittelbar am 
Konstantinopeler Heerwege so total falsch, dass mich ihre Korrektur durch längere 

F. KANITZ, Serbien. U. 13 



194 Von Nis über Bela Palanka, Pirnt auf den Rakos usw. 

Zeit vollauf beschäftigte. Von Nis ging es zunäctist am „Sciiädelturm" vorbei 
in gerader Linie durch seine wagrechte Ebene; rechts blieben die niederen 
Ausläufer der Selicevica. Bei dem früheren Posthause Mahmud Pa§a-Han, 
wo im Sommer gewöhnlich Kavallerie unter Zelten lagerte, tritt die Strasse in 
das berühmte Kunovica-Defilee der Suva Planina. Hier drängte sich mir bei 
Betrachtung unserer damaligen besten Karte die Frage auf: weshalb folgt die 
Strasse nach Sofia nicht dem bequemen Nisavalauf und überschreitet ohne 
Notwendigkeit bedeutende Höhen? Bald erkannte ich jedoch, dass natürliche 
Hindernisse dazu zwangen. Die Kartographen irrten; nicht im breiten Tale läuft 
die Nisava bis kurz vor Bela Palanka, sondern durch eine ganz unwegsame 
Felsschlucht, die bei Sicevo, durch die senkrechten Kalkwände des 1099 m 
hohen Visegrad am rechten und die 610 m hohen Kusaca-Steilmauern am 
linken Ufer auf 11 m Breite verengt, die nur über unvollkommene Sprengmittel 
verfügenden Römer zu ihrer Umgehung nötigte. 

Vergeblich suchte ich damals auch den Namen „Suva Planina" auf 
unseren Karten. Kiepert benutzte die Itinerarien von Pirch, Boue und Hahn, 
welche diesen selbständigen Gebirgsstock „Stara Planina" nannten, obgleich ihn 
schon 1740 die „Mappa" des k. Hauptmanns v. Rebain i) als „Sucha-Felsengebirge" 
(suh, suv ^^ trocken) verzeichnet hatte. Meine Vorgänger wussten nicht, dass 
„Stara Planina" der von Serben und Bulgaren gebrauchte Kollektivnamen für die 
türkisch „Hodza-Balkan" genannte Humuskette sei. Erst 1870 erschien der 
Sv. Nikola-Balkan und die Suva Planina auf Kieperts Karte zum erstenmal nach 
meiner Aufnahme mit ihrem wirklichen Namen an der richtigen Stelle. 

Vom Mahmud Pasa-Han zieht die stetig ansteigende Strasse, vorüber an 
den türkischen Blockhäusern von Kunovica und der ersten Poststation Ploca 
(iV-i St.), östlich aufwärts, um beim Vuciji Del mit 573 m die Passhöhe in 
Steilserpentinen zu erklimmen. Das geschichtlich interessante Kunovica-Defilee 
ist nicht, wie Jirecek schrieb^), mit dem von Tamnjanica an der Nisava identisch, 
sondern liegt westlicher, hoch über letzterem, im kristallinischen Kalk eingeschnitten. 
Seine strategische Wichtigkeit erkannten schon die Römer. Durch dasselbe lief 
ihr Konstantinopeler Heerweg, geschützt am westlichen Zugange durch die Mutatio 
Redicibus (Radia), deren Befestigung ich bereits erwähnt habe. 7 Millien weiter 
lag die gleichfalls nur im Itin. Hieros. genannte Mutatio Ulmo, welche Lapie bei 
dem fiktiven „Pauvlitz" ansetzte-^), deren Wachtturni aber höchstwahrscheinlich 
auf der eine Ruine tragenden „Medena Stena" stand. Im Mittelalter fiel das 
oftgenannte Defilee 1341 mit Nis und Pirot in Zar Dusans Gewalt. Es blieb 
nun serbisch bis zur ersten Eroberung des Balkangebiets durch Sultan Murads 
Truppen, welche, dem von Westen heranziehenden serbischen Heere zuvorkommend, 
den Pass besetzten und so den Fall von Nis herbeiführten (1386). 

Grosse Berühmtheit erhielt das Defilee im Kriegszuge des Königs Vladislav 
und Hunyadys gegen Sultan Murad. Vereint mit den Scharen des Serbenfürsten 



') Wiener k. und k. Kriegsarchiv. 

-') Geschichte der Bulgaren, S. 34, 365. 

^) Smith. Dictionary, II, S. 696. 



Von Nis über Bela Palankn, Pirot auf den Rakos usw. 



195 



Brankovic war das Christenheer 1443 über Sofia bis Zlatica vorgedrungen.") 
Alle Eroberungen mussten aber aufgegeben werden, als der überaus strenge 
Winter das Verbleiben in dem verödeten sterilen Bergiande unmöglich machte 
und Murad mit einem starken Heere gegen Sofia anrückte. Man entschioss sich 
notgedrungen zum Rückzuge über Pirot nach Niä, wobei an einem der ersten 
Januartage die ihn deckende, von Brankovic befehligte Nachhut von den nach- 




Wasserfall bei Sicevo. 



drängenden Türken an der Crvena Reka (Rotbach) in ein ernstes Gefecht verwickelt 
wurde. Die Gefahr erkennend, kehrte der in das Kunovica-Defilee bereits 
eingedrungene König mit Hunyady um. Das Fussvolk blieb dort zum Schutze 
des Trains. In dem bei Mondschein geführten hartnäckigen Reiterkampfe, 
wahrscheinlich bei der heutigen Bahnstation Crvena Reka, ergriff des Sultans 
Heer die Flucht. Sein Lager mit grosser Beute wurde genommen, Murads 
Schwager Mahmud Celebi und mehrere Paschas wurden gefangen, ein getöteter 
naher Verwandter des Sultans mit Tausenden gefallener Moslims im noch 



') Kanitz, Donau-Bulg. u. d. Balkan. II. Aufl., II Bd., S. 208. 



13* 



196 Von Nis über Bela Palanka, Pirot auf den Rakos usw. 

bestehenden Orte Taniiijanica begraben. Die tapfersten Krieger sciilug der König 
gleicli auf der Walstatt zu Rittern. Der rauhe Winter verhinderte die Aus- 
nutzung des Sieges; ja, man war gezwungen, auf die Fortschaffung des grössten 
Teiles der eroberten Wagenburg zu verzichten. Anfangs Februar hielt Vladislav 
als Überwinder des Sultans seinen feierlichen Einzug zu Ofen. Der Kampf im 
Kunovica-Defilee wurde von den Poeten, namentlich von den Dalmatinern 
Gundulic, Palmotic u. a., in schwungvollen Gesängen gefeiert. 

im Jahre 1719 wird der strategische Wert des Defilees erneut betont: „Nur 
seine Wegnahme ermögliche das Vordringen von Nis gegen Sofia, weil schon 
wenige tausend Mann hier eine Armee unschwer in ihrem Vormarsche aufhalten 
könnten." ') Damals gab es an der Strasse noch dichteren Wald als heute; er 
galt als unsicher, denn die von den Türken zu ihrem Schutze errichteten Karaulen 
wurden von der aufständischen Bevölkerung oder durch Heiduckenbanden wiederholt 
zerstört. Nach einem dieser von dem gefürchteten Buljukba§a Moralija aus Morea 
befehligten Blockhäuser wurde der Pass von den Anwohnern „Moralija Klisura" 
genannt, und noch heute heisst ein Strassenhan südlich vom 792 m hohen Kuno- 
vacki Vrh „Moralija Han". 

Es ist interessant, wie sich manchmal historische Verwaltungsgrenzen vererben. 
Auf der „Ploca", von deren Blockhaus meine Peilung Nis nicht wie auf den 
Karten N., sondern W. vom Defilee ergab, betrat ich den Piroter Kreis, und ebendort 
befand sich schon in Kaiser Justinians Zeit die Grenze zwischen der „Regio 
Naissatensis", welche Nis, und jener von Remisiana, welche Pirot und das Nisava- 
Quellgebiet umschloss. Bei dem 1870 von Caus Rakibs Tscherkessen besetzten 
Beklemeh Kozeljokus senkt sich die Strasse allmählich abwärts. Nahe einem 
zu Veta gehörenden Ciftlik zeigten sich westlich in den auf Mergelschiefern 
lagernden roten Sandsteinen tiefe, unter Kultur gesetzte Einschnitte der hier mit 
Ahornen, wilden Birnbäumen, Weissdornen, Buchen usw. dicht bewaldeten Suva 
Planina. Weiter ging es hinab zur in roten Sandstein eingebetteten Crvena Reka 
(Rotbach). Ich kreuzte sie bei dem gleichnamigen Dorfe, das 1861 25 Tataren-, 
dazu 1864 31 tscherkessische, nun verschwundene Familien erhielt und besuchte 
den benachbarten „Suplji Kamen" (durchlöcherten Stein), an dem der Königssohn 
Marko Kraljevic die Güte seines Streitkolbens erprobte. Es ist Serbiens südöst- 
lichster Punkt, an dem Traditionen von der Wunderkraft dieses volkstümlichsten 
altserbischen Helden haften. Gleich darauf betraten wir die von der Konstantinopeler 
Strasse geradlinig durchschnittene, bis 4 km breite Ebene des in Sicht getretenen 
Bela Palanka. 

Bela- oder Ak-Palanka (Weisse Stadt), wie Serben, Bulgaren und Türken 
das auf älteren Karten als „Mustafa Pasa Palanka" eingetragene Städtchen nennen, 
erreicht man von Nis zu Wagen mit guten Pferden in 4 Stunden, die türkische 



') Herr Damian Hugo des heyl. Rom. Reichs Graft von Virmond, Kayser: Scheimbder 
und Hoff, Kriegs-Rath, General Feldzeugmeister und Obrister über ein Regiment Infanterie. 
Relation von der Reise der Rom. Kayser: Gross-Bottschaft an die Ottomanische Pforte, so 
anno 1719 geschehen, und zwar von Belgrad aus, biss nach Constantinopel, auch was langst 
besagten Marsches vor Militärischer Observationes zu machen. 



Von Nis über Bein Painnkn, F^irot auf den Rakos usw. 



197 



Post rechnete aber 8 und liess sich ebenso viele bezahlen. Bela Palanka steht 
auf einer wahrscheinlich Trajanschen Gründung,', die als „Respublica Ulpianorum" 
erwähnt wird. Schon im Mittelalter stiessen hier Reisende auf römische Reste. 
Graf Marsigli kopierte 3 Inschriften, darunter eine aus der Zeit des Kaisers 
Philippus Arabs, unter dem Rom sein tausendjähriges Jubiläum feierte'); 1864 
schrieb ich diesen beim nordwestlichen Turme des Türkenschlosses eingemauerten 
Stein richtiger ab.-) Monimsen publizierte alle aus Bela Palanka bekannt gewordenen 
Inschriften''), die unter No. 1688 veröffentlichte fand ich 1885 in einem ehemaligen 




Kozeljokiis-Karaiila. 



Türkenhause wieder; die anderen gingen grösstenteils verloren, ebenso ein 
Säulenstanim und Kapital, die ich 1864 beim Kaleh-Haupttore gezeichnet hatte. 
Damals stiess ich nach längerer Rekognoszierung an der Mokra auf antike 
Mauern, welche zum Türkenschlosse liefen. Die Aushebung von Grundfesten für 
Neubauten ergab 1887 einen 26 m breiten Graben i) der ältesten Befestigung des 
nach der Tab. Peut. 24 Millien, im Itin. Ant. 25 Millien und im Hin. Hieros. (als 
„Romansiana") 28 Millien von Naissus entfernten Remesiana.-^) 



') Danubius, II, Taf. 63. 

C. I. L, 111, S. 1024, ad 1687. 

') C. I. L., III, No. 1685-1690. - 

*) Starinar, II, S. 99. 

") Starinar, II, S. 99. 



Suppl. Pasc. II, No. 8257-8259. 



198 



Von Nis über Bela Palanka, Pirot auf den Rakos usw. 



Bei meinen letzten Besuchen Bela Palankas (1887, 1889) fand ich des 
römischen Remesianas Ausdehnung innerhalb der Mauern etwa viermal grösser 
als jene des auf seinem nordöstlichen Teile entstandenen Türkenschlosses. Das 
Weichbild der Civitas erstreckte sich aber noch weit über ihr befestigtes Zentrum 
hinaus. Nördlich von diesem wurden bei der Materialaushebung für den Bahndamm 
die Grundfesten römischer Wohngebäude freigelegt, durch deren Aufnahme sich 
Ingenieur Sabovljevic verdient gemacht; ich ergänzte sie durch einen Perspektivriss 
am 23. September 1889. Von Remesianas südlicher Nekropole sah ich im Hause 




Ruine von Reniesiana bei Bela Palankas Bahnstation. 



der Brüder Zivkovic ein Gruftgewölbe, aus dem 1888 drei Bleisärge gehoben 
wurden. Kosta Cincarin eröffnete auf seinem Weinberge beim Kriegerdenkmal 
ein Grab mit männlichem Skelett und Resten der seidenen Umhüllung. Bleisärge 
und riesige keramische Platten von 1888 eröffneten Gräbern traf ich nahe beim 
Bezirkshause. Herr Naka Pesic geleitete mich hinauf zu einem etwa 700 m vom 
Schlosse entfernten isolierten Landgute, auf dem man kurz zuvor ein prächtig 
ausgemauertes, 1,95 m langes, 0,60 m breites und 1,20 m hohes Grab eröffnet 
hatte. Unfern stiess ich auf gewölbte Räume und einen Estrich von quadratischen 
Ziegeln. Auf Antonije Milenkovics Besitz sah ich antike Grabstätten und in 
Jovanca Pesics Hause einen aus Ziegeln erbauten, dem Niser sehr ähnlichen 
Römerkanal. 

Remesianas nähere und weitere Umgebung war durch zahlreiche Werke 
befestigt. Ausser den im Kunovica-Defilee erwähnten befanden sich andere in 
jenem der Nisava, unter dem Berge Visegrad und am Südfusse der Rinjska Planina, 
zwischen Donji und Gornji Rinj. Die Reste zweier Türme auf dem südwestlichen 



Von Nis über Bein Palanka, Pirof auf den RnkoJ usw. 



19«1 



Malo Kurilovo-Berge stammen wahrscheinlich von dem an Remesianas Steile 
entstandenen byzantinischen „Runiisiana". Procopius erwähnt es als eine Stadt mit 
eigenem Gebiete, in dem Kaiser Jiistinian 29 Kastelle und Wachttürme erneuern liess 
und jener alte Bischofssitz sich befand >), von dem St. Nicetas, der „Bessen-Apostel", 
im 5. Jahrhundert die Christianisierung des Umlandes energisch betrieb.-) Auf dem 
chalkedonischen Konzil (452) unterschrieb sich der die Diözese vertretende Bischof 
als Episc. Remessianesis. Eine 1885 aufgefundene Marmorplatte mit lateinischer 
Inschrift zeigt, dass hier auch eine den Aposteln Peter und Paul geweihte lateinische 
Kirche bestand.') Das byzantinische Rumisiana (auch Mokros) zog sich tief in 
die Mokraschlucht hinein. Dort von mir aufgefundene antike Reste bespreche 
ich am Schlüsse des Kapitels. In den altserbischen Chroniken erscheint die den 
Bulgaren entrissene Stadt als „Izvori". In türkischer Zeit entstand auf ihren 




BELA PALANKA. Das von Türken und Tscherkessen verteidigte Schloss im Jahre 1876. 



Resten der Weiler Kurucesme, den der im Gefolge eines kaiserlichen Gesandten 
nach Konstantinopel reisende Schweigger (1577) als „Dörflein Guru§ehebce", in 
dem man übernachtete, erwähnt. ') 

Im Jahre 1047 der Hedschra (1637) wurde, wie Hadzi Chalfa erzählt''), dem 
Richter von Sarköi (Pirot) der Bau einer Palanka in Kurucesme aufgetragen. 
Sachverständige schätzten die Kosten der 230 Ellen lang, 150 Ellen breit geplanten 
Baute auf 36000 Piaster. Über Vorstellung des Kaimakan Musa Pasa kürzte 
man 30 Ellen an der Länge, 10 Ellen an der Breite, wodurch die Kosten bedeutend 
vermindert wurden. Die Mauern sollten einschliesslich der Grundfesten 14 Ellen 
Höhe, 3 Ellen Breite, jeder der 8 Rundtürme 20 Ellen im Umfange, 20 Ellen Höhe, 
der mittlere Torturm 1 Elle mehr erhalten. In allem waren 30000 Ellen Mauerwerk, 



') Mannert, VII, S. 95. 

2) Eine hier aufgefundene Inschrift mit lateinischem Typus des 5. Jahrhunderts soll aus 
der von Nicetas begründeten St. Peter und Paulskirche stammen, 
ä) Starinar, II, Tab. VI. 

•) Reise aus Deutschland nach Konstantinopel und Jerusalem. Nürnberg 1609. 
') Rumcli und Bosna, 157 f. 



200 Von Nis über Bela Palanka, Pirot auf den Rakos usw. 

jede zu 70 Aspern Kosten, veranschlagt, welche die umliegenden 13 Bezirke auf- 
zubringen hatten. 

Die Ausführlichkeit, mit welcher Chalfa den von Murad IV. angeordneten 
und niit geringen Abänderungen ausgeführten Neubau beschrieb, zeigt, dass 
derartige Werke im 17. Jahrhundert bereits als besonders hervorragende betrachtet 
wurden. 

Im Vergleiche zum Occident war die Gründung von Städten im europäischen 
Südosten äusserst spärlich. Unter der moslimischen Herrschaft entstanden nur 
wenige neue Städte, wohl sanken aber viele, unter Rom, Byzanz und selbst in 
der serbisch-bulgarischen Epoche berühmt gewesene Kulturstätten zu elenden 
Dörfern herab. Das nomadisierende Element der asiatischen Heimat klebt auch 
den nach Europa gewanderten Türken an. Zu Schöpfungen wie Mustafa Pasa 
Palanka, so genannt nach seinem zu Nis residierenden Erbauer, bedurfte es 
christlicher Meister; ganz so wie heute, wenn es sich um den Bau von Moscheen, 
Palästen, Eisenbahnen usw. am Bosporus handelt. Die neue Palanka wurde aus 
dem zutage liegenden Material der römisch -byzantinischen festen Stadt, nach 
der Volkssage aus jenem von 12, auf Mustafas Befehl niedergerissenen Kirchen 
in den nahen Dörfern erbaut. Wie eifrig deren Bevölkerung dabei fronen musste, 
zeigt die Tradition, dass für alle Kinder einer Ortschaft nur eine dieselben hütende 
Frau zurückbleiben durfte. 

Dem serbischen Artilleriemajor Jovan Brdarski verdanken wir einen genauen 
Plan des Türkenschlosses. Nach diesem war seine gegen NO. und SW. gerichteten 
Langfronten durchschnittlich 140 m, die Piroter 110 m und die Niser 95 m lang. 
Die Mauern schnitten an den Ecken in Rundtürme von 11,5 m Durchmesser ein 
und wurden nicht ganz in der Mitte durch im verlängerten Halbkreise 5,8 m 
vorspringende Türme unterbrochen. An der südwestlichen Hauptfront befand 
sich der ganz aus römischen Quadern erbaute starke viereckige Mittelturm mit 
dem überwölbten Portale und der Inschrift, in welcher abweichend von Hadzi 
Chalfa das Erbauungsjahr um ein Jahr später angegeben erscheint. An der 
Nordostfront befand sich der nur 1,5 m breite kleinere Zugang. Die Mauern, 
in welchen ich sehr viel römisches Material bemerkte, waren mit als Schiess- 
scharten dienenden Zinnen gekrönt, die Türme besassen niedere Brustwehren, 
Vorwerke und Gräben fehlten. 

Die hart unter dem äusserlich imposanten Türkenschlosse vorüberziehende 
Konstantinopeler Strasse gab ihm strategische Wichtigkeit. In den österreichisch- 
türkischen Kriegen teilte es gewöhnlich gleiches Schicksal mit Nis und Pirot, in 
deren Mitte es liegt. Graf Schmettau, der Schilderer der Kriegsjahre 1737 — 39, 
äussert in seinen erwähnten Memoiren: „Mustapha Pasa Palanka ist ein altes 
Schloss, umgeben von einer starken Mauer, flankiert von Türmen und dominiert 
von Höhen; aber ohne Artillerie wäre es doch nicht zu nehmen." Boue') schrieb 
1840: „Moustapha Pasha Palanka n'est qu'un endroit palissade." Nach dieser 
Äusserung war anzunehmen, dass die von Schmettau erwähnte Feste nicht mehr 



') La Turquie d'Europe, II, S. 348. 



Von Nis über Bela Palanka, Pirot auf den Rakoä usw. 



t2()l 



existiere. Sie bestand jedoch bis auf unsere Zeit iierab nahezu so, wie sie von 
den Oesterreichern im Oktober 1737 vor den von Sofia anrückenden Türken 
geräumt wurde; denn die Kaiserlichen hatten damals und lö88 nur einige 
Gebäude, darunter eine feste Karawanserei, zerstört, von der heute nocii die 
63 m langen und 31 m breiten Grundfesten, gegenüber der Hauptschlossfront, 
sichtbar sind. 1841 wurde Bela Palanka von den gegen Nis vorrückenden 
bulgarischen Aufständischen genommen; nachdem sie besiegt waren, aber um so 
eifersüchtiger gehütet. 

Bei meinem ersten Besuche 1864, und auch 1870 und 1871, fand ich das 
Schloss ausschliesslich von Moslims bcwoimt. Seine in unsauberen Gässchen 
zusammengepferchten 60 Häuschen, die kleine Moschee, ihr Minarett und zwei 
Tekija machten einen traurigen Eindruck, und gleich armselig sah die 300 Seelen 















BELA PALANKA im Jahre 1897. 



starke Bevölkerung aus. Die wenigen Christen siedelten in einer dem Haupttore 
gegenüber sich dehnenden Häuserzeile mit elenden Hauen und Kramläden.' 
Abends wurden die Kalehtore sorgfältig geschlossen. Der erste serbische Versuch, 
sich Bela Palankas durch Überrumpelung am 12. Juli 1876 zu bemächtigen, 
misslang durch die Wachsamkeit der Tscherkessen. Erst am 24. Dezember 1877 
wurde es nach einem vom Morgen bis zum Abend andauernden Gefecht erobert. 
Die Serben zählten 7 Tote und 44 Verwundete, drangen jedoch trotzdem noch 
am selben Tage gegen Pirot vor. Das Städtchen fand man nahezu leer. Seine 
Bewohner flohen mit den geschlagenen Nizams über Vlasotinci nach Leskovac. 
Sofort schritten die christlichen Umwohner zur Zerstörung des Kaleh. Seine 
östliche und südliche Front samt nahezu allen türkischen Gebäuden wurden als 
Steinbruch für die 1882 auf älteren Grundfesten erstandene Chr. Himmelfahrtskirche 
und andere Neubauten der zum Bezirksstädtchen erhobenen Bela Palanka benutzt. 
1905 zählte sie schon in 455 Häusern über 2500 Bewohner, eine 1892 gegründete, 
2 Mill. umsetzende Sparkasse, ein Post- und Telegraphenamt, zwei Knabenschulen 



202 Von Nis über Bela Palanka, Pirot auf dun Rakos usw. 

und eine für Mädchen, ein Kirchlein, und fortwährend erhält es neuen Zuzug aus 
der Umgebung. 1889 traf ich dort nur mehr zwei Türken, welche ihren Grund- 
verkauf abwickelten. 1880 errichtete der Archimandrit des benachbarten Klosters 
Sv. Dimitrije den 1877 bei Bela Palankas Befreiung gefallenen Soldaten nördlich 
von der Nisavabrücke ein nettes Denkmal. Bei meinem letzten Besuche (1889) 
wanderten wir hinaus auf die westlichen, mit Reben bepflanzten Höhen, in deren 
Boden auch römische Legionäre ruhen. Die Landschaft atmete tiefen Frieden. 
Gegen SW. erhoben sich der waldbedeckte 1485 m hohe Golas, daneben der 
höhlenreiche, wenig niedrigere Preslab, über den ein Saumpfad von Bela Palanka 
auf die höchste Suva Planina-Kuppe führt; unten an der Nisava aber brauste 
die Lokomotive hart vorüber an den aufgedeckten Grundfesten des römisch- 
byzantinischen Remesiana nach Sofia. 

Unmittelbar hinter Bela Palanka tritt die Konstantinopeler Strasse in das 
Kalkdefilee „Cingene derven" mit tief eingeschnittenen Steilhängen, „allwo 
man", nach Graf Vermonds erwähnter Schilderung, „eine Armee gar leicht arretieren 
könnte". Die Berge fand ich an diesem Punkte ganz entwaldet; die tscherkessische 
Besatzung des türkischen Blockhauses neben dem elenden Han flösste wenig 
Vertrauen ein; die ganze Szenerie machte den Eindruck eines Schauplatzes für 
„Helden der Strasse". Schon 1864 hatte ich den 0. nach W. nehmenden Lauf 
der Nisava und Konstantinopeler Strasse in Karte gebracht. Wie richtig 
meine Positions-Peilungen für Nis, Bela Palanka, Pirot usw., zeigten die späteren 
astronomischen Ortsbestimmungen für die europäische Gradmessung, welche die 
Grenzen des Aleksinacer und Knjazevacer Kreises gleichfalls eine volle Meile 
südlicher rückten, wodurch das Fürstentum schon vor 1878 einen grösseren 
Flächeninhalt erhielt, als früher angenommen wurde. 

Die Strasse verfolgt weiter den antiken Heerweg. Der westliche nahe Milcin 
Vrh bei Tijelovac trug das ihn hütende Kastell und die südöstlichere Bukova 
Padina jenes der im Itin. Hieros. 9 Millien von Remesiana angesetzten Mutatio 
Latina. Bald darauf betrat die antike Trace, unter dem Schutze eines Kastells auf 
der nördlichen Höhe von Veliki Suvodol, am Hange des Jurakalkgebirges Belava 
(962 m) sanft abwärts ziehend, das ebene Piroter Becken. Schon hinter Ponor 
erweitert sich der Taleinschnitt und südlich von Mali und Veliki Suvodol erschienen 
die wohlhabenden Orte Blato, Kostur, Lopatnica u. a., welche die im Pariser 
Frieden gewährte Erlaubnis 1864 zum Bau einer weithin sichtbaren, dem hl. Hara- 
lampije geweihten Kirche benutzten. Wie ich hörte, wurde in dieser ein in einer 
benachbarten Ruine gefundener „lateinischer" Inschriftstein eingemauert (?). Die 
von Ponor 9 km streng O. haltende geradlinige Strasse erreicht in 4 Stunden 
Pirot. Wir kreuzten die Bokludza im christlichen Stadtteile, dessen von zwei 
Brüdern hart an der Nisava betriebener „Jeni Han" uns gute Unterkunft bot. 

25 Millien nach der Tab. Peut., 18 nur nach den Itin. Ant. und Hieros. lag 
von Remesiana entfernt die von Procopius „Turribas" genannte Mansio Turribus 
(Turres). Die Masse der zuletzt angeführten Itinerarien fallen mit ziemlicher, 
jene der Tafel, wenn wir den Abschreibfehler 25 für 15 Millien annehmen, mit 
voller Genauigkeit auf das befestigte Pirot, dessen durchfliessender Bokludzabach 



Von Nis über Bela Palanka, Pirnt auf den Rakos usw. 20;l 

die erst im 14. Jalirli. genannte Stadt von iiireni niittelaiterliclien Sclilosse trennt. 
Die Anwohner nennen als seinen Erbauer den Wojvvoden Momcilo, einen Onkel 
des Nationaliielden Marko Kraljevic, und aueh den Sultanstöter Miios Obilic, wie 
es der Reisende Gerlach dort 1578 iiörte. ') Jirecek glaubt, dass hier die von 
Edrisi zwischen Nis- und Sofia erwähnte Stadt Atruni oder Alrusi stand. Die 
Türken nannten Pirot aligemein „Schir köi" oder kurzweg „Sarköi". Von diesem 
verballhornten „Scherdire" erzählte Schweigger 1577 -): „Vor dem Dorf steht ein 
fein alt Castell in der Eben unten am Berg, dabei sein etliche Wasserquellen, 
das Schloss hat fünft starcke Thürm. auf dem Berge sihet man viel alt Gemäuer, 
die innwohner zeigen an, das alte Schloss unten am Berg sei von Türken gebaut 
als eine Gegenwehr, weil sie das Schloss auf dem Berg nicht kunnten gewinnen, 
welches aber schwerlich zu glauben, denn die Türken bauen nicht so herrliche 
Häuser als diess ist." — Nach Hammers Angabe'') hätte aber Knez Lazar beim 
Heranzuge der Türken das feste Pirot 1390 (richtiger 1386) durch den Wojwoden 
Dimitr, Sohn des Vojihna (Mitar Vojinovic), besetzen, Murad jedoch es durch Jaksa 
Beg stürmen und schleifen lassen. Nach anderer Quelle') nahmen die Serben 
das nächtlicherweise überrumpelte Pirot gleich wieder und hätte es Stevan 
Lazarevic noch 1412 und 1413 gegen Sultan Musa tapfer verteidigt. Sicher ist, 
dass la Brouquiere 1433 zu Pirot Türken fand. König Vladislav eroberte die wieder 
befestigte Stadt 1443 mit des Serbenfürsten Brankovic Hilfe, der sie 1444 im 
Szegediner Frieden auch erhielt, aber bald dauernd an Sultan Murad ausliefern 
musste. Später fiel Pirot, gleich Kurucesme (Bela Palanka), unter Sinan Pasas 
Statthalterschaft. Schon damals rühmte man seine herrliche Lage, lustigen Gärten 
und Weinberge, welche ringsum die doleritischen Tuffe bedecken. 

1688 nahmen die Österreicher Pirot, wobei sich die serbischen Freiwilligen 
besonders auszeichneten. Sie fielen gegen Dragoman aus, vertrieben die Türken 
aus dem Passe, diese kehrten aber in grösserer Zahl zurück und siegten. Die 
Serben verloren ihren Führer; 30 Offiziere und 524 Freiwillige wurden getötet 
oder gefangen. FZM. Graf Virmond fand 1719 zu Pirot eine Fahne Janitscharen 
als Besatzung des durch drei Kanonen verteidigten Schlosses. Über dessen 
strategischen Wert meinte er*"): „weile wegen des daran liegenden scharfen 
Felsens die Canons nicht wohl anzubringen, einer kleinen Corps diversion machen, 
es sei denn dass man ein paar starke Mortiers dahin brächte, mit welchen, weil 
das Schloss sehr enge, man die Besatzung leicht herausjagen könnte, weile aber 
auch eine Strecke zwischen demselben und dem Gebirge rechter Hand vorbei 
gehet, kann es einer Armee gar nicht schaden, sondern leicht occupiret werden." 

In dem bald darauf, 1737, ausgebrochenen Kriege zwischen Österreich und 
der Pforte drang ein serbisches Freikorps, nachdem Nis kapituliert hatte, gegen 



') Tagebuch d. v. zween ginrwiird. röni. Kaysern Maxinv u. Rud. a. d. Ottom. Pforte 
abgefert. Gesandsch. Frankfurt 1674. 

') Ein newe Reyfsbeschr. aus Teutschl. u. Constant. u. Jerus. Nürnberg 1608. 

') Gesch. des Osman. Reiches, I, S. 205. 

*) Milicevic, Kraljevina Srbija, S. 224. 

•'•) Relation. K. u. k Kriegsarchiv in Wien. 



204 Von Nis über Bela Palanka, Pirot auf den Rakos usw. 

Pirot vor, nahm sein Schloss und säbelte dessen Besatzung nieder. Die nach- 
rückenden kaiserlichen Truppen besetzten hierauf die Stadt und schrieben in 
ihrer Umgebung starke Kontributionen aus. Marschall Seckendorff scheint den 
Wert der Position von Pirot nicht genügend erkannt zu haben. Graf Schmettau, 
der Kritiker jenes Feklzugs, schildert Pirot als eine sehr hübsche Stadt, ihr 
Schloss aber als eng, alt, ruiniert und von einem hohen Felsen dominiert. Man 
warf nur 60 Mann deutscher Infanterie hinein, um die alle zur Stadt führenden 
Defileen besetzt haltenden serbischen Freischaren zu ermutigen, unterliess es 
aber, seine Werke zu verstärken. Rasch kapitulierte es im September desselben 
Jahres. Sein Befehlshaber, der Partisan Botune, und die auf 40 Mann reduzierte 
Besatzung erhielten freien Abzug nach Nis. 1761 erhielt Pirot höhere Bedeutung 
als Sitz der neubegründeten Nisava-Eparchie, die Trn, Bela Palanka, Bresnik und 
das Gebiet der Suva Planina bis zum Sv. Nikola-Balkan umfasste. Später 
aufgelassen, wurde sie nach 1821 erneuert und ihr ausser Bela Palanka ein Teil 
der Sofiaer Diözese zugewiesen. 1836 war Pirots Nisavabrücke der Schauplatz 
eines missglückten Kampfes bulgarischer Insurgenten. Auch der 1841 dort 
wiederholte Aufstand verlief gleich ungünstig. 

Zur Zeit meines ersten Besuchs (1864) residierte zu Pirot ein würdiger 
Mudir (Bezirkshauptmann), der, sobald er mein Bujuruldu gelesen, mir einen 
Zaptieh als Begleiter gab, um die Stadt und Feste unbehindert besichtigen zu 
können. Ich traf das Schloss im selben Zustande, wie ihn Schweigger beschrieb; 
doch die Burg, welche er auf dem nahen westlichen Hisarberge sah, war 
verschwunden und durch eine verpalisadierte Schanze ersetzt worden. Wiederholt 
besuchte ich seitdem Pirot, zuletzt 1889, aber nie gelang es mir, eine Spur aus 
seiner römischen Epoche aufzufinden. Und doch wird behauptet, dass man 
oberhalb der Burg auf „Ziegel, farbige Mosaiksteine" und in den Weingärten 
auf einen antiken „gepflasterten Weg" stiess! Vielleicht führen Nachgrabungen 
zu einem bestimmten Resultat. 

Der ärmlich aussehende, grossenteils türkische Stadtteil besass einen Uhrturm, 
ein neues Kreisamt, 8 Moscheen, 2 Teke, 1 alte Kirche, darunter aber keine 
einzige erhebliche Baute. Das etwas bessere christliche Viertel „Tiha Bara" 
erhielt 1868 durch seine dreikuppelige Maria Himmelfahrts-Kirche, welche die 
1834 erbaute bescheidene Christi Geburts-Kirche an Grösse und Schönheit weit 
übertrifft, einen stattlichen Mittelpunkt, der jedoch wenig mit den kleinen Häusern, 
schlechten Herbergen und dem alten Bischofskonak übereinstimmte. Archäologisch 
interessant erschien mir eine, in einem nahen Dorfe gefundene 0,79 m lange, 
0,32 m breite Grabplatte, deren dargestellte Personen in der Anordnung an 
römische Votivsteine, in der primitiven Technik an ältere serbische zu Paviica 
und Becevica (I. Bd., S. 595) erinnerte. An einem türkischen Brunnen bemerkte 
ich eine unverkennbar mit orientalischen Motiven verzierte Platte, deren illyrische 
Lettern im unteren Felde verraten, dass sie ein christlicher Meister anfertigte. 

Pirots national gesinnte Gemeinde stand seit dem Beginne der antifanariotischen 
Bewegung im Kampfe mit den ihr vom Konstantinopeler ökumenischen Patriarchat 
aufgenötigten griechischen Bischöfen. Die Anklagen, welche 1860 gegen ihren 



Von Nis über Bela Palanka, Pirot auf den Rakos usw. 



205 



Bischof Antin bei dem die traurigen Zustände im Tuna-Viiajet untersuchenden 
Grossvezier Köprüslü erhoben wurden, überstiegen, was Zahl und Inhalt betrifft, 
alle Begriffe. Die Beschuldigungen konnten bis zur Evidenz erwiesen werden 
und der geistliche Verbrecher wurde zur Selbstreinigung in ein Athoskloster 
verbannt. Schon nach zwei Jahren erschien er aber in Konstantinopel, wo er 
wahrscheinlich durch ausgiebiges Backschisch bald wieder einen neuen Hirtensitz 
erhalten haben dürfte. 

Sein Nachfolger Sofronije, den ich 1864 persönlich kennen lernte, machte 
sich gleich bei seinem Amtsantritte durch ungerechtfertigte Geldforderungen bei 
seiner Gemeinde verhasst. Er flüchtete, um sich tätlichen Beleidigungen zu 




Altserbisclier Urabstcin. 



entziehen, in das nahe Kloster Sv. Jovan und konnte nur unter dem Schutze 
herbeikommandierten türkischen Militärs zurückkehren. Die Ignoranz dieses 
griechischen Bischofs ging so weit, dass er mir allen Ernstes von einer slavischen 
Inschrift zu Sv. Jovan aus dem Jahre 750 erzählte. Er wusste also nicht, dass 
erst im 9. Jahrhundert der Apostel Kyrill die nach ihm benannten Schriftzeichen, 
die „Kyrillica", den Balkanslaven gebracht hatte. Da ich von dem würdigen 
Kirchenfürsten nicht die bescheidenste archäologische Aufklärung empfing, schied 
ich sehr unbefriedigt von ihm und Pirot. 

Vom Sveti Nikola- Balkan herabkommend, besuchte ich 1870 Pirot zum 
zweitenmal. Doch knüpfen sich nur unangenehme Erinnerungen an die wenigen 
Stunden, die ich dort zubrachte oder richtiger, durch das Misstrauen seines 
Kaimakams zubringen durfte. Wesentlich freundlicher gestaltete sich mein Aufenthalt 
im Sommer 1871. Aus dem von mir entdeckten Temskatale stieg ich auf der 



206 Von Nis über Bela Palanka, Pirot auf den Rakos usw. 

von Mitliad Pasa nach dem Berkovica-Balkan erbauten schönen Strasse, vorüber 
an der Schlossruine Atanas bei Gornji Krupac, hinab in das breite Nisavatal. 
Pittoreske Karawanen schwer belasteter Grautiere und Pferde bedeckten die 
Strasse, eine lustige Staffage, welche der alljährliche grosse „Panajir" zur Stadt 
führte, in gesonderten Trupps karakolierten auf behenden, wahrscheinlich 
gestohlenen Pferden auch Tscherkessen an uns vorüber, Insassen des nahen 
Belo Polje, der einzigen, nun auch verschwundenen Fremdenkolonie südlich 
von Pirot. 

Wir Hessen Izvor und Berilovac rechts, und bald darauf rief mir der 
Wirt des „Jeni Han" zum drittenmal „dobro dosli!" (glückliche Ankunft) zu. 
Diesmal wohnte ich besser als in den Jahren 1864 und 1870; da die Panajirgäste 
alle Räume des Hanes bis zum Dache hinauf füllten, räumte der Hausherr 
für mich sein getäfeltes Prachtstübchen, ein reizendes Modell bulgarischer 
Kunst-Ebenistenarbeit, welches mancher Amateur, bei der jetzt in Europa 
herrschenden Vorliebe für orientalischen Komfort, gern für eine respektable 
Summe erworben hätte. 

Die wichtigste Neuigkeit des plaudernden Handzi war die mysteriös verbrämte 
Mitteilung, dass die Paschas der Distrikte Nis, Sofia und Pristina seit zwei 
Tagen zu Pirot weilten und unausgesetzt Beratungen pflegten. „Gewiss," meinte 
er mit orientalischem Augenzwinkern, „geht etwas Wichtiges vor. Sollte jetzt, 
wo der Franzose dem Prusli unterlegen und machtlos, der Moskov sich etwa 
unserer wieder erinnern?" Ich antwortete ausweichend und beschloss, am 
nächsten Tage das Pascha- Kleeblatt zu besuchen, schon um einem ähnlichen 
Zwischenfalle, wie ich ihn 1870 erlebte, vorzubeugen. 

Die' hohen türkischen Würdenträger haben eine sehr rühmenswerte Seite; 
sie stehen zeitig auf und empfangen jedermann in frühester Stunde. Ich befahl 
deshalb, meine durch das viele Balkanklettern stark mitgenommenen Pferde aufs 
beste herauszuputzen, und hielt schon um 9 Uhr morgens an der Spitze meiner 
kleinen Suite am Tore des neuen Konaks, der sich architektonisch recht anmutig 
präsentiert, doch ohne Rücksicht auf die christliche Bevölkerung im entlegensten 
türkischen Stadtviertel erbaut wurde. Dieser mir auch bei anderen neuen 
Administrationsgebäuden zu Nis, Sofia u. a. 0. aufgefallene Übelstand erklärte 
sich dadurch, dass die meist verheirateten Beamten in den billigen türkischen 
Vierteln wohnten und während des Tages gern nach ihren Harems sahen, weshalb 
man bei der Auswahl der Konakbauplätze mehr die eigene Bequemlichkeit 
als das Bedürfnis der Klienten berücksichtigte. Eine andere Eigentümlichkeit 
der neuen Konaks waren die gewöhnlich an ihrer Hauptfront rysalithartig 
vorspringenden breiten Logen, in welchen der Vali, Mutessarrif, Kaimakam, solange 
es die Witterung zuliess, auf hohem Diwan thronten. "Der das Rheuma fürchtende 
Europäer empfand stets ein Frösteln, wenn er die zugigen Empfangsräume betrat; 
denn anders als in unseren schlecht gejüfteten Amtsstuben standen hier Fenster 
und Türen fortwährend offen, und der ungehindert durchziehende Luftstrom trieb 
mit den grossgeblumten Vorhängen sein Spiel. Was würden unsere bis zur Halsbinde 
zugeknöpften Hofräte sagen, wenn sie in solchen Räumen fungieren sollten? 



Von Ni§ über Bela Palanka, Pirot auf den Rakoä usw. 207 

Zu Ehren der im Kunak tagenden Mutessarrife standen zwei Redifs an 
seinem Tore. Sie salutierten, als meine kleine Kavalkade vor demselben hielt, 
der von der Loggia herabblickende Niser Pascha erwiderte freundlich meinen 
Gruss, und der von ihm herabbeorderte Piroter Kaimakam willkommte mich. 
Ich lächelte über seine Phrasen, denn es war derselbe Beamte, der mich 1870 
Abdur Rahman Pasa als staatsgefährlichen Reisenden telegraphisch denunziert 
und mir viele Unannehmlichkeiten bereitet hatte. Ich unterdrückte jeden Vorwurf, 
begrüsste die Paschas von Ni.s und Sofia als alte Bekannte und wurde durch 
sie dem Priätinaer Mutessarrif vorgestellt. Auch der Imain, Kadi, einige Stadt- 
notablen und Mitglieder des Medzlis waren zugegen; doch spielten die christlichen 
„Effendi" wie immer eine bescheidene Rolle. 

Das Gespräch drehte sich anfangs um gleichgültige Dinge. Der Mutessarrif 
von Sofia fragte mich um den Fortgang meiner kartographischen Arbeiten, der 
Pascha von Nis, ob ich viele „eski scheler" (alte Dinge) gefunden? Ich benutzte 
die günstige Gelegenheit, um zum nicht geringen Erstaunen der Herren vom 
Medzlis den hohen Paschalik- Regenten unverhohlen meine Ansicht über den 
schlechten Zustand des Agrar- und Schulwesens und namentlich über das 
zügellose Treiben der Zapties auf dem Lande auszusprechen. Sie antworteten 
mit dem matten Abklatsche der zeitweise von Konstantinopel in die Welt gesandten 
Versicherungen über bald einzuführende Reformen. „Jawas, jawas," allmählich, 
meinten die Effendi, „würde die Türkei von einem ä la franca regierten Reiche 
kaum zu unterscheiden sein!" Ich wusste genau, wie ernst es den respektablen 
Herren mit ihren Phrasen. Auch was für Pirot geschehen, dankte man einzig 
Mithad Pasa, der es durch eine 19 km lange verbesserte Strasse mit Bela Palanka 
verband und die neuen Wege zur heutigen bulgarischen Grenze über Krupac mit 
20 km, über Rzana mit 27 km und zum Sv. Nikola-Balkan mit 60 km bauen Hess. 
Um indes dem Abschiede jeden Missklang zu nehmen, ging ich auf den Panajir über, 
dessen Bedeutung für die Stadt und das Paschalik nun allseitig besprochen wurde. 

So lange das Schienennetz der Balkanländer unvollendet und die Ent- 
wickelung ihrer Städte durch verbesserte Land- und Wasserwege vernachlässigt 
blieb, spielten einzelne grosse Messen in diesen eine grosse Rolle. Der Piroter 
Panajir war namentlich wegen seines bedeutenden Teppichverkehrs berühmt, 
doch wurden auch Manufaktur-, Quincaillerie- und Kolonialwaren dort umgesetzt, 
wenngleich nicht in solcher Menge, wie auf jenen zu Uzundzova und Eski- 
Dzuma, für welche letztere die österreichischen Dampfer nach Rustschuk allein 
(1874) über lüUOO Zentner Waren führten. Natürlich bildete der Panajir für 
jede Messstadt das ersehnte grösste Ereignis des Jahres. Lange vor dem 
18. August, an dem er zu Pirot begann, herrschte bewegtes Treiben auf dem 
sonst öden Platze zwischen dem Bokludzabach und der Niser Strasse; denn es 
galt eine provisorische Stadt für drei Wochen mit regelmässigen Gassen und 
Lokalitäten von oft ansehnlicher Breite und Tiefe zu zimmern. Firmenaufschriften 
gab es hier so wenig wie in den festen türkischen Basaren; doch trennten sich 
die Verkäufer nach Gilden, und jeder Besucher versteht, was er benötigt, leicht 
zu finden. 



208 Von Nis über Bela Palanka, Firot auf den Rakos usw. 

Auf den Strassen zum Panajir und rings um diesen patrouillierten Soldaten; 
denn oft staute sich das Gedränge, der Wagen-, Lasttier- und Menschenknäuel 
verwirrte sich, es brach mitunter Streit aus und nicht immer waren die Zapties 
(Gendarmen) allein imstande, die Ordnung zu erhalten. Namentlich benutzten 
Amanten und Tscherkessen, beide gleich berühmt im Stehlen, solche Momente, 
um sich, nach dem Sprichworte, auf Unkosten der Streitenden zu bereichern. 
Als eine für alle Teile bequeme Einrichtung verdient Erwähnung: dass alle 
Rechtsstreite über Verkaufsabschlüsse, Mass, Gewicht, Münzen, Falschgeld usw. 
gleich auf dem Platze von eigens für die Messdauer exponierten Gerichtsorganen 
entschieden werden. Da ich gerade in der zweiten Messwoche, in welcher die 
Landbevölkerung von allen Seiten heranströmt, den Panajir besuchte, gestaltete sich 
das bunte, lärmende Gewoge wahrhaft verwirrend. Die Drogenhändler, welche 
auch Henna zum Färben der Nägel und Handflächen für türkische Frauen 
führen, die Verkäufer von Kolonialwaren, Konfekt und getrockneten Früchten, 
von bunten Baumwollstoffen, Kopftüchern, Bauernschuhen, Riemzeug usw. hielten 
ihre Ernte. 

Während bei uns nahezu kein Dorf ohne Krämer ist und der ausgebildete 
Hausierhandel die Konsumenten bis zur höchsten Alpenhütte aufsucht, wird es 
ihnen im Orient nicht so bequem gemacht. Kaffee, Zucker, Tabak, Petroleum, 
Salz, Wachskerzen, Seife, nebst hundert anderen Bedürfnissen, kauft der Bauer 
in der Stadt, und ist sein Dorf weit entfernt von ihr, alljährlich einmal auf dem 
Panajir. Auf diesen treibt er sein Vieh, bringt er Häute, Wolle, Wachs, Honig usw.; 
mit dem erlösten Bargelde wandert er sodann von Laden zu Laden, von Zelt 
zu Zelt, prüfend und feilschend, das zu weit gehende Gefallen von Frau und 
Töchtern an Putz und Flitter bekämpf&nd. Denn nicht allein das Notwendige, 
sondern auch Gegenstände des Lu.xus sind hier aufs lockendste ausgebreitet; alte 
Ladenhüter der Wiener Fabriken, Spiegel, Schmelzperlen, Glasringe, Falschschmuck, 
fesseln das begehrende Auge. Ihre Verkäufer sind grösstenteils spanische Juden, 
welche den weiten Weg von Nis, Sofia und Philippopel nicht scheuten. Ungleich 
den Türken entwickeln sie grössere Beweglichkeit im Anpreisen ihrer Waren. 
Der auf seinem Teppich hockende Moslim harrt geduldig des fragenden Käufers; 
er ist überzeugt, dass alles vom Kismet (Geschick) abhängt und was kommen 
soll, auch ohne Anstrengung erreicht wird. Der Handel mit Tabak, Pfeifenköpfen, 
zierlichen Frauenschuhen usw. war nahezu ausschliesslich in türkischen Händen 
und warf guten Gewinn ab. 

Seitwärts vom grossen Verkehrsstrom, in den schmalen Gassen, erholte 
ich mich vom betäubenden Lärm. Weniger begehrt, weil kostspielig, sah man 
hier mit schvvarzen Schnüren oder blinkenden Silber- und Goldborten bedeckte 
Jacken, Westen, Beinkleider und Caksiren (Kniegamaschen); Kleidungsstücke von 
3 bis 10 Gold-Lira (1 = 20 Mark) erschienen durchaus nicht hoch im Preise, 
im Verhältnis zur oft bewundernswerten Arbeit. Ihr Hauptvorzug besteht namentlich 
in der Symmetrie und Präzision der aus Schnurwerk auf dem grünen, karmesin- 
roten und drappfarbenen Tuche aufgenähten Arabesken. Ich sah Ornamente von 
so erfindungsreicher Abwechselung, dass man leicht eine Mappe mit schönsten 



Von Nis über Bola Palanka, Pirot auf den Rakos usw. 20!) 

Vorbildern für ein westliches Indnstrie-MiisciMii hätte füllen können. Die Meiirzahl 
der Abadzi (Schneider) waren .Amanten und kamen aus dem fernen Priätina, Frilip, 
Skoplje u. a. 0. Die Händler mit Kupferzeug kamen vom schwarzen Drin und 
hielten kleine Teller und Näpfe mit hermetisch schliessenden gewölbten Deckeln 
zum Auftragen der Speisen, grosse Pilavschüsseln, Waschbecken mit zierlichen 
Kannen und Rauchgefässe von zierlichen Formen feil. Hart an ihre Buden stiessen 
jene der Gelbgiesser und Messerfabrikanten aus dem Balkan mit prächtigen 
Altarleuchtern und Hängelampen, unter welchen mir solche in Kreuzform mit 
dem Drachentöter Georg auffielen; daneben hatten Silberfiligranarbeiter von Nis 
reizende Gegenstände ausgelegt. 

Auch einige Sahatci hatten sich eingefunden; denn selbst der ärmste 
Muselmann trägt eine Uhr, und in der Schweiz gibt es Fabriken, welche nur für 
den Orient arbeiten; die Zifferblätter tragen türkische Zahlzeichen und die Werk- 
teile sind mit gepressten Arabesken im orientalischen Stile verziert. So verstanden 
es die rührigen Industriellen der Alpen auch auf diesem Gebiete, sich ohne 
staatliche Konsuln, Museen usw. den Markt zu erobern, indem sie die türkische 
Geschmacksrichtung gleich richtig wie jene in Ägypten, Persien, Indien und 
Amerika studierten. Das Eisen spielte selbstverständlich auf dem Panajir keine 
geringe Rolle; das heimische Erzeugnis verschwand aber neben den importierten 
Sensen, Sicheln, Türbeschlägen, Schlössern, Nägeln usw. aus Österreich, Öfen aus 
Ungarn, kleinen Rundschlössern aus Russland, feineren Eisen- und Stahlwaren 
aus rheinischen und Shefficider Fabriken. Nur die landesüblichen Herdkessel, 
Hängeketten, Hufeisen, roh geschmiedeten Nägel, Messer, Scheren usw. trugen 
unverkennbar heimischen Stempel. 

Alles, was auf dem Panajir von Wirk- und Webwaren vorhanden, dann Fesse, 
geblümte Kopftücher, feines Schuhwerk, Papier, Stearinkerzen, Porzellan, Glas- 
waren usw. gelangte durch bulgarische Kommissionare zu Wien, Leipzig, Marseille, 
London, Manchester usw. über Lom, Rustschuk, Salonik und Konstantinopel 
hierher. Die türkischen Bahnen begünstigten den Import zur See aus dem 
fabrikreichen Westeuropa auf Unkosten Österreichs; doch gab es wichtige Artikel, 
Lampen, Glas, Zündhölzchen usw., in welchen letzteres beinahe ausschliesslich 
von Norden herab den Markt bis Rustschuk, Tirnova und Philippopel beherrschte. 

Am nördlichen Ausgange der grossen Panajirstrasse hockten in Reihen alte 
verschleierte Türkenfrauen, welche die Handstickereien von in der Stadt gebliebenen 
jungen Frauen und Mädchen, zarte, golddurchwirkte Gazegewebe, zierliche Pan- 
töffelchen, Geld- und Tabaksbeutel, mit Gold ornamentierte Käppchen usw. 
ausboten. Weiter hinaus bahnte mir mein Zaptie den Weg zu den Verkäufern 
keramischer Waren. Ganze Berge von Krügen, Töpfen, Tellern, Tonlampen, 
Leuchtern aller Formate und heimischer Faktura lagen auf dem abgemähten 
Rasen. Wenngleich weniger rein in der Ausführung als die bewundernswerten 
keramischen Fabrikate Ost-Bulgariens, sah ich auch hier Formen, welche an 
klassische Vorbilder erinnerten. 

Ging es überall lärmend her, so kulminierte das hochwogende Panajirleben 
bei den ambulanten Zelten und Herden spekulativer Kaffeeschänker und Garkoche. 

F. KANITZ, Serbien. H. 14 



210 Von Nis über Bela Palanka, Pirot auf den Rakoä usw. 

Hier konsumierten Türken, Bulgaren, Tsclierkessen, Zigeuner, Albanesen und 
Tataren stehend oder auf roh gezimmerten Bänken hockend im Schatten impro- 
visierter grüner Laubdächer guten und schlechten Kaffee, Caj, Sorbet, Rakie, 
Wein, Knoblauch, Zwiebeln, Rettiche, gesottene Bohnen und Rita, eine Lieblingssorte 
mit Kraut und Käse gefüllter flacher Kuchen. Soviel man auch verzehrte, immer 
wurde für neu zuströmende durstige und hungernde Gäste gesorgt. Volle Bock- 
schläuche mit Rotwein traten an die Stelle der geleerten; unermüdet wurden 
Schöpse und Lämmer nach Koranrituell oder Christenbrauch, natürlich auf 
verschiedenen Plätzen, geschlachtet, ausgeweidet und mit wuchtigen Hieben 
zerteilt, um bald verkleinert, mit Gemüse in Pfannen geschmort oder auf Hoiz- 
stäbchen gespiesst, zu wohlschmeckendem Kebab gebraten zu werden. 

Durch die zechenden Gruppen drängten sich mit lauten Anpreisungen 
zudringliche Talals, die Ausrufer verkäuflicher Pferde, alter Sättel und oft 
wertvoller Waffen, hausierende Krämer mit tausend Kleinigkeiten, Gebäck-, Obst- 
und Eisverkäufer. Glücklicherweise war das vierbeinige Sanitätskorps vollauf 
tätig, weggeworfene Abfälle zu vertilgen, denn sonst wäre die Atmosphäre auf 
diesem Platze in den heissen Augusttagen unerträglich gewesen. In später 
Nachtstunde, wenn das lärmende Treiben erstorben, hielten noch Geier aus dem 
nahen Balkan eine ergiebige Nachernte. Dass es an ambulanten Schmieden, 
Zahnreissern, Gauklern, Bärenführern, Musikanten und gefälligen Zigeuner-Preziosas 
nicht fehlte, bedarf kaum besonderer Erwähnung. 

Von den berühmten Piroter Teppichen sah ich auf dem Panajir nur einzelne 
Stücke; in die Stadt zurückgekehrt, führte mich mein Hausherr in verschiedene 
Magazine, wo die aus dem Ciporovica-Balkan zur Messe gelangten Vorräte in 
grossen Ballen aufgespeichert lagen. Auch diese gelangten als „Pirotski Cilim" 
(Piroter Teppiche) in den Handel. Es waren grösstenteils ordinäre Sorten kleinen 
Formats zu äusserst billigen Engrospreisen, durch vorherrschend dunkle Farben 
von zu Pirot gewebten unterschieden. Die groben Fuss-, Sitz- und Gebet-Teppiche 
aus dem Balkan sind gewöhnlich gelb, blau, braun und schwarz, jene aus Pirot 
weiss, gelb, blau, grün, hellrot gemustert. Letztere aus feinerer Wolle, dichter 
gewebt, grösser, kostspieliger, machen dem asiatischen Fabrikat erhebliche 
Konkurrenz. Prachtexemplare von bestimmter Grösse werden voraus bestellt und 
bezahlt. Bei Jelenska Rabadzi, der berühmtesten Piroter Meisterin, sah ich einen 
für den Salon eines Konstantinopeler Paschas bestimmten, hellfarbig ornamentierten 
Teppich, welcher den nach landläufigem Massstabe ungemein hohen Preis von 
650 Piastern (130 Mark) kostete. Die Piroter Teppiche grössten Formats, 5 Arschin 
breit, 6 Arschin lang, heissen: Batal, mittlere von 3 zu 4: Smetenik, von 2 zu 3: 
Sestak, von 1 '/a zu 2: Sidzade, und die schmalen, nach bestellter Grösse 
angefertigten Minderluksdecken: Jan. Wollfärber gibt es in der Stadt 12, Lein- 
wandweber etwa 70 mit 200 Stühlen; Wollweber weniger. Sajaktuch und 
Gaitan-Schnürwerk kommen von Kalofer und Karlovo. 

Die letzten Stunden meines Aufenthalts zu Pirot verbrachte ich auf der 
schattigen Hangalerie mit dem Ordnen der auf dem Panajir gesammelten Notizen. 
Die junge Frau des Handzi trippelte oft vorüber, stets um Verzeihung bittend; 



Von Nis über Bela Palanka, Pirot auf den Rakoä usw. 211 

denn dicht vor meinem Stübchen legte sie enti<ernte saftige Pflaumen auf Geflechten 
zum Trocknen aus. Piroter Zwetschken erfreuen sich ihrer grossen Süsse wegen 
einer gewissen Berühmtheit und werden gleich dem „Ödenburger Obst" in 
Schachteln weit versendet. 

Nachdem ich meinem wegkundigen Wirte noch einige Daten über die am 
folgenden Tage einzuschlagende Balkanroute abgefragt, eilte ich in den Konak, 
um mir einen tüchtigen Führer vom Kaimakam zu erbitten. Ich fand ihn unter 
dem Eindrucke der respektvollen Aufnahme, welche mir von den drei Paschas 
zuteil geworden, sehr gefällig, und nachdem er meinen Ferman durchflogen, 
schien er den Zweck meiner Reisen auf türkischem Boden richtiger als ein Jahr 
zuvor aufzufassen. Er gestand, dass er grosses Unrecht gegen mich gut zu 
machen habe, begleitete mich bis an das Tor, empfahl sich meiner guten Nachrede, 
falls ich nach Stambol käme, und band mich dem herbeibefohlenen Zaptie-Cau§ 
(Korporal) auf die Seele, der mich über den Ciporovica-Balkan bringen sollte. 

Diesmal schied ich von Pirot mit freundlicheren Gefühlen. Ich dankte dem 
Handzi für sein mir abgetretenes Stübchen, seiner hübschen Frau für das letzte 
treffliche Mittagsbrot. Auch mein Dragoman war freudiger gestimmt, er brummte, 
was lange nicht geschehen, ein polnisches Liedchen vor sich hin; ging es ja dem 
Endziele unserer Reise, der Donau zu. Gegen zwei Uhr zog meine kleine 
Karawane über die Nisavabrücke durch das christliche Viertel, dessen Carsi aus 
Anlass des Panajirs sehr belebt war. Die Händler, welche ich besucht hatte, 
lüfteten die Mützen und riefen mir laute „srecan put!" (glückliche Reise!) zu. 
Sie ahnten damals nicht, dass nur sechs Jahre später das oft verwünschte 
türkische Regiment in ihrer Stadt zu Ende gehen würde, und noch weniger, dass 
sie, die stets sich als Bulgaren betrachtet, dem Fürstentum Serbien einverleibt 
werden sollten. 

Nachdem Bela Palanka genommen war, lieferten die Serben am 25. und 
26. Dezember 1876 Pirots Verteidigern bei Ponor, Suvodol, Blato siegreiche 
Gefechte und besetzten die an diesen Punkten zur Verteidigung der Konstan- 
tinopcler Strasse aufgeführten Schanzen. Am 27. Dezember nahm eine über 
Temska auf dem rechten Nisavaufer vorgedrungene Abteilung die feste türkische 
Stellung bei Nläor. Als auch die wichtige Position auf dem Budiii Del an 
der Temskamündung verloren war, gaben die Moslims jede weitere ernste 
Verteidigung auf. Früher schon hatten die aus der nördlichen Umgebung nach 
Pirot geflüchteten Türken- und Tatarenfamilien die Stadt auf der Sofiaer Strasse 
verlassen. Am 28. Dezember zogen die Serben, welchen die erwähnten Gefechte 
100 Tote und 583 Verwundete kosteten, in das sie jubelnd begrüssende Pirot 
ein. 28 Geschütze, 1500 Gewehre und 200 Gefangene fielen in ihre Hände. 
Erst am 5. August 1878 besuchte König Milan „auf die Bitte der Piroter" ihre 
Stadt, welche Sitz der Kreisverwaltung blieb. Früher gehörten zum Piroter Kaza 
auch die 1878 zu Bulgarien geschlagenen Bezirke Trn und Breznik; gegenwärtig 
die Bezirke: Vlasotinacki '), Belopalanacki, Luznicki und Niäavski. Von den 



') Dieser Bezirk wurde 1899 dem Vranjaer Kreise zugeteilt. 

14* 



212 



Von Nis über Bcla Palanka, Pirot auf den Rakos usw. 



2500 Moslims, welche Pirot bis zur serbisciien Eroberung bewohnten, waren 
1879 neben 7185 Ciiristen 638 geblieben, aber auch diese wanderten nach der 
Türkei; ihr stark empfundener Abgang wurde allmählich durch starke Zuzüge 
aus der Umgebung ersetzt. 

Das Kriegsjahr 1885 schädigte Pirot ungemein. Nachdem schon seine 
Ausfuhr von Fett und Käse nach und durch Bulgarien während der Kriegs- 
vorbereitung gelitten, entschied sich unter seinen Mauern der unheilvolle 
Bruderzwist zu Ungunsten der Serben. Als König Milans Truppen durch die 
bulgarischen Siege bei Slivnica, Dragoman und Caribrod zurückgedrängt waren, 
erschien die bulgarische Armee vor Pirot. Seine Besetzung erfolgte, nachdem 
die Serben am 26. November nachts die Zitadelle mit Dynamit gesprengt und 
unter hartnäckigem Artilleriefeuer ihren Rückzug auf Bela Palanka und Knjazevac 
angetreten, am 27. November abends, in derselben Nacht wurde es geplündert. 



Flüchtende Tatiren 




Die Ankunft des Fürsten Alexander am folgenden Tage beendete diese Aus- 
schreitungen einzelner Truppenabteilungen; jene des österreichischen Diplomaten 
KhevenhüUer aber den beklagenswerten Krieg. 

Der Ausbau der Belgrad — Niser Linie nach Sofia brachte wieder Leben 
in die hartbetroffene Stadt. Und als der stark besetzte Belgrader Zug am 
20. September 1889 mit den Teilnehmern des Schützenfestes auch mich in das 
festlich geschmückte Pirot führte, erinnerten nur wenige Spuren an die schlimmen 
Kriegstage, welche es durchgemacht. Die schlechte türkische Nigavabrücke war 
durch einen 60 m langen, auf vier Steinpfeilern ruhenden schönen Oberbau ersetzt 
worden; allerorts erschienen Neubauten zwischen renovierten, das Hotel „Zum 
serbischen König" wartete auf den grossen Fremdenzuzug, welchen man sich 
von der Eröffnung des Schienenwegs versprochen hatte. Leider „arbeitete" es 
nicht, und die nach einem frischen Trünke lechzenden Schützen waren auf eine 
benachbarte Mehana verwiesen. Es gab heimisches Bier und trefflichen Rotwein, 
den man zum erstaunlich billigen Preise nach dem Gewichte mit 20 c die 
Oka — K) Kreuzer für 1,28 Liter bezahlte. Freunde, die sich lange nicht 
gesehen, trafen hier zusammen. Sodann ging es zur Kirche. Mit fliegenden 



Von Nis über Bcia l'alanka, Pirot auf den Rakns usw. 



213 



Fahnen, unter Hörnerklang und Militärmusik ordneten sich bei dem seines Helmes 
und Schlagwerks beraubten Uhrturme schmucke serbische Offiziere aller Grade 
mit Hunderten aus Serbiens Städten herbeigeströmten Schützen zum Zuge. Diese 
Pause bis zur Eröffnung des Schiessens benutzte ich, um meine Erinnerungen 
an das seit 1871 nicht betretene Pirot aufzufrischen. Der liebenswürdige 
Bezirkskapetan Proka Knezevic widmete sich mir als kundiger Begleiter. 

Zunächst stiegen wir zum Kaleh hinauf. A. v. Huhn, ein Augenzeuge des 
serbisch-bulgarischen Krieges, beschrieb seine Sprengung: „Plötzlich wurde die 
ganze Gegend in feurigem Glänze erhellt, ein Blick rückwärts zeigte eine ungeheuere 
Feuergarbe, welche hoch zum Himmel aufstieg, einige Sekunden stand und dann 
in sich zusammensank. Dann herrschte wieder dunkle Nacht und es währte 
noch einige Sekunden, bis ein dumpfer Knall sich hören liess. Dieses Ereignis 
hatte in seiner unerwarteten Plötzlichkeit und Grossartigkeit etwas Erschreckendes." 







_J 



PIROT. Türkische Brunnenplatte. 



Durch die E.xplosion wurde das Haupttor des Kastells zerstört, seine Mauern 
und Türme barsten; nur der oberste Teil blieb erhalten und dient nun als 
Pulvermagazin. Ich sah zwei riesige Bleikluinpen von mit Bajonetten und 
Gewehrläufen zusammengeschmolzener Munition, daneben lagen zerbrochene 
türkische Inschriftsteine und Embleme, welche den Eingang geziert hatten. Und 
wie hier das furchtbare Dynamit, hatte die Menschenhand im einstigen Moslim- 
quartier gewütet. Die Sultan Mehemed- Moschee wurde in ein Militärmagazin 
verwandelt, das zweikuppelige Bad halb zerstört und die lieblichen Hausgärtchen 
grösstenteils rasiert. Auf der freigewordenen Strasse entstanden allerdings mit Hilfe 
des 1888 gegründeten Hilfs- und Sparvereins, der 1905 schon 13,8 Mill. d umsetzte, 
viele Privathäuser, und in der langen Sofiastrasse ein hübscher, einstöckiger 
neuer Schulbau mit 15 Fenstern Fronte, zwei Risaliten, Glockentürmchen und 
grossem Turnplatze für die vierklassige Volksschule und das Gymnasium. 

Unfern zeigte mir mein Begleiter Dr. Valentas sechsfensteriges Parterre- 
geschoss, das kurz nacheinander König Milan und Fürst Alexander bewohnten. Der 
benachbarte Kaimakamkonak, in dem ich 1871 die Paschas von Ni.s, Sofia und 



214 Von Nis über Bela Palniikn, Pirol auf den Rakos usw. 

Pristina besuchte, dient weiter als Bezirksamt für den grossen Nisavski srez, der 
(1905) in 30 Gemeinden 80 Orte und (Pirot ungerechnet) 50535 Seelen zählt. Die 
alte Kirche „Rozdestvo Hristovo" blieb, wie Partenije, der letzte fanariotische 
Bischof aus Dibr, sie veriiess. Ihm folgte der Bulgare Evsfatije aus Elena, welcher 
die neue Kirche Sv. Trojica den national-kirchlichen Strebungen dienstbar machte. 
Noch heute steckt viel Sympathie für das Bulgarentum in der älteren Generation, 
was sie in Konflikte mit dem serbischen Regiment brachte, und auch der Kompass 
der jüngeren gerät noch in oszillierende Bewegung. Vor wenigen Jahren erhielt 
ich von einem zu Zürich sich bildenden jungen Piroter das schriftliche Bekenntnis, 
er finde sich in bedauerlichem Konflikte mit seinem Nationalgefühl und wünsche 
zu erfahren, ob die Piroter der serbischen oder bulgarischen Nationalität 
angehörten! — Ich werde auf diese schwierige ethnographische Frage noch 
zurückkommen, obschon sie politisch heute belanglos ist. 

Auf dem nahe beim Kastelle liegenden Schiessplatze wurde die letzte Hand 
an die Ausschmückung der im Tiroler Stile gezimmerten, mit Fahnen und Reisig 
geschmückten Halle und ihrer drei Stände gelegt. Als „Beste" für den vier 
Tage dauernden Wettbewerb hatte König Milan aus der Ferne ein reich vergoldetes 
Silberservice im Werte von tausend Franken gesendet. Den zweiten Preis 
bildete ein zu Kragujevac prächtig gearbeitetes Mauser-Koka-Gewehr; ausserdem 
konnten 10 der berühmten Piroter Teppiche und andere lockende Objekte 
gewonnen werden. Bei dem durch liebenswürdige Frauen verschönten Festmahle 
wurde auch auf mein Wohl und den glücklichen Ausfall meiner Reise getrunken. 
Kapetan Knezevic hatte alle Vorbereitungen für dieselbe getroffen. Der bequeme 
Wagen des Bezirksarztes Dr. Dinic wartete vor dem Tore, mein Begleiter, 
Kreisingenieur Balta, erklärte sich fertig; doch die Trennung von den vielen 
Freunden, welche das Fest nach Pirot gebracht, war nicht leicht. In gehobener 
Stimmung veriiess ich die Stadt. 

Man denke, ein Schützenfest nach occidentalem Zuschnitte auf serbischem 
Boden und gar zu „Sehir koi", in dieser einstigen Hochburg islamitisch- 
fanariotischer Herrschaft, deren Segnungen ich selbst dort erfahren! — Möge 
der jähe Wandel allezeit Pirot zum Heile gereichen. 1896') zählte es wieder in 
1988 Häusern nahezu 10000 Bewohner, darunter 230 Ackerbauer und Gärtner, 
33 seiner berühmten Gold- und Waffenschmiede, 154 Leinwand-, Teppichweber 
und Färber, 273 Schneider und Stickerinnen, 270 Kaufleute, Spezerei- und 
Obsthändler, 8 Advokaten, 22 Professoren und Lehrer, 4 Aerzte, 9 Geistliche usw. 
Von Fremden leben dort 40 Slaven, 22 Deutsche, 14 Rumänen, 9 Ungarn, 
5 Italiener usw. Katholiken gab es 39, Protestanten 5, Israeliten 266, Mohammedaner 
272, unter diesen aber nur mehr 13 Türken, von welchen einer drei Frauen 
besass. Die Garnison, 41 Offiziere, 60 Unteroffiziere, 406 Soldaten, trägt viel 
zur Belebung der städtischen Gewerbe jeder Art bei. 

Das lustige Stutzenfeuerecho der um den Preis ringenden Schützen begleitete 
uns bis auf die Höhen von Blato. Wir stiegen über 300 m das Kalkplateau 



•) Nach der Zählung von 1905 hatte Pirol in 2027 Häusern 10010 Bewohner. 



Von Niä über Bein Palaiika, Pirot auf den Rakoä usw. 



215 



aufwärts bis zum neuen Strassenhan auf der Wasserscheide und rollten sodann 
im raschen Tempo an Gornje Krnjino und seiner südöstlichen Kastellruine 
vorbei, über auflagernden Sandstein 200 ni südlich hinab zum 3 St. fernen 
Bezirksorte Babuänica. Die auffallend helle Beleuchtung seiner isolierten 
Mehana deutete auf aussergewöhnlichen Besuch. Wahrlich, das Kismet begünstigte 
mich auffällig an diesem Tage. Angenehm überrascht, traf ich in der kleinen 
Wirtsstube den General Anta Bogicevic, den Generalstabschef Oberst Jovan 
Miskovic, die Obersten Mihail Magdalenic, Svetozar Ljocic und Major Dragomir 
Vuckovic beim Abendbrote versammelt. Das Studium der bulgarischen Grenze 
hatte die Herren in dieses abseits liegende Tal geführt. Heitere Gespräche, 
nützliche Winke für meine Forschungen und köstlicher Caj kürzten den Abend. 
In später Stunde geleitete mich der sreski Kapetan ') in das mir eingeräumte 
Bezirkshaus, ein karaulartiger Bau mit zwei grossen Räumen und niederen Türen 







Bezirkshaus zu Rabusnica. 

im oberen Stockwerke. Es war die einstige Kula Abdulah Begs, von welcher 
er das grösstenteils ihm gehörende prächtige Umland übersah und beherrschte. 
Wer die Geschichten, die sich in solch altem Türkenkonak abgespielt, erzählen 
könnte! immerhin liess Abdulah ein besseres Andenken als Suleyman Beg 
zurück. Unter serbischem Regimente wollte er aber nicht leben. So verkaufte 
er seinen Besitz dem Dorfe für den Spottpreis von 1800 Dukaten und zog 
nach Asien. Die aus 7 Orten bestehende Gemeinde Babusnica zählt (1905) 
in 350 Häusern über 2600 Seelen; das Bezirkszentrum selbst nur 24 mit etwa 
140 Seelen. Es ist, da es keine eigene Kirche besitzt, zu der 1847 erneuerten 
alten Sv. Trojicakirche zu Zlokucane mit 7 anderen Orten eingepfarrt. An der 
Babusnica berührenden, über Svodje nach Vlasotinci führenden trefflichen Strasse 
liegt 3 km S. das uralte, 1868 renovierte Kloster Sv. Petka, dessen 1880 
verweltlichte Kirche der Gorcincer Pfarre zugewiesen wurde. 

Der nächste Morgen versprach das Beste für die geplante Ersteigung des Rako§. 
Den Weg entlang der Luznica und über die durch Buchen- und Eichenstände 



') Bezirksvorsteher. 



216 Von Nis über BcK'i Palniikn, l'irot auf den Rakos usw. 

verschönte fruchtbare Wasserscheide nach Mokro hatten schon die Römer gei<annt 
und durch Warttürnie j;;eschützt. Ihre Ruinen bheben auf den Vorhöhen des 
westlichen 1140 ni hohen Crni Vrh, bei Provaijenik und Resnik erhalten. 
Östlich von letzterem „Gradiste" erwartete uns der vorausgeeilte Bezirkshauptmann 
Tanasije Rasic mit den Pferden beim Gemeindehause von Strizevac. Der Schreiber, 
wie gewöhnlich ein gedienter Unteroffizier, klagte über die grosse Arbeitslast. Die 
Gemeinde zählte 530 Steuerzahler, welche sich auf noch 7 weitere Orte (Sljivovik, 
Beziste, Resnik, Bratisevac, Provaijenik, Gornje und Donje Krnjino) im Umkreise 
von 8 km- verteilten. Wir gingen auf das rechte Belavaufer über, ritten sodann 
abwechselnd durch Wiesengrund und für die Pferde gefährliches, stark klippiges 
Kalkterrain 6 km W. aufwärts zu einer weitgedehnten trichterartigen Mulde. Ihre 
nördliche Umrandung bildeten die mit Felsen besäten Abstürze der Kalkzinnen 
des 1441 ni hohen Rakos, südlich die frischgrünen Buchenwälder des Javor und 
der Rudovica. Im Zentrum des stark zerrissenen Planes fliesst von der „Cesma 
Rakos" auf der Suva Planina in solcher Höhe seltenes kostbares Wasser ab. Bei 
diesem gelangten wir zuerst an eine Käserei und sodann in das von „Crnovunci" 
bewohnte improvisierte Hüttendorf. 

Janja Todorovic, das aus Poliros, nahe dem albanesischen Joanina (Janina) 
stammende Oberhaupt der interessanten Niederlassung, bat uns in der ihm wenig 
geläufigen serbischen Sprache, mit seiner schlechten Hütte vorlieb zu nehmen. 
Unsere Panduren erhandelten ein Schaf für 5 d. Während sie die Mahlzeit 
bereiteten, besuchte ich die Sennwirtschaft dieser ethnographisch im 11. Kapitel 
des 111. Bandes eingehend geschilderten gastfreundlichen „Cincaren". Der slavische 
Namen „Crnovunci" der sich auch „Grci" (Griechen) gern nennenden Cobani" 
(Hirten) stammt von ihren „schwarzwolligen" Schafen, die sie, weil stärker als weisse, 
bevorzugen. Auf meinen 18 Passagen der Balkankette traf ich „Crnovunci" im 
Sommer 1871 nur im Zentralbalkan. Sie schlagen aber ihre Wanderlager auch 
auf der Rhodope, am Südfusse des Kopaonik, im klassischen Olympos und anderen 
grasreichen Gebirgen auf. In Serbien soll es im Toplicaer, Piroter, Niser und 
Vranjaer Kreise etwa 135 mazedo-vlachische Familien mit einem Herdenbesitze 
von 34000 Schafen und 1900 Pferden geben. 

Seit der Rakos serbisch geworden, beziehen ihn alljährlich am 1. Mai (a. St.) 
14 Crnovunci-Familien, welche seine in den Wäldern zerstreuten, vier Dörfern 
gehörenden Weiden für ihre 3000 Schafe und 180 Pferde um 150 Dukaten Jahreszins 
pachteten. Oben angelangt, schlagen die Männer sofort das nötige Holz, aus 
dem die Frauen für jede Familie eine besondere Hütte mit grossem Geschick 
zimmern. In drei Tagen ist das selo (Dorf) fertig. Die Herden verteilt man in 
den farnreichen Buchenwäldern, wo sie ihre Lieblingspflanzen Kukurek (Niess- 
wurz), Kupina (Brombeerstrauch), Mlec (Wolfsmilch) usw. in Menge finden. Der 
grösste Teil des Milchertrags wird aber durch Unternehmer zu „Kaskavalj", eine 
Art fester Schweizerkäse, für Salonik, Adrianopel oder Konstantinopel verarbeitet. 
Auf dem Rakos traf ich zwei Griechen, welche von dem die Hirtengenossenschaft 
vertretenden Janja die Milch zu 13 Cent, per Kilogramm erstanden und am 
19. Mai in ihrem grossen luftigen Hüttenbau die Käseproduktion begonnen hatten. 



Von Nis über Bela Palnnka, Pirot auf den Kakcis usw 



21' 



10 kg Milch geben durchschnittlich 9,5 i<g Käse und 0,3 i<g Schmalz. Der 
Prozess bedarf einer gewissen Sorgfalt. Man schüttet 600 kg Milch in einen 
Bottich und wirft den dritten Teil eines Lamm-Magens als siriäte (Käselab) zur 
Säuerung hinein. Nach einer Stunde wird die Masse durch einen mit Leinen 
überspannten Reif gedrückt und das Wasser abgeschüttet. Die unten bleibenden 
festen Teile werden durch Steine beschwert, in kleine Stücke zerschnitten, diese 
in einer Krosnja (Korb) durch eine Minute in siedendem Wasser belassen. Hierauf 
knetet man die durchweichte Masse mit den Händen, bis keine Risse in derselben 
zu sehen sind, und prcsst sie in Kalups (hölzerne Formen) zu den üblichen 




Kaskavaljkäse-Verpackiing auf dctu Rakos. 



niederen Laiben. Auf dem Rakos zeigten sie die Initialen: K. C. P. P. ^ Kola 
Ciric & Poto in Pirot. Wenn die Laibe sechsmal jeden dritten Tag gesalzen 
und mit kaltem Wasser gewaschen worden, ist der Kaskavalj regelrecht fertig. 
Am 13. August wird mit der Verpackung in starken Leinwandsäcken und 
dem Transporte auf den Crnovunci- Pferden nach Pirot begonnen und dort 
die fertige Ware mit 1.20 d per kg zum Weitertransport übergeben. Nach 
Konstantinopel kostet die Bahnfracht per kg 24 Cent. Serbien erhebt als Exportzoll 
4,5 Cent, und 1 Prozent vom Werte, Bulgarien transito nichts, die Türkei aber 
11 Cent. Einfuhrzoll per kg, das zu Konstantinopel durchschnittlich mit 1.75 d 
verwertet wird. Der Händlergewinn ist bescheiden; doch summiert er sich durch 
die bedeutenden Quantitäten, welche einzelne Firmen absetzen. Das Haus Djordje 
Kaplanoglu bezieht allein aus dem Balkan und Mazedonien 200000 kg Kaskavalj. 



218 Von Nis über Bcla Painnkn, Pirot auf den Rakos usw. 

Der Verkauf lebender Schafe bildete früher eine Haupteinnahme der 
serbischen Crnovunci. Man rechnet auf 500 Stück einen jährlichen Zuwaciis von 
300, von weichen 250 gewöhnlich im Herbst auf dem Markt in Adrianopel zu 
12 d Gold verkauft wurden. Dies änderte sich seit dem Kriege, seit 1885, als die 
Bulgaren den Viehdurchtrieb nach der Türkei erschwerten. Es blieb nur die 
Ausfuhr über Vranja nach Kumanovo oder Skoplje, wo höchstens 5—6 d für 
einjährige Schafe bezahlt werden. Auch die Produktion von maslo (Schmalz) für 
die Türkei litt stark. Es wird in Bocksschläuche eingegossen, ebenso die vom 
Hause mitgenommene Tarana (Maismehl), welche während des fünfmonatlichen 
Sommerns auf den unwirtlichen Höhen die Hauptnahrung der meist sich mit etwas 
sir (Topfen) und maslo (Fett) begnügenden Crnovunci bildet. Ausserdem werden 
dicke Wolldecken, Kessel, Molkereigefässe, Krüge und anderes unentbehrliches 
Gerät den Pferden aufgeladen. Einige Männer tragen Waffen, weil vom Balkan 
nach der Suva Planina wechselnde Bären nicht selten sind. Den Wölfen zeigen sich 
die kampfgeübten wilden Hunde gewachsen; doch trotz strenger Hut fügen die 
häufigen Raubtiere den Herden in nächtlichen Überfällen grossen Schaden zu. 
Hat man keine besonderen Unglücksfälle zu beklagen, wird der Beginn der 
Schafschur freudig mit Gesang, Tanz und Flintenschüssen gefeiert. 

Obschon auch die Crnovunci ihre Verwandtschaft mit der lateinischen Rasse 
im Typus nicht verleugnen, tritt sie doch nicht so charakteristisch wie bei den 
Rumänen auf dem linken Donauufer hervor. Die Männer sind meist von kleiner, 
gedrungener Gestalt. Den von zartester Jugend an zu hartem Wander- und 
Arbeitsleben verurteilten Frauen fehlt die Schönheit und graziöse Bewegung, welche 
ihre rumänischen Schwestern den Italienerinnen nähert. Die häufigen Wetterstürze 
auf den hohen Alpenweiden zwingen die Crnovunci, sich in warmes Aba zu kleiden. 
Die Frauentracht wird durch die vielen übereinander angezogenen dicken Jacken 
und Röcke unschön. Malerischer ist der aus weissem Tuche gefertigte, schwarz- 
bebortete männliche Anzug, über den, wenn es kalt, noch ein dicker, schwarzer 
Lodenrock mit Schlitzärmeln und Kapuze getragen wird. Die ganze Familie, 
Männer, Frauen, Kinder, schläft angekleidet neben dem stets „lebendig" erhaltenen 
Herdfeuer. Wenn im September durch die Lücken der schadhaft gewordenen 
Hütte der Wind braust und Regen niederfällt, dann hüllt man sich überdies noch 
in dicke Wolldecken. Mitte Oktober ist alle Lust und Qual dieses eigentümlichen 
Sennerlebens vorüber. Am 13. November erfolgt der Abzug nach den heureichen 
Talebenen an der Nisava und Toplica, in welchen man bis zum Djurdjev dan 
(Georgstag) bleibt, um dann wieder auf die grünen Waldhöhen zu wandern. 

Das heimtückisch eingebrochene Unwetter nagelte uns bis zum nächsten 
Morgen in Janis Hütte fest. Wie gut, dass wir seinen Rat befolgt und schon 
mittags, trotz der Schwüle, die Rakoskuppe bestiegen hatten. Eine Stunde ritten 
wir aufwärts, mussten dann aber die Pferde wegen der immer häufigeren scharf- 
kantigen Felsen zurücklassen. Ich betrat hier ein steilgeböschtes, vegetationsarmes 
„Karstgebiet" mit scharfkantigen, typischen Karren, wie ich solche nur in Istrien 
und Montenegro gesehen. Über und zwischen glatten Kalkstufen ging es noch 
40 Minuten lang zum 1482 m hohen Rakosplateau. Die Aussicht gegen W. und S. 



Von Nis über Bela Palanka, Pirot auf den Rakos usw. 



219 



sperrten höhere Suva Planina-Kuppcn; um so lohnender war sie in der Richtung 
des Balkans und Vitoä, deren über 2300 m hohe, in Sonnenlicht getauchte Spitzen 
über die vorlagernden dunklen Waldberge aufleuchteten. Leider kürzte der aus 
SW. plötzlich anbrausende Sturm die Zeit zur Aufnahme des Gebirgsprofils, und 
noch viel weniger war an die Erreichung des in der Luftlinie kaum 9 km 
fernen höchsten „Trcm" zu denken. Nach den eingezogenen Erkundigungen 
hätten wir bis zu dieser 1 '/2 Stunden 0. durch Wald und 2'/a Stunden über 




Crno\'unci an det R.ikK^-Ccsnia. 



klippiges Gestein marschieren müssen. Bereits fielen schwere Tropfen, das 
Firmament verdunkelte sich und der Wind pfiff in kurzen Stössen so gewaltsam, 
dass wir glücklich waren, heil mit unseren stark mitgenommenen Pferden wieder 
die etwas geschützter liegende Mulde zu erreichen. Die unter den durchlässigen 
Kalkschichten durchgesickerte Wassermenge stürzte tosend aus dem Schlünde der 
„Cesma" und hatte ihr Bassin zur Freude der Regen ersehnenden Crnovunci in 
einen kleinen See verwandelt. Ganz unerwartet hatte ich das von Cvijic trefflich 
charakterisierte „Karstphänomen" hier vor Augen. 

Weniger günstig, gelangten wir in unserer schadhaften Hütte buchstäblich 
vom Regen in die Traufe. In die Lodenmäntel gewickelt, das aufgespannte 



220 Von Nis über Bcla Palnnka, Pirot auf den Rakos usw. 

Schirnidach in der Haiui, gequält von dem zuriick}:;eschlagenen Rauclic des 
Herdfeuers, dem nie ganz verstummenden Hundegebell, von vor dem Unwetter 
durch den Torzaun zu uns flüchtenden Ferkeln, Hühnern und anderem Kleingetier, 
verbrachten wir in dem engen Räume mit Jani und seiner Frau Despa — ihre 
Tochter Lanibra blieb bei Verwandten — die Nacht mehr wachend als schlafend. 

Der Abstieg zu Fuss durch die zwischen den Kalkklippen entstandenen 
Wassertümpel gab unserem hart mitgenommenen Schuhwerk den Rest. Zu 
Beziste hielten wir in einem Hause Mittag, dessen Leute in Typus, Tracht und 
Sprache mehr Bulgaren als Serben glichen, doch die „Slava", das Fest des 
Hauspatrons feierten, also zu letzteren zählten, wenn man die „Slava" als aus- 
gesprochene serbische Sfammeseigentümlichkeit gelten lässt, was bekanntlich 
buigarischerseits nicht zugegeben wird. Für den erblindeten Staresina führte einer 
der verheirateten Söhne das Regiment der zahlreichen Hauskommunion, deren 
Frauen sich äusserst tätig und freundlich erwiesen. Bis auf das unschmackhafte 
schwarze Urodicabrot (Buchweizen) war das rasch bereitete Mahl vortrefflich. 
Hier schied der Kapetan. Mit Ingenieur Balta und einem Panduren setzte ich 
die Reise talabwärts fort. 

Nahe einer Turmruine auf der 823 m hohen Jovanova Ornica kreuzten wir 
die eine pittoreske Tonschieferschlucht durchbrausende Mokra. Zwischen Gornja 
und Donja Koritnica gestalteten Rebenkulturen, Nussbäume und allerorts von 
wildem Hopfen durchwachsenes Buschwerk die Landschaft freundlicher. Wieder 
querten wir den Bach bei Divljane und traten in den prächtigen Laubwald, der 
dem Dorfe und nahen, für die Nacht uns gastlich aufnehmenden Klostei „Divljanski 
manastir" ihre Namen gab. 

Die Heilstätte soll ursprünglich eine Metochije der berühmten Demetrios 
Lavra zu Salonik gewesen und nach den Forschungen des Belgrader Metropoliten 
Mihail durch den Wojwodcn Mrnjavcevic, also vor der Kosovoschlacht, gegründet 
worden sein. Ihr auf der Tinosinsel geborener, vielgereister, 1862 aus Pyrgos 
nach Pirot gelangter Archimandrit Agatangel baute neben dem verfallenen Konak 
einen neuen und begann 1874 eine Kirche, deren Vollendung der Krieg unterbrach. 
1877 zündeten türkische Marodeure das neue Wohnhaus an, wobei leider zwei 
in der Bibliothek bewahrte Pergament- Handschriften verbrannten. Nach dem 
Frieden reichte das Einkommen der nächsten mageren Jahre zur Herstellung des 
Hauses, aber nicht zur Fortsetzung des Kirchenbaues. Vor wie nach ist das am 
Hram Sv. Dimitrije und hohen Festtagen stark besuchte Kloster auf sein kaum 
10 ni langes, mit Kalkplatten gedecktes Kirchlein angewiesen, dessen Turm über 
dem Narthex vielleicht eine Glocke barg. Der heute benutzte ist aus Holz 
gezimmert. 

Im Pflaster der Kirche entdeckte ich das Bruchstück einer römischen 
Inschrift, an anderer Stelle waren zwei Marmorreliefs mit Reitern und einer 
Najade eingemauert. Vor dem Portale lagen drei 2 m lange Säulenstämme und 
ein Brunnenständer, die aus Pirot, dann antike Kapitale, Basen, Werkstücke, die 
von Bela Palanka für den Neubau gebracht wurden. Den besten Besitz des stark 
verschuldeten Klosters bildet sein für 1400 d vom Kaimakam Hali Beg erworbenes 



Von Ni5 über Bela Palankn, Pirnt auf den Rakoä usw. 221 

Ciftlik und eine Mühle mit drei Gängen. Sein mit 300 Hcl<tar eingeschriebenes 
Grundeigentum, bestehend aus 47 Hektar Felder und Wiesen, 2 Hektar Obst- und 
Weingärten, alles andere Wald, ist mit 1000 d Steuern belastet. Am Nordhange 
der Suva Planina sind Buchen, Steineichen mit vereinzelten Fichten und Föhren 
vorherrschend. Man schiesst dort viele Rehe, Wölfe und Bären; „würden diese," 
äusserte scherzhaft der Abt, „im Steueramte für Bargeld angenommen, dann 
hätte ich weniger materielle Sorgen!" Ich tröstete unseren, die neuen Verhältnisse 
kostspielig findenden Gastherrn mit der beneidenswerten Naturpracht seiner 
Residenz, von deren Aussichtswarte man über der Babina Glava die fernen 
Sv. Nikola-Balkankuppen erblickt. 

Unseren kaum 3 km langen Ritt am waldreichen Suva Planina- Hange 
nach Mokra auf der antiken Strasse, die von Bela Palanka unter der befestigten 
Kurilovohöhe durch die Mokra-Engschlucht zur Vlasina führt, verschönte der 
farbenreiche Zauber denkbarster Herbstpracht. Im Namen des nur 1,5 Millien 
vom römischen Remesiana entfernten heutigen Dorfes Mokra blieb jener der 
byzantinischen Bischofsstadt (S. 190) Mokros erhalten. Diese erstand zweifellos 
auf Remesianas Ruinen, welche sich von der Paviovic Adamova gradina bis zum 
südöstlichen Robov Dol verfolgen lassen. Dort kommen antike Grundfesten mit 
ganz ausserordentlich grossen und starken Ziegeln in den Weingärten zum 
Vorschein. Andere Reste sah ich westlich im Acker des Djordje Triskov, wo 
man (1881) in dem für die neue Strassenanlage durchschnittenen Terrain drei 
60 cm breite, zum Bache ziehende Mauern in Abständen von 1 1 m biossiegte 
und unfern (1887) sieben römische Gräber aufdeckte, welche keramische Gefässe, 
Bronzefibeln, Kaisermünzen usw. enthielten. Ein Teil der ausgedehnten Römerstadt 
lag also jedenfalls hier, an der vom 1400 m hohen Suva Planina-Berge Preslab 
abfliessenden, Mokra durchschneidenden Wasserader. 

Weiter ging es durch die wildromantische Mokra-Kalkschlucht über zwei 
abgezweigte Mühlarme in die dorfartige Vorstadt von Bela Palanka, wo das 
Weichbild des römischen Remesiana begann. Leider verlor ich hier meinen 
angenehmen Begleiter Balta durch ein Niser Telegramm, das ihm auftrug, für die 
Crvena Reka-Brücke, welche die uns auf dem Rakog so übel mitspielende Sintflut 
weggerissen, provisorischen Ersatz zu schaffen uikI die gleichfalls beschädigte 
benachbarte Bahnbrücke sofort tunlichst zu sichern. 



„Was das Land von Nissa bis Sofia anbetrifft," bemerkte Graf Virmond in 
seiner Relation vom Jahre 1761, „so besteht dasselbe rechter Hand der Strasse 
bis Drogoman in lauter hohem Gebirge und Wald, welches aber dennoch in 
Tälern mit Christen bewohnt, und befindet sich von Nissa bis Pirot das sehr 
hohe Gebirge, in lauter Felsen bestehend; bei Drogoman wendet sich das Gebirge 
von der Strasse etwas rechter Hand ab, und ist oben meist kahl, linker Hand 
der Strasse aber gehet das mit Wald bewachsene Gebirge nur bis Pirot, allwo 
sich das Stara-Planina oder alte Gebirge anfängt und bis gegen Konstantinopel 
geht, besteht aber in puren todten Felsen so ganz kahl, woher es auch den 



222 Von Nis über Bela Palanka, Pirot auf den Rakoä usw. 

Namen haben mag, unten in den Gründen der Felsen aber, und bis auf die 
Hälfte hinauf, sind die sehönsten Felder, Wiesen, Weinberge und Waldungen, daher 
es auch, wie dasige Bauern selbst sagen, durchgehends stark soll bewohnt sein." 

Als ich 1864 von Bela Palanka diesen Teil der Balkankette bereiste, stimmte 
die traditionelle Darstellung des Nisavagebiets unserer Karten mit Virmonds 
Croquis wenig überein. Auf allen Karten zogen am rechten Nisavaufer von einem 
„Crni Vrh" genannten Massengebirge jähe Steilmauern herab, welche zwischen 
Pirot und Bela Palanka kaum für eine menschliche Ansiedelung Raum gaben. 
Auf der 57 km langen Uferstrecke zwischen Caribrod und Sikje erschien in 
Kieperts bester Karte von 1855 nur ein Ort, der zudem gar nicht existierte, und 
das ganze östlichere Gebiet mit einem Flächeninhalt von etwa 20 Quadratmeilen, 
aber vollkommen unbewohnt. Und doch war Graf Virmond nicht falsch berichtet 
worden. Ich verzeichnete im Jahre 1864 auf dem fraglichen Gebiete nicht weniger 
als 98 Orte, und dieses erschien, nach meinem Manuskriptcroquis, auf Kieperts Karte 
der europäischen Türkei vom Jahre 1870, neben den weissen Flecken der damals 
noch nicht von mir bereisten östlicheren Balkanterritorien, wie früher Ägypten neben 
den zu jener Zeit gleichfalls unerforschten Kongoländern. Man staunte namentlich 
über die reiche Gliederung und dichte Bevölkerung des westlichen Sv. Nikola- 
Balkanhanges. Der „Crni Vrh", jene riesige Bergbarrikade, welche dem Nisavagebiet 
auf unseren Karten den Stempel trostloser Sterilität aufdrückte, gehörte zu den 
vielen fiktiven kartographischen Gebilden, an welchen die Karte der südwestlichen 
Türkei selbst heute noch reich ist. Auf der Karte des Oberstleutnants v. Weiss 
(1829) trat der „Crni Vrh" zum erstenmal in scharf ausgeprägter Gestalt auf, 
und seitdem zeigten ihn alle Karten, bis auf jene des Obersten v. Scheda, welcher 
dem fabulösen Massengebirge nach unbekannter Quelle noch den zweiten Namen 
„Tori-Stara-Planina" gab. Ami Bou^ fügte 1840 ein Fragezeichen zu dem fiktiven 
„Crni Vrh", liess ihn aber fortbestehen.') Er vermochte sich nicht besser über 
denselben zu orientieren, da er nicht von der grossen Heerstrasse abbog. Der 
französische Akademiker Blanqui, welcher die Route Belogradcik— Pirot zurücklegte, 
lieferte, wie schon Kiepert in der „Erläuterung" zu seiner Karte bemerkte, keinerlei 
kartographische Daten für das durchzogene Terrain. 

Es würde zu weit führen, wollte ich die Irrtümer hier erörtern, welche der 
fabulöse „Crni Vrh" als apokryphe Fortsetzung der Balkankette veranlasste. Ich 
verweise auf eine Vergleichung von Kieperts oder Schedas älteren Karten mit 
meiner Darstellung dieses Gebietes, und bemerke nur, dass beispielsweise die 
Timokquellen aus den südlichen in die nördlichen Vorberge des Balkans hart 
neben die Lomquellen verlegt wurden; läge ferner der „Crni Vrh" wirklich in 
jener Ausdehnung und Höhe als riesige Barrikade an der Stelle, wie auf Schedas 
Karte, so hätte die Strasse von Ni§ nach der Donau gleich nach ihrer Abzweigung 
von Bela Palanka mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt und wäre 
schwerlich gebaut .worden. So zieht sie aber, nachdem sie die Nisavaebene N. 
durchschnitten, mit kurzem NO.-Abbuge, über sanft ansteigende Höhen, deren 



') La Turquie d'Europe, I, S. 151. 



Von Nis über Rein Pnlanka, Pirnt auf den Rakoä usw. 223 

fruchtbare, reiclibevvässerte Taleinschnitte die Ansiedelung zahlreicher Orte 
begünstigten. Mühelos erreicht Milhad Paäas Poststrasse das Babina Glava-Plateau, 
übersetzt bei dessen kreisförmigem, 1876 und 1877 viel umkämpftem Biockhause 
auf zwei Brücken die von der Babina Glava herabkommenden Quellen des Svrljiäki 
Timoks und bleibt bis zur ersten Pbststation, Blockiiaus Miranovac, auf seinem 
rechten Ufer. Kaum eine Viertelstunde von der Karaula kam man zur serbischen 
Grenzquarantäne Pandiralo, von der eine ziemlich gute Strasse über die Tresibaba 
nach Knjazevac führt. Die hier anstehenden petrefaktenreichen Kalke gehören, 
nach den eingeschlossenen Korallenrestcn (Stylocoenia und Rhabdophyllia), die 
in den von mir mitgenommenen Proben bestimmt wurden'), der oberen Eozän- 
formation an. 

Von Miranovac zieht die Trace in Kurven aufwärts zur einen prachtvollen 
Ausblick gewährenden Karaula Izvor. Es öffnet sich hier ein prächtiges Vogel- 
schaubild auf das südöstliche Serbien, welches die Rtanjpyramide beherrscht. 
Gegen N. erblickt man aber den langgestreckten Rücken des Sv. Nikola-Balkans 
bis über seine nordwestliche Fortsetzung „Ivanova Livada". Ich konnte hier den 
Lauf der Quertäler bis zum Übergange vom Timok zum Lom sehr gut verfolgen, 
und die Höhe, welche, wie Mauern zeigen, ein antikes Werk trug, wird eine 
treffliche trigonometrische Station bilden. Sie wurde deshalb von mir ganz 
besonders unter den Punkten hervorgehoben, die ich Ami Boue in dieser Richtung 
bezeichnete.'^) Ich nahm vom Blockhaus ein Profil des Sv. Nikola-Balkan und 
Peilungen seiner wichtigsten Spitzen, unter diesen den „Babin Zub" (Gross- 
muttcrzahn) mit einer vielzinnigen Burg gleichendem Gipfel, dann den „Crni Vrh", 
einen niedrigen Vorberg, welcher höchst wahrscheinlich zu dem apokryphen 
gleichnamigen Massengebirge älterer Karten Anlass gab. 

Von der Karaula Izvor zieht die Strasse durch das Tal des gleichnamigen 
Dorfes, das sich durch treffliche Obst-, Gemüse- und Blumengärten auszeichnet. 
Hier entspringt eine Hauptader des „Trgoviäki Timok", daher der Ortsname „Izvor" 
(serbisch und bulgarisch ^ Quelle). Bei ihrer Vereinigung mit der aus einem 
südlichen Seitentale kommenden Stanjanska reka nimmt die am Bachrande 
laufende Strasse in scharfer Wendung N. und tritt nach etwa 20 Minuten in ein ' 
enges Felsdefilee, aus dem man wie durch ein Tor in das weitgeöffnete Kalnatal 
gelangt. Unmittelbar bei dem am Ausgange des Defilees postierten Blockhause 
Kalna vereinigt sich die Izvorska mit der vom Crni Vrh und Ravno Bucje herab- 
kommenden, Kaskaden bildenden Crnovr§ka reka, der Hauptquellader des Trgoviäki 
Timoks. Weiter geht es NO. mit häufigen Krümmungen zur zweiten Poststation 
Berilovac, mit wohlgebautem kleinen Blockhause, dessen türkischer Kommandant 
mich freundlich beherbergte. 

Als ich im Herbste 1870 Berilovac zum drittenmal passierte, fand ich es durch 
ein von zwei wohlhabenden Dorfinsassen, den Brüdern Cira und Mino Toäovic, 
gestiftetes Kirchlein verschönt. Ich übernachtete bei Cira, der die Ehrenstelle 

') Verhandl. d. k k. geolog. Reichsanstalt. Wien 1868. 

'-') Beiträge zur Erleichterung einer geogr. Aufnahme d. europ. Türkei. Sitzungsber. d. 
k. Akad. d. Wissensch. Bd. LV. Wien 1867. 



224 Von Nis über Bela Palanka, Pirot auf den Rakos usw. 

des Corbadzi bekleidete. Nichts verriet, dass er zur Reihe der hochgeachteten 
„Hadzi" zähle, ein gut Stück Welt gesehen und eine Pilgerreise nach dem Athos 
vollbracht hatte. „Gott sei gepriesen, jetzt besitzen wir eine Kirche; Ihr habt recht, 
jetzt wollen wir auch eine Schule bauen, damit unsere Kinder nicht so roh wie 
wir aufwachsen!" meinte der intelligente Corbadzi, dem ich wertvolle Aufschlüsse 
über die Form türkischer Steuererhebung dankte, welche weit mehr als die 
Steuerhöhe die türkische Administration bei der Rajah verhasst gemacht. 

Berilovac bildet den Gabelpunkt der von Nis und Pirot über den Balkan 
zur Donati führenden Strasse. Von hier geht sie am Ravno Bucje-Bache mit 
häufigem Uferwechsel zur in Rundform erbauten Karaula Janja; erst bei dem 
gleichnamigen Dorfe tritt sie bleibend auf das rechte, um in grossen Kurven 
bei fortwährend starker Steigung die dritte Poststation, die hochliegende Karaula 
Ravno Bucje, zu gewinnen. Der Charakter dieser letzten Wegstrecke ist steril, 
denn die Gebirge sind meist nackt, die Wasserabflüsse spärlich, die nur von 
Hirten bewohnten Ansiedelungen in hohem Grade ärmlich. Die Häuschen aus 
Rohrgeflecht sehen vergrösserten Kolibas (Fruchtspeichern) ähnlich, sind mit Stroh 
gedeckt und der Maler würde hier jedenfalls erfreulichere Motive zu Studien als 
der Volkswirt finden. 

Hier im nordöstlichsten Teile des Timokquellgebietes wartete meiner eine 
neue kartographische Überraschung. An der Stelle des ärmlichen Dörfchens 
Ravno Bucje zeigten unsere Karten eine Stadt Isnebol, welche in dieser Balkan- 
region, soviel ich fragte, ungekannt war. Gänzlich fiktiv, war es zudem der 
einzige Namen auf dem mehrere Quadratmeilen umfassenden, ziemlich bevölkerten 
Gebiete. Auch Dr. Ami Boue erwähnte oft diese nicht existierende Stadt in 
seinen Werken. Erst im Herbste 1868 erfuhr ich im Rustschuker Regierungskonak 
des „Tuna-Vilajets", dass Isnebol der türkische Name des bulgarischen Kreis- 
städtchens Trn NW. von Sofia sei. Wie hatte sich aber die Stadt auf unseren 
Karten, von der Morava so weit nach Norden, in die wilden Balkanschluchten 
verirrt? Sie erschien zuerst in der Hammer-Übersetzung von Hadzi Chalfas „Rumeli 
und Bosna" begleitender Karte (1812), deren Zeichner durch kühne Benutzung 
der von Chalfa gegebenen Daten auf lange Zeit hinaus grosse Verwirrung in die 
graphische Darstellung des Haemusgebietes brachte. Hammer lehnte jede Ver- 
antwortung für dieses Machwerk ab, das er besser gar nicht hätte publizieren sollen. 

Es bedurfte vollster Kraftanspannung für unsere kleinen Pferde, um die 
bei der Karaula Ravno Bucje beginnenden, meist steil tracierten Serpentinen bis 
zum 1444 m hohen Passe zu erklimmen. Da Milicevic noch 1883 die von mir 
schon 1864 bestrittene Fabel erwähnt, sein Namen „Sveti Nikola" stamme von 
einer nahen, dem hl. Nikolaus geweihten Kirche'), so wiederhole ich hier: dass 
ich und niemand anders diese schon von der Tab. Peut. in ihrer primitiven 
Weise hervorgehobene, in sich fest abgeschlossene Balkanpartie nach dem auf der 
Passhöhe stehenden Sveti Nikolakreuz so taufte, weil ich bei ihrer wiederholten 



') In „Kraljevina Srbija" äussert Milicevic (S. 222): „nazvani tako po crkvi Svetoga 
Nikole, koja je tu blizu" (!), ohne mitzuteilen, wo die fabulüse nahe Kirche steht. 



Von Nis über Bela Palanka, Pirot auf den Rnkos usw. 225 

Passage, weder im dies- oder jenseitigen Gebiete einen Spezialnamen für dieselbe 
in Erfahrung bringen konnte. 

In ieiclit gei<rümmter Linie tritt der Sv. Nikoia-Bali<an durch den 2186 m 
hohen Midzor mit dem östlicheren „Ciporovica-Baikan" in Verbindung, während 
seine Fortsetzung gegen W., die „Zaglavacka Planina" mit ihrem 1814 m hohen 
„Orlov Kamen", die Wasserscheide und Grenze zwischen dem serbischen 
Knjazevacer Bezirk und dem bulgarischen Belogradciker Kreise bildet. Den Südhang 
des Sv. Nikola- Balkans konstituieren dioritische und piazitreiche quarzitische 
Schiefergesteine, ferner ein Amphibol-Andesit mit fast schwarzer Hornblende, 
verwitterten grünlichen Feldspatausscheidungen und violettgrauer felsitischer 
Grundmasse, ähnlich dem von Breithaupt als „Tymazit" beschriebenen Trachyt 
am Mali Timok. Der südliche kahle Sv. Nikola-Balkan und seine Ausläufer zeigen 
ein durch die grau-grünliche Farbe gesteigertes untröstliches Aussehen, seine 
nördlichen Abhänge schmückt eine prachtvolle Vegetation von Buchen und Eichen, 
welchen in den höheren Partien Koniferen folgen; die Gipfel sind jedoch nackt 
und gewöhnlich schon Anfang Oktober mit Schnee bedeckt. Über die jetzt die 
serbisch-bulgarische Grenze bildende Passhöhe, die Fernsicht von derselben und 
ihre Befestigung in türkischer Zeit gibt mein „Donau-Bulgarien und der Balkan" 
eingehenden Aufschluss. 

In den letzten serbisch-türkischen Kriegen wurde um die Sveti Nikola- 
Balkanstrasse, welche die leichte Truppenverschiebung von Knjazevac nach Bela 
Palanka, Pirot und in das Vidiner Gebiet ermöglicht, heftig gekämpft. Unmittelbar 
nach erklärtem Kriege beorderte General Cernjajeff in widerspruchsvollen, wiederholt 
abgeänderten, die Truppen zu nutzlos abmüdenden Märschen führenden Dispositionen 
seinen äussersten linken Flügel unter Oberst Horvatovic am 2. Juli 1876, die 
türkische feste Stellung auf der Babina Glava wegzunehmen und damit die Strasse 
nach Pirot zu öffnen. Am 1. Juli überschritt die serbische Vorhut die Grenze, 
am 2. um 8 Uhr morgens erfolgte ihr Angriff. Die SO. von der Vidiner Strasse, 
auf den Höhen um die feste Pandiraloer Karaula angelegten Erdwerke wurden 
jedoch energisch verteidigt und das Gefecht blieb bis 1 1 Uhr unentschieden. 
Um diese Stunde traf Oberst Becker mit der vordersten Batterie von Cernjajeffs 
Kolonne ein, etwas später dieser selbst mit dem Gros. Nun brachte das serbische 
Artilleriefeuer das feindliche bald zum Schweigen und ein Bataillon der Brigade 
Knjazevac nahm um 2 Uhr die Verschanzungen. Die ermüdeten Truppen nützten 
aber den gewonnenen Vorteil nicht aus. Erst am nächsten Tage wurde der 
Marsch nach Bela Palanka und Pirot angetreten; ihre Eroberung gelang aber nicht. 
Bald zwangen schlimme Nachrichten vom Zentrum sogar Horvatovics Truppen 
zum Rückzug, und der 19. Juli fand die von der Babina Glava verdrängten Serben, 
die eigene Grenze bei Pandiralo gegen den über Pirot und Bela Palanka 
heranziehenden stärkeren Gegner verteidigend. Oberst Uzun-Mirkovic befehligte 
die rasch verschanzte Stellung. Am 19. Juli morgens 8 Uhr wurden die aus 
2 Brigaden Jagodinaer und Knjazevacer Infanterie, einer halben schweren, einer 
leichten Fcldbatterie, 2 Zwölfpfündern und 2 Berggeschützen bestehende serbische 
Abteilung von den gegen ihren linken Flügel vorbrechenden Türken mit 8 bis 

F. KANITZ, Serbien. II. 15 



226 Von Nis über Bela Palanka, Pirot auf dun Rakos usw. 

10 Bataillonen angegriffen. Trotz des von seiner Redoute, der Batterieschanze im 
Zentrum und aus den Schützengräben unterhaltenen leibhaften Feuers wurden die 
Serben aus dieser Position am Abend verdrängt. Am nächsten Morgen, unter 
heftigem Geschützfeuer stürmend, gewannen sie aber dieselbe zurück. Die Türken, 
welche nach serbischem Berichte 30 Bataillone und 2 Batterien ins Gefecht 
brachten, Messen 54 Tote auf dem Felde; die Serben beklagten 42, darunter 
2 Offiziere, und 200 Verwundete. Leider vermochte die auf dem serbischen linken 
Flügel und auch bei Knjazevac, Zajecar, Negotin usw. durchschnittlich bewiesene 
Bravour die Verluste des von Cernjajeff befehligten Zentrums nicht wettzumachen! 

Erfolgreicher operierten die Serben im nächsten Feldzuge, 1877, in dem das 
obere Timoktal am 17. Dezember genommen wurde. Am 19. erreichte Hauptmann 
Glisan Fronic, ein tüchtiger, 1862 aus Österreich in serbische Dienste getretener 
Offizier, mit 3 Bataillonen, 2 Gebirgsgeschützen und etwas Kavallerie über 
Ravno Bucje den Sv. Nikola-Pass. Nach kurzem Gefechte wurden mit unbedeutendem 
Verluste die etwa 500 Mann zählenden türkisch-tscherkessischen Verteidiger der 
auf dem Sattel angelegten drei Redouten nach Belogradcik gedrängt, wodurch die 
serbische Kolonne mit den jenseits bis Cupren vorgedrungenen Eklaireurs der 
russischen Kavalleriedivision Arnoldi und den Belogradcik zernierenden Rumänen 
Fühlung gewann. 

Die gleichfalls viel umkämpfte, vom Trgoviski Timok nach Pirot abzweigende 
Balkanstrasse zieht von der in diesen mündenden Stanjanska reka, oft ihre Ufer 
wechselnd, zum gleichnamigen Orte, demgegenüber ein sehr pittoresker Wasserfall 
mit etwa 30 — 40 m hoher Kaskade und halbverfallener Mühle als höchst malerisches 
Motiv mich fesselte. Von hier nimmt die Landschaft einen rauheren Charakter 
an. Die von Sugrin und den östlichen Querschluchten tosend abströmenden 
Wasser erschwerten den Strassenbau erheblich. Bald erreichten wir die Cerova 
Karaula, die mir als vorzüglicher Observations- und Peilungspunkt für die 
Timok- Nisava- Wasserscheide diente. Abwärts wurde das Bild freundlicher, 
namentlich bei Cerova, dessen kleines Rinnsal der Temska zufliesst. Vorüber 
an zwei ehemals türkischen Ciftliks mit rcichtragenden Weingärten kamen wir 
zur Temskabrücke, von welcher man in einen nordöstlichen Einschnitt blickt, 
dessen wildromantische Kalkfelsen mit den nördlich aufragenden Abstürzen des 
Sv. Nikola den grellsten Gegensatz zu seinem südwestlichen flachhügeligen 
Vorlande bilden. Bis zum Jahre 1871, in dem ich die 35 Dörfer und 3 Klöster 
dieses grossen Balkantals in Karte brachte, hatte man keine Ahnung von seiner 
Existenz und ebensowenig von seinem Hauptorte Temska, der mich nicht wenig 
überraschte. Dehnte er sich ja mit seinen roten Ziegeldächern weithin auf der 
Stelle aus, welche auf unserer damaligen besten Karte die fiktive riesige Crni 
Vrh einnahm. 

Nordöstlich von Temska liegt in der Steilschlucht das Kloster Sv. Djordje. 
Im Kirchlein dieser alten Stiftung sieht man von 1576 datierte Wandinschriften 
und alte Manuskripte. Nach Ljuba Kovacevic') wurde das Kloster 1692 



') Olasnik, Bd. 56, S. 357. 




15* 



Von Nis über Bela Palanka. Pirot auf den Rakos usw. 229 

verwüstet; das von Siilcjinan dem Despoten Stevan entrissene und verstärkte 
Schloss aber, nach dem Zeugnis des Konstantin Filosof, durcii den Gegensultan 
Musa erobert und zerstört (1413). Hier wurde der am 27. Dezember 1877 beim 
südöstlichen Niäor gefallene Hauptmann Aliiutin Karanovid nahe der Altarnische 
begraben. Auf der nahen „Straza" befindet sich das „dzidsko groblje", ein alter 
Friedhof, in dessen ausgemauerten Grabkannnern man bisher nur Skelette ohne 
Beigaben traf. Der 1875 renovierten Kirche Sv. Trojica sind Temska und Rudinje 
zugewiesen. Das Kloster besitzt 36 Hektar Felder und Wiesen, 5 Hektar Obst- und 
Weingärten, 28 Hektar Wald, eine grosse Mühle, 250 Ziegen, 120 Schafe usw. 
Ob die nahe angeschürfte Kohle abbauwürdig, ist noch nicht entschieden. Der 
von einem Mönche unterstützte Iguman verfügt über ein Jahreseinkommen von 
4000 d, dem die Ausgaben entsprechen. 

Von der Ruinenstätte unterhalb der Begbrücke, welche ich besuchte, geht 
die Sage, dass dort eine „grosse lateinische Feste" stand, Reste ihrer vorgeschobenen 
Wachttürme sieht man am Temska-Oberlaufe. Auch auf der östlichsten serbisch- 
bulgarischen Grenzspitze, wo vom 1570 m hohen Prelesje der gleichnamige 
Bach zur Temska abfliesst, befinden sich ausgedehnte Mauern nahe der Balkan- 
Wasserscheide. SW. von Rosomaca krönt am linken Klisuraufer eine Schlossruine 
den 1170 m hohen Grenzberg Slavej bei Rsovci, und ebenso tragen einige 
Höhen südlich von Paklestica Mauern antiker Werke. Mysteriöse Sagen 
umweben die zwischen den letztgenannten Orten befindliche „Via dikina Ploca" 
(Bischofsplatte), andere haften an der Stiftung des uralten Sv. Nikola-Kirchleins 
in Dojkinci und an dem „Maria Geburt" geweihten alten Kloster bei Rzana, 
für dessen gestattete Erneuerung 1853 den Türken 700 Piaster bezahlt werden 
mussten. Es zieht sein karges Einkommen von 1800 d aus dem Ertrage von 
80 Joch Feldern und Wiesen, einer Mehana, kleiner Mühle und frommen Gaben. 

Von Temska führen einige Steilserpentinen hinab zur Nisava, auf deren 
rechtem Ufer mich die nahezu geradlinig S. laufende Strasse nach Pirot brachte. 
Von diesem zog ich am 28. August 1871 die es besäumenden nordöstlichen 
Höhen hinan. Ein jetzt in Ruinen liegendes Schloss beherrschte einst den Talpfad, 
welcher an der Gradaänica aufwärts, vorbei an einer Therme am Vitanovfelsen, 
zum Kastelle von Dobridol führte. Zur besseren Orientierung über das damals 
wenig gekannte Terrain wählte ich den schwierigeren Hochpfad, von dem ich 
nach einstündigem Ritte nochmals ins schöne Nisavatal blickte. Wie wird es 
durch den solange verzettelten Schienenweg nach Belgrad gewinnen. Fortdauernd 
nördlich aufsteigend, hatten wir bei Nisor, einem kleinen Dorfe von 63 Häusern 
in prächtiger Lage, bereits 456 m über Pirot erklommen. Der Weg ging nun 
NO. über frisches Weideland mit hübschen Eichenständen; SO. beherrschte der 
Ruinen tragende, scharf profilierte, 1353 m hohe „Basarski Kamen" das 
prächtige Landschaftsbild. 

Meine Leute verkürzten sich die Zeit, indem sie im Vorüberritte die 
Haselnussstauden am Wege plünderten. Es war 5 Uhr, als wir über den 936 m 
hohen Koprivsticasattel stiegen, welcher die Wasserscheide zwischen der Nisava 
und Temska bildet. Nun ging es hinab durch ein ungemein pittoreskes kurzes 



230 Von Nis über Bela Palanka, Pirot auf den RakoS usw. 

Quertal, dessen Kalke primitive Oefen verarbeiten, an seinem rauschenden 
Bächlein hin, das, mehrere Mühlen treibend, bei Zavoj in die.Temska mündet. 
Diese nimmt hier tosend ihren Weg durch eine wildromantische Schlucht. Die 
weit zurückreichende Besiedelung des Temskagebietes bezeugt ausser den vielen 
schon früher erwähnten alten Burgen und Kirchen auch Zavojs alte, schöne 
Steinbrücke. Seine 1870 begonnene Aufnahme fortsetzend, gab es fortan viel 
zu fragen, viel zu tun, denn in den tiefen, wasserreichen Querschluchten steckten 
zahlreiche Orte, welche zum erstenmal in Karte gebracht werden mussten. ^) 

Meine Zapties schlugen vor, in Velika Lukanja mit sehr altem Kloster- 
kirchlein zu übernachten, weil dieses bessere Unterkunft als die folgenden Orte böte. 
Ich widerstrebte auch diesmal, mich von meinem Programm abdrängen zu lassen. 
Den Weg streng N. im Quertale der Gostusa fortsetzend, erschien auf ihrem 
rechten Ufer eine etwa 120 m hohe Kalkwand, deren stark gewellte Bänder eine 
grosse Störung in den ursprünglich horizontalen Schichtungen zeigte. Wir 
begegneten nur wenigen von den mageren Feldern zurückkehrenden Landleuten. 
Der Menschenschlag dieser Täler ist hübsch und kräftig, dabei massig, arbeitsam 
und intelligent. Für seine Religiosität spricht, dass nahezu jede Gemeinde eine 
Kirche besitzt, mit dem Unterricht sieht es aber schlimm aus, erst auf drei 
kommt eine Schule. 

Das Gesamtgebiet zwischen der Balkankette bis Ni§, Caribrod, Trn und 
den Temskaquellen bei Gubes hiess früher „Torlak" und seine Bewohner nennen 
sich noch heute „Torlaci". Sie unterscheiden sich in Sprache und Tracht von 
den vom Ginci-Balkanpasse bis südlich von Sofia wohnenden „Sopci" und auch 
von den Bulgaren am nördlichen Ciporovica-Balkan, welche in Torlak „Zagorci" 
genannt werden. Vuk sagt: „Die Torlaci sprechen weder gut serbisch, noch 
bulgarisch." Ihre Sprache gleicht wohl jener im Nisgebiete, doch wird das k 
und g weicher, wie c und dj, gesprochen, so ruce für ruke, sludje für sluge usw. 
Der Torlake trägt ein weisses Hemd von Hanfgespinst, weisstuchene Benefreci 
(Hosen), den kurzen Jelekrock, die ärmellose Dzuba und im Winter den Gunjarock 
mit Kapuze und Ärmeln, alles von Abatuch und ausgenäht mit schwarzen Schnüren, 
einen rotwollenen Gürtel, weisse dicke Wollstrümpfe, darüber Wachstuchgamaschen 
Opanci aus selbst gegerbten Häuten und die Varetina (Schaffellmütze). 

Die Feier des Krsno Ime, des Hauspatronsfestes, unterscheidet sich im Torlak 
wenig von der serbischen; nur wird zum Mittagessen mit Wein, zum Abendessen 
mit Raki eingeladen. Bei der Hochzeitsfeier herrscht der eigentümliche Brauch, 
dass den Svaten des Bräutigams sich das Zauntor des Brauthauses erst öffnet, 
bis sie über dasselbe einige Geldstücke in den Hof geworfen haben. Nun wird 
nochmals fest bestimmt, was die Verlobten sich gegenseitig geben. Erst wenn 
dieser Pakt klar gestellt, wird die Braut durch ihren Bruder dem abgesandten 
dever ausgeliefert. Alles, auch die Braut, steigt zu Pferde und reitet nach dem 
Hause des Bräutigams, wo die Hochzeit mit Gesang und Trinkgelage gefeiert 
wird. Selbstverständlich lieben auch die Torlaci gleich allen Südslaven sinnige 



') Donau-Bulgarien und der Balkan. 2. Aufl. II. Bd., S. 289 f. 



Von Nis über Bela Palanka, Pirot auf den Rakoä usw. 231 

Trinkspriiche, und einer der schönsten, den Jungvermählten ausgebrachten lautet: 
„Lebet so lange und werdet so weiss wie die Stara Plaiiina!" — wie der 
schneebedeckte Balkan. Die Torlaci sind ungemein wanderlustig; teilweise zwingt 
sie die Sterilität des mageren Bodens, ihr Brot in der Fremde zu suchen. Im 
Sommer ziehen viele Männer, Frauen und Mädchen zur Schnittzeit auf 10 — 14 Tage 
in die serbische Moravalandschaft und nach Rumänien. Manche gehen nur Sonntag 
abends hinab in die Nisavaebene, arbeiten dort die Woche und kehren am Samstag 
abends zu ihrer Familie heim. Wollweber (Mutavdzi), Töpfer (Grncari) und 
Ziegelschläger (Ceremidzari) wandern bis nacii Kragujevac und lehrten auch den 
Sumadijern rationeller Kohlen brennen. 

Es war spät am Abend, als unsere Zapties in einem von Gostusas zerstreuten 
Häuschen gastliche Aufnahme für uns erhielten, doch mussten die Pferde, da im 
Orte kein Stall vorhanden, unter freiem Himmel übernachten. Die gutmütigen 
Leute setzten uns Brot, Eier und Topfenkäse vor, ich würzte das frugale Essen 
durch einen kräftigen Tee. Dieser und das Feuer im kleinen Küchenraume 
wärmte uns wohltätig. Um Mitternacht wütete ein kalter Nordsturm, welcher 
durch die schlecht mit Lehm verschmierten Holzwände über mein Lager strich. 
Zum Überflusse waren die Ziegen des Hauswirts in der anstossenden Hürde 
meine Nachbarn; blieben sie einen Augenblick still, begannen Esel, Hühner und 
Katzen ihr melodisches Konzert. Sehnsüchtig erwartete ich den Tagesanbruch, 
der für den 30. August frisch genug war; um 6'/.^ Uhr verzeichnete ich 10" C. 
in 671 m Seehöhe. 

Unser Weitermarsch führte NO. über stellenweise mit Mais bebaute sanfte 
Höhen. Bald stiess ich auf die auch hier am südlichen Balkanrand erscheinende 
Zone des Rotliegenden, deren ununterbrochene Erstreckung vom Zentralbalkan bis 
zum Timok nunmehr zweifellos konstatiert war. Allmählich wurde der Weg 
steiler, wir ritten die hübsch bewaldete Turla hinan, wo harter Kalk auftrat. Hier 
begegnete uns eine verspätet zum Piroter Panajir ziehende Karawane aus dem 
bulgarischen Zelezna. Jedes Pferd war mit zwei Ballen, zu 50 Teppichen, 
belastet. Am nördlichen Turlaiiange lagerte unter schiefgestellten Brettern ein 
Zaptiepikett, das hier zum Schutze der über den Ciporovica-Balkan ziehenden. 
Kaufleute für die Messdauer blieb. 

Von dieser Vrtibog-Karaula, 1482 m, erblickte ich ein weites Amphitheater 
sanftkuppiger Höhen mit schönen Weideplätzen und vereinzelten Anbauflächen. 
Nordöstlich trat zwischen hochaufstrebenden Bergen der Pass in Sicht, dem wir nun 
in einer stark nach O. ausgreifenden Kurve zustrebten. Auf dem Punkte angelangt, 
wo sie in N. übergeht, sahen wir hinab in eine höchst romantische Schluciit, deren 
schäumender Giessbach der Temska zufliesst. So pittoresk das Bild, wurde es doch 
von der Aussicht auf einer Vorhöhe des 1897 ni hohen „Bratkov Vrh" über- 
troffen, welche nach der Aussage meines Zaptie nicht allein Bären und Wölfe, 
sondern auch die gefürchteten Heiducken im Frühjahre zum Stelldichein wählen. 
Ich nahm zahlreiche Winkel und warf einen letzten Abschiedsblick auf das neu 
in Karte gebrachte Temskagebiet, von dessen vor mir ungekannten 35 Orten und 
3 Klöstern der Berliner Kongress 17 Dürfer und 2 Klöster dem Fürstentum 



232 Von Nis über Bela Palanka, Pirol auf den Rakos usw. 

Serbien zuteilte, so dass gegenwärtig die Kamniiinie des Westbali<ans in einer 
Ausdehnung von nahezu 6 geographischen Meilen seine Ostgrenze gegen Bulgarien 
bildet. Das Pavlov Krst (Paulskreuz) markiert den gleichnamigen Pass, von 
dem ich am 30. August, 10 Uhr vormittags, bei 9» C. zwischen den „Tri Cuke" 
(2032 m) und der 2026 m hohen „Vrazija Glava" in das jenseitige bulgarische 
Gebiet von Ciporovica hinabstieg, ich beschrieb dasselbe und seine, einen höchst 
interessanten Zweig der bulgarischen Hausindustrie bildende Teppichfabrikation 
in meinem „Donau-Bulgarien und der Balkan" (2. Aufl., 11. Bd., 293). 

Unter den serbischen Balkanspitzen ist jene des „Midzor" mit 2186 m die 
höchste; hierauf folgen N. die „Medjova" (2004 m), der „Babin Zub" (1996 m), der 
„Orlov Kamen" (1814 m); gegen S. die „Martinova Cuka" (2059 m), die „Golema 
Cuka" (2014 m), die „Baicinca" (1971 m), der „Aloviti Kamen" (1838 m), die über 
2000 m hohen Berge des vorgeschilderten „Vrafija Glava-Passes", der „Babisin 
Vrh" (2115 ni) und die sich allmählich ermässigenden Höhen (1700—1800 m), 
welche das südliche bulgarische Ogost- Quellgebiet von dem der serbischen 
Temska scheiden. Die ausgedehntesten Hochweiden befinden sich auf den 
Hochplateaus der Berge: Babin Zub, Ponor, Vrtop, Slap, Mucibaba, Medza 
Planina, Belan u. a. (zusammen 18), wurden von Mithad Pasa als Staatsgut 
erklärt und verpachtet. Die serbische Regierung folgte diesem Vorgange: Nur 
begünstigt sie die feste Ansiedelung der mazedonischen Wanderhirten, nach 
welchen ein Weiler (1471 m) am Ponor Crnovunci heisst. Einzelne dieser Weide- 
pächter besitzen riesige Schafherden. So produziert Dimitrije Droz zu Slap allein 
im Sommer durchschnittlich 80 q Kaskavaljkäse für Adrianopel und Konstantinopel. 

In dem 2419,4 km - umfassenden Kreise spielt die Viehzucht den bedeutendsten 
Erwerbszweig. 1905 zählte man: 202127 Schafe, 79628 Ziegen, 14603 Schweine, 
8959 Pferde, 37 630 Rinder, 83 Büffel, 124 Esel und 7542 Bienenstöcke. Auf die 
am dünnsten mit 30—40 Seelen per km - bevölkerten Bezirke Nisava und Bela 
Palanka entfielen auf 100 Bewohner 320 — 390 Stück Vieh, im Luznicaer mit 
57 Seelen: 340, im Vlasotincer ') mit 48 Seelen nur 232 Stück. Das Weide- und 
Wiesenland wird auf etwa 15500 Hektar, das Wald tragende auf 11960, das mit 
Getreide bepflanzte auf 38300 Hektar, die Obst- und Gemüsekulturen mit 1580 
und die Weingärten mit 1750 Hektar berechnet. Von den 3 Bezirken dieses 
Kreises hat der Nisavaer die meisten (81) Orte, sie besitzen durchschnittlich 82, 
im Bela Palankaer 60 und im Luznicaer 55 Häuser. Sämtliche 14 922 Häuser 
sind von 104101 Seelen bewohnt, darunter 2600 männliche mehr als weibliche! 
Sämtliche 55 Gemeinden im Kreise mit 174 Orten besassen 1905 nur 56 Kirchen 
und 53 Volksschulen, darunter 3 für Mädchen (!). Diese Zahlen sprechen ohne 
weiteren Kommentar, wieviel noch für dieses 1878 Serbien zugeteilte, bis dahin 
türkische Gebiet kulturell zu tun bleibt. 



') Dieser Bezirk wurde 1899 dem Kreise Vranja zugeteilt. 



IX. 



Von Leskovac an der Veternica nach Vranja. 

Durch die Masurica ins Viasinagebiet. 



VIERMAL berührte ich während des Herbstes 1889 Leskovac auf verschiedenen 
Routen. Von Nis erreicht man diese Stadt auf dem Vranjaer Schienenstrange 
in zwei Stunden. Man erzählt, das alte Leskovac stand einst auf der Ruinenstätte 
bei Donja Kopasnica. An der oberen Medvedja hörte ich aber, dass die vor den 
Türken geflüchteten Bewohner der dortigen Stadt Dibocica (richtiger Glubocica) 
eine gleichnamige an der Morava gründeten (Kap. X), die erst später nach den 
vielen Haselnusssträuchern ihrer Umgebung „Leskovica" genannt wurde — diese 
Erklärung klingt viel ungezwungener als die von Milicevic mitgeteilte.') Ihre 
malerische Lage gewinnt durch ihre, wechselreiche Vergangenheit bekundenden 
Bauten an Reiz. 

Hahn suchte Leskovac im Scunae der Tab. Peut.; die Tafel leidet aber 
gerade auf dieser Route an durch den Kopisten verschuldeten grossen Fehlern, 
dass ich Hahns Hypothese,-) die ich bei Vranja weiter erörtern werde, nicht 
beizupflichten vermag. Nach meiner Ansicht dürfte aber Scunaes Lage gleich jener 
von Arribantium, das Ptolemaeus, und von Merion, das Hierokles erwähnt, 
ferner einiger von Procopius und der Tab. Peut. in Dardania genannten Orte 3) 
ohne zufällige Inschriftenfunde niemals festzustellen sein. Aus Leskovac, das 
zweifellos ein wichtiger römischer Wegknotenpunkt war, weil dort die 0. von 
Turres, W. von Lissus, SW. von Scupi und vom südlicheren Erzgebiete kommenden 
Strassen mündeten, fehlen aufklärende Inschriften. Keinesfalls stand dort aber, 
wie Tomaschek annahm, Scupi, <) das von allen Forschern bis herab auf Evans 
und Domaszewski im heutigen Skoplje erkannt wurde. 

Drei Brücken verbinden die von der Veternica durchflossenen Stadtteile, in 
welchen dunkles Laub überragende Minaretts und Konakfirste von der einstigen 



•) Kraijevina Srbija, S. 112. 

=) Reise v. Belgr. n. Sal., S. 235. 

') Mannert, a a O. VII, S. 108. 

■") Sitzungsber. d. k. Akad. d. Wissensch. Bd. 99, S. 437 ff. 



234 Von Leskovac an der Veternica nacli Vranja usw. 

Tiirkenherrschaft erzählen. An diese mahnt auch der „Hisar", der 350 ni hohe 
Schlossberg auf dem linken Fiussufer. George Brown sah noch im Jahre 1677 
das ihn krönende, die nahe sumpfige Niederung beherrschende Kastell. In 
altserbischer Zeit war es abwechselnd bulgarisch oder Byzanz unterworfen, Kaiser 
Manuel trat die Stadt und ihr Gebiet an Stevan Nemanja ab, fortan teilten beide 
die Geschicke des Serbenstaates. Nach Kosovo türkisch, im Frieden zu Szegedin 
(1444) dem serbischen Despoten Djuradj Brankovic wieder zugesprochen, wurde 
Leskovac nach den alles niederwerfenden Halbmondsiegen 1455 dem Sultansreiche 
dauernd einverleibt. Erst 1689 eroberten Prinz Eugens Scharen die Zwingburg, 
und von da ab verfiel sie. Nun bedecken köstlichen Wein zeitigende Kulturen 
mit eingestreuten edlen Obstbäumen den blutgetränkten Boden, der ursprünglich 
eine bis auf wenige Ziegelreste verschwundene römische Akropolis trug. Kaum 
lässt sich deren einstige Gestalt mehr bestimmen, denn ihre Mauerreste wurden zum 
mittelalterlichen Schlossbau, für Moscheen und Konaks verwendet, die, obschon seit 
1878 dem Verfalle preisgegeben, uns den im Schwinden begriffenen orientalischen 
Zuschnitt dieses einst vielgepriesenen Halbmondhortes vergegenwärtigen. 

Noch zu Beginn unseres Jahrhunderts war Leskovac das Zentrum eines 
ausgedehnten Paschaliks, dessen Grenzen selbst die fernen, seit 1833 serbisch 
gewordenen Kreise Krusevac, Cuprija und Aleksinac umschlossen. Später fiel 
Leskovac aber den Ejalets Pristina, Nis, Rustschuk und zuletzt, als Mithads Stern 
in Nis glänzte, diesem zu. Das durch die fortgesetzte arnautische Einwanderung 
sich stetig stärkende moslimische Element übte wiederholt solch starken Druck 
auf die mehr als zweimal so starke christliche Majorität, dass es 1841 in und um 
Leskovac zum lange vorbereiteten Rajahaufstande kam. Er gab dem Gouverneur 
Mohamed Pasa viel zu schaffen, und lange nachdem er von den Albanesen 
blutig niedergeschlagen war, zeigten Flintenkugelspuren an den Mauern den 
versuchten Angriff auf das Regierungsgebäude. Bald darauf sank Leskovac zum 
Mudirsitze herab; zuletzt jedoch amtierte dort wieder ein Kaimakam. 

Als Serbien 1877 in die russische Aktion eintrat und seine Kolonnen sich 
Leskovac näherten, flüchteten dessen wohlhabendere Moslims nach Vranja und 
anderen Städten des Kosovovilajets. Zu diesem Zwecke requirierten Spahis und 
Zapties in der ganzen Umgegend alle auffindbaren Wagen und Gespanne von der 
Rajah, welche dadurch über tausend nicht mehr zurückgekehrte Ochsen, Büffel usw. 
einbüsste. Die ärmeren mohammedanischen Leskovacer aber eilten nach der 
schwer zugänglichen Grdilicka Klisura, wo sie mit Zuzüglern vom Lande durch 
den Kaimakam Afis Pasa Agic und Esat Beg zu Baschibosuks organisiert wurden. 
Mit ihnen wollten sich 1500 Amanten unter Sumber und Suli Aga aus der Pusta 
Reka und oberen Veternica vereinigen, um das serbische Vordringen abzuwehren. 
Die christliche Bevölkerung schnitt jedoch durch ihre tapfere Verteidigung der Dilaver 
Begova Kula zu Vucje dieser Kolonne den Weg ab. Beide erbittert kämpfenden 
Teile erlitten grosse Verluste. Hier fiel Vladimir Radenkovic, der Führer der Auf- 
ständischen, am 3. Januar 1878. Mit ihm starben viele Tapfere für die Befreiung 
des angestammten Bodens und die Bewahrung des schon am 23. Dezember 1877 
von einer schwachen serbischen Abteilung besetzten Leskovac vor Brand und 



Von Leskovac an der Veternicn iincli Vranjn usw. 



235 



Plünderung. Ein Dezennium genügte, um die Stadt iiires türkischen Charakters 
naiiezu gänzhch zu entkleiden. Von den vor der serbischen Annexion in 9Ü() 
Häusern wohnenden 4500 Mohammedanern traf icli im Herbste 1889 kaum 60 in 
15 Häusern, von den 8 Dzamien mit 6 Minaretts blieben 3 erhalten, von den 
10 Tekies nur eines; selbst das Türkenbad wurde rasiert. Auch die eine noch 
„arbeitende" Moschee wird bald verödet sein; denn, wie allerorts, fühlt sich der 
Moslim auch hier nicht wohl unter christlichem Regiment. Er verkauft sein Haus, 
seine Landgüter selbst zum halben Werte und zieht ilahiii, wo er wieder der 




Türkisches Pasa-Saraj zu Leskovac. 



Vorrechte des Echt- und Rechtgläubigen über die waffenlose Rajah teilhaftig 
wird. Zu den vornehmsten eingewanderten Arnautenfamilien zählte jene §aäir 
Pa§as. Aus einem der angesehensten Ipeker Arnautengeschiechter stammend und 
mit der einflussreichen Busatlisippe aus Skodra nahe verwandt, sammelte er zu 
Leskovac grosse Reichtümer; sein Nachkomme Sahsuvar Pasa und dessen Sohn 
Ismail Pa§a mehrten diese so sehr, dass des letzteren Einfluss zu Konstantinopel 
bis vor wenigen Jahren unbestritten war. 

Sasir Pasa erbaute im Zentrum des rechtsuferigen Stadtteils ein imposantes, 
fünfzig Schritte langes „Saraj" mit vorspringenden Flügeln, von welchen einer des 
Paschas Frauen und Odalisken beherbergte, der andere als Selamlik diente. 
Der sie verbindende lange Mittelbau mit breitem, offenem Cardak und grosser 
doppelseitiger Freitreppe enthielt die Gerichts- und Administrationsräume. Mit 



236 Von Leskovac an der Vcternica nach Vranja usw. 

echt orientalisch gemalten Ornainentfriesen, Festons usw. geschmückt, macht das 
Saraj noch heute einen guten Eindruck, obschon es durch seine Verwendung als 
Tabakdepot viel gelitten hat. Das von den Vlasotincer und Leskovacer Bezirken 
angekaufte Gebäude fiel 1892 dem neuen Untergymnasiuni zum Opfer, für welches 
die notwendigen Gelder und das Baumaterial bereits 1889 gesammelt waren. 
Der einer anderen, reich begüterten Familie entstammende Paäa Agic besitzt zu 
Pecenjevce und Leskovac zwei grosse Liegenschaften; in letzterer befindet sich 
jetzt das Bezirks-Polizeiamt. Rasa Agic verewigte seinen Namen auch durch eine 
nun verlassene Moschee mit Minarett neben dem einstigen Saraj. Eine dritte 
erhaltene Dzamija steht im Sahat-mahala. 

Der arnautische Beg, dieser spanische Hidalgo und magyarische Edelmann 
des illyrischen Dreiecks, ist nicht so koranseifrig, wie stolz und unduldsam gegen 
die seiner Herrschaft verfallene orientalische Christenheit. In noch höherem 
Grade als dem asiatischen Moslim sind ihm alle Klöster und Kirchen verhasst; 
den Bau neuer sucht er aber meist gewaltsam zu hindern. Konsul Hahn erzählte 
ganz merkwürdige erlebte Beispiele von unerhörtem Fanatismus während seiner 
albanesischen Amtskarriere. Als die Leskovacer christliche Gemeinde durch Bitten 
und reiche Bakschisch zu Konstantinopel einen Ferman erwirkte, der ihr den Bau 
eines grösseren Gotteshauses gestattete, suchten ihre arnautischen Zwingherren 
diesen durch Bedrohungen lange zu hindern. Man griff zur List, gab vor, ein 
neues Popenhaus zu bauen. So entstand im entlegensten Südteile des Christen- 
quartiers, zwischen Bäumen versteckt, die von aussen kaum sichtbare, tiefliegende 
dreischiffige Basilika „Sveta Bogorodica", ohne Turm, Kuppeln oder sonstige aus 
der Ferne auffällige Zierde, wohl aber mit einem der Nordseite angefügten 
Schornsteine, der — wie erzählt wird — die Moslims über die wirkliche Bestimmung 
des Baues täuschen sollte. 

1839 wurde die Kirche, deren Länge ausser allem Verhältnis zur Höhe steht, 
gründlich renoviert. Ein breiter, von 18 Säulen gebildeter Arkadengang an der 
West- und Südfront bildet ihren einzigen monumentalen Aussenschmuck. Sechs 
Stufen führen zum bescheidenen Haupteingange hinab, über ihm die „Rozdestvo 
Presvete Bogorodice" im Bilde und ein später eingebrochenes kleines Fenster. 
Dieses und einige spärliche schmale Einschnitte an der Südfassade lassen nur 
wenig Licht in das Innere der mit grossen quadratischen Ziegeln gepflasterten 
Schiffe dringen. Man wähnt sich in einer Katakombe; die starken Säulen, der 
dunkle Freskenschmuck erhöhen den mysteriösen Eindruck. Der Reflex riesiger, 
vor der reichgeschmückten Ikonostasis brennender Wachskerzen fällt auf den 
„Sto za Kraljicu" (Königinstuhl) und lässt auch hier die natürliche Begabung der 
Bulgaren für das Kunsthandwerk bewundern. Der thronartige Betstuhl ist eine 
prächtige Arbeit des zu Vlasotinci lebenden Holzschnitzers Majstor Zasa aus 
Samokov. Krone, Wappen, Blumen und sonstige Zier sind in Nussholz überraschend 
schön geschnitten; die empfangenen 60 Dukaten waren wohl verdient. Und gleich 
kunstreich ist der den Altar schmückende Baldachin. Es sind Werke von bleibendem 
Kunstwert. Nahe der Hauptfassade erhebt sich seit 1879 ein ungeschlachter 
sechsseitiger Glockenturm; zierlicher ist der Kiosk, der den treffliches Wasser 



i 

Von Leskovac an der Veternica nach Vranja usw. 237 

spendenden Brunnen überdacht und das Zentrum des anlieimelnden, durtii das 
Schul- und Popenhaus abgeschlossenen Platzes bildet. 

Seit der serbischen Besitznahme hob sich das städtische Bildungswesen. An 
der sechsklassigen Normalschule für Knaben und Mädchen mit vielen Parallelkursen 
erteilen 14 Lehrer und 4 Lehrerinnen nahezu 900 Schülern Unterricht. Das 1880 
gegründete vierklassige Untergymnasium wird von 150 mannlichen und 20 weiblichen 
Zöglingen besucht. Es zählt einen Direktor, fünf Professoren, einen Gesangslehrer, 
einen Meister für Gymnastik und militärisches Exerzitium, eine Lehrerin für 
Handarbeiten; die Religion lehrte an beiden Anstalten der gewesene Pfarrer im 
sirmischen Irig, Luka Bozovic. Dieser gleich gefällige, wie gebildete, jetzt in der 
Bukarester serbischen Gemeinde wirkende Geistliche war mir ein stets bereiter 
kundiger Begleiter. In seiner Gesellschaft stieg ich an einem herrlicii blauenden 
Sonntagsmorgen zur neuen Kirche Sv. Uija hinan, deren weisser Bau mit blinkender 
Metallkuppel seit 1883 in herrlicher Lage weit hinein iiis Moravatal leuchtet. 

Er steht auf der westlichen Hisarhöhe, umschlossen von einem neu angelegten 
Parke und Rebengärten, neben dem Friedhofe, auf der Stelle einer gleichnamigen, 
im Volke als heiltätig gepriesenen Kirchenruine, zu der Kranke selbst aus weiter 
Entfernung pilgerten oder gebracht wurden. In einer mit allerlei Bildern, Kreuzen 
und Ampeln kapellenartig ausgestatteten Hütte kurierte hier eine viel aufgesuchte 
Baba durch Besprechungen, mysteriöse Arzneien usw. die schlimmsten Gebrechen. 
Die Geistlichkeit eiferte vergebens gegen diesen Eingriff in ihren Wirkungskreis, 
denn die Bauern nahmen die Partei der frommen Wunderfrau, die sich mit 
kleinsten Geschenken begnügte. Allmählich wuchsen diese zu einer bedeutenden 
Summe an und bildeten den von der Baba gestifteten Grundfonds zum Baue des 
neuen Gotteshauses. Bald flössen Liebesgaben in Geld und Materialien von 
allen Seiten. Architekt Ivackovic vom Belgrader k. Bauamt entwarf den Plan, 
Werkmeister Radojio aus Crna Trava führte ihn aus, und am Hin dan 1889 wurde 
die im byzantinischen Stile gehaltene Kirche durch den bald darauf durch die 
Radikalen seines Amtes entsetzten Niser Bischof Dimitrije Pavlovic feierlich 
geweiht. Der ansehnliche Kuppelbau zeigt sehr harmonische Verhältnisse und 
wäre gelungen zu nennen, wenn nicht an der Westfassade der unansehnliche 
Eingang zu auffallend mit dem unmittelbar über demselben angebrachten riesigen 
Fenster kontrastierte. Im noch kahlen, weiss getünchten Innenraume führt eine 
Stiege zur Frauengalerie. Die Ikonostasis zieren erst zwei Bilder eines maze- 
donischen Samouks (Autodidakten), und ein Symantron in schlichtem Holzstuhle 
ersetzt den noch fehlenden Glockenturm. Der Gottesdienst in dieser von der 
Stadt etwas fernliegenden Kirche wird von einem ihrer 13 Geistlichen gehalten. 
Während der Muezin nur mehr von einem Minarett Allah preist, besitzen die 
12 100 orientalischen Christen von Leskovac zwei Kirchen, und seine 140 spanischen 
Israeliten eine kleine Synagoge mit Schule. 

Die Kommunalverwaltung des 1896 in 2551 Häusern über 12800') Seelen 
zählenden Leskovac wurde nach serbischem Muster organisiert. Wie alle 



') Leskovac zahlte 1005 in 2{)48 Häusern 13712 Einwohner. 



238 Von Leskovac an der Veternica nach Vranja usw. 

1878 annektierten Städte, besitzt es vollständige Autonomie. Opstinski sud 
(Genieindegericiit) zählt: 1 Vorsitzenden, 3 Knieten, 16 Ausschüsse, 8 Beisitzer, 
1 Rechnungsführer, 1 Notar, mehrere Schreiber und Diurnisten. Den Sicherheits- 
dienst versieht 1 Polizeibeamter mit 4 Gehilfen, 12 Panduren und 18 Nachtwächtern. 
Die Feuerwehr steht unter einem besonderen Kommandanten. Für die Gesund- 
heitspflege sorgen 2 Ärzte, 1 Geburtshelferin und 3 Apotheken. Das Haupteinkommen 
der Stadt aus den Abgaben von Häusern, Gewölben, Kaffee- und Gastlokalen, 
Waggeldern, vom Jahrmarkte usw. mit 60000 d balancierte sich 1889 mit den 
Ausgaben; das Barvermogen betrug gegen 20 000 d. Eine städtische Sparkasse, 
welche 1895 schon 10,8 und 1905 nahezu 15 Mill. d zu 10"/,, in Umlauf brachte, 
macht den nur gegen riesige Zinsen zugänglichen Geldverleihern wohltätige 
Konkurrenz. Sehr viel geschah bereits für die Regulierung und Verschönerung 
der Strassen und Plätze; auch die Pflasterung und Beleuchtung machen gute 
Fortschritte, und schon heute ist der Charakter dieser vor zwei Jahrzehnten noch 
halbasialischen Stadt ein mehr occidentalen Forderungen entsprechender. 

An diesem überraschend schnellen Umschwung haben die aus dem Fürstentum 
entsendeten Offiziere und Beamten grossen Anteil. Es dürfte interessant sein, 
den staatlichen Apparat einer serbischen Bezirksstadt kennen zu lernen. Zu 
Leskovac befanden sich im Herbste 1889: der Stab des Territorialbataillons 
(4 Offiziere, 50 Soldaten), das „Sresko nacelstvo" (Bezirksamt) mit dem leitenden 
Bezirkshauptmann, 1 Adjunkten, 7 Praktikanten für den Kanzleidienst, 1 Steuer- 
beamten, 1 Tabakregie -Aufseher und seinen Gehilfen, 1 Bezirksarzt und 
10 Gendarmen; eine Abteilung des Niser Kreisgerichts für die Leskovacer und 
Vlasotincer Bezirke >), bestehend aus 1 Präsidenten, 3 Richtern, 1 Sekretär, 
1 Rechnungsführer, 2 Schreibern und 3 Praktikanten; ferner Post- und Tele- 
graphenamt mit 1 Chef, 2 Beamten und 4 Telegraphisten. 

Die Leskovac mit Nis und Vranja verbindende Eisenbahn gewinnt stetig 
an Bedeutung. Der Bezirk führt ansehnliche Quantitäten von Getreide, Wein, 
Obst und anderen Bodenprodukten aus. In erster Linie steht aber der Verkehr 
mit Hanf und Seilerwaren. Man darf ohne Übertreibung sagen: Leskovac und 
seine Umgebung leben vom Hanfbau. Schon Herodot rühmte den thrazisch- 
dardanischen Hanf. Der Leskovacer gilt allgemein als der vorzüglichste im ganzen 
Toplica- und Moravagebiete, denn die Pflanze gedeiht hier bis zu 3,5 m 
Höhe. Zur Samengewinnung wird der schwarze, im Herbste geerntete Hanf 
bevorzugt. Man versetzt ihn Ende April; der weisse wird schon im August 
abgeschnitten. Durchschnittlich gewinnt ein Bauerngehöft 10 q Hanf, einzelne 
sehr wohlhabende z. B. in Pecenjevce bis 35 q, welche 1889 mit 56 frs. per q 
bezahlt wurden. Anfangs Oktober, wenn aller geerntete Hanf pyramidenförmig 
in endlosen Reihen getrocknet wird, erscheinen die Ortschaften wie von riesigen 
Zeltlagern eingehüllt, die später als Flachs meist nach Leskovac wandern. Dieses 
bildet gewissermassen die Börse, auf welcher nach dem jeweiligen Ernteausfall 
und Zuströmen der Ware ihr Marktpreis bestimmt wird. Die leider in den 



') jetzt ist das Gericht selbständig für die Vlasotincer, Jablanlcaer und Leskovacer Bezirke. 




LESKOVAC. Textilindustrie. 
Farbelfoclieii, Hanfrösten, Spinnen, Spulen, Weben und Seiledrelieii. 



Von Leskovac an der Veternicn nncM Vranjn usw. 



241 



letzten Jahren häufig versuchte Fälschung des Geuiclits durcli Befeuchtung des 
Ballenkcrns oder Zusatz von Heu usw. maclite die fremden Käufer sehr vorsiclitig. 
Noch immer gehen aber grosse Quantitäten nach Ungarn, Bulgarien, Rumänien, 
Albanien usw. Der überschüssige Rest wird von der ärmeren Bevölkerung zu 
Seilen in verschiedenster Stärke verarbeitet, für welche Skopija (Skopijc)^ 
Philippopei, Adrianopel, Bukarest und die Dobruca die bedeutendsten auswärtigen 
Abnehmer sind. 

Zu Leskovac gibt es über 400 Hanfbereiter und Seiler, 3 Leinwand- und 
3 Bockheweber. In und bei jedem Hause der entfernteren Quartiere schnurren 



t,.r-V?-l. 




^3M 



^]>"T^ — 



5-^?i -^i«S5i. 



LESKOVAC. Uriickc und His:ir im J.Llirt- I88(t, 



Räder und Rädchen; man glaubt sich in eine einzige riesige Stricke- luui 
Schiffstaufabrik versetzt. Daneben ist man auf zahllosen primitiven Webstühlen 
tätig, denn die aus Ziegenhaar erzeugten Leskovacer „Bissage" und aus Wolle 
hergestellten Pferdedecken, Kotzen usw. erfreuen sich gleichfalls guten Rufes. 
Die Leskovacer Frauen verstehen es, prächtig gemusterte gazeartige Stoffe aus 
feiner Baumwolle mit eingewebter selbstgesponnener Seide herzustellen, die 
lohnenden Absatz finden. Die seitens der Regierung im Leskovacer Kreise 
erfolgten Schritte zur Hebung der Leinenindustrie schildere ich im III. Bande, 
X. Kapitel. 

Zu Leskovac wird auch die Töpferei schwungvoll betrieben; die beliebten 
Formen weisen häufig Anklänge an die Gefässe auf, welche aus den zerstörten 
Römerstätten der Umgebung zutage gelan_gen. Sonst gibt es dort eine 

F. KANITZ, Serbien. I[. l(j 



242 



Von Lcskovac an der Veternica nach Vranja usw. 



bescheidene, als grosser Fortschritt zu begrüssende Buchdruckerei, eine sehr 
gut arbeitende Dampfmühie, 180 Feld- und Gartenbauer, (53 Bäcker, 54 Fleischer 
und Wurstmacher, 185 Gast- und Kaffeewirte, 240 Schneider, 78 Schuhmacher, 
365 Handelsleute, 7 Advokaten usw. 

Vom Balkon des ganz europäisch mit Cafö, Billard und Speisesaal ein- 
gerichteten „Hotel Solun" (Salonik) der Familie Pasa Agic und jetzigem Gerichte 
erster Instanz blickte ich gern auf den Hisar und die zierliche, ungemein 
malerische Lepenicabrücke, über welche an Samstagen das rege Markttreiben in 
der langen Basarstrasse seinen Weg nimmt. Oft sperren endlose Ochsen- und 
Bliffelwagenreihen die Strasse. Eine denkbar bunte Staffage, darunter einzelne 



I. Oahelkeil. 2. Webstuhlfüsse. 
Weberhaum. 5. Durchscliub. 
9. Unterlage. 10. Zettel. 




Alter serbischer Wcbstu 



um Lebane siedelnde Amanten, drängt sich lärmend durch die Hecken der 
ambulanten Händler vor den ihr Bestes in die Augen rückenden Verkaufsläden, 
bis am Nachmittag sich der Knäuel lichtet und die Stadt ihr Alltagsleben wieder 
aufnimmt, dessen Stille ab und zu die Übungen ihres Schützenvereins „Kralj 
Milutin" und Gesangsbundes „Branko" unterbrechen. 

Mit den angenehmsten Eindrücken trat ich vom aufstrebenden Leskovac am 
9. September in Gesellschaft des Kreisingenieurs Bartos die Tour nach Vranja 
an. Unser Pandur hatte treffliche Pferde besorgt, der Himmel blaute, und in 
bester Laune schlugen wir den alten Römerweg zum südlichen Rudarski manastir 
durch die Niederung „Kavgalija" ein. Dass sie schon in prähistorischer Zeit 
bewohnt war, zeigt ein bei dem rechts bleibenden Sinkovce gefundener 
Spinnwirtel. Links ragten über dje mit wogenden Mais- und Hanfpflanzungen 



\'on Leskovac an der Veternica nach Vranja usw. 



243 



bedeckte Ebene drei riesige Ulmen auf, weiche die Umzäunung als dem Voli<e 
geheiligte „zavetina" kennzeichnete. 

Bald darauf betraten wir einen frischgrünen Laubhain, aus dem das 1799 
renovierte weisse Gemäuer der Sv. Petkakirche hervorlugte. Dieses ehemalige 
Kloster ist ein Licblingsausflug der Leskovacer und nunmehrige Pfarre für 
14 Orte mit zwei Geistlichen. Nach beendeter Liturgie geht es an Sonn- und 
Festtagen zur leiblichen Stärkung aus den mitgebrachten Vorräten. Namentlich 
am Tage der Schutzpatronin des schmucklosen Kirchleins gleicht das Wäldchen 
einem grossen, durch Gesang und Tanz belebten Feldlager. Eine Sage erzählt, 
dass beim nahen Rudare eine „latinska varoÄ" sich befand. Aus ihren Kirchen 
sollen die Architekturreste neben dem Haupteingange herrühren. Ich zeichnete 
eine altbyzantinische Säulenbasis und ein Kapital von hartem Sandstein, mit 




RUDARE, Hiiuscrhau. 



scharf untcrsclinittenem Blattwerk, Voluten und Kreuz. Der die Kirche umgebende 
Friedhof, auf dem die Orte Rudare, Trnjane, Jajino, Guberevac, Mala und 
Velika Grabovnica ihre Toten bestatten, birgt einzelne sehr alte Grabsteine von 
interessanten Formen. Das ungemein stimmungsvolle malerische Ganze hütet ein 
von den genannten Dörfern bestellter Küster. 

Die Ortschaften um Leskovac sind meist geschlossen. In den auf Rudare 
an unserer Route folgenden Trnjane, Presecina, Sajinovac stand Haus an 
Haus. Westlich blieb Palikuca, bei dem Pesa Prsic schon vor hundert Jahren 
einen Aufstand versuchte, worauf die Türken das Dorf verbrannten; daher sein 
Namen. In dem II km von der Stadt fernen Strojkovce besuchte ich die erste 
serbische Gajtanfabrik. Unter Leitung zweier Bulgaren aus Karlovo werden hier 
mit flottem Maschinenbetriebe meist blaue, weniger rote Schnüre ganz in derselben 
Weise gefertigt, wie ich sie in den Balkanstädten Kalofer, Trevna u. a. O. sah. Die 
Wolle wird während des Winters von den Frauen gesponnen und wandert sodann 
durch die Färberei des Bulgaren Stevan Dobra Bujedzov, der jährlich 200 kg 



Kj» 



244 



Von Leskovac an der Veternica nach Vranja usw. 



Indigo verarbeitet, auf die siiinreiciien i<ieinen Rotationsapparate. Hier und in der 
Gajtanfabrik der 1889 im benachbarten Vucjc errichteten Fihale waren 24 Arbeiter 
und 110 Spindeln tätig. Der erzielte Umsatz betrug im selben Jahre 120000 d. 
Vorüber an der höher liegenden netten Mehana zogen wir an dem zahllose 
Mühlen treibenden Bache aufwärts über Nakrivanj nach Cukljenik. Dort wird 
das von Strojkovce gegen SO. sich dehnende, sanft undulierte Terrain von 
den waldgrünen Ausläufern der nahezu 1200 m hohen Vlahinja umgrenzt, deren 
romantische, wasserreiche Schluchten zur Gründung zahlreicher Heilstätten ein- 
luden. Im südlicheren Nakrivanjer Kloster steht neben der Grundfeste des 
zerstörten Kirchleins Sv. Nikola (Grundriss, Star. VllI) ein erhaltener tonnen- 
gewölbter niederer Bau mit konventionellem byzantinischen Freskenschmuck, 
überragt von einem stattlichen einstöckigen Konak und Nebenhause, in dem die 




Denkmal bei Sv. Nikola. 



hierher pilgernden Frommen und Ausflügler gastliche Aufnahme finden; es wird 
zu klein, wenn der Nakrivanjer Pope hier an bestimmten Tagen Gottesdienst 
hält. Wir verbrachten unsere Mittagsrast im schattigen Nussbaumhain, nahe dem 
3 m hohen Granitobelisken, mit dem der auf S. 234 erwähnte Vladimir Radenkovic 
aus Golesnica (geb. 1850, gest. 1878 im Gefechte zu Vucje) geehrt wurde. 
Auch unfern dem westlichen Rasin Laz zieht eine dem hl. Spas gewidmete alte 
Heilstätte viele Besucher an. 

Am Rückwege über Nakrivanj sah ich auf den östlichen Hügeln die letzten 
grösseren Rebenkulturen des südwestlichen Serbien; wo der Boden mehr flach, 
war die Maisernte schon im vollsten Gange; nur die zwischengepflanzten 
Kürbisse liess man länger reifen. Das Terrain stieg allmählich gegen S. wieder an 
und zeigte guten Waldstand. Wir kreuzten den tiefen Selskaeinschnitt und erreichten 
das bedeutende, interessante Vucje am gleichnamigen Bache. Dieser entspringt 
auf dem 1437 m hohen Ruzin Grob der kristallinischen Kukavica, fliesst parallel 
mit der 4 km entfernten Cukljenicka reka von S. nach N. und bildet neben dieser 
den zweiten grösseren östlichen Zufluss der Veternica. Von dem nach Milicevic 



Von Lcskovac an der Veternica nach Vranja \is\v. 



245 



zwischen Beli Potok und Vucje angeblich existierenden See fand ich keine Spur; 
im Frühjahre sind wohl die Wiesen überschwemmt, das Wasser verschwindet aber 
meist schon in den ersten Sommermonaten. Die vorerwähnte Diiaver Begova 
Kuia (S. 234), welche von den Anwohnern am 3. Januar 1878 so tapfer gegen 
die Amanten verteidigt wurde, dass diese flohen und 140 Tote zurückliessen, 
stand unfern der Mehana mitten im Dorfe. An der Stelle des abgetragenen, mit 
hohem palisadierten Walle umgebenen Turmes liegt heute ein Bauerngehöft, an 
dem vorüber der Weg nacii der 1858 zuerst von Hahn besuchten Klisura führt. 




Der Teulciskessel der Vucjansk.i reka. 



Sic gehört in Wahrheit zu den hochromantischsten Schluchten des an land- 
schaftlichen Schönheiten reichen serbischen Südens. 

Durch abenteuerlich sich aufbauende Steilmauern, herrlich bewaldete Hänge 
und frischgrüne Matten rauscht die 18 Mühlen und 2 Walkwerkc treibende Vucjanska 
reka in zahllosen Kaskaden herab zum von malerischen Felsen umschlossenen tiefen 
„Dev Kazan" (Teufelskessel), in dem munteres kleines Fischvoik sein Spiel treibt. 
Nur selten streift ihn die Sonne, und der böse Dämon sucht ihn allnächtlich auf, 
um sich da seine Suppe zu kochen. Der zum südlichen, 2 km fernen Zbeziste 
ziehende Bauer meidet es, den Dev zu stören, der auf verzauberten Mühlen in 
der Untiefe sein Korn mahlt; Feinde wünscht er hinab zum gefürchteten „dev"; 
er selbst drückt sich scheu vorüber und schlägt auch am Tage ein Kreuz, wenn 



246 Von Leskovac an der Vetcrnica nach Vranja usw. 

er zum „Teufels-Suppentopf" kommt. Dagegen betrachtet man die Ruine des 
„crkviste", eines nahen Kirchleins, für geheiligt, in dem der grosse Nationalheld 
Nikola Skobaljevic stets die Liturgie sich lesen Hess, bevor er zum Kampfe gegen 
die Ungläubigen auszog. Seine 3,6 m breiten, 4,8 m langen Mauern, mit 1,7 m 
vorspringender halbkreisförmiger Chorapside und 1 m breitem Eingange, zeigen 
eine wahre Musterkarte von Bruchsteinen und Geschieben der im Umkreis 
anstehenden Gesteinsarten; Gneis und Glimmerschiefer herrschen vor. Etwas 
weiter SO. bildet die kristallklare Vucjanska reka unter der vom 1034 m hohen 
Kita vorspringenden Steilwand des „Ramni Kamen" einen prächtigen Wasserfall. 

Südwestlich von Skobaljevics Kirchlein führt ein schwieriger Pfad hinan 
zu seinem 300 m höher liegenden Schlosse. Zwischen jungem Laubholze, das 
einzelne höhere Buchen überragen, und dichtem, den Kleidern gefährlichem Wach- 
holdergestrüpp, das Zeitlosen stellenweise bläulich färben, erkletterte ich, geführt 
von einem gemsenartig alle Hindernisse nehmenden ortskundigen Hirtenjungen, 
das schmale Plateau, das die 2 m starken und 12 m langen, teilweise trefflich 
erhaltenen Fronten eines quadratischen Werkes mit verschütteter Zisterne trägt. 
Die Grundform und der überaus harte Mörtel der aus Bruchsteinen und Ziegeln 
hergestellten Mauern sprechen dafür, dass hier ein römischer Wartturm stand, 
der das weithin übersehbare unterworfene Umland überwachte. 

Das ist die Burg, auf welcher das Volk seinen vielbesungenen Helden Nikola 
Skobaljevic residieren lässt. Historisch erwiesen ist, dass er die von Novo Brdo 
vordringenden Türken am 6. Oktober 1454 bei Vranjska Banja schlug, bald darauf 
aber, am 28. November, mit seinem gleich tapferen Vetter an der Trepanjska reka 
besiegt wurde und fiel. Eine vielverbreitete Legende macht den Grosswojwoden 
Nikola zum Sohne eines Mädchens Nikolina des nahen Vina, das durch einen 
lebend verschlungenen Fisch gesegnet wurde, daher auch sein Name Skobaljevic 
(Fischsohn), in allen Kämpfen mit den Türken blieb er Sieger, bis ein Verwandter 
schmählichen Verrat an ihm übte. Er verlor die Schlacht, doch konnten ihn die 
Moslims nicht erreichen, denn er flog auf seinem schnellen Rosse in die Lüfte, 
und deshalb kennt man auch nicht seine Grabstätte.') Von Vucje führt auf dem 
linken Ufer auch ein besserer Weg zur Burg, der in römischer Zeit über Zbeziste 
und den Crni Vrh (1005 m), vorbei an einer zweiten auf dem 764 m hohen 
Koprive, durch das obere Veternicatal nach Vranja zog, was die Anlage beider 
Werke in so unwirtlicher Waldgegend erklärt. 

Zu meinem grössten Leidwesen lief erst 1890 die Frist ab, welche den 
Mehandzijas des 1878 annektierten Landesteils zum Um- oder Neubau ihrer 
Gasthäuser nach den Kristicschen Vorschriften bewilligt wurde. Der Han zu 
Vucje entsprach gleich den meisten der südlichen Kreise kaum bescheidenster 
Anforderung; dank den Mühen des Tages schlief ich auf dem frischen Heulager 
des ungedielten feuchtkalten Raumes trotzdem vortrefflich, und zeitig morgens 
ritten wir am nördlichen Kukavicahange W. über Brza nach Gorina. Dort fiel 
mir ein festes Haus mit turmartigem Anbau auf. Es war die das Dorf einst 



') Milicevlc, Kraljevina Srbija, S. 61 ff 



Von Lcskovac an der V'ctcrnicn nach Vranja usw. 



247 



beherrschende Kula des nrnaulisclien Be^s Dciiiir Barjam, dessen Christin gewordene 
hübsche Witwe den Serben Kosta Kocic heiratete. Die dem Beg Untertanen 
10 Rajahfamihen lösten den Zehnten mit 500 d ab. Diese zinstragend im Leskovacer 
Waisenamt angelegte Summe fällt samt dem Haus und Landbesitz dem Sohne 
Milan zu, sobald er grossjährig wird. Der kaum sechzehnjährige aufgeweckte 
Bursche galt als reiche Partie und wurde trotz seiner Jugend von schlauen, mit 
Töchtern gesegneten Müttern zum Heiraten gedrängt. 

Bei der Mühle von Bukova Glava, das, ähnlich wie Gorina, Brza und 
Vucje, am Ausgange einer südlichen Schlucht lagert, schieden wir von der gegen 
N. sich dehnenden breiten Ebene, welche die Veternica durchfliesst, und traten 
in ihr sich bald verengendes Defilee, dessen wenig gekrümmte, nahezu streng 
südliche Fortsetzung wir erst am nächsten Tage, kurz vor Vranja, verliessen. 
1 km N. von Bukova Glava liegt Mirosevce, bei dem 1878 zur Plünderung von 
Leskovac ausgezogene arnautische Banden von den Serben zersprengt wurden. 







Demir BarjaniKula zu Gorina. 



Im ganzen Tale der Veternica, wo es vor 1878 viele aibanesische Orte gab, 
blieb nicht ein Arnaute zurück. Alle übersiedelten mit ihrer beweglichen Habe 
freiwillig oder gezwungen auf türkischen Boden und verhandelten lange wegen 
der im Prinzip zugesagten Ablösung des im Stiche gelassenen Grundbesitzes 
mit ihrer ehemaligen Rajah und dem serbischen Staate, die sich rasch desselben 
bemächtigt hatten. 

Zu Vina, dem ersten Dorfe am Oberlaufe der Veternica, wurden wir gastlich 
empfangen. Der Kmet und einige Ortsinsassen lagerten mit uns unter mächtigen 
Nussbäumen und sprachen, trotz der posti (Fasten), den für uns gebratenen 
Hühnern und Kacamak eifrig zu. „Pop daleko stanuje!" — der Pope wohnt weit 
— meinte der aufgeweckte Kmet und Hess es sich trefflich munden. Ich leitete 
die Unterhaltung auf Nikola Skobaljevic. Einige kannten das Märchen von dem 
in die Luft geflogenen Helden; doch die traditionelle Sage, dass er in ihrem Dorfe 
geboren sei, war auch den ältesten Tafelgästen fremd. Um so mehr erzählten 
sie von Marko Kraljevic, „der von seiner heute noch teilweise erhaltenen Kula auf 
dem nur wenige Minuten vom Dorfe fernen Umac (447 m) mit mächtigem Satze 
seines Sarac hinab zum crkviäte sprang, das er am Fusse des Hügels dem 
hl. Prokopius errichtete. Im Felsen erkenne man Markos breite Fussspur mit dem 



248 Von Lcskovac an der Vctcrnica nach Vranja usw. 

Spornabdruck und den Huf seines Rosscs!" Die Aufgetclärteren bezweifelten aber 
kopfscliültcind diese fabulösc Geschichte. 

Elfmal kreuzten wir die abwechselnd durch Wiesengrund, zwischen Felsen, 
prächtigen Buchenständen, gemischt mit goruna (Eichenart) und kleinen Nusshainen, 
lustig hinrauschende Veternica. Auf beiden Ufern lagen bis zur Kaludjerska livada 
(Mönchswiese) Hunderte mächtiger Nussbaumstämme. Wie im Kriege die kräftigsten 
Männer, wurden hier die gesündesten Bäume leidiger Gewinnsucht geopfert. Ein 
spekulativer Tscheche sandte gegen tausend nach Österreich zur Anfertigung von 
Gewehrschäften. Am Wege erschienen vereinzelt ärmliche Gehöfte, mit Stroh 
gedeckte Häuschen und Kolibas, mit aus Lehm bestrichenen Zweiggeflechtwänden, 
in welchen früher Arnauten, jetzt Serben aus der westlichen Poljanica siedelten. 
Die Gegend ist als sehr unsicher verrufen. In Crcavac schloss sich der Kniet 
mit zwei Bewaffneten unserem Geleit an. Bei diesem, in einem stark bewaldeten 
Bergkessel malerisch liegenden Orte endet der auf S. 246 erwähnte, von Vucje 
über den Crni Vrh und Bunatovac (1210 m) nach Vranja führende Hochweg. 
Wieder durchfurteten wir sechsmal die vielgekrümmte Veternica bis zur Mühle 
des in einer östlichen Schlucht liegenden Lalince und betraten den Poljanicacr 
Bezirk. Am Wege steht eine Riesenbuche, in deren Bereich viele griechische 
Landschildkröten heimisch geworden. Auf nackte Sandstein- und Glimmerschiefer- 
felsen folgte frischgrüner Buchenwald, das Tal erweiterte sich, war gut bebaut, 
belebt, denn man erntete den Hanf zur Samengewinnung. Nachdem wir eine 
stark zerrissene Enge passiert, erschien westlich zwischen hohen Baumkronen die 
Ruine des Klosters Sv. Prokop. Meine Begleiter erzählten, dass es Zar Lazar 
gestiftet, und seit es die Türken verwüstet, noch angesehener beim Volke sei. 
In der reinlichen Mehana des bald darauf erreichten Golem o Selo begrüsste uns 
der zu meiner Begleitung durch den Vranjaer Kreis eingetroffene Ingenieur Josef 
Riener. Das nach des Popen Angabe 240 Gehöfte zählende Golemo Selo erbaute 
1876 auf der Stelle des zerstörten Sv. Nikola- Kirchleins ein dem hl. Prokop 
geweihtes, das mit dreibogiger Vorhalle und hochgezimmertem Glockenstuhle 
weithin im breiten, fruchtbaren Tale sichtbar ist. Seine Gehöfte sind durchschnittlich 
von 10 — 15 Seelen bevölkert, und obschon die Kommunionen sich auch hier 
häufig teilen, zählen einzelne 25 Familienglieder. Mit dem Unterrichtswesen ist 
es im Vranjaer Kreise noch schlimm bestellt. In den 60 Orten des Poljanicaer 
Bezirks gab es 1884 nur 3 Schulen, darunter die erst 1879 gegründete, zurzeit 
meiner Anwesenheit (1889) von 44 Knaben und gar keinen Mädchen besuchte 
zu Golemo Selo. Die dort und bei Vlase im Januar 1878 heftig bekämpfte 
albanesische Bevölkerung des Bezirks verliess ihn gänzlich; einige ihrer rasierten 
Orte, so Dobrojance, Devotin u. a., sind verödet. 

Am nächsten Frühmorgen durchfurteten wir die Veternica und gelangten 
auf dem in der serbischen Karte noch nicht eingetragenen Fahrwege von Vina 
über Barje, Gagince, Mijovce durch die erwähnte Enge am rechten Bachufer 
hinauf zur Quellenscheide und sodann abwärts nach Gradnja (570 m), dessen 
Namen schon auf eine alte befestigte Ansiedelung hinweist. Es war jedenfalls 
ein strategisch wichtiger Punkt, weil hier der von Gilan zur Morava W. nach 0. 



Von Leskovac an der Vcternica nach Vranja usw. 249 

ziehende direkte Hochweg die Veternica i<reuzte, auch ein Kastell auf dem nord- 
östlichen 1337 m hohen Lisac deckte ihn. Zu Gradnja ergab meine Untersuchung, 
dass seine für sehr alt geltende Sv. Nikolakirche, von welcher der Pope zu 
Golenio Selo mir viel vorgefabelt, ähnlich wie die Sv. Petka im südlicheren 
Smiljevac, vor etwa ßO Jahren auf alter Grundfeste entstanden sein mochte. Auch 
die gerühmten Kirchenruinen zu Vlase, Sikirije und Drenovce, bei dessen 
nördlichen Sv. Arandjelniauern und verwitterten inschriftlosen Grabsteinen die 
Bauern beten und Lichter anzünden, bieten gleich geringes kunsthistorisches 
Interesse. Bei Drenovce (691 m) betritt die neue Trace mit scharfer Ostkurvc 
am Jezerski potok das Defilee, durch welches wir zwischen dem 987 m hohen 
Goc und 100 m hiiheren Sirinc über die nur etwas niedrigere Einsattelung 
Cubre ins Vranjskatal abstiegen. Die zurückgelegte Strecke von Golemo Selo 
bis zum Passe beträgt 13 km. Weitere 3 km an der vom Goc abfliessendcn 
Dcvotinska reka brachten uns vorbei am gleichnamigen, einst albanesischen, nun 
verlassenen Orte durch eine Bngschlucht mit starkgeboschten Steilabstürzen zur 
in Ruinen liegenden einstigen Wegsperre, dem liüchst romantischen Schlosse des 
Nationalhelden A^arko Kraljevic. 

Vor 230 Jahren zog der englische Arzt Edward Brown, der einzige Forscher, 
welcher vor mir das obere Lepenicagebiet betrat, den geschilderten Weg von 
Leskovac nach Vranja. Die von ihm als „Lyperitza" erwähnte Lepenica nannte 
er den Mäander Müsiens, weil er „innerhalb zwölf Stunden Zeit neuntzigmal (!) 
denselben kreuzen musste". Von der südlichen Wasserscheide „Clissura", welche 
Brown als einen Ausläufer des Hämus betrachtete, bemerkt er: „Die Felsen und 
Steine dieses Gebürges scheinen gleich als Silber, und geben bei Sonn- und 
Mond-Schein ein anmuthiges und gläntzendes Ansehen, indem sie aus Moscowitischen 
Glass (Frauen-Eyss), davon ich etwas mitnahm und nach Hauss brachte. Wir 
giengen abwärts, und hinunter auf einen engen felsichten Weg, längs dem vesten 
Schloss Colombots oder Golombotz her, und kamen nach Urania, welches unten 
am Boden oder Fuss des Berges lieget: Dieses ist ein vester Pass, über welchen 
das Schloss commandiret, und über diese Passagie hinsihet." ') In Browns, die 
damalige wissenschaftliche Beobachtungsweise charakterisierender Schilderung 
erscheint besonders interessant: der alte, nun vergessene Namen des Schlosses, 
der die fortlebendi; Tradition beglaubigt, dass einst die nahe Stadt Vranja, nach 
ihrem Gründer Golub, „Golubinje" hiess. Obschon aber die in Danicics „Rjecnik" 
benutzten alten Quellen kein Golubinje oder Golubac an der oberen Morava 
kennen, lässt die Volkstradition den auf diesem residierenden vielbesungenen 
Königssohn dieses nach ihm genannte „Markov grad" tapfer gegen die Türken 
verteidigen. Als er aber doch ihrer Übermacht weichen musste, sprang er mit 
seinem Heldenrosse Sarac vom Felsen, auf dem dessen riesiger Hufeisenabdruck 
zurückblieb, auf die östliche „Placevica", so genannt, weil Marko dort weinte, 
und von dieser auf die westliche „Krstilovica" (Kreuzberg), wo er beim jetzt 
verfallenen Sv. Trojica-Kirchlein sich bekreuzte. Im tief unten rauschenden 



') Reise von Belgr. m. Sa!., S. 235. 



250 



Von I.eskovac an der Vcternica iiacli Vranja usw. 



Bache sieht man seine Badewanne und am Ufer seinen riesigen „Furun" (Back- 
ofen). Meine am Orte gezeichnete Skizze zeigt die Nordseite der Bnrgruine und 
ihr von der Devotinska reka umflossenes Piedestal, der mit Ingenieur Riener 
gemeinsam gefertigte Plan die Gesamtanlage der vier Abschnitte des in seiner 
Nordpartie noch 1 1 m hoch erhaltenen Werkes. Dass seine meist aus Gneis und 
Ton-Glimmerschiefern hergestellten Mauern dem Mittelalter entstammen, ist sicher; 
gleich zweifellos erscheint es mir aber, dass sein Unterbau teilweise auf antiken 
Rudimenten entstand. Das Römerkastell befand sich im südlichen Burgteile A. 
Dort konstatierte ich antikes Gusswerk und Deckplatten unter den sonst spärlich 




verwendeten Ziegeln der Wallfronten, welche der Konfiguration des gegen W. 
steilgeböschten Tonschieferfelsens sich anschmiegen. Ausser dem gut erhaltenen, 
stark befestigten Südzugange B ist die am nördlichen Felsgrate zum Hochturme 
laufende krenelierte, sehr starke, 50 m lange Mauer C interessant, welche den 
hart unter ihr vorbeiziehenden alten Weg deckte. Bei seiner jüngst erfolgten 
Umgestaltung in eine Fahrstrasse wurde seine Steiltrace, nördlich von der Burg, 
durch eine sanftere, aber zeitraubende Kurve in das Mala Reka-Tal geleitet. 

Zwischen der östlichen Placevica und der durch ihre heiltätige „Vierzig 
Märtyrer-Quelle" berühmten westlichen Krstilovica gelangten wir über Tonschiefer 
und Sandsteine des linken Vranjskarandes hinaus in die vom Saloniker Schienen- 
strange durchschnittene Ebene. Die südliche Umrahmung des Vranjaer Beckens 
bilden viele ineinander geschobene Kulissen der serbisch-bulgarisch-türkischen 
Grenzberge, durch deren stark unduliertes Vorland einige Wasseradern zur 
vielgeschlängelten Morava fliessen. Der nahezu 1300 m hohe Kljuc (Schlüssel) 



Von Leskovac an der Vetcrnica nach Vranja usw. 



:öi 



schliesst das schöne Landscliaftsbild, dessen Vorgrund die roten Dächer von 
Vranja füllen. Sein ganz occidcntal eingerichtetes „Hotel Europe" stimmte nicht 
gut mit dem es umgebenden orientalischen Gerumpel. Das von 108()() Seelen 
bewohnte „Vranje" — so nennen es die Eingeborenen — macht eben denselben 




Plan des Marko Kraljcvic grad bei Vranja. 



Häutungsprozess durch, wie alle im Berliner Frieden an Serbien gefallenen 
Türkenstädte; nur währt er hier länger als zu Nis und Leskovac, wo er sich 
erstaunlich rasch vollzog. 

Die Vergangenheit dieser schon von Anna Komiiciia im 11. Jahrhundert 
genannten Stadt ist gleich wenig aufgehellt, wie jene der zuvor geschilderten 



252 Von Lcskovac an der Veternica nacli Vranja usw. 

Hochburg. Dass diese zur römisclien Ansiedelung gehörte, welche höchstwahr- 
scheinlich an der Stelle des Vranjaer Konaks stand, ist ziemlich sicher, dass sie 
aber, wie Hahn und Tomaschek annehmen, mit dem „Anausarum" der Tab. Peut. 
identisch, halte ich für irrig. Denn dieser Ansatz beruht auf willkürlicher Ver- 
* Schiebung der Millienzahl Xli zwischen Anausarum und Ad fines gegen N., die 
nicht zu rechtfertigen ist; könnte man es, fiele die in der Tafel ungenannte 
Station an der Moravastrasse auf Stubal, am Hochwege nach Gradnja (S. 248), 
keinesfalls aber auf Vranja. 

Nemanja, der Gründer des altserbischen Reiches, entriss Vranja und sein 
Gebiet im 12. Jahrhundert den Byzantinern. Gleiches tat Kralj Milutin.') Sein Sohn 
Stevan Uros 111. soll südlich vor der Stadt, bei Toplac, gelagert haben, als er 
gegen den Bulgarenzar Mihail und die mit ihm verbündeten Rumänen, Griechen 
und Tataren-) nach Köstendil zog, wo er am 28. Juni 1330 einen grossen Sieg 
erfocht. Erwiesen ist, dass er selbst vom Sar über Kumanovo und Egri Palanka, 
wahrscheinlich nur, dass ein Teil des Serbenheeres durch das Vranjska Banja- 
Defilee hinüber ins obere Strymontal marschierte. An den grossen Zaren Dusan 
erinnert dort das Grab seines Schatzkämnierers Baldovin. Auch nach der 
Kosovoschlacht nannte sich Kesar Ugljesa, Sultan Bajazids serbischer Vasall, 
„Herr von Vranja, Inogosta und Presevo". Sein Biograph Hilarion Ruvarac 
schildert dessen politisches Doppelspiel.^) Als der serbische Despot Stevan 
Lazarevic mit den Türken bei Gracanica kämpfte (1402), verriet ihm Ugljesa die 
türkischen Pläne, und doch befand dieser sich noch 1413 zu Vranja, als Sultan 
Musa von Sofia durch Vranja nach Novo Brdo zog, um dessen an Edelmetall 
reiches Minengebiet den Serben wegzunehmen; ja, er scheint sogar noch 1423 
in Vranja residiert zu haben, da Ruvarac aus jenem Jahre eine Urkunde zitiert, 
in der Ugljesa das südlich von der Stadt liegende Dorf Vranje dem Athoskloster 
Hilandar verschrieb. Ob er sich bis zu seinem Tode dort behauptete, ist um 
so fraglicher, als seine Grabstätte im fernen nördlichen Kloster Ljubostinja 
(Bd. I, S. 633) sich befindet. Dauernd wurde Vranja jedenfalls erst im Juni 1455 
unter Sultan Mohammed II. erobert und mit Ausnahme der Jahre 1688—1690, 
1737 — 1739, in welchen Kaiser Leopolds und Karls Heere es besetzten, vom 
Halbmond festgehalten. 

Die gegen Stürme geschützte Lage der vom frischen Vranjskabache durch- 
flossenen Stadt und die grosse Nähe einer heilkräftigen Therme bewogen viele 
vornehme Türken, sich dort anzusiedeln. Obgleich aber die Majorität der 
Bewohner beim Christentum verharrte, drückten bald zahlreiche Moscheen, Bäder, 
Konaks und Karawansereien der von prächtigen Obst- und Weingärten umgebenen 
alten Bischofsstadt den orientalischen Stempel auf, auch die einzige Kirche der 
Ambar-mahala wurde in eine Tekija verwandelt, und als 1739 ein Teil der 
christlichen Stadtbevölkerung mit dem Patriarchen Arsenije IV. nach Ungarn 



') Danicic, Rjecnik, I, S. 154. 

') Sreckovic, Primedbe na izvestaj V. V. Makuseva. (Glasnik, Bd 52, S. 268 ff.) 

■') Glasnik, Bd. 47, S. 190 ff. 



Von Leskovac an der V'cternica nach Vrnnja usw. 253 

emigriert war, drückten die zahlreich eingewanderten Aibanesen bald die zurück- 
gebliebene Rajah, welche aber, weil kaufmännisch tüchtiger und sparsamer, 
trotzdem zu beneidetem Wdiilstand gelangte. Die sie vertretenden Corbadzi 
erkauften periodisch den Schutz der türkischen Behörden durch allerlei reiche 
Geschenke; dies bewirkte, dass, wie zu Leskovac und Nis, seit Beginn des vorigen 
Jahrhunderts das Gouverneursamt in derselben rajahfreundlichen Familie forterbte. 
Unter Hussein, Sohn und Nachfolger Mehemed Pa§as, schritt Vranjas christliche 
Gemeinde in den fünfziger Jahren eben zur Vollendung des ihr durch Sultans- 
ferman gestatteten Kirchenbaues, als die Amanten wegen der ihnen zugemuteten 
Rekrutierung revoltierten, die Cliristenquartiere plünderten und die Kirche in Brand 
steckten. Der ihren Bau begünstigende Hussein Beg flüchtete erschreckt nach 
Veles. Als der Aufstand gedämpft war, erstand die Kirche aufs neue, und seit 
1858 blickt sie von der 470 m hohen Vorterrasse der Krstilovica, auf welcher 
die grössere Stadthälfte steht, mit ihrer glänzenden Kuppel alle Moscheen über- 
ragend, weit ins Land hinaus. 

Im Jahre 1858 war Vranja der Sitz eines dem Prizrener Pascha unterstehenden 
Mudirs und zählte in 14 mahale (Viertel) neben 1000 christlichen Häusern 600 
meist albanesisch-moslimische und 50 Zigeuner-Familien. Die von Hahn auf 
8000 Seelen geschätzte Bevölkerung trieb starken Hanfhandcl und versorgte die 
Umgebung mit aus Belgrad, Seres und Salonik bezogenen Importartikeln. Auch 
zu Vranja fehlte es nicht an einzelnen lebhafter empfindenden Patrioten, welche 
das Ende des Türkenregiments und Arnautendrucks herbeiführen wollten. Zu 
den bekannteren zählte Alisa Sijakovic, der sein Streben mit dem Tode in einem 
der berüchtigten Gefängnisse Konstantinopels büsste. Erst im Januar 1878, als 
die mit den Russen verbündeten Serben heranzogen, wurde das Schicksal der 
Stadt entschieden. Der sie verteidigende Divisionär Asaf Pa§a und seine Feriks 
Ibrahim und Esad säumten wohl nicht, die umliegenden Hohen in ein stark 
verschanztes Lager zu verwandeln. Die vom General Beli-Markovic entsandte, 
von den Majoren Putnik und Mihail Sreckovic geführte Nordkolonne warf- aber 
die sie am 30. Januar morgens unerwartet bei Devotin heftig angreifenden Türken 
erfolgreich zurück, wobei der Offizier Djordje Stojicevic fiel. Auch der auf dem 
linken Moravaufer operierende Oberst Nicifor Jovanovic vertrieb den Gegner 
vom Kamen bei Brezina, und die drei Bataillone des Majors Radovan Miletic 
kamen immer näher der Cevrljugaschanze, welche, auf einer von der Placevica 
zwischen dem Suvodolski und Meckovacki potok vorspringenden Terrasse 
angelegt, den Schlüsselpunkt der feindlichen Stellung bildete. Das vom Major 
Milovan Pavlovic wirksam unterhaltene Geschützfeuer erleichterte ihre Erstürmung 
und jene der anderen Schanzen durch den Oberleutnant Dimitrije Djuriö. 
Am folgenden Morgen begnügten sich die in Schlachtordnung aufgestellten 
Türken, drei Kanonenschüsse auf das gegen Vranja vorgehende Freiwilligen- 
bataillon abzugeben und hierauf gegen Giljan und Kumanovo abzuziehen. 
Zwei auf der Placevica im Stiche gelassene Abteilungen ergaben sich den 
Serben, die selbst 5 getötete Offiziere, 345 tote und verwundete Soldaten 
beklagten. 



254 



Von Leskovac an der Veternica nach Vranja usw. 



An der Spitze seiner „Dobrovoljci" zog Major Radomir Putnik am 31. Januar 
durch das sie jubelnd begrüssende Vranja. Ohne sich und seinen Leuten längere 
Rast zu gönnen, langte diese Vorhut der von Oberst Ljuba Jovanovic befehligten 
Sumadija-Division unter grössten Schwierigkeiten auf der im Schnee pfadlosen 
Strasse und stetig von sie umschwärmenden Amanten bedroht, am 5. Februar im 
altberühmten Kloster Gracanica an, um mit Oberst Lesjanins über den Prepolac 
am Lab gleichfalls gegen Pristina marschierender Rudniker Brigade bei Mramor 
Fühlung zu gewinnen. Der energische Putnik hatte wohl die Genugtuung, vom 
Klosterabt unter grosser Beteiligung der serbischen Rajah ein Tedeum feiern 
zu lassen, in dem Fürst Milan, seine Gemahlin und Kronprinz Alexander genannt 







Der Mehined und Hussein Pasa-Konak zu Vranja. 



wurden; der in jenen Tagen abgeschlossene Präliminarfriede beendete aber seine 
auf jedem Schritte sich schwieriger gestaltende Aufgabe. ') 

Mit den Vranja ohne Widerstand preisgebenden türkischen Truppen ver- 
liessen es auch die gegen ihre christlichen Mitbürger am meisten kompromittierten 
Arnauten. Der in den folgenden Monaten sich rasch vergrössernde moslimische 
Exodus wurde durch Zuzüge vom Lande ersetzt, so dass Vranja 1879 schon 
8000 Seelen zählte. Viele Gewaltakte und angestrengte Prozesse von selten der 
plötzlich zur Macht gelangten Rajah gegen ihre früheren Herren veranlassten 
diese zum gänzlichen Abzüge, unter Preisgebung ihrer Immobilien, die rasch teils 
ohne oder mit kaum nennenswerter Ablösung in den Besitz des Fiskus und 
serbischer Käufer übergingen. Das alte Kazagebäude im „grad", in dem Mehmed 
und Hussein Pasa residierten, wurde, nachdem man seine oberen zierlich getäfelten 
Innenräume im ersten Wuttaumel verwüstet hatte, zum Kreisspitale für 30 Kranke 
notdürftig eingerichtet. Die mich begleitenden Beamten bedauerten den unverant- 
wortlichen Barbarismus, der selbst das Bad und den anschliessenden Park nicht 
schonte, in dessen kühlendem Schatten des Paschas Frauen und Kinder sich einst 



') Mil. Sandic, Dolazak srpske vojske na Kosovo. Ratnik, XXIil. 1890 



Von Leskovac an der Vctcrnica nach Vranja iisw 255 

fröhlich ergötzten. Ramis Pa§a, der Sohn und Haupterbe Husseins, führt heute 
nocii wegen seines ihm streitig gemachten Ciftiiks Jovac bei der Bahnstation 
Priboj Prozesse in Belgrad, sein Bruder Suleiman, der verjagte Besitzer des 
stark verwüsteten Ciftiiks Rataj bei Zibevce, übersiedelte nacii Konstantinopel, 
und der jüngste Br-uder Atta Beg starb, wie man sagt, aus Gram über den 
Niedergang seines Hauses. Gleich schlimm wie dem moslimischen Privatbesitze, 
zu dessen Regelung sowie zur Passvisierung die Pforte hauptsächlich ein 
Vizekonsulat in Vranja etablierte, erging es den Moscheen, Bädern und Friedhöfen. 
In der Tumba-mahala sah ich eine 14 Schritte im Geviert messende Dzamija 
mit aus je einer Quadersteinlage und zwei Ziegelreihen sorgfältig ausgeführtem 
Mauerwerk, deren Minarett gleich dem ohne Tore und Fenster belassenen Innen- 
raum schon stark verfallen war. Von den zwei mächtigen Holzpfeilern, auf 
welchen die Decke ruht, hatte man einen angebrannt, um deren Einsturz zu 
beschleunigen. An einem Stabe hingen noch bunte Fetzen, welche fromme 
Pilgrime von ihrer Kleidung abgerissen und nach moslimischem Brauche pietätvoll 
geopfert hatten. Ein etwas nördlicher liegendes Bad fiel, obschon der feste Bau 
lange noch hätte gute Dienste leisten k(innen. Die gegen alles Türkische gerichtete 
Zerstörungswut ereilte auch eine schöne Moschee in der Srednja carsija. Man 
schonte überhaupt nur die Brücken, weil man sie benötigte. Ich zählte sechs 
steinerne und zwei hölzerne; von ersteren erbaute Hadzi Hussein Pa§a zwei, 
andere zwei seine Frau Emina, eine ist neu. 

Im Chaos halb oder ganz verwüsteter Türkenviertel ersteht inmitten der 
Stadt, um das von Ramis Pasa begonnene, von den Serben vollendete einstöckige 
Kreisamt, ihre „Velika pijaca", die,' seit das stark orientalische Menzil hane mit 
arg verfallenen Baracken durch einen netten Neubau für Post und Telegraph 
und durch die Baumanlage mit Brunnen vor dem Hotel Europe ersetzt wurde, 
europäischen Zuschnitt erhielt. Westlich von diesem Platze gelangte ich durch eine 
lange Strasse mit in allen Häusern zum Trocknen ausgehängten Tabaksblättern 
zum einstigen „grad". Dort befand sich das hochliegende türkische Hauptviertel 
mit gegen die Weinpflanzungen von Saprance sich dehnenden Gärten und der 
nun verwüstete grösste moslimischc Friedhof, um dessen stehen gebliebenes 
viersäuliges Türbeh einzelne beturbante Grabsteine traurig gen Himmel blickten. 
Zuvor von tiefer Ruhe erfüllt, exerzierte dort unter Hörnerklang das 14. Bataillon 
der Timok-Division und trieb der Nachwuchs der einstigen Rajah seine lustigen 
Spiele. Aus der sehr primitiven Schule, auf die er in türkischer Zeit angewiesen 
war, bildete sich allmählich eine Normalschule heraus, mit vielen Parallelklassen, 
an welcher 15 Lehrer über 600 Schüler unterrichten. Dazu kommen eine 
Mädchenbildungsanstalt und ein mit 38000 d erhaltenes Gymnasium mit 12 Pro- 
fessoren und über 170 Schülern; gewiss ein riesiger erziehlicher Fortschritt! 

Auf einem 470 m hohen Punkte des Stadtgebietes erhebt sich Vranjas 
grösste architektonische Zierde, seine, wie erwähnt, in bewegter Zeit auf alter 
Grundfeste entstandene Sv. Trojicakirche, welcher das alte, nahe Saprancer 
Kirchlein als Filiale dient. Den höchsten Rang unter ihren sieben Pfarrern 
bekleidet ein Prota, der zugleich Mitglied des Konsistoriums zu Ni§ ist, mit 



256 Von Leskovac an der Veternica nach Vranja usw. 

dessen Diözese das Vranjaer Vladikat vereinigt wurde. Die kuppelgekrönte 
Kirche umgeben an drei Fronten offene Bogenhallen mit je sieben freistehenden 
Sandsteinpfeilern. An der Ostseite treten, entsprechend den durch zwölf Säulen 
getrennten, flachgewölbten inneren drei Schiffen, gleichviele Apsiden hervor. Die 
drei flachen Kuppelwölbungen schmücken Bilder des Pantokrators, des Erlösers 
und der heil. Jungfrau; die durch die ganze Kirchenbreite geführte reichvergoldete 
Ikonostasis bedecken byzantinisch gehaltene Gemälde, an der linksseitigen vierten 
Säule befindet sich das Predigtpult, und rings an den Mauern zieht eine vergitterte 
Empore, welche die Frauen nach altorientalischem Brauche männlichen Blicken 
entzieht. Die Aussicht vom freistehenden Glockenstuhle nach dem Vranjska- 
Defilee und Markovo Kaleh, gegen die südlichen Grenzberge und auf das von 
Grün durchwachsene rote Dachgewirr der 1905 in 2100 Häusern 10800 Einwohner, 
darunter nur mehr zwei Türken, aber 300 Zigeuner, bergenden Stadt ist entzückend. 
Ungern schied ich von dem interessanten Rundbilde. 

Obschon ich Vranjas Regulierung, Pflasterung und Beleuchtung während 
der zwei zwischen meinen Besuchen liegenden Jahre bedeutend fortgeschritten 
fand, boten die Orientierungsgänge durch seine langgedehnte Carsija (Basarstrasse) 
noch oft Gelegenheit zu gymnastischen Übungen. Gerne ruhte ich in grösseren 
Läden und Werkstätten aus, deren Eigner mir meist bereitwillig über Bezugsquellen, 
Warenpreise, Rohstoffe und Hantierungen eingehend Auskünfte erteilten. Alles in 
allem erfuhr ich, dass die Eröffnung der Saloniker Bahn auch Vranja ebensowenig 
wie Nis den erhofften zauberhaften Verkehrsumschwung gebracht habe. Noch 
immer bezogen die wenigen Grosskaufleute ihre Manufakturen, Tücher, feineren 
Glas-, Porzellan- und Quincailleriewaren, Papier, Lampen, Ofen usw. über Belgrad 
aus Österreich -Ungarn. Der höhere Zoll- und Frachtsatz der über Salonik 
importierten Artikel beschränkt diese auf belgisches und schwedisches Eisen, 
mazedonischen Wein, billige Marseiller Kerzen, griechische Seife und Speiseöle 
(letztere 1 d per kg) usw. Gut raffiniertes russisches Petroleum kostet die 
Kiste ^^31 kg (inkl. Zoll) 17 d. Deutsche Textil- und Eisenwaren finden stetig 
grösseren Absatz. Von der 1890 erfolgten Aufhebung des Ausfuhrzolls in der 
Richtung nach Salonik versprach man sich die Belebung des überseeischen 
Verkehrs, der sich noch immer in sehr bescheidenen Verhältnissen bewegt. 

Von der heimischen Industrie fällt die Verarbeitung des viel an der oberen 
Morava gebauten Hanfes am meisten ins Gewicht. Vranja gilt als zweiter 
Hanfstapelplatz des Landes. 1896 zählte man dort 243 Hanfbereiter und 
30 Bockhaarweber, welche treffliche Decken, Bissacke, Pferdezäume usw. ver- 
fertigen. Gute Arbeiten liefern auch seine 25 Kesselschläger, 9 Klempner, 
96 Schmiede, Schlosser usw., 40 Wachsarbeiter, 147 Kleider- und 95 Schuhmacher, 
sowie viele andere Gewerbe, welche gleich dem 217 Vertreter zählenden Handel 
durch die 1889 gegründete Sparkasse und den seit 1892 bestehenden Spar- und 
Hilfsverein bedeutend gefördert wurden. Beide brachten 1895 nahezu 17 Millionen d 
zu 10 o/o in Umlauf.') Die 57 Ober- und Unteroffiziere des Divisions-Kommandos 



') 1905 die Sparkasse 11,1, der Spar- und Hilfsverein 7,6 Millionen d zu 10— 12",». 



Von Leskovac an der Vctcrnicn nach Vranja usw. 257 

und der 230 Soldaten starken Garnison bilden für die besseren der 65 Gast- und 
Kaffeehäuser eine gute Kundschaft, zu welcher auch die Jüngeren der zaiilreichen 
Beamtenschaft gehören. 

Im allgemeinen fand ich die Vranjaer mit dem serbischen Regiment zufrieden. 
Um so überraschender i<lang die Nachricht, dass auch dort im Jahre 1894 Spuren 
direkter Beteiligung an dem „Cebinacer Komplott", nämlich für dieses bestimmte 
grosse Quantitäten Munition usw. gefunden wurden. Wohl klagte man allgemein, 
dass der Wegzug der stark konsumfähigen Moslims, der Wegfall des früher auf 
Vranjas Magazine angewiesenen, dem Sultan verbliebenen Südwest-Moravagcbietes, 
ferner die alle Verfrachtung stark verteuernde 2,5 km lange bergige Strasse von 
der Stadt zum Bahnhofe diese gleich sehr schädige, wie der Mangel billigen 
Kredits. Die k. Staatssparkasse zahle nur 50/0 und nehme 8"/o, Private forderten 
aber sogar 20— 30" o- Seither besserten sich diese höchst ungünstigen Verhältnisse, 
und die am Geburtstage des Königs (14. August 1892) eröffnete Produkten- 
und Industrie-Ausstellung des Kreises erwies schon äusserst , bemerkenswerte 
Fortschritte auch im städtischen Gewerbe. Leider wurde Vranja am 15. Februar 
1897 durch ein heftiges Erdbeben heimgesucht, das grossen, auf 300 000 d 
geschätzten Schaden anrichtete; doch reicher Erntesegen glich diesen wieder aus, 
und am 31. Januar 1898 wurde in Anwesenheit des geladenen Königs Milan 
und einiger Minister der 20. Jahrestag der unter seiner Regierung erfolgten 
Einverleibung Vranjas in Serbien unter lauten Loyalitätsversicherungen für die 
Obrenovic enthusiastisch gefeiert. 

Der Vranjaer Kreis umfasst 4342 km- und 88 Gemeinden mit 540 Orten und 
230700 Seelen (1905) in 6 Bezirken. Von diesen sind der Leskovacer und 
Pcinjaer mit 60 — 80 Seelen per km^ die dichtbevölkertsten; im Vlasotincer 
kommen 48 (S. 232), im Jablanicaer 43, im Masuricaer 37, im Poljanicaer nur 
30 Seelen auf den km^. Dementsprechend ist in den stark gebirgigen drei 
letzten die Viehzucht mit 280 — 330 Stück per 100 Seelen vorherrschend; im 
Vlasotincer zählte man 232, im Pcinjaer 215, im fruchtbaren Leskovacer nur 
180 Stück auf 100 Bewohner. Im ganzen Kreise gab es 1905: 15 257 Pferde, 
91166 Rinder, 5986 Büffel, 197 Esel, 40267 Schweine, 272 1 17 Schafe, 102 187 Ziegen 
und 6523 Bienenstöcke. Von den 119775 ha trugen 1905: 86650 ha Mais, 
Weizen usw., 2204 ha Gemüse, 5104 ha Wein, 5888 ha Obst, 19927 ha dienten 
als Wiesen und Weideland. Ein nicht unbedeutender Teil des Bodens gehörte in 
altserbischer Zeit den zahlreichen Klöstern des Kreises. Ihre grössere Zahl 
liegt heute in Ruinen oder dient bis auf drei noch bestehende als Pfarrkirchen, 
deren es 1905 erst 73 gab. Weit schlimmer noch steht es mit dem Volks- 
unferricht, welcher (von Vranja und Leskovac abgesehen) nur an 56 Orten 
in drei- bis vierklassigen Elementarschulen erteilt wurde und sich nur sehr 
langsam hebt. 

Auf dem Ausfluge zur nahen türkischen Grenze gelangte ich 7 km aufwärts 
von der Preobrazenska reka-Mündung zum Dorfe Preobrazenje, das Zar Dusan 
der Prizrener Erzengelskirche schenkte. Nahezu ganz von mazedonischen Walachen 
bewohnt, bildete es inmitten der albanesisch-slavischen Bevölkerung früher die 

F. RANI TZ, Serbien. U. IT 



258 Von Leskovac an der Veternica nach Vranja usw. 

nördlichste geschlossene cincarische Oase, aus der viele tüchtige Wirte der 
benachbarten Strassenhane stammten.- Am Oberlaufe des Baches stand das 
1852 erneuerte grösste Kloster des Kreises: Sv. Pantelije. Nun verwaltet seinen 
einst beträchtlichen Grundbesitz ein Weltgeistlicher, und seine Kirche dient ebenso 
als Pfarre für Lepcince und vier Nachbarorte, wie jene des linksuferigen 
ehemaligen Klosters Sv. Stevan für Donje Trebesinje und drei andere Orte. 
SO. bei Margance (90ü m) wartet noch ein Kohlenflöz seiner Wertbestimmung. 
4 km von Pavlovces „Katunska crkva" erreichten wir die Grenze und 
erblickten beim Einflüsse der südlichen Krsevica das gleichnamige türkische 
Kirchdorf, dessen Bevölkerung unter Pop Zivko im Feldzuge 1737 mit den 
Kaiserlichen gegen den Sultan kämpfte und dessen Pope Nesa sich als eifriger 
Glaubensheld einen Namen gemacht. Mein im 18. Kapitel geschilderter Besuch 
der Grenzstation Ristovac-Zibcvce verlief nicht ohne kleine Zwischenfälle. 
Nachdem wir uns von den türkisch-serbischen Bahnbeamten verabschiedet, ging 
es auf Mithads durch serbische Ingenieure verbesserter Nis-Kumanovoer Strasse 
zurück nach Vranja. inmitten der Trace blieb auf Mithads Befehl eine vom 
Volke als heilig verehrte Riesenpappel erhalten. 

Am 13. September 1889 setzte ich, begleitet von den Ingenieuren Barto§ 
und Riener, meine Reise von der südlichsten Stadt des Königreichs nach seinem 
Südosten fort. Während die Bahnlinie auf dem rechten Ufer der NO. fliessenden 
Morava bleibt, zieht die breite Landstrasse mit ihr parallel an den 1878 viel 
umkämpften Vorhöhen der Krstilovica hin. Auf die türkische Hauptposition am 
Cevrljuga folgt etwas östlicher, gegenüber dem jenseitigen stark vorspringenden 
Kumarevska Cuka-Felsen bei Suvi Do, die sanftere Terrasse „Dva Brata", 
so genannt nach zwei Brüdern, die sich aus von der Tradition verschieden 
erzählten Gründen an zwei Weiden erhenkten. Hier griff Cizmic mit seinen 
Freiwilligen in den geschilderten Kampf um Vranja energisch ein. Zwischen 
Ranutovac und Bresnica kreuzten wir die Morava und Bahnlinie nahe dem 
Punkte, wo die 1888 erbaute neue Strasse in den südöstlichen Einschnitt von 
Vranjska Banja abzweigt. 

Ein scharfer Ritt auf der 3,5 km langen, mit Kastanien bepflanzten Chaussee 
brachte uns zur im Bachbett aufgehenden, heissesten, zum Merzerieren des Hanfes 
benutzten Quelle mit 86,2" C. nach der Untersuchung des Dr. Marko Leko (1888). 
Hochgeschürzte flinke Mädchen, welche die breiten, weissen Pflanzen zeltförmig 
zu langen Reihen aufschichteten, boten ein hübsches Bild voll fremdartigen Reizes, 
in das nur die am Ufer promenierenden, europäisch kostümierten Badegäste gleich 
wenig passten, wie die mit schweren Ketten belasteten, das Material für Neubauten 
zuführenden Sträflinge. Lozanic analysierte die Hauptbadequelle als klares, 
geschmack- und geruchloses Wasser von 85,6" C. Sie entspringt aus von Granulit, 
Mikaschicht, Gneis und eruptiven Trachiten konstituierten Felsen und wird im aus 
Quadern erbauten alten Gesellschaftsbade auf 56, im kleineren auf 61 und 71" C. 
ermässigt. In den letzten Jahren entstanden auf dem linken Bachufer kleine 
Gasthöfe mit etwa 20 Wannenbädern. Der Staat, als Eigentümer der Therme, 
will Banja in einen ihrer gerühmten Heilkraft gegen gichtige Leiden entsprechenden 



Von Leskovac an der Veternica nach Vranja usw. 259 

angenehmen Badeort umwandeln.') 1889 zählte man schon 500 Kurgäste, doch 
konnten, obschon selbst die Zigeuner ihre Häuschen vermieteten, kaum 200 gleich- 
zeitig in dem schon eine Kirche und Schule besitzenden Orte untergebracht 
werden. Das soziale Leben konzentrierte sich in einem am rechten Vranjskaufer 
befindlichen Gasthof,' in dem ich liebe Bekannte, den zweiten Regenten Protid 
und den k. Baurat Bugarski, traf; den ersten Regenten Ristic und viele der zuletzt 
angekommenen Besucher hatte das unerwartete Erscheinen eines berüchtigten, 
verwegenen Räubers fortgescheucht. Wie man sieht, entbehrt auch das serbische 
Badeleben nicht ganz einer eigentümlichen Romantik. 

Vor einigen Jahren wurden zu Banja ein der Badenymphe gewidmeter 
römischer Inschriftstein von weissem Marmor, kannelierte Säulenstücke und andere 
Baureste gefunden. -) Am Wege von der Brücke zum unbeachtet gebliebenen 
„Kaleh bair" sah ich ein im Boden steckendes riesiges Gefäss, das auf eine alte, 
vielleicht prähistorische Urnenstätte an diesem Punkte hindeutet; etwas höher 
stiess ich auf feste Mauern, deren Verfolgung mich auf das schmale Plateau 
des 80 m über dem rechten Banjskaufer ansteigenden „Izom" brachte. Auf 
meine Bitte Messen die Panduren acht mit Sprengungen beschäftigte Sträflinge 
ihre schwere Arbeit aussetzen, und bald ergab meine Untersuchung ein starkes, 
im Rechteck angelegtes antikes Kastell, dessen 60 m messende Langfronten 
vom obersten, 10 m breiten Abschnitte 300 Schritte abwärts zum Bache liefen 
und dort in einem Werke mit 1,4 m dicken und 45 m langen Quermauern ihren 
Abschluss fanden. Bachaufwärts traf ich die Grundfeste eines Rundturmes von 
2,5 m Durchmesser und ein stark verschüttetes Gewölbe, das einer westlicheren 
Kirchenruine angehörte. Meine Grundrissaufnahme ergab einen 15 m langen, 
3 m breiten Bau mit Narthex, halbkreisförmiger Altarapside und 0,80 m starken 
Mauern. Weiter konstatierte ich, dass unter dem Römerkastell ein Hochweg über 
das heute durch einen türkischen Grenzstein auf der Patarica gekennzeichnete 
triple.x confinium in das Strimon- und Hebrus-Gebiet führte, von dessen Schutz- 
werken bei Prvonek und Stari Glog Reste erhalten blieben. 

Aus meiner archäologischen Schürfarbeit im Vranjska Banja resultiert dem- 
nach, dass seine Therme von den sie benutzenden Römern durch starke Werke 
beschützt wurde, dass unter ihrem Kastell ein befestigter Heerweg nach Thrazien 
lief, und dass schon zur Zeit, als Nikola Skobaljevic dort die Moslims schlug, 
eine altserbische Niederlassung mit Kirche zu Banja bestand. So waren es 
nicht die Ahnen der am 26. Januar 1878 durch die christlichen Aufständischen 
nach blutigem Gefechte an der Brücke verdrängten Türken, welche zuerst den 
Heilwert der Vranjskaer Quelle erkannten, und vielleicht erweist sogar die nähere 
Untersuchung der erwähnten Urnenstätte, dass sie schon vor der römischen 
Epoche, in prähistorischer Zeit, benutzt wurde. 

Von dem an seiner tiefsten Stelle 315 m hoch liegenden Morava-Tertiär- 
becken behaupten die Anwohner, dass es zwischen Vranja und Banja ein riesiger 

') Vranjska Banja wurde 1895 einem Konzessionär abgetreten, und 1905 zählte es 
1099 Kurgäste. 

«) Starinar, 1, S. 81. 

17* 



200 Von Leskovac an der Veternica nach Vranja usw. 

See einst füllte, der seinen Abfluss gegen Leskovac nahm. Der Volksglaube traf 
hier das richtige; denn zweifellos durchbrach die Morava den kristallinischen 
Gebirgszug, welcher durch die 1947 ni hohen bulgarischen Grenzberge mit dem 
südöstlichen Urgebirgsmassiv des rumeliotischen Rhodope zusammenhing. Auf 
dem linken Ufer dehnt sich zwischen Priboj und Suva Morava trachitischer 
Tuff aus, der sich vorzüglich für Bauten eignet und in noch grösseren Massen 
auf das rechte Ufer hinübergreift. Zwischen kristallinischen Sandsteinen, Mika- 
schicht, Gneis, Granulit und Chlorotoschicht kommen namentlich auf dem östlichen 
Ufer Kohle, Eisen, Blei, Antimon usw. in oft reichen Gängen vor und wurde dort 
der seit alter Zeit betriebene Metallabbau neuestens rationeller aufgenommen. 
Den Waldstand fand ich aber an vielen Orten in unglaublicher Weise verwüstet. 
Ausgedehnte, gut erhaltene Buchenwaldungen gibt es mehr nur am Kopiljak 
und auf der Poljana an der türkischen Grenze, wo es früher an Strassen zu 
ihrer Verwertung fehlte; dann auf dem rechten Moravaufer zwischen dem 
Jelasnica- und Masuricagebiete, nach dem ich meine Reise von Banja in 
nördlicher Richtung fortsetzte. 

Nach 8 km langem Ritte auf der parallel mit der Morava und Bahnlinie 
NO. ziehenden Strasse erreichten wir Korbevac. Der Aufstieg zu seinem 
„gradiste" über das GeröUe eines ausgetrockneten Wassergrabens, zwischen 
jungem Buchen- und Haselnussgestrüpp, war nicht erfolglos. Auf dem etwa 
350 m über der Morava liegenden Plateau traf ich Reste eines stark verwüsteten 
Baues, dessen Fronten im alles überwuchernden dichten Unterholze kaum mehr 
erkennbar waren. Viel Material ist entführt oder abgeschwemmt worden, doch 
lagen allerorts Römerziegel und grössere Mörtelstücke am Wege, der uns, vorbei 
an verrasten Halden, hinab zum nördlichen „Logor" brachte. Dort, am rechten 
Korbevacka reka-Ufer, auf der die alte Moravastrasse beherrschenden Hochebene 
„Cagoljski rid" (Gefrorene Erde), sah ich lange, einen riesigen Lagerraum 
umschliessende Wälle, die wahrscheinlich mit dem auf der Höhe angelegten 
Kastell von Slaven und Türken zu Angriff oder Verteidigung benutzt wurden. 
Die Sage erzählt, das schwer zugängliche Schloss sei von den Türken mit 
starkem Verluste erobert worden, nachdem eine verräterische baba (alte Frau) 
sie auf geheimem Wege in dasselbe einliess. Der einstige gewaltige Mauerpanzer 
des Lagers wird von den Anwohnern zu Haufen geschichtet und im Winter auf 
Schlitten weggeführt. Was die Menschenhand verschonte, dürften die Elemente 
in wenigen Jahrzehnten bis auf die letzte Spur nivelliert haben, und der Pflug 
wird dann seine Furchen über diese alte Kriegsstätte ziehen, an welcher heute 
zwei Kilometer W. das Symbol der neuen Zeit, die Lokomotive, vorüberbraust. 

Bei den stark vorspringenden Trachitfelsen, gegenüber dem unansehnlichen 
Prevalac, ritten wir nahe der Bahnbrücke durch die Morava auf ihr linkes Ufer 
zum Priboj han. NW. von diesem konstatierte ich auf der Orana Njiva und 
1032 m hohen Baltina Cuka antike Werke, welche mit jenen zu Korbevac 
und Banja den grossen Moravaheerweg zur Römerzeit schützten. Der Trachit 
setzt zur westlichen Oblikgruppe fort, deren 1360 m ansteigenden Kuppen 
weithin die Umgebung beherrschen. Von einer solchen warf der auch hier 



Von Lcskovac an der Vctcrnica nach Vranja usw. 261 

auftretende mystische Königssohn Marko, wie uns ganz ernstiiaft versichert 
wurde, seinen Buzdovan (Streitkoiben) den Mönchen zu, als iiir nun in Ruinen 
liegendes Kloster bei Priboj von den Amanten angegriffen wurde. Mit dieser 
zauberhaft wirkenden Waffe vertrieben sie ilire erschreckten, fortan die gefeite 
Heilstätte nicht mehr betretenilen Bedränger. 

Hart an Pribojs kleinem Balinhofe vorüber führt die geradlinige Strasse nach 
Stubalj. Sein leicht bearbeitbarer weisser Bimssteintuff zieht von der Siroka 
Padina tief hinein in, die Jovackaschlucht und konstituiert auch den Bell 
Kamen (Weisser Stein), von dessen antiker Befestigung sich einzelne Ziegel oft 
herab ins Tal verirren. 2 km weiter steht auf steilgebösclitem Felsvorsprung 
das weisse Kirchlein Sv. Prcobrazenje, dessen ürundfeste traditionell Marko 
Kraljevic legte, was seinem jedenfalls jüngeren, bescheidenen Oberbau grösseren 
Nimbus leiht. Noch geheiligter erscheint dem Volke eine sehr mysteriöse Höhlen- 
kirche im nördlicheren Lepenicatale. Da die Stubaljer meinten, ich müsste sie 
unbedingt sehen, bogen wir bei Gramadja W. ab und Hessen uns von dem 
Eigner der nahen Mühle über ihren tiefen Graben weg zu der dem Wasserheiligen 
Nikolaus geweihten Stätte führen. Mitten in frischem Baumgrün hatte sich hier 
ein des sündigen Welttreibens satter Anachoret in der hoch aufstrebenden Tuff- 
wand eine Celija ausgemeisselt, die in Zeiten stärkeren Arnautendrucks als 
religiöser Vereinigungspunkt benutzt und mit gleich mysteriösem Sagenkram 
ausgestattet wurde, wie das nahe dem gefürchteten Donnerer Sveti llija geweihte 
„Kacapunski manastir" am Mittellaufe des Baches, zu dessen noch heute 
arbeitendem alten Kirchlein 12 Orte eingepfarrt sind. 

Von der Lepenicamündung führt ein fahrbarer Hochweg durch den alt- 
serbischen Gau Inogosta über die 840 m ansteigende Trpezica in die westliche 
bergige Poljanica. Die Anwohner glauben, dass eine fromme Prinzessin, bis der 
schwierige Strassenbau vollendet war, siebzig unfruchtbare Kühe für die Arbeiter 
schlachten liess. Das zum Wegschutze auf der Felshöhe über dem Kloster 
Sv. llija errichtete antike Kastell spricht aber dafür, dass diese einzige nach 
Gradnja führende Querverbindung des Veternicagebietes mit der Morava von den 
Römern angelegt wurde. 

Die bei Suva Morava hart an den Fluss tretenden Gneis- und Glimmer- 
schieferhänge Hessen so wenig Raum für den Schienenweg, dass er bis Repince 
zweimal die Fahrstrasse durchschneidet. Trotzdem diese topfebene, mit Weiden 
und Ulmen, Mithads Lieblingsbäumen, bepflanzte Chaussee sehr breit ist, waren 
wir wegen ihrer starken Vernachlässigung doch froh, als im rasch eingebrochenen 
Nachtdunkel die plötzlich vor uns erscheinenden Lichter von Vladicin Hau 
nach dem arbeitsreichen Tage eine erquickende Herberge versprachen. Wir 
fanden sie im besten der um die kleine Bahnhaltestelle und das freundliche 
Bezirkshaus gereihten Haue. Das aus einer vom Vranjaer Vladika Pajsije hier 
begründeten Karawanserei entstandene Verwaltungszentrum des Poljanicki srez 
spielte wegen seiner sehr günstigen Lage gegenüber dem fruchtbaren Vrlatale 
und der Moravabrücke schon im alten Verkehrsleben eine bedeutende Rolle. 
Traditionell rasteten hier die aus dem rechtsuferigen reichen Masurica- und 



262 



Von Lcskovac an der Vetcrnica nach Vranja usw. 



Viasinagebiete kommenden Warenkolonnen und Reisenden, bevor sie nord- oder 
südwärts auf der grossen Moravastrassc weiterzogen. Im Gegensatze zu den 
meist geschlossenen Dörfern des breiten Masuricatales erscheinen die Engtäler 
der von zahlreichen Wasseradern durchschnittenen Poljanica bis hoch auf den 
römische Kastcllreste tragenden Lisac (1337 m) und langgedehnten Kukavica- 




Einsiedler-Celija an der Preobrazenska reka. 



rücken (1437 m), dessen gleichnamiges Dorf bis 1878 dem erwähnten Ramis 
Pasa gehörte, mit den zerstreuten Gehöften zahlreicher Orte bedeckt. In der 
Poljanica ist mehr der Mais- und Hanfbau, jenseits der Weizenbau entwickelt; 
in beiden Landschaften sah ich aber noch ganz unkultivierte grosse Bodenflächen. 
Die früher auf dem rechten Moravaufer in den elf geschlossenen Dörfern 
Kalimance, Prekodolce, Zitoradje, Alakinci, Masurica, Surdulica, Binovice, Kalabovce, 
Dlugojnica, Jelasnica und Vrbovo siedelnden Amanten leisteten den durch das 



Von Lcskovnc an der Vetcrnicn nach Vranja usw. 263 

nördliche Fliissdcfilce vurdriiif^enden Truppen des Generals Beli-Markovic im 
Januar 1878 iiet'tigen Widerstand. Bei Vladicin Han endiicii zur Unterwerfung 
gezwungen, zogen sie bald darauf den E.xodus nach Albanien der dauernden 
Beugung unter serbische Herrschaft vor. Ihre verlassenen Sitze bevölkerten 
längst begehrlich nach der fruchtbaren Ebene blickende Bergbewohner aus 
• Altserbien. Die Masurica war nun ihrer sich wenig um Sultan und Gesetz 
kümnrernden feindlichen Eindringlinge ledig, und als wir am nächsten Frühmorgen 
die Morava neben den alten Brückenpfeilern beim Bahnhofe gcquert und die 
Leni endieliöhe über dem einstigen Albanesendorfe Prekodoice erstiegen hatten, 
boten das reiche, breite Vriatai, die weisse Gebäudereihe von Vladicin Han mit 
dem gegen Westen sich auftürmenden Gebirge der Poijanica ein tieffriedliches, 
in Linien und Farbe prächtiges Landschaftsbild, dem nur die vermehrte Staffage 
fehlte, um noch freundlicher zu wirken. 

Man ahnt wohl kaum, wie stark bewohnt das heutige Südserbien vor 
dem grossen E.xodus nach Ungarn war. Die allerorts über dasselbe zerstreuten 
Ruinen kleiner Kirchen lassen auf eine zahlreiche glaubenseifrige Bevölkerung 
schiiessen, der es wohl schwer geworden sein musste, den prächtigen angestammten 
Boden zu räumen. Auch die Lemendzer Höhe krönen von alten Steinkreuzen 
umgebene malerische Mauern eines 18 Schritte langen Baues mit Narthex, dessen 
3,8 m hohes Tonnengewölbe von den Arnauten gesprengt wurde. Zwischen 
den sorgfältig bearbeiteten Tuff- und Sandsteinquadern stecken antike Ziegel, 
die von einem örtlichen Wachtturme oder vom jenseitigen Kastell auf der Straza 
stammen, welches die von der Vrlamündung zur Vlasina ziehende Strasse 
schützte. 

Auf diesem auch durch N. von Vladicin Han, gegenüber von Dzep 
(XVlll. Kap.), im Jahre 1897 gefundene Grabstätten bezeugten Römerwege ritten 
wir, vorbei an Zitoradjes „latinsko groblje" mit unbeschriebenen Steinen, nach 
Zaguzane, wo Ingenieur A'\ilialck ein aufg&gebenes Arnautenciftlik mit grossem 
Grundbesitz, Mühle und Han um den Spottpreis von 400 Dukaten erstand. 
Gegenüber bei Alakinci mündet in die Vrla der starke Masuricabach, nach dem 
das flache südliche Talgebiet „Masuricko polje" heisst. Der gleichnamige Hauptort 
bildete das Zentrum der hier seit alter Zeit schwunghaft betriebenen Eisenindustrie. 
Seine Arnauten führten eine 4 km lange Wasserleitung von der Ronianovska 
reka nach ihrem aus mehreren Öfen bestehenden „Samokov". Dort wurde der 
durch die angeschwollenen Bäche herabgetragene reine Eisensand geschmolzen 
und sodann von den ringsum siedelnden 300 Zigeunerfamilien zu Hufeisen, 
Nägeln usw. verarbeitet. Unterhalb Kijevac, wo Eisen- und Bleilager angeschürft 
wurden, genoss ich einen prächtigen Ausblick auf die südöstliche, 1637 m hohe 
Vardenikalpe, deren reiche Triften der mazedonische Krösus Vandjel Mariolovic 
für seine 15000 Schafe und 200 Pferde, vom Djurdjev dan bis Mitrov dan, 
für nur 300 d vom Staate gepachtet hatte. 

Der paradiesische Reiz des Vrlatales steigert sich, je enger es oben wird. 
Seine gesegnete Talsohle produziert noch in höherer Lage Weizen, Gerste, Mais, 
am meisten aber würziges Heu, das am Orte nur 2 d per q kostet. Man begreift. 



264 



Von Lcskovac an der Vcternica nach Vranja usw. 







Vladicin Han, gesellen vom Leniendz^. 



dass die Albanesen sich zuerst 
in diesem Gebiete des rechten 
Moravaufers einnisteten, von dem 
aus sich ihnen die Möglichkeit 
bot, leicht weiter gegen Nord und 
Süd vorzudringen. Surduiica, 
das wir durch ein pittoreskes, 
kaskadenreiches Felstor erreich- 
ten, bildete ihre Hauptburg. Hier 
befanden sich ihre grösste, nun 
in eine Schule umgewandelte 
Moschee und die schönsten, 
nach ihrem Exodus rasch zu 
wahren Spottpreisen verschleu- 
derten Gehöfte. Abwesenden 
geschieht immer Unrecht. Bei der Abrechnung erhielten die Emigranten durch 
ihre serbischen Agenten unter verschiedenen Titeln stark reduzierte Beträge, mit 
welchen kaum die prächtigen Hausgärten voll herrlicher Fruchtbäume bezahlt 
waren. Den besten Teil unseres bescheidenen Diners bildeten Karamanka, eine 
grosse Birnsorte von erlesenstem Geschmacke aus einem ehemals arnautischen 
Garten. Unter den neuen Einwanderern befinden sich auch Familien aus dem 
mazedonischen Veles. Es scheint ihnen gut zu gehen. Zahlreiche stattliche 
Bauten zeigen, dass Surduiica wieder aufblüht. Treffliche, mit roter Wolle 
plüschartig gemusterte Stoffe, welche einzelne Frauen hier anfertigen, erregten auf 
der Pariser Ausstellung grosses Staunen, sind aber seither auch erheblich teuerer. 
Die beiden Tracen, welche sich in Surduiica zu einem über die bulgarischen 
Grenzberge in das Nisavagebiet führenden Wege vereinigten, wurden jedenfalls 
zur Erleichterung der schon von den Römern betriebenen Eisengewinnung in der 
Masurica und auf dem Cemernik angelegt. Kastelle SO. und NO. von Surduiica 
schützten sie; das 3 km entfernte erste, rechteckige, mit 120 m langen, 40 m 



Von Leskovac an der Veternica nach V'ranja usw. 205 

breiten Fronten, lag über Donje Romanovce, auf dem Plateau der 1126 ni hohen 
Tresnja. An ihrem Westfusse fand ich, auf der baumreichen Vorterrasse, 
ausgedeiinte Mauern einer Niederlassung, deren Bestand zur Römerzeit antike 
Deckziegel und andere technische Merkmale verrieten. Das nordöstliche Strassen- 
kastell stand zwischen dem Glocki- und Gradski potok, auf der 1419 m hohen 
Cuka bei Bitvrdja, inmitten natürlicher Felsenwälie, an welchen seine starken 
Mauern lehnten. Ein drittes, in der Luftlinie nur 4 km fernes Römerkastell 
krönte den südwestlichen, 1305 m hohen Kostiljnik zum Schutze der von 
Surduiica durch das Masuricko poljc, über Gramadja, Vrbovo und Korbevac 
(S. 260), direkt nach Vranja führenden rechtsuferigen Moravastrasse. 

Auf dem Rückwege von dieser archäologischen Exkursion kamen wir durcli 
prächtige Nussbaumhaine, die nicht lange mehr das Auge erfreuen sollten. Sie 
waren bereits kontraktlich der Fiumaner Firma Goldner verschrieben, welche den 
Bauern für den 4 m langen Stamm von 75 cm Durchmesser 14 d bezahlt und 
das kostbare Material nach Amsterdam und Marseille ausführt. Ich besuchte noch 
Surdulicas aus Trachitgestein gefügtes, 10 m langes, 6 m breites Kirchlcin 
Sv. Roman, von dessen 90 cm starken Mauern eine halbkreisförmige Apside 
vorspringt, und setzte sodann meinen Ritt im oberen Vrlalaufe 0. nach dem 
4' 2 Stunden fernen Vlasina fort. Bei dem bald erreichten Weiler Curkovac 
schliessen die Talwände eng zusammen. Aus frischem Waldgrün hervortretende 
kristallinische Felsen, allerorts niederrauschende Wildadern mit vorgelagerten 
kleinen Mühlen an der bald ruhig und wieder in lärmenden Kaskaden eilig 
hinstürzenden Vrla, das Fehlen jeder menschlichen Wohnung und Staffage 
gestalteten den Aufstieg durch das wildromantische Defilee unsagbar reizvoll. 
Kurz nachdem wir zum drittenmal den Bach gekreuzt, öffnete sich bei den Resten 
einer kleinen Befestigung am Gradskaeinfluss ein prächtiger Blick auf das 
hochthronende Bitvrdja-Kastell, das einst mit ersterer ein unterirdischer Gang 
verbunden haben soll; 2 km weiter folgt ein noch reizvollerer auf die im 
Streser bis 1930m aufsteigenden, metall- und kohlenreichen serbisch-bulgarischen 
Grenzberge, welche die waldreiche südliche Vrlaschlucht ringförmig umschliessen. 
Der die Steilufer fortwährend wechselnde Pfad führt durch die Enge aufwärts 
zum Vrlaursprung am 1704 m hohen Viljokolo, den die Anwohner, als eine 
von den Vilen erkorene Lieblihgsstätte, nur ungern betreten, denn an ihrer 
kristallklaren Viljokostica liegt zwischen zauberhaften Laubhainen der Tanzplatz 
der schönen Waldjungfrauen, und wehe dem Sterblichen, der ihren Frieden 
stört! Deshalb weigerten sich die Bauern 1878, an der Aufrichtung des 
serbisch-bulgarischen Grenzzauns über den Viljokolo teilzunehmen; es musste 
durch Soldaten bewerkstelligt werden. Die vom Vilenplatze zum südwestlichen 
Prosenik (1765 m) streichenden Höhen bilden die Wasserscheide zwischen 
der Masurica und Struma, dem Strimon der Römer, an dessen Viljokosticaquelle 
auf dem jenseitigen bulgarischen Boden antike Kastellmauern die Felshöhe 
zwischen Gornja und Donja Rzana krönen. 

Das ganze zuletzt geschilderte Gebiet gehört der riesigen Erzzone zwischen 
dem Iskcr, der Vlasina und Morava an, als deren reichste Eisenlagerstätte das 



'-6ü Von Lcskovac an der Vctcrnica nach Vraiija usw. 

bulgarische Saniokov gilt. Auf die verrasten Sclilackenlialdcn eines licsclieideneren, 
in der österreichisciien Karte unrichtig als Dorf erscheinenden „saniol<ov" 
(Schmelzwerk) stiess ich an der letzten Vrlakreuzung, bei welcher der Anstieg 
auf die Viasinascheide beginnt. Den ersten zwei, für Wagen viel zu steil 
tracierten Serpentinen folgen fünf sanftere, und beim stattlichen Bogdangehöffe 
war der 905 m betragende Niveau-Unterschied zwischen der Vrlaniündung und 
dem Südrande des „Vlasinsko Blato" überwunden. In 1230 m Höhe kreuzten 
wir die Vlasinaquellen: Jarcev potok und Ljuta Bara hart bei ihrer Mündung 
in das vor uns liegende, von S. nach N. streichende riesige Sumpfbecken. 
Dieses wird im Frühjahr durch zahlreiche, den es umrandenden Mikaschifthöhen 
entfliessende Bächlein, unter welchen der drei Mühlen treibende Sokolovski 
potok das grösste, zum 6,5 km langen und 0,5 — 1,5 km breiten wasserreichen 
Sumpfe, dessen gänzliches Zufrieren bis 10" C. warme Quellen verhindern. Ich 
fand den „See" aber durch den ungewöhnlich regenarmen heissen Sommer in 
eine nahezu ganz trockene Tiefebene verwandelt, auf der viele Landleute das 
Ausbringen des auf tausend Wagen geschätzten Grasertrags beschäftigte. Auf 
dem einst grösseren alten Seeboden reihten sich hochgetürmte Heuberge, 
dazwischen weideten Ochsen, Schafe und Ziegen. Nur nördlich traten einzelne 
von der sinkenden Sonne glutrot gefärbte Wasserstreifen auf. Es waren die 
50 m tiefen Punkte des stark undulierten Terrains, das südöstlich die fernen 
Kuppen des bulgarischen Ruj und Snegpolje überragten. Der Tag ging zur 
Rüste; verschiedene Fragen an die bereitwillig Auskünfte erteilenden intelligenten 
Anwohner über das damals nur wenig gekannte Viasinagebiet blieben für den 
folgenden verspart. Rasch mussten wir vorwärts. Noch waren hart am Grenz- 
zaune 7 km bei angebrochenem Dunkel auf und ab zu klettern, bevor wir über 
das halb auf bulgarischem Boden liegende Popova Mahala in später Nacht 
das Grenzzollamt erreichten. 

Unser Empfang seitens der Finanzbeamten und Buljukbasas, welche hier 
mit einigen Panduren das fiskalisch-polizeiliche Recht Serbiens wahrten, liess an 
Herzlichkeit nichts zu wünschen übrig. Um so schlimmer sah der Han aus, in 
dem wir übernachten sollten. Er glich einer verrussten Räuberhöhle, und was 
uns an Trank und Speise vorgesetzt wurde, war völlig ungeniessbar. Ingenieur 
Bartos liess ein wahres Fluchiiagelwetter über den Mchandzija niedergehen, der 
auf alle Vorwürfe kurz angebunden erwiderte, sein Han wäre für Bauern, aber 
nicht für Stadtherren eingerichtet, v;elche niemals diese Strasse zur Reise nach 
Bulgarien benutzten. Ingenieur Ricner suchte den in bösen Worten fortgesetzten 
Streit zu beschwichtigen; er endete aber erst, als der Schreiber uns den einzigen 
wohnlichen Raum seines Häuschens anbot. Wir übersiedelten sofort dahin, und 
mein Cajkochapparat hätte, wie schon oft, das gestörte Seelengleichgewicht des 
Freundes Bartos hergestellt, wäre er nicht infolge seiner Erregung und Neigung 
zu Fiebern von heftigem Schüttelfrost gepackt worden, den bald starke Hitze 
ablöste. Ich schritt zu den an mir oft bewährten hydropathischen Heilmitteln. 
Es war für uns beide eine verlorene Nacht; doch erfreulicherweise ging es am 
Morgen schon bedeutend besser. 



Von Leskovac an der Veternica nach Vranja usw. 



267 



Meine Skizze macht den Leser mit der 1327 m hoch liegenden Skela 
Goleme Bukve bekannt. Rechts im Vordergrunde erscheint neben dem serbischen 
Flaggenstocke das Schreiberhäuschen, daneben die Pandurenkaserne, hinter dieser 
das Dach der geschilderten Mehana und über der Strasse links die bulgarische 
Zollstätte. Der Verkehr zwischen den Besatzungen beider Grenzämter war ein 
streng gemessener. Im serbischen herrscht in allem und so auch in der 
Pandurentracht grössere Zwanglosigkeit; das bulgarische fand ich aber ganz 
militärisch organisiert. Der befehligende Unteroffizier licss während unseres 
zuvor angemeldeten Besuchs seine gut uniformierte kleine Truppe antreten, 
auch der Kaffee wurde von einem salutierenden Marssohne gereicht, und in dem 
bescheidenen Amtsraume waltete ainnutende Ordnung. Im allgemeinen gibt der 




Scrbiscli-bulgarisclies Orenzanil Goleme Biikvc. 



geringfügige Grenzverkehr hier wenig Schreibarbeit. Der Export nach Bulgarien 
durch diese Zollstätte beschränkt sich jährlich im Durchschnitt auf: 4000 kg 
Seilerwaren, 10000 Stück Schleifsteine aus Kopasnica, 200 Mühlsteine aus 
Darkovac, 150000 kg Obst, hauptsächlich Birnen aus Kunovo, 100000 kg 
Heu aus Vlasina und etwa 50 Pferde. Die früher bedeutende Weinausfuhr 
hörte gänzlich auf, seit der Zoll per kg auf 1 d erhöht wurde. Noch unbedeutender 
erscheint der bulgarische Export nach Serbien. Er bestand aus 500 kg Schafwolle 
und einer grösseren Quantität Gajtan (Schnüre). Dagegen wird, weil der hohe 
serbische Einfuhrzoll eine lohnende Prämie bietet, viel Tabak in das Vriagebiet 
geschwärzt. 

Unerklärlich blieb es mir, wozu hier während der ersten Baron Hirsch'schen 
Bahnstudien eine Zweiglinie: Sofia, Trn, Vlasina zur Morava geplant und sogar 
traciert wurde. Nun liegt das Projekt, wegen seiner schwierigen, unrentablen 
Durchführung, wohl für lange Zeit begraben. Obschon von Sofia über Breznik 
und Trn sehr gute Wege in das Isker-Nisava- und Struma-Gebiet führen, fand 



26cS Von Lcskovac an der Vetcrnicn nach Vraiija usw. 

icli auch den Personenvcrkelir über die Grenze gleich NuH. Nur manchmal 
überschreiten Bauern, deren Waldbesitz teilweise auf serbischem oder bulgarischem 
Gebiete liegt, zum Zwecke des Holzfällens die Grenze. Dabei kam es im März 
1895 zum vielbesprochenen Zwischenfall, als Bewohner des bulgarischen Dorfes 
Nasalevci sich weigerten, die angeblich von ihnen schon für den April bezahlte 
serbische Holzfälltaxe nochmals zu entrichten, und deshalb von den Panduren 
erschossen wurden. Die serbische Regierung sühnte das schuldtragende Vorgehen 
des Zollamtschefs Kundovic mit seiner Entlassung; ich glaube aber, dass eine 
Grenzregulierung bei Descani Kladenac geboten sei. 

Bevor wir das serbische Zollamt verliessen, musterte ich noch den bunten 
Inhalt seines Konterbande-Magazins. Da gab es sehr viel Gajtan und noch 
mehr in verschiedensten Hüllen, in Säcken, Beuteln, Tüten usw. konfiszierten 
Tabak und Zigaretten ordinärer bis feinster Sorte, welche in Surdulica für den 
Fiskus und die auf ihren Anteil sich freuende Mannschaft versteigert werden 
sollten. Eine Abschiedssalve begleitete unseren Abstieg zu den „tri bukve", 
welche durch ihre auffällige Grösse dem Kastell seinen Namen gaben. Unter 
der mächtigsten, als „zavetina" verehrten, schied der mit seinen Panduren nach 
Vranja zurückkehrende liebenswürdige Riener von uns, während ich mit Ingenieur 
Bartos und den Leskovacer Gendarmen nördlich weiterzog. 

Über die prächtige Taraijawiese und den Caricin Kladenac gelangten wir 
an wasserreiche, von zahllosen Dohlen und Riesensperlingen bevölkerte Moore, 
durch welche unser eingeborener Führer auf vielgekrümmtem, ziemlich trockenem 
Pfade voranschritt. Es war erstaunlich, wie genau er die Namen jedes grösseren 
Wiesenfleckes, jeder Untiefe und Wasserader des ausgedehnten Seebodens 
kannte. Plötzlich bekreuzigte er sich und erzählte, auf ein breites Moor deutend, 
in diesem lebe der „Jezerski bik", ein schwarzer Seestier, der früher oft nächt- 
licherweise sein feuchtes Versteck verliess und alles ihm in den Weg kommende 
männliche Rind tötete. Da kam einem alten Zigeuner der glückliche Gedanke, 
dem stärksten Dorfstier eiserne Hornspitzen aufzuschmieden, worauf dieser das 
ihn angreifende Ungetüm derartig verwundete, dass es fortan im Wasser blieb. 
Nur vor dem Ausbruche von Pest oder Krieg, so 1829, 1877 und 1884, wollen 
einige Viasinacer den „bik" gesehen oder brüllen gehört haben (!). Der einst 
weit ausgedehntere See ist sichtlich im Schwinden begriffen. Seine Sphagnumrasen 
und einige abseits liegende kühle Bäche enthalten viele Pflanzenraritäten. Auf den 
Höhen gibt es auch den Bereich des Wassers fliehende seltene Zerophyten. 
Von aufgefundenen ganz neuen Pflanzen nannte Pancic (1887) als diesem 
Gebiete ausschliesslich eigen: Avena rufescens, Allium melanantherum und 
Knautia flavescens var. 

In 1203 m Höhe querten wir die einer mit Bryonia, Clematis und anderen 
Sträuchern durchwachsenen südlichen Waldschlucht entfliessende Vlasina (S. 266) 
bei Mali most, wo sie das Seebecken kristallklar verlässt. Etwas südlicher liegt 
das Crkvena Mahala mit dem auf ehemaligem Klostergrunde 1838 erbauten 
Kirchlein Sv. Ilija und der 1878 nach dem Aufhören des Türkenregiments 
begründeten Schule von Vlasina. Hier wohnte der noch heute im besten 



Von Leskovac an der Veternicn nach Vranja usw. 269 

Andenken gebliebene Miliail Krstic, welcher, von der zur Türkenzeit einige 
Vorrechte geniessenden Viasinalandschaft zum Knezen erwählt, oft mutig gegen 
Ausschreitungen der moslimischen Ciftlikherren auftrat. Die darüber erbosten 
Arnauten des Vrlatales brachten ihn wegen angeblicher Aufstandsgelüste vor 
den Vali von Prizren, von wo er nach dreimonatlicher Haft nach Konstantinopel 
gebracht wurde. Als 1851 ein sultanlicher Ferman das Willkürregiment der 
moslimischen Grundherren eindämmte, blieb nur ein die Kopfsteuer erhebender 
Buljukbasa in der Landschaft zurück. Einer ihrer heutigen drei Pfarrer, Toma 
Mihajlovic, Sohn des verstorbenen Knezen, rächte die seinem Vater widerfahrene 
Unbill, indem er beim Anzüge der Serben im Januar 1878 an der Spitze einer 
Schar energisch zur Hinausdr'ängung der Arnauten beitrug. Die erlangte Frei- 
zügigkeit benutzend, wanderten bald darauf einige Hundert Vlasinaer Familien 
in den Toplicaer Kreis. Trotzdem, und obschon von den 28 um den See 
zerstreuten, 5—40 Gehöfte zählenden Weilern 3 Bulgarien zugefallen, besass die 
Gemeinde 1896 nahezu 3200 Seelen in 423 Häusern.') 

Der geringe Wohlstand in der Vlasina zwingt alljährlich nahezu 250 Männer, 
als „dundjeri" (Häuserbauer) im Frühling nach Ober-Serbien und Rumänien zu 
gehen, um mit dem gewonnenen Gelde ihre Familien zu erhalten. Ausgedehnteres 
Weideland Besitzende treiben Molkerei und produzieren den wegen seines 
Wohlgeschmacks viel gesuchten Schafkäse. Weshalb er so trefflich, darüber 
erzählte uns der Zollschreiber folgende hübsche Sage: „Als der hl. Sava um 
zu predigen im Lande umherzog, führte er einen prächtigen Hahn mit sich, der 
ihn täglich zum Frühgebete weckte. Zu Vlasotinci stahl man ihm diesen. Der 
erzürnte Heilige fluchte dem Dorfe: .Euere Hähne mögen Tag und Nacht krähen!' 
und so geschieht es noch heute. In Grdelica stahl man ihm seinen vrg, das 
Kürbis -Schöpfgefäss. Der hl. Sava fluchte: ,Dass den Grdelicaern der vrg am 
Halse herabhänge', und seitdem gibt es dort viele mit Kropf behaftete Leute. Zu 
Vlasina wurde der Heilige aber mit grosser Ehrfurcht empfangen, auch setzte 
man ihm den besten Käse vor. Erfreut, segnete er ihre Schafe: ,Dass sie allezeit 
vielen und guten Käse geben'!" Wirklich wurde dieser bald vielberühmt und ging 
sogar bis nach Konstantinopel. Vasilje, ein Bruder des reichen mazedonischen 
Viehzüchters (S. 263), Hess 1889 Tausende Schafe auf dem Cemernik weiden, 
wo gleichzeitig auch Spagnuolen mit einem Prokupljer Herdenbesitzer rituellen 
Kaskavalj für Salonik produzierten. Im Kreise selbst wird nur minderwertiger 
Käse verzehrt. 

Die den Vlasina-See umschliessenden Berge bauen sich grösstenteils aus 
Silikaten auf, nur die südliche Grenzkuppe Strbi Kamen besteht aus Kalk. In der 
türkischen Epoche gab es hier eine starke primitive Eisenindustrie, welche die 
Anwohner durch das mittels Frone betriebene Schlämmen und Schmelzen des 
Magnetitsandes stark beschäftigte; der Arbeitslohn war aber niedrig. Der 
„Kulucar" (Froner) erhielt für das 25 Arbeitstage beanspruchende Schlämmen 
und Zuführen von 500 Oka -^ 6,5 q Erzen nach den Schmelzhütten in Zaguzane, 



') 1905 zählte die Uemeinde 361G Seelen in 491 Häusern. 



270 Von Leskovac an der Veteriiica nach Vranja usw. 

Masurica, Mrka Poljana u. a. 0. nur 15 d. Hussein Pasa soll vor fünf Dezennien 
aus 25 kleinen Hüttenwerken hier jährlich 1300 q Roheisen gezogen und dadurch 
bedeutende Summen gewonnen haben. Seit dem Abzüge der Türken und Arnauten 
ruht der Eisenbetrieb an der Vlasina. Allerorts stösst man auf zurückgelassene 
Spuren. Gleich jenseits am Westfusse des Cemernik liegt an der Garvanica 
das verlassene Werk Vignje, und als wir an seiner Ostseite den Steilweg durch 
die pfadlose Vlasinska Klisura zur Höhe verfolgten, erschien das rote, eisen- 
schüssige Terrain, in dem stellenweise riesige Quarzstücke auftraten, von vielen 
tief ausgehobenen Gräben durchschnitten. 

Bei Teskovo betraten wir wieder den Piroter Kreis und gelangten an 
hier seltenen, nur in wenigen Einschnitten erhaltenen Baumständen vorüber, zur 
berühmtesten Erzstätte „Kozlica". Auf ihrem ganz durchgrabenen Terrain fand 
ich eine alte Wasserleitung zum Waschen der Erze, dann Reste eines gepflasterten 
Weges zum Ausbringen derselben. Alles deutete auf den einstigen starken 
Betrieb. Dass dieser schon in der Römerzeit begann, zeigen ausser antiken 
Münzen und Gefässen unter der 1483 m hohen Skela am Karaguzov Del 
aufgefundene Ziegel und Inschriften, von welchen eine achtzeilige die LEG Vll CL 
erwähnt') und vom Crna Travaer Protojerej Stevan Popovic kopiert und von 
mir veröffentlicht wurde. -) 

Das eisenführende Terrain, auf dem wir über die grasreiche Popova Cuka 
nach Crna Travas Hauptweiler abstiegen, setzt sich 15 km W. bis zu der von 
den Römern befestigten Leskova Padina fort. 1885 wurde auf dem Gebiete 
von Ruplje, wo sich 42 alte Gräber befinden sollen, durch den Industriellen 
Weifert mit dem Advokaten Aleksa Novakovic in rationeller Weise der Abbau 
auf die in mächtigen Gängen vorkommenden reichen Bleierze, konzessioniert, 
mit 282 Feldern (1 = 100000 m=) zu Crveni Breg autgenommen, doch wegen 
der schlechten Kommunikationen bis auf einige Aufschlussarbeiten wieder 
eingestellt. Nicht minder reich an Erzgängen wie diese „Djurina Sreca" 
(Georgs-Glückzeche) und der „Debeli Del" sind die nördlicheren Vorkommen 
bei Guzevje und die südlichen zu Mrka Poljana. Alle liegen durchschnittlich 
in 1000 m Seehöhe an den Betrieb erleichternden starken Bächen, und eine 7 km 
lange Schleppbahn von Crveni Breg entlang der von 0. nach W. fliessenden 
Predejanska reka zum Morava-Schienenweg ist traciert. Da bei dem westlichen 
Predejane auch Kohlen angeschürft wurden, wären alle Bedingungen für die 
erfolgreiche Fortsetzung dieser hüttenmännischen Unternehmung vorhanden. 

Das am Einflüsse der Cemeretica in die Vlasina liegende Hauptdorf der in 
weithin zerstreuten 10 Orten in 362 Häusern nahezu 2600 Seelen zählenden 
Gemeinde Crna Trava sieht mit seiner geschlossenen langen Strasse stattlich 
aus. Viele der oft ansehnlichen Häuser und Mehanen mit auffallend steilen 
Ziegeldächern waren aber leer, weil der fruchtbare Boden und leichtere Verdienst 
144 Familien nach dem Toplicaer Kreise zog, wo sie ihren guten Ruf als 



') Starinar, VI, S. 120. 

■) Kanitz, Römische Studien, S. 151. 



Von Leskovac an der Veternica nach Vranja usw. 271 

tiiclilige Häiiserhauer glänzend bewahrten. Da wir den sonst stillen Ort am 
Sonntage und Hochzeitsfeste eines wohlhabenden Paares betraten, herrschte dort 
frohes Treiben. Unter Pistolenschüssen ordnete sich der Zug beim Hause des 
Protas, der, obschon „naprednjak", weil er 1878 im Freiheitskampfe sich tapfer 
hielt und die Ortsschule begründete, hohes Ansehen geniesst. Er bat uns, 
einzutreten und stellte auf den Tisch frischen Käse, Obst und Forellen, deren 
besonderen Wohlgeschmack schon die Türken so sehr schätzten, dass Crna 
Trava seine Steuern mit 16 kg getrockneter Fische für des Sultans Tafel ablösen 
durfte. Im Pfarrgärtchcn sah ich zum erstenmal den durch Pancic bekannt 
gewordenen, hier aus jungen Trieben gezogenen serbischen Kirschlorbeer, dessen 
eigentlichen Standort ich zwei Tage später kennen lernte. 

Die immer lärmendere Trommel- und Pfeifenmusik mahnte zum Aufbruche 
nach der Kirche. Ein barjaktar (Fahnenträger) schritt voraus, die hübsche, 
festlich geschmückte Braut war, was ich bei Bauern nie zuvor gesehen, mit 
einem Rosagewebe leicht verschleiert; der Bräutigam und die djever trugen bimte 
Tücher an der linken Schulter aufgenestelt, die Eltern, Verwandten und Freunde 
des Paares folgten. Ich fand die Frauentracht hier sehr kleidsam. Den eng- 
anliegenden blauen, an Brust und Schultern weit ausgeschnittenen Leibrock mit 
buntem Bortenbesatz hält um die Mitte ein roter Gürtel fest, das langärmelige 
Hemd tritt unter ihm über farbigen Strümpfen breit hervor, den Kopf deckt ein 
graziös übergeworfenes Tuch, die Mädchen schmücken ihr meist dunkles Haar 
mit Blumen, und reihen um den Hals so viele Münzen, als das Haus entbehren 
kann. Das Männerkleid ist minder bunt. Sie tragen braune oder weisse, schwarz 
umrandete Suknatuchröcke, das weitgeschnittene Beinkleid verengt sich gamaschen- 
förmig unter dem Knie, eine kleine Subara (Pelzkappe), Bundschuhe und zur 
Winterszeit eine mit Lammfell besetzte Jacke vervollständigen den Anzug. 

Wir hatten das am nördlichen Dorfende stehende Sv. Nikola-Kirchlein 
erreicht, welches man 1835 auf der Ruine eines älteren erbaute. Nach der 
kurzen Trauungszeremonie eilte die muntere Jugend zum Kolo, der nun unermüd- 
lich unter einem altehrwürdigen Zavetinabaum am Gradacki potok getanzt wurde. 
Der Beinamen des Wässerchens deutete auf ein nahes grad, und wirklich trägt die. 
westliche, 1200 m hohe Kuppe zerstörte Mauern eines Römerkastells, das 100 m 
lange, 60 m breite Fronten und eine jetzt verschüttete Zisterne besass, bei der 
ein leider verschwundener Metallhammcr und andere Objekte gefunden wurden. 
Aus allen Querschluchten tosend abstürzende Wildbäche schwellten das 
Viasinabett zwischen den sie begleitenden Steilwänden derartig, dass wir den 
hochliegenden Reitpfad nördlich weiter verfolgen mussten. Schwer gelangt man 
auf die jenseitige, baumreiche Vorhöhe des 1417 in hohen Srp, deren von unserem 
Führer signalisierte Befestigung ich mit 80 m im Quadrate messenden Steinwällen 
in Karte brachte. Beide Kastelle legten die Römer wahrscheinlich zum Schutze 
ihrer hier betriebenen Eisengruben an. Das bezügliche Terrain fällt in den Bereich 
von Brod, zu dessen gleichnamigen Hauptweiler wir tief hinabstiegen. Links 
blieb ein prächtiges Buchenwäldchen; rechts erschienen, obwohl es schon Mitte 
September, erst halbreife Korn- und Hirsefelder, die wie der magere Boden des 



272 Von Leskovac an der Veternica nach Vranja usw. 

gesamten Gebiets durchschnittlich zur vierten, mit 8 d per Hei<tar bemessenen 
Steuerklasse zahlen. Der vom 21. bis 60. Jahre als „Steuerkopf" eingeschriebene 
Bauer besitzt wohl gewöhnlich hier 8 — 20 ha Wald- und Wiesenland, aber wenig 
Ackergrund. Dies zwingt die jüngeren Söhne seit jeher zum Betriebe von 
Gewerben, um ihr Brot als dundjeri (Häuserbauer) in der Fremde zu finden. 
Neben einer für Pferde gefährlichen Holzbrücke durchfurteten wir die Vlasina und 
rasteten jenseits im von vielem Volke umlagerten Forum der „Brodska opstinska 
kuca". Dort hörte ich von den zu einer Beratung versammelten Knieten, dass 
es in Brod (151 Häuser mit 1100 Seelen) 170 Steuerköpfe, im nördlicheren 
Dobro Polje (148 Häuser mit 1085 Seelen) 150 und im rechtsuferigen, durch 
tüchtige Baumeister und treffliche Mühlsteine bekannten Darkovac (117 Häuser 
mit 882 Seelen) 139 Steuerköpfe gäbe. Die Gehöfte liegen hier so weit 
auseinander, dass kaum 80 Seelen auf dem km- wohnen, und noch dünner sind 
die nördlichen Gemeindegebiete Gare und Javorje bewohnt. 

Die prächtigen Buchenstände, durch welche wir vom 1168 m hohen 
Krsticeva Mahala zur lärmende Kaskaden bildenden Babinca abwärts ritten, 
sind reich an Wild. Man schiesst es jedoch sehr wenig und schont besonders 
die alten Hirsche, „weil sie den Erntesegen hüten". Vorüber an einem alten 
türkischen Eisenbau kletterten wir einige Steilkurven hinauf zur Crkvena 
Mahala des erwähnten Dobro Polje. Bereits am Nachmittag hatte sich ein 
empfindlicher Temperaturwechsel vollzogen. Der Horizont umdüsterte sich 
eisiggrau, der Abend wurde kühl, um so wohliger fühlten wir uns in dem 1200 m 
hoch liegenden Pfarrhofe, der höchsten menschlichen Wohnung auf viele Meilen 
im Umkreise. Obschon es am nächsten Morgen in Strömen regnete, unternahm 
ich, da Herr Bartos wieder fieberleidend, nur vom Popensohn begleitet, den 
Ritt zum „gradac", dessen Untersuchung mich auf diese Wetterhöhe geführt 
hatte. Der heulende Sturm schlug die Mantelkapuze immer zurück. Gründlich 
durchnässt, ging es auf stellenweise furchtbar abschüssigem Wege und wieder 
durch hemmendes Gebüsch vorwärts zur 3 km fernen, hoch über der tief unten 
hinbrausenden Vlasina liegenden Burgruine. Ich fand ein Rechteck mit 150 m 
langen, 60 m breiten, stark verwüsteten Mauern, dessen römischen Ursprung 
zahlreich verstreute charakteristische Deckplatten bekundeten. Unter dem Kastell 
lag eine künstliche Grotte und 20 m tiefer ein 16 m langes, 5 m breites, mit 
antiken Ziegeln gepflastertes „crkviste", aus dessen halbkreisförmiger Apside eine 
47 cm lange, 28 cm breite Steinkiste nach der grossen Dobropoljer Ortskirche 
gebracht wurde. Ausser den drei Befestigungen, welche ich am Oberlaufe der 
Vlasina feststellte, zeigen Kastellreste an ihren östlichen Zuflüssen auf dem 
Strbica am Ursprünge der Gradska reka, dann auf zwei Höhen über Crvena 
Jabuka und Spaj an der furtenreichen Tegostica, ferner auf dem Radov Trn bei 
Strelac an der Mursovica und bei Svodj, wo die von Dobro Polje mit stark 
östlicher Kurve durch Orah fliessende Vlasina die gleichfalls durch Kastelle bei 
Modra Stena und anderen Orten überwachte Luznica aufnimmt, die Bedeutung, 
welche die Römer dieser bis zum bulgarischen Trn ausgedehnten reichen Erzregion 
beilegten. Aber auch auf dem 10 km westlich von Crna Trava zur Morava 



Von Leskovac an der Vcternica nach Vranja usw. 273 

Streichenden, grosse Erzschätzc bergenden Terrain fehlt es nicht an alten Resten 
hüttenniännischer und fortifikatorischcr Tätigkeit. Dies beweisen drei Kastelle, 
welche ich am nächsten Tage an der Kozarska reka in Karte brachte. 

In das Pfarrhaus zurückgekehrt, fand ich um sein loderndes Herdfeuer die 
gesamte Familie versammelt. Unser Oastfreund Pop Stojko hatte sich mit dem 
Tapferkeitskreuz geschmückt, das er, gleich seinem Kollegen Hadzi Andjelko zu 
Ruplje, im Januar 1878 erworben; sein ältester, gleichfalls im Kampfe gewesener, 
martialisch aussehender Sohn und Nachfolger im einträglichen Popenamte stellte 
uns seine Sprosslinge vor, deren jüngstem seine sclunie Frau Sevdeiina ') ganz 
ungeniert die Brust reichte. Im jüngeren Bruder Sima, welcher als Geniesoldat 
den bulgarischen Feldzug mitgemacht, begrüssten wir den Broder Genieinde- 
schreiber, der mir am Tage zuvor bereitwilligst statistische Daten gab. Auch 
die Popenfrau und ihre beiden unverheirateten Töchter hatten sich festlich 
herausgeputzt, denn alle glaubten, die Stunde des Abschieds sei gekommen. 
Das Kismet verfügte jedoch anders. Herr Barto.s fühlte sich noch nicht reisefähig, 
der ruhelustige Pandur meldete, die übermüdeten Pferde bedürften eines Rasttages, 
und auf dem Hofe wirbelten die Schneeflocken so dicht umher wie zur lieben 
Weihnachtszeit. Ich hielt es für ratsam, die herrschende freundliche Stimmung 
durch antizipierte Verteilung des üblichen Gastgeschenks zu mehren und unseren 
spekulativ angelegten geistlichen Hausherrn, der uns wiederholt die grossen Kosten 
seines Neubaues vorgerechnet, über unser verlängertes Bleiben zu beruhigen. Im 
allgemeinen wird bei dem, trotz der stark vernachlässigten Kinderpflege, kräftigen, 
schönen Menschenschläge dieser armen Täler gern Gastfreundschaft geübt. Wohl 
kann man dem Fremden nur wenig bieten. Selbst im Popenhause fand ich den 
Sinn für Komfort und Schicklichkeit schwach entwickelt. Auch da gab es weder 
Knecht noch Magd, die Töchter mussten alle Arbeit im Hause und im nicht sehr 
reinlich gehaltenen Viehstalle verrichten. Serbiens Süden ist gegen seine älteren 
Landesteile um ein halbes Säkulum zurück. Als die Türken 1878 den Vlasotincer 
Bezirk räumten, besassen von seinen 22 Gemeinden mit 106 Orten nur drei, 
Konopnica, Krusevica und Crvena jabuka, kaum zehn Jahre zuvor ent- 
standene Schulen, seither kamen eine fünfklassige in Vlasotinci und sechs 
andere in Dedina Bara, Crna Trava u. a. O. hinzu. Die Volkserziehung steht 
also hier auf denkbar tiefster Stufe, und der angeborene Intellekt der Leute 
erwartet in jeder Richtung noch seine Ausbildung. 

Der kalt angebrochene 18. Septembermorgen fand unsere Karawane, geführt 
von dem gefälligen Popensohne Sima, auf dem Marsche NW. durch Babinas 
noch nicht erntereife, vorzeitig in vollstes Winterkleid gehüllte Kulturen. Im 
prächtigen Buchenwalde der 1452 m hohen Wasserscheide lag der Schnee hoch 
zusammengeweht. Der Abstieg gestaltete sich auf hartgefrorenen Stellen sehr 
unangenehm. Graue Nebelschleier jagten sich, und nur auf Augenblicke erschien 



') Dieser im nördlichen Sert^ien ungekannte Name — etwa: Gegenstand der Liebe — 
kommt gleich mehreren anderen nur bei den serbo-bulgarischen Bewohnern des Königreichs 
vor (s. Kap. XII). 

F. KANITZ, Serbien. U. 18 



274 Von Leskovac an der Veternica nach Vranja usw. 

die 1527 in hohe, vollkommen weisse Spitze des Ostrozub. Seine gegen S. 
und W. mit prächtigen Weiden bedectcten Hänge litten zwei Monate früher 
(Juli 1889) durch einen riesigen Heuschreckenschwarm, der seinen verheerenden 
Weg über Vlasina S. nach Bulgarien nahm. Gegen N. und O. besitzt der 
Ostrozub aber herrliche Buchenwälder, in welchen hart am Wege, am zur 
Kozarska reka abflicssenden Zelenicki potok, der von Pancic 1887 untersuchte 
„Laurocerasus Primus" ') in ziemlich dichtem Schlüsse, als immergrünes Unterholz, 
wächst. Dieser serbische Kirschlorbeer scheint hier, an der Grenze seines 
natürlichen Verbreitungsgebietes, die Fähigkeit, zu blühen und Früchte zu tragen, 
eingebüsst zu haben. Sein nur mit den grünen Teilen aufrecht stehender Stamm 
streckt sich nämlich bald nieder, schlägt stellenweise Nebenwurzeln in den 
Boden, und indem er sich an der Spitze fächerartig verzweigt, überzieht er mit 
seinem stetig weiter ausgreifenden, lebhaft grünen Blattwerk dicht das Gelände. 
Welcher der bekannten Kirschlorbeerarten die vom Volke einfach „zelenika" 
(Immergrün) genannte serbische zugehört, wagte Pancic nicht zu entscheiden. 
Da mehrere in die botanischen Gärten von Belgrad, Wien, Zürich usw. verpflanzte 
Stöcke sich rasch verzweigten, empfiehlt sie sich besonders zur Verschönerung 
schattiger Wasserpartien in nördlichen Parks. Stöcklinge aus dem nur drei 
Stunden von der Bahnstation Grdelica fernen „Zelenicki Do" wären unschwer 
zu erhalten und bezügliche Verlangen an den Wirt Popovic der bei seinem 
Ursprünge stehenden Dobro Poljer Mehana zu richten. 

Stark durchfroren, hielten wir bei diesem „Zum Kraljevic Marko" benannten 
stattlichen Strassenhan. Djordje Andjelkovic, ein künstlerisch veranlagter Dobro 
Poljer dundjer, verewigte hier al fresco den selbst in solch hoher Bergöde 
populären Königssohn, wie er dem schwarzen Statthalter von Kosovo die 
„svadbarina" (Heiratssteuer) mit der Keule bezahlt. Wir hatten Grüsse an den 
Hanwirt von seinem Vater, dem Popen, zu bestellen, dessen Familie ich nun 
vollzählig kennen gelernt. Nachdem heisser Caj uns frisch belebt, drängte es 
mich, das originelle Bild, in dem Markos Gegner schlecht wegkommt-), treu zu 
kopieren. Hier verabschiedeten wir uns von Sima und ritten über die 1442 m 
hohe Ogorela Cuka NW. zur 650 m tiefer liegenden Lopuska mehana, die 
wegen ihres unsagbar elenden Gastraumes, in dem aller Schilderung spottende, 
unreinliche Menschen Rakija brannten, gleichfalls ihr Konterfei verdient hätte. 
Den niederen Zugang verbarrikadierte ein mit zwei Öchslein bespannter Schlitten, 
der ein Fass Birnen zur Verwandlung in den beliebten Nationaltrank brachte. 
Man rechnet: 1 q Obst gebe 13 kg Rakija, von welchen 1,3 kg als Vergütung 
dem Brenner bleiben. Der schon (Bd. 1., S. 601) geschilderte Apparat, dessen 
sonst metallener Kessel hier durch einen von Ton ersetzt war, kostet deshalb auch 
nur 12 d. Als wir mehr geräuchert als erwärmt dieses selbst Höllenbreughels 
ausschweifende Phantasie übertreffende Interieur verliessen, meinte Herr Bartos: 
„Im nächsten Jahre, wo unser Mehanagesetz auch für den neuen Landesteil in 



') Der Kirschlorbeer im Südosten von Serbien. Belgrad 1887. 
=) Vuk, Srpske narodne pjesme, II. 69. S 417. 



Von Leskovac an der Veternica nach Vranja usw. 



275 



Kraft tritt, lasse ich das Schmutznest aus tiirkisciier Zeit einfach niederhrcnnen." 
Wenige Monate darauf meldete mir der vielleicht zu pflichttreu vorgehende Tscheche 
seine Versetzung in den Sabacer Kreis; folgte ihm ein nachsichtigerer Kollege, 
so besteht wahrscheinlich das hässliche Gerumpel noch heute. 

Der weitere Abstieg durch den „Bukovik", wie die Landschaft ihrer vielen 
Buchen wegen genannt wird, gestaltete sich geradezu lebensgefährlich. Die 
primitive Strasse war durch den zweitägigen Regen in einen halben Meter tiefen 
Morast verwandelt worden, durch den unsere Pferde nur behutsamsten Schrittes 
vorwärts kamen. Bei dem zur Gemeinde Gradiste gehörenden Samarnica 
konnte ich am A\oric (868 m) noch Steinwälle eines antiken Werkes konstatieren; 
der Besuch zweier anderer mir signalisierter Kastellruinen bei Ostrica und 
Dadinci erschien aber, obschon sie auf den nahen Kozaricahöhcn liegen, wegen 




Freske an der Kraljevit Marko-Mehana. 



des im tiefen Morast verschwundenen abschüssigen Pfades ganz unmöglich. Bei 
dem durch ein altes Steinkreuz bezeichneten „Beljkicev grob" zeigte mir der 
Mehandzija auf der Kuppe des stark bewaldeten Stojanov Trap den Standort 
des Dadincer, dessen ausgedehnte Mauern aus Ziegeln und Steinen bestehen 
sollen. Wir hielten beim gleichnamigen Strassenhan, wo die 550 m hohe, durch 
prächtige Buchen verschönte Wasserscheide einen weiten Ausblick über Leskovac 
bis zu den Prokupljer und Niser Bergen bietet. Hier zeitigt die rote Erde und 
der Tonschiefer auch wieder Reben, die Luft wurde mild, zwischen die immer 
niedriger werdenden Ziegeldächer traten mit Stroh gedeckte Häuser. Alles 
kündete die nahe Ebene und grösseren Wohlstand an. Elend und im stark 
kupierten Terrain halsbrecherisch zeigte sich nur die zwischen Weinkulturen 
nördlich nach Vlasotinci abbiegende Strasse. Es war Mittag, als wir seine 
langgestreckte Carsija nach vierstündigem, höchst unangenehmem Ritte erreichten. 
Der Bezirkshauptmann Rista R. Matic, bewährte sich während unseres 
kurzen Aufenthalts als liebenswürdiger Cicerone. Im Lebenslaufe des noch jungen 

18* 



276 Von Leskovac an der Veternica nach Vranja usw. 

Mannes spief^elt sich der stetige serbische Parteienkampf charakteristisch ab. 
Matic war zuerst Lehrer in Zajecar, beteiligte sich 1883 an der dort unter 
Pasics Führung ausgebrochenen Revolution, wurde später begnadigt und Steuer- 
kontrolleur, als die Radikalen aber das Regiment führten, mit der Kapetansstelle 
im stets freiheitlich gesinnten Viasotinci belohnt. 1809 erhoben sich die Stadt 
und Landschaft unter dem aus Gradiste stammenden, sich Wojwode von Leskovac 
nennenden ilija Strelja gegen die Türken. Einige Hundert Aufständische blieben 
bei Dedina Bara, Strelja wurde in Viasotinci gehenkt, ermahnte aber noch auf 
dem Richtplatze das Volk, im Kampfe auszuharren. Mit Feuer und Schwert 
wurde dieser erstickt und Viasotinci verwüstet. Nicht glücklicher endete 1821 
die zweite Erhebung und jene dritte, auch das Niser Gebiet ergreifende (1841) 
unter Stanko Bojadzija, dessen Sohn ich als Mehandzija zu Viasotinci traf. Als 
Mehemed Pasa 1860 nach Nis zog, Hess er den Popen Stanoje mit noch 
sieben anderen Vlasotinciern wegen angeblicher Zettelungen mit Serbien an 
den Galgen 1<nüpfen. Trotz alledem vermochten die Türken niemals, sich im 
„Bukovik" festzusetzen, und Latif Beg aus Leskovac, der Besitzansprüche auf die 
der Stadt gehörenden Weinberge «erhob, musste sich auf deren, wahrscheinlich 
durch Bakschisch in Konstantinopel unterstützte Klage mit einer Abfindungssumme 
begnügen. Von Moslims lebten 1877 hier nur der Mudir, sein Schreiber, ein 
Buljukbasa und sieben Zapties. 

Am 5. Januar 1878 endete das Türkenregiment zu Viasotinci. Die zu 
seiner Stützung erschienenen Amanten wurden von den Aufständischen im 
Kampfe über die Morava gedrängt, wobei christlicherseits 12 Tote und viele 
Verwundete blieben. Gleich darauf zogen serbische Beamte ein, der Sitz 
des nun 42057 Seelen zählenden, viehreichen Bezirks und das Cadre des 
Territorial-Bataillons wurden hierher verlegt und die erste Mädchenschule des 
Viasinagebietes dort errichtet. Die über die Vlasina sich ausdehnende, ärmlich 
aussehende Stadt besitzt nur ein historisches Monument: die wahrscheinlich auf 
der Grundfeste eines Romerkastells stehende ehemals türkische „Kula". Bei dem 
südlicheren „Suplji Kamen" befindet sich die 1858 geweihte hl. Geistkirche, 
das gleich unbedeutende Bezirksamt, die fünfklassige Schule und die mit buntem 
Kram gefüllte lange Carsistrasse. Die nahezu 4500 Bewohner zählende Stadt 
treibt bedeutenden Wein- und Viehhandel. Kosta llic Mumdzija, der auf 600000 d 
geschätzte Krösus von Viasotinci, erwarb sein Vermögen durch das hier gestattete 
Geldverleihen zu 6"/,, per Monat. So dürfte der 1895 gegründete Hilfs- und 
Sparverein dem Bezirke zu grossem Nutzen gereichen. 

Von Vlasotinces jenseits der Brücke liegendem bestem, aber wenig Gutes 
bietendem Gasthause ritten wir, begleitet von dem sich für meine Studien lebhaft 
interessierenden Kapetan, durch die stark undulierte, von Weinbergen umrandete, 
250 m hohe Ebene nach dem W. bei Konopnica 35 m hoch aufragenden 
Glimmerschieferhügel, der sie wie ein riesiger Tumulus beherrscht. Dort hielten 
wir am einsam liegenden, 1866 erbauten ältesten Schulhause des Bezirks, in dem 
40 Kinder unterrichtet werden. Der sehr junge, aufgeweckte Lehrer und seine 
ihn unterstützende, noch jugendlichere Schwester empfingen uns in ihrem mit 



Von Leskovac an der Veternica nach Vranja usw. '277 

Bildern und Büchern ausj;;estatteten kleinen Pruni<geniacii unj^eniein herzlich. 
Nach langer bJitbehrung gab es hier auch ein grösseres Blatt, das mich über 
die politischen Ereignisse ausserhalb der serbischen Grenzberge orientierte. 
Gemeinsam besuchten wir das nahe Ortskirchlein mit isoliertem Glockenturme 
am „Gradac breg" und erklommen sodann am steilgeböschten Westhange das 
35 m höhere, künstlich geschaffene Plateau. Die es umrandenden starken 
Mauern erwiesen sich als Frontenreste eines 135 m langen, 15 m breiten, recht- 
eckigen Kastells, über dessen römischen Ursprung ausser seinem Gusswerk 
antike Ziegelfragmente keinen Zweifel liessen. Unter dem Schutze dieser Feste 
lag am Südfusse des Hügels eine kleine Zivil-Ansiedelung, von der gleichfalls 
Reste vorhanden sind, und an der vorbei die Strasse über Leskovac mit einem 
Zweige nach Ad Fines (Kursumlija), mit einem zweiten aber nach Vicianum 
(Pristina) und den altberühmten Janjevocr Gold- und Silberminen lief (Kap. Xi). 
Wir durchfurteten die 7 km NW. in die Morava mündende, stark geschwellte 
Vlasina vor dem grossen Dorfe Batulnvac, das, wie alle in der flachen Umgebung, 
einen festgeschlossenen Komplex bildet. Der Kapetan schied hier, während wir 
auf der trefflichen, topfebenen Strasse der Morava zuritten. Diese hatte kurz 
zuvor das aus Lehm und Konglomeraten bestehende rechte Ufer durchbrochen 
und den tiefen Arm geschaffen, über den ein provisorischer schmaler Steg uns 
auf die 1 km lange, neu entstandene Insel und zu Mithad Pasas Brücke brachte. 
Statt beider Holzbrücken ist oberhalb Prilepac ein Bau mit soliden Stein- 
pfeilern geplant. Vorbei an dem malerisch zwischen Bäumen steckenden Badincer 
Strassenhan gelangten wir in später Stunde auf die Vranjaer Strasse. Die helle 
Nacht begünstigte den beschleunigten Ritt durch die uns von Leskovac noch 
trennende Weidenallee. Unsere braven Pferde rochen den heimatlichen Stall 
und schienen die vielen Hunderte mit uns auf denkbar schlechtesten Wegen 
zurückgelegten Kilometer kaum mehr zu fühlen. Schon wurden die hellbeleuchteten 
Haue nahe dem Bahnhofe sichtbar; dieser lag aber noch in schläfrigem Halb- 
dimkel, obgleich der Vranjaer Zug bereits signalisiert war. Er brachte wenige 
Reisende aus weiterer Entfernung, von Salonik sogar nur zwei; die Räume erster 
Klasse waren ganz leer. Unerwartet bequem gelangten wir nach Nis, wo ich 
sofort Vorbereitungen für meine Reise in das Arnautengebiet traf. 



X. 



über Prokuplje durch die Jankova Klisura 

und Kursumlija aut' den Prepolac. 



AM 29. September 1889 trat ich von Nis die Reise in das südwestliche 
^ Morava-Gebiet an. Über seine seit dem Berliner Frieden in Fluss geratene 
ethnographischen Verhältnisse konnte ich selbst in Niser Beamtenkreisen nichts 
Sicheres erfahren; niemand wusste, woher die Leute kamen, welche von den 
1878 verlassenen Hunderten Arnautenorten Besitz ergriffen hatten. 

Zuerst ging es parallel mit der Bahnlinie, auf Mithads durch riesige Pappeln 
beschatteter Strasse, vorbei an Donje Stopanjes altem Kirchlein, aus dem eine 
kurz zuvor aufgefundene Pergamenthaiidschrift unbekannt wohin verschwand, 
sodann geradlinig N. über topfebenes Diluvium, das sich baumlos, aber ausser- 
ordentlich fruchtbar acht Stunden von N. nach S. und durchschnittlich zwei 
Stunden von 0. nach W. zwischen der Jablanica und Veternica ausdehnt. 

Von den vielen seeartigen Sümpfen, welche nach den Frühjahrsaustritten 
der Morava zurückbleiben, gilt der „Crni Vir", östlich vom Bahnwächterhause 174 
bei Kumarevo, als heiltätig für Menschen und Tiere. An der Jablanica sah 
ich, hart am Wege bei Dupljane, prachtvolle Eichen mit 5 — 7 m Stammunifang. 
Früher trugen auch die den Bach begleitenden Hänge der Dobra Glava dichten 
Wald, doch die ihn stets als gefährlichsten Protektor der unzufriedenen Rajalr 
erblickenden Türken taten nichts für seinen Schutz. 

Nach 10 Kilometer Fahrt hielten wir bei dem 300 m hohen östlichen Dobra 
Glava-Sporn. Am Fusse des für Leib und Seele sorgenden Hügels steht eine 
Mehana, oben aber das malerische Kirchlein des nahen Pecenjevce zwischen 
prächtigen Rebengärten. Der Name „Bratendorf" des wohlhabenden Dorfes soll 
von einem serbischen Wojwoden stammen, der sich im nahen Kloster ein Mahl 
bereiten liess, während desselben aber von den Türken überfallen, sich tapfer 
wehrte und sie zur Flucht zwang. Mein liebenswürdiger Begleiter, Professor 
Bozovic, erzählte auch von Burgresten auf dem Vanosplateau, doch trotz gemein- 
samen eifrigen Forschens bis zum Medeno Gumno (Honigtenne) auf der treffliche 
Sandsteinbrüche bergenden Höhe fanden wir nirgends Mauerspuren oder verstreutes 
Baumaterial, wohl aber unerwartete Streiflichter auf das Verhältnis zwischen dem 
emigrierten Feudaladel und seinen christlichen Grundholden. 



280 Über Prokuplje durcli die Jankova Klisiira und Kursunilija auf den Prcpolac. 

Das unter dem Metropoliten Joanikije durch den Baumeister Andrija aus 
Vcles 1844 erbaute Kirclilein Sv. Ilija mit seinen von sechs Sandsteinsäuien 
jicteiltcn drei Schiffen ist eine bescheidene Reprodui<tiün der älteren Leskovacer 
Sv. Bogorodica-Kirche und wie diese überreich mit ernst wirkendem dunklen 
Bilderschmuck bedeckt. Der rechtsseitige, in der den Narthex ersetzenden 
kleinen offenen Vorhalle wurde gleich nach dem Einzüge der Serben mit blauer 
Farbe überstrichen. Nach der bezüglichen Ursache fragend, hörte ich staunend: 
dass dort auf Befehl des moslimischen Pecenjevcer Grundherrn „Muhammeds 
Verherrlichung" hingemalt werden musste, da er sonst die Einweihung der Kirche 
nicht erlaubt hätte! Es wäre interessant, den Überzug zu entfernen, um zu sehen, 
wie der christliche Künstler diese seltsame Aufgabe löste! Nun rufen aus dem 
hölzernen Glockenstuhle drei eherne Stimmen die ehemalige Rajah zum Gebet; 
der einstige Konak des die Glorifizierung des Propheten fordernden Mehemed 
Pasa Agic wurde von den Pecenjevcern 1878 für 630 Dukaten angekauft und in 
ein Gemeindehaus mit vierklassiger Schule umgewandelt; er .selbst wohnt jetzt in 
Salonik, fern von den ihm einst zinsbaren 18 Dörfern, von seinen vielen Häusern 
und der Allah zu Ehren erbauten Leskovacer Moschee, die ihn verewigen sollte, 
nun aber verödet dasteht. 

Von den 680 Steuerköpfen der neun Orte, welche mit 3380 Seelen in 
435 Häusern die Gemeinde Pecenjevce bilden, war die Mehrzahl dem Krösus 
Pasa Agic tributär. Man unterschied zwei Klassen „Rajah". Die bevorzugte 
stand in einem mit gewissen Rechten ausgestatteten Vertragsverhältnisse zum 
moslimischen Gutsherrn, erhielt von ihm nur den Boden zur Bearbeitung, besass 
aber Haus und Vieh als Eigentum und musste für den Samen selbst sorgen. 
Solche hatten von bereits früher unter Kultur gestandenem Boden den Zehent 
dem Staat und ein Dritteil des Grundertrags dem Gutsherrn abzuliefern; wenn 
sie aber das Terrain selbst urbar gemacht, ausser dem sultanlichen Zehent, dem 
Grundherrn nur den neunten Ertragsteil abzuführen. Schlimmer stand es mit 
dem Rajah Cifcije (sahibije), der vollkommen besitzlos, alles vom Gutsherrn 
empfangend, als recht- und willenloser Kolone, mit Weib, Kindern und dem 
ganzen Arbeitsertrag von dem guten Willen und der allerdings oft sehr gerühmten 
Humanität des Bodeneigners abhängig war. Die serbische Regierung löste Pasa 
Agics Bodenrechte zu Pecenjevce für 7000, im nördlicheren Cekmin für 3200, 
im südlicheren Kastavar (für 11 Häuser) mit 400 Dukaten ab und bedingte 
sich von den Gemeinden die Rückerstattung der ausgelegten Beträge samt 
Interessen in 20 Jahresterminen. Zwei Termine wurden richtig bezahlt, dann 
geriet aber die Schuldabtragung „wegen schlechter Zeiten" ins Stocken, und der 
Staat nimmt nun statt Bargeld die Bodenprodukte zur Militärverpflegung für 
bestimmte Preise „in Rechnung" an. 

In und weit um Pecenjevce gedeihen Hanf und Getreide sehr vortrefflich. 
Wie ich von dem lange dort angesiedelten Kaufmann Mladen M. Marinkovic 
aus dem sirmischen Ruma erfuhr, erscheinen seit 1889 fremde Agenten in Nis 
und Leskovac, welche mehr über Salonik als über Ungarn exportieren. Schöner 
Weizen erzielte in jenem Jahre 12, Gerste 10, Mais 8—9 d per q. Bei 



über Prokiipljc durch die Jankovn Klisura und Kiirsunilija auf den Prepolac. 281 

rntionellcrciii Betrieb niiisste der Ackerbau auf dem vorzüglichen Boden eine 
lohnende Rente abwerfen. Noch ist aber alles Arbeitsgerät höchst primitiv und 
mit Ausnahme des eisernen „raonik" (Pflugschar) von Holz. Der früher nur an 
der Morava gepflegte Weinbau wurde seit der serbischen Kolonisation auch in 
die Pusta reka eingeführt; der dort von den Albanesen bevorzugte, hochentwickelte 
Obstbau ging aber bedeutend zurück. Reichen Gewinn bringt die Schweinezucht 
an der Morava bis abwärts nach Grdelica. Pecenjevce allein führt jährlich 
200 fette Tiere zu 100-130 kg, mit 65—80 d per q, und 500 magere zu 60 d 
das Paar zur nahen Bahnstation. Weniger gut steht es mit der Rinderzucht. Der 
Ochsenschlag ist klein, kurzhörnig, struppig, scheckig und zum Fleischverkauf 
ungeeignet, wird jedoch durch die eingeführte langhornige, ungarische Rasse 
allmählich verbessert; auch der Büffel ist unansehnlicher als in Mazedonien, die 
Milch schmeckt aber trefflich. Die kleinen Pferde sind ungemein ausdauernd 
und kräftig, die Schafe leiden in Leskovac' sumpfiger Umgebung viel durch die 
nietilja (Egelwurm); ihre gut verwendbare Wolle wird mit 1.30 d per kg exportiert. 
Dem Verkehr dieser reichen Landschaft kommt der Weg sehr zustatten, den 
König Milan 1885 durch die Weingärten über den Bell Kamen, Siljegarnik, 
Dzaverov Lug und die wildreichen Kuppen der Dobra Glava ins westliche 
Pusta reka-Tal anlegen liess. 

Bei der Bahnstation Pecenjevce kreuzten wir die Jablanica und den 
Belgrader Schienenstrang, bogen hierauf bei einem riesigen Zapis (Kreuzbaum) 
nach Lipovica ab, übersetzten vor der Haltestelle Brestovac die Pecenjevacka 
reka und lenkten bei Kutles nach dem gleichnamigen „gumniste". So heissf der 
letzte nördliche Ausläufer der Dobra Glava, den seit 1844 die auf allen Kirchen- 
resten erbaute „Kutleska Kapela Sv. Petka" krönt. Vor ihrer dreibogigen 
Vorhalle steht ein hoher roher Steinklotz, der Wunder wirkt. Zu ihm pilgern 
an Freitagen kranke, ihre Heilung zuversichtlich erwartende Frauen. Oleich 
neben der Kapelle erbauten die Kutleser ihr vierklassiges Schulhaus. In diesem 
traf ich ganz vereinsamt wohnend die Lehrerin Persida Jovanovic aus dem 
sirmischen Mitrovica; welcher Entsagung und Berufsliebe bedarf es, um hier 
auf dieser Wetterhöhe, abgeschnitten von aller Welt, ja selbst von dem tief unten . 
liegenden Dorfe, den langen Winter zu verbringen! Allerdings, grünt und spriesst 
es wieder in der weiten Moravaebene, blaut der Himmel und wird die Aussicht 
auf die nördlich aufragenden Hochkuppen der Suva Planina und die vorlagernde 
waldreiche Babicka frei, dann lässt sich wohl schwerlich ein aussichtsreicheres 
Heim mit Naturgenuss in Fülle denken. Uns wurde das Zimmer eingeräumt, in 
dem der hier an Festtagen die Liturgie lesende Pope übernachtet; für ein 
frugales Abendbrot, Wein und Pferdefourage sorgte der Kutleser Kniet. Als wir 
uns auf die frischen Heulager hinstreckten, wurde es draussen laut. Bald pochte 
es kräftig an der Türe, und in ihrem Rahmen erschien eine jugendliche Hühnengestalt 
in hohen Reiterstiefeln, mit Sturmhut und Hahnenstoss, so recht amerikanisch- 
hinterwäldlerisch ausgerüstet mit Hinterlader, Revolver, Weidmesser, Jagdtasche, 
Patronenbüchsen usw., gefolgt von zwei prächtigen Hunden und zwei Gendarmen 
in voller Rüstung. „Guten Abend, meine Herren! Kreisingenieur Valenta aus 



282 Über Prokuplje durch die Jankova Klisurn und Kursumlija auf den Prcpolnc. 

Prokuplje, abgesendet vom Nacelnik zur Begleitung des Herrn Kanitz. Ihr 
Telegramm traf verspätet ein, Teufel, das war ein scharfer Ritt, pardon, wollte 
mich nur vorstellen, morgen besprechen wir das Weitere." So führte sich der 
stattlich herangewachsene Sohn meines verstorbenen Freundes Dr. Valenta bei 
mir ein; als flotter Nimrod und fröhlicher Gesellschafter gibt er sich stets 
natürlich und gewann damit alle Herzen. 

Zeitig morgens waren wir reisefertig, auch Ingenieur Barto§, der nach Nis 
zurückkehrte. Wir begleiteten ihn bis zur Pecenjevacka reka und fanden, dass dieser 
bedeutende Bach nicht wie auf der neuen serbischen Generalstabskarte in die 
Pusta reka, sondern direkt zur Morava fliesst, ein Fehler, den ich gleich anderen 
auch auf der österreichischen Karte fand und berichtigte. 

Wir schieden, umritten den „Kutleski Drenak" und zogen auf dem vom 
Sarlinski potok stark versumpften Uferstreif „gradiste". Vorüber am westlichen 
Dobra Glava-Ausläufer „Tri Usi" (Drei Ohren), ging es durch dichtes Eichenholz 
hinauf zu einem 304 m hohen, aus Sandstein konstituierten Vorberge des 
„Siljegarnik", von dem man zu Kutles erzählte, dass er ein Kaleh trage. Wirklich 
fand ich die Kuppe von Mauern umwallt, deren Steinpanzer bis auf wenige 
Platten fortgeschleppt worden war. Schon das charakteristisch feste Gusswerk 
verriet eine römische Anlage, falls sie nicht die zerstreuten Fragmente antiker 
Deckziegel bezeugt hätten. Das stark verfilzte Unterholz und die starke Ver- 
wüstung des ziemlich ausgedehnten Werkes erschwerten mir die Bestimmung der 
einstigen Kastellform; doch scheint es, dass sie sich dem undulierten Plateaurande 
angeschlossen hatte. 

Der Siljegarnik bildet einen Teil der Dobra Gora (780 m), welche mit 
dem anschliessenden, meist kahlen oder von Jungwald bestandenen niedrigeren 
Kremen (Kiesel) den S. nach N. nehmenden Unterlauf der an ihrem Westhange 
vorüberfliessenden Pusta reka bedingt. Ihre breiten Diluvialufer sind sehr fruchtbar; 
besonders Weizen gedeiht vortrefflich. Der Staat behielt deshalb gegen 2500 ha 
des ehemaligen Arnautendorfes Kacabac, um dort eine agrikole Musteranstalt 
mit Gestüt, ähnlich der Ljubicevoer, für die südlichen Landesteile zu errichten. 
Auf kürzerem Wege stiegen wir durch das sumpfige Vorland hinab nach Medja, 
wo mein geistlicher Begleiter einen billig erworbenen, früher arnautischen Grund- 
besitz von Banater Serbenfamilien auf halben Ertrag bewirtschaften Hess. Das 
Anwesen machte einen stark vernachlässigten Eindruck, das Interieur, die 
hübschen, dunkeläugigen Kinder sahen unreinlich aus, und doch sprach der 
uns angebotene frische Schafkäse für treffliche Weiden, deren es auch in den 
Niederungen der Pusta reka, zwischen ihren ausgedehnten Sümpfen, in Fülle gibt. 

Mein Leskovacer Freund blieb zur Ordnung von Geschäften zurück. Wir 
aber ritten über das linksuferige Draskovac nach dem wohlhabenden Pukovac 
und nach kurzer Mittagsrast in seiner reinlichen Mehana auf der es durch- 
ziehenden Prokupljer — Brestovacer neuen Strasse NW. über eine mit jungen 
Rebenkulturen bedeckte Hochebene, in welchen man eben die erste Weinernte 
hielt. Vor Kocane überholten wir ein malerisch aussehendes Gefährt, auf dem 
eine reizende Gruppe bunt kostümierter Frauen und mit Weinlaub geschmückter 



über Prokuplic durch die Jaiikova Klisiira und Kursumlija auf den I'repolac. 283 

Mädchen sich mit Gesang ergötzte. Nebenher marschierten zwei in weisses Abatuch 
gekleidete Manner, das Fes mit bunten Tüciiern umwickelt, ein Zeiciien, dass sie 
erbangesessene Leute, die, gleich den Bauern des angrenzenden Kru§evacer 
Kreises, das Kopttuch mit Vorliebe tragen, obschon es, weil von den Amanten 
angenommen, behördlich verboten wurde. Unsere Gendarmen verlangten scherzend 
von den jungen Bacchantinnen einige Trauben, diese erwiderten: „Recht gern, 
doch nur, wenn Ihr sie bezahlt!" — Man sieht, wenige Jahre genügten, um aus 
der unterwürfigen Rajah selbstbewusste Menschen zu machen. 

Bei Duljevac erreichten wir die Toplica. Der Saloniker Schienenstrang 
durchschneidet hier den sie von der Pusta reka trennenden schmalen Alluvialstreifen 
und tritt NO. nahe der Toplicamündung in das von der Morava durchzogene 
enge Kurvingrad-Defilee (S. 174), dessen charakteristische Umrisse jeder, der sie 
nur einmal gesehen, leicht wieder erkennt. Am linken Toplicaufer breitet sich 
das Hochplateau Dobric aus, über welches die Römer ihre Naissus mit dem 




ZiegelnuisterunK an Sv. Petar zu Zitoradje. 

adriatischen Lissus verbindende Heerstrasse führten. Meine Wiederaufnahme von 
Hahns missglücktem Versuche, ihre Trace festzulegen, rechtfertigte sämtliche in 
der Tab. Peutingeriana überlieferten Entfernungen der einzelnen Stationen an 
dieser von mir persönlich bis zur türkischen Grenze verfolgten wichtigsten 
dardanischen Verkehrsader mit der Adria. 

Die noch im Mittelalter fahrbare Römerstrasse durchschnitt die Enceinte 
von Nis zwischen Mithads grosser Kaserne und dem Bahnhofe in der Richtung 
auf die Medjurovska crkva bei Mramor, kreuzte dort die Morava und Hef 
in gerader Linie über das topfebene Dobric-Terrain weiter nach Gradiste, 
unter dessen Kastell sie über die Merosinska und Bugarinovacka reka bei 
Djakus nach den linksuferigen Toplicaer Höhen gegenüber Zitoradje zog. 
Auf letzteren fand ich, nach unserer Durchfurtung des hier seichten Flusses, eine 
etwa 300 Schritte lange römische Befestigung, deren starke Walimauern das 
Material für die Fundamente der Ortskirche lieferten. Auch Zitoradjes kleine 
Kunstmühle ist aus den quadratischen Kastellziegeln erbaut. Die Tab. Pcut. 
verzeichnet an dieser Strasse als erste Station zwischen Naissus und Lissus mit 
13 Millien Ad Herculem, von dem Jornandes erwähnt, dass man es auf der Reise 
von Naissus nach Ulpiana (Lipljan, südlich von Pristina) berührte. Die von der 



284 über Prokupljc durch die Jankova Klisiira inul Kiirsiinilijn auf den Prcpolac. 

Tafel gegebene Entfernung zwischen Naissus und Ad Hercuieni stimmt genau 
mit jener zwischen Nis und Zitoradjes Kastell, und somit ist die Lage dieser 
ersten inutatio zweifellos klargestellt. 

Auf einer östlicheren Höhe steht, inmitten alter Grabsteine, die schon aus 
weiter Ferne sichtbare, vom Volke hochgehaltene Ruine des Kirchleins Sv. Petar. 
Nur 7 m lang und 4 m breit, zeigt es mit gleich breiten Ziegeln wie Mörtellagen und 
romanischem Zahnschnitt-Dachgesimse ausgesprochen byzantinischen Mesenibria- 
Typus, den ich bei den Prokupljer Denkmalen noch weiter traf und charakterisieren 
werde. Der Unterbau besteht aus grossen Sandsteinplatten, der Narthex fehlt, 
das Tonnengewölbe ist dem Einsturz nahe. In einer Nische, links vom Altar, 
erhielten sich Freskenreste. In der Mitte lagen, überdeckt von vielleicht geopferten(?) 
Fessen, zertrümmerte Trapezateile und ein reich skulptiertes, antik aussehendes 
Architekturstück. Nur Ausgrabungen könnten Gewissheit bringen, ob die dem 
grossen Apostel geweihte Kirche auf der Grundfeste des Heraklestempels entstand, 
der diesem Strassenpunkte seinen römischen Namen „Ad Herculem" gab. 

Der Chronist des „Carostavnik" erzählt, dass Stevan Uros 111. 1330 auf 
dem Dobric-Plateau seine Scharen sammelte, als er gegen den Bulgarenfürsten 
Sisman zog. Einige serbische Schriftsteller glaubten, dass dies beim Dorfe Toplac 
nahe bei Vranja geschah; ich teile aber Milicevics begründete Ansicht, dass die 
Vereinigung der Heeresteile an der Toplica erfolgte. Auf dem Dobric-Plateau 
sollen auch König Vladislav von Ungarn und der serbische Despot Brankovic 
nach der siegreichen Schlacht bei Nis (1443) mit Sultan Murad einen Waffen- 
stillstand abgeschlossen haben, in der als „trocken und mit Paliurus bedeckt" 
geschilderten Dobric-Landschaft entstehen, seit der Türke fort, allerorts neue 
Orte, in dem 3 km von der Morava fernen Aleksandrovac siedelten sich 
70 Banater Familien aus St. Djuradj an; jede erhielt 30 a Haus und Gartengrund, 
5 ha Felder und 10 Jahre Steuerfreiheit. Bald darauf (1888) konnte das Dorf 
gemeinsam 300 ha für den lohnenden Getreide- und Weinbau ankaufen. 17 andere 
Familien erhielten Grund und Boden zu Kosancic, 30 gleichfalls aus Pancevo 
in Bozurnja usw. Am kleinen Oblacinsko jezero (See) wächst bereits Wein, 
und in den westlicheren Einschnitten hübscher Wald, der N. zum Jastrebac 
hinaufzieht. 

Von Ad Herculem fand die am linken Toplicaufer fortlaufende Römertrace 
in ihrer Westrichtung gegen Prokuplje kein Terrainhindernis. Bei Zitoradje kreuzte 
sie die Toplica und folgte den jetzt mit Wein bepflanzten Nordhängen der 
Pasjaca, ganz so, wie die 1888 trefflich umgebaute Strasse. 4 km vor Prokuplje 
erreichten wir das ehemalige Arnautendorf Berilje, wo der 1866 oft genannte 
herzegowinische Insurgentenführer „Serdar" Peko Pavlovic die erste Montenegriner- 
Kolonie in diesem Kreise anlegte. Ihre gut gebauten stattlichen fünf Gehöfte 
enthalten hohe, luftige Räume mit Cardaks und verkünden einen gewissen Grad 
von Wohlhabenheit dieser anfänglich ungern zum Ackerbau sich bequemenden 
einstigen Bewohner der „schwarzen Berge". Nachdem Peko, wegen Ermordung 
eines Popen gerichtlich verfolgt, es vorzog, nach Montenegro zu flüchten, wurde 
sein Bruder Krsta das Haupt dieser Emigranten, welche, gleich den zu Gajtan 



über Prnkiiplje durch die Janknva Klisura und Kiiriiiimlija auf den Prepolac. 285 

angesiedelten dreissig Familien, durch ihre Unbotniassigkeit, Arbcitsunlust und 
hohen Ansprüche der Kreisbeiiürde schon vor der 1889 nachgefolgten grossen 
montenegrinischen Einwanderung sehr viel zu schaffen gaben. 

Weiter ging es nun auf der den rechtsuferigen, kristallinischen Hängen 
abgewonnenen Strasse zum „Markov Kamen", durch den man ihre Trace so 
sprengte, dass sein zum Flusse abstürzender nördlicher Teil monolithartig stehen 
blieb. Es dunkelte bereits, als wir vorbei an den Lehmbaracken des militärischen 
Sommerlagers über die dreibogige Toplicabrücke in das hellbeicuchtete Prokuplje 
einzogen. Noch am selben Abend besuchte mich der von meiner Ankunft unter- 
richtete Kreishauptniann. Es war einer der intelligentesten, pflichtgetreuesten 




PROKUPLJE. Kastellplan. 

Beamten, die ich in Serbien kennen lernte. Durch die liebenswürdigste Förderung 
meiner Forschungszwecke in seinem schwierig zu bereisenden Kreise verpflichtete 
mich Herr Petar Bozovic, dessen Verdienste um Nis ich bereits gedachte, zu' 
bestem Dank. 



Prokupljes Lage erinnert an die vielgerühnite romantische Bulgaren-Metropole 
Tirnovo. Wie dort in den bizarr gekrümmten Jantralauf haben sich hier die Stadt 
und Feste in von der Toplica umflossene Sporne angenistet. Das heutige Weich- 
bild dehnt sich mit vielen regelmässig angelegten Strassen in der Längenrichtung 
von SW. nach NO. auf der linksuferigen weinbepflanzten Vorterrasse des 452 m 
hohen Vrsnik aus. Einst erstreckte es sich aber, wie alte Mauerreste zeigen, auf 
das rechte Flussufer; die Stadt besass einen beträchtlich grösseren Umfang, und 
diesem entsprach die Ausdehnung des starken Schlosses auf dem isoliert 
aufragenden, 392 m hohen Hisar. Von den beiden alten Kirchen ihres Südvierteis 
soll eine, nach Katancics gewagter Vermutung, auf der Ruine des Jupitertempels 



28() über Prokupljc diirili die Jankovn Klistirn und Kiirsiimlijn auf den Prepolac. 

von Ad Herculeni entstanden sein. Unbegreiflicher erscheint es, wie auch der 
nun über bessere Karten verfügende Oberst Dragasevic dieses in der Tab. 
Peut. 13 Minien von Naissus (Nls) angesetzte Ad Herculem mit dem schon 
16 Milllen in der Luftlinie von Nis entfernten Prokuplje identifizieren konnte. ') 
Statt mit sachlichen Gründen stützte er seine Hypothese darauf, „dass die 
Römer hier wegen der tief eingeschnittenen Toplica herkulische Arbeiten zu 
bewältigen hatten". Nachdem ich aber im vollsten Einklänge mit der Tafel 
Ad Herculem in den Römerresten bei Zitoradje festgestellt, durfte ich die 6 Milllen 
weiter folgende Mansion Hammaum bei Prokuplje ansetzen, weil die Entfernung 
zwischen den antiken Resten auf seinem Hisar und jenen von Zitoradje und 
Kursumllja, bei dem Ich die Ruinen der dritten Station Ad Eines auffand, mit den 
bezüglichen Massen der Tab. Peut. genau übereinstimmt. 

Drei scharf markierte natürliche Abschnitte erleichtern die Orientierung in 
dem stark verwüsteten Mauergürtel der Prokupljer Hochburg, an deren bisher 
fehlende Planaufnahme ich gemeinsam mit Ingenieur Valenta schritt. Ihre ursprüng- 
liche antike Anlage hat, nachdem sie in den Völkerstürmen zerstört und durch 
Justinian erneuert wurde, manche Veränderung erlitten. Dem eiförmigen Plateau 
des kristallinischen Felsberges, mit nach NW. und S. abstürzendem Steilhange, 
schmiegt sich die einen auffallenden Parallelismus zeigende Grundform der drei 
Kastellabschnitte an. Der Längendurchmesser des Kastrums beträgt 280 m, seine 
Breite 180 m. Das 25 m breite und doppelt so lange Reduit A auf dem 
höchsten Punkte umschloss ein tiefer Graben; vom Walle des niedriger fort- 
setzenden 140 m langen, 85 m breiten Abschnittes B sprangen nach dem sanfteren 
östlichen Plateauhange drei gegen O., SO. und S. gerichtete quadratische Türme 
mit 6 m breiten Facen vor. 44 m vom Südostturme erhob sich im Innern ein 
freistehender starker Donjon mit 9 m breiten Fronten, 17 m NW. ein quadratischer 
Turm von 7 m Durchmesser, und 10 m weiter, am korrespondierenden Punkte 
des Abschnitts B, verstärkte die Aussenmauer ein am Steilhange rechteckig 
vorspringendes, halbturmartiges Vorwerk, das ein unterirdischer Gang mit dem 
an der Toplica stehenden „Wasserturm" D verbunden haben soll. 

Vom Hisar ist dieser Turm nur auf schwierigem Steilpfade, von der Stadt 
bei niederem Wasserstande nur am rechten Toplicaufer zugänglich. Von diesem 
12 m entfernt, erhebt sich der wohlerhaltene, 14 m hohe, fensterlose Bau, in 
den von der Eelsselte, 2,80 m über dem Boden, ein 1,70 m hoher, 0,75 m breiter 
Eingang mit .geradem Sturze führte. Seine dreizinnigen Krönungen sind an drei 
Seiten erhalten, ebenso die Löcher für die einst in 14 Reihen eingezogenen 
Querbalken der 6,10 m breiten, 1,40 m starken Mauern, deren Gusswerk, gleich 
dem der durchschnittlich 1,20 m dicken des Kastells, mit Kalksteinen, Quarz- 
blöcken usw. verkleidet erscheint. Ganze, horizontal verbaute Ziegel traf ich 
nirgends, dagegen Fragmente römischer Deckplatten allerorts und auch am 
Wasserturm umherliegend. Das Kastellplateau dominiert weithin die Umgebung 
und gewährt namentlich gegen W. einen prächtigen Fernblick in das Toplicatal. 



') Glasnik, Bd. 43, S. 60. 



über Prnkuplje durch die Jankova Klisura und Kursuiulija auf den Prepolac. 287 

Seine Wahl zur Hut des hart unter ihm vorbeiziehenden Heervveges war zur Zeit 
auf i<urze Distanz wirkender Geschosse vortrefflich. Hammeums burgus stand 
auf der Stelle der heutigen Stadt Prokuplje, in welcher man wiederholt antike 
Grundfesten, Münzen, Schmuckgegenstände von Bronze, Kupfer, Edelmetall, ferner 
Beinnadeln, keramische Gefässe usw. fand. 

Jirecck glaubte, dass Prokuplje in der byzantinischen Epoche „Komplos" 
und während der altserbischen vom 14. bis 15. Jahrhundert „Koprijan" hiess. 
Dem widerspricht der eifrige Quellenforscher Ruvarac. Er weist darauf hin, dass 







/ 



~ a/ 






■ 1 ä^^''- 






^ ^i^'im' 






PROKUPLJE. RiMiicrturiii. 

Koprijan nicht mit Prokuplje identisch sein kann, weil beide im ersten Artikel 
des Szegediner Friedensvertrags vom Jahre 1444 in der Reihenfolge der dem 
serbischen Despoten zu übergebenden festen Plätze als die zwei ganz ver- 
schiedenen Städte „Koperhanum" und „Prokopiam" aufgezählt werden; ferner, 
weil Koprijan nach den alten Itinerarien nur im Niäavagebiet, also auf dem 
rechten und nicht auf dem linken Moravaufer gesucht werden dürfe.') Damit 
fällt auch Jireceks weitere Ausführung: „Nach der Einnahme von Nis durch die 
Türken übertrug man den Heiligen (den Leib des hl. Prokopios) in das benachbarte 



■) Glasnik, Bd. 49, S. 10. 



288 über [^rokiipljc durch die Jankova Klisiira und Kursumlija auf den Prcpolac. 

Koprijan, das seitdem Prokopje lieisst." In Wahrheit wird Prokupljes heutigei 
Name von seinen Bewohnern nicht im Sinne dieser Hypothese, sondern von 
dem „prokopavanje" (liefer Graben) abgeleitet, welchen die Toplica im städtischen 
Weichbilde durchfliesst, und nach anderer Auslegung, weil der hl. Prokopios um 
das Jahr 290 von dort den Christusglauben im Toplicagebiete weit verbreitet 
haben soll. 

Der Umstand, dass sich am Aufgang zum Hisar zwei alte Kirchen befinden, 
von welchen eine „Jug Bogdanova crkva" heisst, trug gewiss dazu bei, dass 
traditionell dem gleichnamigen populären Wojwoden auch die Erbauung der ihn 
krönenden Feste zugeschrieben wird. Das Lied, in dem der sirmische Wojwode 
Rajko die Befehlshaber der Serbenschlösser beim Heranzuge der Türken aufzählt, 
nennt als solchen von Prokuplje den „alten Jug Bogdan". Wäre es erwiesen, 
dass er noch die Stadt hielt, als die Feinde schon Nis besetzt hatten (1386), 
und dass er von Prokuplje mit seinen neun Söhnen zur Entscheidungsschlacht 
zwischen Kreuz und Halbmond auf das Kosovofeld zog, dann wäre die Stadt 
erst 1389 von Sultan Bajazid erobert worden. Ihre Bezwingung soll den Türken 
viele Streiter und sieben Führer gekostet haben, welchen als „Glaubensmärtyrern" 
an den Stellen, wo sie fielen, prächtige Tulbas errichtet wurden. Die Reste von 
dreien konstatierte ich 1889 in der Stadt, bei der „Incar dzamija", bei der 
Kafana „Jug Bogdanova", am Brunnen der „Velika pijaca"; eine stand auf der 
nordöstlichen „Guba", eine SO. bei der „Garicka cesma", eine W. vor der 
Stadt, auf dem linken Toplicaufer, und das siebente, noch ziemlich gut erhaltene 
Denkmal an der Trnavska reka- Mündung, woraus sich die Länge der von W. 
nach 0. gedehnten serbischen Verteidigungslinie auf 4 km bestimmen lässt. 

Das von Türken und Albanesen „Urkup" genannte Prokuplje musste 
zufolge des Szegediner Vertrags 1444 den Serben ausgeliefert werden; 1455 
wieder türkisch, wurde es gleich Glubocica von Mehemed der Sultanswitwe Mara 
überlassen. Unter dem Schutze dieser Christin gebliebenen (?) Tochter des 
Serbenfürsten Brankovic, deren Grabtulba auf dem Brussaer moslimischen Friedhof 
gezeigt wird, scheint die Stadt sich von den Kriegsschlägen erholt zu haben. 
Ihre Kirchen blieben unangetastet, auch residierte dort weiter der Toplicaer 
Bischof, im 16. Jahrhundert befand sich dort noch eine ragusäische Kolonie, die 
ihr eigenes Kaufhaus (fondacco) besass, und den Strassenzug nach Novi Pazar 
belebten viele Handelskarawanen. Im 17. Jahrhundert gehörte die Stadt zum 
Sandschak Aladza-hisar (Krusevac). ') 

Der 1688 zwischen dem Sultan und Österreich ausgebrochene Krieg führte 
1689 eine Abteilung des Grafen Piccolomini vor Prokuplje, die es nach kurzem 
Gefechte besetzte und verpalisadierte. Fusstruppen, hannoveranische Reiter und 
serbische Freiwillige unter dem Hauptmann Ruschambach bildeten die Garnison, 
als die Türken mit grosser Übermacht 1690 die Stadt angriffen. Nach einem 
durch den Kapetan Antonije zurückgewiesenen Überfall wurde sie verwüstet 
und während des Rückzugs der Kaiserlichen verlassen. Die Besatzung erreichte. 



■) Hadzi Chalfa, Runieli und Bosna, S. 146. 



über Prokupljc durch die Jankova Klisura und Kursumlija auf den IVepolac. 2H9 

die türkischen Angreifer fortwährend blutig zurückweisend, auf schwierigen 
Gebirgswegen das nördliche Krusevac. ') 

Während des nun beginnenden serbischen Exodus nach Ungarn leerte sich 
auch das Toplicagebiet, und die längst lüstern von ihren Steilbergen auf seine 
fruchtbaren Täler hcrabblickenden Albanesen drangen in diese ein. Der folgende 
Krieg unter Prinz E-ugen im Jahre 1718 Hess Prokuplje unberührt. Dagegen 
arbeitete sein Bischof Mihail §umen lebhaft an der Vorbereitung der vom Wiener 
Kaiserhofe geforderten Massenerhebung, welche als Hauptbedingung des von der 
bedrängten Rajah in vielen Petitionen dringend erflehten neuen Kampfes zu ihrer 
Befreiung hingestellt wurde. Dieser \TM begonnene Krieg endete 1739 unglücklich 
für die kaiserlichen Waffen und führte zum zweiten, noch grösseren serbischen 
Exodus. Selbstverständlich flüchtete auch der stark kompromittierte Bischof 
Mihail, und die Prokupljer „Metropolija" blieb seitdem verwaist. 

Das von den Christen nahezu ganz verlassene Toplicabecken zog die 
Arnauten der westlichen Gebirge mehr noch als früher an. Durch die türkische 
Regierung begünstigt, gewann das albanesische streitbare Element zwischen dem 
Kopaonik und der Morava immer breiteren Boden. Die Orte Biljeg und Krajkovac 
mit noch erhaltenen Kirchlein bezeichnen so ziemlich die Grenze, welche es bis 
1878 im östlichen Dobric erreicht hatte. 1858 gab es auch auf dem rechten 
Moravaufer elf rein arnautische Orte. Allmählich siedelten sich Sippen vom 
Stamme Klementi bei Kursumlija und Dedic an, ferner von dem angesehenen 
Eis Krasnic, dessen greiser Chef gegenwärtig in Pristina residiert, die sich mit 
solchen der Beris, Gas und Sob von Lcskovac bis Vranja und in die Masurica 
ausbreiteten. Sie zahlten dem Sultan nur geringfügige Steuern und regierten 
sich autonom, und ihrem energischen Wesen wich die ihnen schutzlos preis- 
gegebene Rajah. 

Zur Zeit des ersten serbischen Aufstandes erhofften die zurückgebliebenen 
Christen vergebens ihre Befreiung durch Karadjordje. Als dieser 1809 gegen 
Novi Pazar vorging, marschierte sein tapferer Genosse Stanoje Glavas — eine 
bisher wenig gekannte Tatsache — durch die Jankova Klisura über Mala Plana, 
dessen Krnin-Moschee er zerstörte, gegen Prokuplje und nahm seine Vorstadt; die 
Palanka jedoch widerstand, und auf die Hiobsposten aus Nis musste er sich 
zurückziehen. Bald darauf, als die Arnauten einen Selbsthilfeversuch der zum 
äussersten getriebenen Rajah mit Handschar und Feuer erstickt hatten, zwangen 
sie die stark zusammengeschmolzene Prokupljer Serbengemeinde, die weithin 
sichtbare Kuppel ihrer am Hisar liegenden Kirche zu entfernen; die Minaretts 
mehrten sich auf fünf, und 1858 besass die Stadt etwa 500 moslimische Familien 
neben 300 christlichen, 10 israelitischen und 20 Zigeunerhäusern, zu welchen 
1864 jene der hier angesiedelten Tscherkessen kamen. 

Am 18. Dezember 1877 nachmittags schlug endlich für Prokupljes bedrängte 
Christen die langersehnte Befreiungsstunde. Wie mir der gewesene Stadtkniet 



') Die freiwillige Teilnahme der Serben und Kroaten an den vier letzten Kriegen. 
Wien 1854. 

F. KANITZ, Serbien. II. 19 



290 über Frokupljc durch die Jankova Klisura und Kursumlija auf den Prcpolac. 

mitteilte, gab es damals 620 arnaiitisch - tscherkessische, 50 türkisclie und 
36 Zigeunerhäuser neben 325 serbisciien und 3 jüdischen Famihen. Die starke 
moslimische Bevölkerung räumte nach kurzem wirksamen Artilleriefeuer die von 
ihr angezündete Stadt. Die Schule, 25 Häuser und Magazine brannten nieder. 
Weit mehr schädigte ihren Wohlstand der noch lange nicht ersetzte Verlust des 
wohlhabendsten Teiles ihrer Bewohner. Auch die reichste Türkenfamilie Hassan 
Begovic, bestehend aus den Brüdern Jusuf, Mithad, Esad und Malic Beg, welche 
ausser vielen Häusern und Gründen in Prokuplje die zinspflichtigen Dörfer 
Balicevac, Lepaja, Badnjevac, Sajinovac und Potok besass, verliess die Stadt. 

Nach dem Einzüge der serbischen Truppen wurde ein feierlicher Gottes- ' 
dienst in der Sv. Prokop -Kirche abgehalten. Diese ist eine Basilika mit 
tonnengewölbtem Hauptschiffe, das durch acht Pfeiler von den niedrigeren 
Seitenhallen getrennt wird, mit entsprechenden Apsiden und dreibogigem Vor- 
räume, aus dem man, über drei Stufen abwärts schreitend, das Innere betritt. 
Im Tympanon der mittleren Eingangspforte erscheint das Bild des hl. Prokopios 
mit Lanze in der linken Hand, darüber eine figurenreiche Gruppe, in deren Mitte 
die hl. Jungfrau. Die östliche kreisförmige Wölbung des Hauptschiffes zeigt den 
Pantokrator, die mittlere Christus, die westliche die hl. Maria, umgeben von 
Figuren und kleinen Darstellungen aus dem alten und neuen Testament. Die 
linksseitige Altarnische enthält einen mit beiden Händen segnenden Christus, die 
hl. Jungfrau zur linken, den hl. Johannes zur rechten Seite. Die Bilder in der 
Tribuna und rechtsseitigen Nische sind aber gleich jenen an den Wänden und 
im nördlichen rundbogigen Zubau unter einer weissen Kalktünche verschwunden. 
Eine bunte Ikonostasis schliesst vor dem ersten Pfeilerpaare den Altarraum ab. 
in der Mittellinie des Estrichs erscheinen drei kreisförmige Mosaiks von Ziegeln 
und weissen Steinen. Das Gesimse des auch den Zubau einbeziehenden 
Giebeldaches und der halbrund vorspringenden Apsiden, bestehend aus zwei über 
Eck gestellten, durch ein Horizontalband getrennten Ziegellagen von guter Wirkung, 
bildet den einzigen Aussenschmuck des aus Bruch- und Backsteinen aufgeführten 
Gotteshauses, das von Jug Bogdan kurz vor der türkischen Invasion erbaut sein 
soll, wahrscheinlicher aber auf den Grundfesten eines weit älteren zerstörten 
Baues entstand. Auf dem die Kirche umgebenden Friedhofe bezeichnet eine 
Steinplatte mit lateinischer Inschrift das Grab Mato Ivanovics, eines wahrscheinlich 
ragusäischen Kaufmanns, der hier 1668 unter Symantraschlägen begraben wurde. 
Heute tönt die eherne Stimme des neu gezimmerten Glockenturms unbehindert 
weit ins Land hinaus. 

Jug Bogdan, Knez Lazars treuer Partisan, wird auch traditionell als Stifter 
des nahen Kirchleins bezeichnet, welches das Volk auch „latinska kapela" nennt. 
Gleich nach der serbischen Eroberung wurde der mit Apsis und Narthex 10,5 m 
lange, 3 m breite Bau überdacht, um ihn vor weiterem Verfall zu schützen. Das 
Tonnengewölbe liegt in Trümmern, die Fresken sind verwüstet; nur in der 
Tribuna ist über zwei Bilderreihen eine segnende Maria erkennbar. Auch das 
überhöhte Tympanon über dem Eingange zeigt Spuren einstigen Freskenschmucks. 
Das Mauerwerk zeigt hier, wie bei den meisten Kirchenbauten Bulgariens, 



über Prokiiplje durch die Jankova Klisurn und Kuisiimlijn auf den Prepolac. 291 

Süd- und Altserbiens, eine interessante Nachaiinuing des röniisciien {^rossen und 
mittleren Steinverbandes, die zwischen Bruchsteine im breiten Mürtellager senk- 
recht eingeschobenen Ziegel, eine Technik, welche die christlichen Werkmeister 
bei Moscheen dieser Epoche anwendeten. Sie erscheint auch hei dem stark 
verwüsteten Kirchlein im von Prokuplje siclitharen Einschnitte zu Dobrotic. Das 
Volk schreibt den 6,5 m langen, 4 ni breiten Bau mit Tonnengewölbe und 
halbkreisförmiger Apside gleichfalls den „Latini" zu, ohne, wie stets in solchem 
Falle, stichhaltige Gründe dafür angeben zu können. 

Vorüber an der jetzt als Gemeindeamt benutzten türkischen Karaula, stieg 
ich hinab in das ehemalige moslimische Hauptviertel. Sein prächtigstes Denkmal 
bildete die neben dem ungeschlachten Uhrturm elegant sich erhebende „Jncar 
dzamija". Der heute als A\iJitärdepot dienende 15 m lange, 10 m breite, in der 
zuvor beschriebenen Technik ausgeführte Bau soll früher eine Kirche gewesen 
sein. Dem widerspricht nicht allein die ursprüngliche, mehr nach rechts und 
gegen SO. gerichtete Kibla, sondern auch die organisch eingefügte, reich 
dekorierte Nische der Vorhalle, neben dem Aufgange zu dem gleichfalls 
ursprünglich entstandenen Minarett, das auf massigem quadratischen Piedestal 
mit reich geschmücktem Galeriekranze hoch in die Luft ragt. Gegenüber diesem 
Ergebnis meiner eingehenden kritischen Untersuchung kann die aus dem Moschee- 
nanien abgeleitete Tradition nicht bestehen; „incar" muss in diesem Falle eine 
andere, als die sie stützen sollende Bedeutung besitzen. 

im benachbarten „Serai" fand ich zwei grössere einstöckige und mehrere 
kleine Gebäude, welche einen weiten Hof umschliessen. Der wachhabende 
Unteroffizier des hier bequartierten 2. Bataillons der Morava-Division geleitete 
mich in die sonst abgesperrten Prachträume des „Konak", in dem die turbulenten 
Medzlisberatungen der stolzen arnautischen Begs sich abspielten. Meine Auf- 
merksamkeit fesselten ganz besonders zwei kunstreich getäfelte Holzplafonds, 
von 4,30 m im Gevierte, mit prächtig geschnitztem, teils geometrischem, teils 
ornamentiertem Füllwerk, die jedes unserer orientalischen Museen gewiss gern 
als wertvolle Bereicherung erwerben würde. Sie sind aber gleichwenig feil, 
wie die aus fünf originell skulptierten, übereinander vorragenden Eichenpfählen 
gebildeten Träger des nach der Strasse gehenden breiten Balkons. 

Im Vergleiche zu diesen stattlichen Bauten ist das Gebäude, in dem sich 
das „Nacelstvo" des „Toplicki okrug" befindet, mehr als bescheiden; es wird 
jedoch bald durch ein neues ersetzt werden, das auch die Kanzleien für den 
Prokupacki und Dobricki srez aufnehmen soll. Durch die Neuorganisation im 
Jahre 1890 wurde der Jablanicaer Bezirk vom Toplicaer Kreise abgetrennt, dafür 
wurden ihm aber die früheren Bezirke Nis und Zaplanje zugewiesen. Durch diese 
Neuerung der Mittelpunkt eines der wohlhabendsten serbischen Landesteile, blüht 
die durch den Abzug ihrer Moslims schwer geschädigte Stadt rasch empor, und 
obschon der Kreis 1896 auf die Bezirke: Dobric, Kosanica und Prokuplje 
beschränkt wurde, zählt sie in 917 Häusern') über 5200 Bewohner, darunter 



') 1905 hatte sie 1137 Häuser und 5571 Einwohner. 

19* 



292 über Prokuplje durch die Jankova Klisura und Kuräumlija auf den Prepolac. 

27 Griechen, 8 Ungarn, nur 6 Türken, 56 Juden und 132 meist mosiimische 
Zigeuner. Die sechsklassige iiübsclie Normaischule mit 9 Abteilungen und gleich 
vielen Lehrern wird von 320 Knaben, die vierklassige Mädchenschule von nahezu 
100 A^ädchen besucht. Fünf Geistliche sorgen für das Seelenheil. Der einzige 
Arzt und ein Advokat sind stark beschäftigt und gelangten, wie viele der mehr 
Ackerbau als Gewerbe und Handel Treibenden, zu grossem Wohlstand, wozu 
die 38 Ober- und Unteroffiziere der inklusive Gendarmen 216 Soldaten zählenden 
Garnison, sowie der 1888 begründete Spar- und Hilfsverein, der jährlich bereits 
5 Miil. d zu 8— IC/o in Umlauf bringt'), wesentlich beitragen. 

Die Regulierung, Pflasterung und Beleuchtung der zur Türkenzeit stark 
orientalischen Stadt hat während des kurzen Serbenregiments anerkennenswerte 
Fortschritte gemacht. Am wenigsten hat sich bisher die nördliche, ärmeren 
Zuzüglern eingeräumte Cerkeska mahala entwickelt. In der langen Hauptstrasse 
und auf dem grossen Platze entstanden viele nette Bauten, ein Kasino mit Cafe 
und Speisesälen, eine Apotheke und einzelne gut assortierte Läden. Im grössten, 
„Zum Thronfolger", traf ich österreichische ordinäre Glas-, Eisen-, Galanterie- 
und Textilwaren; die besseren, teueren, echtfarbigen Kattun- und Plüschtücher, 
Leinen, Garne usw. waren auch aus Belgrad bezogen, stammten aber aus 
England, Deutschland, und die Waffen aus Belgien. Das wachsende Bedürfnis 
führte zur Niederlassung sehr primitiv arbeitender kleiner Gewerbsleute; die 
Industrie erscheint nur durch eine Kunstmühle vertreten. Die Ausfuhr der in 
den westlichen Staatsforsten von meist ungarischen Unternehmern erzeugten 
Fassdauben nimmt ihren Weg durch Prokuplje, dessen Oberförster mit zwei 
Kreis- und vier Bezirksförstern bemüht ist, die oft unbotmässigen neuen Ansiedler 
der Umgebung an die serbischen Vorschriften zur Erhaltung der sehr stark in 
Anspruch genommenen Wälder zu gewöhnen. Stetig steigender Nachfrage erfreut 
sich der auf den nahen Höhen gepflanzte, als „Prokupac" in den Handel 
gelangende Wein; jener vom südlichen Berg Bamburek mit 14 — 17» Alkoholgehalt 
gilt als der edelste und wurde trotzdem 1889 am Orte zum unglaublich billigen 
Preise von 12 Centimes ^^ 6 Kreuzer per kg und als Speisetraube sogar nur 
mit 8 Centimes per kg verkauft. 1888 wurde auch die südlich vom Hisar 
liegende Sokolica mit Reben bepflanzt. Die Lese wird im ganzen Prokupljer 
Kreise am 18. Oktober begonnen. Die raschere Ausbreitung des Rebenbaues 
und die Hebung anderer wirtschaftlicher Zweige hat der Präfekt Pera Bozovic 
in seinem Amtsbereiche sehr gefördert; was er aber für die Neubesiedelung des 
nahezu entvölkert übernommenen Gebietes zwischen dem Jastrebac, Kopaonik 
und der Medvedja geleistet, war ungleich schwieriger zu vollbringen und erscheint 
im Hinblick auf die geringen Hilfskräfte und Mittel, über welche er verfügte, 
hoch verdienstlich. 

Die verschiedenartigen Elemente zu betrachten, welche offen und geheim 
unter mehr oder weniger bekannten Führern im Toplicaer und Vranjaer Kreise 
eine neue Heimat suchten, die Schritte zu berühren, welche zur Rückwanderung 



') 1905 betrug der Umlauf 7,2 Mill. d zu 127„. 



über Prokiiplje durch die Jankova Klisura und Kursumlija auf den Prepolac. 293 

einiger tausend Albanesen nach Serbien geführt, und den politischen Kalkül aus 
dieser merkwürdigen Stäninieverschiebung an einem durch seine geographische 
Lage hochwichtigen Punkte des illirischen Dreiecks zu ziehen, dazu wird sich 
Gelegenheit anlässlich der foigeiuien Schilderung des wenig bekannten Gebietes 
bieten, auf dem sich diese moderne kleine Völkerwanderung abspielte. 



Der von zwei feurigen Pferden gezogene Wagen des Nacelniks, auf dem 
am 2. Oktobermittag ausser diesem und mir der Prokupljer Bezirkskapetan 
Dimitrije Pavlovic Platz genommen, folgte so rasend schnell den Kurven der 
hart am Toplicalaufe geführten Kursumlijaer Strasse, dass unsere vorauseilenden 
Gendarmen galoppieren nuissten, um nicht überholt zu werden. An der 
Trnavska reka-Mündung besichtigten wir die quadratische, in der beschriebenen 
Bautechnik ausgeführte Tulba für einen der bei Prokupljes erster Eroberung 
gefallenen sieben Paschas, und erstiegen dann, durch Jungwald nach NW. 
abbiegend, das Huniacplatcau, auf dem die [:5aniburekh(ihen rechts Wein trugen, 
die westlichen aber baumlose, riesige Hutweiden bedeckten. Weder Menschen 
noch Herden waren zu sehen. Erst nachdem wir 14 km zurückgelegt, zeigten sich 
östlich von Mrselj elende Hütten der im Frühjahre aus Debr am albanesischen 
schwarzen Drin hierher übersiedelten Serben. Die Männer arbeiteten auswärts; 
alle Mühe daheim lastete auf ihren verkümmert aussehenden, mit blondhaarigem 
Nachwuchs reich gesegneten Frauen. Der Nacelnik tröstete sie, dass er alles 
vorbereitete, um ihnen recht bald Ackergründe aus dem staatlichen Landbesitze 
zu übergeben. Nun zählt es schon über 2ÜÜ Seelen in 35 Häusern. 

Einen Kilometer weiter kreuzten wir den Planabach nahe bei seinem 
wohlhabt^dcn Hauptorte Velika Plana mit 160 Gehöften, deren Bewohner 
1878 aus der Umgebung von Novi Pazar kamen. Für ihren Bildungssinn sprach, 
dass sie sofort eine von 40 Knaben eifrig besuchte Schule erbauten und den 
Nacelnik dringend um sein Fürwort wegen baldigster Zuweisung einer tüchtigen 
Lehrerin für ihre Mädchen beim Ministerium baten. Bei der nahezu fertigen, 
doch erst 1890 dem hl. Nikolaus geweihten Kirche traf ich einen bulgarischen 
Werkmeister, welcher, da man alles Material beistellte, für den Bau nur 80 Dukaten 
erhielt. Heute zählt Velika Plana durch weitere Zuzüge schon 224 Häuser mit 
1550 Seelen, und die gleichnamige Gemeinde in acht Orten: 766 Häuser mit 
4834 Seelen. 

Über eine gut kultivierte Höhe steuerten wir im folgenden Westeinschnitte 
unserer Nachtstation Donja Bresnica zu, das auf der serbischen Generalstabs- 
karte zu weit SW. verlegt erscheint. In Wirklichkeit liegt es dort, wo auf der 
Karte Gornja Bresnica eingezeichnet wurde, letzteres aber 1,5 km nördlicher 
am gleichnamigen Bache, auf dessen beiden Ufern seine 45 Häuser sich weit 
hinauf ausbreiten. — Der Tag schloss herrlich ab. Die Sonne verglühte auf den 
weit mehr als 1560 m hohen Pogled- und Djuricagipfeln des N. in langer 
Linie sich dehnenden Jastrebac. Auf seiner vor uns liegenden, vom Staate 
verpachteten Golaca-Alp weiden mazedonische Crnovunci ihre schwarzwolligen 



-!)l ('her ProUiipljc cliirch die janknvn Klisiira iiiul Kiirsiniilija mit tlfn Prepolnc. 

Schafe. Zwischen den }i;rasreichen Triften steigen hier allerorts gut erhaltene 
liefdunklc Eichen- und Buchenwälder tief herab bis zum langgestreckten Dobric- 
lliichplateau, dessen von zahllosen Toplicazuflüssen durchschnittenen fruchtbaren 
Boden bis 1878 hoch hinauf in die Waldregion nahezu ausschliesslich albanesische 
Orte bedeckten. Die wenigen eingestreuten Serbendr)rfer litten nach Prokupljes 
Fall (S. 290) von den das Kommende ahnenden Amanten sehr viel. Am 15. und 
16. Januar 1878 griffen sie die beim Toplicaursprung, am Orlic und Knezevo Brdo 
sich sammelnden Serben an. Unterstützt von den Aufständischen aus dem jenseitigen 
Ibartale warfen diese sie zurück, und als gleichzeitig die serbischen Truppen 
Kursunilija und die Kosanica-Landschaft nahmen, flüchteten jene, für ihre Rückzugs- 
linie besorgt, hinüber in das Gebiet von Novi Pazar. Als sie nach dem Berliner 
Frieden ihre verlassenen Dörfer wieder aufsuchen wollten, waren diese bereits in den 
Besitz der rasch von der türkischen Raska herbeigezogenen Serben übergegangen. 

Mijailo Prolovic, der Rajahführer im Kampfe gegen Türken und Amanten, 
war auch Vermittler und Leiter des ersten aus 2100 Kommunionen zu 10 bis 
30 Köpfen bestandenen Exodus. Diese besiedelten, wie er mir ipitteilte, folgende 
jetzt rein serbische Orte: das schon geschilderte Velika Plana, Mala Plana, 
Gornja und Donja Bresnica, Zdravinje, Koncic, Mrselj, Omerovac, 
Gornja und Donja Josanica, Svarca, Gornja und Donja Dragusa, 
Pretezana, Beloljin, Gornja imd Donja Konjusa, Bejasnica, Prekadin, 
Gojinovac, Djusince, Obrtinci, Piskalj, Siroke Njive, Gornje und 
Donje Tocanje, Plocnik, Vlase, Tulare, Kaludra, Barbatovac, Tniava, 
Suvi Dol, Vica, Resinac, Spance, Grgure, Visescio, Blace, Trbunjc, 
Rasica, Kutlovac, Stubal, Sibnica, Cucale, Dzepnica, Madjare, 
Popovo, Prebreza, Vrbovac, Pridvorica, Siljomane, Medjuana, Suva ja, 
Alabana, Pretresnja, Gornja und Donja Recica. Andere Einwartderer aus 
dem Kosovofelde begründeten das neue Lazarevac mit 26 und Milosevac 
mit 17 Familien. Die Mehrzahl der genannten 60 Orte ist über die erste harte 
Zeit hinaus. Dragusa erbaute seither wie Plana eine Kirche und Schule, andere 
Gemeinden wie Blace, Recica u. a. nur Schulen. 

Grossen Anteil an dieser gelungenen Einwanderung nahmen der für seine 
Dienste mit dem Posten eines Waldaufsehers karg belohnte Andrija Atanasovic, 
der 1875 den Aufstand in der Herzegowina vorbereitet, ferner der mit der 
Pfarre Svarca entschädigte Vujica Mileta Simonovic aus Mekinic am Kopaonik, 
welcher die Erhebung 1876 gefördert hatte. Schon von Velika Plana hatte der 
Nacelnik beide Führer durch Eilboten für den nächsten Frühmorgen nach Bresnica 
entboten, und mit Tagesanbruch erschienen sie im Gehöfte des kurzweg „Mijailo" 
genannten „Wojwoden" Prolovic. Dieser wegen seiner besonderen Intelligenz 
zum Knieten gewählte, auch schon militärischen Rang bekleidende junge Mann 
empfing und bewirtete uns nicht allein mit vollendeter Gastlichkeit, sondern 
beantwortete unermüdet meine vielen, den Exodus streifenden Fragen. Auch der 
Pope und der nahezu zwei Meter hohe Atanasovic, mit ausdrucksvollem, von 
schwarzem Vollbart umrahmten Kopfe, wussten in spannender Weise viel über 
Entstehung und Verlauf der bezüglichen Vorgänge zu erzählen. 



über Prokiipljc" durch die J.uikovn Klisiirn und Kuisiimlij.i auf den Prcpolac '2fl5 

Ihr Beginn liegt weit zurück, in der 1875 ganz Bosnien bis Novi Pazar 
erfassenden Erliebinifj; der Rajah f^egen die Pforte oder riclitiger gegen den von 
iiir geduldeten harten Druck der mosliniischen Begs und Agas. Andrija kam 
aus der gärenden Herzegowina in das obere Ibargebiet, um dort den Aufstand 
zu organisieren, wurde aber von den wachsamen Türken auf drei Monate ins 
Gefängnis gesteckt. Kaum frei, warb er im Herbste eine Cefa von 50 ent- 
schlossenen Leuten als Cadre für den im Frühjahre beabsichtigten allgemeinen 
Aufstand. Zu Vracevi schworen sie am Bozic (Weihnachtstag) auf das Kreuz, 
dass keiner etwas verraten und jeder in seinem Dorfe für die Ausbreitung der 
Befreiungsidee wirken werde. Unter den Eingeweihten befand sich der Pope 
Vujica, ein Mann von gedrungenem Wuchs, energischem Gesichtsausdruck, klugen 
Augen und rötlichem Barte, der nun seinerseits erzählte, wie er seine Schar mit der 
Andrijas vereinigte, wie sie, 1700 Mann stark, im Frühjahre 1876 auf der Borova 
Glava ihr verschanztes Lager aufschlugen, es gegen die Angriffe der Türken und 
Arnauten tapfer verteidigten, doch vergebens auf die zugesagte montenegrinische 
Hilfe wartend, sich nach dem unglücklichen Ausgange des serbischen Krieges 
genötigt sahen, ihre Position zu verlassen. Viele schlössen sich, weil die 
türkische Raciie fürchtend, im September dem Milojevicschen Streifkorps an. 
Im Herbste des nächsten, den Türken unheilvollen Jahres lebte die Ceta der 
„Ibarski ustasi" wieder auf. Diesmal trat „Wojwode Mijailo" an die Spitze. 
Ais wollte er sagen: „Das sagt alles!" wies er auf das seine Brust schmückende 
serbische Tapferkeitskreuz und schwieg. 

Die von den Emigranten verlassenen Wohnsitze bei Novi Pazar nahmen 
grösstenteils mohammedanische Bosniaken ein, welche der österreichisch- 
ungarischen Okkupation sich nicht fügen wollten. Ob sie ihre Lage im selben 
Masse verbesserten, wie die von dort nach Serbien gewanderte Rajah, ist fraglich. 
Von seinem neuen Vaterlande wurde Mijailo mit Landbesitz begabt, der, sich 
stetig mehrend, zur Zeit meines Besuchs schon 60 ha Acker und Wiesen betrug. 
Letztere allein brachten ihm gleich im ersten Sommer 160 Wagen Heu, die er 
zu Prokuplje mit 12, in Nis aber mit 20 d verkaufte. Er besass auch 20 Stück 
Rinder, 15 Schweine, 80 Schafe und Ziegen, ferner Geflügel und Obstbäume in 
Menge. Seine Reutermaschine stellt er den Nachbarn gegen Rücklass von 5 "/o 
des gereinigten Getreides zur Verfügung. In Mijailos wohnlich mit Eisenbetten, 
Stühlen, Teppichen usw. ausgestattetem Gehöfte leben seine Frau mit fünf 
Kindern, seine betagten Eltern und drei jüngere Brüder, also zwölf Seelen. Diese 
Kommunion ist klein gegen jene des Popen Simonovic, die ausser seiner Mutter 
und eigenen Familie aus sechs Brüdern, von welchen fünf verheiratet, besteht 
und zusammen 33 Köpfe zählt. Der ihm zugeteilte Grundbesitz nährt ihn 
reichlicher als seine Pfarre, obschon diese sieben Orte mit 1200 Seelen umfasst. 

Von einem ansehnlichen Reiterschwarm begleitet, durchfurteten wir die 
Bresnicka reka. Auf der rechtsuferigen Höhe zeigte uns Pope Vujica NW. in 
der wildreichen Zdravnicaschlucht die 1884 restaurierte alte „ Ajdanovacka" 
hl. Georgskirche, welche bis 1889 das einzige Gotteshaus, wie Planas Schule 
die einzige Bildungsanstalt des grossen Sprengeis zwischen Prokuplje, Kursumlija 



2!)f) über Prokiiplje durch die Jaiikova Klisiirn und Kiirsiimlija auf den Prepolac. 

und dem ehemaligen serbischen Grenzgebirge war. Die anderen acht Pfarrer 
dieses Gebietes lasen die Lithurgie in „crkviäte", das sind Ruinen der während 
der altserbischen Epoche im Topiicagebiete zahlreich gegründeten Heilstätten. 
Noch häufiger als bessere Kirchen wurde aber allerorts die baldige Gründung 
von Schulen beim Nacelnik erbeten. 

Die drei Führer der „Ibarski ustasi" sprengten neben, die Gendarmen mit 
angedrückten Karabinern vor und hinter unserem Wagen her. Es war eine 
prächtige Kavalkade, in welcher auch der martialisch sich haltende Pope eine 
gute Figur machte. Der Schauplatz seiner Kämpfe, die südwestlichen türkischen 
Grenzberge Suvo Rudiste, Treska und Stava, traten immer deutlicher hervor. 
Dort, zwischen beiden Hauptadern der Toplica, liegt bei Gradac eine Kastell- 
ruine, und südlicher an ihrem Zuflüsse Lukovska reka das alte Kirchlein Stavska 
crkva mit einer Inschrift, nach welcher „als Kir Paisije, Pecer Patriarch und 
Erzbischof aller serbischen Küsten- und unteren Donauländer, der Gracanicaer 
Metropolit Silvester es gründete". Da dieser Paisije erst 1614 — 1647 Patriarch 
war'), fällt die von Milicevic mitgeteilte Tradition, dass die Kirche 37 Jahre 
nach der Kosovoschlacht, also schon 1426, gestiftet wurde.-) Der 12 m lange, 
6 m breite Bau ist aussen mit Bildern von Heiligen geschmückt, welchen die 
Arnauten die Augen ausstachen. Einer unserer Begleiter wollte wissen: der 
Staver Dorfinsasse Vasa Stevic besass einen Berat (Freibrief) und wertvollen 
Becher, die sein bergbaukundiger Urahn von einem Sultan für einen aus purem 
Kopaonikgolde geschmiedeten Apfel und dafür erhielt, weil er für ihn einen 
reichen Goldbau in Asien entdeckt hatte. 

Dem Nordosthange des 1471 ni hohen Grenzberges Tumba entfliesst bei 
Lukovo eine schwefelsauere Therme von 55" C, und 5 km SW. steht auf 
türkischem Boden an der Labquelle Bela Voda, unfern der 1705 m hohen 
Karaula Pilatovica, ein „Jerinin grad" mit ziemlich erhaltenen Türmen, auf 
antiker Grundfeste, das die nun verlassene Strasse nach Podujevo schützte. 
Auch NW. sieht man auf dem Strasnik, beim türkischen Dorfe Koporic, eine 
alte Strassentrace, die noch in altserbischer Zeit aus dem Ibargebiet über eine 
hohe Kopaonik- Einsattelung hinab in das obere Toplicatal (Topliza stretta) 
führte. Mit diesem Wege parallel lief ein den Ibar bei der Burg und Ragusaner 
Kolonie Ostraci überschreitender, auf dem man bei Kostimpolje (Casal de 
Constantina) in das mittlere Toplicatal (Toplica larga) und östlich vom heutigen 
Spance (Spanza) an den nach Nis hinausleitenden unteren Flusslauf gelangte. 
Diese im Mittelalter vielbenutzten Strassen beschrieb der 1553 von Venedig 
nach Asien reisende Ramberti. Von Ragusa grossenteils durch unwirtliches 
Gebirgsland ziehend, atmete er im unteren Topiicagebiete zum erstenmal frei 
auf, „weil es breit und allerorts mit prächtigen Triften, Wein- und Obstkulturen 
bedeckt ist". Ich fand des verwöhnten Venezianers Urteil gleich richtig, wie 
jenes unseres Hahn (1859), der das Tal als entzückend schön schilderte. 



') Hllarion Ruvarac, O Peckim Patrijarsima usw. 
-) Kraljevina Srbija, S. 359. 



über Prokuplje durch die Janknvn Klisurn und Kiirsumlijn auf den Prepolnc. 297 

Noch viele andere lieute verlassene Routen zogen von den reichen Bergarten 
am Kopaonik und jenen des seit dem letzten Rajah-Exodus ziemlich verödet 
gebliebenen oberen Ibar in das von seiner ganz zwecklosen Verwüstung im 
Kriegsjahre 1878 sich schwer erholende Toplicagebiet herüber. Dies- und jenseits 
mehren sich bis in die Ebene frech sich vorwagende Wölfe und andere Raubtiere. 
Bei Gornja Svarca sass hart am Wege ein mächtiger Geier, dessen Flügel 
der jagdeifrige Nacelnik mit einer wohlgezielten Schrotladung aus seinem Doppel- 
stutzen lähmte. Durch verschont gebliebene alte Obstkulturen und 1883 neu 
angelegte Rebenpflanzungen, die letzten, welche ich auf dem früher arnautischen 
Territorium bis zur Südgrenze sah, kamen wir zu Gornja Dragusns schicksals- 
reicher Moschee, die, auf den Alauern eines von dichtem Wald umgebenen 




Dorlteil zu Bresniciö. 



Kirchleins entstanden, nun durch Holzwände untergeteilt, als Gemeindehaus dient. 
Sein aus Lepojevic am Ibar stammender junger Pisar hält, trotz der auch hier 
eingezogenen bureaukratischen Vielschrciberei, das umfangreiche Archiv in muster- 
hafter Ordnung. Zur Gemeinde gehört auch das weisse Büffel züchtende 
Siljomane (österr. Karte: Sulemanj). Die Männer tragen hier zu ihrer vom Ibar 
mitgebrachten Tracht, wie einst die österreichischen „Grenzer", die kleidsame 
blaue „sajkaca" (Soldatenmütze). 

Vom tiefen Dragu§a-Rinnsal führte unsere W. gerichtete Route über die es 
von der Zdravica trennende breite Hochebene, deren riesige Hutweiden noch 
Raum für Tausende neuer Ansiedler bieten. Gegen Mittag erreichten wir Blace, 
den Hauptort der 716 Gehöfte mit 4700 Seelen umfassenden gleichnamigen 
grossen Gemeinde. Zwischen seinen 140 ziegelgedeckten Häusern steht die 
massigen Ansprüchen genügende Mehana mit kleinem Laden, der über Belgrad 



29S über ProkiiplJL' ciiircli die Jaiikovn Klisiiia und Kiirsumlija auf den IVcpolac. 

bezogene österreicliische Apollokerzen, Glaswaren, billigen Gablonzer Falsch- 
schmuck, englische Oarne, sächsische Flanelle, Stuttgarter Farben, amerikanisches 
Petroleum in Zinkblechkisten usw. enthielt. Der sich bald vorstellende Ortskmet 
Petar llic stutzte, als er meinen Namen hörte, und fragte, ob ich derselbe 
Reisende sei, den er 1860 in seinem Vaterhause zu Brzece am Kopaonik bedient 
habe. Erfreut durch dieses merkwürdige Zusammentreffen nach 29 langen Jahren, 
erzählte er mir viel von seiner verlassenen Heimat (S. 66). Unser treffliches 
Huhn -Paprikas würzten gebratene Champignons, welche die des Nacelniks 
Vorliebe für „pecurke" kennenden Gendarmen am Wege in Menge gesammelt 
hatten. Als wir zum schwarzen Kaffee die Zigaretten anzündeten, meldete 
Korporal Simo, dass alles zum Aufbruche nach der Jankova Klisura fertig sei. 



Die von Blace mit NW.-Kurve zur nördlichen Rasina fliessende Blatasnica, 
welcher wir auf der breiten, aber unbeschotterten Strasse fpigten, ist die einzige 
Wasserader, welche den 86 km langen, von W. nach O. streichenden Gebirgszug 
zwischen dem Ibar und der Morava durchbricht und sein mit prächtigen Feldern, 
Wiesen und Wald bedecktes, stark unduliertes Vorland bewässert. Links blieben 
die früher ausschliesslich von Albanesen bewohnten Orte Djurevac, Sibnica 
und Cucales grosse Ziegelöfen; rechts Dzepnica. Hinter diesem betraten wir 
die durch schroffe Abstürze des 896 m hohen Javorac und der 772 m hohen 
Varnica gebildete Klisura. Zwischen ihren Steilwänden lagen im tosend sich 
durchzwingenden Bache abgestürzte kolossale Felsstücke der aus Tonschiefer, 
Quarz und Sandstein konstituierten, vorherrschend mit Buchen bedeckten Hänge. 

Von der eine Stunde dauernden raschen Fahrt entfielen zehn Minuten auf 
das an manchen Stellen ungemein enge Defilee „Jankova Klisura". So romantisch 
dasselbe, so wehmütig stimmend sind die Erinnerungen, so traurig sieht die 
Umgebung des Kirchleins aus, das ihm den Namen gab. Gleich am nördlichen 
Ausgange der Enge erblickt man, nahe der verfallenen serbischen Quarantäne 
am früheren Grenzzaun, beschattet vom Gezvveige eines Ahornbaums, die noch 
aufrecht stehende hohe Chorapside der „Jankova crkva". Sie verewigt den Zug 
des grossen „Sibinjanin Janko" (Hunyädy Jänos) durch das Defilee auf das ihm 
verhängnisvoll gewordene Kosovofeld im Oktober 1448. Mit 34000 trefflichen 
Kriegern ging er zur Rächung des bei Varna getöteten Königs Vladislav auf 
einer riesigen Caikenflotte über Smederevo die Morava aufwärts bis Kruäevac, 
und von dort auf das für die orientalische Christenheit so unheilvolle Amselfeld. 

„Stradao kao Janko na Kosovu!" — gelitten wie Janko auf Kosovo — 
heisst es noch heute im Toplicagebiet, will man unsagbaren Schmerz andeuten. 
Traditionell vererbte sich der Glaube: „die Kirche wurde von Hunyady während 
einer Nacht erbaut, damit sein Heer vor der nahen Entscheidungsschlacht noch 
die Kommunion empfange", nach anderer Version aber erst später als „spornen" 
(Denkmal), weil er lebend aus derselben heimgekehrt. Beide Sagen sind gleich 
unstichhaltig! Nehmen wir das „während einer Nacht" auch nicht wörtlich, so 
hat doch sicher Hunyady die Vorbereitung des grossen Kampfes während seines 



über Prokupljc durch die Jnnkova Klisiirri und Kursunilijn .uif den l'rcpoinc. 299 

Zuges durch die Klisura so sehr beschäftigt, dass er an einen derartigen Bau 
niciit denken i<onnte, und nocii weniger dürften die siegreiclien Mosiinis, nach 
Hunyadys Niederlage, die Erlaubnis für diesen erteilt haben. Wohl fehlt ihm 
der nahezu allen orientalischen Kirchen eigentümliche Narthex; aber auch bei 
benachbarten kleinen „crkviste" traf ich Vorhallen selten. Das 5 m lange, kaum 
3 m breite, aus Tuff und Sandstein erbaute Jankos-Kirchlein gehörte wahrscheinlich, 
gleich den auffallend zahlreichen zerstörten Kapellen des Toplicagebietes, einer zur 



m 


^^k 


iÄ_ 




^^^^^^^^^^dJ^^^H i li 




' ^'„ 



Oherst SIevan Binicki. 



Zelt des grossen serbischen Exodus verlassenen Ortschaft; gab es ja damals nach 
der Tradition vom Jankos-Passe bis zur Nisava 77 Kirchen! 

Wie die Römer dasselbe Defilee von S. her zur Eroberung des nördlichen 
Moravagebietes und, nachdem sie sich in diesem festgesetzt, es als bequemste 
und kürzeste Wegverbindung ihrer Adriastrasse mit dem grossen obermösischen 
Rüstplatze Horreum Margi benutzten, und wie Knez Lazar 1389, drangen stets 
auch die Ungarn, Kaiserlichen und zuletzt die Serben durch die Klisura gegen 
Kursumlija vor. In den ersten Julitagen 1876 wurde Hauptmann Binicki mit 
5 Bataillonen aller drei Aufgebote der Krusevacer Brigade, einer halben Eskadron 



'^00 (Jber Prokiiplje diircli die Jankova Kiisiirn und Kursiinilija auf den Prcpolac. 

und 4 Geschützen vom rechten Flügel des Moravakorps zur Verteidigung des 
wichtigen Passes entsendet. Als die zur Offensive schreitenden Türken die 
Klisura am 17. September zu nehmen suchten, ging der vom Javor dahin geeilte 
Oberst Colak-Antic am 8. Oktober durch diese gegen Kursumlija energisch vor, 
wobei mehrere Arnautendörfer verbrannt wurden. Bald musste er aber vor den 
von Pristina herangezogenen Verstärkungen kämpfend zurückweichen. Einige 
schmucklose Kreuze und solche mit Inschriften unter einem hohen Apfelbaum 
bezeichnen die Grabstätten der hier gefallenen Krieger. Lautlose Ruhe umgab das 
an historischen Erinnerungen reiche Durchzugstor. Seinen tiefernsten Eindruck 
erhöhten die dichten staatlichen Eichen- und Buchenforste, welche, von den 
Hohen tief herab in das Defilce ziehend, schon im Abenddunkel lagen, als ich 
die Skizze und den Grundriss der „Jankova crkva" vollendete. 



Angespornt durch des Nacelniks launiges, wohl von der türkischen Bakschisch- 
übung stammende: „Kakvo pecenje, onako i rcsenje!" — wie der Braten, wird 
das Urteil lauten! — stellte unser Mehandzija ein trefflich mundendes Abendbrot 
auf den Tisch. Das Hauptthema der lebhaft geführten Unterhaltung bildete die 
Neubesiedelung des vom Staate für 600000 d den Amanten abgelösten Hochlandes. 
Allgemein wurden die Kolonisten von der Vlasina und besonders die 30 Crna 
Travaer Familien, welche neben 27 Vranjaern zu Bresnicic wohnen, als beste 
gerühmt. Sie brachten viel Vieh und Geld mit, bauten ihre Häuser selbst, 
akklimatisierten sich rasch in der Ebene und hielten streng auf Moral ihrer 
Frauen. Die Ansiedler vom Drin, Novo Brdo und Novi Pazar ta.xierte man, was 
Fleiss und Anstelligkeit betrifft, auf gleicher Linie; weniger gut wurden die Banater 
beurteilt und am schlimmsten die Montenegriner, welche als herrisch, händelsüchtig 
und faul charakterisiert wurden. Gemeinsam ist allen Einwanderern, dass sie 
äusserst ungern ihre Mädchen aus dem Hause entlassen. Erklärt wird dies durch 
die ungemeine Schwierigkeit, eine verlorene tüchtige Arbeitskraft in diesem 
menschenleeren Landstriche zu ersetzen. Selbst alte Mädchen werden oft nur 
nach heftiger Auseinandersetzung und nur für bares Geld heiratslustigen jungen 
Männern zugesprochen. Die durchschnittliche Entschädigung beträgt 10 bis 
15 Dukaten; verweigern die Eltern ihre Zustimmung, dann kommt es zu Ent- 
führungen und Rechtsstreiten, welche die Behörden schlichten müssen. 

Am nächsten Morgen überschritten wir die kaum kenntliche Rasina- und 
Toplicascheide SO. von Blace. Links erglänzte der gleichnamige kleine See, 
dessen oft 2 kg schwere, wohlschmeckende Karpfen und Kien (Squalius cephalis L., 
deutsch: „Döbel"; kleinere Sorte ~^ Chondrostoma Knerii Heckel) schwer zu 
fangen sind. Rechts dehnt sich eine mit jungem Eichenwald und unkultiviertem 
Ackerboden bedeckte Stubaler Hochebene aus, die ihre stärkere Wieder- 
bevölkerung noch erwartete. Die Pforte hatte 1864 zur Mehrung des moslimischen 
Elements viele tausend Tscherkessen entlang der serbischen Grenze bis auf das 
Kosovofeld angesiedelt. Mehr als die Hälfte der Kaukasier erlag aber dem 
ungewohnten Klima, dem Hunger und Fieberseuchen; der Rest revoltierte und 



über Prokiiplje durch die Jankova Klisura und Kursumlija auf den Prepolac. '^01 

verlangte in stürmischen Szenen, nach der Krim zurückwandern zu dürfen. Die 
Bajonette der von Nis abgesendeten Bataillone zwangen jedoch die Bedauerns- 
werten zum Verbleiben auf dem ihnen unheilvollen Boden, und was nicht starb, 
fiel auf den Schlachtfeldern 1877 oder emigrierte 1878 nach Kleinasien. Nun 
erfreuen bei dem einst tscherkessischen Suvi Dol neue Weinpflanzungcn und 
hübsche Häuser das Auge, ebenso beim folgenden Tulare, dessen von Decani 
und anderwärts eingewanderte Insassen mit dem Einbringen ihrer reichen Heuernte 
beschäftigt waren. 

Gegenüber, auf dem rechten Toplicaufer, steht bei Vica, auf dem Duvari 
brdo (Mauernberg), die Ruine eines Kastells, das den Vereinigungspunkt der 
jankova Klisura-Strasse mit dem von Prokuplje nach Kuräumlija ziehenden antiken 
Heerweg überwachte. Diese Position blieb auch weiter strategisch wichtig. 
Hier schlugen Zar Lazars und Kralj Tvrtkos vereinigte 30000 Serben und 
Bosniaken die geschwächten türkischen Streitkräfte im Jahre 1387, während Sultan 
Murad den karamanischen Fürsten Ali Beg in Asien bekämpfte. Es war der 
letzte grosse Sieg, welchen sie über den Halbmond errangen. Die Schlacht zog 
sich zum südlich hart am Flusse liegenden Plocnik hin. In seinem unteren 
Teile siedelt neben sieben altserbischen Familien die vielköpfige Hauskommunion 
dreier verheirateter Brüder aus dem Studenicaer Bezirk; im 44 Gehöfte zählenden 
oberen Dorfteil befindet sich das stark verwüstete crkviste, eine der vielen religiösen 
Stiftungen, durch welche die altserbischen vlastela, ähnlich den griechischen 
und vvalachischen Grossen damaliger Zeit, sich ein Andenken sichern wollten. 
Der Boden ist hier voll alter Traditionen. Vom nordwestlichen Barbatovac 
behaupten die Anwohner, dass die dort den Ausgang der Kosovoschlacht 
erwartende Zarin Milica, als sie die Trauerbotschaft von Lazars tragischem Tode 
erhielt, 17 Wagen mit Gold in den dortigen See (!) versenken Hess; bisher gelang 
es aber nicht, den Schatz zu heben! 

Von Donji Plocnik führte die aufgelassene alte Bergstrasse über Barlovo, 
das westliche Belo Polje und Mackovac hinunter nach Kursumlija. Kurz 
vor 1876 wurde sie ins Tal hinab verlegt. Die neue, unausgesetzt über die zum 
Flusse vorspringenden Ton- und Sandsteinschiefersporne auf- und absteigende 
Trace Hess unserem hurtigen Fahrsoldaten seine Kunst glänzend erproben. Wir 
betraten hier ein gegen S. sich dehnendes riesiges Waldgebiet mit dichtem 
jungen Eichenwuchs in den unteren, und altem in den höheren Lagen. Rechts 
blickten die rotdachigen, gut gebauten Häuser von Pepeljevac herab; bei 
Krcmar, wo die Toplica zwischen malerischen Felsgruppen fliesst, erregten 
wahrscheinlich von einer älteren Befestigung stammende Mauern mein Interesse; 
gleich darauf trat der prächtige Kalkstein auf, der ihren festen Mörtel lieferte 
und noch heute hart am Wege gebrannt wird. Zwischen den Ruinen zweier 
romantisch am Flusse und auf der Höhe liegenden Kirchen des ersten Nemanjiden- 
fürsten betraten wir das Bezirksstädtchen Kursumlija. 

Dieser auf dem rechten Ufer der Toplica angenistete, ehemals stark 
verrufene Arnautenhorst wirkt noch heute auf den Fremden gleich unheimlich 
wie vor 30 Jahren, als Konsul v. Hahn ihn zum erstenmal schilderte. Sein 



;W2 über Prnkupljc durch die Jankova Klisiira und Kursumlija auf den Prcpolac. 

Gasthof zum populären altserbischen Wojvvoden „Kod Strahinjica Bana" milderte 
nicht den schlimmen Eindruck. Die Qualität der Gäste stimmte zu seinem 
Schmutze, und der neue Mehanabau war noch nicht vollendet. Dazu kam für 
mich die unangenehme Botschaft, dass der Bezirkskapetan Tosa Stankovic, auf 
dessen Begleitung ich bei den geplanten Ausflügen rechnete, von Belgrad zur 
Grenzberichtigung nach Vranja entsendet worden sei; der Kreischef sicherte mir 
jedoch seine weitere Begleitung zu. Während wir das ungeniessbare Mittagessen 
an uns vorbeigehen Hessen, hatte der Amtsschreiber ein verlassenes Türkenhaus 
aufgestöbert und notdürftig ausgestattet, das Firmament blaute wieder, und als 
auch Ingenieur Valenta angesprengt kam, der einen ihn an Prokuplje nagelnden 
Fieberanfall rasch überwunden hatte, verblassten die dunklen Punkte. 

Nach Dragasevics Hypothese stand auf Kursumlijas Stelle das von mir in 
Prokuplje nachgewiesene Hammaum, das westlichere Ad Fines aber auf dem 
Mrdarberge bei dem gar nicht vorhandenen Dorfe Prepolac. ') Meinen Vorstudien 
zufolge fiel aber das auf der Tafel mit 20 Millien von Hammaum verzeichnete 
Ad Fines auf Kursumlija. Der Beweis dafür war allerdings nur auf dem Terrain 
zu erbringen, denn keine Schilderung des Städtchens erwähnte dortige antike 
Reste. Es musste aber dort solche geben, dies verriet schon seine hervorragend 
strategisch wichtige Lage am Gabelpunkte zweier grosser Talgebiete. Ich suchte 
und fand sie bald. 

Eine Rekognoszierung auf dem rechten Toplicaufer führte mich zur richtigen 
Stelle. Gegenüber der jenseitigen Kaserne stiess ich auf Ziegelfragmente von 
römischem Aussehen, welche, da keine Spur von Mauern in der Nähe zu finden 
war, nur von der Stadtterrasse sich herab verirrt haben konnten. Ich erstieg 
sie und war angenehm überrascht, oben nicht nur Stücke antiker Deckplatten, 
sondern auch einen ansehnlichen, sorgfältig geschichteten Haufen 36 X 27 cm 
grosser römischer Ziegel zu erblicken, deren nach ihrem Fundorte befragter 
Eigentümer mich zum Hause seines Nachbars Vukoje Ristic führte. Hart neben 
diesem erschien der 12 m hohe Terrassenhang, in etwa 30 m Ausdehnung zur 
Gewinnung des prächtigen Baumaterials freigelegt; so war die nördliche Umwallung 
von Ad Fines sichergestellt. Seine befestigte civitas fand ich 130 Schritte vom 
Toplicaufer, auf der vom heutigen Kursumlija eingenommenen Anhöhe, im linken 
Banja-Mündungswinkel etwa 250 Schritte W. nach 0. sich dehnend; ihr gewiss 
bedeutend grösserer Längendurchmesser N. nach S. wird sich aber erst bei 
künftigen Grundaushebungen bestimmen lassen. Das Kastrum oder vielleicht nur 
ein starker Wachtturm stand höchstwahrscheinlich auf dem durch die Toplica 
von der Stadt getrennten, sie beherrschenden Sandsteinfelsen, dessen Sv. Nikola- 
kirche ins Tal herabblickt. 

Als Mittelstation zwischen Ad Fines und Vicianum lag, nach der Tab. Peut., 
von ersterem 20, von letzterem 19 Millien entfernt, Vindenae. Dieses fällt auf 
die seit altersher befestigte und bis zuletzt strategisch wichtig gebliebene Position 
beim Podujevoer Han. Der Römerweg dahin führte von Ad Fines, zuerst am linken, 



') Glasnik, Bd. 45, S. 62. — Es gibt einen Berg, aber keine Ortschaft dieses Namens 



über F^rokiiplje durch ilic Jankovn Klisiir.i und Kursumlija auf den Prcpolac. 303 

sodann am rediten Ufer der von S. der Toiilica zustrinnenden Banjska reka, zur 
6 Millien fernen Prepolacer Tliernie, deren Benutzunji in römischer Zeit durcii 
einen der Brunnennympiie gewidmeten siebenzeiligen Votivstein bezeugt ist '), von 
dort weiter — wie die iieutige Pristinaer Strasse — aufwärts im Banjska reka-Tal, 
über die serbisch-türkische ürenzscheide Prepolac und Podujevo (Vindenae), am 
Lab hinab in das Kosovofeld. Dort lag, 6 km S. von Pristina, die auf Vindenae 
folgende Station Vicianum bei dem heute noch ihre Ruinen-) bergenden Dorfe 
Caglavica. Den Punkt, an dem die Strassen nach Lissus und Ulpiana sich 




Knstcllpl.m von All Fines. 

trennten, sowie ihre von Vicianum bisher nur hypothetisch bestimmten Tracen 
werden künftige Forschungen auf dem Terrain feststellen. 

Kur§umlija teilte während der byzantinisch-altserbischen Epoche gleiches 
Schicksal mit Nis und Pristina, zwischen welchen es in der Mitte liegt. Anfänglich 
hiess es serbisch: „Toplica", später „Bela Crkva", nach der prächtigen Kuppel- 
kirche, welche Nemanja dort für seinen Sohn Sava erbaute, der als erster 
nationaler Erzbischof im 13. Jahrhundert das Niäer Bistum mit dem Toplicaer 
vereinigte. Diese „weisse" hochliegende Sv. Nikolakirche-'), in iler Sava seinen 



') Starlnar, I. S. 82. - C. 1. L. III, Suppl. l'asc. II, No. «IGT. 

-) Glasnik, zemaljskoga muzeja u Bosni i Hcrcegovini, III. S. 152. 

') Daniele, Rjtcnik, III, S. 300. 



304 über Prokupljc durcli die Jankova Klisiira und Kursiiiulija auf den Prepolac. 

ersten Diözesan weihte, bildet, trotz starken Verfalls, durch doppelte Ttirnianlage, 
den reich gegliederten oktogonalen, einst mit Blei gedeckten Kuppeltanibour, 
ihre nach aussen an den Tag tretenden Wölbungen und vorzügliche technische 
Ausführung, eines der wirkungsvollsten Werke altserbischer Backstein-Architektur, 
dessen malerischen Eindruck der glücklicherweise tiefer stehende, moderne, roh 
gezimmerte Glockenturm und die stark vernachlässigte Umzäunung nur wenig 
beeinträchtigen. Dürfte man der Tradition vertrauen, dass Nemanjas Prachtbau 
seinen älteren Bruder so erzürnte, dass er mit ihm in einen blutigen Streit geriet, 
der seine Oberherrschaft über die bis dahin lose verbundenen brüderlichen 
Erbgaue entschied, so müsste die Kirche vor 1159 entstanden sein. Denn in 
jenem Jahre war Nemanja bereits das von Byzanz anerkannte Oberhaupt aller 
serbischen Länder. 

Die Freilegung des Ostteils der Kirche durch den Ingenieur Kuczinski ergab, 
dass sie in keinem Teile, wie serbische Archäologen annahmen, mit Benutzung 
römischer Tempelreste, sondern nach einheitlichem, vielfach an die unregelmässige 
Anlage der Kuppelkirche im kleinasiatischen Kassabatal erinnernden Plane erbaut 
wurde. Wie mir von verlässlicher Seite erzählt wurde, stürzte vor damals 45 Jahren 
der quadratische Nordturm durch einen Blitzschlag ein. Auf seinen Resten steht 
heute ein Häuschen, in dem getauft und getraut wird. Im erhaltenen Südturme 
wurde durch eine eingefügte Decke eine Kapelle geschaffen. Die Narthexmauern 
fand ich bis auf geringe Teile zerstört, ebenso den an den Hauptraum gelehnten 
südlichen Vorbau. Im nördlichen sah ich eine roh profilierte Steinplatte, neben 
Ihr ein unmittelbar nach der serbischen Besitznahme geöffnetes, zwei in schwarzen 
Seidenstoff gehüllte Skelette enthaltendes Grab; im Estrich des Hauptschiffs einige 
unvollständig lesbare Votivsteine aus dem 14. Jahrhundert. Am dreigeteilten Ost- 
fenster des Kuppeltambours erkannte ich reich verschlungenes gemaltes Ornament. 
Den einstigen figuralischen Bilderschmuck bedeckt ein dicker Kalküberzug, was 
die Überlieferung bestätigt, die Kirche sei durch längere Zeit als Moschee und 
ihr Südturm als Minarett benutzt worden. Die zierlich konstruierte Tribuna wurde 
erst kurz vor Kursumlijas Eroberung (1878) von den Amanten zur Gewinnung 
des schönen Materials teilweise zerstört, und ohne das Einschreiten des Niser 
Bischofs Deda Viktor beim dortigen Gouverneur wäre, wie Augenzeugen mir 
versicherten, das ganze, nun eine Brutstätte zahlloser Schlangen bildende schöne 
Denkmal dem gleichen Schicksal verfallen. 

Als nicht länger aufschiebbaren Pietätsakt möchte ich dem serbischen 
Bautenminister empfehlen, den Zustand der interessanten Nemanjidenkirche auf 
die Frage eingehend prüfen zu lassen, ob er nicht ihre dem Staate zur Ehre 
und der Stadt zur Zierde gereichende Wiederherstellung in alter Pracht gestatte, 
und ist dies der Fall, sie tunlichst rasch ins Werk zu setzen. 

Rettungslos verloren für alle Zeit ist die zweite, 1 km östlicher, gleichfalls 
von Stevan Nemanja auf dem linken Flussufer erbaute Kirche.') Sie gehörte 
einem gegenüber d-er Kosanica-Mündung der hl. Jungfrau gewidmeten Kloster an, 



■) Danieid, RjeJnik, 111, S. 300. 



KUF^SfAII.IIA. Sv. BouoriHlici. 



JAN Kl) VA KI. I SU RA. Hunyady-Kirchc. 










^/y^-^-^^>u^ 






l ^:- 





:4^, 









3&::s^',^^$r'm^ 









Kirchenruinen zu Kursunilija und in der Jaiikova Klisura. 
F. KANITZ, Serbien. II. 



20 



über Prokupljc tlurcli die Jniikova Klisiir;i uiuf Kiirsuiiilija niif den ['rcpolac. 307 

in das seine Gemahlin Ana als Nonne Anastasija sich zurückzog, als er 1195 zu 
Stuilenica Mönch geworden. Von den Gebäuden dieses Frauenstifts blieb wenig 
erhalten; seine Kirche traf ich im westlichen Teile verschüttet, vor der Tribuna 
steht ein hoch aufragendes dreibogiges Mauerstück mit wechselnden Bruch- und 
Backsteinlagen von oft 25 X 35 cm messenden Prachtziegeln, das mit den Grund- 
mauern, soweit sie freiliegen, auf eine grosse Ähnlichkeit der Bauanlage mit der 
berühmten Marmorkirche zu Manasija hindeutet. Rings um den höheren Mittel- 
bogen sind auf dem Mörtelanwurfe figurenreiche Freskenreste sichtbar, unter den 
Querbalken an den Pfeiler-Schmalseiten solche von Heiligen mit Nimben und 
Umschriften. 

Das Volk nennt die nur wenige Schritte sütilicli von der Prokupljer Strasse 
zwischen jungem Eichwald in schattigem Tiefgrunde liegende Ruine „Sv. Petka". 
An Freitagen besonders erscheinen viele Gläubige, die hier ihre Leiden durch 
Gebete und Opfer heilen wollen. Ich sah in der halbkreisförmigen Altarnische 
der Heiligen dargebrachte Glasperlen, Messingringe, Medizinfläschchen, Knöpfe, 
römische Kupfermünzen, Blumen, Weizenkörner usw. Leicht wären die pittoresken 
Überbleibsel dieses einst prächtigen altserbischen Denkmals durch eine feste 
Umzäunung gegen die drohende gänzliche Verwüstung zu schützen. Wohl erzählt 
man, dass die von einem Amanten aus entführtem Kirchenmaterial erbaute Mühle 
zur Strafe durch die Toplica fortgerissen wurde; dies hindert jedoch selbst 
christliche Anwohner nicht, Ziegel wegzutragen oder nach Schätzen zu suchen, 
wozu nicht wenig die Sage beiträgt, vor 50 Jahren wäre in der Tribuna eine 
von der Zarin Ana vergrabene, mit Silber und Gold gefüllte Truhe gefunden 
worden. 

Der den moslimischen Eroberern wenig gefallende Stadtname Bela Crkva 
(Weisse Kirche) wich bald dem türkischen „Kursumlja", der traditionell von der 
Bleibedachung der Nikolakirche, wahrscheinlicher aber von den reichen Blei- 
lagern stammt, deren noch im 17. Jahrhundert erwähnter Betrieb vermuten lässt, 
dass Bela Crkva zu Altserbiens Bergstädten gehörte. Während der österreichischen 
Invasion gössen die Türken die Bleidächer von Sv. Nikola zu Kugeln um, und 
seit dem Einzüge der fanatischen Albanesen schmolz Kursumlijas Christenzahl 
stetig mehr herab. Hahn fand dort 1858 neben 50 moslimischen Häusern nur 
15 christliche, deren serbische Insassen „sich kaum zu atmen getrauten" — ihn 
selbst bat der türkische Mudir, das Haus nicht zu verlassen! Der Arnaute 
mutete Hahn hier „wilder, selbstbewusster und unternehmender an, als in irgend- 
einem Teile des eigentlichen Albaniens". So ist es nicht zu verwundern, dass 
1877, beim Hcranzuge der Serben, nur zwei Christen, ein Bäcker und ein Töpfer, 
dort wohnten! 

Am 24. Dezember 1877 nahm unter Oberstleutnants Binickis Führung der 
Major llija C. Zivkovic die Kursumlija heftig verteidigende Schanze; serbischer- 
seits blieben 15 Tote und 37 Verwundete. Am 11. Januar besetzten die Türken 
jedoch wieder die Stadt, wobei die Cetaführer Milan Petrovic und Mijat Crnoglavac 
schwer verwundet in ihre Hände fielen. Der Kampf setzte sich über Mackovac 
zum östlichen Beloljin fort, worauf die Angreifer zurückgingen. Dauernd wurde 

20* 



-iOH über F'rokiiplje duich die Jankova Klisiira iiiul Kiirsiitnlija auf den I'rcpolac. 

Kursumlija erst am 19. Januar 1878, durcli üliLMSt Milojko Lesjanin, serbisch. 
Die einziehenden Soldaten fanden es leer, die Köpfe der am 11. Januar von den 
Arnauten ermordeten zwei Unteroffiziere aber auf den Medzlis-Konak gespiesst! 
Die städtische Bevölkerung bestand lange nur aus einer Infanteriekompanie, 
einigen serbischen Beamten und Handwerkern. Am 18. Mai 1879 kehrten die 
früher dort wohnenden Arnauten unvermutet aus dem nahen türkischen Grenzlande 
zurück, steckten die als Munitionsdepot dienende Moschee in Brand, plünderten, 
bis das Militär sich sammelte, in der ersten Verwirrung die wenigen Läden und 
Amtshäuser, wobei der Konak des vornehmsten Albanesen Ali Aga Karinianovic 
angezündet wurde. 

Unter dem Eindrucke dieses Ereignisses wollten sich keine neuen Ansiedler 
in dem verrufenen Raubneste niederlassen. Im Herbste 1878 war das weibliche 
Geschlecht dort nur durch eine einzige Frau vertreten, so dass die feinere Wäsche 
der Beamten und Offiziere, wie Miliceviti erzählt, nach Nis zur Reinigung gesendet 
werden musste. Doch 1883, nachdem der befestigte Grenzkordon gezogen war, 
zählte das Städtchen ausser dem Garnisons-Bataillon bereits 752 Seelen, eine 
Schule mit einem Lehrer und 50 Schülern, und als ich es 1889 besuchte: 
180 Häuser mit 285 Steuerköpfen, 5 Lehrern, welche 164 Knaben und Mädchen 
unterrichteten, was für ein Dezennium einen riesigen Fortschritt bedeutete. 

Da viele der früher mit starken Steinplatten gedeckten Arnautenhäuser, 
gleich allen Neubauten, rote Ziegeldächer erhielten, mildert dies den umheimlichen 
Eindruck der winkelig und eng gebliebenen Basarstrasse, doch wird es noch 
vieler Jahre bedürfen, bis das herrlich liegende Kursumlija sein schlechtes 
Pflaster, seine schrecklichen Garküchen und Läden ä la turka, mit einem Worte 
sein altes Kleid gänzlich abstreifen wird. Die Bezirkshauptmannschaft, das 
Zollamt und Militärspital behelfen sich mit alten Gebäuden. Der südliche, noch 
etwas wüst aussehende grosse Platz, scheint sein künftiges Zentrum werden zu 
wollen. Schon umsäumten die weite Grasfläche ausser der alten türkischen 
Karaula das Post- und Telegraphenamt, die fünfklassige Schule, das 1889 
vollendete, gross angelegte Gast- und Kaffeehaus, hinter dem die hochliegende, 
fünf Kompanien bequartierende weisse Kaserne aufragte. 

An letztere schliesst sich an der Pristinaer Strasse der ärmliche Vorort 
Palilula, dessen grosse Jahrmärkte am 21. Mai und 6. Oktober viele Besucher 
aus der Kursumlijaer Pfarre herbeiziehen. Diese bildet ein buntes Mosaik von 
Kolonisten aus verschiedensten Landschaften des türkischen Altserbien und zählt, 
wie mir der aus dem stark arnautisierten Prizren stammende Pope mitteilte, ausser 
dem Städtchen 25 grössere und kleinere Orte mit 550 Steuerköpfen. Das Tauf- 
register verzeichnet jährlich 140 — 150 Geburten gegen 80 — 100 Todesfälle, was 
neben der dauernden Zuwanderung eine rasche Vermehrung der städtischen 
Bevölkerung verspricht; 1896 betrug sie schon über 1700 Seelen in 212 Häusern. 



über Prokupljc durch die Jankova Klisiira und Kiirsumlija auf den Prepolai;. 1309 

Ganz vcrkehrslos und menschenleer erschien die 16 km lange Strasse, auf 
der wir am 5. Oktober 1889 von Kursmniija zum serbisch-türkischen Grenzberge 
Prepolac ritten. Von den Türken erbaut, ist sie mit Ausnahme einiger kurzen 
Kurven gut traciert und trcffiicii erlialten. Da die waldreiche Gegend im höchsten 
Grade unsicher, wurden an den gefährdetsten Steilen des oft nur wenige Schritte 
breiten Defilees starke Karaule errichtet. Beim ersten Blockhause, neben der 
Tiovacer Mühle und dem etwas höher liegenden zerstörten Kirchlein, geht die 
Strasse auf das rechte Ufer der prächtig klaren Banjska reka über. Die nahe, 
salzhaltige Quelle wird von den hier zahlreichen Rehen gern aufgesucht. Raubtiere 
aller Art, besonders Wölfe und selbst Bären, vegetieren in dieser Wildnis ganz 
ungestört, in welcher man den mit Pristina verbundenen Telegraphendraht meist 
an Bäumen befestigte. 

Ununterbrochen zieht hochstämmiger Buchenwald hinauf zu den Kuppen 
des erzreichen Samokov. Als die Serben Kursumlija 1878 genommen, setzten 
sich seine verdrängten Nizams hier fest und verteidigten mit grosser Zähigkeit 
die wichtige Pristinaer Strasse. Vergeblich waren wiederholte mehrtägige Angriffe. 
Am 3. Februar ging aber die von Oberst Milojko Lesjanin befehligte Rudniker 
Brigade mit aller Kraft gegen die stark befestigte Position erfolgreich vor, nahm 
das untere Vorwerk und einige Schützengräben. Der eingebrochene Abend endete 
unter dem Hauptwerke die blutige Aktion, und am nächsten Morgen wurde sie 
auf die Nachricht von dem abgeschlossenen Waffenstillstand eingestellt. Die 
tapferen Offiziere Jovan Praporcetovic, Aksentije Jakovijevic, Branko Vasiljevic 
und Sava Petkovic, deren Truppen hier und auf der östlichen Sokolska Planina 
143 Tote, 827 Verwundete und 107 Vermisste verloren, gingen in ihre Ausgangs- 
stellung zurück, ohne ihre weitere Aufgabe am Lab: in das Kosovogebiet 
einzudringen und Pristina zu besetzen, lösen zu können (Kap. XI). 

Am Vereinigungspunkte der von den nordwestlichen Bergen abfliessenden 
starken Banjska reka mit der von S. kommenden Prepolacka reka gelangten wir 
zum kleinen, von der Regierung erbauten Badhause der gleichnamigen Therme. 
Staunend hörten wir, dass dort, angezogen durch die vielgerühmfc Heiltätigkeit 
der primitiv gefassten Quellen, etwa 50 Personen unter dem Schutze der stark 
bemannten Karaula 11 in der grossen Mehana gesommert und oft selbst Spazier- 
gänge zu dem allerdings nur einen Büchsenschuss entfernten „crkviste"(?) im 
westlichen Banjska reka-Tal unternommen hatten. Bei näherer Untersuchung der 
dortigen Baureste dürften die Mauern der römischen Badeanlage gefunden werden, 
die durch einen der Thermennymphe gewidmeten Votivste'n bezeugt wird. ') Von 
den beiden Quellen mit 44" C. ist eine kohlensauer, die andere schwefelhaltig. 
Zur Zeit unseres Besuchs waren die modernen Neubauten nahezu verödet. Dafür 
gab es Bewegung in der Karaula, denn auf des Nacelniks Befehl sollten zwei 
ihrer Panduren unserer schon acht Gewehre zählenden Eskorte sich anscliliessen. 

Das abwechselnd in Tonschiefer, Sandstein und Kalk eingeschnittene 
Defilee verengte sich bald zu einer ganz unheimlich aussehenden Waldschlucht. 



') Starinar, Bd. 1, S. 82. 



310 Über Prnkiipljc durch die Jankova Klisura und Kursumlija auf den Prepolac. 

Zur leichteren Überwachung der Strasse hatte man die dicht zum Bache herab- 
ziehenden Buchen auf 100 ni beiderseits gefällt und teilweise zur Versicherung 
seines Wildbettes verwendet. Tausende Prachtstämme vermodern ungenutzt; 
das Holz hat hier gar keinen Wert. Auch die medvedja leska (Bären-Haselnuss- 
baum), deren Stämme auf dem Jastrebac mit 45 — 60 d bezahlt wurden, weil man 
ihr treffliches Holz für Möbel, Gewehrschäfte, Cuturas usw. verwendete, bleibt 
unbenutzt. Gleich selten fällt man die brekinja (Eberesche), die mukinja, ein 
Baum mit essbaren blauen Früchten, die Roteiche, deren Stamnipreis an anderen 
Orten 13 d beträgt, oder den Ahorn, dessen edlere Art hier allerdings seltener 
ist. Dagegen tritt in der reichen Flora häufig Herniaria hirsuta und glabra auf, 
welche das Volk in starken Abgüssen gegen Blasenleiden erfolgreich trinkt. 

Unfern der von Albanesen angezündeten Karaula III begegnete uns der 
„jeden Vogel im Fluge sicher mit der Kugel treffende" Buljukbasa von Karaula II. 
Der allgefürchtete, besonders gern auf Arnauten zielende Schütze berichtete, dass 
diese zwei Tage zuvor einen Mehandzija, dem sie 30 Dukaten abgenommen, mit 
durchschnittener Kehle liegen Hessen. Etwas weiter zeigte uns einer der Grenz- 
panduren den Baum, bei dem vor drei Wochen sein jüngerer, patrouillierender 
Bruder von einem am jenseitigen Bachufer versteckt ihm auflauernden Heiducken 
erschossen wurde; am Stamme sah man deutlich die Spur der Kugel, die seinem 
rasch Deckung suchenden Kameraden zugedacht war. Gleich darauf passierten 
wir die Stelle, auf der ein Arnaute den auf seinem früheren Hofe siedelnden 
serbischen Bauer tötete. Dessen erbitterter Bruder rächte ihn. Mit einigen 
beherzten Genossen überfiel er den Hochzeitszug des hart an der Grenze 
wohnenden Mörders und machte alle seine Teilnehmer erbarmungslos nieder. 
Die Panduren ermüdeten nicht im Erzählen derartiger grauser Bluttaten, und 
fortan wunderte es mich nicht mehr, dass die wenigen uns begegnenden, meist 
berittenen Bauern ihr Martinigewehr schussfertig ans Knie gedrückt hielten. Einer 
der blutigsten Arnauteneinfälle am 20. Juli 1897 bei Karaula Lokvica und Block- 
haus Tresnjica, kostete beiderseits viele Opfer. 

Nochmals kreuzten wir auf einer Brücke die Banjska reka, es folgte Karaula iV, 
wir waren heil am Ziele. Vor uns lagen die 873 m hohe Wasserscheide und 
die Häuser des serbischen Grenzamtes Prepolac. Wieder empfand ich, wie 
auf mancher meiner Balkan-Passagen, das freudige Gefühl, wenn nach langem, 
beschwerlichem Anstiege durch die keinen Ausblick gestattende Waldregion auf 
der endlich erreichten Kammhöhe das südliche Land sich weithin dem über- 
raschten Blicke öffnete. Leider befand sich der das serbische Prepolac-Kastell 
kommandierende Vukoje fern auf der Kordonsinspeklion. Der Nacelnik befahl 
dem Bericht erstattenden Polizeibeamten die Meldung seiner Ankunft im türkischen 
Zollhause. Darauf stiegen wir ohne Rast zur noch 74 m höher liegenden Haupt- 
karaula des verschanzten nördlichen Plateaus hinauf. Die Luft war klar, die 
Aussicht von überraschender Weite und Schönheit. 

Dimitrije, ein Enkel des tapferen Rudniker Wojwoden Antonije Rakic und 
„Ältester" der zehn ihre Gewehre schulternden Panduren, erwies sich als treff- 
licher Cicerone. Mein Fernrohr suchte in dem breit aufgerollten Relief zuerst 



über Prokuplje durch die Jankova Klisura uiul Kursumlija auf den Prepolac. 311 

am scharf markierten Lablaufe seinen geschichtlich interessantesten Punkt, das 
54 km ferne, 350 m tiefer liegende „Kosovo poljc" auf. Obschon man 18 Stunden 
bedarf, um es nach der Länge zu durchreiten, und acht, es zu durchqueren, sah 
ich nur einen verschwommenen Lichtstreif, auf dem Dimitrijes scharfes Auge 
sogar in einem dunklen Punkte die Tulba erkennen wollte, bei der Sultan Murad 
fiel und der Serbenknez Lazar vor dessen ersterbendem Blicke, angesichts des 
fliehenden Heeres, am St. Veitstage 1389 Leben und Reich verlor. Eine etwas 
westlichere massige Erhebung sollte die „Goles Planina" sein, auf welcher Lazars 
treuloser (?) Eidam, Vuk Brankovic, mit 12000 Panzerreitern das Schlachtfeld im 
Augenblicke der Entscheidung verliess. 

1389 — 1889! Genau fünfhundert Jahre waren seit jenem Sedantage der 
orientalischen Christenheit verflossen. Welche Gestaltung hätte ohne jenen 
verhängnisvollen 15. Juni der europäische Osten genommen, der Bajazid die 
Herrschaft über denselben auslieferte! Die Völkergeschicke hängen nun einmal 
an der Entscheidung des Schwertes, und daran werden alle gegenteiligen 
Bestrebungen der Gegenwart und Zukunft schwerlich etwas ändern! Mein Blick 
haftete wie festgebannt auf dem sonnig vergoldeten und doch traurig stimmenden 
Unglücksfelde, das gleich ernst, wie der Charakter der es umschliessenden, meist 
nackten Berge. 

Gegen SSW. beherrscht das Bild der langgestreckte Sar, mit schneeigem, 
bis Salonik sehenden Ljubotingipfel, etwas weiter erscheinen die WSW. zwischen 
Prizren und Djakovo aufstarrenden, scharfprofilierten Kalkzinnen, westlicher die 
im heissen Mittagsdunste verschwimmenden Konturen der montenegrinischen 
Grenzberge mit der das Amselfeld begrenzenden Cecevica, an deren Hängen der 
grosse ungarische Johann Hunyady derartig geschlagen wurde, dass die Serben 
noch heute bei hart treffendem Unglück sagen: „Es erging ihm wie dem 
Hermannstadter Johann auf Kosovo!" — Noch heute bleibt das weite Schlachtfeld 
unbebaut, denn sowohl Türken wie Christen scheuen sich, den Boden zu bearbeiten, 
der das Blut ihrer Ahnen so reichlich trank. Den Mittelgrund füllen die zahmen 
Hochplateaus des vielverästelten Kopaoniks und der Ljesnica, zwischen welchen 
der Lab an Pristina, der aufstrebenden Hauptstadt des Kosovo -Vilajets vorüber, 
der Sitnica zufliesst. Die waldreichen Berge Markov Vis, Sekiraca, Djak, 
Ivanovo Brdo, Veliki und Mali Sokolov Vis im Südosten und der nordwestliche 
Jastrebac sind serbisches Gebiet. Von den Grenz-Blockhäusern waren das nahe 
Orliste unter dem 931 m hohen, scharf zugespitzten Previticki Vis, ferner das 
türkische Orenzamt Prepolac und seine nördlichste Karaula Susnjak ohne Glas 
deutlich erkennbar. Ich zeichnete das orographische Profil dieses wichtigen Teiles 
von Alt-Serbien, dessen Studium mich lange auf dem 947 m hohen Punkte festhielt. 

Während unseres bescheidenen Mahles in der reinlichen Mehana besuchten 
uns der Zollbeamte Suleiman (Djumrukcija) und der den türkischen Nizam- 
Grenzkordon befehligende Offizier aus Arabestan. Nach kurzer Vorstellung lenkte 
der Nacelnik das Gespräch auf die das freundschaftliche Nachbarverhältnis 
störenden arnautischen Raubeinfälle. Der Djumrukcija erwiderte, dass die Arnauten 
nur die meist von den serbischen Grenzbewohnern ausgehenden Angriffe auf 



312 über Prokiiplje chircli tlic Jankova Klisura und Kursumlija auf den Prepnlac. 

Menschen und Vieh abwehrten oder räcliten. Die heftij^en Bewegunj^en, mit 
welchen er einige Fälle erzählte, stachen grell ab von dem vornehm ruhigen 
Wesen des arabischen Offiziers. Wirklich stellte sich heraus, dass er, ein 
fanatischer Bosniake, seine Heimat erst anlässlich der österreichisch-ungarischen 
Okkupation erbittert gegen die Njenici (Deutschen) verlassen hatte. Die erregte 
Diskussion endete mit dem gegenseitigen Versprechen, jede Ausschreitung an der 
Grenze durch strenge Ahndung tunlichst zu hindern. 

Die Etikette erforderte die Erwiderung des Besuchs. Unter Nizameskorte 
passierten wir die durch zwei Pfähle auf der Pristinaer Strasse markierte Scheide 
des serbischen vom türkischen Territorium. Das Aussehen des sultanlichen, 
nur wenige hundert Schritte entfernten Grenzamtes in der baumlosen Fläche und 
der Empfang in demselben durch die erwähnten Herren und den Passapordzija 
Mehemed Ali Effendi, der sich „zur Erinnerung" türkisch in mein Tagebuch 
schrieb, war in allem ein Klischee des im Bd. I auf S. 576 geschilderten auf der 
Vasiljina Cesma. Die Bedürfnisse der ziemlich starken Nizamtruppe deckt der 
kleine Kramladen eines Pristinaer Albanesen, von dem wir mehrere charakteristische 
arnautische, gestrickte weisse „celepus" (Kopfmützen) und aus Baumwolle gepresste 
„culav" kauften. Der Warenverkehr durch das Prepolacer Kastell beschränkt 
sich auf serbischen Rakija und einige Hundert von Mitrovica nach Serbien gehende 
Mühlsteine; Pässe gelangen etwa 600 jährlich zur Vidierung, und die Gesamt- 
einnahme beträgt türkischerseits kaum 20000 Piaster = 4000 Franken. 

Die meisten der in den Prokupljer Kreis einwandernden Rajahs suchen sich, 
um allen Auseinandersetzungen mit ihren moslimischen Grundherren zu entgehen, 
auf Nebenpfaden über die Grenze zu schleichen. Man unterscheidet in dieser 
Gegend noch immer Ciftlik sahibi, Gutsbesitzer, welche ihre Rajah beliebig von 
Grund und Boden treiben können, was jedoch selten geschieht, weil sie den 
vierten Teil vom Ertrag erhalten; dann „Agaluks", auf welchen der Grund und 
Haus besitzende Rajah dem Gutsherrn den siebenten oder neunten Teil bezahlt. 
Ausserdem haben sämtliche Rajah dem Sultan 29 Piaster (5 Piaster -- 1 Frank.) 
für jeden männlichen Kopf als bedelieh (Ablösung des Kriegsdienstes), 4 Piaster 
von je 1000 Piaster Feldwert, 4 Piaster für jedes Stück Grossvieh, 4,5 Piaster 
für jedes Schwein usw. zu bezahlen. Trotz der Vielfältigkeit und Höhe dieser 
Lasten sind es aber nicht diese, sondern das Gefühl der Rechtlosigkeit gegenüber 
dem arnautischen Grundherrn, welches den Rajah vom heimatlichen Boden nach 
Serbien treibt, wo er gleich 5 pluzi (Joche)" Ackerboden und längere Steuerfreiheit 
mit der Aussicht erhält, den allmählich durch Fleiss vergrösserten Besitz als 
allen gleichgestellter Staatsbürger seinen Kindern zu vererben. 



Obschon die Regierung die Wiederbesiedelung des 1878 nahezu entvölkert 
übernommenen Toplicaer Kreises in jeder Weise begünstigt, zählte man 1905 
auf seinen 2839 km- in 37 Gemeinden mit 341 Orten nur 102954 Bewohner, 
also 36 Seelen per km^ Am dünnsten von den 3 Bezirken: Prokuplje, Dobric 
und Kosanica ist letzterer mit kaum 19 Seelen per km- bewohnt; auf 1307 km- 



über Prnkuplje durch die jankuva Klisiua iiiul Knrsuinlija auf deu Prepolac. 313 

siedeln dort 24989 Seelen in 130 Orten, darunter nur 11 mit Geistlichen und 
5 mit Schulen. Dabei ist im Kreise das männliche Geschlecht mit 3920 Seelen 
iU^erwie^end. Diese unerfreulichen Verhältnisse werden sich rascher bessern, 
sobald im angrenzenden türkischen Grenzgebiete befriedigende soziale Zustände 
dauernd geschaffen würden, denn der Boden ist im allgemeinen hier besser, als 
in den anderen neu erworbenen Gebieten, und zu jeglicher Kultur geeignet. 

Von den 283880 ha des Kreises standen 1905 nur 58382 ha unter Kultur. 
13942 ha trugen Mais, 13997 Weizen, 6625 Gerste, 2704 Gemüse usw., neu 
angelegte Weingärten gab es 1416 ha, und die von- den Amanten mit besonderer 
Vorliebe betriebene Obstzucht gelangte auf 1439 ha in Aufnahme. Ausserdem 
verzeichnete man über 100000 ha Wald, 9855 ha Wiesen und Weiden für den 
über 262 000 Stücke betragenden Viehstand. 1905 zählte man: 7265 Pferde, 
53119 Rinder, 287 Esel, 23669 Schweine, 132783 Schafe, 45889 Ziegen und 
2760 Bienenstöcke. Auf 100 Seelen entfielen im Bezirke Kosanica 290, Dobric 288 
und Prokuplje 192 Stücke Vieh, ein vergleichsweise sehr gutes Verhältnis zum 
benachbarten Niser und Leskovacer Bezirk, in welchen nur 180 Stücke auf 
100 Seelen kommen. Besonders reich ist der Toplicaer Kreis an wild wachsenden 
Birnbäumen, welche, noch heute von den Albanesen „darda" genannt, der illyrisch- 
riimischcn Provinz „Dardania" ihren Namen gaben. 



XI. 



Von Kursumlija durch, die Kosanica, 

Pusta Reka und denjablanicaer Arnautenbezirk nach Leskovac. 



MEIN nächster Ausflug von Kursumlija mit Ingenieur Valenta und dem weg- 
kundigen Gendarmen Simo galt dem südlichen Kosanicatale. Sein Beginn 
erscheint unheimlich wüst, das Baciigelände zerrissen; zwei hundertjährige, durch 
barbarische Menschenhand oder Blitzschläge verwüstete Riesenpappeln senkten 
melancholisch ihr verdorrendes Geäste zur grasreichen Ebene, auf der aber das 
Auge vergeblich ein lebendes Wesen suchte. Erst wo die emigrierte arnautische 
Bevölkerung durch Kolonisten aus Altserbien ersetzt wurde, übt der prächtigen Mais 
zeitigende Boden einen freundlicheren Eindruck aus. Ruinen zerstörter Häuser 
und Moscheen verraten aber auch dort, dass er kurz zuvor der Schauplatz 
heftiger Kämpfe war, die sich hoch hinauf in die gutbewaldeten Berge zogen. 
Wie die feste türkische Position auf dem westlichen Samokov das Vordringen 
der Serben durch das Banjskatal gegen Pristina aufhielt, setzte ihm die von 
Amanten verteidigte auf der Sokolska Planina einen schwer üherschreitbaren 
Damm entgegen. Vom 13. bis 30. Januar 1878 kämpften hier und auf den 
benachbarten Bergen Trha, Trpeza, Donja Hrtica starke Abteilungen der 
von Lesjanin geführten Donaudivision. Jeder Schritt vorwärts kostete sehr viel 
Blut. Die Albanesen wussten, dass es sich um Sein oder Nichtsein für sie 
handle und verteidigten jeden Zoll ihres Bodens. Die Serben beklagten hier 
allein 220 Tote, Verwundete und Vermisste! 

Auf die kleinen Ansiedelungen Kastrat und Visoka folgte die grössere 
Rudare. Nicht wenig überraschte mich, hier viele Leute für die Budapester 
Firma Leopold Kern mit der Fabrikation von Fassdauben beschäftigt zu finden. 
Der Beginn war etwas schwierig, die eingebrochenen Amanten erschlugen den 
ersten fremden Werkführer; seitdem wird nur bewaffnet gearbeitet. Die Regierung, 
der heimische Spekulanten durchschnittlich per Eiche nur 10 d bezahlten, erhält 
nun hier und auf der östlichen Arbanaska Reka 18 d per Stamm von 45 cm 
Durchmesser. 1889 waren schon auf dem 1007 m hohen Sokolovo Brdo 
3000 Bäume zu 50 -245 cm langen „duge" (Dauben) verschnitten. Der unglaub- 
lich niedrige Tagelohn der einheimischen Arbeiter beträgt nur 0.25 d während der 
Kampagne vom Oktober bis Februar. Das Ausbringen der Dauben bis zum 



316 Von Kiirsiimlija durch die Kosanicn, Piista Reka usw. nach Leskovac. 

Ladeplatze beträgt per Akov (Eimer) 0.25 d, von Rudare bis zum Niäer Bahnhofe 
für den 500—600 kg fassenden Wagen 1.60 d per 100 kg. Grosse Dauben- 
niengen lagen neben der von einer deutschen Frau geführten Mehana zum Export 
aufgespeichert. Ich wünschte iiir und dem landsmännischen Werkmeister alles 
Glück für den anbrechenden Winter. Beide meinten, sie fürchteten die Amanten 
ebenso wenig, wie die hier oft grimmige Kälte; gegen erstere besässen sie 
Hinterlader, gegen letztere aber Holz in Menge. 

Nahe der Mündung des Lubnicki potok, an dessen Ursprung bei Donja 
Pupavica alte Baureste sichtbar, verengt sich das Tal. Dort kreuzten wir dreimal 
die Kosanica und den wasserreichen, Mühlen treibenden Dorfbach. Überall lugten 
vereinzelte Gehöfte zwischen hübschen Obstgärten hervor; bald folgten tiefere 
Einschnitte mit romantischen Kalkfelsen, welche die Strasse zu fortwährendem 
Wechsel der Ufer zwingen. Die einstige ansehnliche Moschee bei Raca dient 
nun als Gemeindehaus, ^obwohl die Amanten diese Profanierung blutig zu rächen 
iJrohten. Die wenigen* im Sonntagsstaate zur Stadt ziehenden Bauern trugen 
„Kasikare" (Löffelflinten) genannte Peabody und erzählten, dass selbst Ihre 
Knaben nicht unbewaffnet zur Weide zögen. Dieses allerorts im Toplicaer 
Kreise herrschende Unsicherheitsgefühl Hess keinen auf „Vergessen seines Selbst" 
beruhenden freudigen Genuss in der an Naturschönheiten reichen Landschaft 
aufkommen. 

Ernst gestimmt kamen wir zum „Sastanci", zur Vereinigung der Velika 
und Mala Kosanica. An letzterer führt ein alter, heute noch fahrbarer Weg, 
mit stellenweise künstlichen Einschnitten und erhaltenem Pflaster, vorbei an dem 
lange schon in Ruinen liegenden Kloster Degrmen, zwischen den Karaulen 
Reponja und Mirovacer Plateau am Wege nach Podujevo. Auf diesem drang 
eine starke Abteilung des Obersten Lazar Jovanovic am 1. Februar 1878 in das 
Labgebiet ein und drängte die Türken bis Sajkovac zurück. Dies kostete den 
Serben 23 Tote und 42 Verwundete. 

Wir wandten uns SO. und verfolgten die bei der 204 m hoch liegenden 
„Sastavcimühle" in das Tal der Velika Kosanica abbiegende Römerstrasse. Im 
nahen Gehöfte des Milos Ristovic, dessen acht Kopfe zählende zadruga aus den 
Familien zweier, vom serbischen Ivanjica hierher übersiedelten Brüder besteht, 
verriet alles schon einen gewissen Wohlstand. Man lobte die neue Heimat, doch 
auch hier ertönte das alte Lied, Leben und Gut seien stets gefährdet, das beste 
Vieh holten die über den Djak Brdo einbrechenden, alle Stege kennenden 
Arnauten. „Wohl gab die Regierung uns Gewehre, aber Patronen müssen wir zu 
13 Centime kaufen," klagte der Staresina. 2,5 km weiter sahen wir am Mehanski 
potok die Gräber von am 30. Januar 1878 bei der vom Oberst Lesjanin 
genommenen, 800 m hoch liegenden Mehane gefallenen Serben. Östlicher trat 
der stark verrufene Djak Brdo mit scharf profiliertem, 1400 ni hohem Gipfel in 
Sicht. Von allen Seiten strömten hier Wildwässer zum Wege herab. Bald langweilte 
es mich, zu zählen, wie oft wir die Kosanica bis zur Zebicamühle queren mussten. 
Nach 25 km langem Ritte erschien endlich zwischen Nuss-, Birn- und 
Apfelbäumen das von 15 altserbischen Familien besiedelte Ivan Kula, in 



Von Kiirsimilija durcli die Kosaiiica, Pusta Reka usw. nach Leskovac. 



:U7 



prächtiger landschaftlicher Lage, beherrscht von der auf isoliertem hohen Rücken 
stellenden „Ivanova Kiila". Der dichte Überzug ihres Piedestals mit Weiss- und 
Schvvarzbuchen, Eichen, Eschen, verfilzt mit jungem Kornelkirschenholz und 
dornigem Gestrüpp, erschwerte den Aufstieg. Die Ehre des Pfadfinders blieb 
Simo. Mit Preisgebung unserer Kleider folgten wir ihm auf die aussichtsreiche 
Höhe, um deren Besitz die türkischen Mitglieder der internationalen ürenz- 
regulierungs-Konimission am 12. Juli 1879 heftig stritten. Sie stützten sich auf 
die Bestimmung des Berliner Vertrags, nach welcher der Djak Brdo die Grenze 
bilden sollte, doch stellte sich heraus, dass dieser auf der österreichischen Karte 
falsch eingetragen und, nach der Absicht der Mächte, als Wasserscheide zwischen 
dem Lab und der Toplica zu gelten habe, und bei dieser Entscheidung blieb es. 




Gehüft altserbischcr Ansiedler zu Sastavci. 



Oben angelangt, schwand bald jeder Zweifel, dass der 14 m hoch erhaltene, 
rechteckige Turm, mit 7,78 in langen, 5,80 m breiten Fronten, auf römischen 
Fundamenten stand, deren 1,34 m starkes Mauerwerk von rohen Sandsteinblöcken 
und durch Ziegelstückchen gefestigten Mörtel noch einer Ewigkeit trotzen zu 
wollen scheint. Nördlich schliesst ein bis auf die Grundfeste verwüsteter, 56 m 
im Umkreis messender mittelalterlicher Bau an. Auch südlich stiess ich auf Reste 
jüngerer Bauten. Das nach allen Seiten steilgeböschte Plateau war für einen 
„Luginsland" wie geschaffen. Man überblickt von dem 1076 in hohen Punkte die 
meisten vom jenseitigen Labgebiet über die südliche Kammlinie herabführenden 
Wege mit den Karaulen: Sikiraca, Skrep, Markov Vis (1224 m), Mokri 
Kamen, Mokri Kremen, Vulovo Brdo (Trpeza), Macija Stena, ferner den 
Hrtica Brdo, bei dem, nur durch den Grenzzaun getrennt, sich ein serbisches 
Panduren- und türkisches Nizampikett gegenüberstehen, um den Weg nach 
dem Kosovo polje zu überwachen, dessen Snltansgrab man deutlich sieht. 



318 



Von Kursumlija durch die Kosanica, Pusta Reka usw. nach Leskovac. 



Weiter nördlich die Karaiila auf dem Vasiljevac, die Prepolacschanzc, NO. 
den Sokolov Vis und Djak Brdo, 0. das Hochtal von Zagradje, überragt 
vom Madan, und W., in weiter Ferne, die höchste Spitze des europäischen Ostens, 
den Ljubaten. 

Nach traditioneller Arnautensage residierte auf der Kula der vom Sultan 
Bajazid nach dem Kosovosiege zum Herrn der Kosanica eingesetzte mächtige 
Ivan Beg, welcher auch die prächtigen Nussbäume im Tale pflanzen Hess. Dieser 
angebliche Ivan Beg erinnert an Ivan Kosancic, den grossen Wojwoden, der mit 
seinem in der Nachbarschaft begüterten jugendlichen Bundesbruder Milan Toplica 
in serbischen Volksliedern als Tapferster unter den vielen tapferen Kämpfern auf 
dem Amselfelde verherrlicht wird. Auf der Hochebene unter der Ivanova Kula 
sammelten beide Helden ihre Streiter aus dem Toplica- und Kosanicagebiet und 
führten sie durch die südwestlichen Trpeza- und Trhaschluchten auf denselben 
Wegen hinüber zur Entscheidungsschlacht ins Labtal, die, wie Befestigungen 



Zagradska 



Skreb. 



Markov vis. 



Mokri Kamen. 




Die Ivanova Kula. 



an der Trpeza, beim jenseitigen Ladovce und an der Brvenica zeigen, schon 
die Römer als kürzeste Verbindung zwischen Turres (Pirot) und Vicianum benutzten. 
Gleich zahlreich, wirr und meist unstichhaltig wie die Sagen über die 
Vorgänge während der Schlacht auf dem Amselfelde, sind jene über den Weg, 
den Knez Lazar, dahin nahm. 12 km SW. von Prokuplje steht eine „iatinska 
crkva" mit Narthex, halbkreisförmigen Altar- und Seitenapsiden, an der Stelle, 
wo traditionell Zar Lazar auf seinem gemeinsamen Zuge mit Jug Bogdan über 
Dobrotic von der ihn begleitenden Volksmenge Abschied nahm, weshalb später 
zur Erinnerung diese „Rastavnica crkva" (Abschiedskirche) erbaut wurde. Weiter 
wird erzählt, Zar Lazar habe von diesem Punkte seinen Marsch über Kosmaca, 
Ponor, die Ivanova Kula und Mrdar Planina, durch das Labgebiet gegen Pristina 
fortgesetzt. Zur Beglaubigung dieser von M. Valtrovic kritiklos abgedruckten 
Legende wird bemerkt, „dass man auf diesem Wege mit guten Pferden Pristina 
in 1 7-2 Tagen erreichen kann (sie), während man über den Prepolac 3 Tage 
dahin benötige".') Und gleich irrig ist auch Milicevics Behauptung: „Zar Lazars 

') Starinar, V, S. 125 ff. 



Von Kursiinilija diircli die Kosnnica, l^usla Reka usw. nach Leskovac 319 

Heer zog von Prokuplje diircli Bela Voda, Dobrotic, Biicinac, Vlase, weiter über 
den Djak Brdo, die Ivanova Kiila, Trpeza, den Vasiljevac und Podujevo nacii 
dem Kosovo polje," ferner: „diese Route könne in 7 Fussstunden (!) zurückgelegt 
werden (!), jene über den Prepolac beanspruche aber 12 Stunden."') 

Schon bei flüchtiger Betraciitung einer iinibwcgs richtigen Karle ist tias 
Unsticiilialtige beider Traditionen leicht zu erkennen. Denn selbst ein mittel- 
niässiger Feldherr wird nicht, falls seine Armee nicht aus „Globetrotters"-) besteht, 
die fraglichen, fortwährend hohe Wasserscheiden und tief eingeschnittene Schluchten 
quercndcn, nach meiner Berechnung 85 km langen Wege von Kursumlija nach dem 
Amselfelde wählen, solange ihm die bequeme, durchaus gute Verproviantierung 
bietende, nur 50 km lange Strasse an der Banjska Reka über die sanften Prepolac- 
iHilien ins Labtal offen steht. Und dass diese Route 1389 in Lazars Hand war, 
zeigt schon ihre und Pristinas Lage, dessen nordöstliches Gebiet kein Türkenfuss 
bis dahin betreten hatte. Nach meinen, auf persönlicher Kenntnis des fraglichen 
Terrains beruhenden Studien können demnach nur kleine Kontingente aus dem 
oberen Nisava- und Moravatale durch die unwirtliche Kosanica in das Labgebiet 
gelangt sein, Lazars Hauptmacht aber gewiss ebensowenig, wie Hunyadys Heer 
im Jahre 1448. Beide zogen, wie 1688 auch Graf Piccolomini, wie Secken- 
dorff 1737 und Oberst Lesjanin 1877, von Krusevac am Rasinabach durch die 
Jankova-Klisura, Blace, Barbatovac, Kursumlija, an der Banjska Reka über den 
Prepolac ins Labtal, wo Kreuz und Halbmond um die Herrschaft am Balkan 
kämpfen wollten. 

Von Radivoj Jovanovics prächtiger Wiese zeichnete ich die Ivanova Kula 
mit ihrer südwestlichen Umgebung. Da es Sonntag war, sammelten sich die 
aufgeweckten Männer der nächsten Gehöfte bald um mich. Obschon erst vor 
wenigen Jahren aus dem fernen Gebiete des einstigen altserbischen Patriarchen- 
sitzes Pec eingewandert, kannten sie schon die Namen aller Bergspitzen. Die 
guten Leute glaubten offenbar, wir seien zur Auskundschaftung der besten Wege 
nach Altserbien abgesendet. „Wann geht es an die Befreiung der Daheim- 
gebliebencn von ihren arnautischen Drängern?" fragten sie. „Bog znaje!" 
(„Gott weiss es!") antworteten wir und kehrten, als meine Arbeit getan war, in 
beschleunigtem Tempo nach Kursumlija zurück. 



Mit demselben Geleitc, vermehrt durch noch einen Gendarmen des nach 
Prokuplje abberufenen Nacelniks, verfolgte ich am nächsten Morgen die Hochstrasse 
zum nördlichen Mackovac. Wie es den Jäger rasch in den Forst treibt, wenn 
er von der Spur eines seltenen Wildes hört, zog mich die Nachricht von römischen 
Bauten dahin. Was ich fand, entsprach aber nicht der gehegten Erwartung. Trotz 
aller Umfrage gab es da nichts, als kaum 1 m hohe, 0,75 m starke, wohlgefügte 



') Kraljevina Srbija, S. 375. 

') Ein serbischer, H. Milovan O. Milovanovii, berührte auf seinem zweijährigen Fuss- 
marschc auch Wien (III Bd , II. Kap.). 



:V2() 



Von Kursumlijn durch die Kosanicn, Piista Rcka usw. nncli I.cskfjvac. 



Quadermauern eines 6 in langen, 3,5 ni breiten „cri<viste", in dessen halbkreis- 
förmiger Apsis ein antiker Granitsäulenstuinpf die Altarplatte trug, ihr eisernes, 
stark verbogenes Kreuz, die vergilbten geopferten Blumen, die überragenden 
herbstelnden Baumkronen und hohen, eigenartig geschnitzten Grabkreuze, an welche 
verwandtschaftliche Pietät nun von Sonne und Wetter gebleichte Tücher befestigt, 
verklärten poetisch diese der Sv. Petka geweihte Stätte, ihre Kuppel bildete 
dasselbe blaue Himmelszelt, unter dem die hi. Brüderapostei den Slaven das 
Evangelium verkündeten. So mögen ihre ersten Kirchen ausgesehen haben, und 
vielleicht steht das graiiitne antike Säulenfragment noch aus jener fernen Zeit 







'"■ v^' ^''^ • ■■■ .M 



Das crkvistc zu Mackovac, 



auf dem Weiheorte, welchen die Frauen namentlich an Freitagen gern aufsuchen, 
um der angesehenen Heiligen ihr Leiden und Hoffen im Gebet zu empfehlen. 

Ein ähnliches crkviste steht auch an der Toplica in Donji Krcmar, zu 
dem wir über Novo Selo und Pepeljevac hinabritten. An der südwestlichen 
Quelle der Grabrovacka Reka blieb zu Kosmaca ein Kirchlein mit Narthex und 
Granitpfeilern vor der halbrunden Apsis und von 1535 datierter Inschrift ziemlich 
gut erhalten, ebenso im Südosteinschnitt ein „crkviste" aus nahe anstehenden, 
horizontal geschichteten Sandsteinschieferplatten mit ähnlicher Altaranlage. 
Angesichts dieser vielen, einander auffällig gleichenden „ckrviste", bei welchen 
keine Spur gewaltsamer Zerstörung sichtbar, überkam mich der Gedanke: ob 
überhaupt ihr Ausbau beabsichtigt gewesen, und wenn es der Fall, ob nicht eine 
gleichzeitig über sie gekommene Katastrophe ihre Vollendung vereitelte? 

Rings um das crkviste zog von dem prächtigen Weideboden junger Eichenwald 
zum nahen Donji Dedinac hinauf, dessen nördliche Höhe eine stark verwüstete 



Von Kiirsumlija durch die Kosanica, Pusta Reka usw. uacli Leskovac. 



:i2i 



Kastellruine krönt. Ihre Lage deutete darauf liin, und meine östliche Rekognoszierung 
stellte es vollends klar, dass ein antiker Strassenzweig von Ad Fines (Kursunilija) 
direkt durch das Gebiet der Pusta Reka, über Gornji Statovac, Zitni Potok und 
Zlata zum wichtigen Morava-Knotenpunkte Leskovac lief. Schon Hahn vermutete 
dies, glaubte aber irrig, es wäre die von Lissus nach Naissus führende Strasse. 
Ausser dem Dedinacer Kasteile wurde dieser Rümerweg durch ein anderes bei 
Pestis, ein drittes bei Zitni Potok und das grösste, vierte bei Zlata geschützt, das 
ich ausführlicher schildern werde. Ein bewaffneter junger Hirte, der unter 
Tovrljan in wunderbar ruhiger, aber menschenleerer Bergidylle einige Kühe und 
Ziegen weidete, erzählte uns, dass die Kursumljcr, wenn sie in Leskovac zu tun 




DEDINCE. Ariiautenhaus. 



hätten, noch immer diesen „stari put" (alter Weg) benutzten.') Auf dem Rückwege 
wanderte die Skizze eines erhalten gebliebenen arnautischen Hauses in mein Buch, 
dessen Mauern und Dach aus geschichteten Sandsteinplatten in sauberer Technik 
ausgeführt waren. Unfern warteten Stösse von Fassdauben aus der westlichen 
Arbanaska Reka des nächsten Schnees zur Reise nach Nis. Weiter ging es 
durch Grabovnicas zerstreute Gehöfte zur Bogujevacer Mühle des Prokupljer 
Kaufmanns Melentije Simic, der 8 von 100 kg verarbeiteter Frucht seinen Kunden 
als Mahllolin abnimmt. Fünf Gänge waren vollauf beschäftigt für die hier aus 
dem altserbischen Sjenica angesiedelten Einwanderer. Um lodernde Feuer mit 
kleinen Ochsengespannen unter gewiss zweihundertjährigen Riesenpappeln lagernd, 
um abwechselnd die Umwandlung ihres Getreides in Mehl zu kontrollieren, hätten 
die malerischen Gruppen unserem Gause dankbaren Stoff geboten. Dem erregten 



') Glasnik, Bd 56, S. 358. 
F. KANITZ, Serbien. U. 



21 



322 Von Kursumlija durch die Kosanica, Pusta Reka usw. nach Leskovac. 

Treiben folgte unheimliclie Stille auf der bald erreichten Hauptstrasse. Der Abend 
war angebrochen, und noch hatten wir 18 km bis Prokuplje. 

Im scharfen Trabe, vorüber an Plocnik und dem in sumpfiger Gegend 
liegenden Kondzelj, gelangten wir zwischen Drenovac und A\ala Plana an die 
lange schon mit ihren scharfen, dunklen Konturen vom flimmernden Nachthimmel 
sich abhebende „ Krnjina-Moschee" des einst vorhandenen Tscherkessendorfs. 
Ihr helmloses Minarett ragte so melancholisch in die Luft, als trauerte es seinem 
herabgestürzten Halbmond nach. Zuletzt, im Sommer 1888, wurde an seinem 
Fusse Mino aus Vucitrn, das die ganze Gegend von Pristina bis Nis in Schrecken 
setzende Haupt einer grossen Bande, mit zweien seiner Gesellen erschossen, im 
Prokupljer Gefängnis hatten sie bereits ihre Ketten durchgefeilt, die Gitterstangen 
waren aber zu stark. Mit unverbundenen Augen, in Gegenwart von nah und fern 
herbeigeströmten Volkes, sah der, wie ihm das Urteil vorrechnete, mit 63 Untaten 
belastete Heiduck furchtlos acht Gendarmen die todbringenden Gewehre anlegen. 
Unser Simo, der ihn ins Jenseits befördern half, rief voll Ekstase: „Mino starb 
wie ein Held, schade um solchen Menschen!" So entsprach das Finale genau 
der Ouvertüre meiner Exkursion: Räuber- und Mordgeschichten vom Anfang bis 
zum Ende. Man gewöhnt sich, der Puls schlägt gleichniässig fort; doch der tiefe 
Seelenfriede, den wir sonst in sternenheller Nacht empfinden, die ruhige poetische 
Beschaulichkeit, welche in Töpfers Wanderbildern auf Schweizer Boden dem 
Leser anheimelnd entgegentritt, sie stellt sich bei diesen ununterbrochenen 
Erzählungen von menschlicher Bestialität nicht ein. 

Das Tal verengte sich, die Strasse zieht dicht am Humac-Hang, an der 
wasserlosen „Suva cesma" vorüber, und auf dem rechten Ufer trat die Vidovica 
planina näher. Am 27. Juni, am Vidov dan, der als Tag der Kosovoschlacht den 
Serben als „schwarzer" gilt, zieht das Volk zu ihrer in ein grosses Felsbecken 
fliessenden Quelle hinauf, der Pope segnet sie, man opfert einige Para, wäscht 
sich mit dem heiltätigen Wasser, das ein Jahr lang vor jeder Krankheit behütet. 
Solcher Anklänge an heidnischen, auch im aufgeklärten Frankreich neuestens 
wieder aufgelebten Brauch gibt es in Serbien in Menge. 

Wir streiften das flüsternde Laub der Mithadschen Alleepappeln. Endlich 
erschien die ersehnte Pasa-Tulba, bei welcher wir vor wenigen Tagen nach Norden 
abbogen, bald darauf die scharfe Silhouette des Hisars von Prokuplje und das hart 
zur Strasse tretende Bett der vom Monde mit Silberlicht gestreiften Toplica. Ihr 
Rauschen begleitete uns in die schlafende Stadt. Die zehnte Stunde schlug vom 
massigen Uhrturm, als wir das gastliche Ingenieursheim betraten. 



Am nächsten Vormittag traf der Nacelnik telegraphisch Anordnungen für 
meinen Besuch des Albaneser Bezirks. Auf dem Cardak des von Herrn Bozovic 
bewohnten Türkenhauses, dessen prächtigster Schmuck farbenfrische Piroter 
Teppiche und eine Trophäe alter und moderner Schiesswaffen, kredenzte uns die 
gastliche Hausfrau dunklen Negotiner. „Also auf fröhliches Wiedersehen über- 
morgen bei den Amanten!" Damit verliessen wir die Stadt des hl. Prokopius, 



Von Kiirsumlija durch die Kosanica, Pusta Reka usw. iinch Leskovac. 323 

dein icli das seinen besorgten Vater zurüci<haltende fiebernde Nacelniksöiinlein 
ganz besonders empfahl! 

Der bereits schon geschilderten Toplicastrasse folgend, machten wir bei 
Zitoradjes Mühle knrzen Halt. Der aus Prag dort nach allerlei Wanderungen 
angesiedelte Jovan Novak nimmt lü von 100 kg des zu vermählenden Getreides, 
klagte aber, dass der Weizenpreis sehr tief stehe. Im 830 Bewohner zählenden 
geschlossenen Dorfe besitzen einzelne Zadruga 20 — 27 Seelen. Das Geläute 
seiner 1815 geweihten Maria Himmelfahrts-Kirche begleitete uns auf das südöstliche 
Hochplateau. Zwischen Studenac und Crnatovo bildet dieses eine riesige 
Hiitweide mit niederem Eichengebüsch, das, zu Jungwald verdichtet, auch die 
westlichen Hohen bedeckt. Wieviel fruchtbaren Boden könnten fleissige Hände 
nur hier allein in ein gottbegnadetes Paradies umwandeln, wo heute das Wild 
kaum Nahrung findet! Magere Hasen, Schlangen, Geier sahen wir in Menge, 
Singvögel wenige, Menschen gar keine. Erst bei dem 13 km fernen Dubovo 
stiessen wir auf von seinem crkviste zurückkehrende Frauen. 

Über sanft gesenktes Terrain stiegen wir hinab nach Zlata, in dem 
25 Familien aus der Vlasina eine neue Heimat fanden. Fruchtbares Land dehnt 
sich weit gegen Osten aus; die Leute sind zufrieden, oft schon wohlhabend, dabei 
aber unglaublich bedürfnislos. Das Haus des Mijailo Petrovic, eines der besten, 
das uns für die Nacht aufnahm, besass nur zwei Räume. Der kleinere, das 
Tageslicht durch die Tür empfangende, mit niederer Herdstelle und kaum not- 
wendigstem Gerät zum Kochen und Backen, dient der Familie als gemeinsamer 
Schlafplatz; Männer, Frauen und Kinder strecken sich da im Halbkreise um das 
brennend erhaltene Feuer auf den gestampften Erdboden hin. Der anstossende 
grössere, mit zwei im Winter durch Papierrahmen und Holzdeckel geschlossenen 
Öffnungen wird zur Aufbewahrung von Kleidern, Mehl, Kartoffeln, Geschirr, Eiern, 
Fett, Öl, Petroleum, Flachs, Wolle usw. benutzt. Inmitten dieser verschieden 
duftenden Vorräte wurde für uns frisch gemähtes Gras auf die Erde gebreitet, 
und nach einem lukullischen Souper von gebratenen Kartoffeln, Eiern und frischem 
Käse schliefen wir, in unsere Mäntel gehüllt, bald so fest wie auf raffiniertesten 
Matratzen. 

Mit dem ersten Sonnenstrahl zog es mich hinaus „zu den Resten der alten 
Festung", die Konsul Hahn und Major Zach im Jahre 1859 „wie römisch angemutet", 
von deren Gestalt und Umfang sie aber keine deutliche Vorstellung gewinnen 
konnten. Angesichts der wirren Mauern auf dem von SO. nach NW. streichenden, 
40 m hohen Plateau, zwischem dem Glasovicki potok und der Zlatna Reka, erging 
es mir anfangs wie meinen Vorgängern. Dass sie römisch, darüber war ich wohl 
bald ausser allem Zweifel; aber erst als ich nach längerem Rekognoszieren W. 
von in gerader Linie zum Bache ziehenden Mauerresten auf Spuren ausgedehnter 
parallel streichender Querwälle stiess, ergab sich allmählich die klar umgrenzte 
Gestalt eines riesigen Kastrums. Nun konnte Ingenieur Valenta zur Aufnahme des 
Grundrisses, ich selbst an jene ausserhalb der Wälle liegender Ruinen schreiten. 

Unsere Aufzeichnungen ergaben für das Kastrum ein der Plateaugestalt 
folgendes, NW. nach SO. streichendes unregelmässiges Parallelogramm mit 460, 

21* 



n24 



Von Kursiimlija durch die Kosanica, Piista Reka usw. nach Lcskovac. 



400, 180 und 150 Schritte langen, durchschnittlich 2 ni starken Mauerfronten. 
Auf dem nordöstlichsten höchsten Punkte des 220 Schritte langen, 150 Schritte 
breiten Mittelabschnittes B zeigten sich Rudimente eines starken Zwingers, dessen 
starke Verwüstung die nähere Bestimmung ohne Freilegung seiner Fundamente 
unmöglich macht. Von der Nordwestecke des Abschnittes C setzt eine auf 
76 Schritte gut verfolgbare Mauer D diagonal fort. In der Mitte der SW. weiter 
laufenden, 75 m langen Wallmauer des Abschnittes A stehen, 32 m vom Kastrum 
entfernt, die 3,50 m hoch aufragenden, aus Ziegeln mit gleich breiten Mörtellagen 
hergestellten abgetreppten Pfeiler des Tores E für die von Ad Fines (Kursumlija) 




Kastellplan von Zlata- 



herabkommende antike Strasse. 22 m 0. von der bis auf die Grundfesten 
zerstörten Tormauer zieht eine, am Wasser noch 8,50 m hohe, 2,30 m starke, 
35 m lange, aus 36x30 cm grossen Ziegeln mit Qusswerk aufgeführte andere 
Mauer /^ zur Zlatni potok (Goldbach), die, über dem Bachbette geborsten, jenseits 
65 m fortläuft, dort in der Mitte eine rundbogige Oeffnung und am 3 m breiten 
Ende G aber zwei 1,70 — 2 m tiefe, gewölbte Räume enthält. 

Hahn und Zach hielten diese technisch meisterhaft vollendete Backsteinbaute 
für eine Brücke; mir lag, da Zlata zur Römerzeit wahrscheinlich gleichwenig gutes 
Trinkwasser wie heute besass, der Gedanke an einen unterirdisch fortgeführten 
Aquädukt näher, der, durch das Wasser des gestauten Baches gespeist, dieses auf 
der vielleicht als Leitung benutzten Mauer E in die Feste und zum grösseren 
Teil abwärts zur Stadt trug. Sollte, wie ich annehmen darf, eine künftige 
eingehende Untersuchung meine Vermutung über den Zweck der Mauer in der 



Von Kursiinilija durch die Kosanica, Piista Rcka usw. nach Lcskovac. 



325 



Hauptsache bestätigen, so besässe das an römischen Resten überreiche Serbien 
auch eines der erhaltenen römisclien Wasserwerke, ähnlich jenem des Arnotals, 
wo Kaiser Nerva oberhalb Serbiaco bei Rom den Bach durch eine Mauer seeartig 
anstauen liess, oder den von Moltke anschaulich geschilderten Staubauten des 
Kaisers Konstantin M. und Valens zu Konstantinopel'), deren System (türkisch 
bend) von den schon zu ihren religiösen Übungen viel Wasser benötigenden 
Arabern und Türken durch „Suterasi" (Wasserwagen) usw. weiter ausgebildet 
wurde. -) 

Zlatas heutige, dem Wasserkomfort als Getränk und Reinigungsmittel weniger 
huldigende Anwohner glauben wohl auch, dass die Mauern einst zusammenschlössen. 




Ansicht und Plan des Kastelltorcs zu Zlata. 



doch nur zur „Auffangung der einst ungemein goldhaltigen Zlatna Reka", und selbst 
das Schloss hätte Zlata, eine Schwester jener Prinzessinnen, welche die Burgen 
zu Kurvingrad und Svinjare an der Caricina gegründet, nur deshalb hier erbaut, 
um die aus dem gewaschenen Goldsande geschmolzenen Barren in seinen festen 
Türmen bis zur Versendung an ihren Vater, den fern wohnenden Zaren, zu 
verwahren; als Sultan Murad diesen besiegt, zerstörte er aber das grad und die 
nahe, gleichfalls „Zlata" genannte grosse Stadt, welche unterhalb des heutigen 
Dorfes auf den Feldern des Veljko Sreckovic und Radisav Vuckovic lag, wo 
beim Ackern ausgedehnte starke Mauern zum Vorschein kamen. 

Diese auch hier auftretende Tradition von den Burgen bauenden serbischen 
Prinzessinnen ändert selbstverständlich nichts an der Tatsache, dass zu Zlata 



») Briefe über Zustände u. Begebenheiten i. d. Türkei. Berlin 1841. S. 85-92. 
') Strzugowski, Die byzantinischen Wasserbehälter in Konstantinopel. Wien 1893. 



3'2fi 



Von Kursumlija durch die Kosanica, Piista Reka usw. nach Leskovac 



ein römisches Kastrum stand, über dessen verlorenen Namen ') ich auf die 
bei Leskovac gemachte Bemerkung verweise. Aus an verschiedenen Orten von 
mir kontrollierten Aussagen schliesse ich, dass Zlata der wichtige römische 
Wegknotenpunkt war, an dem die von Ad Fines (Kursumlija) zur Morava ziehende 
Strasse durch eine zweite, von 12 Kastellen rerteidigte, gekreuzt wurde. Diese 
ging von Hammaum (Prokuplje) unter dem Kastell bei Bucinac über die befestigte 
Pasjaca, vorüber an Momcilovo, wo ein latinsko groblje sich befinden soll, 
nach Zlata. Dort vereinigt sie sich mit dem kurzen von Hammaum und lief 
unter den Kastellen zu Bojnik, Frekopcelica, Rajinkovac weiter SW. mit 
einem Zweige über den Mrkonj nach Vicianum (Pristina) und mit einem 
zweiten, entlang der Banjska Reka, nach dem durch seine Edelmetalle berühmten 




Backsteinmauer zu Zlata. 



Distrikt von Novo Brdo. Die Kastelle dieser südwestlichen Tracen werde ich 
noch ausführlicher schildern. 

Südlich von Zlata betrat ich die heutige Vranjaer Kreisgrenze und bei 
Crkvina, am Zusammenfluss der Konjuvska und Golenia Reka, das mittlere Gebiet 
der Landschaft „Pusta Reka". Diesen gegenwärtig ganz unpassenden Namen 
„verödetes Tal" erhielt sie, als ihre serbische Bevölkerung 1738 nach Ungarn 



•) Artur John Evans setzte, Hahns irriger Ansicht folgend, ohne Rücksicht auf die 
Masse der Tab. Peut., Hammaum bei Zlata an (!"), dem einzigen Punkt in Serbien, mit dessen 
Römerresten Evans sich eingehender beschäftigte. Seine bezügliche Schilderung imd die sie 
begleitenden Pläne leiden jedoch an grosser Ungcnauigkeit, die ein Vergleich mit meinen 
Aufnahmen allerorts hervortreten lässt. Schon die Grundform des Kastrums erscheint verfehlt, 
seine Zwischenmauern sucht tnan vergeblich, die Pfeilermasse des irrig „Porta Naissitana" 
getauften Tores stimmen schlecht mit der Wirklichkeit, auch existiert nicht der „Zitni Potok", 
welcher, flösse er an jener Stelle, den Zweck der zwischen ihm und der „Zlatna Reka" 
erscheinenden Mauer unenträtselbar gestalten würde. (Vergl. A. J. Evans, Antiqu. Res. 
in llliricum, Archaeol. Res. XLIX, S. 157 ff.) 



Von Kursumlija durch die Kosanica, Ptista Rcka usw nach Leskovac 327 

Übersiedelte. Dass ihr Boden fruciitbar, zeigt der ältere Name des NO. von 
Zlata liegenden Dorfes und lierabkommenden „2itni potok" (Weizenhach); dass 
er vor dem Exodus auch stark bewohnt war, beweisen zahlreiche altserbische 
Ortsnamen, Ruinen, Traditionen und Mythen. Auch der romantische Nationalheld 
Marko lebt hier in Liedern und an bestimmte Orte geknüpften Sagen fort. Die 
sitzartige Aushöhlung am Crveni Breg und das Loch für den Streitkolben eines 
mächtigen Riesen bei Statovac spielen ihre Rolle im Legendenkreise vom 
Königssohn. 

Am Ursprung der Bucumetska Reka steht unter dem 956 m hohen Zahac 
ein altes Kirchlein, auf dem Mrvez polje eine malerische Ruine mit halbzerstörten 
Bildern von Heiligen, zu Obrazda am Majkovacki potok eine dem gleich- 
namigen Flurenpatron dieser Gegend geweihte, nur durch das Altarfenster erhellte 
Kirche. Auf dem Golubac bei Ivanje, beim Maciner „Heiligenwasser" und 
N. von Bublica sieht man ebenfalls vielbesuchte Heilstätten und crkvista. Unter 
den alten Dörfern gibt es das genannte Crkvina (Kirchdorf), Bogojevac 
(Gottesdorf) usw. Dies alles bekundet den frommen Sinn der dem Albanesen- 
druck gewichenen slavischen Bevölkerung. In der schwersten Prüfungszeit für 
das rasch bis zur Vereinigung der Konjuvska mit der Golema Reka arnautisierte 
Pusta Reka-Westgebiet nuissten seine wenigen Christen auf allen religiösen Kult 
verzichten. Zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten bestieg ein mutiger Pope die 
höchste Petrova-Gora-Spitze, schwang dort ein Kreuz nach den vier Himmels- 
gegenden und rief: „Damit ist jeder Geborene getauft, jedes Paar vermählt, jedes 
Grab gesegnet!" 

Als ältestes Serbendorf der Pusta F^eka gilt Dragovac, auf dessen aus- 
gedehnter Hochebene traditionell die von Kosovo flüchtenden Christenscharen 
den nachdrängenden Türken eine letzte unglückliche Schlacht lieferten. Das lange, 
blutige Rmgen zog sich bis zum später entstandenen nördlichen „Bojnik", daher 
sein Name „Schlachtort"; die Arnaulen nannten ihn „Buje". Für die Arbeits- 
tüchtigkeit dieser ethnographisch hochinteressanten Rasse sprach in dem durch 
reiche Kulturen und kleine Waldpartien ausgezeichneten einstigen albanesischen 
Hauptorte der Pusta Reka die schon 1859 von Hahn gerühmte Schönheit ihrer 
Häuser, Gärten, Kleider, Waffen und Pferde, auf welchen sie die überraschendsten 
Reiterkünste ausführten. Fr hob aber auch die freche Zudringlichkeit ihres jungen 
Nachwuchses und das stark entwickelte Hochgefühl dieser Bauernaristokraten 
selbst gegenüber christlichen Reisenden von hohem amtlichen Range hervor und 
Hess das schlimme Verhältnis dieser Abkömmlinge der alten Illyrer zu ihrer 
Zehentpflichtigen Rajah erraten. Besser lernen wir es kennen durch gerade zu 
Bojnik in frischer Erinnerung fortlebende Traditionen. Denn dort empfand 
nicht allein der serbische Christ, sondern auch der herrschende Türke den 
unbeugsamen albanesischen Geist. In Bojniks festem Konak und in einer 
wahrscheinlich aus antikem Material erbauten starken Kula sassen die türkischen 
Grundherren Abdur Rahman und Ali Alijatja, weithin bekannt durch gleich grossen 
Reichtum wie gewalttätigen Sinn. Jeder Reiter sollte vom Pferde absteigen, wenn 
er an ihren Sitzen vorbeizog. Die über diese Zumutung erbitterten Arnauten 



328 Von Kursumlija durch die Kosnnica, Piisfa Reka usw. nach Leskovac. 

töteten beide; ihre Kinder rettete eine mitleidige Serbin vor gleiclieni Lose. 
Seibstverständiicii iiätte unter dem arnautisciien Drucke zu [k)jiiik an den 
beabsiciitigten Bau der von Zivanovic entworfenen, auf 29000 d veransclilagten 
Kuppelkirciie nicht gedacht werden können. 

Die kriegstüchfigen Amanten leisteten 1878 dem Vordringen der Serben 
auch in der Pusta Reka energischen Widerstand. Am 18. und 19. Dezember 
wurden sie aber aus Brijanje, Kacabac und Pridvorica vertrieben, und bald 
mussten sie auch Bojnik räumen, dessen Kuia und Moschee zerstört wurden. 
Erst am 25. Januar aber erfolgte nach einem blutigen Gefechte bei Slisane ihr 
Rückzug über die Petrova Gora nach dem Djak Brdo. Den Flüchtenden folgten 
bald ihre Weiber und Kinder mit der beweglichen Habe. Rasch ging es nun 
an die Besiedelung der verödeten Orte durch Zuzügler aus den verschiedensten 
serbischen Gebieten. An der westlichsten Pusta Reka -Quelle entstand damals 
unter dem 1258 m hohen Sokolovac das erste Montenegrinerdorf Novo Vlase, 
bei Gornje Brijanje das neue Dorf Kosancic durch Banater Serben, deren Frauen 
für tugendhafter als ihre Mädchen gelten, was die schon berührten Verhältnisse 
erklären. 

Der an der unteren Pusta Reka von ihren alten Bewohnern gesprochene 
Dialekt gleicht jenem des angrenzenden Leskovacer und Niser Flachlandes, 
während der an der oberen Toplica gesprochene vom Krusevacer nur wenig 
abweicht. Charakteristisch ist der häufige Ausgang der Ortsnamen auf „ce", der 
vierten Endung, statt ersten auf „ci". Philologen, welche serbische Dialekte aus 
Nord und Süd studieren wollen, finden in der Pusta Reka und Medvedja alle; doch 
müsste dies bald geschehen, bevor sie durch enges Mit- und Durcheinandericben 
ihre Eigentümlichkeiten einbüssen. 

Südlich von Bojnik bot die weitgedehnte Hochebene „Mrvez" — das 
gleichnamige Dorf der österreichischen Karte traf ich verödet — einen höchst 
instruktiven Ausblick auf die das Pusta Reka-Gebiet umrandende, prächtige Buchen 
und Eichen tragende nordwestliche Pasjaca mit dem 896 m hohen Orlov Kamen, 
ferner auf die westliche, 1452 m erreichende Radan Planina, deren Buchen- 
forste gut erhalten sind, auf die südwestliche, 1172 m hohe, zweigipfelige 
Petrova Gora, welche stellenweise dichte Eichenwälder bekleiden, südlich auf 
den nur 620 m hohen, von der Rafunska (721 m) überragten Kurmuszug im 
Medvedjatal, der gegen die NO. auftretenden hohen Suva Planina-Kuppen sehr 
zahm erscheint. Nachdem ich das interessante Profil krokiert, ging es SO. weiter 
durch von mächtigen alten Eichen überschatteten jungen Laubwald und schöne 
Maiskulturen zur Preko pcelica. Zwischen diesem Bache und der westlichen 
Caricina (arnaut. „Starisina") liegen bei Svinjarica die Reste einer römischen Feste. 
Ihre Anlage, nur 10 Millicn vom Zlataer Kastrum, erklärt ein von Vicianum in 
das mittlere Nisavagebiet führender antiker Pusta Reka-Strassenzug, der Bojnik 
berührte und es zum wichtigen Wegpunkt gestaltete. Die Ruinen einer anderen 
römischen Feste mit Warmbad, am Punkte „Padina"(?) in der Petrova Gora, 
wo angeblich der Steintorso einer Brunnenfigur gefunden wurde, empfehle ich 
gleichfalls zur näheren Erforschung. 




Bezirksort LebaiiL*; Friuien aus Altserbien; Hotl/.a, l'ope, ürenzwachotliziu-r ; Arnaute üsnian; 

Kirchicin zu Dediö. 



Von Kuräumlija durch die Kosanicn, Pusta Reka usw nacli Leskovac. 331 

Im westlichen Siisane fand ich Milicevics angebliciicn „F'etrovo Jezero" (See) 
nicht; hingegen in Prekopcclica ein wahrscheinlich auf alten Mauern entstandenes 
neues Kirclilein mit halbrunder Altarapside, über dessen Eingang das Bild des 
hl. Nikola prangt. Während wir neben dem hölzernen Glockenturme zwischen 
originell geformten Grabkreuzen im Schatten malerischer Riesenulmen ruhten und 
nur bedauerten, dass nicht ein erquickender Quell diese reizende Idylle vervoll- 
ständigte, erschien der zu meiner Begriissung vom Prokupljer Nacelnik entsendete 
Lebaner Bezirkskapetan Milutin llic in Begleitung zweier Panduren. Unser Weg 
folgte dem Dorfbacli, an dessen im gneisartigen Glimmerschiefer eingeschnittenen 
Bette sich halbwilde Schweine unter wilden Birnbäumen umhertummelten. Die 
Sonne warf ihr rötliches Licht auf die Gräber dreier rechts am Wege erschossener 
arnautischer Heiducken, welche den dichter werdenden Wald auf der Pusta 
Reka-Scluide unsicher gemacht; die wenig anheimelnde Landschaft wurde durch 
einfallende Purpurstrahlen verschönt, und bald ging es auf schlecht tracierten 
Steilkurven hinab in das jenseitige Jablanicatal nach imsereni Ziele Lebane. 

Den Kern des erst im Werden begriffenen Städtchens bildet eine mit der 
hier 45 m breiten Jablanica parallel laufende niedere Häuserzeile, die mit dem 
bescheidenen Bezirksamt endet. Sein Wahrzeichen bilden .zwei Riesenpappeln 
von 10 m Stammumfang neben drei mächtigen Nussbäumen am rechtsuferigen 
Brückenstege. Seit alter Zeit ist Lebane ein Christendorf mit etwa 40 wohlhabenden, 
auf der Höhe zerstreuten Gehöften. 1900 zählte dieser Ort 67 Häuser mit 
460 Einwohnern. In der es beherrschenden, früher türkischen Karaula mit 
hohem Cardak hatte sich Kapetan llic recht anheimelnd eingerichtet imd hiess 
uns seine liebenswürdige Gemahlin Jelena mit gewinnendster Herzlichkeit will- 
kommen. 

Zieht man von der bei Lebane von N. nach S. fliessenden Sumanska reka eine 
senkrechte Linie über Dragovac— Bojnik zum Pasjacagebirge, so erhält man die 
Grenze, von welcher bis zum 2 Stunden NO. von Pristina liegenden Grastica 
früher ausschliesslich Albanesen wohnten. Östlich dieser Linie gab es nur isolierte 
Arnautenorte, westlich keine einzige christliche Niederlassung. Der Arnaute fühlte 
sich seit jeher wohler im waldreichen, dabei fruchtbaren Mittelgebirge, als in der 
topfebenen Fläche. Als die serbischen Truppen im Januar 1878 gegen die 
„Medvedja" vordrangen, schloss sich die Rajah der eroberten „Pusta Reka" ihren 
Stammesgenossen und Befreiern an, um den seit Dezennien gegen ihre moslimischen 
Bedränger aufgespeicherten Hass zu kühlen und das einst ihnen gehörende prächtige 
Weideland zurück zu gewinnen. Die Albanesen verteidigten tapfer jeden Zoll. 
Von Höhe zu Höhe zog sich der erbitterte Kampf. Am 20. Januar nahm Ljuba 
Ivanovic die feindliche Stellung westlich von Lebane zwischen Krivaca und der 
Tekija mit geringem Verlust. Er trieb die Arnauten über die Petrova Gora nach 
Gajtan, am 21. Januar aber von dort nach heftigem Gefecht und bis zum 28. 
fortgesetzten Scharmützeln über Vrtop, Sviliäte und die Madan F^lanina gegen 
die Ivanova Kula zurück. Gleichzeitig ging die von Lazar Jovanovic befehligte 
Abteilung gegen den SW. von Lebane liegenden Crni Vrh vor. Die dort verjagten 
Arnauten ralliierten sich bei Macedonci an der Medvedja, wurden aber am 



332 Von Kursumlija tiiircli die Kosanica, Pusta Reka usw. nach Lcskovac. 

2. Februar geschlagen und zersprengt. Die Serben beklagten 5 Tote und 32 Ver- 
wundete, unter letzteren den Offizier Jevdjenije Jurisic (Eugen Sturm). 

Der abgeschlossene Waffenstillstand machte dem in Niederbrennung der 
widerstrebenden Arnautenorte und Verjagung ihrer Bevölkerung ausartenden Kampfe 
kein Ende. Wiederholt drangen, während in Berlin über das Schicksal dieses 
allmählich verödenden Gebietes verhandelt wurde, Arnauten in dasselbe ein. Am 
7. Juni überfielen sie ein serbisches Detachement bei Lapastica und töteten 
den Offizier Dragutin Arandjelkovic aus Pozarevac; die Serben blieben die 
Antwort nicht schuldig. So entwickelte sich ein fortgesetzter kleiner Krieg mit 
gegenseitigem Totschlag und Viehraub, der selbst nach der Aufrichtung des 
serbischen Blockhauskordons entlang der im Berliner Vertrage festgestellten Grenze 
unausgesetzt fortwucherte. Neben der von Belgrad mit grossem Eifer betriebenen 
Neubesiedelung der verlassenen Ortschaften des Toplicaer Kreises versuchte 
man serbischerseits endlich die im ersten Übereifer vertriebenen Arnauten in ihre 
alten Wohnsitze zurückzuführen. 

Am folgenden Morgen machte mich der pünktlich eingetroffene Nacelnik 
in der kleinen Lebaner „Kafana" mit dem am Vortage dahin geladenen Haupt- 
vermittler in der schwierigen Reiseangelegenheit bekannt. Dieser Vollblut-Arnaute 
Sajid, unter dessen moralischem Schutze wir den stark verrufenen Lebaner 
Albanesenbezirk besuchen sollten, war der älteste, damals etwa sechzigjährige 
Sohn des kurz zuvor verstorbenen hundertjährigen Osman Saliovic. Im nahen 
Lapastica geboren, wo seine Familie althergebrachtes Ansehen genoss, kämpfte Sajid 
1878 gegen die eindringenden serbischen Truppen am Crni Vrh, wobei er den 
rechten Zeigefinger verlor und über Vranja emigrierte. Vor die Wahl gestellt, als 
Feind Serbiens auf albanesischem Boden zu vegetieren oder als Untertan des 
Königs Milan sein väterliches Erbe unverkürzt wieder zu erhalten, entschied er sich 
für das letztere und wird seither allgemein als Chef der durch ihn und mit ihm 
in das Königreich zurückgekehrten Arnauten betrachtet. Obschon Sajid keinen 
systemlsierten Militär- oder Zivilposten bekleidet, er ist nur „Pocastni", Titularoffizier, 
erhält er einen Monatsgehalt von 92 Dinaren, auch ist ihm das Tragen seiner 
türkischen Uniform mit Tscherkeska und Säbel gestattet. Von Sajid erfuhr ich, 
dass die zurückgekehrten Arnauten ziemlich ruhig die Orte: Vrabce (5 Gehöfte), 
Svirce (40 Gehöfte), Radinovac (16 Gehöfte), Lapastica (3 Gehöfte), Kapit 
(22 Gehöfte), Tupale (35 Gehöfte), Sijarina (30 Gehöfte), Radevci (20 Gehöfte), 
Ravna Banja (20 Gehöfte), Grbavci (13 Gehöfte) und Vlase (14 Gehöfte) 
bewohnen. Ausser dem Drvodelja (5 Gehöfte) gibt es auch in Nis und Leskovac 
etwa 30 arnautische Familien. Alles in allem sollen nach Sajids etwas hoch- 
gegriffener Schätzung 4000 Albanesen in Serbien leben. 

Ich sagte Sajid einige verbindliche Worte und begrüsste sodann den zum 
Führer unserer Eskorte berufenen potporucnik (Leutnant) VukojeTodorovic. Er wurde 
mir vom Nacelnik als „Hauptteufel" vorgestellt, der furchtlos, ganz allein durch die 
Arnautenberge reite und beim Inspizieren der langen Grenzkordonlinie schon so 
manchem allgemein gefürchteten Heiducken den Lebensfaden gekürzt. Wenige 
Wochen zuvor wurde aus sicherem Hinterhalte zweimal auf ihn vergeblich 



Von Kiirsiiiiilija durch die Kosanica. Pusta Reka usw. nacli Leskovac. 333 

geschossen. Er gilt als kugelfest und scheint ganz aus dem Stoff, iiiii bald in 
Volksliedern gefeiert zu werden. Den interessanten Kreis vergrösserten der 
Rittmeister a. D. Petar Rajkovic, der gleichfalls aus Ungarn stammende Postmeister 
Panta, den das radikale Regiment vom fretuullichen Cacak, wo ich ihn 1888 traf, 
in dieses „elende Nest" versetzte, dann ein martialischer Montenegriner, der hier 
im süssen Nichtstun eine kleine Pension verzehrt. 

Gegen Mittag meldete der elastische potporucnik Vukoje, es sei alles zum 
Aufbruche fertig. Der Nacelnik und Sajid ritten an der Tete; der Kapetan zog es 
vor, die Tour im Wagen zu machen und bot mir den Ehrensitz an. Valenta und 
Vukoje mit ihrem Dutzend Gendarmen und Panduren schwärmten um uns her. 
Westlich von Lebane betraten wir das Tal der Medvedja, das, im Beginne schmal, 
sich allmählich erweitert und auf beiden Ufern von prächtigem Kulturland, 
triftenreichen, auch hübschen Laubwald tragenden Höhen bekleidet wird. Nach 
zweimaliger Querung des Flusses erschien das alte Christendorf Silovo, das als 
wohlhabendstes im weiten Umkreise gilt. Seine ausgedehnten Felder und Wiesen 
umhüllen herrliche Nussbäume, Linden, wilde Ölbäume, Kornelkirschen, Weiden, 
Christusgrün (Hristovina) usw. Der hier trefflich gedeihende, 2,5 m hohe Hanf 
lag teilweise, flossartig geschichtet und luit Steinen beschwert zur Erweichung 
im Bachbett, oder stand schon in langen Zeltreihen zum Trocknen am Ufer 
aufgestapelt. Allerorts tummelten sich fleissige Leute, auch vor den Ziegelöfen, 
welche die „ceramidi" (Rundziegel) liefern, die das frühere dichte Strohdach dieser 
Gegend allmählich verdrängen. Bei dem von Lebane 8 km fernen, durch sechs 
serbische Familien aus der türkischen Kriva Reka wieder besiedelten Radinovac 
stiessen wir auf die ersten arnautischen Häuser. Ihre Bewohner stammen, wie 
alle zurückgekehrten Albanesen, von dem grossen Fis (Stamm) Sob und Krasnic 
bei Djakovo in Altserbien. Sein grosses Ansehen geniessender Chef Suleiman 
Aga residiert in Pristina auf dem Aniselfelde. Soviel ich bemerken konnte, 
reinigten die arnautischen Frauen mit serbischen im besten Einvernehmen gemeinsam 
ihre Wäsche. Die vorbeiziehende bunte Kavalkade erregte ihre Neugierde; doch 
die unverschleierten moslimischen Damen blickten ihr nur verstohlen nach. 

Am Ursprünge des ein Dutzend Mühlen treibenden rechtsuferigen Zabrdjski 
potok steht unter dem 721 m hohen Rafunski Vis, bei Lapasticas Moschee, 
Sajids grosses Gehöft. Als trefflichster Kenner dieser Gegend machte er mich 
am Bacheinfluss auf Reste eines Turmes aufmerksam, welcher zweifellos das 
Vorwerk des antiken Kastells bildete, dessen noch teilweise meterhohe Mauern 
von Bruchstein und grossen Ziegeln auf der südöstlichen Höhe stehen. Die 
Anwohner glauben, dass auch das zerstörte Kirchlein des jenseitigen serbisch- 
arnautischen Rajinkovac zum „grad" gehörte (?). Bei einem crkviäte, deren 
es hier in Menge gibt, schlössen sich zwei Sajid befreundete arnautische Reiter 
in stark verbrauchten malerischen Kostümen unserer Eskorte an. Gleich darauf 
wurde diese durch eine Cefa Fussgänger vermehrt, die ein Montenegriner befehligte. 
Die flink kletternden, meist jungen Burschen hatten den im schlechtesten Rufe 
stehenden Crni Vrh an unserer Route abgestreift, doch nichts Verdächtiges gefunden. 
Wir reisten nun „paäajiäte" mit eineiu Geleite von dreissig Gewehren. 



334 Von KurSumlija diircli die Kosanicn, F'iista Reka usw. nach Leskovac. 

Etwa 4 km weiter gewann die Landschaft wildromantiscliL-n Ciiarakter. Die 
Kulturen wurden seltener, nur manclimal sehr komisch aussehende, das abgemähte 
Gras tragende Bäume, weidende Schafe und Ziegen; bald aber mehr steiniges 
Terrain, dessen nackte Sandsteinklippen das Bachbett auf einer kurzen Strecke stark 
verengten und vertieften. Einige von den Gendarmen hier in den smaragdnen 
Spiegel geschleuderte Dynaniilpatronen zeigten, wie fischreich die Medvedja; 
kleinere und grössere Barben, krkuske, skobalje, kleni usw. füllten in wenigen 
Minuten ihre bissage. Unser Wagenlenker nahm mit grösster Bravour die steilsten 
Uferhänge und brachte uns auch heil durch die oft klippenvollen Furten, deren ich 
bis zum Einflüsse der Grabovnicka reka über zwanzig zählte. An ihren 12 km 
fernen nordwestlichen Quellen bei dem schon vor 1889 durch 30 montenegrinische 
Familien neubesiedelten Gajtan stand unter dem Gipfel der Petrova Gora, auf 
einer von Laubwald umschlossenen kleinen Ebene, die ansehnliche Kirche eines 
dem hl. Petrus geweihten Klosters, dessen Mönche es wegen der fortgesetzten 
arnautischen Brandschatzungen verliessen, nur die Grundmauern und ein Brunnen 
blieben. 5 km südlicher sieht man am Zusammenflusse zweier westlicher Medvedja- 
bäche unterhalb Drajinci in 500 m Höhe die Ruine eines Römerkastells, das 
mit vielen anderen, früher ungekannten, zum Schutze eines wohlkombinierten 
Wegsystems gehörte, über welches ich mir am nächsten Tage volle Klarheit 
verschaffte. Erst abends erreichten wir den vom Gasthause und der Schule 
gebildeten Kern des neubesiedelten, jetzt Medvedja genannten Dedic. Vor 
und in der einzigen, von Tabaksqualm und Rakijadünsten erfüllten Stube seiner 
kleinen Mehana hatte sich ein wirrer Nationalitätenknäuel zu unserer Begrüssung 
eingefunden. Jeder wollte den Nacelnik sehen, ein Anliegen vorbringen. Die 
meisten wurden „auf morgen" vertröstet. Widerstrebende schoben die Panduren 
einfach zur Tür hinaus; nur die Gemeindevorsteher durften bleiben. Der 
etwas laut geführten, verschiedenste Verhältnisse der neuen Ansiedler streifenden 
interessanten Unterhaltung entnahm ich, dass diese noch immer nicht gefestet waren 
und der Behörde viel zu tun blieb, um Besitzansprüche, Grundablösungen usw. 
zu ordnen. 

Als der wissenschaftliche Pionier v. Hahn 1858 in Dedic notgedrungen Halt 
machte, weil sein arnautischer Protektor Rani Buco behauptete, die argwöhnischen 
Sijariner würden ihn kaum unangefochten durch ihr Gebiet ziehen lassen, ahnte 
er sicher nicht, dass die Ortsmoschee zwanzig Jahre später den Serben als Schule 
dienen werde, und als ich auf Wunsch meines verewigten Freundes die zweite 
Ausgabe seiner „Reise von Belgrad nach Salonik" 1868 mit Noten edierte, hätte 
ich gleichfalls — obschon niemals an eine lange Dauer des Türkenregiments in 
Europa glaubend — nicht gedacht, dass es hier so rasch enden und ich selbst 
1889 im einzigen Gebäude schlafen werde, das den Untergang des stolzen 
Arnautenhorstes Dedic überlebte. Nun wohnt in der einstigen Moschee eine 
mutige Lehrerin, die Medvedjas jungem Nachwüchse das elementarste Wissen 
beibringt. Ohne ihre Gastfreundschaft hätten wir die Nacht in der unsauberen 
Mehana zubringen müssen — Gott vergelte der braven Uciteljica (Lehrerin) die 
erwiesene Wohltat! 



Von Kuräumlija durch die Kosanica, Pusta Reka iisw nach Leskovac. 335 

In frühester Morgenstunde staute sich schon vor der Mehana eine bunte 
Menge, Bittsteller aller Art, Albanesen aus Kapit, Männer von der türkischen 
Pcinja, die im südöstlichen Drvodeija, mit Arnauten gemengt, angesiedelt wurden, 
Staresiiias der 50 Pecer Hauskonimunionen, an die man das verödete Dedicer 
Territorium verteilt hatte. Für letztere sprach ihr Pope, der Insurgentenführer 
Radoslav Stefanovic, der im April 1883 den Exodus 150 serbischer Familien des 
Pecer Bezirks geleitet, in dem sich die alte Patriarchenstadt Ipek und das 1890 
durch die Arnauten hart mitgenommene Kloster Decani befinden. Da die Spahis 
den Wegzug ihrer christlichen Kolonen gewaltsam verhindert hätten, musste dieser 
vorsichtig bewerkstelligt werden. Die Emigranten nahmen nur ihr wertvolles 
Grossvieh mit, verbargen sich am Tag in den Wäldern, marschierten bei Nacht 
und erreichten erst nach qualvoll verlebten vier Tagen die serbische Grenze. 
Dies und mehr erzählte mir mit feuriger Sprache und drastischen Details der aus 
Mali Djurdjevic stammende Pope, dessen zadruga 24 Köpfe stark und doch nicht 
die grösste ist, denn einzelne zählen 30 Seelen. Gern folgte ich dem energischen 
Manne zu seinem Kirchlein, das König Milan 1888 auf der linksuferigen Hohe 
mit Benutzung eines alten crkviste auf eigene Kosten herstellen liess. Etwas 
nüchtern aussehend, bildet es trotzdem, namentlich am Spasovdan-Sabor (Christi 
Himmelfahrtstag), den weithin sichtbaren Anziehungspunkt für die vielen ihm 
zugepfarrten Weiler der Umgebung. Gegenüber liegt das stattliche weisse Popenhaus 
hoch bei Kapit, über dessen gutbebauten Einschnitt der Dukatski Vis (827 m), 
weiter nach S. die trachitischen waldreichen Berge von Tu pale und Sijarina 
erscheinen. 

Unten, wo die Lapastica im breiten, fruchtbaren Plane in die Medvedja 
mündet, soll die altserbische Stadt Dibocica gestanden haben, deren Bewohner 
nach einer verlorenen Schlacht hinaus zur Morava flüchteten, wo sie das gleichfalls 
„Dibocica" genannte heutige Leskovac gründeten. Diese Sage steht wahrscheinlich 
in Beziehung zu dem von Kaiser Manuel nach heftigen Kämpfen mit den Serben 
ihrem Gross-2upan 1149 überlassenen „Glibocka" im Veternicatale. i) Meine 
Nachforschungen ergaben einige hundert Schritte vom Schulhaus auf dem rechten 
Ufer der Lapa§tica ein weit gegen N. und W. in die Schlucht sich dehnendes 
Ruinenfeld mit Substruktionen eines römischen Kastrums, zwischen dessen starken 
Wallmauern und Gebäuderesten allerorts antike Deckplatten zum Vorschein kamen. 
Dort befand sich jedenfalls die grösste, durch Kastelle auf der nahen Harzovina 
und auf dem 14 km fernen Zubni Vis geschützte römische Ansiedelung des 
Medvedjatals. 

Während meiner archäologischen Exkursion hatte der Nacelnik, ähnlich den 
montenegrinischen Wojwoden, unter einer schattigen Linde zahlreiche Anliegen 
erledigt und lange schwebende Streite im kurzen Wege geschlichtet. Ich sah, 
wie er einem um Land bittenden armen Montenegriner den Stempel seines 
Gesuchs zurückstellte, weil es dessen nicht bedürfe, welch humanen Zug die 
Umstehenden mit gleich grosser Genugtuung bemerkten, wie die zum Abschied 



') Jire£ek, Handelsstrasse, S. 32. 



336 



Von Kuräumlijn iliiicli die Kosanicn, Piista Rcka iisw nacli Leskovac. 



an die Slrazari (Karaulwächter) gerichtete ernste Maiinimg, sich streng an ihre 
Dienstvorschrift zu halten, sich nie in die Angelegenheiten der Bevölkerung zu 
mengen und dieser keinen Anlass zur Klage zu geben, da er sonst unnach- 
sichtiich Schuldige entlassen müsste. Zur Aneiferung ernannte er, auf Vukojes 
Empfehlung,, einige im letzten Kriege dekorierte diensteifrige Leute zu Buljukbaäen 
für mehrere neue Karaule. Der Nacelnik schien durch das anhaltende Sprechen 
etwas ermüdet und glücklich, als wir das zum Forum avancierte Medvedje im 




Montenef^rinerinnen, ein Fort verproviantierend. 



Rücken hatten. Als wir 3 km weiter die Banjska reka bei Macedonci gekreuzt, 
begrüssten uns die Staresina von 4 Pecer und 16 aus Darkovac an der 
Vlasina dort angesiedelten serbischen Familien. Das bald sich verengende und 
wieder erweiternde Tal behielt den gleichen landschaftlichen Charakter: einzelne 
Nussbäume, Riesenpappeln, Weiden am Bache, und auf den Höhen armselige 
Arnautengehöfte. in der bunt zusammengewürfelten Staffage fielen die montene- 
grinischen Frauen durch Behendigkeit auf. 

Zwei weitere Kilometer brachten uns beim arnautischen Vrapce an die 
Einmündung der Mrkonjska reka, welche zur Türkenzeit die Grenze zwischen den 



Von Kursumlija durch die Kosnnica, Pusta Reka usw. nacli Leskovac. 



337 



Mudirliks Leskovac, Gilan und Pristiiia und schon unter der Römerherrschaft 
einen wichtigen Strassen -Gabelpunkt bildete. Der in seiner antiken Trace 
stellenweise erhaltene, von Turres (Pirot) über Leskovac und Lebane, zwischen 
den Kastellen bei Radinovac und Popovac an der Sumanska reka laufende 
Hochweg führte von Vrapces Kastell an der Tularska reka, geschützt durch Befesti- 
gungen auf dem 750 m hohen Brajinski Vis und dem Mrkonj (1045 m), W. nach 
Vicianuin (Pristina), mit seinem südlichen Zweige aber, unter den vier Kastellen 
bei Sijarina und Svirce, zu den Thermen und Eisenwerken von f-^avna 
Banja und zum durch seine reichen Gold- und Silberminen bis ins Mittelalter 
berühmt gebliebenen Novo Brdo. Nach allem besass das Medvedjagebiet in 




Ruine Ravna Banja. 



seiner antiken Epoche eine starke autochthone Bevölkerung, die einst von vielen 
Römerfesten, wie heute die arnautische durch türkische Karaule, im Zaume 
gehalten wurde. Die Details für vorerwähnte antiken Wege erhielt ich von Vukoje 
und Sajid, den trefflichsten Kennern des Jablanicagebiets; die Kastelle an der 
Banjska reka aber berührte ich selbst auf unserer in ihrem SO. streichenden 
Defilee fortgesetzten Reise. 

Die an einigen Punkten wildromantisch aneinander gerückten bewaldeten 
und felsigen Ufersporne zwangen uns, die über ihr klippiges Bett hintosende, 
prächtig klare Banjska reka bis zum berühmten „Sijarina banja" achtmal zu kreuzen. 
Hoch aufsteigender Wasserdampf verriet fern schon den Ausfluss seiner heissen 
Quellen. Zuerst kamen wir in der eiförmigen, von herrlichstem Waldgrün 
umrahmten Talausweitung an die Ruine eines N. nach S. gerichteten türkischen 
Bades. Nur 20 m lang, 7 m breit, Hesse sich das technisch der Prokupljer 
Incar-Moschee gleichende Gebäude mit sehr zierlichen Spitzbogen -Eingängen 

F. KANITZ, Serbien. M. 22 



ol5iS Von Kiiisiimlija durcli die Kosanica, Piista Reka usw. iiaLli Lcskovac. 

dIiiic grosse Kosten leicht wieder herstellen. An seiner Südmauer lehnte ein 
kaum 3 m langer Vorbau, aus dem das heisse Wasser, durch einen kalten Zufluss 
gemildert, in den Baderaum für Männer mit 5,75 m breitem quadratischen 
Bassin, und durch ein 6 m langes Zwischengemach in das nördliche, runde 
Frauenbad von 5,75 m Durchmesser geleitet wurde. 80 Schritte südlicher bricht 
auf dem rechten Banjskaufer, hart am Bache, ein mächtiger Quell unter heftigem 
Gebrause hervor, der Eier in 20 Sekunden weich siedet. In seiner Nähe ist 
alles mit Kalkmilch bedeckt und versintert; 40 Schritte weiter entspringt auf dem 
linken Ufer eine dritte, weniger heisse Quelle. 

Im südlicheren, vielgekrümmten Engdefilee steht auf zur Banjska steil 
abstürzendem, 690 m hohem Kalkzylon eine pittoreske Kirchenruine mit an der 



Qrundriss der Kirchenruine bei Sijarina. 



Südfront noch 6 m hohen und 1 m starken Mauern. Den Portalsturz ihres in 
das 15 m lange, 6 ni breite Schiff eingeschlossenen Narthex tragen zwei 
mächtige Steinpfeiler. Auch der 1 m breite Sockel besteht aus Quadern, und 
solche wechseln im ganzen Bau mit ein- und mehrfachen roten Lagen von meist 
36X28 cm grossen Backsteinen. In besonders schöner, rhythmischer Wirkung 
erscheint diese byzantinische Technik an der pentagonalen Altarapsis, deren 
halbkreisförmiger Innenraum durch ein 1,80 m hohes, 0,80 m breites Fenster sein 
Licht erhielt. Das prächtige Monument stand, wie ich bei näherer Untersuchung 
des Plateaus fand, im Mittelpunkte eines bis auf die Rudimente verwüsteten 
antiken Kastells, das mit einem westlichen, nur 5 km fernen die gewiss von den 
Römern benutzte nahe Therme und die über Svirce nach Janjevos Minendistrikt 
führende antike Strasse schützte. 

Gleich unter dem Ruinenfelsen traten wir hinaus auf die schöne, taufrische 
Hochebene mit dem weissen Hodzahaus und der zierlichen Moschee, die König 



Von Kursuiiilija durch die Kosanicn, Piista Rek.n usw. nacli Leskovac. 



339 



Milan dem Jahiaiiicaer Arnautenbezirke zu Sijariiia aus eij^encn Mitteln erbaute. 
All der Stelle des abwesenden Mehiiied Hodza hielt sein Sohn den Freitags- 
Gottesdienst, welcher Vertreter aller nahen niosliniischen Orte hier zusammenführte. 
Ihre „Gjobaren" (Ältesten) begrüssten uns freundlich in der rasch mit Teppichen 
und Sitzkissen ausgestatteten Vorhalle. Der Nacelnik sprach die Vornehmsten 
an, Sajid machte den Dolmetsch; so hörten wir, dass es zwischen den in fort- 
währenden Grundstreiten miteinander befindlichen Amanten von hüben und 
drüben am Tage zuvor zu einem ernsten Scharmützel kam. Die serbischen 



LLLQJ b 




MM 
MI 

Umm 

= MI 

Sjlil 





Ziegelnuisleruiig vom Sockel und von der Kirclienapsis bei Sijarina. 



Amanten lagen im Hinterhalt, um den türkischen das ihnen von der Weide 
abgetriebene Vieh wieder abzujagen, wobei Schüsse gewechselt wurden und 
einer der erkannten Räuber fiel. Der Nacelnik suchte beruhigend einzuwirken 
und versprach, den Fall mit dem Pristinaer Kajmakam auszutragen. Ähnlich 
wird es sich mit dem viel Staub aufwirbelnden Arnauteneinfall bei der südlicheren 
Karaula Crna Cuka, der zum Kampfe zwischen türkischen und serbischen Regulären 
führte, am 14. Juni 1899 verhalten haben. 

Im auf andere Verhältnisse geleiteten Gespräche wurde der Wunsch nach 
einer besseren Schule laut, die man, sobald der junge Leskovacer Hussein Suleiman 
Babic vom Niser Lehrerseminar heimgekehrt, gründen wolle. Man sieht, der 

22* 



;j4ü 



Von Kursuinlija durch die Kosanica, Pusta Reka usw. nach Leskovac. 



serbische Arnaute ist schon biidungslustig, obgleich aucii er die Vorliebe für 
das Waffenhandwerk mit allen seinen Stammesgenossen teilt. 

Die prächtige Hochvviese, auf welcher unter jungen Weiden ein ganzer 
Hammel für uns gebraten wurde, bot ein Bild voll Leben und Farbe. Das 
kleidsame Kostüm, die rote, oft goldgestickte, die Brust vollkommen deckende 
Weste (dzamadan), die braune oder gelbe, weitgeschnittene Abatuchhose, die 
gleichfarbigen Gamaschen (desluk), der rote Leibgürtel (silaj) für Handschar und 
Pistolen, das rote Fes mit lose umwundenem heilen Tuch oder weisse Kopf- 
mützchen (celepus), hob die elastischen, oft kraftigen Gestalten, in deren Mitte 
wir, auf Teppiclien gelagert, das durch Topfenkäse, Eier, Brot luid Rakija vervoll- 



-.J-^ 




v$%m 









Die von König Milan erbaute Moschee zu Sijarina. 



ständigte Mahl uns trefflich munden Hessen. Während der dieses abschliessende 
Mokka gereicht wurde, bereitete uns Sajid ein höchst interessantes Intermezzo. 
Pfeifer und Pauker stimmten eine schrill tönende kriegerische Melodie an. 
Die am schattigen Waldsaum gelagerten Männer gruppierten sich rasch zu einem 
koloartigen Reigen, in dessen Zentrum Sajids herkulischer, 185 cm hoher Bruder 
Hussein mit dem zum Zweikampf aufgeforderten Gegner traten. Nach gegen- 
seitigen höhnischen Zurufen zogen sie ihre Handschare blank und nahmen unter 
getanzten Tempi die Klingen wechselnd in den Mund, bald in die Hand. Die 
Musik wurde immer heftiger und die von ihren roten Dolamaärnieln, gleich 
griechischen Clamis, umflatterten Kämpfer rückten sich, mit katzenartigen Sprüngen 
geschickt der gegnerischen Handscharspitze ausweichend, stetig näher, bis zuletzt 
der scheinbar getroffene Hussein auf den Rasen hinsank und der Sieger ihm 
sein Messer an die Kehle setzte. Das Aufregende dieses von mordiustigen 
Pantomimen begleiteten, in einzelnen Kampfstellungen an klassische Fechter- 
skulpturen mahnenden „Handschartanzes" ist schwer zu schildern. Allgemeiner 



Von Kiirsiiiiilija durch die Kosanicn, Piista Rckn usw. nach Leskovac. ^41 

lauter Beifall beloiiiite beide stark erhitzte Kampfer. Wer dieses Schauspiel 
aber gesehen, begreift die Bewunderung, welche die im letzten thessalischen 
Kriege bewiesene Todesverachtung dieser Amanten den fremden Militärattaches 
abzwang. „Ich kenne," äusserte Grumbckow Paäa, „nichts Vollkommeneres als 
den preussischen Soldaten. Aber allen Respekt vor diesen Albanesen, wenn sie 
im Granatenhagel der Griechen singend wie zum Tanz auf die Wälle klettern." 

Nachdem wir dem Gemeindevorstand für den freundlichen Empfang gedankt 
und die Bewirtung aus dem Hodzahause mit einem entsprechenden Geldgeschenk 
erwidert hatten, machten wir noch einen Ausflug nach dem zur fernen Pfarrkirche 
Prekopcelica gehörenden Ravna Banja, wo drei Stollen und Schlackenhalden 
auf einen alten Hüttenbetrieb hinweisen. Er befand sich am Nordhange des 
erzreichen Gebirges, dessen Kamm hier die Grenze zwischen dem Königreich 
und Altserbien bildet. 

Nur 10 Kilometer Luftlinie trennen die serbische Lisacka-Karaula auf der 
1193 m hohen Kitka von dem berühmten „Novo Brdo", aus dem das schon 
von Plinius gerühmte „auruni dardanicum" stammte. Ein volles Jahrhundert vor 
der türkischen Eroberung (1441 und 1455) zählte Novo Brdo zu den berühmtesten 
Städten Europas. Gewiss befand es sich unter den „gemischten", sowohl Gold 
wie Silber enthaltenden Bergwerken, von welchen der französische Mönch Brocard 
1332 berichtet. Die altserbischen Regenten, und besonders Djordje Brankovic, 
zogen den grössten Teil ihres Einkommens aus dieser mit Janjevo und Kratovo 
an Ragusa verpachteten und durch Deutsche (Sachsen, sasi) betriebenen Mine. 
Der die Türkei durchziehende Vertraute Philipps von Burgund, Bertrandon et la 
Broquiere, hörte 1433, dass sie jährlich einen Reinertrag von 200000 Dukaten 
liefern. Ebenso behauptete der Byzantiner Kritobulos 1453, dass Gold und Silber 
zu Novo Brdo frei am Tage lägen. Bald darauf (1466) wurde aber die katholische 
„Sachsenkirche" in eine Moschee verwandelt und die Rajah-Bevölkerung 1467 
zum Exodus nach Konstantinopel gezwungen.') Mit dem gleichzeitigen Wegzuge 
der vornehmsten ragusanischen Familien verfiel die Stadt. Über ihre Ausbeute 
im 17. Jahrhundert erwähnt kurz Hadzi Chalfa: „In Novo Brdo befinden sich die 
meisten Minenpachtungen der Bergwerksinspektion zu Skopje (Üsküb)." 1859 
fand der Konsul v. Hahn dort nur noch eine serbische neben 15 türkischen 
Familien, und das auf 1104 m hohem Berge thronende starke, auf unzählige 
verraste Schlackenhalden und verlassene Schachte herabblickende Schloss, 
gleich den benachbarten, zum Schutze der reichen Bergstadt erbauten Schlösser 
Priljepac und Prizrenac, als Ruine! 

Auf dem Rückwege nach Medvedja begegnete uns ein vom westlichen 
Svirce herabkommender Beg, dessen gleichfalls reitende Frau mit rotem Feredza 
und weissem Gesichtstuch eine ihren schlafenden Sprössling bergende Wiege 
sorgsam balancierte. Sajid tauschte einige Worte mit dem vorneluncn Stammes- 
genossen. Der unsere ganze Eskoite an hoher Gestalt, prächtigem Kostüm und 
reichem Waffenschmuck überragende Hussein rezitierte das auch im Arnautluk 



') Dani£ic, Rjeinik, S. 170. 



342 Von Kursunilijn clurcii die Kosanica, Pusta Reka usw. nach Leskovac. 

populäre Lied von Anta Bogieevic mit halblauter Stimme vor sich hin. Auf- 
gefordert, ein aibanesisches zu singen, begann er mit einem sein Echo in den 
Bergen findenden langgedehnten, schrillen Oho! das Omer Pasas berühmten Feldzug 
in den vierziger Jahren gegen die arnautischen Rebellen erzählende Epos, wie 
der Wali vom Sultan Abdul Medjic ausser der „Goldenen Bosna" auch die 
Paschaliks Fee und Prizren zum Regieren verlangt, der Sultan aber antwortete: 
„Du bist viel zu gewalttätig mit meinem tapferen Arnautenvolk verfahren, als dass 
ich Dir es anvertrauen könnte!" Das ganze lange, in der auch bei den Albanesen 
gebräuchlichen arabisch-türkischen Sangweise vorgetragene Poem klang in einen 
den arnautischen Unabhängigkeitsdrang von jedem Fremdjoche verherrlichenden 
Hymnus aus, der allerdings nicht ganz zur Stellung passte, in welcher die 
serbischen Amanten, speziell der Sänger, sein Bruder Sajid und der uns nach- 
geeilte würdige Mehmed Hodza, sich befanden. 

Kurz vor Medvedja übergab ein uns wie rasend entgegensprengender Pandur 
dem Nacelnik ein Telegramm, das ihm am 12. Oktober, also im schon weit 
vorgerückten Herbste, ganz lakonisch anzeigte: „es würde im selben Monat die 
Ansiedelung von 6000 Montenegrinern in seinem Kreise stattfinden, und ein 
bereits von Belgrad abgereister Sekretär bringe die näheren Weisungen." — 
„Gott helfe uns allen," rief der wie von einer Bombe getroffene, die Depesche 
seinem Bezirkshauptmann und Ingenieur reichende Präfekt. „Das fehlte noch!" 
Mir sagte er: „War es schon zuletzt schwierig, von den alten Dörfern, und selbst 
von den auf Staatsboden angesiedelten neuen, Gründe für einzelne zuwandernde 
Familien zu erhalten, obschon die kleinsten Weiler oft zwei Stunden lange „utrine" 
(Hutweiden) besitzen, die sie nicht brauchen, wie soll ich, wo gar nichts vorgesorgt 
ist, Unterkommen und den Bedarf für viele Tausende anspruchsvolle, arbeits- 
scheue Crnogorcen bei anbrechendem Winter schaffen?" 

Wirklich fiel diese in allen Richtungen gänzlich unvorbereitete, in der 
ungünstigsten Jahreszeit vollzogene Kolonisation von 7500 Seelen genau so aus, 
wie es der erfahrene Nacelnik vorhergesehen. Ein Belgrader Bericht vom 7. April 
1890 im „Budapester Lloyd" lässt ahnen, welche Summe menschlichen Elends 
dieselbe über den Jablanicaer Bezirk gebracht, obgleich Herr Bozovic und seine 
Beamten ihre Kräfte bis zur Erschöpfung aufrieben, um es zu mildern. Im 
Eingang erzählt das Blatt: „Vor kurzem sind hier drei Abgesandte der montene- 
grinischen Kolonisten eingetroffen, um bei der Regierung Klage zu führen über 
die nach ihrer Aussage unerträglichen Bedrängnisse und Grausamkeiten, welchen 
sie in ihren Ansiedelungsorten ausgesetzt sind. Die Abgesandten erklärten, dass 
die zur Verzweiflung gebrachten Montenegriner nur zwischen gänzlicher Aufreibung 
oder Wiederauswanderung zu wählen haben. Nicht weniger als ein Dritteil sei 
bereits dem Hunger und allerlei Krankheiten erlegen. Glücklich schätzen sich 
jene wenigen, welchen es gelang, über türkisches oder bosnisches Gebiet sich 
in die alte Heimat zu schleichen. Unter den Zurückgebliebenen seien die Verhältnisse 
wahrhaft trostlos. Wohl sind aus Serbien selbst und zum Teil auch aus Russland 
Geld und Liebesgaben zur Unterstützung der armen Expatriierten eingelangt, 
trotzdem leiden die Leute aber Hunger und gehen massenhaft an Entkräftung 



Von Kursumlija durch die Kosanica. Piista Reka usw nach Lcskovac. I54I3 

zugrunde. In dieser verzweifelten Situation greifen sie zur Selbsthilfe und verbinden 
sich zuweilen mit den benachbarten Arnauten, um die heimische serbische 
Bevölkerung zu bestehien. Diese fühlt sich durch die ungebetenen Gäste aufs 
äusserste bedrückt und ist schon nahe daran, selbst zum Wanderstabe zu greifen; 
denn es bleibt ihr kein Stück Nutzvieh im Stall." Wenn auch die weiter in 
dieser Korrespondenz mitgeteilten entsetzlichen Details übertrieben waren, schädigte 
diese schlecht inszenierte Einwanderung doch Serbiens Ansehen bei den alten 
Bewohnern des Toplicaer Kreises. Zweifellos gewann es aber andererseits eine 
die Arnauten an der Grenze in Schach haltende streitbare Bevölkerung, und als 
im Herbste 1895 der fanatische Mollah Seka Biber, den Ferik Halil Pasa 1889, 
weil er die Angriffe der Fis Krasnic und Istinic auf das reiche Kloster Decani 
verschuldet hatte, zur Verantwortung nach Konstantinopel gesendet, von dort 
nach Prizren zurückkehrte und neue arnautische Ausschreitungen zu befürchten 
waren, bewaffnete der serbische Kriegsminister die aufgeregten Montenegriner zu 
ihrer Zurückweisung mit 1200 Gewehren und lüOOüO Patronen. 

Mit Pistolenschüssen begrüsste man unsere glückliche Rückkehr in Lebane. 
Dort erwartete uns ein Bild, wie man es ausserhalb des von so verschiedenen 
Nationen gebildeten Österreich -Ungarns, Russlands und der Türkei in keinem 
europäischen Staate sehen kann. Es gewährt einen geradezu überraschenden 
Anblick, wenn die Buljukbasen der zahlreichen Blockhäuser, Arnauten, Pecaner, 
Montenegriner in ihren kleidsamen Nationaltrachten, mit reichem Medaillenschmuck 
am letzten jedes Monats sich vor dem Bezirkshause versammeln, um den Sold für 
sich und ihre Mannschaften in Empfang zu nehmen. Alle erscheinen bis an die 
Zähne bewaffnet und mit 54 Patronen für ihre im Gürtel steckenden belgischen 
Revolver. Als Hahn um 1860 hier reiste, erregte sein „fünfläufiges Pistol" bis 
nach Pristina grösste Sensation bei den waffenliebenden Arnauten; seitdem gesellte 
es sich aber zu den mittelalterlichen Handscliars und oft wertvollen türkischen 
Krummsäbeln. Entlang der Toplicaer Kreisgrenze gab es 56 Karaule mit ebenso 
vielen Buljukbasen und 290 „Strazaren" (Wächter). Erstere erhielten monatlich 
25 d, letztere 20 d Sold. Im ganzen wurde die Auslage für den Toplicaer 
Kordon 1889 mit 89000 d budgetiert; sie erhöhte sich in den letzten Jahren, weil 
das albanesischen Einbrüchen stark ausgesetzte Gebiet die Vermehrung der 
Karaulen dringend forderte und die Türkei gleichfalls den Bau soliderer Wacht- 
häuser entlang der serbischen Grenze begann. 

Diese 500 m voneinander entfernten, von Nizams des III. Korps besetzten 
Karaulen sollten zugleich den Grossmächten den ernsten Willen der Pforte bezeugen, 
dass sie die vom Gesandten Novakovic behaupteten, in türkischen Gegennoten 
aber als gänzlich entstellt bezeichneten 120 Gewalttaten der moslimischen Grenz- 
arnauten verhindern wolle, falls einige wirklich vorgekommen sein sollten. 
Interessant ist Saad Eddin Pasas in dieser Note zitierter Bericht, welcher sagt; 
„Der Unterschied der Religionen sei in der Türkei nie eine Ursache von Uneinigkeit 
gewesen. Gewalttätigkeiten zwischen Bekennern derselben Religion seien sogar 
zahlreicher als solche zwischen Andersgläubigen. Die Gewalttaten entsprängen 
der Blutrache und anderen Landessitten, seien übrigens geringer an Zahl als in 



344 Von Kiirsiimlija diircli die Knsanica. Piista Rcka usw. nach Leskovac. 

zivilisierten Ländern. Das Vorkommen von Vergehen j^egen die Sittlichkeit sei 
bei den strengen Sitten der Albanesen nahezu ausgeschlossen, die bezüglichen 
Angaben seien daher unwahr. Ebenso seien die Angaben, dass christliche Kirchen 
Angriffen ausgesetzt gewesen seien, unbegründet; trotzdem sie in vereinsamten 
Gegenden situiert seien, waren diese seit fünf Jahrhunderten nie Gegenstand von 
Angriffen. Dagegen wurden in Leskovac, Vranja und zehn anderen Ortschaften 
Moscheen geplündert und demoliert. Die serbischen Behörden hätten in sechs 
mohammedanischen Ortschaften sogar das Hausrecht verletzt und ganze Familien 
misshandelt. Die Note gibt der Hoffnung Ausdruck, dass man in Hinkunft einer 
Verletzung der Interessen derjenigen vorzubeugen wissen werde, welche die 
zwischen den beiden Ländern glücklicherweise bestehenden Bande aufrichtiger 
Freundschaft gekräftigt zu sehen wünschen!" 

Zur Erleichterung des Verkehrs zwischen Lebane und der Leskovacer 
Bahnstation wurde 1887 die teilweise Umlegung der alten Strasse begonnen. 
Vorbei an sieben rasch sich folgenden, meist grösseren Orten gelangten wir im 
durchschnittlich 3—5 km breiten Jablanicatale nach dem reichen Bosnjaci, dessen 
stattliche Kirche und Schule in umfriedetem, prächtigem Laubparke stehen; die 
nahe fischlose Wasserfläche von kaum 60 Ares heisst „Cerina". Die von Lebane 
seit altersher flussabwärts ansässige, ungemengt gebliebene christliche Bevölkerung 
treibt vorherrschend sehr einträglichen Hanfbau; auf der Strasse, in den Dörfern, 
auf den Feldern, allerorts tritt dies hervor. Über eine schlechte Brücke ging es 
auf dem alten Wege, vorbei an Pertates kleinem crkviste und Spuren einer antiken 
Ansiedelung, zur Leskovacer Bezirksgrenze. Auf der vom Kapetan Todor Stankovac 
1877 begonnenen, nach der Mitte ungewöhnlich hoch gewölbten neuen Strasse 
mit sehr tiefen Abzugsgräben kündigten vom Samstagsmarkte zurückkehrende 
Karawanen in allen denkbaren Vehikeln und Kostümen die nahe Stadt an, in 
deren freundlichem „Hotel Solun" (Salonik) ich mit meinen liebenswürdigen 
Reisebegleitern und Leskovacer Freunden den Abend genussreich verbrachte. 

Nochmals dankte ich dem mit seinem Ingenieur nach Prokuplje zurück- 
kehrenden Nacelnik für die mir in seinem wenig erforschten, in jener Zeit schwer 
zu bereisenden Kreise unausgesetzt gewidmete Fürsorge. Herr Bozovic erwiderte: 
„Auch ohne die besondere Empfehlung meines Ministers war es mir eine angenehme 
Pflicht, möglichst für die Sicherheit des alten Freundes des Serbenvolks zu 
sorgen; ich bedauere nur, dass wir für Ihre Bequemlichkeit nicht mehr tun konnten. 
Gott erhalte Sie, damit Ihr Werk zum Nutzen unseres Landes erscheine!" — 
Er selbst erlebte es nicht — vorzeitig starb der treffliche Mann im Frühjahr 1897.') 



') Leider war es auch dem Verfasser dieses Werkes nicht vergönnt, sich des 
Erscheinens desselben zu freuen. 



XII. 



Von Nis über Knjazevac, Soko-Banja 

und Zajecar nach Negotin. 



DIE Weigerung des türkischen Passapordzi, meine Reiselegitimation am 
Freitag, dem mosiimischen Sonntag, zu visieren, hätte bald die unfreiwilhge 
\'eriängerung meines ersten Besuchs zu Nis verursacht, wäre es nicht einfluss- 
reicher Verwendung gelungen, die religiösen Skrupel des glaubenseifrigen Beamten 
zu besiegen, ungern verfügte er sich in sein Amt und drückte meinem Passe 
das grossherrliche Siegel auf. So fuhr ich am 20. Juli 1860 durch das an die 
Festung sich anschliessende elende Barackenviertel am rechten Niäavaufer den 
serbischen Grenzbergen zu. Südlich tauchte in der damals wenig bebauten 
Ebene die Silhouette der traurigen „Cele-Kula" auf, der grause „Schädelturm", 
an dem kein Rajah in türkischer Zeit unbewegt vorüberging, und der nur erhalten 
bleibt, damit künftige Geschlechter sich der Leiden ihres Vaterlandes und des 
Martyriums seiner Befreier erinnern. Wohl bedarf die Mahnung an jene Epoche 
keiner künstlichen Denksteine, denn lange nachdem der Türke den europäischen 
Boden verlassen haben wird, werden die Länder zwischen dem Pontus und der 
Donau die nicht leicht zu tilgenden Spuren seines Regiments tragen Die 
Geschichte wird aber die Überflutung des europäischen Südostens durch die 
Turanier in gleicher Linie mit den Hunnen- und Avarenzügen verzeichnen. 

Die erste, II km lange Strassenstrecke hält sich durchschnittlich 1,5 km 
entfernt von der die Nisava begleitenden 220 m hohen unbewohnten Fläche. 
Auf dem nördlich rasch bis zu 820 m ansteigenden Terrain blicken von den mit 
prächtigen Kulturen, Weingärten und kleinen Wäldchen übersäten Höhen die 
roten Ziegeldächer der italienischen Charakter tragenden grossen Ortschaften 
Gornja und Donja Kamenica, Gornji und Donji Matejevac und Knez-Selo herab, 
deren interessante geschichtlichen Denkmäler ich 1889 besuchte und im VII. Kapitel 
schilderte. Bald hinter Gornja Vrezina steigt die Strasse N. an und gewinnt 
bis Vrelo auf weiteren 8 km 200 m; ihre ^ km lange letzte Strecke brachte uns 
mit vielen Serpentinen auf den 512 m hohen Gramadasattel. Nachdem der 



^46 Von Nis über Knjazevac. Soko-Banja und Zajecar nach Negotin. 

„Passapordzi" in der türkischen Karaula mein Reisedokunient geprüft, pochte ein 
martialischer Zaptie an den serbischen „Karantinpiot", dessen starkes Pfahltor 
sich auch bald öffnete. 

Erleichtert atmete ich auf. Nun erst begriff ich vollends die Stelle in 
Ritters Reisebriefen: „Ich habe Europa wieder betreten, lebe wieder in der lieben 
Christenheit, habe den Gefahren des bösen Festlandes mit Gottes Hilfe und 
Gnade den Rücken gekehrt und bin mm hier in einen sicheren Hafen eingekehrt." 
Der berühmte Berliner Geograph schrieb diese Worte nieder, als er am 1. Dezember 
1837, Rustschuk gegenüber, bei Gjurgjevo die walachische Quarantäne betrat. Seit 
Ritters Besuch waren die türkischen Zustände ziemlich unverändert geblieben; 
die beiden Donaufürstentünier und Serbien hatten aber durch Nacheiferung 
occidentaler Kultur anerkannte Fortschritte gemacht. Man begreift also meine 
tiefe Befriedigung, als ich die türkischen Grenzpfähle hinter mir wusste und auf 
einem Boden stand, der europäischer Zivilisation und dieser entsprechenden 
Rechtsbegriffen ungehinderten Eingang gestattete. 

Auf der „Gramada" erwartete Karadjordje 1811 mit den Knezen MIaden, 
Jevta und Mileta von Katun den mit 8000 Mann heranziehenden Rusid Pasa 
und wehrte ihm siegreich den Einbruch in die Crna Reka. Trotzdem wurde sie 
erst 1833 Serbien definitiv einverleibt. Sogleich ging man an die Aufrichtung 
des „plot" (Grenzzaun) und Gramadas Kastell. Noch 1860 bestand hier eine 
Quarantäne zweiten Ranges mit kleinen Häusern für die fürstlichen Beamten und 
eine Mehana. Im bescheidenen Amtsgebäude unterzog ich mich der üblichen 
Prozedur. Der Fremde hatte damals beim Eintritt in Serbien entlang der trockenen 
Grenze den Wert seiner Effekten und eingeführten Barsumme anzugeben; nach 
diesem Bekenntnis wurden die Zollgebühren bemessen. Die Erhebung dieser 
gleich unpraktischen wie primitiven Steuer sollte aber bald abgeändert werden; 
ich murrte nicht, bezahlte gern meinen Beitrag für den Strassenbau und Sicher- 
heitsdienst des Landes und empfand gleich darauf die Wohltat der von dem 
tüchtigen Ingenieur Mihalovski „gemachten Strasse". 

Die bis auf den Gramadasattel sichtbar gebliebenen Suva Planina-Gipfel 
waren bald verschwunden. Denn Terrain und Strasse fielen rasch zum Svrijiski 
Timok ab. Nach passabwärts zurückgelegten 8 km kreuzte ich bei Derven 
diesen fischreichen Arm des „Veliki Timok". Die ihn begleitenden Kalke 
charakterisieren bei Gulijan prächtige Ammoniten, östlich vom über 1300 m 
hohen Crni Vrh viele Dolinen und im allgemeinen ein selten grosser Höhlen- 
reichtum. Bei dem hart am Wege liegenden Prekonoge führt ein niedriger, 
schlundartiger Gang durch die „Sakrna strana" in eine Höhle mit schlüpferigem 
Boden und teilweise eingestürzter Decke. Ein dritter, nur auf Strickleitern erreich- 
barer Raum enthält prächtige, an Adelsberg mahnende Tropfsteingebilde und 
gleicht einem säulenreichen Kuppelbau mit Altären, Hängelampen usw. Auch in 
den Nebengrotten gibt es auffallend starke Stalaktiten, und in allen stösst man auf 
die Reste ausgestorbener Tierarten. 1880 fand Bergingenieur Felix Hofmann in 
dem grossen, 400 m ausgedehnten Raum unter der feuchten Schuttdecke in 
einer mit Resten kleiner Tiere und Kohle gemengten Kulturschicht viele Scherben 



Von Nis über Knjazevac, Soko-Banja und Zajccar nach Negotin. ;?47 

von keramischen Gefässen nebst Knochen vom Höhlenbaren, was die Existenz 
des Menschen in weit zurückliegender Zeit auf serbischem Boden beweist. ') 

Die Römer überzogen das Timokgebiet mit einem Netze befestigter Ansiede- 
lungen, die in naher Beziehung zur auf der Tab. Peut. verzeichneten, 91 Millien 
langen Donaustrasse standen. Dass diese NO. bei Naissus vom Konstantinopeler 
Heerweg abbog und hierauf dem oberen Tinioklaufe folgte, erriet schon vor 
nahezu 90 Jahren der scharfsinnige Mannert; ihre von Naissus 27 Millien 
entfernte Mansion Timachum majus vermutete er aber bei einem Dorfe „Isperik" 
(wahrscheinlich Izvor beim Derven), wo jede Spur einer antiken Niederlassung 
fehlt. Die unglaubliche Mangelhaftigkeit der gleichzeitigen Karten erklärt auch, 
dass Forbiger dieses Timachum beim fiktiven Dorfe „Timok" ansetzte. Auf einem 
Krokis im k. und k. Wiener Kriegsarchiv fand ich, dass ein rekognoszierender 
Fähnrich Pokorny 1784 auch eine alte gepflasterte Strasse bei Nisevci (Nisevac) 
verzeichnete. Dies und im Derven empfangene Winke führten mich 1864 
nach diesem Orte, dessen Entfernung von Nis genau dem Masse der Tafel von 
Naissus bis Timachum majus entsprach, und meine dortigen Funde ergaben als 
gesichertes Resultat, dass die gesuchte Zwischenstation an seiner Stelle lag. 

Die auf der Tab. Peut. 10 Millien östlicher folgende Mansion „Timachum 
minus", das justinianische Timaccolum, stand auf der von Niäevci nahezu gleich- 
weit entfernten „Baranica", am strategisch wichtigen Vereinigungspunkt beider 
Veliki Timok-Arme, wo ich ganz zuverlässige Beweise für eine römische Nieder- 
lassung fand. Dies bestätigt sein Ansatz durch Mannert bei Knjazevac, zu 
dessen Stadtgebiet die Baranica gehört. Jirecek nahm meine Feststellung beider 
Rümerorte an-), verlegte aber Timachum majus nach Knjazevac und Timachum 
minus nach Ni§evci. Dies beruht wohl nur auf einem Schreibfehler, denn 
schwerlich dürfte er Dragasevics Umstülpung der Reihenfolge dieser Orte auf der 
Tafel ■^) und dessen im groben Widerspruch mit ihren Massen stehenden Ansatz 
der dritten Zwischenstation Conbustica gerechtfertigt finden. 

Die Gegend zwischen dem eine Therme von 14" C. besitzenden Nisevci, 
dem Bezirksorte Derven') und Knjazevac sieht recht unwirtlich aus. Die Strasse 
zieht über die durch viele Dohnen zerrissenen, petrefaktenreichen Kalke der 809 m 
hohen Tresibaba, welche 1876 der Schauplatz heisser Kämpfe zwischen Türken 
und Serben war. Auf ihrem stark undulierten, spärlich bewaldeten Terrain, 
das vom fernen, vielgezackten Magien und scharfgeschnittenen Rtanj überragt 
wird, entschied sich das Schicksal des an seinem Fusse liegenden Knjazevac, des 
oberen Timoktais und des ganzen Feldzugs. Der Chef des serbischen Generalstabs, 
General Jovan Miskovic, veröffentlichte ein Tagebuch über die Vorgänge auf dem 
linken Flügel derMorava-Armee'), welches durch seine Objektivität viele gleichzeitige 
Darstellungen berichtigt und deshalb hier im kurzen Auszug eine Stelle verdient. 



') Glasnik, Bd. 51. 

2) A. a. O., S. 162. 

■') Glasnik, Bd. 45, S. 52 ff. 

*) Dieser Ort heisst seit 1904 Sorijij,' und wurde zugleich zum Städtchen erhoben. 

'•) Glasnik, Bd. 49. 



348 Von Niä über Knja^evac, Soko-Baiijn und Zajccar nach NcKotin. 

Am 29. Juli wurden die Gramadahöhen von der Pozarevacer Brigade erster 
Klasse, dem Svrljiger Bataillon zweiter Klasse, dem Timoker erster Klasse, 
4 schweren Geschützen und 4 leichten Batterien, unter dem Kommando des 
Oberstleutnants Laza Jovanovic, gegen den von Nis mit 10 Bataillonen Nizams, 
1 Feld- und 1 Gebirgsbatterie und 800 tscherkessischen Reitern heranziehenden 
Hafis Pasa verteidigt. Gegen Mittag überrumpelte dieser die serbische rechte 
Stellung und nahm die Redoute auf dem durch das Mlava-Bataillon und eine 
halbe schwere Batterie besetzten Debeli Del, was die Serben um 4 Uhr nach- 
mittags veranlasste, sich nach Derven und nach einem leichten Gefecht am 
30. Juli auf die Tresibaba zurückzuziehen, wo sie sich mit der Knjazevacer 
Brigade unter dem Oberbefehl des Obersten Horvatovic vereinigte. Der 31. Juli 




General Hon'atoviö. 

traf dort beide Knjazevacer Brigaden, die Pozarevacer Brigade mit ihren leichten 
Batterien, einer schweren und einem Freiwilligenbataillon in Schützengräben, den 
30 Bataillonen, 6 Eskadronen, 2000 Tscherkessen und 6 Batterien des persönlich 
erschienenen Musirs Ahmed Ejub Pasa gegenüber. Um 8 Uhr morgens wurde 
der aus 3 Bataillonen und einer leichten Batterie bestehende serbische rechte 
Flügel auf der Ploca heftig angegriffen, doch hielt er sich tapfer; weniger 
glücklich der um 3 Uhr nachmittags attackierte, mit der Pozarevacer Brigade 
und einer schweren Batterie die Tresibaba besetzt haltende linke Flügel, welcher 
um 5 Uhr zurückgedrängt wurde. Am heftigsten entbrannte der Kampf im 
Zentrum bei dem von 6 Bataillonen, den Freiwilligen und 1 Batterie verteidigten 
höchsten Tresibaba -Punkte „Brkina Vrtaca". Auch hier entschied die 
türkische Übermacht. Mit einem Verlust von 30 Gefangenen, 500 Verwundeten 
und 130 Toten, von welchen auf das tapfer streitende zweite Reservebataillon 
allein 80 kamen, mussten die Serben den Rückzug auf die letzten Höhen vor 
Knjazevac antreten. Auf diesem begegneten sie der über Zajecar angelangten 



Von Nis über Knjazevac, Soko-Banja und Zajecar nach Negotin. 'U!) 

Branicevoer Brigade, ihr folgten • 3 Bataillone der Kragujevacer Brigade; sie 
kamen viel zu spät, um die wichtige Position zu halten. 

Während der leichten Gefechte am 1. und 2. August raillierten sich die 
Serben in folgender Aufstellung: der rechte Flügel mit der Knjazevacer Brigade 
II. Klasse und I leichten Batterie auf dem Lastavicko polje und ürohatljevica 
podvis, das Zentrum mit der Pozarevacer Brigade I. Klasse und 1 schweren 
Batterie auf der Glavicica, der linke Flügel mit der Branicevoer Brigade, den 
3 Kragujevacer Bataillonen und Freiwilligen auf den Baranicaer Höhen, die 
Reserve auf dem Ibisov Zabran. Dieser nur 12-13000 Mann zählenden Macht 
standen türkischerseits, einschliesslich der unter Suleiman Pa§a erschienenen 
Verstärkungen, 42 Bataillone, 6 Eskadronen, 2500 Tscherkessen und 9 Batterien 
zu 6 Geschützen, zusammen 32—34000 Kämpfer, gegenüber. Die am 3. August 
vollends aus ihrer stark verschanzten Tresibabaer Position hervorbrechenden Türken 
überschütteten den serbischen linken Flügel mit einem furchtbaren Geschütz- 
hagel, besetzten und befestigten den Berg Lipovica, von dem sie gegen die 
rechte serbische Stellung vordrangen. Ihre Infanterie wurde jedoch von den 
tapferen Suniadijern und ebenso ihre über Rgoste vorgehende Kavallerie zurück- 
geworfen, eine gegen das Zentrum sich zu weit vorwagende Eskadron aber 
aufgerieben. 

Auf die falsche Nachricht, dass General Cernjajeff dem stark bedrängten 
Aleksinacer Korps über das südwestliche Sv. Arandjel zu Hilfe ziehe, Hess 
Horvatovic seinen rechten Flügel zur Offensive übergehen, die er jedoch bald 
aufgeben musste. Um so heftiger bedrängten nun die Türken sein Zentrum; ihr 
ganzes Geschützfeuer konzentrierte sich auf dasselbe, während ihre Infanterie 
ununterbrochen stürmte und stetig Terrain gewann. Um 8 Uhr abends über- 
schritten die türkischen Freiwilligen den Timok, das Gros folgte; die Glavicica 
fiel in ihre Hand, bald musste auch der Ibisov Zabran geräumt werden, 
um 9 Uhr war die Rückwärtsbewegung der Serben eine allgemeine. Um 
Mitternacht zog der Stab, gegen Morgen das serbische Gros durch das seinem 
Schicksal überlassene Knjazevac. Horvatovic besetzte mit der Knjazevacer 
Brigade und den Suniadijern die Klisura, die Branicevoer Brigade ging nach- 
Vlasko Polje, die Pozarevacer nach Bucje. Der blutige Gefechtstag kostete 
den Serben 260 Tote, 1600 Verwundete und die Hauptstadt des der plündernden 
türkisch -tscherkessischen Soldateska preisgegebenen Knjazevacer Kreises. Ani 
29. August räumte Ahmed Ejub endlich Knjazevac, um am Angriff auf Aleksinac 
teilzunehmen, worauf es Horvatovic am 18. September wieder besetzte. 

Von einer Vorhöhe der seit 1896 die Grenze zwischen dem Ni.ser und Timoker 
Kreise (Zajecar) bildenden Tresibaba erblickt man die 1 Stunde ferne nunmehrige 
Bezirksstadt Knjazevac tief unten in der vom Svrlji§ki Timok durchschnittenen 
Hochebene, welche bei seiner Mündung am Trgoviski Timok sanft verflacht. 
Auf vielgewundenem Wege geht es im blumenreichen Tale von Oresac hinunter. 
Plötzlich biegt die Strasse östlich von diesem hübschen Dorfe ab, und gleich 
darauf erscheinen die ersten Häuser des hochliegenden südlichen Stadtteils, den 
zwei Brücken mit dem anderen nördlichen verbinden. In diesem liegt das 



350 Von Nis über Knjazevnc. Snko-Bnnja und Zajecar nach Ncgotin. 

Kreishospital, dessen Chefarzt Dr. Macsay mich 1860 in gastfreundlichster Weise 
aufnahm, in den komfortablen Räumen seines Hauses fand ich eine Bibliothek, 
Bilder und Zeitungen, deren Entbehrung einem an geistige Anregungsmittel 
gewöhnten Mittel- und Westeuropäer auf die Dauer schwerer fällt, als sonstige 
Kasteiungen jeder Art. 

Meine Vermutung, dass Knjazevacs treffliche natürliche Lage schon den 
römischen Strategen nicht entgangen sein konnte, wird durch den Fund antiker 
Reste, von Säulen usw. bestätigt, welcher neuestens auf der „Kulahöhe" bei dem 
Divisionsgebäude gemacht wurde. Dort erhob sich in mittelalterlicher Zeit auch 
die kleine Feste von „Gurgusovac". Der Ursprung dieses altserbischen Namens 
wird nach einer bisher historisch unerhärteten Tradition von Grgur, dem Sohne 
Djuradj Brankovics, abgeleitet, unter dessen Regierung die Stadt wahrscheinlich zu 
neuer Blüte gelangte. Im österreichisch-türkischen Kriege 1737 wird Gurgusovac 
unter den durch Palanken verteidigten Orten erwähnt, doch als die Kaiserlichen 
heranrückten, verliessen sie die Türken ohne Kampf. Als sie aber im nächsten 
Jahre vom albanesischen Drin zur Donau wieder siegreich vordrangen, wurden 
Gurgusovac und der Timokdistrikt furchtbar verwüstet. Die Neubesiedelung der 
von den Türken schlechtweg Timocka Palanka genannten Stadt soll durch Serben 
aus Temesvar erfolgt sein. Zu Beginn des Freiheitskampfes im Jahre 1808 
entriss sie ihnen der Wojwode Veljko, welcher den Führer Tosa zum Bezirks- 
wojwoden ernannte; doch nach der Niederlage bei Nis fiel sie mit dem ganzen 
Bezirk erneut unter den Halbmond, im November 1810 zog Graf Orurk mit 
den russischen Hilfstruppen den Timok aufwärts, bombardierte die Palanka mit 
18 Geschützen, und trotz tapferer Gegenwehr niusste ihre 800 Mann starke 
Besatzung mit Zurücklassung von 4 Geschützen und aller Handwaffen kapitulieren. 
Nochmals besetzten die Türken 1813 die Stadt und blieben, bis auch dieser Teil 
des Timokgebietes 1833 dem Fürstentum ausgeliefert wurde. 

Knjazevac umgibt ein reizender Naturpark, begrenzt von reben- und baum- 
bepflanzten Höhen, welche zahlreiche Wasseradern durchrieseln. Auch vor dem 
unheilvollen Kriege vom Jahre 1876 fehlten ihm architektonisch hervorragende 
Gebäude; doch sein hochliegendes Kreisamt, die um dasselbe und auf beiden 
Timokseiten gruppierten netten Häuser mit Veranden und Terrassen, durchwachsen 
in italienischer Weise von saftigem Grün, übten gleich freundlichen Eindruck, 
wie die nach den Höfen geöffneten Bogenhallen, in welchen man die malerisch 
gekleideten Frauen mit der Anfertigung von den Pirotern wenig an Güte 
nachstehenden Teppichen beschäftigt sah. Den höchsten Punkt krönt die Ruine 
der berüchtigten „Gurgusovacer Kula", in welcher man einige 1857 als „Gegner 
der Karadjordjevic" verhaftete Senatoren bis zur Rückkehr der Obrenovic gefangen 
hielt. Auf Milos' Befehl musste der Stadtnamen sofort mit „Knjazevac" 
(Fürstenstadt) vertauscht und die Kula vertilgt werden. 1859 wollte man sie mit 
Pulver sprengen; der Fürst bestand aber darauf, dass Feuer an dieselbe gelegt 
werde. Auf der Veranda seines Hauses wartete — wie mir Augenzeugen 
erzählten — der rachedürstende Greis, bis die Flammen aus First und Fenstern 
schlugen. Das grelle Schauspiel ergötzte ihn, die geborstenen Mauern liess er 



Von Nis über Knjazevac, Soko-Banjn und ZaJL-car nach Negotin. 



351 



tags darauf tier Erde gleich machen; die Nebengebäude wurden für das 
Telegraphenanit eingerichtet. 

Knjazevac, dessen Umfang sicii einst bis zum östhciien Trgoviste und seiner 
Burg Golubac auf dem „Kozarnik" erstreckt haben dürfte, besass 1859 nur 
527 Häuser mit 2417 Seelen, ferner mehrere Gebäude für die Kreisäniter, zwei 
Knaben- und eine Mädchenschule, eine Post- und Telegraphenstation, einen 
Leseverein und eine architektonisch unbedeutende Kirche, neben der ein grösserer 




Rote Kreuz-Station im Spital zu Knjazevae. 



Neubau projektiert war, für welchen die Gemeinde schon 1864 einen durch 
Verzinsung sich mehrenden Baufonds von 150000 Piastern besass. Das Kreis- 
spital wurde 1852 für 24 Betten errichtet, um der häufigen Syphilis möglichst zu 
steuern, die man früher in Serbien nur in Studenicas Umgebung kannte und, 
wie es heisst, eine traurige Hinterlassenschaft der russischen Hilfstruppen vom 
Jahre 1810 ist. 

Dr. Mäcsays Spital und Apotheke gehörten zu den besten des Landes und 
bewährten sich trefflich während des Krieges im Jahre 1876. Nur wenige Kreise 
des Landes wurden durch diesen gleich stark wie der Knjazevacer geschädigt. 
Er hatte im ganzen 7265 Mann mobilisiert, welche nach der Schlacht auf der 
Tresibaba teilweise auch an den Gefechten des 9. August bei Zitkovac, des 



352 



Von Nis über Knjazevac, Soko-Banja und Zajecar nacli Negotin. 



12. August bei Sumatovac, des 13. und 14. August bei Rzavci, des 18. September 
bei Gredelina teiliialimeii und 1 Stabsoffizier, 3 Ober-, 17 Unteroffiziere 
und 390 Soldaten an Toten, dann 78 Vermisste und 740 Verwundete verloren. 
35 blieben Krüppel an Händen oder Füssen. Durch Knjazevac zogen 20000 Serben 
und 35000 Türken hin und zurück. Die Dörfer litten nicht minder. In 12 Orten 
blieben von 865 Häusern nur 64 erhalten. Die Frauen von Aldinac und 
Dejanovac töteten 13 Kinder, damit sie nicht in tscherkessische Hände fielen. 
Die Bewohner von Pricevac flüchteten in eine benachbarte 175 m lange, 4 m 
breite, 6 m hohe Höhle, deren Eingang der später durch die silberne Tapferkeits- 
medaille ausgezeichnete Buljukbasa Dina Radojkovic mit einigen Soldaten gegen 




Plünderung eines Dorfgehöfts. 



die Öfters anrückenden Türken heldenhaft verteidigte. Die von der Knjazevacer 
Bevölkerung bewiesene patriotische Aufopferung geht aus vorstehenden Daten 
ohne weiteren Kommentar hervor und wird durch ein den Gefallenen gewidmetes 
bescheidenes Denkmal verewigt. 

Überraschend schnell erstand die von den Türken in einen Schutthaufen 
verwandelte Stadt. Als ich sie am 11. August 1897 wieder besuchte, erinnerten 
nur wenige provisorische Lehmhäuser und unaufgebaute Ruinen, bei deren 
Durchsuchung man auf stark verkohlte menschliche Skelette stiess, an die Katastrophe 
von 1876. Die eingeäscherten Magazine und Wohnhäuser erstanden in soliderer 
Gestalt. Das von den Tscherkessen als Pferdestall benutzte Kirchenschiff erhielt 
eine von Markovic trefflich gemalte Ikonostasis, ihr hoher Turm wurde erneuert, 
das einstige Nacelstvo zum Pukkommando bestimmt, auf dem Kulaplatz erbaute 
man mit dem Kostenaufwande von 500000 d ein hübsches Gebäude mit Vorgarten 
für den 1888 von Paracin dahin verlegten Stab der II. Division, andere für 



Von Nis über Knjaievac, Soko-Banja und ZajeCar nach Negotin. 353 

3 Batterien, und nachdem der Trgoviäki Timok, welcher den unteren Stadtteil 
früher oft überflutete, reguliert worden, an der Zajecarer Strasse, bei den Resten 
des Goiubac-Schlösschens, 4 Pavillons für die starke Infanterie-Garnison. 

1896 zählte Knjazevac schon in 840 Häusern über 5000 Bewohner, unter 
diesen 47 Gast- und Kaffeewirte, 2 Ärzte, 3 Geistliche, 19 Professoren und Lehrer, 
8 Advokaten, 157 Kaufleute und Krämer, welche gleich den sehr zahlreichen 
Gewerbetreibenden durch die 1888 begründete, zuletzt 12 Millionen d zu 10 »/o 
in Umlauf setzende Sparkasse sehr gefördert werden. Der dort fabrizierte 
„Sajak"-Schafwollstoff wird sehr gerühmt, und Crampton-^ivkovicschc Webstühle 
sind oft im Gebrauch. Die 46 Offiziere, 500 Soldaten und vielen Pensionäre 
geben dem in Gasthöfen und Cafes chantants sich abspielenden öffentlichen Leben 
stark militärischen Anstrich. Die in Gesellschaft des Bezirks- und Stadtvorstandes, 
mit Oberst Jakobljev, dem Advokaten Uros Gavrilovic und dem für Archäologie 
sich interessierenden Lehrer Ristic verbrachten Stunden verflossen rasch. Alles in 
allem wird die freundliche Stadt, wenn ihr 1889 vom Zajecarer Ingenieur Mata 
Dimic entworfener Regulierungsplan durchgeführt sein wird, zu den schönsten 
Serbiens zählen, und auch die Bevölkerung ihrer Umgebung dürfte bald wieder 
an Wohlstand sich wie früher mit dem der gerühmten Sabacer Landschaft 
messen können. 

Im Juni 1900 bereitete Knjazevac dem König Alexander einen gleich 
sympathischen Empfang, wie er ihn auf seiner Rundreise bis Nis in ganz Ost- 
serbien gefunden, was für mich und andere, die daselbst zuletzt reisten, nichts 
Überraschendes hatte. Denn bis 1883, wo sich der Kreis dem Aufstande gegen 
das Regiment der „Naprednjaci" (Fortschrittspartei) anschloss, was mehrere 
Knjazevacer mit Tod oder Gefängnis zu Zajecar büssten, galten seine Bewohner 
als unbedingt herrschertreu. Noch 1881 rühmte Miäkovic'), dass sie ungleich den 
fortwährend politisierenden Sumadijern einzig der Arbeit lebten, gerne singen, 
tanzen, doch sehr abergläubisch seien. „Fleissig wie ein Zaglavcanin", sagt ein 
Volkswort, und dem entspricht auch das Aussehen der Dörfer. Ihre Häuser sind 
mit Ziegeln gedeckt; jedes wohlhabendere hat einen podrum (Keller), ambar 
(Maisspeicher), einen kos (Art Scheuer von Flechtwerk) für Weizen und kosara 
(Stall von Flechtwerk) für das Vieh. 

Im Gesichtsschnitte der Männer will Miäkovic türkische Züge entdecken; 
ich sah sie aber als solche des bulgaro-slavischen Typus ihrer serbisierten 
Vorfahren, der „Timociani", an-), von welchen ich noch sprechen werde (III. Bd., 
11. Kap.). 

Die Burschen heiraten hier oft mit 16—18 Jahren; stark bebartete finden, 
weil „drt" (verbraucht), schwer tüchtige Mädchen. Diese werden im Gegenteil, 
als wertvolle Arbeitskräfte, selten vor dem 25. Jahr aus dem Elternhaus entlassen. 
Ich selbst sah zu Knjazevac am 22. Juli 1860 den Hochzeitszug eines alten 
Mädchens, das, vom Fürsten wegen Kindesmords begnadigt, ihren weit jüngeren 

') Glasnik, Bd. 49, S. 98 ff. 

') Safarik, Slavische Altertümer, II. Bd. 

F. KAM TZ, Serbien. II. 23 



n54 Von Nis über Knjazevac, Soko-Banja und Zajetar nach Negotin. 

Burschen heiratete. Das Fest verlief sehr lustig. Alle, auch die Braut, trugen 
Fahnen und bunte Tücher an den Schultern; ein Dudelsackpfeifer und Qajde- 
spieler — man kennt hier die echt serbischen Ouslc nicht — spielten heitere 
Weisen. Unter den vielen Vorbedeutungen für die Zukunft der Wöchnerin und 
des neugeborenen Kindes spielt die Nabelschnur wie mir Dr. Mäcsay erzählte — 
eine grosse Rolle. Auch der zu gebende Name erscheint wichtig; er weicht oft 
von den üblichen zentralserbischen ab. Die gebräuchlichsten für Knaben sind: 
Bojko, Djergo (serbisch Djordje, Georg), Janos, Pavun (Paun), Puja (serbisch Prvul), 
Selimir, Sevdelin'), Sibin, Sokol, Strahin, Subota (Samstag), Trandavil u. a.; für 
Mädchen: Budimka (Ofnerin), Divna (Wunderschöne), Dobra (Gute), Dunja 
(Quitte), Jabuka (Apfel), Jagoda (Erdbeere), Kita (Blumenstrauss), Krstava 
(abgeleitet von Kreuz), Kadivka (Samtblume), Kosuta (Hirschkuh), Latinka 
(Lateinerin), Nena (bosnisch Mutter), Moravka (Flussname), Mira (Friedliche), 
Solunka (Salonikerin), Rusa (Rose), Trena (Augenblickliche), Vesela (Lustige), 
Vukana (altslavischer Name), Zlata (Goldene) u. a. Auch in Sprache, Brauch 
und Tracht unterscheiden sich die Serben im Timokgebiet auffällig von jenen 
im nördlichen Königreich. Milicevic bringt hierfür viele überzeugende Beispiele.-) 

Während meiner eingehenden Reise im serbischen Südostgebiet im Jahre 
1864 führte mich ein mit Dr. Mäcsay von Knjazevac unternommener Ausflug 
in einer Stunde S. zum ausgedehnten Ruinenfelde „Baranica" am Timok. Dort 
fand ich neben den Fundamenten antiker Bauten zwei beim nahen Zukovac 
ausgegrabene weisse Marmorsäulen und römische Inschriften. Nach meiner auf 
S. 347 berührten Untersuchung stand hier die Zivilniederlassung von Timacum 
minus, auf der Höhe ihr Kastell. Beide lieferten das Material für zwei Burgen, 
welche im Mittelalter das dort sich verengende Timokdefilee beherrschten. Ihre 
auf hohen, Kalkfelsen stehenden Ruinen boten mit der wild zerklüfteten Schlucht 
ein pittoreskes Bild, dessen Umrisse ich rasch skizzierte. 

Viele antike Münzfunde im benachbarten Terrain beweisen, dass Timacum 
minus ein lebhafter Verkehrspunkt der antiken Donaustrasse nach Ratiaria war. 
Um ihre weitere Trace zur dritten, noch festzustellenden Zwischenstation Conbustica 
zu bestimmen, schlug ich die eine Viertelstunde N. hinter Knjazevac auf das 
linke Timokufer tretende alte Zajecarer Strasse ein. Die nach Ratiaria zur Donau 
führende Trace musste jedenfalls das Serbien gegen O. von Bulgarien trennende 
Gebirge gekreuzt haben. Dass dieses nicht, wie auf Schedas Karte, ununterbrochen 
zur Timokmündung ziehe, wurde mir schon 1862 klar, als ich vom Vrska Cuka- 
Kastell über die dort beginnende Hochebene nach Vidin fuhr; die zeitkürzende 
Abzweigung musste aber noch vor dem nach Zajecar führenden „Passo Augusto" 
erfolgt sein, sollte nicht, falls es vom Feinde genommen, jede Verbindung mit 
der Donau verloren sein. 

Empfangenen Andeutungen über von Knjazevac nur 7 km entfernte Baureste 
bei Ravna folgend, beschloss ich, zunächst diese zu besichtigen. Nach Safariks 



') S. Fussnote auf S. 273. 
') Kneievina Srbija, S. 857 ff. 



Von Nis über Knjnzevac, Soko-Banja und Zajecar nach Negotin. 



355 



Lebensbeschreibung von Neinaiija hatte Stevan der Erstgekrönte im festen Ravna 
eine Zusammenkunft mit dem Ungarkönig Andreas, bei welcher die Fürsten 
nach geschlossenem Frieden sich gegenseitig mit prächtigen Pferden, wertvollen 
Bechern usw. beschenkten. Ich traf bei Ravna gegen alle Erwartung wenig 
Mittelalterliches, dagegen aber ein Kastrum von bedeutender Grösse, dessen 
Galerien und Kasematten bergende, 137 m lange, 114 m breite Fronten vier 
im Mauerweik 1 m starke Ecktürmc und, wie General Anta Bogicevic später 
feststellte, auch gegen N., W. und S. je drei vorspringende Rundtürme verstärkten. 
Sein Hauptzugang befand sich an der Flussfronte, der Brunnen im Zentrum. 
Leider verschleppten die Dorfbewohner das Material des Oberbaues zum Häuserbau; 




Aus iler Tr^oviski Tiinok-Sclilucht. 



zahlreiche Inschriftsteine wanderten in Kirchen- und Brückenfundamente. Aus 
Ravna stammt auch neben neueren Funden die Inschrift, welche auf einem 
mit Delphin und Dreizack verzierten Marmorsteine die I. der „cohortes Thracum 
Siriacae" zum erstenmal bezeugt.') Etwa 100 m NO. vom Kastrum stiess ich 
auf zwei nun trocken liegende Köpfe einer antiken Brücke über den früher 
westlicher fliessenden Timacus. 

Dieser unerwartet gefundene römische Timokübergang gab mir den 
erwünschten Fingerzeig für die weitere Richtung der antiken Hauptstrasse, und 
eine an den nahen östlichen „Kadibogazpass" geknüpfte Tradition liess mich 
ihre Wegabzweigung durch diesen zur Donau vermuten. Der Name des Defilees 



') Arch.-epigr. Mitteil. 1884, S. 84 f. Starinar, iil, S. 27. 
No 8261, 8263 und eine dritte Inschrift No. 8262. 



C. I. L. 111, Suppl. Fase. II, 



23* 



^5ß Von Nis über Knjazevac, Soko-Banja und Zajecar nach Negotin. 

Stammt von einem Kadi, der, vom jenseitigen Beiogradcii< l<omniend, hier über- 
fallen, todesmutig in das unten hintosende Wasser sprang und entkam, was auf 
eine Strasse im Einschnitt iiindeutete. Wirklich stiess ich bei dem von Bulgaren 
bewohnten Novo Korito auf Stellen eines gepflasterten Weges, der mich in drei 
Stunden an den verbarrikadierten Defileeausgang brachte. NW. von diesem krönt 
die zwischen Korito und Osljane sich erhebende „Gradska Glama" die Ruine 
eines KasteHs, das mit dem südlicheren, auf der 907 m hohen „Gradiska Cuka" 
an der Jelasnica, den Pass überwachte. Bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts 
war der Kadibogazweg sehr belebt; Pasvan Oglu Pasas Vidiner Regiment, die 
Dahienstürme und serbischen Freiheitskämpfe hatten aber das Timokgebiet so 
verödet, dass dieser ursprüngliche Römerweg alle Bedeutung verlor. Er büsste 
sie vollends ein, als Fürst Milos den Pass sperrte und die Verbindung mit Vidin 
nur durch die Quarantäne Vrska Cuka gestattete. 

Nur Schmuggler und passlose Gesellen suchten sich durch das Korito-Defilee 
nach Serbien und Bulgarien zu schleichen. Vor wenigen Jahren bewältigten dort 



'".':;; ■"'; X, _'^-"' :v?f Vr^^ffsj" 

MTES TtMOlCBE t ".-- ■ ■;'^;i!i^ 

;,,:, , /-<M0^''''' ■ 

Römerbrücke am Timok bei Ravna im Jahre IStK). 

serbische Gendarmen nach schwerem Kampfe sechs bulgarische Heiducken, bei 
welchen man tausend türkische Goldlira in den Schuhsohlen eingenäht fand. 

Der zur Türkenzeit gänzlich gesperrte, erst im Herbste 1897 dem Verkehr 
wieder geöffnete Kadib ogaz-Grenzzaun unterbrach bedauerlicherweise meine 
jenseitige Verfolgung des gefundenen römischen Donauwegs. Einige Wochen 
später stellte ich vom türkischen Arcar aus, am gleichnamigen Flusse W. 
ziehend, eine scheinbar zum Kadibogaz laufende antike Strasse fest und stiess 
an dieser bei Kladrup auf eine römische Niederlassung; doch wagte ich nicht, 
sie mit Conbustica zu identifizieren, weil die Tafelmasse nicht mit diesem Punkte 
stimmten. 1) Ebensowenig wagte ich es, bei der Unverlässlichkeit der damaligen 
kartographischen Behelfe, die von mir im südlicheren Belogradcik nach- 
gewiesenen römischen Reste mit diesem Conbustica zu identifizieren.-) Heute 
darf ich aber, auf Grundlage der neuen serbischen Karte, mit grosster Wahr- 
scheinlichkeit annehmen, dass diese seit Mannert vergeblich gesuchte Mansion 
an Belogradciks Stelle lag, und dass die römische Trace von Timacum minus 



') Donau-Bulgarien und der Balkan, II Auflage, I. Bd., S. 1(X). 
=) Ihid., S. 51. 



Von Nis über Knjazevac, Soko-Banja und Zajecar nach Negotin. 357 

(Baranica) östlich an der Zukovacka reka, unter Gradiätes Kastell, bei dem man 
silberne Getasse usw. fand, über die Ivanova Livada, das 27 Millien entfernte 
Cünbustica, und mit weiteren 27 Millien, über Kladrups befestigte mutatio, die 
Donaustadt Ratiaria erreichte. Sollte die weitere Untersuchung auf dem Terrain 
diesen Strassenzug vollends festlegen, wird damit ein neuer Beweis für die 
Verlässlichkeit der Peut. Tafel erbracht sein und der Römerweg im „Kadibogaz" 
sich als eine nördlichere Verbindung des Veliki- mit dem unteren Tiniok darstellen. 

Die vom südwestlichen Sv. Nikola- Balkan zur Vrska Cuka streichenden 
Zaglavak-Grenzberge bilden einen mächtigen kristallinischen Zug, dessen Kitka 
und Tresak (1025 m) sich aus Syenit, der anschliessende 1150 m hohe Babin 
Nos aus Grünstein, die südlichen Höhen bis zur Ivanova Livada aber aus Sylikaten 
konstituieren. Von Korito, wo ich das Bd. 111 mitgeteilte Gebirgsprofil nahm, 
auf die Hauptstrasse zurückgekehrt, sah ich bei Novi Han noch Reste der 
„Adlija Kula", welche der Subasa Omer 1833 trotz des klaren Sultanfermans 
nicht räumen wollte, bis die Anwohner sie anzündeten und ihn töteten. 1897 
fand ich in dem 1560 Bewohner zählenden, seither „Kraljevo Selo" genannten 
und zum Amtszentrum des Timoker Bezirks erhobenen Novi Han ein stattliches 
Administrationsgebäude mit Schule und eine gute Mehana, in der wir den auf den 
sonnigen, nahen Tiniokhöhen wachsenden Rotwein kosteten und trefflich fanden. 

Auf Kieperts früher anerkannt bester Karte erschien die von uns durchquerte 
nördliche fruchtbare Hochebene wenig bewohnt, ich verzeichnete jedoch an der 
Strasse bis Zajecar nicht 3, sondern 20 Orte, darunter einige durch besondere 
Grösse und Wohlhabenheit ausgezeichnete. Am linken Timokufer begleitete uns 
das 1020 m hohe, scharfprofilierte Gebirge Magien, dessen Plateau kaum 200 m 
breit ist. Die nördlichere, 1135 m hohe Tupiznica besitzt wie der benachbarte 
Rtanj (S. 118) eine durch Eisbildung in der warmen Jahreszeit berühmte Höhle. 
Der ganze „Lasovacka Planina" genannte Gebirgszug kulminiert im 1210 m 
hohen Glogovacko Brdo. An seinem südöstlichen Fusse stehen bei Kozelj 
auf einem etwa 180 m aufragenden Kalkfelsen die 100 m langen, 50 m breiten 
Reste des „Koziji grad", auch „Kozjak" genannten Schlosses, dessen bis auf 
unsere Zeit ziemlich wohlerhaltene Kirche am Zusammenflüsse der Veliko und 
Malo 2drelo zum Baue der Knjazevacer abgetragen wurde, ein Barbarismus, den 
Milicevic mit Recht tadelte. Der bei ihrer Ruine gefundene, von mir veröffentlichte 
römische Votivstein ') und andere Anzeichen machen es fraglich, ob nicht „Kozelj"-) 
auf den Rudimenten eines Römerkastells entstand. Nach der Volkssage hatte 
das erwiesen von Stevan Nemanja 1185 den Byzantinern entrissene Schloss durch 
eine türkische Beschiessung, nacii anderer Meinung aber durch eines der in 
dieser Gegend häufigen Erdbeben stark gelitten; auch am 19. September 1858 
und ebenso 1867 erschreckten heftige Erdstösse die Anwohner. 

Gleich nachdem wir die Selacka reka überschritten, bogen wir 0. in ihr 
Defilee ab. Auch das Eindringen in dieses enge Quertal suchten die Römer durch 



') Arch.-eplgr. Mitt. 1884, S. 86. - C. I. L., Siippl Fase. II, No. 82(35. 
-') Daniele, Rjecnik, I, S. 432. 



■?5tS Von Nis über Knjazevac, Soko-Banja und Zajccnr nach Nogotin. 

Kastelle auf der vom Kloster südwestlichen 997 m hohen Janosica und auf dem 
nordöstlichen 500 m hohen Vetren zu hindern. Ihre Rudimente sind noch 
sichtbar. Gemeinsam mit den Sperrforts auf dem linken Timokufer zwischen 
Zagradje und Vrbica •) hatten sie mit der geschilderten grösseren Feste 
bei Ravna die von Tiniacuni minus zum Vratarnica-Defilee laufende Strasse 
zu schützen. 

Selten sah ich eine pittoreskere Schlucht. Die auf beiden Selacka reka-Ufern 
näher tretenden Kalkfelsen reflektierten ihr helles Gestein mit saftigfrischer Vegetation 
im kristallklaren Bache. Immer lauteres, geheimnisvolles Tosen eines in mehreren 
Kaskaden herabstürzenden, über 20 m hohen Wasserfalls begleitete uns bis zu 
dem von seinem Plateau herabblickenden „Manastir Suvodol". Wir stiegen 
hinan, und ein „Sveti otac" (hl. Vater) begrüsste uns an seiner Pforte. Das der 
„Sveta Bogorodica" (hl. Mutter Gottes) geweihte Kloster zählt zu Serbiens alten 
frommen Stiftungen, doch fehlen Inschriften und Urkunden, welche über sein 
Gründungsjahr sichere Aufschlüsse geben. 1810 war es der Schauplatz eines 
Kampfes zwischen Serben und Türken. Diese plünderten das Kloster und kühlten 
ihr Mütchen auch am mittelmässigen Freskenschmucke seiner Kirche, indem sie 
mit ihren Handscharspitzen den Heiligen die Augen ausstachen. Der Grundriss der 
seither wieder geweihten Kirche erinnert an Zica; denn an den schmalen Narthex 
lehnen auch hier zwei Kapellen, der kuppellose Hauptraum wird aber durch ihre 
drei Apsiden kleeblattförmig geschlossen und durch wenige Fenster nur spärlich 
erhellt. Bemerkenswert fand ich die bei serbischen Kirchen seltene Anlage eines 
Peristyliums an der Stirnfassade. Drei, von zwei vortretenden Wand- und zwei 
freistehenden Pfeilern getragene Bogen bergen das in der Wölbung befestigte 
harmonische Geläute. Nach den Umschriften wurde die Glocke zu Pest, die 
zweite 1858 zu Vrsac im Banat gegossen. Seither entstand auf der Stelle des 
abgetragenen Kirchleins ein wieder „Maria Geburt" 1889 geweihter grösserer 
Kuppelbau. Als ich die Kirche verliess, wäre ich beinahe auf ein Mädchen 
getreten, das anscheinend bewusstlos vor dem Portale lag. Seine Gesichtszüge 
waren wenig entstellt, das Leiden äusserte sich nur in den krampfhaft zuckenden 
Extremitäten. Neben der Kranken kauerte mit stumpfsinnigem Blicke die ächzende 
Mutter, welche ihre Tochter in das Kloster gebracht, damit seine Mönche den sie 
quälenden djavo (Teufel) bannen möchten! „So pfuscht man uns hier und allerorts 
ins Handwerk!" meinte Dr. Mäcsay. Auch der Knjazevacer Kreis besass früher 
mehrere derartige Brutstätten krassesten Aberglaubens, die mit reichen Stiftungen 
begabt waren. Suvodol besitzt noch heute 55 Hektar Felder und Wiesen, 7 Hektar 
Obst- und Weingärten, 715 Hektar Wald, 2 Mühlen, 50 Bienenstöcke, bedeutenden 
Viehstand usw. Das ausgewiesene Einkommen beträgt, trotz des grossen Grund- 
eigentums und dass der Kirche 3 Pfarren mit 7 wohlhabenden Dörfern zugeteilt, 
nach dem Steuerbekenntnis jährlich nur 2850 d. 

Ich sehnte mich hinaus aus der dunkel gewordenen Klosterschlucht und 
wartete nicht ab, welchen Erfolg der angewendete Exorzismus erzielte. Die 



') Ibid., Inschrift von Vrbica, No. 8266. 



Von Nis über Knjnzevnc. Soko-Banja und Zajecar nach Negotin. 



:{5!) 



Pracht der vsestlich auftretenden, mit rötlichem Abendglanz übergossenen Ebene 
verscheuchte bald den Eindruck der erlebten grellen Szene. Auf der Strasse und 
den erntereifen Feldern herrschte noch volles Leben. Zwischen den mannshohen 
Maisstauden trieben sich fn>li!ich singende Menschen umher. Heimziehende 




SUVODOL. Kliistci iiiiil VV.isscrfall im Jahre 18(>Ü. 



Landlcute in kleidsamen Trachten, die Frauen in dem hier charakteristischen 
enganliegenden schwarzen Tuchrocke, die Haare aufgelöst, den Fes mit Hahnen- 
federn geschmückt, bewegten sich zum Vratarnica-Pass, und lange Karawanen 
mit kleinen Ochsen bespannter, Salz führender Karren gegen Knjazevac. 



;!Hü 



Von Nis über Knjnzevac, Soko-Banja und Zajecar nach Negotin. 



Der meine Forschungen unermüdlich fordernde Dr. Mäcsay begleitete mich 
auch auf dem dritten Ausfluge zur richtigeren Eintragung des Trgoviski Timok. 
Von Knjazevac führte uns die wenig belebte Strasse durch das allmählich sich 
erweiternde, von gut bewaldeten Bergen umschlossene Strpcital, an dessen 
interessante Kirchenruine sich folgende, vom Knjazevacer Gymnasiallehrer Ristic 
mitgeteilte Erzählung knüpft.') Am Vorabend des Sv. Toma (Thomas) 1888 erschien 
dort einer Frau im Traume ein Geist, der ihr versicherte, ihr schwer krankes Kind 
würde solange nicht gesunden, bis sie nicht die hl. Jungfraukirche an dem ihr 
bezeichneten Punkte aus der Erde grabe. Da die Erscheinung sich wiederholte, 
machte sich die Frau mit ihren Leuten ans Werk. Wirklich stiess man bald auf 



i i i^ ^i iii " 'iii| ii j iii nj iiii w ii u i m ] <u) iii iu ^ [ii ||] i| » t 




po: 



nnr 



]IZIIC 



X 



ünc 



DC 



31 



Dazr 



znzjc 



DdDL 



DC 



srsuzjzuzuz. 



Dnacz]i 



IL 



~JL 




Backsteinteclinik von der Kirchenkuppel zu Kameiiica. 

Mauern, die mit Hilfe der Nachbarn freigelegt wurden, worauf das Kind gesundete. 
Der im Innern 20 m lange, 7,50 m breite Bau besitzt an der Ostseite eine 
halbrund vorspringende Apside, gegen W. einen narthexartigen Vorraum, aus dem 
man in gegen N. und S. vorspringende kleine, nahezu quadratische Kapellen 
gelangt. Die durchschnittlich 1,20 m hoch erhaltenen Mauern sind 0,70—0,75 m 
stark. Im Innern wurden sechs marmorne antike Säulenstämme und vier Kapitale 
von verschiedener Form und Verzierung gefunden. Die Kirche scheint ein 
schlichter Hallenbau aus der byzantinischen Epoche gewesen zu sein. 

Von Strpci ging es auf dem rechten Timokufer nach Donja Kamenica. 
Hatte ich früher bedauert, dass seine vielgerühmte Kirche in meinem Werke 
„Serbiens byzantinische Monumente" fehlte, lehrte mich nun der Augenschein, 
dass Alter und architektonische Bedeutung des kleinen Baues stark überschätzt 
worden waren. Der erste überraschende Eindruck seiner originellen Anlage wich 



') Starinar, VI, S. 75 ff. 



Von Nis über Knjazevac, Soko-Banja und ZajeCar nach Negotin 'MW 

bei näherer Betrachtung der misslungenen Verhältnisse und schlechten technischen 
Ausführung bald der Überzeugung, dass der überdies durch ein schweres 
Steinplattcndach beeinträchtigte Bau niciit allein konstruktiv und dekorativ kein 
Muster altserbischer Baukunst, sondern eher eine Type ihres Verfalls im 15. Jahr- 
hundert bilde; denn damals verstand man es nicht mehr, das byzantinische 
Zentralsystem mit der occidentalen Turmanlage organisch zu verbinden. In der 
ganzen Narthe.xbreite erhebt sich ein nach oben wenig verjüngter, turmartiger 
Vorbau, der ungeschlacht, von vorn gesehen, die Kuppel deckt und weit mehr 
einem Verteidigungs- als Glockenturme gleicht. Der in Serbien, Studenica 
ausgenommen, überhaupt nicht besonders gepflegte Portalbau erscheint hier ganz 
vernachlässigt, der schmale, niedrige Eingang durch das Tynipanon über dem 
Querbalken des glatten Türstocks wenig gehoben, die auf diesem schwer lastende 
Mauerniasse nur durch einige unsymmetrische Lichtöffnungen durchbrochen, und 
gleich ärmlich sind die Seitenfassaden und Altarapsiden dekoriert. Die reizvollere 
Gliederung, der doppelte romanische Zahnschnitt am Gesimse, die abwechselnd 
aus Trompeten- und Ziegelhändern konstruierten Umrahmungen der Fenster und 
die sorgfältigere technische Behandlung des Bruch- und Backsteinmaterials gestalten 
die Kuppel jedenfalls zum anmutigsten Teile des Kirchleins. 

Der auch in der halben Turmhohe das schwere Mauerwerk in Horizontal- 
streifen durchbrechende Trompetenziegel bildet eine von mir zuerst am rechte:i 
Donauufer bis nach Mesembria am Pontus beobachtete charakteristische Zierde 
der altbulgarischen Kirchen. Gestützt auf dieses am Kamenicaer Kirchlein 
verwendete Dekorationsmotiv und eine Inschrift, in der „Mihail Despot" lesbar, 
glaubte Kustos Valtrovic, entgegen der bisherigen Annahme, dass Mihail Abogovic, 
Mitregent der serbischen Despotenwitwe Jelena (um 1459), sein Gründer sei, als 
solchen den bulgarischen Vidiner Teilfürsten Mihail (f 1330) bezeichnen zu 
dürfen'); folgerichtig hätte Valtrovic auch die benachbarte, mit Trompetenziegeln 
geschmückte Dzanjevoer-) Kirche, als deren Stifter Zar Dusan gilt (Kap. XV.), einem 
bulgarischen Gründer zuschreiben müssen. Nach meiner Ansicht kann aber aus 
dem Trompetenziegel oder anderen dekorativen Motiven allein nicht das Alter von 
Bauwerken bestimmt werden, denn die Erfahrung lehrt, wie leicht architektonische 
Formen über politische Grenzen wandern, mu nach längerem Verschwinden oft 
wieder aufgenommen und fortgebildet zu werden (III. Bd., Kap. XVIII). 

Die innere Ausstattung des Kirchleins entspricht gleichfalls nicht ihrem Rufe. 
Bei den teilweise restaurierten Fresken vermisste ich jene Strenge der Zeichnung, 
welche bei altbyzantinischen das Schablonenhafte mildert. Im Narthex erblickt 
man links vom Eingang einen Christus, rechts den noch zweimal abgebildeten 
Despoten Mihail') mit Zepter in der rechten Hand und seine Gemahlin, über 
cjenselben den Tempelgang Maria. Auch das Bild der hl. Jungfrau kehrt an 
verschiedenen Stellen des Hauptschiffes wieder, auch in der Apsis thronend mit zwei 

') Starinar, IV, S. 106 ff. 
-) jetzt heisst dieses Dorf üusanovac. 

^) Kanitz, Tirnovos altbulgarische Baudenkniale. Sitzungsber. d. phil.-hist. Kl. d. 
Akad. d. Wiss LXXXIl. Bd., S. 15. Wien 1876. 



<^62 Von Nis über Kiijazcvac, Soko-Banja und Zajecar nach Negotin. 

Engeln zur Seite. Die südliciie und nördliche Hauptwand sind mit Darstellungen 
des Abendmahls und der Kreuzabnahme geschmückt; am grossen Scheidbogen 
erscheint das Schweisstuch Christi. 

Nahe dem durch Erdbeben arg mitgenommenen und, wie es scheint, baldigem 
Untergange geweihten Kirchlein steht die freundliche kleine Dorfschule, welche 
die vom benachbarten Kloster Sv. Trojica unter der Türkenherrschaft bewahrten 
spärlichen Bildungskeime weiter zu entwickeln strebt. Auch diese, kein besonderes 
archäologisches Interesse bietende Baute soll aus dem 15. Jahrhundert stammen, 
als Stifter wird Lazar (1446—1458), Sohn des Fürsten Djuradj Brankovic, genannt. 
Sein Grundbesitz, bestehend aus 12 Hektar Felder und Wiesen, 4 Hektar Wein- 
und Obstgärten, 14 Hektar Wald, neben gutem Viehstande und 4600 d Barkapital, 
wirft ein die Ausgaben balancierendes Einkommen von jährlich 2650 d ab. Ob 
der beim östlichen Pricevac aufgefundene alte Bleibau abbauwürdig, ist noch 
nicht entschieden; der Nussbaumwald von Gornja Kanienica wird lohnend 
verwertet. 

Einen weiteren Ausflug widmete ich dem Schlosse Svrljig, Nisevci und Sv. 
Arandjel. Spaso, der älteste und angesehenste Pandur des Kreises, wurde zur 
Führung bestimmt. Am Frühmorgen umgingen wir westlich von Knjazevac die 1876 
viel umkämpfte Glavicica. Ob die nahe Rgostes Numulithenkalken entquillende 
Therme die an sie geknüpften Hoffnungen rechtfertigen wird, blieb bis heute 
unentschieden; dasselbe gilt von dem Kohlenflöze, das bei Vasilj angeschürft 
wurde. Für die Intelligenz seiner Bewohner spricht, dass sie unfern der 1835 
geweihten hl. Nikolauskirche jüngst ein hübsches Gebäude für ihre vierklassige 
Schule errichteten, was ich bei der noch immer spärlichen Zahl von Unterrichts- 
anstalten in dieser Landschaft gern hervorhebe. Vom rechten Svrljiski Timok-Ufer 
stiegen wir über die Preseka und den 665 m hohen Milenov Vrh hinab zum 
wohlhabenden Topla, bei dem sich das Tal gegen W. zu einer von sanftgewellten 
Bergen, gegen S. aber durch ruinengekrönte Felswände abgeschlossenen Hochebene 
erweitert. Der Gemeindeausschuss ihres Hauptortes Varos empfing und bewirtete 
uns gastlich; doch wusste er nichts von dem Brunnen mit lateinischer Inschrift, 
von der Moschee mit antikem Pflaster, dem Römerbad und anderen Bauresten, 
deren Besichtigung mir der frühere Physikus Dr. Kiko empfohlen hatte. Die von 
mir gesehenen Mauern stammten aus jüngerer Zeit und gehörten zweifellos dem 
türkischen Isferlik (Svrljig) an, das zuletzt schlechtweg „varos" (Stadt) genannt 
wurde, während sein serbischer Namen nur der hochliegenden Burg verblieb. 
Nach Hadzi Chalfa') war Isferlik im 17. Jahrhundert der Sitz einer Gerichtsbarkeit, 
also Hauptort des gleichnamigen Bezirks; seine Angabe, dass die Stadt auf 
einer vom Schlosse durch ein Tal getrennten Bergspitze lag, beruht aber gewiss 
nicht auf Autopsie, denn nur ein kleiner Teil ihrer Häuser stand hart unter der 
nördlichen Burgmauer, der grössere aber unten beim heutigen Varos. 

Chalfas weitere Mitteilung: „Hier sieht man die Gestalt eines Weibes aus 
gehauenem Stein", ferner die mit einer kleinen Herosstatue im Defilee gefundene 



') Rumeli und Bosna, S. 47 f. 



Von Nis über Knjazcvac, Soko-Banja uiul Zajecar nacli Neyntiii. 'i'i3 

fünfzeilige griechische Inschrift von dem Strategen Claudius Theoponipos '), dann 
häufige römische Miinzenfunde deuten auf eine an diesem Puni<te liestandene 
antike Niederlassimg iiin, nacii deren Mauern ich aber vergeblich unten suchte. 
Auch ein goldener Ring mit dem Monogramm \/ im Belgrader Museum stammt 
villi hier.-) 

Auf felsigem Steilpfade kletterten wir zum Horte der hier kaum dem Timok 
Raum gebenden Schlucht zwischen dem üblik und der Bogdanica hinan. Die 
kühne Schlossanlage nötigte uns Staunen ab. Nur ein 90 cm breites, in zwei 
mächtige Felsen gezwängtes Tor gestattete von W. her den Eintritt in den höher 
ansteigenden dreiseitigen Vorhof, welchen dem Felsrande sich anschmiegende Mauern 
mit einer ni'irdlichen, halbkreisförmigen Bastion abschlössen. Aus diesem schmalen 
Propugnaculum gelangte man erst durch einen cjuadratiscliL'u Tmiu mit im Jahre 
1864 noch ganz unverdorbenen Holzbalken in den höchsten, selbst die jenseitige 
706 m hohe Bogdanica dominierenden breiteren Burgteil, dessen durchschnittlich 
1 m starke Mauern sich in einem am Nordostrande des Plateaus kühn vorspringenden 
vierstöckigen Rundturm vereinigten. Die südliche Langfront war, wie Mauerreste 
zeigen, durch weitere Vorwerke verstärkt; vor der nördlichen sah ich Spuren 
tiefer liegender Gebäude. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist die Svrljigburg auf 
der Stelle eines Römerkastells entstanden. Ihre heutigen Reste gehören vielleicht 
teilweise der altserbischen Epoche, zum grösseren Teil gewiss aber der türkischen an. 

Der Name Svrljig soll aus dem Thrazischen stammen, dem viele Tier- und 
Pflanzennamen der Sprachen des illyrischen Dreiecks entlehnt sind. Im 10. Jahr- 
hundert gehörte Svrljig zur Niser Eparchie; 1185 wurde es von Stevan Nemanja 
den Byzantinern entrissen, im Ausgang des 13. Jahrhunderts fiel es an Bulgarien. 
Später abermals serbisch, und wie es scheint eine Stätte, auf der man das Schrifttum 
pflegte ■), zerstörte es 1413 der Usurpator Sultan Musa, dessen Bruder Mohammed 
es dem Despoten Stevan zurückgab; doch 1454 fällt es dauernd unter die türkische 
Herrschaft. In ihrer letzten Epoche gehörte „Isferlik" zum Sandschak Vidin; während 
der österreichischen Kriege wird das Schloss nur vorübergehend, im serbischen 
Freiheitskampf, wahrscheinlich, weil es bereits verfallen war, gar nicht erwähnt, 
um so häufiger aber im Herbste 1876, als sein Defilee von Serben und Türken 
wiederholt durchzogen wurde. 

Am 2. Juni klettert alt und jung der Orte Varos und Paliluia auf das 
Schlossplateau und feiert dort mit Sang und Tanz den Sv. Nikola. 

Von den zahlreichen, schwer zugänglichen Oblikhöhlen wird eine grössere 
unter der Burg „Posrana" genannt. Zwischen den Ruinen des Svrljig- u\m.\ 
des am Defilee-Ausgang liegenden Podvisschlosses, bei dem südlich Kohle 
und in der nördlichen Syenitregion Magneteisensteine anstehen, stiess ich auf 
Spuren der einst von ihnen gehüteten alten Strasse. Sie verfiel und verwandelte 
sich in einen lioch über dem Flusse ziehenden Reitweg. Bei jeder Krümnumg 

') Epigr. MIttl., X, S. 239 f. 

-) Slarinar, XI, S. 97. 

') Svrljiski cullomci evandjelija, Glasnik, Bd 20, S. 244 ff. 



364 



Von Nis über Knjazevac, Soko-Banja und Zajecar nach Negotin. 



der von Adlern umkreisten Engsclilucht boten die stark erosierten Kalkmauern 
neue, überraschend malerische Bilder. Als wir nach Nisevci hinabkletterten, warf 
ich einen letzten Blick auf die prächtige Silhouette der vom klaren Horizont sich 
scharf abhebenden Svrljiger Burgtürme. 

Am nächsten Tage übernahm Kosta Jovanovic, der Kapetan von Nisevci, 
die Führung. Während Diener und Packpferd unter Spasos Aufsicht den Weg 
gegen Slivjes Weinberge einschlugen, ritten wir durch die sich ausweitende 
Hochebene zur Trümmerstätte von Timacum minus, die jedoch, weil allerorts 











»•^ /-**>■ '^Mi-K^'^^^^-^H 






/ 



(-. 









SVRI.JIO. Südliches Schlossdefilce. 





■/>^ 



durchwühlt, geringe Anhaltspunkte für seine nähere Bestimmung bot. Hierauf 
suchten wir gleichfalls die westlichen Höhen zu gewinnen und stiessen nach 
Übersetzung der Lalinacka reka zu unserer Karawane. SW. blieb Grbavce, 
zwischen dem und Prekonoge Ruinen alter Gebäude und Kirchen sich befinden; 
die grösste, „Miletina crkva", flog nach der Volkssage vom Podvisberge herab, 
weil sie dort entweiht wurde. ') 

In zwei Stunden erreichten wir die Vetrilahöhe, weiche eine höchst 
instruktive Fernsicht auf das Kohlen führende südwestliche Gebirge gewährt und 
die Peilung der bedeutenderen Berge von der Gulijanska Planina bis zum Ljuti Vrh 
gestattete. NW. ging es durch dichten Laubwald weiter zu einer Lichtung mit 



') J. Mlskovic, Giasnik, Bd. 49. 



' Von Nis über Knjaievac, Soko-Banja und Zajefar nach Negotin. 365 

prächtigem Ausblick über Kravije nach ticin Jastrebac nnii Kopaonils. Wir 
lietratcn liier den in herbstlicher Schönheit prangenden Korst des ehemaligen 
Klosters Sveti Arandjel, dessen weisses Kirclilein sich gar freundlicii vom 
grünen Laiibrahmen abhob. Traditionell dankt es seine Entstehung einem schönen 
Zuge serbischer Geschwisterliebe. Von den Brüdern Vuja und Gruja Radojlovic 
aus der Minenstadt Rudnik (1. Bd., S. 445) zog zur Nemanjidenzeit der eine in 
die weite Welt; der andere blieb daiieim, erwarb viel irdisches Gut, wurde aber 
von namenloser Sehnsucht erfasst, seinen in Konstantinopel lebenden Bruder 
aufzusuchen. Am Wege traf er einen von dort kommenden Reisenden, der als 
sein Ziel Rudnik nannte, wo er seinen Bruder wiederzusehen hoffe. Vuja und 
Gruja erkannten sich, und voll Freude über die unverhoffte glückliche Begegnung 
gelobten sie, nahe dem Han ein Kloster zu bauen. So entstand Sveti Arandjel, 
die dem hl. Erzengel Gabriel geweihte Heilstätte. 

Bald hätte ich den mazedo-walachischen Baumeistern schweres Unrecht 
getan. Ich glaubte, die Renovation der Kirche rühre von einem solchen her, 
doch nach der Inschrift an ihrer Nordseite wurde sie aber 1863 unter Fürst 
Mihail Obrenovic 111. durch das offizielle Bauorgan des Kreises umgebaut. Ein 
occidentaier Architekt (?) hatte also die Narthexmauer ausgebrochen, was durch 
das Bedürfnis nicht gefordert wurde, auch die gemauerte Ikonostasis zerstört, die 
alten Profile verschmiert und quadratische, breite Fenster in den byzantinischen 
Bau eingeschnitten, was ein sprechendes Zeugnis für die Ignoranz der alle Pläne 
der Kreisingenieure begutachtenden damaligen Belgrader Bautenleitung gab, die 
sich nicht entblödete, alle diese schweren Stilsünden inschriftlich mit dem Namen 
des Fürsten Mihail zu verbinden. 

Auch hier fand ich den mehrfach charakterisierten Grundriss, der sich im alten 
Serbien, auf der orientalisch-occidentalen Religionsscheide, ausgebildet hatte. Auf 
den Widerlagern der Vierung des Hauptraumes mit zwei halbkreisförmigen Seiten- 
apsiden erhebt sich ein quadratischer Bau, auf dem der oktogonale Kuppeltambour 
ruht. Das Hauptschiff war ursprünglich von der halbkreisförmigen Altarapside 
durch eine steinerne Ikonostasis getrennt, welche man bei der Restauration ganz 
zwecklos zerstörte, was um so bedauerlicher, da sie, soviel mir bekannt, die 
einzige erhaltene Serbiens war und schon deshalb hätte erhalten werden müssen. 
Noch sind die Pfeilerreste sichtbar, welche das Königsfor von den zwei kleineren 
Seiteneingängen schieden, und die Widerlager erkennbar, auf welchen die Bogen 
der letzteren ruhten. An die Stelle der monumentalen Ikonostasis trat eine 
geschmacklose, reich vergoldete Holzwand. Wunderbarerweise schonte der 
occidentale Baumeister, dessen Namen ich der Vergessenheit übergebe, zwei vor 
der Ikonostasis freistehende, 1,37 m hohe, reich profilierte und verzierte Kerzen- 
träger, deren obere, säulenförmige Hälfte sich aus dem achtseitigen Fusse sehr 
hübsch entwickelt. Sie scheinen gleich alt wie das Kirchlein und sprechen mit 
dafür, dass sein Bau in die beste Periode serbischer Kunsttätigkeit fällt. 

Hart neben der Kirche steht ein roh gezimmerter hölzerner Glockenturm. 
Ruft seine bescheidene Metallstimme zum Gebet, so ladet das gegenüberstehende 
Schulhaus die Jugend der Nachbarorte ein, sich dort das selbst in Serbien vom 



366 Von NiS über Knjazevac. Soko-Banja und Zajecar nach Negotin. ^ 

Bauer geforderte Minimum von Kenntnissen zu erwerben. Mir bereitete es aber 
noch die unerwartete Überraschung, dass sich aus der national-serbischen 
Kleiderhülle des gastfreundlichen Lehrers, dessen trefflich gepflegter Obstgarten 
saftige Pfirsiche auf unseren Tisch lieferte, ein ehemals österreichischer Offizier 
entpuppte, der hier eifrig an der Verpflanzung europäischer Zivilisation arbeitete. 
Zur Kirche gehören zwei Pfarren mit 13 Orten. 

Das Jahr 1876 erfüllte das stillbeschauliche Kloster mit wüstem Kriegslärm. 
Serben und Türken stellten an dasselbe grosse Forderungen, und die terrain- 
kundigen Mönche, welche ich schon 1864 erprobt, gaben bei Beratungen über 
einzuschlagende Wege usw. oft erbetenen Rat. Bei Sv. Arandjel kreuzte ich 
die Quellen der zur Morava fliessenden Toponica, an welcher unter dem 
Miljkovacer Schloss eine alte befestigte Strasse über Nisevci nach Svrijig 
führte. Diese starke Halbniondsfeste verband ein zweiter Weg, von dem stellen- 
weise das türkische Pflaster und die Brücke „Lovcin most" über die Galibabinacka 
reka erhalten blieben, mit dem gleichstarken „Soko grad". Dahin ziehend, kam ich 
an Davidovac vorüber, als dessen Begründer der Heiduckenführer David gilt, 
aus dessen Ehe mit einer schönen Albanesin die heute 100 Köpfe starke Familie 
„Arnauti" stammen soll. An seinen Genossen Garca erinnert die „Garcina Cuka"; 
dieser befreite David aus dem Svrijiger Schlossgefängnis. Seine anderen Gefährten 
Zdravko, Nejo und Vlaho gründeten die Weiler: Zdravkovci, Nejinci und 
Vlahovci. Auf dem ganzen Wege, namentlich zwischen Nisevci, Lalinac und 
Grbavce, sieht man auffallend viele künstliche, um Holzkreuze oft 2 m hoch 
aufgeworfene Steinhügel. Das Volk nennt sie „prokletije" (Fluchhügel); es sind 
alte Richtstätten, auf welchen unbekannt gebliebene Übeltäter im Beisein sämtlicher 
Hausvorstände in grässlichster Weise verflucht wurden. Die Kirche verbot den 
neuestens von Trojanovic kommentierten Brauch.') 

Über die Berge von Radenkovac und Novo Selo (900 m) ging es nach 
kurzem W. Abbug bei Jezero weiter über die starkbewaldete 1211 m hohe 
Ostra Cuka auf unwegsamem Pfad endlich abwärts zum geschilderten Schlosse 
von Soko-Banja (S. 114), von dem ich am 18. Oktober 1870 auf der vorzüglichen 
Strasse im fruchtbaren Tale der Moravica ihren Lauf bis zu deren vom Devica- 
Gebirge abfliessenden Quellen verfolgte. Auf den etwas sehr steil fracierten 
Serpentinen gelangten wir zur 755 m hohen, landschaftlich prächtigen Wasser- 
scheide, und auf noch gefährlicheren hinab zum Filipov Han (594 m), in dem 
ich leidliches Nachtquartier fand. Dass schon die Römer diese Strasse zur 
Verbindung der West-Morava mit der Donau benutzt haben, deutete ich, bereits 
an. Nordöstlich von ihrem höchsten Punkte stehen auf der Straza (Wache) die 
Reste eines Kastells bei Slatina, aus dem einige dort aufgefundene Skulpturen 
in das Knjazevacer Nacelstvo gelangten. Auch am Westhange der Lasovacka 
Planina krönt oberhalb Bucje eine „Latinska Kula" den 731 m hohen Strazaberg. 
Sie zeigt mit anderen, wie aufmerksam in römischer Zeit alle zur Strasse führenden 
Nebenwege bewacht wurden. 



') Lapot i prokletije u Srba, S. 20 ff. Beograd 1898. 



Von Nis über Knjazevac, Soko-Banjn und Zajecar nach Net;otin. 'Ki? 

Vom Filipov Han östlich steht bei Oresac am „Dugacki Trap" Braunkohle an, 
die wahrscheinlich einen Zweit; des östlichen Haiiptflözes „Dobra Sreca" bildet, 
das, 1,5 ni mächtig und 10 Felder umfassend, von dem Knjazevacer Industriellen 
Stevan Sibinovic erworben wurde. Die unter sandiger Oberschicht im Paraffin- 
schiefer eingebettete Kohle zeigt in der Analyse C - 64,56",,, H 4,18»/ip, 
Asche 9,82 " 0, und hat 6160 Kalorien. 1891 wurde die von Schmieden 
vielbegehrte Kohle mit einem Schacht und 445Ü m langen Galerien von zehn 
Arbeitern im bescheidenen Umfange von 2150 q ausgebracht, mit 1,80 c per q 
an der Grube verkauft und oft bis Kragujevac transportiert. Der weite, kostspielige 
Transport verteuert dieselbe, und erst wenn das projektierte Schienensystem im 
an Naturschätzen so reichen Timokbecken ausgebaut sein wird, dürfte' die Aus- 
beutung dieser Mine und ihres wertvollen Paraffins, das bisher ganz unbenutzt 
blieb, sich lohnend gestalten. Gleiches gilt von der 7 km S. bei Vasilj unter 
ähnlichen Verhältnissen lagernden Kohle des noch schwächer betriebenen Werkes 
„Podvis". Es gehörte zur Masse des Knjazevacer Beamten Mihailo Djordjevic. 
1891 wurde seine schwache Ausbeute von rund 1000 q nach Knjazevac verkauft. 
Die schwarzfarbige glänzende Kohle steht dort in einer Mächtigkeit von 0,5 — 7 m 
an und umfasst 24 Felder. 



Nach kurzer Rast in Knjazevac setzte ich mein Routier N. auf der bis 
Selacka reka (S. 357) geschilderten Zajecarer Römerstrasse zum Vratarnica-Engpasse 
fort. Kurz vor diesem rücken die Kalkberge auch am rechten Ufer näher an das 
Rinnsal des Veliki Timok. Wir kreuzten den kurzen Bach Toplik, von dem 
mir Dr. Mäcsay erzählte, dass er einer 10 m hohen, geräumigen Hiihle der Golina 
mit 1 1 ° C. entfliesst, in deren Mitte ein oben einbrechender Wasserstrahl einen 
schon 4 m breiten, 1 m hohen säulenförmigen Stalaktiten bildete. 

Gezwungen durch die steilgeböschten Kalkmauern, läuft die Strasse hinter 
Izvor hart am rechten Uferrande, kreuzt den Bach Toplik und tritt hierauf in 
ein Engdefilee, das nach dem an seineni nördlichen Ausgange liegenden Vratarnica 
genannt wird. Dass schon die Römer den strategischen Wert dieses in den 
österreichisch-serbisch-türkischen Kriegen vielumkämpften, mit seinen Kurven 
nahezu 4 km langen Passes erkannten, dafür spricht ja auch sein älterer Beiname 
„Augusto" und die ihn von der Südseite verteidigenden antiken Werke. Sein Besitz 
sichert die leichteste Verbindung zwischen dem Timok und der Donau, denn nur 
durch dieses natürliche Tor ist es möglich, von Niä über Zajecar nach Negotin 
und Vidin Norzudringen. Aus Misstrauen gegen Serbien, welches diesen wichtigen 
Sperrschlüssel in Händen hielt, erbaute endlich Mithad Pasa vor 30 Jahren den 
im VIII. Kapitel geschilderten, Nis mit Lom und Vidin verbindenden Strassenzug 
über den Sv. Nikola-Balkan. Es gab wohl einzelne Hochwege, und im Kadibogaz 
sogar einen fahrbaren, welche auf die Vidiner Donauterrasse führten, doch für eine 
Armee, die in dem geringe Hilfsquellen bietenden Lande sich von ihrem Train 
nicht trennen kann, besassen diese Wege nur für detachierte Abteilungen 



368 



Von Nis über Knjaievac. Soko-Banja und Zajecar nach Ncijotiii. 



einigen Wert, das Gros war aber auf die j^^rosse Tiniokstrasse durcli das Vratarnica- 
Defilee angewiesen. 

Noch 1737 schrieb der dem i<. Hauptquartier zugeteilte Graf Schmettau; „Mit 
100 Mann ist das Vratarnica-Defilee leicht gegen eine Armee zu verteidigen. Ein 
ziemlich steil abfallender Felsen lässt neben dem Timok kaum Raum für die Strasse. 
Im Besitze des Hochplateaus, kann man den Pass gegen jeden Feind halten." Das 
traurige Geschick, welches in jenem Feldzug einige Hundert tapfere österreichische 
Krieger im „Passo Augusto" ereilte, ändert nichts an der Richtigkeit dieses 
Ausspruchs, denn nach Schmettaus Zeugnis ward es einzig durch die verfehlten 
Dispositionen des Hauptquartiers verschuldet. Man vergass nämlich, bei den 
Dispositionen für den Rückzug nach Belgrad das im Vratarnica-Defilee belassene 




Grundriss der zweitürmigen Kapelle zu Vrafarnica. 



Bataillon Bayreuth rechtzeitig abzuberufen; am 9. Oktober mit Übermacht 
angegriffen, fielen die Tapferen bis auf zwei Mann, denen es zu entkommen glückte. 

Eine dunkle Tradition von dieser Niedermetzelung österreichischer Krieger 
erhielt sich auf ihrem Schauplatze, denn nach einer bei den Anwohnern verbreiteten 
Sage war die „Latinska crkva" genannte Kapelle in Vratarnica dem Andenken 
der Gefallenen gewidmet. Ich bezweifle dies; denn bekanntlich gelang es Österreich 
seit 1737 nicht mehr, festen Fuss in Serbiens Süden zu fassen. Wer sollte also 
unter türkischem Regimente dieses Denkmal christlichen Kriegern errichtet haben? 
Die 6 m lange, 3 m breite, aus Feldsteinen ganz schmucklos erbaute Kapelle mit 
halbrunder Altarapsis besitzt wohl keinen Narthex, was allerdings für einen 
„lateinischen Bau" spräche; doch gibt es auch viele serbische Kirchlein ohne 
solchen. 

Weit interessanter fand ich eine zweite, unter dem „Bezded Kamen" an der 
Strasse stehende Kirchenruine, deren 3,80 m langer, 3 m breiter kreuzförmiger 
Hauptraum mit halbrunder Chorapside und Narthex über der Vierung durch eine 
Kuppel überragt wird und — vielleicht das einzige in Serbien — über dem kaum 
für eine Person genügenden Eingang zwei, wahrscheinlich für das Glockenspiel 



Von Nis über Knjazevac, Soko-Banja und Znjecnr nacli Negolin. 



369 



bestimmte, turmartige Aufsätze trägt. In dem aus Brucii- und Backsteinen 
aufgeführten Mauerwerk stecken auch römische Ziegelfragmente. Ich halte den 
Bau für älter als die „Latinska crkva", doch keinesfalls in das 14. Jahrhundert 
zurückreichend. Auch Vratarnica erholte sich auffallend rasch von den 1876 
erlittenen Kriegswunden. 1893 erbaute sich der in 290 Häusern nahezu 1670 Seelen 
zählende Ort eine dem hl. Gavril geweihte Kirche, und als ich ihn 1897 wieder 
berührte, überraschte mich die Wohlhabenheit seiner Gehöfte, und dass seine 
Frauen schon mit Nähmaschinen arbeiten. 

Im von Vratarnica sich gegen N. ausweitenden Tale zieht die Strasse vorüber 
an der pittoresken Querschlucht des „Sadni Kamen" und den Weinbergen des 
westlichen Grljiste, wo man neolithische Geräte fand, über den Timok nach 
Grljan. Dessen Walachen nennen sich gleich jenen des westlicheren Sljivar 
und östlichen Prlita „Ungurani" und wollen vor etwa 130 Jahren aus Sieben- 
bürgen, um den dortigen grossen Kriegslasten und drückenden Abgaben zu 





Präliislorrsclic l'unde bei Grljiste. 



entgehen, eingewandert sein. Zuerst zogen sie als Wanderhirten auf die Berge, 
später stiegen sie aber in die Täler herab, walachisierten die früher serbischen 
Orte Slatina, Luka u. a. Es vollzog sich hier demnach derselbe Prozess wie im 
Mlava- und Moravagebiet, im Temeser Banat und allerorts, wo der Walache 
mit Slaven und Deutschen in nahe Berührung tritt. 

Unterhalb der Grljaner Brücke zweigt ein Weg ab, der, den westlichen 
Balkan-Ausläufer „Vrska Cuka" umgehend, durch das gleichnamige Rasteil über 
die wasserreiche Kulaer Hochebene nach Vidin führt. Sonst ist Grljan auch 
interessant durch den 1831 auf seinem Friedhof bestatteten tapferen Freiheits- 
kämpfer Pop Radosav und auch durch seine zahllosen Störche. Nie sah ich 
zuvor so viele an einem Orte, beinahe jedes Dach war von einem Neste besetzt, 
und lange Züge der langbeinigen Gesellen segelten unter lautem Geklapper über 
unsere Köpfe hin, bis wir uns einem wenig bewaldeten Berge näherten, dessen 
unwirtliches Aussehen durch das einbrechende Abenddunkel nicht gemildert wurde. 
Schwarzes Gewölk ballte sich am Horizont zu unheimlicher Masse, ein furchtbares 
Unwetter war im Anzüge. Wir trieben unsere Pferdchen zur Eile; doch die 
schwarzen Wolken jagten gleich bösen Dämonen noch eiliger hin, als wollten sie 
uns vor dem schützenden Ziele überflügeln. Endlich kamen wir an die ersten 
Häuser der Stadt, schwere Tropfen fielen, bald darauf tobte das Wetter mit aller 

h. KANITZ, Serbien. 11. '24 



•^70 V'on Nis über Knjazevac, Soko-Banja und Zajecar nach Negotin. 

Macht. Beim Lichte zuckender Blitze machte ich die erste Bekanntschaft mit 
Zajecars „Veiika pijaca" (grosser Marktplatz), auf der sich seine öffentlichen 
Gebäude gruppieren. Ihre architektonische Aussenseite hob sie wenig von den 
benachbarten Häuschen ab; sie gehörten zu den unbedeutendsten aller serbischen 
Kreisstädte. 

in römischer Zeit besass die Umgebung des am Fusse der 260 m hohen 
Kraljevica lehnenden Zajecar grosse Bedeutung. Dies bezeugen die nahen Reste 
einer alten Baute, welche zu den merkwürdigsten im östlichen Europa gehören. 
Schon Boue gedachte fKichtig derselben, und selbstverständlich eilte ich, sie zu 
besuchen. In Gesellschaft des städtischen Erzpriesters und eines Panduren, den 
mir der Nacelnik als Begleiter beigesellte, ritt ich, von lebhafter Neugierde erfüllt, 
nach Gamzigrad. Nachdem der erste Abschnitt des hügelig ansteigenden Terrains 
überschritten war, gelangten wir auf eine weite Hochebene und sahen SW. die 
32 km ferne Rtanjspitze so klar, dass ich mich gegenüber einer Nil-Pyramide 
wähnte. Vollkommen losgetrennt von den benachbarten Bergen, beherrschte sie 
gigantisch die Landschaft. Ich sass vom Pferde ab, griff nach Mappe und Stift und 
zeichnete das Profil, welches, von Viquesnel veröffentlicht, meine Rtanjbesteigung 
(S. 121) illustriert. Die prachtvolle Szenerie vor uns, ritten wir eine Stunde über 
die im frischesten Grün prangende Hochebene, dann senkte sich plötzlich das 
Terrain; es folgte eine schmale Rinne, die sich ein von SW. kommender Timok- 
zufluss grub, das jenseitige Ufer erhob sich allmählich, und wenige Schritte vom 
rechtsuferigen Rande lagen die von üppig wuchernder Vegetation durchwachsenen 
Reste einer stolzen, wohl schon achtzehn Jahrhunderten trotzenden Baute. 

Die Römer bedurften zur Unterstützung ihrer zahlreichen Niederlassungen 
und kleinen Kastelle am Timok eines diesen wenn notwendig ausgiebige militärische 
Hilfe bringenden Waffenplatzes. Zur Anlage eines solchen empfahl sich das genau 
in der Mitte zwischen Horreum Margi und Ad Aquas, nahe am Vereinigungspunkte 
beider Timok-Hauptarnie, östlich von Zajecar liegende „Gamzigrad"-Plateau. Das 
dortige Kastrum ist eine der grossartigslen antiken Bauten Ober-Mösiens und 
zählt zu den wenigen Rönierwerken Europas, welche dem Schicksale arger 
Entstellung durch mittelalterliche Veränderungen entgingen. 

Die wenigen Forscher, welche vor mir Gamzigrad oberflächlich erwähnten, 
schrieben die Feste verschiedenen Völkern zu. Eine Sage nennt als ihre Gründerin 
Gamza, eine Schwester jener Prinzessin Vida, welche sie Vidin erbauen lässt. 
Ich erklärte aber schon 1861, dass dieses riesige Bollwerk ein römisches sei. 
Die Unregelmässigkeit seiner Hauptform entspricht dem von Roms späteren 
Kriegsbaumeistern befolgten Grundsatze: grössere feste Anlagen dem Terrain 
anzupassen und aus seiner natürlichen Beschaffenheit möglichsten Nutzen für 
die Verteidigung zu ziehen. Noch klarer bezeugen technische Merkmale, die 
Gewölbekonstruktion, die ausgezeichnete Beschaffenheit des Gusswerks und die 
charakteristischen Deckziegel den römischen Ursprung. In der altserbischen 
Epoche und in den epischen Volksgesängen wird Gamzigrad nicht genannt. Sein 
Name ist schwer zu deuten. Die serbischen Worte „gamziti" und „gamizati" 
(kriechen), „Ganac" und „Kandza" (Adlerkralle) geben keine befriedigende Erklärung; 



Von Nis über Knjazevac, Soko-Banja uiul Zajecar nach Negotin. 



371 



eher das türkische „gamis" (finster) und das persische „gamsed" (traurig), die 
mit dem düsteren Aussehen der Feste im Einklänge stehen. Noch schwieriger 
ist zu sagen, welchen Namen sie ursprünglich trug. Dass sie „Graniranis" ') hiess, 
beruht auf unstichhaltiger Hypothese; wahrscheinlich ist Gamzigrad mit einem der 
vielen durch Justinian, wieder hergestellten Tiniokkastelie identisch, von welchen 
Prokopius: Burgus Altus, Combos, Krispae, Longiniana, Ponteserium u. a. nennt.-) 
Ich begann die nähere Erforschung des interessanten Werkes bei meinem 
zweiten Besuche im Herbste 1864 mit der ersten ürundrissaufnahme seines 
ausgedehnten doppelten Mauergürtels und seiner 33 Türme. Vier riesige Rundtürme 
von 28,5 m Durchmesser markieren das ungleichseitige Kastrumviereck, von dessen 
213 und 230 m langen Schmalseiten je drei, und von dessen 300 m messenden 
Langfronten je vier Türme, im vollen Kreise und in unregelmässigen Zwischen- 
räumen, vorspringen. Mauern und Türme sind 3,8 m stark. An der Ostseite 




Türme und Gewölbebau zu Cjanizigrad. 



wechseln die Abstände zwischen letzteren von 24,7 — 30,4 m, an der Nordfront 
von 28,5 — 32,3 m, an der Westseite von 13,3—30,4 m und an der südlichen 
von 36,5— 43,2 ni. Der nordwestliche Eckturm ragte damals noch mit zwei 
Stockwerken, welche je sechs Fenster von 3 m Höhe und 2 m Breite enthielten, 
über die den tiefen Graben füllende, auf ein drittes Stockwerk hindeutende 
Schuttmasse empor. Das Mauerwerk aller Türme durchziehen gleichweit voneinander 
abstehende Ziegelbänder; ihre äussere Steinverkleidung, grösstenteils aus nahe 
anstehendem, metallführendeni grünlichen Hornblendeporphyr, den der sächsische 
Hüttenmann Breithaupt „Tiniosit" nannte, wurde, gleich jener der teilweise noch 
16 m hohen Frontniauern, von den Anwohnern mühsam abgelöst und enttragen. 
Die wenigen zugänglichen Gewölbe sind technisch ganz vorzüglich aus sorgfältig 
behauenen Bruchsteinen und 48 cm grossen Ziegeln hergestellt. Der Hauptzugang 
befindet sich heute und war wohl auch ursprünglich an der Flussfront; kleinere Tore 
führten durch die anschliessenden Mauern ins Innere. Bei seiner Durchforschung 
fand ich, 17 m von der geschilderten Umwallung, eine ähnliche zweite, bestehend 



') Dragasevic, ülasnik, Bd. 45, S. 37. 
-) Mannert, a. a. 0., S. 86. 



24* 



'^72 Von Nis über Knjazevac, Soko-Banja und Zajecar nach Ne^otin. 

aus durch Mauern verbundenen Rundtürmen, deren Grundfesten an einigen Punkten 
des mit Schutt bedeckten, stark bewachsenen Raumes deutlich hervortraten. Im 
Zentrum stiess ich auf die Rudimente einer quadratischen Baute, mit gegen 0. 
und W. 13,3 m, gegen N. und S. L'I ni langen Fronten, wahrscheinlich das 
Prätorium des mächtigen Werkes, das kleinere Kastelle und Türme auf den 
nahen Höhen zu einem grossen verschanzten Lagerplatze gestalteten. 

Rings um Zajecar ist das Timoktal mit lehmiger, schwarzer Moorerde bedeckt, 
unter welcher W. von Garnzigrad mergeliger Tonschiefer von muscheligem Bruch 
ansteht, auf dem Syenit lagert. Beim gleichnamigen nördlichen Dorfe, wo 
Kalkstein den Fluss durchsetzt, brechen an zwei Stellen heisse Quellen hervor, 
von welchen eine mit 39" C. wegen ihres starken Karbonsalzgehalts einer 
bedeutenden Zukunft entgegensieht. Das hier etwa eine Stunde breite, überaus 
fruchtbare Hochplateau fällt zieinlich stark geneigt zum Timok ab. Auf dem 
Rückwege zur Stadt besuchte ich das von prächtigen Obstkulturen umgebene 
Zvezdan, dessen Pope uns freundlich bewirtete. Nördlich vom Dorfe steht ein 
altes Kirchlein, erbaut in Kreuzform, mit einer Kuppel über der Vierung, das 
architektonisch interessant, weil es, obschon nach aussen quadratisch, im Innern 
vier halbkreisförmige Nischen birgt, von welchen die westliche den Eingang 
enthält. Wir durchritten den Timok bei dem später in Ausbeute genommenen 
südlicheren Kohlenwerk und bewunderten die malerische Tracht des die zweite 
Heuernte einbringenden walachischen schönen Geschlechts. Spät abends traf ich, 
befriedigt von der reichen archäologischen Ausbeute, in der kleinen Kreisstadt 
wieder ein, deren bewegte Schicksale im XIV. Kapitel ihre Schilderung finden. 

Auf der Weiterfahrt nach Negotin lernte ich die am Timok eingeführte 
verbesserte Wollwäscherei kennen, welche namentlich Zvezdans weiblicher 
Bevölkerung lohnenden Erwerb bietet. Die Crna Reka-Wolle gilt als die beste 
Serbiens, ist für feinere Stoffe sehr gesucht und erzielt auch gute Preise. Die 
Veredelung der Schafe am Krivi Vir wird auf Pasvan Oglu Pasa zurückgeführt, der 
edle asiatische Zuchtwidder kommen Hess und anordnete, dass die schwarzen 
und weissen Schafe getrennt auf beiden Rtanjhängen weiden sollen. Traditionell 
wird behauptet, dass auch die Anzüge der Schäfer und ihre Hunde von gleicher 
Farbe mit ihren Herden sein mussten. Nahe bei einer neuen Wollwäscheanstalt 
durchfurtete ich 1860 den Timok; 1889 sah ich an derselben Stelle eine 80000 d 
kostende schöne Eisenbrücke mit drei Durchlässen. 

Etwa 15 Minuten unterhalb der vereinigten Tiniokarme steht auf dem linken 
Flussufer die Ruine eines Römerkastells, dessen Reste ich im Herbste 1860 im 
rechten Mündungswinkel des Duboki potok in Karte brachte. Dieses von den 
Anwohnern den Brüdern Tankosic, Zeitgenossen des Despoten Djuradj Brankovic, 
zugeschriebene „Kostol" bildet ein Rechteck mit 40 m langen, 35 m breiten 
Fronten und vier kreisförmig vorspringenden Ecktürmen. Der Zugang befand sich 
in der Westmauer; von der Ostfront führte ein kurzer gewölbter Gang zur 
Wasserversorgung nach dem Flusse. Die 1875 freigelegten Rudimente lassen im 
Innern mehrere rechtwinkelige Zwischenmauern erkennen ; während der Ausgrabungen 
wurden hier ein teilweise lesbarer siebenzeiliger Grabstein, Architekturstücke und 



Von Nis über Knjazcvnc, Soko-Banja und Zajecar nach Negntin 373 

Märzen gefunden.') Oberst Miskovic veröffentlichte den Plan des gänzlicher 
Vernichtung preisgegebenen Weri<es mit der auf dem linksseitigen Dubokaufcr 
sichtbaren Grundfeste eines Rundturmes.-) 

Am rechten Timokufer liegt das im serbisch-türkischen Kriege 1876 viel- 
umkämpfte, durch seine gute Pferdezucht in Ruf stehende Veliki Izvor. Es 
ist von Bulgaren bewohnt, welche gleich jenen des benachbarten Zagradje u. a. 
mit serbischem Brauch und Sitte auch die „Slava", das Fest des Hauspatrons, 
annahmen. Sie verloren die Tradition, woher sie eingewandert, müssen also seit 
langer Zeit auf serbischem Boden siedeln, dem sie mit von Dragoljub K. Jovanovic 
gerühmtem patriotischen Sinn angehören. Am folgenden, aus NW. abfliessenden 
Mi§ljenovacki potok entspringt bei Nikolicevo eine heisse Quelle. Seinen 
Unterlauf querten wir auf einer hübschen Steinbrücke und erreichten gleich darauf 
das grosse Vrazogrnac. 

Am gleichnamigen Bache traf ich die ersten serbischen „Diggers". Das 
Goldwaschen schien hier jedoch wenig lohnend zu sein, denn es ward nur von 
wenigen neben der häuslichen Arbeit betrieben. Nach starken Regengüssen, 
wenn die Bäche über ihr gewöhnliches Uferniveau getreten, durchwusch man den 
zurückgebliebenen Sand. Es geschah mit einer „Goldlutter" oder grossem Troge, 
über deren Quer- und Längenvertiefungen der Sand nach beiden Seiten langsam 
bewegt wurde. Gewöhnlich wuschen vier Personen gemeinschaftlich; die Ausbeute 
betrug an glücklichen Tagen höchstens '/■.• Dukaten. „Im Hinblick auf die 
Mangelhaftigkeit der Vorrichtungen — äusserte ich schon 1868 — darf man 
annehmen, dass bei rationellerem Betriebe sich lohnendere Resultate erzielen Hessen. 
Nach den im goldreichen Siebenbürgen gewonnenen Erfahrungen bleibt es aber 
auch dann fraglich, ob die Goldwäscherei am Timok jene Wichtigkeit erlangen 
könne, die ihr Baron Herder beilegte." Auffällig blieb es, dass später seitens der 
serbischen Hüttenmänner nichts verlautete, ob die goldführenden Lagerstätten an 
der Bela-, Crna- und Jasikova reka selbst vielleicht erfolgreicher auszubeuten 
wären. Vor einigen Jahren gab das Ministerium drei Konzessionen für Goldwäsche 
an Weifert & Co. speziell für Sikole und Salas — an Stevan Popovic & Co. und 
an Paäic & Co., über deren Resultate bisher sichere Daten aber fehlen. 

Vom Mündungspunkte der Vrazogrnacka reka in den Timok gehört dessen 
rechtes Ufer zu Bulgarien. Sein Unterlauf ist fischreich und wird namentlich die 
3 — 6 kg erreichende Karpfenart „Verozub" gerühmt. In der fruchtbaren Ebene 
Tatarna bei Vrazogrnac, wo der im jenseitigen Kula hausende Wojwode Ljutica 
Bogdan grosse Ländereien besessen haben soll, entfernt sich die Strasse vom 
Timokiauf und folgt aufwärts strebend der Vrazogrnacka reka bis Rgotina, über 
dessen Namensursprung Milicevic-^) eine von mir beseitigte Hypothese mitteilte. 

Bei Jelasnica schied ich für einige Zeit vom Timoker Kreise. Nahe bei 
Mala Jasikova querten wir den südlichen Arm des gleichnamigen Baches, 
welcher als reichster der goldführenden Timokzuflüsse gilt. An seinem Oberlaufe 

') Glasnik, Bd. TA, S. 97. 

■-) Starinar, Bd. IV. 

') Kneievina Srbija, S 879. 



374 Von NiS über Knjazevac, Soko-Banja und Zajecar nacli Negotin. 

durchsetzen bei Glogovac viele schmale Trümmer von Brauneisenstein den 
serpentinartijfen Oabro. Herder vermutete dort eine goidfüiirende Lagerstätte, und 
Hofniann bezeichnet als solche die stark zerklüftete, bröckelige Decke der oberen 
Terrasse des Berges Culic, in welcher bis 10 Gramm schwere Goldkörner vorkommen. 
Dass schon die Römer diese wichtige Tatsache kannten, darf man wohl vermuten, 
denn nur 40 m vom linksuferigen Bachrand und 20 m W. von der Negotiner 
Strasse stiess ich auf die Reste einer antiken Baute, von welcher die 8,6 m lange, 
0,8 m starke Ostmauer und die anschliessenden, noch 12 m langen Fronten, ferner 
eine Abteilungsmauer erhalten blieben. 4 km nördlicher läuft die Strasse durch 
Salas, bei dem das konstituierende Gestein aus Hornblende mit dichtem Feldspat 
weiter NW. in porphyrartigen Syenit übergeht. 

hl zwei durch Erosion entstandenen 2 m breiten Querrissen vor und hinter 
dem Dorf erblickte ich das 60 cm hoch mit Erde überlagerte Querprofil der ihre 
Richtung auf Trnjane nehmenden, 7 m breit gepflasterten Römerstrasse. Weiter 
ging es über eine niedere Wasserscheide zur Sikolska reka, an deren Quellen gute 
Braunkohle angeschürft wurde. Die vom Engländer E. M. Grant für das tertiäre 
„Sikole" (10 Felder) erworbene Konzession ging an Radovan Petrovic & RanftI in 
Belgrad über, welche 1891 mit den Arbeiten begannen, sie aber bald einstellten. Die 
zur nördlichen Trnjanska reka streichende, 35 km von der Donau, neben Manganese 
2 — 4 m stark in Sand, Ton und Sandstein lagernde Kohle hat C 59,52, H 3,98, 
Asche — 4,55 und erwartet ihren lohnenden Betrieb von der lange projektierten 
Timokbahn, die auch andere, heute tote Schätze der Krajina lebendig machen wird. 
Die andauernd treffliche Strasse quert im reizenden Wechsel noch einige 
schöne Täler und Höhen, welche, je näher der Donau, sich ermässigen und zuletzt 
den Charakter einer weitgedehnten Hochterrasse annehmen. Nach allen Richtungen 
findet das Auge angenehme Zerstreuung in diesem prächtigen Landstriche. Gegen 
SO. erscheinen auf der bulgarischen Timokterrasse hübsche Kulturen, dunkle 
Eichenwäldchen und wohlhabende Ortschaften, und das einzige, zwischen Bulgaren 
und Rumänen eingekeilte rein serbische Dorf Bratjevac. Gegen NW. beherrschen 
die scharf profilierten Umrisse des Deli Jovan und Crni Vrh mit nahezu senkrechten 
1200 m hohen Wänden die vorlagernde sanfte, gut bebaute Hochebene. Ihr 
üppiges Weideland bedecken zahllose Herden, in deren Glockengeläute sich das 
fröhliche Lärmen zum nahen Kloster Bukovo pilgernder Karawanen hineintönt. 
Bei den folgenden Rebenhügeln von Badnjevo umlagerten neben und zwischen 
von walachischen Bauern und Mädchen eskortierten Salzwagen heitere Negotiner 
Stadtkinder einen verfallenen Brunnen. Auch wir Hessen hier unsere Pferde 
tränken und mengten uns in das lebendige Treiben. Nochmals ging es eine 
Höhe hinan. Am östlichen Horizonte tauchte dort ein grell beleuchteter, endlos 
scheinender Streifen auf, den ein bald glitzender, bald dunkler Faden durchschnitt. 
Es war die in graugelben Tönen verschwindende, weite rumänische Ebene für 
den seit Monaten in tiefen serbischen Gebirgstälern sich bewegenden Reisenden 
ein unbeschreiblich wohltuender Anblick, den die Aussicht auf einige angenehme 
Tage in dem am Fusse der letzten rebenbewachsenen Hügel auftauchenden 
Negotin noch steigerte. 



XIII. 

Von Paracin durch das Crnica- und Baba- 

V 

Gebiet zum Cestobrodica-Passe. 



DAS Strassennetz des im Norden sehr gebirgigen Öuprijaer Kreises blieb 
dasselbe spärliche wie zur Römerzeit. In seinen östlichen Bereich fällt, 
ausser der Strecke Medvedja-Paracin des Konstantinopeler Heerwegs, nur ein 
Teil der gleichfalls antiken Strasse, welche die Morava mit der Donau verband. 
Da letztere ein geographisch wenig gekanntes, in prähistorischer und römischer 
Zeit stark ausgebeutetes Minengebiet durchschneidet, stellte ich mir im Oktober 
1889 die Aufgabe, sie von ihrem Abzweigungspunkte bei Paracin bis zur 
Timokmiindung zu verfolgen. Infolge meiner bewährten Erfahrung, dass nahezu 
alle heutigen Städte am Konstantinopeler Heerwege auf Resten antiker Nieder- 
lassungen entstanden sind, forschte ich auch in Paracin nach solchen; denn die 
Terrainverhältnisse bedingten, dass der Konstantinopeler Heerweg dieselbe Trace 
wie der mittelalterliche und türkische verfolgt und im städtischen Weichbilde die 
Crnica gekreuzt haben musste. 

Nähere Erkundigungen während meines ersten kurzen Besuchs (1887) blieben 
resultatlos. Von besserem Erfolge waren meine persönlichen Beniiihungen im 
Oktober 1889 begleitet. Bei eifriger Durchforschung des Ruinenchaos nahe der 
„Carigrader Brücke" traf ich auf dem rechten Bachufer einen quadratischen 
Bau, von dessen 36,5 m langen und 1,10 m starken Mauern die östliche und 
westliche sich stellenweise 3 m hoch erhielten. 

Dieses 6 Millien von Horreum Margi entfernte „Kaleh" stand zweifellos auf 
der Grundfeste des römischen Kastells, welches den Bachübergang und die 
römische Ansiedelung schützte, von der ich auf den Veljkovicschen Feldern, 
jenseits des Bahndammes, zahlreiche Bruchstücke antiker Deckplatten und Mauern 
auffand. Die Tab. Peut. nennt nicht diese Zwischenstation. Im hin. Hieros., das 
auch die Namen kleinerer Strassenpunkte gibt, scheint sie aber durch Versehen 
weggeblieben zu sein, denn seine Entfernung (55 Millien) zwischen Horreum 
Margi und Naissus ist gegen jene der Tab. Peut. und des Itin. Ant. zu kurz.') 

') Ob der 1897 vom Kaufmann Milan Pesic am Paracincr „Tursko Brdo" gefundene 
Friedhof mit 6 Marmorreliefs — wie mir der Belgrader Lehrer Ceda Marjanovic mitteilte — 
aus antiker Zeit stammt, bleibt fraglich. 



37fi 



Von Paracin durch das Crnica- und Baba-Gebict zum Cestobrodica-Passe. 



Paraciii blieb zu allen Zeiten ein wichtiger Punkt. Während der österreichisch- 
türkischen Kämpfe im 17. und 18. Jahrhundert wird es oft genannt, und in einer 
gleichzeitigen Karte erscheint es als „Baragin", umgeben mit starken Befestigungen. 
Als der Marschall Seckendorff es 1737 besetzte, verlegte er dahin die Hauptmagazine 
der gegen Nis vorrückenden kaiserlichen Armee, und auch die Türken erkannten 
in allen Kriegen seine hohe militärische Bedeutung. Von ihrem vorerwähnten 
„Kaleh" laufen starke Mauern vorbei am Hause des Zivko Rakic zur westlichen 
Ruine einer Moschee, die, noch vor einem Dezennium als Brauereilokal benutzt, 
jetzt, obschon Gemeindegut, noch mehr durch einen in ihrer Kibla eingenisteten 
Schweinestall profaniert wird. Unfern diesem Bau fand ich reichskulptierte 




PARACIN. Skizze des Konstantinopeler Heerwegs. 



Marmorplatten von einem vornehmen Türkengrab, über der Strasse die Mauern 
eines Hamam (Bades) und nördlicher jene des Konaks, in dem der Vezier Hafis 
Pasa nach seinem Misserfolge bei Ivankovac (1. Bd., S. 219) im August 1805 
übernachtete. Karadjordje war ihm von dort gefolgt und errichtete auf dem nur 
2 km fernen „Tursko Brdo" eine Schanze, deren Reste noch vorhanden sind. 
Die Position war gut gewählt, doch kam es nicht zum Angriff auf Paracin, weil 
er den Leskovacer Pascha, dem er verpflichtet war, und auch die in der Stadt 
wohnenden Serben schonen wollte. Nach einigen auf die Palanka am Frühmorgen 
abgegebenen Schüssen zog Hafis Pasa, tief erschüttert, dass er undisziplinierten 
serbischen Freischaren weichen musste, nach Nis ab, wo er bald darauf starb. 
1806 wurde Paracin durch den Wojwoden Dobrnjac besetzt, 1833 aber erst 
dauernd serbisch und von den Moslims gänzlich verlassen. Ausser den erwähnten 
Bauten stammen nur wenige feste Häuser aus der Türkenzeit. Wie es Paracins 



Von Pnrnciii durch das Crnica- iiru1 Bahn-Oebicl /um Cestobrodica-Passc. 377 

christlichen Bew-dhiiern während derselben erging, erhellt schon aus dem Umstände, 
dass seine alte Kirche als Magazin benutzt wurde und ihre hl. Bücher vernichtet 
wurden. •) 

Die Einverleibung in das junge serbische Staatswesen feierte Paracin noch 
im selben Jahre 1833 durch die Errichtung seiner ersten Volksschule, an der 
heute 13 Lehrkräfte 'in je vier Klassen 520 Knaben und Mädchen unterrichten. 
Neben ihr entstand in einem stattlichen Neubau ein vierklassiges, 1889 von 
170 Schülern besuchtes Untergymnasium mit acht in Wien, Leipzig, Graz usw. 
gebildeten Professoren. Das von dem leider früh verstorbenen Pavle Vujic 
geleitete physikalische Kabinett fand ich gut, den Zeichensaal und die Klassenräume 
mit genügenden Lehrmitteln ausgestattet. Weniger glücklich ist die Stadt mit 
ihrem neben der alten unansehnlichen Markuskirche 1862 begonnenen grossen 
Kirchenbau. Dieser war mit seinen fünf Kuppeln bereits ziemlich weit gediehen, 
als am 20. Oktoberabend 1864 sein hoher Turm wegen fehlerhafter Konstruktion 
einstürzte und die vollendeten Teile arg verwüstete. 1884 wurde endlich nach 
Architekt llkics Plänen die Arbeit wieder aufgenommen, 1886 aber wegen 
Geldmangels eingestellt. Erst 1897 fand ich den 47 m hohen Turm für die vom 
Belgrader Kaufmann Mihailo N. Terzibasic gewidmete Glocke mit auf den Tod 
seines Vaters Tasa (f 1887) bezüglicher Inschrift vollendet. Die auf 214000 d 
veranschlagte dreischossige Kirche verspricht durch die polychrome Ausstattung 
- alle Sockel, Säulen und Gesimse sind von rotem Baba-Marmor — eine prächtige 
Zierde der strebsamen Stadt zu werden, welche mit Hilfe ihrer 1887 gegründeten, 
schon 10 Millionen d jährlich in Umlauf setzenden Sparkasse den 1889 vom 
polnischen Ingenieur Roman Babecki entworfenen Regulierungsplan zu verwirk- 
lichen hofft. 

Schon jetzt sieht man viele Häuser, deren nette Fassaden kaum glauben 
lassen, dass sie einfache Piroter „Dundjeri" herstellten. Bei der wohltuend von den 
hässlichen Türkenhanen abstechenden „Tatar Bogdanova Mehana" überspannt die 
solide Holzbrücke „Velika cuprija" und unterhalb der „Carigradska mala cuprija" 
die Eisenkonstruktion der Bahnbrücke den die Stadt durchfliessenden Crnicabach. 
Allerorts herrscht reges Leben. Der Verkehr und die Bevölkerung wachsen 
fortwährend. Seit 1870, wo Paracin nur 600 Steuerköpfe besass, verdoppelte 
sich diese Ziffer, und 1896 zählte man in 1078 Häusern schon 5965 Seelen.^) Viel 
wurde Paracins rascher Aufschwung durch den sein Weichbild durchschneidenden 
Ni§er Schienenweg gefördert, der weiter durch eine Zweigbahn, welche 1895 
vom kgl. Direktor M. D. Stojanovic und seinem Ingenieurstabe studiert wurde, 
über die Cestobrodica mit dem stark radikalen Distrikte Zajecar verbunden 
werden soll. Bei diesem Projekte mögen militärische Motive die wirtschaftlichen 
überwogen haben. Denn nur die bedeutenderen Firmen Aleksa Tosic, Marko 
Misic, Risto Vasiljevic aus Sarajewo und einige andere treiben ausgebreiteteren 
Handel mit Mais, Weizen, Ochsen, Schweinen, Wolle, Holz, Nussbaumstämmen usw., 
die hier aus der produktenreichen Umgebung zusammenströmen. 

') Glasnik, Beiträge z. serb. Kulturgesch., Bd. 56. 1884. 
=) 1905 zählte Paradin 5660 Einwohner in 1179 Häusern. 



r?78 Von Paraciii durch das Crnica- und Baba-Oebict zum Lestobrodica-Passe 

Hervorragende industrielle Bedeutung erhielt Paracin durch eine für serbische 
Verhältnisse grossartige Tuchfabrik der Firma Brüder Münch aus Triesch bei 
Iglau in Mähren. Anfänglich hatte das 1880 am Ostrande der Stadt erbaute, 
1882 eröffnete Etablissement mit riesigen Schwierigkeiten zu kämpfen, weil alle 
geschulten Arbeiter, das feinere Wollmaterial, die Motoren, Stühle usw. vom 
Auslande bezogen werden mussten. Dank ihrer Förderung durch die Regierung, 
welche ihr kontraktlich die Abnahme des Heeresbedarfs für 15 Jahre zugesichert, 
falls die Preise gegen andere Offerten sich nicht höher als 10 "/o stellen, vergrösserte 
sich die Fabrik ausserordentlich rasch und arbeitete schon 1889 mit Wasser-, 
Dampf- und elektrischer Kraft auf 58 Chemnitzer mechanischen Stühlen mit 
200 Personen. Seither beschäftigt der auf Sajak, Tuchkotzen, Kammgarnstoffe, 
Posamenterien ausgedehnte Betrieb 350- 500 Arbeiter, darunter nahezu QO^/o 
Frauen und Mädchen. Diese verdienen — bei behördlich untersagter Nacht- und 




PARACIN. .Vlünchs Tuchf.ihnk. 



Sonntagarbeit — 0.40 bis 1 d, die Männer 1.20 bis 2 d täglich. Das Anlagekapital 
der Fabrik soll samt allen Maschinen 1,2 Millionen d betragen. Als Motoren 
dienten 1898; eine Turbine von 50 Pferden konstanter Wasserkraft, zwei Dampf- 
kessel mit 500 m- Heizfläche für eine Compoundmaschine von 270 Pferdekraft. 
Ausserdem gibt es: einen Eastwood- und Ambler-Wollwaschapparat und zwei 
älteren Systems, eine Wolltrockenmaschine, zwei Krempel- und zwei Reisswölfe; 
für die Färberei; fünf Kessel, drei Kuppen und zwei Färbemaschinen; für 
die Spinnerei; 11 Assortinients-Schrobelmaschinen, vier Seifaktoren und acht 
Mulejennys mit 3500 Spindeln, drei Schweif-, eine Zwirn-, eine Spulmaschine; 
für die Weberei; 94 mechanische Webstühle verschiedener Systeme; für die 
Appretur; acht Zylinder-, zwei englische Schnellwalken, sechs Tuchwasch-, eine 
Trockenrahm-, eine Karbonisations-, drei Rauh-, fünf Schermaschinen und eine 
hydraulische Dampfwalzenpresse. 

Die Kammgarnspinnerei englischen Systems ist für 1500 q Garn eingerichtet 
und liefert Strickgarne, sowie das Material für die Posamentier-Abteilung, welche 



Von Paracin durch das Crnica- und Baba-Gebiet zum Cestobrodica-Passc. -^"9 

auf 50 Apparaten lüOO q Gajtan (Wo